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EIN LOCH INS WASSER BOHREN

PROLOG

Wir alle wünschen uns ein gutes Leben und wenn es geht, auch einen guten Tod. Wir meinen damit meist einen schnellen und friedlichen Tod. Wir schaffen uns eine idealisierte Vorstellung vom Leben und Sterben. Nur trifft das Ideal selten die Realität. Die Realität ist wesentlich vielfältiger. Wir brauchen neben der Sonnenseite auch die Akzeptanz des Schattens. Wir brauchen neben Schaffenskraft und Genussfähigkeit auch eine Leidensfähigkeit, um Niederlagen, Verluste, Schmerzen, die das Leben für uns bereithält, auszuhalten. Wir brauchen kein idealisiertes und damit verdrängendes Bild vom Leben und Sterben. Wir brauchen ein bewusstes, die ganze Bandbreite reflektierendes Bild, zu dem auch der Tod und das Sterben gehört.

Wir Autoren dieses Buchs wünschen Ihnen und uns ein gutes Leben. Jedoch: Wie lebt man ein gutes Leben? Was ist ein gutes Leben? Was ist ein guter Tod, der ja auch zum Leben dazugehört?

Auf all diese Fragen bekommt man in der Schule, in den Medien und im Leben überhaupt keine rechte Antwort. Obwohl wir, mein Sohn und ich, zumindest ein leidliches Abitur abgelegt haben, war unser Wissen bezogen auf dieses Thema weniger als schmal. In all diesen Fragen sind nicht nur wir sehr naiv und erkennen nicht, was unser Leben wesentlich bestimmt. Wir stehen damit ziemlich allein da, obwohl gewiss viele andere Menschen von denselben Fragen bestürmt werden. Es wird viel geredet, doch wenig gesagt. Wir stehen damit allein da, und das zentrale Thema der Einsamkeit in unserer Welt wird in unserem Daheim, in unseren Schulen, an unseren Barhockern nur wenig angesprochen.

Mit der Frage nach der Einsamkeit und Isolation des einzelnen Menschen sind wir auch gleich bei einem zentralen existenziellen Thema angelangt. Die anderen existenziellen Themen sind die Frage nach dem Sinn des Lebens, die Frage nach Gott, nach Gesundheit und Krankheit, nach der Freiheit, dem Sterben und dem Tod. Schon C.G. JUNG, der Begründer der Analytischen Psychologie, forderte eine Schule für Erwachsene ein, die Fragen wie die oben beschriebenen in den Mittelpunkt stellt. Der Dalai LAMA, der an die Macht des Guten im Menschen glaubt, hat gar die Hoffnung, dass es eine solche Schule bereits in wenigen Jahrzehnten geben wird. Aber sind wir heute nicht sehr weit davon entfernt? Also haben wir uns vor einigen Jahren auf den Weg gemacht zu den „weiten Ufern der Erkenntnis“.

Wie fing alles an? Mein Sohn Georg und ich saßen ein langes Wochenende am See in Alt Madlitz im Brandenburgischen und diskutierten die Endfassung seines Buches: "Transmission II - Persona". Er war sehr verzweifelt, da er möglichst authentische Fotos von Menschen machen wollte. Jedoch die Menschen setzten oftmals eine Maske auf, die wenig zu ihrem Selbst passte. Die Maske zeigt sich auf dem Gesicht, welches bestimmte Teile meines Selbst hervorhebt und andere Teile meines Selbst eher versteckt. Wir Menschen verfügen über viele sehr unterschiedliche Masken und manche passen weniger gut, andere besser zu uns. Können wir die Masken frei wählen? Haben wir Angst, die rechte Maske zu suchen? Bestimmen andere über unsere Wahl? Viele andere Fragen schwirrten uns durch den Kopf. Wir begannen uns tiefer mit den Ursachen und Bedingungen unserer Wahl, unserer Gedanken und Gefühle zu beschäftigen, und fanden gleich am ersten Abend eine sehr zugewandte Unterstützung: Jens Johler, der Autor eines Buches über Johann Sebastian Bach, interessierte sich für die Fotografien und Texte von Georg und es entspann sich ein sehr lebendiger Abend in Alt Madlitz. Er erzählte, dass er sich in seinem Roman auch sehr um eine authentische Sicht auf Johann Sebastian Bach bemüht habe. Er machte uns Mut, an dem Projekt weiter intensiv zu arbeiten.

Seit 10 Jahren arbeite ich als Psychologe und Psychotherapeut in der ambulanten palliativen Versorgung mit einem guten Team zusammen. Erst hatte ich Angst vor der Begegnung mit sterbenden Menschen, jedoch bald spürte ich, dass ich eine seltsame Befriedigung und innere Ruhe in der Beziehung zu Sterbenden fand. Nachdem ich dies meinem Sohn erzählt hatte, entstand die Idee, sterbende Menschen zu begleiten, mit ihnen zu sprechen und sie zu fotografieren. All dies taten wir in der Hoffnung, hier echtere, passendere „Masken“ zu finden: Masken, die wahrhafte Gesichter sind und zu den Menschen passen. Wenn ein Mensch weiß, dass er in absehbarer Zeit sterben wird, kann er vielleicht offener und ehrlicher sich selbst und der Welt gegenüber sein. Vielleicht konnte dies ein Zugang zu mehr Authentizität, zu mehr Wissen, was wirklich im Leben wichtig ist, werden?

