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Ein Lord entdeckt die Liebe

PROLOG

Miss, er kommt!“

Obwohl ihr Herz plötzlich viel zu schnell und zu laut klopfte, entging Chloe Hardwick nicht, wie aufgeregt das Dienstmädchen sich anhörte. Sie rutschte etwas näher an den Schreibtisch heran und straffte die Schultern. Dann rückte sie noch rasch die neue Brille zurecht. Eine vollkommen überflüssige Geste …

„Miss!“

Wie gelang es dem Mädchen nur, gleichzeitig zu flüstern und zu kreischen?

„Oh Gott!“, zischte es, „er ist schon fast hier.“

Angst überfiel Chloe, Panik beinahe. Dies war der Tag der Abrechnung. Sie begann zu zittern. Jetzt würde sich zeigen, wohin ihre Lügen sie gebracht hatten. Gleich würde sie dem Marauding Marquess alles gestehen müssen.

Der marodierende Marquess, der Plünderer … Gewiss trägt er diesen Beinamen nicht zu Unrecht. Gewiss ist er hart und … Nein, halt!

So durfte sie nicht denken! Es war nur ein Spitzname! Keiner der Siege, die er auf Europas Schlachtfeldern und in diversen Schlafzimmern errungen hatte, war in Denning Castle von Bedeutung.

Chloe wiederholte die Worte in Gedanken, während sie der Dienerin einen strengen Blick zuwarf. „Danke, Daisy. Ich brauche dich nicht mehr.“

Enttäuscht entfernte sich das Mädchen.

Chloe holte tief Luft und berührte nacheinander jeden ihrer Jackenknöpfe. Die Jacke war ein äußerst unmodisches Kleidungsstück. Doch wie immer vermittelten die bis oben hin geschlossenen Knöpfe ihr ein Gefühl der Sicherheit. Es war, als sei jeder Knopf ein kleiner Soldat, der für sie den Kampf mit der feindlichen Welt aufnahm. Gut! Sie beugte sich vor, griff nach einem beschriebenen Blatt sowie einer Schreibfeder und tat, als höre sie nicht, dass jemand sich mit großen Schritten der Treppe näherte.

„Hardwick!“, rief eine kräftige Männerstimme. „Hardwick? Ich erwarte eine Kutsche voll mit wichtigen Dingen. Niemand soll die Kisten auspacken, solange ich nicht dabei bin, um alles zu überwachen. Ist das klar?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, eilte er die Treppe hinauf. „Hardwick? Haben Sie mich gehört?“

Noch ehe Chloe den Mann sah, der ins Zimmer stürmte, spürte sie dessen maskuline Ausstrahlung.

„Hardwick?“

Er war da, der Moment, auf den sie sich seit sechzehn Monaten vorbereitet hatte. Der Moment, den sie herbeigesehnt und gefürchtet hatte. Ein Schauer überlief sie. Um ihre Angst besser beherrschen zu können, schloss sie kurz die Augen. Als sie die Lider wieder hob, bemerkte sie, dass die Schreibfeder, die sie in der Hand hielt, bebte. Langsam legte sie sie auf den Tisch und erhob sich.

„Willkommen, Lord Marland“, sagte sie zu der Feder. „Wir alle freuen uns, dass Sie wieder hier sind.“ Sie zwang sich, den Tisch anzuschauen, dann den Fußboden und das Stück Teppich, das sich in ihrem Blickfeld befand. Schließlich blieb ihr Blick an einem Paar staubiger Kavallerie-Stiefel hängen.

Stiefel, auch das noch …

Chloe hatte eine Schwäche für Männer, die Stiefel trugen. Schwarzes Leder, offenbar nicht mehr neu, aber gut gepflegt, vorn so hoch, dass sie die Knie bedeckten, über denen muskulöse Oberschenkel erkennbar waren.

„Danke“, entgegnete der Marquess. „Ich suche Hardwick.“

Sie stand ganz still, als sie den Blick weiter nach oben wandern ließ. Schmale Hüften, ein flacher Bauch, breite Schultern … Ein Mann, so groß und kräftig, dass er das kleine Arbeitszimmer beinahe auszufüllen schien.

Jetzt betrachtete sie sein Gesicht, das so ganz anders war, als sie erwartet hatte. Sie fand es so viel ausdrucksstärker als das Porträt in der Ahnengalerie. Lord Marland sah umwerfend aus. Aber auch irgendwie … unpassend. Groß gewachsen und muskulös, wirkte er wie ein Held aus alter Zeit, wie jemand, den es eigentlich nur in Geschichtsbüchern hätte geben dürfen. Ein Wikinger vielleicht oder ein Raubritter. Er hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit den wenigen vornehmen Gentlemen, die sie bisher getroffen hatte. Selbst seine Frisur entsprach nicht dem Geschmack der modernen Zeit. Die dichten kastanienbraunen Locken reichten bis zur Schulter und wurden im Nacken von einem einfachen Bändchen zusammengehalten.

Ob sie es nun wollte oder nicht: Chloe konnte nicht anders, sie musste ihn voller Bewunderung mustern. Unwillkürlich stellte sie sich vor, er trüge weder eine hellbraune Hose noch einen elegant geschnittenen Rock aus feinem Tuch. Eine Rüstung hätte viel besser zu ihm gepasst oder auch ein ledernes Wams. Oder ein Schottenrock? Obwohl … Dann hätte er schottische Schuhe und keine Stiefel getragen …

Als er sich räusperte, zuckte sie zusammen.

„Wo finde ich Hardwick?“ Seine Stimme verriet eine gewisse Ungeduld.

Chloe musste all ihren Mut und all ihre Selbstbeherrschung aufbringen, um seinen Blick zu erwidern und ihm zu antworten. „Ich bin Hardwick, Mylord.“

Forschend starrte er sie an und schüttelte schließlich leicht gereizt den Kopf. „Ich habe nichts gegen Scherze, Miss. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Ich muss unbedingt mit Hardwick sprechen. Es ist dringend. Mit George Hardwick, meinem Hardwick.“

Chloe wünschte sich, den Blick von seinen dunklen Augen abwenden zu können. Wie schön wäre es gewesen, noch einmal die kräftige männliche Gestalt zu betrachten! Aber das wagte sie nicht. Dieser Moment war so wichtig! Alles, wofür sie in den vergangenen Monaten gekämpft hatte, stand auf dem Spiel. „George Hardwick“, begann sie, „ist mein Stiefvater. Er wurde krank, kaum dass Sie England verlassen hatten, Mylord. Sehr krank …“ Sie atmete tief ein. „Ich habe seine Aufgaben erledigt, so gut ich es vermochte. So betrachtet, Sir, bin ich Ihr Hardwick.“

Er straffte die Schultern und schien noch größer zu werden. Dabei schaute er so böse drein, dass es Chloe abwechselnd heiß und kalt wurde. Dennoch gelang es ihr, seinem Blick standzuhalten. Innerlich bereitete sie sich auf das Schlimmste vor.

