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Ein Lied von Liebe und Verrat

INHALT

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Motto
  8. Kassette 1, Seite 1
  9. Kassette 1, Seite 2
  10. Kassette 2, Seite 1
  11. Kassette 2, Seite 2
  12. Kassette 3, Seite 1
  13. Kassette 3, Seite 2
  14. Kassette 4, Seite 1
  15. Kassette 4, Seite 2
  16. Kassette 5, Seite 1
  17. Kassette 5, Seite 2
  18. Kassette 6, Seite 1
  19. Anmerkung des Autors

ÜBER DIESES BUCH

Griechenland 1943. Nachdem ihr Vater erschossen wurde, findet die 14-jährige Aliki Zuflucht bei den Nachbarn. Dort versteckt sich auch der Jude Stelios, der sie in die Kunst des Schattentheaters einführt. Nach einem blutigen Aufstand im Dorf ergreifen Aliki, Stelios und der Nachbarsjunge Takis die Flucht. Mithilfe des Theaters schlagen sie sich über Athen bis nach Kreta durch. Doch als Aliki und Stelios sich ineinander verlieben, ist Takis‘ Eifersucht grenzenlos ...

ÜBER DEN AUTOR

James William Brown, geboren in Illinois, war Wallace-Stegner-Stipendiat in Stanford und hat Kurzgeschichten, Artikel und Buchrezensionen veröffentlicht. In New York, Boston und Athen hat er als Verlagsleiter bei mehreren Lehrbuchverlagen gearbeitet. Nach zehn Jahren in Griechenland lebt er heute mit seiner Frau in der Nähe von Boston. Die Schattenspieler ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint.

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JAMES WILLIAM BROWN

Ein Lied von Liebe und Verrat

ROMAN

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Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch
von Axel Merz

  KASSETTE 1, SEITE 1

Moment mal, wie starte ich dieses Ding? Ah. Vielleicht läuft es ja schon. Da blinkt jedenfalls ein rotes Licht, ein kleines feuriges Auge in dieser dunklen Küche. Ich schätze, ich muss in dieses Ding hier sprechen – Hallo, hallo da drin. Eins, zwei, drei, vier. Ich spule das mal eben zurück und spiele es ab, um sicher zu sein, dass ich alles richtig gemacht habe. Diese ganzen Apparate haben es nämlich irgendwie darauf abgesehen, mich zu demütigen. Technik bedeutet für mich, eine Kassette in einen Rekorder zu stecken, und das war es für mich. Keine Kommentare bitte. Okay, alles ist okay, auch wenn ich nie darauf gekommen wäre, dass ich so klinge in den Ohren anderer, alt und krächzend, wie ein altersschwacher Frosch.

So, nun denn, wo fange ich an? Mein Name ist Aliki, und ich bin das letzte berufsmäßige Klageweib hier in unserem Dorf im Nordosten von Griechenland. Das ist richtig, ich verfasse Klagelieder, sogenannte mirologia, Lieder für Totenwachen und Ähnliches. Na ja, eigentlich verfasse ich sie nicht wirklich. Ich scheine in einen besonderen Zustand zu fallen, und sie verfassen sich von alleine und strömen aus mir hervor wie ein langgezogener Seufzer. Vielleicht sind es ja nicht einmal richtige Lieder, mehr Sprechgesänge. Es ist ein alter Brauch in unserem Dorf, seit Ewigkeiten praktiziert von alten Frauen wie mir, obwohl ich, wie ich bereits sagte, die letzte in unserer Gegend bin. Und die Toten, über die ich klage, sie scheinen irgendwie um mich herum zu lungern, ob es mir nun gefällt oder nicht – Sie werden bald verstehen, was ich meine. Die Toten scheinen nie fertig zu werden mit uns – oder sind wir es, die nie fertig werden mit ihnen?

Wenn jemand von einer der alten Familien hier in unserer Gegend stirbt, dann bitten mich die Hinterbliebenen um meinen Klagegesang. Sie wollen eigentlich keine Trauer, sondern die Stationen eines Lebens. Der Gesang kann lang oder kurz sein und ist nicht unbedingt traurig. Die Familie möchte das Gefühl, den Toten die traditionelle Ehre erwiesen zu haben, bevor sie den Leichnam zur Kirche fahren mit dem jungen neuen Priester, Vater Yerasimos. Die jüngeren Familien übergehen mich natürlich und wenden sich gleich an ihn, doch ich nehme es ihnen nicht übel. Ich bin hier für jene, die mich brauchen, und als Gegenleistung bekomme ich von ihnen, was immer sie zur Hand haben – ein paar Eier, Oliven, Käse, einen Laib Brot vom Vortag. Manche sind großzügiger als andere, doch ich nehme, was mir angeboten wird, und beschwere mich nicht. Niemand hat viel Geld dieser Tage, dank der Patzer und dem unverblümten Diebstahl unserer Regierungen in den vergangenen Jahren, ganz zu schweigen von den moralistischen Nachbarn im Norden. Andererseits brauche ich nicht viel; die Zeit hat mich klein gemacht. Das ist es, was die Jahre mit einem tun – sie lassen einen schrumpfen, indem sie jene wegpflücken, die man liebt, einen nach dem anderen, bis schließlich sogar die Erinnerungen schwinden. Letzten Endes ist man viel weniger als zuvor.