Der Entwickler der Existenziellen Psychotherapie, Irvin D. YALOM, bemerkte einmal, dass der Tod das Banale banalisiere. Erst in der Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Sterben könne man Zugang zu dem erreichen, was im Leben wirklich wichtig sei.

Ja, der Tod und das Sterben sind nach wie vor in unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Wir kennen eigentlich den Tod nur von Beerdigungen. Die sind nach ein bis zwei Stunden vorbei und wir können dieses Thema wieder ad acta legen. Wir haben Angst: Angst vor dem Sterben und einem grausamen Tod. Das soll schnell wieder raus aus unserem Herzen und unserem Kopf. Gegen diese Angst jedoch hilft nur eines: ein intensives Leben. Der bekannte Psychoanalytiker Otto RANK sprach davon, dass uns erst die Angst vor dem rechten Leben, später dann die Angst vor dem rechten Sterben in Fesseln halte.

So klammern wir Menschen uns an das Materielle und an Konventionen, um nur diesen beiden Ängsten nicht ins Auge schauen zu müssen. Sterbende Menschen haben aber genau diese Option nicht. Sie müssen dem Leben und dem Tod ins Auge schauen. Sie sind zur Offenheit und zur Auseinandersetzung gezwungen.

Zu Weihnachten schenkte ich dann meinem Sohn das Buch, welches Tiziano TERZANI mit seinem Sohn gemeinsam herausgebracht hatte. Es stellt eine Art Resümee seines Lebens, vor allem als Spiegel- Reporter, dar. Terzani litt über viele Jahre an einer schweren Krebserkrankung, an der er letztlich in Orsigna starb. Tiziano TERZANI, ein echter Linker, kam zum Ende seines Lebens zu einer für ihn sehr wichtigen Erkenntnis, nachdem er weltweit in verschiedenen Religionen, verschiedenen Medizinkonzepten, bei einem Guru nach einem Weg für sich selbst gesucht hatte:

„Die Krankheit, unter der ein großer Teil der Menschen heute leidet, ist nicht greifbar, nicht klar zu beschreiben. Man fühlt sich mehr oder weniger bedrückt, ausgenutzt, deprimiert. Aber es fehlt ein Objekt, auf das sich die Wut richten, ein Ziel, auf das sich Hoffnung gründen ließe. Früher einmal hatte die unterdrückende Macht ihre Residenzen und Symbole, die im Aufstand hinweggefegt wurden. Man schoss auf einen König, stürmte die Bastille, nahm den Winterpalast ein und öffnete so die Bresche für ein neues Zeitalter. Und heute? Wo liegt das Machtzentrum, das für unsere Misere verantwortlich ist? Vielleicht gilt es, ein für alle Mal zu akzeptieren, dass dieses Zentrum in uns selbst liegt und angesichts des Scheiterns aller äußeren Revolutionen nur noch eine große innere Revolution die Dinge verändern kann." Einige wenige Seiten weiter kann man seine zweite wichtige Erkenntnis lesen: „Hat man einmal die Vorstellung akzeptiert, dass der Tod zum Leben gehört, entwickelt man daraus ein Gefühl der

Stärke, den Eindruck, nichts könne mehr Macht über einen haben."

Ich war verwundert, als ich mich mit dem Begriff „Guru“ auseinandersetzte. Er steht für Gu = Finsternis und ru = vertreiben. Ein Guru ist ein Mensch, der unsere Finsternis, unsere Angst, unser Leiden an der Sinnlosigkeit vertreiben soll. Der Guru kann jedoch nur ein Krückstock sein, letztlich brauche ich mich selbst und den Mut, mir Fragen zu stellen, und noch mehr den Mut, Antworten zu geben, auch wenn diese nicht perfekt, nicht wissenschaftlich, nicht ausreichend transzendent sind.

All dies erzählte ich meinem Freund Mario MOROSI bei einem Besuch in der Toskana. Mario MOROSI sagte, er kenne das Terzani- Dorf, dort sei er mit seinem Vater Pilze und Kastanien suchen gegangen. Also fuhren wir an den Ort des Lebens und Sterbens von TERZANI, schauten in eine tiefe Schlucht, lasen auf einer alten Holztafel ein Gedicht von TERZANI und erkannten die Tiefe in seinen Worten. Am Abend wurde mir klar, dass mein Nachdenken über die existenziellen Themen bereits vor vielen Jahren bei einem früheren Besuch angefangen hatte. Ich erinnerte mich, wie ich eine tiefe innere Verbundenheit zu Mario verspürte: „Nimm dir Zitronen, Andreas, so viel du willst.“ Am nächsten Tag, als ich eine Zitrone für unseren Salat holen wollte, waren alle Zitronen von den Bäumen gepflückt. Ich fragte Mario, wo denn die Zitronen seien. Er wies auf das kleine Dorf Porciano und fragte, ob ich schon mitbekommen hätte, wo die jungen Menschen sich dort versammelten. Ich antwortete: „Nein.“ Nun ja, diese hätten alle Zitronen gestohlen. Ich fragte Mario, was er nun zu tun gedenke, ob er zur Polizei gehen wolle, um eine Anzeige zu machen. Er antwortete: „Nein, das nicht. Eigentlich ist es Deine Profession, eine Antwort auf dieses Problem zu finden. Was soll ich mit den dummen Jungen machen?“ Meine Antwort: „Ich weiß es nicht.“ Mario: „Siehst Du, Andreas, was soll ich mit solch dummen Menschen machen? Ich hätte ihnen doch die Zitronen geschenkt.“