Es trat nicht ein. Marland verharrte reglos. Plötzlich blitzten seine Augen auf, abrupt wandte er sich ab und verließ den Raum. Schon waren seine eiligen Schritte auf der Treppe zu hören.

Chloe kannte sein Ziel. Aber selbst wenn es um ihr Leben gegangen wäre, sie hätte ihm in diesem Moment nicht folgen können. Oh bitte, dachte sie, unfähig einen vollständigen Satz zu formulieren. Oh bitte! Es gab keinen Ort, an dem sie Zuflucht hätte suchen können. Die Stellung in Denning Castle war die einzige Sicherheit, die sie besaß.

Ihre Knie wurden weich. Sie ließ sich auf den Stuhl sinken und barg das Gesicht in den Händen.

Braedon Denning, der 7. Marquess of Marland, schob ungeduldig die Plane beiseite, die anstelle einer Tür den alten Flügel des Hauses vom neu errichteten Anbau trennte. Hier begann sein Teil von Denning Castle. Er würde dafür sorgen, dass hier nur aufbewahrt wurde, was ihm wichtig war. Nichts sollte an seinen Vater oder seinen Bruder erinnern.

Erst als er laut ausatmete, wurde ihm bewusst, dass er die Luft angehalten hatte. Rasch schaute er sich um. Alles war voller Staub, es roch nach Farbe – und doch hätte er sich nichts Schöneres ausmalen können. Er war zutiefst erleichtert.

Jede Einzelheit entsprach genau seinen Vorstellungen. Sein Zorn verrauchte, als er über den grauen Steinfußboden des großen Raums schritt. Das Muster, nach dem der italienische Marmor verlegt worden war, gefiel ihm. In der Mitte des Zimmers blieb er stehen, um sich noch einmal genauer umzusehen. Die Wände waren – seinen Anweisungen gemäß – mit Nischen ausgestattet. An einer Seite hatte man ein Gerüst errichtet, das bis zur Galerie im Obergeschoss reichte.

„Hölle und Verdammnis“, flüsterte Braedon.

„Hölle und Verdammnis“, kam kaum hörbar das Echo.

Er hob den Blick und betrachtete die gewölbte Decke. Er hatte mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch tatsächlich schienen die Arbeiten weiter fortgeschritten zu sein, als er zu hoffen gewagt hatte. Auch der zweite Zugang zum Raum befand sich genau da, wo er ihn haben wollte. Er eilte darauf zu und trat ins Freie, um das Gebäude von außen zu mustern.

Alles war perfekt, jeder einzelne Steinblock meisterhaft und präzise behauen.

Langsam schritt Braedon um den Bau herum. Er fand keinen Fehler in der Konstruktion. Er spürte, wie die Sorgen, die ihn gequält hatten, sich in nichts auflösten und einer stetig wachsenden Neugier Platz machten.

Als er zum Eingang des Anbaus zurückkehrte, fand er die junge Frau dort wartend vor. Und jetzt, da er sich weitgehend beruhigt hatte, konnte er sie mit der für ihn typischen Distanz genau mustern.

Die eingehende Betrachtung vermochte seine Ratlosigkeit nicht zu mindern. Dies war eine Frau, die in keine der ihm bekannten Schubladen passte. Fest stand, dass sie groß war. Mehr allerdings konnte er kaum über sie herausfinden. War sie schlank, mollig oder aufregend weiblich? Das Kleid, das sie trug, verriet nichts über ihre Figur. Es erinnerte an einen Sack und ließ weder die Rundungen von Busen und Hüften noch den Umfang der Taille erkennen. Auch die Jacke hatte nichts Weibliches. Am auffälligsten waren die Knöpfe, die irgendwie militärisch wirkten.

Ob die junge Frau wusste, dass eine solche Aufmachung jeden normalen Mann neugierig auf das machte, was darunter verborgen war? Lag es vielleicht sogar in ihrer Absicht, diese Neugier zu wecken?

Noch einmal ließ er den Blick forschend über ihre Gestalt gleiten. Die Erfahrungen seiner Kindheit hatten ihn zu einem vorsichtigen und misstrauischen Menschen gemacht. Nur zu oft hatte er erlebt, dass hübsche Verpackungen gefährliche Geschenke enthielten. Nun fragte er sich, ob es sich in diesem Fall womöglich genau anders herum verhielt. Verbarg sich etwas Schönes unter dieser hässlichen Verpackung?

Lange Beine, dachte er, so viel steht fest.

„Der Aislaby-Sandstein war eine kluge Wahl“, sagte sie. „Kaum etwas hätte besser zu dem Marmor gepasst.“ Sie schaute kurz zu Braedon hin und legte dann eine Hand auf die goldgelb schimmernde Wand. „Allerdings wäre es beinahe zu einer Katastrophe gekommen, als der Besitzer des Steinbruchs uns mitteilte, wir müssten uns wohl ein Jahr gedulden, ehe er uns genügend Steine schicken könne.“

Braedon betrachtete ihre Hand, die sanft über den Stein glitt, so als sei er ein lebendiges Wesen, das ihre Zuneigung erspüren könne.

„Ein Jahr?“ Er hob die Augenbrauen. „Es scheint doch alles fristgerecht fertigzuwerden.“

„Der Mann hatte gehört, dass Sie sich nicht in England aufhielten, Mylord. Daher nahm er an, dieses Projekt sei weniger dringend als andere. Also wollte er zuerst seine anderen Kunden zufriedenstellen.“ Sie hob den Kopf und schaute Marland offen an. „Ich konnte ihn davon überzeugen, dass er sich irrte.“

Er erwiderte ihren Blick amüsiert, kreuzte die Arme vor der Brust und stellte mit leichtem Spott fest: „Sie wollen also behaupten, dass Sie für all dies verantwortlich sind?“ Er senkte die Stimme und sprach in einem Ton weiter, der auch die härtesten der ihm untergebenen Soldaten hatte erzittern lassen. „Ich soll glauben, dass Sie sich, seit ich damals fortging, allein um alles gekümmert haben?“

Sie straffte die Schultern. „Es ist die Wahrheit, auch wenn Sie es nicht glauben.“

„Ich möchte Hardwick sprechen!“ Es war ein Befehl, kein Wunsch.