Ich kleide mich ausschließlich schwarz, wie es einst der Brauch war für Witwen und Klageweiber. Es ist immer noch mein Brauch. Mein Kopftuch ist ebenfalls schwarz, und wenn ich nach draußen gehe, ziehe ich mir ein Ende über Mund und Nase, um meine schlechten Zähne zu verbergen. Ich sehe aus wie eine Hexe aus dem Bilderbuch. Das Mädchen, das ich an jenem Tag war, als die Deutschen meinen Vater exekutierten, würde die alte Vettel nicht wiedererkennen, die ich geworden bin.

Wo wir von meinem Vater sprechen – ich habe ihn heute Morgen schon wieder gesehen, in meinem Garten. Er angelte sich eine Zigarette aus seiner Hemdentasche, gleich neben den schwarz gewordenen Einschusslöchern in seiner Brust, und steckte sie sich an. Es erschien mir wenig sinnvoll, ihm zu sagen, dass Rauchen seiner Gesundheit wirklich schadet angesichts der Tatsache, dass er seit mehr als fünfzig Jahren tot ist. Da stand er also und erzählte mir abermals, dass die Dinge auf der anderen Seite nicht so anders sind als hier bei uns. Ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt an eine andere Seite glaube, aber wenn die Toten auftauchen, dann sollte man im Zweifel schon irgendwie auf sie hören.

Wir stehen die ganze Zeit rum und reden über Politik, sagte er. Alle reden auf einmal, unterbrechen sich gegenseitig und werden laut, und niemand ist mit irgendjemand anderem einer Meinung. Es ist genau wie im Leben.

Es war im Jahr 1943, als die Deutschen ihn zusammen mit zwei anderen Männern aus dem Dorf exekutierten. Sie ließen alle drei vor der Steinmauer unter der Platane auf der plateia stehen und schossen sie nieder, einfach so. Sie steht immer noch da, die Mauer, und ich denke jedes Mal an ihn, wenn ich an ihr vorbeikomme.

Wir haben nicht mal mehr ein anständiges kafeneion hier, wo man eine gute Tasse Kaffee trinken kann. Wir versuchen, eine Eingabe deswegen in Gang zu bringen, doch anscheinend kann man sich nicht über den Wortlaut einigen. Und es gibt niemanden, der die Sache vorantreibt. Anscheinend fühlt sich niemand verantwortlich.

»Aber was ist mit den Heiligen?«, frage ich jedes Mal. »Oder mit der Heiligen Familie?«

Wir haben noch nie einen von denen gesehen. Und irgendwo haben wir ganz bestimmt eine Bürokratie voll von Inkompetenten. Er nahm einen weiteren tiefen Zug von seiner Zigarette, lehnte sich zurück und blies einen perfekten Rauchring in die Luft. Also alles ganz genau wie im Leben.

Das war keine Überraschung. Man muss sich nur all die säuerlichen Gesichter auf den Kirchenbildern ansehen. Abgesehen davon, als wir in den 1940ern dahinsiechten, wo waren sie da? Keiner, der uns zu Hilfe gekommen wäre. Wozu sind sie dann überhaupt nütze?

Er zögerte kurz. Geh wieder schlafen, Kind, sagte er schließlich.

»Aber ich bin wach, ich stehe hier auf den Stufen zur Hintertür und sehe dir dabei zu, wie du dir die Lunge aus dem Leib rauchst.«

Meinetwegen, sagte er. Schlafen, Wachsein – wo ist schon der Unterschied? Und mit diesen Worten war er verschwunden.

Das ist so eine Sache mit den Toten. Sie sind leicht, unendlich leicht. Sie schlüpfen in unsere Welt und wieder hinaus, ohne dass es sie die geringste Anstrengung kosten würde. Wir hingegen wirken ausgesprochen schwer und träge und zerren unsere Leben hinter uns her wie einen alten Sack voller Steine.