Diese Haltung Marios hat mein Denken sehr verändert. Ich hatte ja vorher, wie es sich für einen „anständigen Psychologen“ gehörte, „Haben und Sein“ von Erich FROMM gelesen, verstanden hatte ich es nun erst. Heute erinnert mich diese Begebenheit sehr an den Dalai LAMA und sein gelebtes Mitgefühl und seine Großzügigkeit. Alles begann mit Mario MOROSI, dann mit Tiziano TERZANI, dann mit dem Autor des Buches über Bach, dem freundlichen Mutzusprecher. Diesen und vielen anderen bin ich dankbar. Auch dies ist immer schnell gesagt und steht an sich am Ende eines Buches (dort finden sich noch andere Danksagungen). Ich bin wirklich dankbar und das heisst für mich, einen Teil des anderen tief und fest in mir aufzunehmen, so dass er ganz normal zu mir selbst gehört und so zu meinem gelebten Leben wird. Das aber braucht Zeit, lange Zeit, Geduld und ein festes Wollen.

Heute geht fast alles viel zu schnell. Vieles bleibt oberflächlich. So wird hastig eine Entschuldigung mit dem dazugehörigen Händedruck ausgesprochen, ohne selbst das notwendige Schuldgefühl in sich zu spüren und als echten Anlass für eine eigene Veränderung zu nehmen. Das klingt sehr moralisch und so soll es auch klingen.

Dank heisst: Du wirst ein Teil von mir und ich ein Teil von dir. Ein Mensch geht niemals ganz. Ein Teil von ihm zu werden ist vielleicht die einzige Möglichkeit, zumindest symbolisch Unsterblichkeit zu erlangen.

Ähnlich ist es beim Trost: Man stelle sich das Leben wie einen Steinwurf ins Wasser vor. Die Wellen breiten sich immer weiter aus und berühren irgendwann das Ufer, irgendwann den am Ufer stehenden Menschen. Dieser andere bleibt bei jedem von uns Zurückbleibenden, auch wenn wir keine Sinfonie wie BEETHOVEN geschrieben oder kein Bild wie DÜRER gemalt haben. Die Wellen von vielen Autoren und Fotographen, die Wellen der von uns portraitierten Menschen, die Wellen von vielen anderen, mit denen wir sprechen konnten, haben mich und meinen Sohn erreicht und wir wollen den nächsten Stein werfen, aber nicht in ein Glashaus, sondern in das Leben.

Als Erstes folgt ein Text, der unsere Fragen und Antworten, so unfertig sie sein mögen, beinhaltet. Darauf folgen fotographische und wörtliche Portraits von Menschen, die gelebt haben und gestorben sind und uns an ihrem Wissen haben teilnehmen lassen. Es finden sich auch Texte von Menschen, die tagtäglich mit Sterbenden zu tun haben. Auch verschiedene Zugänge und Umgangsweisen mit dem Leben und dem Tod sollen besprochen werden.

Fotografien sagen oftmals mehr als jedes Wort. Die Worte können jedoch einiges verdeutlichen und Mut machen, sich auf den Weg zu machen. „Werde, der Du bist“, hat es einmal Friedrich NIETZSCHE genannt.

 

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AUF DEM WEG

Der Weg ist das Ziel. Diesen Ausspruch haben bereits viele von uns genutzt. Noch viele mehr werden ihn gehört haben. Er ist sehr klug – leider geht dies im Alltag allzu oft unter. Das Wort, der Satz sind schnell gesprochen, sie sind klug gesprochen, jedoch erreicht der Sinn uns nicht mehr. Es gibt den Begriff der kontaktreichen Beziehungslosigkeit, welcher meint, dass wir viele Kontakte, im Internetzeitalter viele „followers“ oder „friends“ haben, nur eine wirkliche Beziehung, eine tiefe innere Bindung besteht nicht mehr. So geht es uns auch mit den Worten, so geht es uns auch mit dem großen Lebensthema „Sterben und Tod“. Wir wünschen uns sehr, dass unsere Worte und unsere Bilder nicht in der Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit unserer Zeit untergehen. Sie sollen berühren, uns in Berührung bringen mit uns, anderen Menschen und der Frage, wie man richtig lebt, zumindest so, dass man das eigene Leben als sinnvoll ansieht.

Der Philosoph Martin HEIDEGGER (in Deutschland darf man ihn wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus kaum zitieren, was sehr schade ist, da auch er uns Wichtiges mit auf den Weg geben kann) schlägt vor, zwischen zwei grundsätzlichen Lebensmodi zu unterscheiden: dem Alltagsmodus und dem ontologischen Modus. Im Alltagsmodus, einem Zustand des vergessenen Seins, sind wir mit unseren alltäglichen Verrichtungen, Problemen und Sorgen, Wünschen und Freuden beschäftigt. Wir bewältigen halt den Alltag, so gut es uns gelingt. Im ontologischen Modus, einem Zustand der Bewusstheit des Seins, heben wir uns aus dem Alltag heraus, ziehen uns deutlich zurück und versuchen einen grundsätzlichen Blick auf unser Leben, auf zu beantwortende Fragen wie: „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Was kommt nach dem Tod?“, „Was ist Freiheit?“, „Wie geht das mit der Liebe?“ zu finden.