„Er erwartet Sie, Mylord.“ Ihre Stimme klang ruhig, aber ihre Augen blickten plötzlich traurig. „Darf ich Sie bitten, ihn rücksichtsvoll zu behandeln? Sie werden feststellen, dass es ihm nicht gut geht.“

„Warum hat man mir das nicht früher mitgeteilt?“

„Zunächst glaubte ich, er würde sich bald erholen. Und ich wollte so gern die Chance nutzen, mein Können unter Beweis zu stellen. Ein paar Wochen lang, dachte ich …“ Ihre Stimme erstarb. Dann fuhr sie in ironischem Ton fort: „Erinnern Sie sich, dass Sie eigentlich nur eine kurze Abwesenheit geplant hatten? Ich war entschlossen, Ihnen bei Ihrer Rückkehr sogleich alles zu gestehen. Dann allerdings blieben Sie viel länger fort als geplant. Ich hätte Sie schriftlich informieren müssen. Doch dazu konnte ich mich nicht überwinden. Also beschloss ich, mein Bestes zu tun und Sie bei Ihrer Rückkehr vor vollendete Tatsachen zu stellen.“

„Was Sie getan haben …“ Er drängte sich an ihr vorbei ins Innere des Anbaus.

Sie folgte ihm. „In der nächsten Woche erwarten wir die Alabastersäulen“, erklärte sie. „Sobald alle an ihrem Platz stehen, können wir mit den Arbeiten an der Galerie fortfahren.“

Er bewegte sich rasch. Aber es bereitete ihr keine Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Dabei sprach sie ruhig weiter: „Ich bin froh über Ihre Ankunft. Die Arbeiter haben Fragen zur Ausgestaltung der Nischen. Mr Keller hat verschiedene Vorschläge dazu gemacht. Ich würde Ihnen gern die Skizzen zeigen, damit Sie eine Entscheidung treffen.“

Abrupt blieb Braedon stehen. „Brian Keller gilt als überaus fähiger Architekt. Aber man sagt ihm auch nach, dass er ein sehr überheblicher Mann und ein Schürzenjäger ist. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er seit …“, er runzelte die Stirn, „… seit fünfzehn Monaten Anweisungen von Ihnen – von einer Frau – entgegennimmt.“

„Seit sechzehn Monaten“, korrigierte sie.

„Seit sechzehn Monaten“, wiederholte Braedon. „Keller tut seit sechzehn Monaten, was Sie verlangen?“

„Nein.“

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem triumphierenden Lächeln.

„Er arbeitet mit mir zusammen“, erklärte sie, „was etwas vollkommen anderes ist.“ Sie lächelte. „Ich gebe zu, dass er anfangs nicht gerade begeistert von der Vorstellung war. Aber ich konnte ihn überzeugen.“

„Wie?“ Er gab sich keine Mühe, sein Misstrauen zu verbergen.

„Nachdem es ihm nicht gelungen war, den Besitzer des Steinbruchs dazu zu bringen, den Liefertermin für die Aislaby-Steine einzuhalten, hat er wohl eingesehen, dass es gewisse Vorteile mit sich bringt, sich auf meine Seite zu stellen.“

„Ach?“ Braedon betrachtete sie beinahe mitleidig. „Hören Sie, Miss … Hardwick?“

Sie nickte.

„Möglicherweise haben Sie wirklich ein gewisses Organisationstalent. Möglicherweise besitzen Sie aber auch nur die Gabe, Männer zu manipulieren.“

Sie wollte protestieren, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.

„George Hardwick jedenfalls war nicht nur für den Bau dieses Flügels verantwortlich. Er sollte sich auch um die Vervollständigung meiner Sammlung kümmern. Können Sie sich überhaupt vorstellen, was das bedeutet? Sechzehn Monate lang ist diese Aufgabe vollkommen vernachlässigt worden.“ Er stöhnte laut auf und beschleunigte dann seine Schritte.

Mutig trat Chloe ihm in den Weg. „Wenn Sie mir bitte folgen würden, Mylord?“ Sie steuerte auf eine Ecke des Raums zu, in der sich eine unauffällige Tür befand, die mit zwei Schlössern versehen war. Von ihrem Gürtel löste sie einen Schlüsselbund und machte sich an den Schlössern zu schaffen. „Einen Moment, bitte!“

Die Tür schwang auf, doch der dahinter liegende Raum lag im Dunkeln. Gleich darauf allerdings flammte ein Licht auf, und Braedon konnte erkennen, dass hier eine Werkstatt eingerichtet worden war. Nachdem Miss Hardwick weitere Lampen angezündet hatte, konnte er jetzt kleine und große Kisten, einen Tisch voller Bücher, Skizzen und Notizen sowie – ordentlich an der Wand aufgehängt – Werkzeuge und Pinsel erkennen. Ein zweiter Tisch stand in der Mitte des Raums. Auf ihn eilte sie zu und schob vorsichtig eine Lage Musselinstoff beiseite.

Braedon folgte ihr. Gleich darauf hielt er ein bronzenes Kurzschwert in den Händen. Er betrachtete es andächtig. Die Waffe war sehr alt, wie die grüne Patina verriet. Er selbst hatte sie vor einigen Monaten in einem Kuriositätengeschäft in Ungarn entdeckt. Damals war sie schmutzverkrustet und so verbogen gewesen, als habe der letzte Besitzer sie für alle möglichen unpassenden Arbeiten benutzt.

Die Verwandlung der Waffe bewies, dass ein Meister des Restaurierens am Werk gewesen war.

Er fuhr mit dem Finger über das unauffällige Muster am Griff, untersuchte dann die nun wieder scharfe Klinge. „Wer ist dafür verantwortlich?“

Miss Hardwicks Gesichtsausdruck verriet es ihm.