Die amerikanische Glücksforscherin LYUBOMIRSKY sagte in einem Interview 2014: "Die Angst vor dem Tod, von der wir alle geleitet werden, hilft uns, vorsichtig und wachsam und bewusst zu sein. Also könnte man sagen, die Furcht vor dem Sterben ist für den gesunden Menschen ein Glück." Wir werden von dem Tod geleitet und es sei ein Glück. In der Regel verdrängen wir im Alltag das Thema von Tod und Sterben - natürlich, weil es angstbesetzt ist. Auch ich habe nach wie vor Angst vor dem Sterben, obwohl ich nunmehr seit über 10 Jahren in der palliativen Arbeit beschäftigt bin. Stets, wenn diese Angst mich überkommt, versuche ich, mich nicht in diese hineinzusteigern, sondern sie als Anlass zu nehmen, das Wesentliche in meinem Leben vom Unwesentlichen zu scheiden. Wenn mir dies gelingt und ich eine Weile sozusagen im ontologischen Zustand verweilen kann, findet sich tatsächlich ein stilles Glück und eine große Zufriedenheit. Es geht darum, nicht den Gedanken an die Endlichkeit des Lebens zu verlieren und somit das Gefühl zu gewinnen, das Leben in der eigenen Hand zu halten. Dieses Grundprinzip lautet Memento mori – „Bedenke, dass du sterblich bist“. Diese beiden Wörter wurden im Alten Rom den siegreichen Feldherren und Kaisern, stets wiederholend wie ein Mandala, ins Ohr geraunt. Mit welcher Absicht wurde dies getan? Es sollte vor Höhenflügen und narzisstischen Tendenzen bewahren und klar und deutlich ausdrücken, dass der Erfolg nicht allein durch ihn selbst, sondern nur mit Hilfe all der anderen errungen wurde und daher zu teilen ist. Und es meinte die Demut: Alles ist vergänglich. Auch ich bin vergänglich.

Wenn wir täglich einmal ernsthaft bedenken, dass alles, also auch mein Leben endlich ist, werde ich andere Prioritäten setzen, andere, vielleicht auch klügere Entscheidungen treffen. Dieser Ansicht war auch der russische Komponist SCHOSTAKOWITSCH: „Wenn die Menschen früher mit dem Nachdenken über den Tod anfingen, würden sie … weniger dumme Fehler machen.“ Und damit würden sie sich wahrscheinlich über sich selbst und andere weniger ärgern. Mein Lieblingsbeispiel ist hier der Straßenverkehr: es wird getobt, gemeckert und gezetert; hier wird viel zu viel Lebensenergie vergeudet.

Leider sind wir oft in unserer Hektik, in unserem Ärger und in unseren allzu vielen Ansprüchen, meist auch materieller Art, gefangen. Selbst diejenigen Menschen, welche sich des Massenkonsums von materiellen Dingen und Informationen kritisch bewusst sind, können sich diesem Sog, der immer schneller und kräftiger wirkt, kaum entziehen. Unser Alltag ist überwiegend so aufgebaut, dass die Dinge uns bestimmen und nicht mehr wir die Dinge. Sie können dies gut an unserer Alltagssprache erkennen: Ich muss noch diesen oder jenen schnell anrufen, ich muss noch schnell tanken, ich muss noch schnell meiner Frau Bescheid sagen, schnell dies oder jenes kaufen… Als Hauptursache dafür macht der deutsche Philosoph O. MARQUARD unseren Perfektionismus aus. Im Zusammenspiel mit der Zunahme des Tempos (wir rasen über die Autobahn, wir hetzen durch den Alltag, wir surfen rasend schnell durch das Netz) wird unser Anspruch, möglichst alles perfekt zu machen, auch noch die perfekten Kinder zu erziehen, zu der Schlinge um unseren Hals. Neben dem Perfektionismus, dem rasenden Tempo und der immensen Informationsflut kommen unsere zunehmende Beziehungslosigkeit und Einsamkeit hier ins Spiel. Die Einsamkeit ist jedoch keine gewählte (z.B. zum Nachdenken, da wir den letzten Schritt eh allein gehen werden), sondern es ist eine geschehene Isolation. Wir sind isoliert von unserem eigentlichen Lebenssinn, von unseren Bedürfnissen, von unseren Mitmenschen und fühlen uns wie Getriebene. Stellvertretend dafür steht das Burnout-Syndrom. Viele Menschen leben nicht mehr bewusst erlebend in der Zeit, sie rasen durch die Welt und die Zeit.