„Sie? Wie haben Sie das geschafft?“

„Mein Vater hat es mir beigebracht. Seit Jahren bin ich ihm zur Hand gegangen. Auch jetzt hilft er mir noch, wenn es sich als nötig erweist. Sein Körper will ihm nicht mehr gehorchen. Und es fällt ihm schwer zu sprechen. Aber geistig ist er noch der Alte.“ Chloe ging zu dem anderen Tisch und kam mit einigen Papieren zurück. „Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt. Hier finden Sie alles, Mylord, was ich über Alter, Herkunft und Geschichte der Waffe herausfinden konnte. Notiert habe ich auch, wie man das Stück meiner Meinung in der Ausstellung am besten zur Geltung bringen kann.“

Er betrachtete sie nachdenklich. „Was ist aus den anderen Stücken geworden, die ich hierher geschickt habe? Aus dem ägyptischen Dolch oder dem Degen mit dem Elfenbeingriff?“

„Sie sind alle hier.“ Sie schob weitere schützende Stoffbahnen zur Seite und zeigte ihm jede einzelne historische Waffe, die er während der vergangenen Monate von Sammlern und Händlern auf dem europäischen Festland erstanden hatte. Jedes Stück war liebevoll und mit großem Geschick restauriert worden.

Widerwillig musste Braedon sich eingestehen, dass er beeindruckt war. Als er erneut das Wort ergriff, klang seine Stimme nicht länger feindselig, sondern respektvoll. „Sie haben gute Arbeit geleistet, Miss Hardwick. Ich danke Ihnen!“

Ihre Augen hinter den dicken Brillengläsern leuchteten auf.

Rasch fuhr er fort: „Ein Problem allerdings haben wir noch. Nachdem ich so lange fort war, erwartet mich hier eine Fülle an Pflichten. Ich hatte gehofft, dass Hardwick mir deshalb andere Aufgaben abnimmt. Er sollte für mich Reisen unternehmen und Gespräche mit den Besitzern wertvoller alter Waffen führen. Sehen Sie, es ist nicht einfach, solche Stücke zu erstehen. Man muss gut informiert sein und geschickt verhandeln können. Und man muss reisen, was für Frauen bekanntermaßen sehr unbequem ist.“ Er seufzte. „Ich hatte Ihrem Vater geschrieben, dass ich mich sehr für eine japanische Lanze interessiere, die kürzlich aus Fernost nach London gelangt ist. Nun befürchte ich, dass ich keine Chance mehr habe, das Stück in meinen Besitz zu bringen.“

Schweigend wählte Miss Hardwick einen Schlüssel aus und trat zu einem schweren Wandschrank. Sie öffnete ihn und holte eine glänzende Waffe heraus.

Sprachlos vor Staunen starrte er das Stück an. Dann fasste er sich so weit, dass er zu ihr eilen und ihr die Lanze aus der Hand nehmen konnte. Die Spitze war ein einmalig schönes, zutiefst beeindruckendes Beispiel für höchste Waffenschmiedekunst! Mit aufrichtiger Bewunderung fragte er: „Wie haben Sie das geschafft?“

„Ich habe die Anweisungen befolgt, die Sie meinem Vater geschickt haben. Mit William, unserem kräftigsten Dienstboten hier, habe ich mich auf den Weg gemacht. Eine der Pächterinnen, eine junge Witwe, habe ich als Anstandsdame mitgenommen. Wir waren ein recht erfolgreiches Gespann.“

Das konnte unmöglich die ganze Geschichte sein. Braedon hätte hundert und mehr Fragen stellen können. Aber stattdessen starrte er nur auf die unglaublich schöne Waffe, die er in der Hand hielt. Nach einer Weile sagte er: „Wir werden eine der Nischen vergrößern. Dieses Stück gehört eindeutig zu den wertvollsten der ganzen Sammlung.“

„Vor einiger Zeit“, berichtete Chloe, „habe ich in einem kleinen Museum einen sehr hübschen Ausstellungsschrank gesehen. Ich habe ihn zum Anlass genommen, dieses hier zu entwerfen.“ Sie reichte dem Marquess ein Skizzenblatt. „Man könnte ihn in der Mitte des Raums aufstellen.“

Stirnrunzelnd betrachtete er die Zeichnung. „Das ist Ihr Entwurf?“

Sie nickte.

Er ließ den Blick über ihr Gesicht wandern, dann abwärts bis zu ihren Füßen. Einen Moment lang verspürte er ein heftiges Gefühl der Enttäuschung darüber, dass er nie wissen würde, was sich unter diesem unförmigen Kleidungsstück verbarg. Eine innere Stimme flüsterte ihm zu: Du bist zurück in Denning, wo du nie bekommen hast, was du dir wünschtest.

Er schüttelte den Gedanken ab, schaute noch einmal kurz auf den Entwurf und kam zu einem Entschluss. „Miss Hardwick, möchten Sie die Arbeit hier als meine Hardwick fortführen?“

1. KAPITEL

Ein Jahr später

Miss?“ Der Meister der Zimmerleute blieb abwartend an der Tür zu ihrem Arbeitszimmer stehen. „Haben Sie einen Moment Zeit? Ich denke, Sie möchten sich das anschauen.“ Er wandte den Kopf in Richtung des so genannten Waffenzimmers.

Chloe schob die Papiere, die sie studiert hatte, zusammen und erhob sich. „Worum geht es, Mr Forrest? Doch nicht etwa schon wieder um die Galerie?“

„Nein, Miss.“ Er lachte. „Sie müssen nicht immer mit dem Schlimmsten rechnen.“

Der Saum ihres Rocks wirbelte ein wenig Staub auf, als sie dem Zimmermann in den Neubau folgte. Er hatte die Plane, die noch immer die Tür ersetzte, zur Seite geschoben, damit sie eintreten konnte. Chloe machte einen großen Schritt, da ein paar Latten im Weg lagen, und blieb stehen. Ihr Blick folgte der Richtung, in die Forrest jetzt zeigte.

„Oh!“ Ihre Augen leuchteten auf, als sie die fertig gestaltete Nische betrachtete.

Der Zimmermann nickte zufrieden. „Dieser Italiener, den Sie eingestellt haben, redet wie ein Wasserfall, und er ist reizbarer als eine verletzte Katze. Aber er ist ein sehr geschickter Handwerker.“

„Das ist er.“

Die Nische war ein echtes Kunstwerk. In Gestaltung und Farbgebung spiegelte sie im Kleinen wider, was der Raum im Großen darbot. Die Wände waren unaufdringlich verziert, die Decke geformt wie das Innere einer Muschel. Jedes Detail passte zu den Alabastersäulen und dem Marmorboden des Waffenzimmers. Dabei blieb genug Platz für die Ausstellungsvitrine, die dort untergebracht werden sollte.

„Nun kann ich beruhigt Feierabend machen“, stellte Forrest fest. „Sie und ich, Miss, sind die Letzten hier. Wollen Sie hinter mir abschließen?“

„Ja. Natürlich …“ Es fiel ihr schwer, den Blick von der Nische loszureißen. Mit einem Lächeln verabschiedete sie sich von dem Handwerker, der durch die schwere Tür auf der anderen Seite des Raums ins Freie trat. Nachdem Chloe hinter ihm abgeschlossen hatte, schaute sie sich noch einmal gründlich um.

Seit mehr als zwei Jahren hatte sie all ihre Kraft und all ihr Können aufgewandt, um diesen Raum zu schaffen. Nun war die Arbeit fast vollendet. Es war nahezu unvorstellbar. Und doch war es wahr. In dem von Lord Marland in Auftrag gegebenen neuen Flügel sah es zwar noch staubig und ein wenig unordentlich aus, aber es war offensichtlich, wie wundervoll alles hier werden würde. Nur ein paar Details mussten noch fertiggestellt werden: die Nischen, einige Regale und Schaukästen sowie ein paar Wandverzierungen und mehrere Kleinigkeiten auf der Galerie. Sobald diese Arbeiten beendet waren, konnte mit dem Arrangieren der Ausstellungsstücke begonnen werden.

Chloe schauderte. Seit Tagen schon versuchte sie den Gedanken, dass ihre Aufgabe bald erfüllt sein würde, von sich zu schieben. Vergeblich. Es gab nicht mehr viel zu tun in Lord Marlands zukünftigem Privatmuseum. Und dann …

Sie holte den ein wenig zerknitterten Brief aus der Rocktasche und schaute ihn an, ohne sich erneut in die säuberlich geschriebenen Zeilen zu vertiefen. Ihr alter Freund wusste, dass sie nicht mehr lange in Denning Castle beschäftigt sein würde und deutete an, dass es bald an der Zeit sein würde, sich eine neue Stellung zu suchen.

Aufseufzend schob Chloe das Schreiben zurück in die Rocktasche und ließ den Blick noch einmal durch den Raum gleiten. Der Marmorboden, die Alabastersäulen, die kuppelförmige Decke … So viel Freude hatte sie dabei gehabt, daran mitzuwirken. Und sie empfand es noch immer als großes Glück, die Möglichkeit dazu bekommen zu haben.

Hier, dachte sie, ist für mich die beste aller Welten.

Sie wollte nicht fortgehen. Die Vorstellung erschreckte sie. Unwillkürlich griff sie nach den Knöpfen ihrer Jacke. Wie viel Sicherheit ihr dieses Kleidungsstück zusammen mit dem sackförmigen Kleid schenkte! Außerdem war da noch die Brille, hinter der sie sich verstecken konnte. Fensterglas, aber sehr hilfreich …

Die Arbeit am neuen Flügel von Denning Castle war eine Herausforderung gewesen, die sie bravourös gemeistert hatte. Ihre vielfältigen Aufgaben hatten ihr Trost und Ablenkung geboten, als ihr Stiefvater nur wenige Monate nach Lord Marlands Rückkehr gestorben war.

Nie zuvor war sie mit ihrem Leben so zufrieden gewesen. Denning Castle war ein perfektes Versteck. Ihre Arbeit hier machte ihr Freude und hatte zudem dazu geführt, dass der Marquess ihr Achtung entgegenbrachte. Nie zuvor hatte sie sich dem, was sie sich unter Glück vorstellte, so nahe gefühlt.

„Hardwick?“

Lord Marlands Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

„Hardwick?“ Die Plane schwang zur Seite, und er betrat den Raum. „Ich habe Sie gesucht.“

Einen kurzen Moment lang trafen sich ihre Blicke.

Chloe spürte ein ihr inzwischen nur allzu gut bekanntes Gefühl, das zugleich Freude und Schmerz war.

Seine Kleidung verriet, dass er bis eben noch gearbeitet hatte. Er trug keinen Rock, sondern nur Weste und Hemd. Die Ärmel hatte er bis über die Ellbogen hochgerollt. Sie hatte ihn schon oft so gesehen. Dennoch schlug ihr Herz bei seinem Anblick auch jetzt schneller. Was – um Himmels willen – war nur mit ihr los?

Sie straffte die Schultern und ging ihm entgegen. „Guten Abend, Mylord.“

„Auch Ihnen einen guten Abend, Hardwick. Ich wollte Ihnen sagen, dass …“ Er verstummte, als er die fertiggestellte Nische bemerkte. Langsam näherte er sich ihr, blieb stehen und schaute alles genau an. Schließlich wandte er sich um. Seine Augen leuchteten vor Begeisterung, als er jetzt den Gesamteindruck des Waffenzimmers auf sich wirken ließ. „Es ist beeindruckend, nicht wahr?“

„Allerdings.“ Chloe nickte. Aber sie schaute nicht den Raum, sondern den Marquess an. Sie konnte nicht anders. Dieses Leuchten in seinen Augen war faszinierend! Und wenn das Licht der tief stehenden Sonne so wie jetzt auf sein Haar fiel, dann schienen Flammen darin zu tanzen. Er war ihr Arbeitgeber. Und er freute sich über die Ergebnisse ihrer Bemühungen. Das wiederum erfreute sie. Und das war nur natürlich – oder?

Trotzdem gab es da etwas, das sie störte. Wenn sie nur zu sagen gewusst hätte, was es war!

„Es geht um diesen Druiden-Dolch …“, begann er.

„Meiner Meinung nach sollten wir gar nicht versuchen, ihn zu kaufen.“

„Das wollte ich auch gerade sagen. Es heißt, er sei eine Fälschung.“

„Ja, das habe ich auch aus einer meiner Quellen erfahren.“

„Hm …“ Noch einmal sah er sich um, betrachtete eine der Säulen, musterte den Marmorboden, bewunderte die Stuckarbeiten.

Das war nichts Ungewöhnliches. Chloe hatte schon oft erlebt, dass er gegen Ende des Arbeitstages zu ihr kam, um mit ihr dies und jenes zu besprechen. Oft ließ er sich dabei von den letzten Veränderungen im Ausstellungsraum ablenken.

Nein, korrigierte sie sich, er scheint sich ablenken zu lassen; tatsächlich ist er stets sehr konzentriert.

So sollte es sein.

Und doch spürte sie deutlich, dass irgendetwas sich verändert hatte. Ihre Haut fühlte sich heiß an, ihr Herzschlag war aus dem Rhythmus gekommen, und sie konnte es kaum ertragen, dass der Marquess seiner Umgebung so viel und ihr selbst so wenig Beachtung schenkte.