Der Sinnforscher Victor FRANKL weist explizit darauf hin, dass unser Stress, das erhöhte Tempo auch damit etwas zu tun haben, dass wir unsere wirklichen Lebensziele aus den Augen verloren haben. Wir gehen nicht mehr auf etwas für uns Wichtiges zu, wir rennen weg, fort von unserer Angst, unserer existenziellen Frustration: "Ich halte das beschleunigte Tempo des Lebens von heute für einen wenn auch vergeblichen Selbstheilungsversuch der existentiellen Frustration; denn je weniger der Mensch um ein Lebensziel weiß - nur desto mehr beschleunigt er auf seinem Lebensweg das Tempo.“

Manchmal erscheint mir unser Gehetztsein so, als ob wir vor uns selbst weglaufen würden, als wenn wir so versuchen, unsere Angst vor dem Tod, unsere Bewusstheit von der Endlichkeit zu verdrängen. Umso schneller wir agieren, umso mehr wächst jedoch die Angst in uns. Da wir dieser Angst, zum einen der Angst, unser Leben zu leben, zum anderen unserer Angst vor dem letztendlichen Sterben, nicht auf den Grund gehen wollen und können, sucht sich unsere Angst andere Objekte, um sie so für uns auf einer oberflächlichen Ebene verstehbarer, einordbarer zu machen. Viele beginnen gar nicht erst ein Leben mit eigenen Zielen und eigenen Sinngebungen. Es ist die Angst vor Entscheidungen, vor einem gesunden Ergreifen dessen, was ich will. Wir lassen uns von den Massenmedien betäuben. Wir haben Angst zu lieben, Angst vor dem Einlassen und dem Loslassen. Denn Einlassen und Loslassen bedeuten nicht nur Wärme und Gewinn, sie bedeuten auch Kummer und Schmerz.

Wir sprechen dann häufig von existenziellen Ängsten und meinen damit unsere Angst um die materielle Abgesichertheit. Darüber vergessen wir oftmals unser Bedürfnis nach Liebe, Glück und sinnvoller Intensität im Leben. Wir vergessen darüber die wahrhaft existenziellen Fragen, wie die nach dem Sinn des Lebens. Wir beschweren uns dann über die anderen, die Gesellschaft, die Politik und vergessen darüber, dass wir es zumindest in der Hand haben, wie wir mit den gegebenen Umständen umgehen. Der existenzielle Psychotherapeut und Psychoanalytiker Irvin D. YALOM gibt uns zu bedenken, dass wir solange in unserem Unglück verhaftet bleiben werden, solange wir nicht die wesentlichen Gründe für unser Glück in uns selber suchen und finden werden. Solange wir uns an den Gedanken klammern, dass die Gründe dafür, dass wir nicht glücklich leben, außerhalb unser selbst liegen, werden wir nicht unser Leben selbst gestalten; es wird kaum zu positiven Veränderungen kommen. Und er findet darin Unterstützung bei dem Vorläufer der existenziellen Philosophie KIERKEGAARD, der es umschrieben so formulierte: Man solle der Vater seines Lebens sein, nicht der Onkel. Es geht also stets um die Selbstverantwortung und nicht das Delegieren der Verantwortung und der Schuld auf andere.

Im Alltag prasselt sehr viel auf uns ein. Wir haben den Beruf, die Familie, Haus und Garten und vieles mehr zu bewältigen. Dies alles verknüpfen wir noch mit einem perfektionistischen Anspruch. Wir leben daher in ständiger Überlastung. Dauerhafte Überlastung, auch durch das Fehlen von Liebe und Anerkennung hervorgerufen, lässt in uns Befürchtungen wachsen. Viele Ängste entstehen. Tief innen wächst unbewusst auch die Todesfurcht. Die Konsequenz ist dann Leiden. Darauf wies bereits der Psychotherapeut STETTBACHER in seinem Buch „Wenn Leiden Sinn machen soll“ hin. Um das nicht wahrhaben zu müssen, treten wir noch schneller im Hamsterrad. Wir bewegen uns dann in einem Teufelskreis. KIERKEGAARD wusste bereits, dass der Mensch sich einschränkt und selbst zurücknimmt, um die Wahrnehmung des „Schreckens, des Untergangs und der Vernichtung, die für jeden Menschen gleich nebenan wohnen“, zu vermeiden. Aber genau dieses Vermeiden können wir unterlassen, indem wir unser Tempo etwas reduzieren, indem wir die Informationsflut deutlich reduzieren (Fernsehapparat aus!), uns mit weniger zufrieden geben ( nicht stetes Wachstum und Anhäufen), auch mit einem „Gut“ leben können.

Die Anthropologin KLUCKHOLM schlägt drei Kategorien der Wertorientierung vor. Die Sein-Orientierung betont unser Tun statt des Ziels, die Sein-im-Werden-Orientierung, welche betont, wie ein Mensch ist und wie er sich entwickelt, und die Tun-Orientierung, welche alle Errungenschaften außerhalb meiner selbst betont. Unsere Gesellschaft orientiert sich am Tun, an äußeren Ergebnissen. Die Arbeit wird überbewertet und der Wert einer Person an den erreichten Ergebnissen festgemacht. Selbst im privaten Rahmen, am Abendbrottisch reden wir über die Arbeit. Daher hören wir so oft vom Stress und vom Leiden. Viele Menschen „ackern“ und sind trotzdem oder gerade deswegen so unglücklich und krank und beschleunigen unbewusst die Zeit bis zu ihrem Tod immer weiter. Wir betonen, dass wir etwas zu erledigen, zu tun, zu schaffen haben. Wir vergessen uns selbst, unser grundsätzliches Sein. Und wir verschieben die Verantwortung auf ein Außen, meist sind die anderen und die Umstände schuld. Der Berater BÖSCHEMEYER meint: "Die Umstände, unter denen wir leben, sind zwar bedeutsam, aber sie müssen uns nicht zentral bestimmen. Sie nehmen uns nicht unsere grundsätzliche Entscheidungsfreiheit. Daher hat praktisch jeder Mensch Möglichkeiten, sein Schicksal zum Besseren zu wenden. Und wenn er etwas nicht erreichen kann, so hat er zumindest die Freiheit, seine innere Einstellung zu ändern." Der Theologe und Philosoph SEDMAK ergänzt: „Zufriedene Menschen gestalten ihr Leben selbst. Sie treffen Entscheidungen und sind nicht nur Opfer der Verhältnisse." Und sehr deutlich, vielleicht sogar überzogen, wirft der Philosoph Peter MICHEL seine Worte in den Ring: „Der Mensch mag sich bemühen oder sich treiben lassen – er wird immer das Resultat seines Handelns verkörpern. Die scheinbare Ungleichheit auf Erden findet in diesem Geschehen ihre Erklärung.“

Wo möchten Sie stehen?