Sie musste etwas tun! „Begleiten Sie mich?“, fragte sie. „Ich meine, sofern es noch mehr zu besprechen gibt.“ Entschlossen hob sie das Kinn. „Mr Keller hat sich nach der römischen Münze erkundigt. Soweit ich weiß, gibt es eine Zeichnung dieser Münze in der Bibliothek.“

Braedon sah sie erstaunt an, folgte ihr aber widerspruchslos in den alten Flügel des Hauses, wo die Bibliothek untergebracht war. Dabei unterhielten sie sich über die weitere Ausgestaltung des Neubaus und die Anschaffungen, die getätigt werden sollten.

Mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Schuldgefühlen stellte Chloe fest, dass er seine ganze Aufmerksamkeit jetzt ihr schenkte.

Alles Wichtige war besprochen, noch ehe Chloe die Zeichnung fand. Lord Marland war im Begriff, sich zu verabschieden. „Ich muss in den nächsten Tagen einiges mit dem Verwalter klären“, sagte er. „Der Mann hat mir eine lange Liste mit Fragen geschickt.“ Seine Stimme nahm einen ironischen Ton an. „Es geht um so interessante Dinge wie Schafe, die sich unerlaubt von der Herde entfernen, und Hühner, die nicht genug Eier legen. Wenn das alles erledigt ist, schaue ich natürlich nach, welche Fortschritte Sie hier gemacht haben.“

Er wandte sich zur Tür. Für ihn war das Gespräch beendet.

Chloe schaute ihm nach und wunderte sich wieder einmal darüber, wie verschieden sie waren. Für sie war es lebensnotwendig, sich von anderen zurückzuziehen. Den Preis der Einsamkeit zahlte sie gern, weil sie nur so eine ehrbare Stellung innehaben konnte und sich keine Sorgen um ihre Sicherheit machen musste. Lord Marland hingegen liebte die Einsamkeit und tat alles, um sie nicht aufgeben zu müssen. Schon oft hatte sie sich gefragt, warum das so war. Hatte er nie etwas anderes kennengelernt? Oder gab es auch in seiner Vergangenheit schmerzliche Erfahrungen, die dieses Verhalten bewirkt hatten? Wie dem auch sei – manchmal war sie seinetwegen sehr traurig.

Natürlich würde sie das ihm gegenüber nie zugeben. Sie wusste inzwischen, dass ihm nichts wichtiger war als seine Privatsphäre. Er wollte niemanden nah an sich heranlassen und zürnte jedem, der versuchte, die Mauer zu durchbrechen, die er um sich herum errichtet hatte. Also hielt Chloe sich zurück, beobachtete ihn, unterstützte ihn, wo immer ihr das möglich war. Sie versuchte, ihm abzunehmen, was ihn belastete, und zeigte Interesse an dem, was ihn am meisten interessierte. Auf diese Art war sie zu seiner Hardwick geworden.

Als er die Tür erreichte, konnte Chloe einen Seufzer nicht länger unterdrücken. Manchmal war es so schwer, nichts weiter als Hardwick zu sein.

„Mylord?“, rief sie.

„Ja?“ Er fuhr herum, die Brauen fragend hochgezogen.

Chloe wusste genau, wie er sich fühlte. Sie hatte nicht nur ihn, sondern auch sich selbst überrascht. „Wenn Sie noch einen Moment Zeit haben? Da wäre noch etwas.“ Sie verschränkte die Hände ineinander, um nicht nach den Knöpfen ihrer Jacke zu greifen.

Er wartete.

„Also …“, stammelte sie. „Also, jetzt da der neue Flügel fast fertig ist und so viele Stücke darauf warten, ausgestellt zu werden … Was ich wissen möchte, ist, ob Sie Ihre Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen.“

„Nein.“

„Ich verstehe.“ Sie senkte den Blick und steckte eine Hand in die Tasche, in der sich der Brief ihres Freundes befand. „Dann werden Sie mich wohl bald nicht mehr brauchen. Vielleicht sollte ich mir eine andere Stellung suchen?“

„Was?“ Er machte ein paar große Schritte auf sie zu. „Wer, um Himmels willen, hat Ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt?“ Er wirkte so schockiert und zornig, dass Chloe sich gleich viel besser fühlte. „Ich hoffe doch sehr, dass Mrs Goodmond keine dummen Andeutungen gemacht hat?“

„Mrs Goodmond?“ Sie schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Allerdings …“

Sie verstummte, als er sich ihr gegenüber in einen Sessel fallen ließ und sie mit einer Mischung aus Sympathie und Verständnis anschaute.

„Ich kann mir vorstellen, dass es für Sie nicht immer einfach ist, Hardwick“, begann er. „Sie haben Fähigkeiten, die weit über die anderer Frauen hinausgehen. Viele Menschen wollen das nicht akzeptieren. Gewiss sind Sie schon mehr als einem Dummkopf begegnet, der Sie in eine Stellung drängen wollte, die Ihrer Intelligenz, Ihrem Organisationstalent und Ihren sonstigen Begabungen nicht im Geringsten angemessen war.“

Als er nach ihrem Handgelenk griff, erstarrte Chloe. Sie kam sich schwach vor, zerbrechlich. Deutlich spürte sie die Wärme seiner Finger, obwohl doch der dicke Stoff ihrer Jacke ihre Haut bedeckte. Die Hand des Marquess war so groß und kräftig! Sein Griff war fest und zugleich vorsichtig. Zärtlich? Ein Schauer überlief sie.

„Schenken Sie solchem Gerede keine Beachtung, Hardwick“, forderte er sie auf. „Beinahe jede Frau ist in der Lage, einen Haushalt zu führen oder sich um ein paar Kinder zu kümmern. Sie hingegen können mehr! Sie besitzen eine rasche Auffassungsgabe und können logisch denken. Sie haben ein gutes Gedächtnis und begreifen Zusammenhänge. Vor allem aber verfügen Sie über die Fähigkeit, andere Menschen zu Höchstleistungen anzuspornen.“ Er schaute ihr tief in die Augen. „Dieser Neubau und die Waffensammlung sind unglaublich wichtig für mich. Und ich weiß genau, dass nichts hier so gut wäre, wie es ist, wenn Sie sich nicht darum gekümmert hätten.“ Er drückte anerkennend ihren Arm, ließ ihn los und lehnte sich zurück.

Chloe errötete vor Freude. Er hatte sie auch früher schon gelegentlich gelobt. Aber nie hatte er dabei so viel Wärme und Bewunderung gezeigt. Diese Art der Anerkennung war neu – und sehr verwirrend.