 

LEHRE UNS BEDENKEN,
DASS WIR STERBEN MÜSSEN,
AUF DASS WIR KLUG WERDEN.

PSALM 90

 

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"SOBALD WIR ERKENNEN, DASS DER TOD NICHT ETWA EIN UNVORSTELLBARER ZUSTAND EINER PERSON IST, DIE WOMÖGLICH NACH WIE VOR EXISTIERT, SONDERN AN SICH SCHLICHT - NICHTS, WERDEN WIR AUCH EINSEHEN, DASS IHM WEDER EINE POSITIVE NOCH EINE NEGATIVE VALENZ ZUGESCHRIEBEN WERDEN KANN." NAGEL, 2012

"ICH HÄTTE GERN EINEN GLAUBEN GEHABT, DANN WÄRE ES LEICHTER. DA IST ABER NICHTS." GERHARD N., 2014

GERHARD N. –
Die Freiheit und das Nichts

Ich habe ihn gleich gemocht. Er hat mir gegenüber seine Angst vor dem Tod gleich angesprochen und seine Hilflosigkeit. Neben der Angst und der Wehmut war da immer solch ein Lächeln, solch eine Lebenskraft, die mich in seinen Bann zog. Ohne Absicht hat er mir Aufgaben gestellt und Fragen, die in meinem Herzen und meinem Kopf kreisten und noch kreisen.

Er hat lange mit seiner Frau und seinem Sohn in Berlin gelebt, dort sei sie immer krank gewesen. Hier auf dem Hof direkt hinter dem Oderdamm sei sie dann gesundet.

Er hat versucht, so viel wie möglich allein zu machen: das Haus aufbauen, das Land bewirtschaften, sich um all die Tiere kümmern, die ihnen so zugelaufen und zugeflogen sind. Das Wichtigste ist ihm stets gewesen, seinen freien Raum vor dem Außen zu schützen, so wenig fremde Einflussnahme wie möglich zuzulassen. Er hilft den Menschen gern, noch lieber der bedürftigen Tieren. Er ist gern für andere da, solange sie seine Autonomie nicht in Frage stellen. Sein Stolz: Das ist ihm im Wesentlich gelungen. Nur seinen Sohn vermisst er manchmal, der ist in Berlin geblieben.

Die Angst vor dem Tod hat er schon vor seiner Krebserkrankung gekannt. Manchmal hat sie wie eine Faust zugeschlagen. Sie begleitet ihn schon lange. Dieses In-die-Welt-geworfen-Sein, wie es HEIDEGGER formulierte… Was geworfen wird, das fällt, fällt vielleicht in ein tiefes Nichts oder schlägt hart auf der Erde auf. Diese Unausweichlichkeit durch das endliche Leben hat ihm immer zu schaffen gemacht. Der Tod ist der unzerstörbare Zerstörer, das hat er gewusst. Er konnte für sich keine akzeptable Idee über ein irgend geartetes Danach entwickeln. Die Vorstellung vom Nichts wurde mit vielen schwer erträglichen Phantasien gefüllt - ganz irrational, für ihn aber ganz rational. „Die Furcht vor nichts ist in Wirklichkeit Furcht vor dem Tod.“ (YALOM 2010, S.30)

 

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Diese Furcht vor dem Tod, vor dem Sterben - dabei hat er noch so viel zu tun! Angst vor dem Leben hat er nie gehabt, hat seine Meinung gesagt und zu ihr gestanden, sich notfalls mit anderen angelegt. Den Kampf in der Welt hat er oft bestanden, da der Feind sichtbar gewesen sei. Der innere Feind jedoch ist nicht sichtbar, unsichtbar, ein Nichts - daher die Furcht.