Nachdenklich fuhr der Marquess fort: „Nicht jeder ist dazu geschaffen, eine Familie zu gründen. Nicht jede Frau sehnt sich nach einem Gatten und Kindern.“ Er lächelte sie an. „Lassen Sie sich nicht dadurch verunsichern, Hardwick, dass Sie anders sind als andere. Sie sind nicht minderwertig. Stehen Sie zu Ihren Talenten, nutzen Sie sie!“

Das Glücksgefühl, das sie eben noch erfüllt hatte, schwand. Minderwertig? Fassungslos starrte sie Lord Marland an. Monatelang hatte sie ihr Bestes gegeben, um seinen Anforderungen gerecht zu werden. Dabei war ihr nie in den Sinn gekommen, dass ihre Fähigkeiten sie für ein anderes Leben ungeeignet erscheinen lassen könnten.

„Sie müssen da etwas missverstanden haben, Mylord“, brachte sie schließlich hervor. „Es geht nicht um Mrs Goodmond oder sonst jemanden hier. Allerdings befürchtet einer meiner Freunde, dass es hier bald nicht mehr genug für mich zu tun geben könne.“

„Einer Ihrer Freunde? Ich glaube kaum, dass irgendwer genug über meine Sammlung weiß, um sich ein solches Urteil anzumaßen.“

Seine Arroganz war unglaublich! Plötzlich fühlte Chloe sich sehr erschöpft. Dieses Auf und Ab der Gefühle war tatsächlich ermüdend. „Es handelt sich um einen alten Freund meiner Familie“, erklärte sie. „Er interessiert sich selbst für Antiquitäten und kennt sich, gerade was alte Waffen angeht, sehr gut aus. Ich jedenfalls habe keine Informationen preisgegeben. Im Übrigen dürfte es Ihnen bekannt sein, dass Händler und Sammler Ihren Aktivitäten große Aufmerksamkeit schenken.“

„Ich mag es nicht, wenn Fremde sich mit mir beschäftigen. Und ich möchte auch nicht, dass man Spekulationen über Sie anstellt.“

„Ich fürchte, derartige Spekulationen lassen sich nicht gänzlich vermeiden, Mylord.“

Seufzend erhob Braedon sich. „Richten Sie Ihrem Freund aus, dass er sich keine Sorgen machen soll. Niemand könnte meine Wünsche besser in die Tat umsetzen als Sie, Hardwick. Noch muss vieles hier erledigt werden. Sie wissen selbst, dass die Sammlung nie komplett sein wird, solange ich lebe.“ Er nickte ihr zu. „Es gibt also Arbeit genug für Sie.“

Chloe schaute ihm nach. Dann, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, biss sie sich auf die Lippe. Widerstreitende Gefühle quälten sie. Und es dauerte eine Weile, bis ihr bewusst wurde, dass sie die Hände zu Fäusten geballt hatte. Sie musste sich entspannen! Sie hatte allen Grund, stolz auf sich und ihre Leistung zu sein! Die Arbeit in Denning Castle war anstrengend, aber auch sehr befriedigend. Was also wollte sie mehr? Hier war sie in Sicherheit. Sie wurde geachtet, ohne als Frau wahrgenommen zu werden. War das nicht genau das, was sie sich immer gewünscht hatte?

Sie runzelte die Stirn, starrte einen Moment lang die Tür an, durch die der Marquess hinausgegangen war.

Doch, sagte sie sich selbst, dies ist es, was ich will, und es wäre sehr dumm, das zu vergessen.

„Skandas Speer?“, fragte Chloe etwa eine Woche später. „Ich habe das doch richtig verstanden?“ Sie legte das Buch, in das sie vertieft gewesen war, auf einen Stapel anderer Bücher. „Warum finde ich nirgends auch nur den kleinsten Hinweis auf diesen Speer?“

Schon seit dem Morgen fühlte sie sich nicht besonders wohl. Einen Moment lang presste sie die Finger gegen die Schläfen. Lag es am Wetter, dass sie unter diesen schlimmen Kopfschmerzen litt?

Nein, es war sinnlos, sich selbst etwas vormachen zu wollen. Die Welt konnte sie in die Irre führen, so wie sie es mit ihren sackartigen Kleidern tat und mit ihrer Brille. Aber sich selbst gegenüber wollte und musste sie ehrlich sein. Sie hatte darüber nachgedacht, warum in letzter Zeit alles so verändert wirkte. Es gab nur eine Erklärung: Es lag an ihr selbst.

Diese angenehme Ruhe, die sie monatelang erfüllt hatte, war dahin. Die Energie, mit der sie sich ihrer Arbeit widmete, ließ nach. Seit jenem Gespräch mit Lord Marland in der Bibliothek, gingen ihr die seltsamsten Gedanken durch den Kopf. Zweifel erfüllten sie. Und wenn sie sich seine Worte in Erinnerung rief, erwachten ungewohnte Sehnsüchte in ihr. Eine Familie gründen. Kinder bekommen.

Natürlich hatte sie sich auch früher schon auszumalen versucht, wie es sein würde, sich zu verlieben und zu heiraten. Aber stets war es wichtiger gewesen, zunächst einmal einen sicheren Ort zum Leben zu finden und eine Stellung, die ihren Fähigkeiten entsprach. Wollte sie überhaupt mehr? Wollte sie das, wovon andere Frauen träumten? Ihr Herz sagte Ja. Ihr Verstand jedoch fand tausend Gründe, die dagegen sprachen.

Sie wusste, dass sie in manchem anders war als andere Frauen. Aber war sie deshalb minderwertig? Warum, um alles in der Welt, hatte der Marquess gerade diesen Ausdruck gebraucht?

Sie schaute zu Lord Marland hin, und ein weiteres Gefühl breitete sich in ihrem Inneren aus. Es war nicht neu. Doch es hatte seit einiger Zeit eine neue Bedeutung erlangt. Er war ein attraktiver Mann. Dennoch hatte sie ihn früher nur als ihren Arbeitgeber angesehen. Das war vorbei. Sie hätte es nicht zu sagen vermocht, wann die Änderung eingetreten war. Irgendwann nach dem Tod ihres Stiefvaters? Wahrscheinlich. Denn nach und nach war die Trauer um ihn durch ein anderes Gefühl ersetzt worden: durch Freude darüber, Zeit mit dem Marquess verbringen zu können.