Er hat nie das Memento mori gepflegt, das bewusste Erinnern daran, dass das Leben endlich ist. Ein Memorieren über den Tod hat ihm nie geholfen. Verdrängen, das Beiseite-Schieben war stets sein Weg, nicht das bloße Ablenken. Die Angst hat ihn getrieben, aber nicht vor sich her. Nein, immer mehr zu ihm selbst hin, zu seinen Projekten, zur Verteidigung seines freien Raumes. Dabei hat er oft mit seiner Zeitepoche gehadert. Am meisten hat ihn die Oberflächlichkeit gestört, die einseitige Orientierung am Geld und der Mangel an Mitgefühl. Vor allem im Umgang mit den Tieren ist ihm das aufgefallen. Der „Feind da draußen“ ist immer virtueller geworden, weniger fassbar. So hat er sich zurückgezogen auf seinen Hof, seine Freiheit verteidigt und nur all jene zu sich gelassen, die seine Freiheit nicht einschränkten - vor allem Tiere, die keiner mehr wollte. Zu den besten Zeiten waren das 4 Pferde, 6 Hunde, 18 Katzen und ein Waldkauz. Hier war er sicher und konnte etwas tun, der Hilflosigkeit und dem Ohnmachtsgefühl in der Welt da draußen entfliehen und seinen Weg gehen, als hätte er Tiziano TERZANI gekannt: "Die Krankheit, unter der ein großer Teil der Menschen heute leidet, ist nicht greifbar, nicht klar zu beschreiben. Man fühlt sich mehr oder weniger bedrückt, ausgenutzt, deprimiert. Aber es fehlt ein Objekt, auf das sich die Wut richten, ein Ziel, auf das sich Hoffnung gründen ließe. Früher einmal hatte die unterdrückende Macht ihre Residenzen und Symbole, die im Aufstand hinweggefegt wurden. Man schoss auf einen König, stürmte die Bastille, nahm den Winterpalast ein und öffnete so die Bresche für ein neues Zeitalter. Und heute? Wo liegt das Machtzentrum, das für unsere Misere verantwortlich ist? Vielleicht gilt es, ein für alle Mal zu akzeptieren, dass dieses Zentrum in uns selbst liegt und angesichts des Scheiterns aller äußeren Revolutionen nur noch eine große innere Revolution die Dinge verändern kann." (TERZANI 2007)

Diesen Schritt der inneren Revolution hat Gerhard N. begonnen - spät, vielleicht zu spät. Das jedoch hat er mir mitgegeben: nicht zu spät anzufangen, die Welt zu begreifen versuchen.

Es wird gesagt, der Tod trivialisiere das Triviale. Es geht darum, sich nicht von den vielen kleinen Problemen des Alltags einschüchtern zu lassen und diese in den Mittelpunkt des Daseins zu stellen. Mir fällt es auch oft schwer, mich vom Alltäglichen zu trennen, mich dem Wichtigen zuzuwenden, mich von der Frage begleiten zu lassen, was wirklich wichtig ist in diesem Leben. Im Alltag meiner Praxis werde ich oft mit Problemen konfrontiert, die auf den ersten Blick trivial wirken. Aber sie bieten die Chance, das Essentielle, das Existenzielle herauszufiltern. In dem wir uns von der Bewältigung unserer Alltagsprobleme bestimmen lassen, leben wir in einem Zustand des Vergessens des Seins, meint HEIDEGGER. Wir sind mehr oder minder fremdbestimmt. Das ist meine andere große Angst neben der Angst vor dem Sterben: die Angst, nicht Ich zu sein, nicht authentisch zu sein, am Ende meines Lebens festzustellen, dass ich nicht mein Leben, sondern ein von anderen gewünschtes, von anderen bestimmtes Leben gelebt habe.

Ich bin dankbar, dass meine Patienten mich täglich daran erinnern, mich nicht in Kleinigkeiten zu verfangen, sondern den Blick immer wieder auf das Wesentliche zu richten: die Einheit von Leben und Tod, meine Lieben, meine Lebensaufgabe. Der bekannte Psychiater und Philosoph Karl JASPERS machte uns auf die Grenzsituation aufmerksam, die der Tod ja ist; und erst dann, wenn wir Leben und Tod als eine Einheit wahrnehmen können, uns dieser Angst vor dem Sterben stellen, können wir unser Leben auf eine authentische Art und Weise leben. Ich weiß, dass der Begriff der Authentizität viel gebraucht ist. Eines aber habe ich mahnend von Gerhard N. gelernt: Es geht nicht um große Worte, sondern um ein tatsächlich gelebtes Leben, um ein authentisch gelebtes Leben. Einem solchen Leben ist er stets verpflichtet gewesen. Er hat sich aufgeopfert - aber nicht, weil er nicht Nein sagen konnte. Konfrontation hat er nicht gescheut. Er hat sich aufgeopfert, wenn ihm etwas wichtig erschien, von innen heraus. Das kann ich von ihm lernen.

In meiner Praxis belaufen sich die Wartezeiten auf eine Psychotherapie auf länger als ein Jahr. So viele Menschen wenden sich an mich, doch fehlt mir die Zeit, ihnen angemessen zu helfen. Manchmal hilft eine kurze Intervention, manch einen kann ich zu einem Kollegen überweisen. Trotzdem muss ich oft Nein sagen. Auch das Nein gehört zum Leben. Theoretisch ist mir das klar – es wirklich zu leben, ist aber oftmals sehr schwierig. Wie viele Menschen teilen mit mir dieses Problem! Und das fällt noch viel mehr ins Gewicht! In diesem Nein versteckt sich ein tiefes, aufrichtiges, authentisches Ja - ein Ja zu meinem Leben, ein Ja zu meinen Werten, ein Ja zu meinen Lieben. Das wird häufig vergessen. Ein Nein – einfach so – ist sinnlos, wendet sich gegen unsere Lebendigkeit. Ein Nein braucht das Ja zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens. Nur so kann es uns helfen, nicht irgendwann festzustellen, dass wir auf ein ungelebtes Leben zurückschauen. Das ist ein Problem, welches vielen Menschen das Sterben so schwer macht. Habe ich wirklich gelebt, kann ich auch leichter von dieser Welt gehen. Das ist mir wichtig und eine häufige Botschaft meiner Psychotherapien.

Gerhard N. hat stets versucht seinen Weg zu gehen. Dabei ist es ihm zu einer guten Gewohnheit geworden, Verantwortung zu übernehmen. Selbstbestimmung ist nicht möglich ohne bewusste Verantwortungsübernahme und Engagement: Das, was ich tue, tue ich aus freiem Willen heraus, weil es mir ein Bedürfnis ist. Das, was ich tue, tue ich mit ganzem Herzen. Das ist wichtig. Und in diesem Tun hatte Gerhard N. die Angst vor dem Tod manchmal überwunden, zumindest für den jeweiligen Augenblick. Sie wurde nicht zum Hemmnis, sondern mehr und mehr zum Antrieb für sein Leben in seinen Projekten. Es gelang ihm mal mehr, mal weniger gut. Jedoch hatte er immer etwas zu tun, was über ihn selbst und seinen Eigennutz hinauswies. Und seine Ehefrau wurde dabei immer mehr zu einem wesentlichen Teil, einer wichtigen Hilfe. Überwiegend war da Lebensfreude und Lebenssinn - wenn auch immer wieder unterbrochen von dieser Angst vor dem Tod, seinem Feind, viel zu selten ein wenig Freund. Er ist nie ein Philosoph gewesen, halt einfacher Arbeiter. Jedoch scheint es, als habe er es mit EPIKUR gehalten: Er ist auf dem Weg, seinen Gleichmut zu finden, ataraxia zu leben, sich unabhängig von Gott, der Furcht und den Menschen zu machen, nicht den falschen Idealen zu folgen. Mit den Göttern und den Menschen ist es ihm gelungen, er ist aus ihrer Abhängigkeit herausgetreten. Nur mit der Furcht vor dem Sterben schlägt er sich noch herum. „Nun, er (Epikur) geht davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt und dass wir nach unserem Tod von den Göttern nichts zu befürchten haben. Dann sagte er, dass Tod und Leben niemals koexistieren können. Mit anderen Worten: Wo Leben ist, ist kein Tod, und wo Tod ist, ist kein Leben. ... Epikur hat allerdings noch ein Argument, das Symmetrieargument, das sogar noch mächtiger sein könnte. Es postuliert, dass der Zustand des Nichtseins nach dem Tod identisch mit dem Zustand des Nichtseins vor der Geburt ist. Und obwohl wir den Tod fürchten, empfinden wir kein Grauen, wenn wir an jenen früheren, identischen Zustand denken. Daher haben wir auch keinen Grund, den Tod zu fürchten. (YALOM 2013) Dem Nichts einen Sinn geben durch tagtägliche Arbeit, Leben in Harmonie mit der Natur, in Fürsorge für verletzte und verstoßene Tiere. 14 Katzen im Haus… „Und riecht es?“, fragt er. „Nein, also es geht!“ EPIKUR ist ein wenig Trost.

Als Gerhard N. erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, ist da ein ohnmächtiges Gefühl. Er stimmt einer palliativen Chemotherapie zu in der Hoffnung auf eine Verlängerung seines Lebens. Dabei verliert er jedoch den Zugang zu seinen Ressourcen und zu seinem Willen. Erst die Auswirkungen der ersten Palliativ-Chemo mit Kraftverlust, Übelkeit und Gangstörungen wecken ihn auf. Er beschließt, mit der Therapie aufzuhören. Und er beschließt, seine letzten Monate so zu leben wie er all die Monate und Jahre davor gelebt hat: Er kümmert sich um die Tiere, redet mit seiner Frau (nur, dass er sich um sie Sorgen macht, sagt er nicht) wie all die Jahre davor, und er überlegt, was alles auf dem Hof zu tun ist. Viel zu selten ist er auf dem Oderdamm, das muss nachgeholt werden. Hier folgt er dem Grundsatz, dass eine hohe Lebensintensität die Angst vor dem Sterben mindert. Die Ars vivendi, die Kunst des Lebens, hilft beim Loslassen. Irgendwie scheint er zu wissen, dass es klug ist, sein Leben weiter zu leben wie bisher. Der Gedanke, eine Weltreise zu machen oder sein Leben vollständig umzukrempeln, ist ihm nicht gekommen. Er steht zu seinem bisherigen Leben – voll und ganz. Das führt zu einer starken inneren Würdigung dieses seines bisherigen Lebens. Hier hat ein Erschrecken, bisher vieles falsch gemacht zu haben, keinen Platz.

Das ist auch eine Botschaft, die mir wichtig ist: stolz sein zu können auf das eigene Leben, nicht nachträglich alles in Frage zu stellen. Es ist wichtig, das Leben so zu leben, dass ich es jederzeit würdigen kann. Das gibt uns dann unsere Würde, auch die im Tod.

Selbstbestimmung und Symbiose, Selbstbestimmung und Verbindung – wie geht das zusammen? Auf ein Jenseits hat Gerhard N. verzichtet. Der Wunsch danach war groß. Die Angst vor dem für ihn einzig Möglichen, dem Nichts, war oftmals noch größer. Er hat sich und seine Meinung nie versteckt, hat sich angelegt mit den Behörden, Wasserverbänden und Nachbarn - aber nur, wenn sie sich in sein Leben ohne ein Ja von ihm einmischten. Er weiß von den vielfältigen Abhängigkeiten im Leben und versucht sich von diesen zu befreien. Wenn es ihm gelingt, ist er glücklich.

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