Die Anspannung, die sie zunächst in Marlands Gegenwart verspürt hatte, war verschwunden. Je besser sie ihn kennenlernte, desto wohler fühlte sie sich in seiner Gesellschaft. Sie hatte entdeckt, dass er nicht nur klug war, sondern auch großzügig sein konnte und einen überraschenden Sinn für Humor besaß. Seine breiten Schultern und seine körperliche Kraft hatten sie von jeher beeindruckt. Trotzdem hatte sie nicht von Anfang an von ihm geträumt. Jetzt kamen diese Träume beinahe jede Nacht. Es waren Träume voller Sehnsucht. Träume, die sie auch in den wachen Stunden nicht vergessen konnte.

Chloe senkte den Kopf, damit Lord Marland an ihrem Gesicht nicht ablesen konnte, was in ihr vorging. Doch er schenkte ihr gar keine Beachtung. Also wagte sie es, ihn erneut sehnsüchtig zu mustern.

Er reagierte nicht. Wahrscheinlich schirmte die Mauer, die er um sein Herz errichtet hatte, ihn vor allen Gefühlen ab, die andere ihm entgegenbrachten.

Diese Mauer hat zusammen mit meinem unweiblichen Auftreten und meiner so wenig femininen Kleidung dazu geführt, dass ich als Frau für ihn unsichtbar bin.

Chloe unterdrückte ein Seufzen. Für ihn war sie nichts weiter als Hardwick, weniger ein Mensch aus Fleisch und Blut als eine Institution, auf die er sich verlassen konnte. Deshalb bemerkte er nicht, dass sie bei seinem Eintreten manchmal vor Freude errötete. Er wusste nicht, dass ihr Herzschlag und ihr Atem sich beschleunigten, wenn er zu ihr trat, um etwas mit ihr zu besprechen. Ihre Empfindungen wären ihm verborgen geblieben, selbst wenn sie sich keine Mühe gegeben hätte, sie geheim zu halten,

An diesem Nachmittag hielten sie sich in der Werkstatt auf. Sie saß über ihre Papiere gebeugt am Schreibtisch, während er – das perfekte Abbild eines Kriegers der Antike – sich mit einem alten Schwert beschäftigte, das von Rost befreit werden musste.

„In diesen Büchern werden Sie nichts über Skandas Speer finden“, stellte er in leicht herablassendem Ton fest.

„Wo soll ich dann nach Informationen über die Waffe suchen?“, gab sie zurück. „Woher haben Sie Ihre Informationen über Skandas Speer?“ Da er noch immer nicht zu ihr hinschaute, nahm sie die Brille ab, um ihn besser betrachten zu können.

Er bot wirklich eine beeindruckende Erscheinung. Während er das Schwert polierte, das vor ihm auf der Arbeitsplatte lag, strahlte er so viel männliche Kraft und Stärke aus, dass die Luft im Raum zu vibrieren schien.

Chloe erschauerte. Vielleicht wäre sie weniger anfällig für seine Ausstrahlung gewesen, wenn er nicht diese Kavallerie-Stiefel getragen hätte. Oder wenn er nicht den Rock ausgezogen und die Ärmel seine Leinenhemdes hochgekrempelt hätte. Wenn das Spiel seiner Muskeln nicht so faszinierend gewesen wäre. Wenn ihm nicht eine Locke seines braunen Haars in die Stirn gefallen wäre.

Plötzlich richtete er sich auf und schaute lächelnd zu ihr hin. Sie erwiderte seinen Blick eine Sekunde lang, setzte dann die Brille auf und widmete sich erneut ihren Papieren.

„Es sind nur Gerüchte“, erklärte er. „Es gibt eine alte Legende, die sich mit Skandas Speer beschäftigt. Erstaunlicherweise ist sie nie in Vergessenheit geraten.“ Das flackernde Kerzenlicht spiegelte sich in seinen Augen, die fast so dunkel waren, wie die kunstvolle schwarze Stickerei auf seiner Weste. „In letzter Zeit allerdings wird viel öfter über die Waffe gesprochen als in den Jahrzehnten zuvor. Es heißt, ein Nabob habe den Speer kürzlich nach England gebracht.“

Chloe runzelte die Stirn. „Worüber wird sonst noch geredet?“

„Darüber, dass dem Besitzer des Speers möglicherweise nicht bewusst ist, welch unglaublichen Wert die Waffe darstellt. Und dass er möglicherweise auch nichts von dem Fluch weiß.“

„Ein Fluch?“ Chloe stöhnte laut auf. „Schlimm genug, dass ich für Sie eine Waffe finden soll, die vielleicht nur im Märchen existiert. Muss sie tatsächlich auch noch mit einem Fluch belastet sein?“

Braedons Lächeln erstarb. „Niemand glaubt wirklich an einen Fluch, nicht wahr? Aber ich will diesen Speer, Hardwick. Sollte er irgendwo auftauchen, dann muss er mir gehören. Keine andere Waffe könnte meiner Sammlung größeren Glanz verleihen.“

Erstaunt musterte Chloe ihn. Seit jenem ersten Tag, da er ihr erlaubt hatte zu bleiben, hatte er sich stets ruhig und distanziert gezeigt. Natürlich wusste sie, mit welcher Leidenschaft er die Vervollständigung seiner Sammlung vorantrieb. Sie hatte beobachtet, wie wichtig er jede Kleinigkeit bei der Ausgestaltung des Neubaus und bei der Herstellung der Vitrinen für die Exponate nahm. Nie würde er auch nur eine Handbreit von seinem Ziel abweichen. Allerdings hatte er nie auch nur eine Andeutung gemacht, warum dieses Ziel ihm so viel bedeutete. Stets hatte er sich vernünftig gegeben. Welche Emotionen hinter seinem ruhigen Äußeren tobten, hatte sie bisher nicht einmal geahnt. Und jetzt, da er ihr einen kurzen Blick in sein Inneres gestattet hatte, war ihr, als habe sie viel mehr gesehen als die starken Gefühle, die er seiner Sammlung und insbesondere diesem Speer entgegenbrachte.

„Sie verfügen über ein Netzwerk von Kontakten in der Welt der Antiquitätenhändler und – sammler, Hardwick, das sogar das Ihres Vaters in den Schatten stellt“, meinte Braedon. „Nutzen Sie es! Finden Sie den Speer für mich! Es wird Ihnen gelingen. Schließlich haben Sie mich noch nie enttäuscht.“

Damit wandte er sich wieder dem Schwert zu. Mit den Fingerspitzen fuhr er über die Klinge.

Chloe, die keinen Blick von ihm wenden konnte, spürte, wie Verlangen in ihr erwachte.

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