Ah, warten Sie, was ist das für ein klickendes Geräusch? Vielleicht, wenn ich auf diesen Knopf hier drücke? Ehrlich, ich hoffe, wir werden nicht von ständigen Stopps und Starts geplagt. Dieser Rekorder und diese Kassetten wurden mir von einer griechisch-amerikanischen Gelehrten dagelassen, die mich vor ein paar Monaten besucht hat. Eine ernste junge Frau von einer amerikanischen Universität, die Forschungen auf dem Gebiet der ländlichen Klagebräuche betreibt, oder wenigstens hat sie das gesagt.

Verstehen Sie, wenn sie die Letzte sind in einer Linie von so gut wie allem, dann kommen die Leute vorbei, um einen zu studieren, als wäre man ein Esel, der vor der Fahne salutieren kann. Wie man sich dabei fühlt, wollen sie von einem wissen. In meinem Alter gibt es eine ganze Menge zu fühlen, auf die eine oder andere Weise. Es ist mir ein Rätsel, wie ein Brocken Erinnerungen mit einem anderen Brocken aus einer viele Jahre entfernten Zeit zusammenpappen und schließlich zu etwas ganz anderem werden kann als dem, woran man sich beim letzten Mal erinnert hat.

Wie dem auch sei, diese Forscherin, eine Ethnografin, wie sie sich nannte, war ein hübsches kleines Ding, auch wenn ihre blonden Haare aussahen, als hätte sie sie mit einem Schneebesen bearbeitet und anschließend alles mit Leim gefestigt. Sie hatte so eine winzige Brille, die sie sich immer wieder auf der winzigen Nase zurechtrücken musste, während sie darüber redete, all meine Klagegesänge aufzuzeichnen. Sie stellte mir Fragen über das Anderssein einer Klagefrau und über etwas, das sie die Poetik der Sozialkritik nannte. Was konnte ich schon sagen? Ich sah sie nur an, während sie über hohe Stimmlage versus tiefe Stimmlage und eine Menge anderer Dinge redete, von denen ich noch nie gehört hatte. Wir saßen in der Küche – wo ich jetzt ebenfalls sitze –, und durch das Fenster konnte ich meinen Nachbarn sehen, den alten Stavros, wie er mit der Heugabel seinen alten Eselskarren belud. Eine Brise wehte das Heu hierhin und dorthin, doch was im Karren landete, sah ganz ähnlich aus wie die Haare meiner Besucherin. Ich konnte sehen, dass mein Schweigen sie nervös machte; anscheinend war ich nicht so ganz die Art von Subjekt, nach der sie gesucht hatte, das arme kleine Ding. Sie tätschelte sich immer wieder den Kopf, als wollte sie sich überzeugen, dass er noch auf ihrem Hals saß, um sich anschließend die Brille auf dem Nasenrücken nach oben zu schieben.

»Wie wir wissen, ist der Tod der Übergang vom Innen zum Außen«, sagte sie. Ihr Griechisch war gut, obwohl sie diesen flachen amerikanischen Akzent hatte – und ich nicht die leiseste Ahnung, wovon sie redete. »Würden Sie das nicht auch so sagen?«, fragte sie, als sie meinen verständnislosen Gesichtsausdruck bemerkte.

»Ich hab nie darüber nachgedacht«, antwortete ich. »Wollen Sie mir etwas über sich selbst oder Ihre Familie erzählen? Benötigen Sie meine Dienste? Sind Sie deswegen von so weit her gekommen?«

Nein, nein, sagte sie und errötete. Es wäre lediglich ihr Forschungsgebiet. Mediterrane Ethnografie. Sie versuche derzeit, sich zu etablieren, eine Publikation über eigene Feldforschungen zu erstellen. Sie hätte bereits eine Reihe anderer Klageweiber interviewt, die hauptsächlich heulten und jammerten, wie sie sagte, und wiederum andere, die über die Taten der toten Person sangen oder sie rühmten. Doch sie hatte bisher noch mit keiner Frau gesprochen, die Totenlieder verfasste.

»Wurden Sie schon einmal von jemand anderem interviewt?«, wollte sie von mir wissen.

»Nein, es sei denn, Sie meinen die Fernsehleute, die den ganzen Weg von Athen hergekommen sind. Und dann war da noch der Zeitungsreporter aus Thessaloniki. Aber niemand von der Universität, bis heute nicht.«

Sie schien erleichtert und sagte, sie hätte gerne, dass ich meine Totenklage in dieses Gerät hineinspreche, so ein kleines Ding, das sie in den Händen hielt und mit den Daumen bearbeitete. Es schien ausgesprochen störrisch zu sein, und das lag wohl daran, sagte sie, dass unser Dorf in diesem Tal auf der falschen Seite des Berges lag. Auch wenn sie sich für die Tatsache interessierte, dass die Isolation unsere Bräuche größtenteils unverändert erhalten hatte, schienen wir zu abgelegen zu sein für dieses kleine Ding.

Wir sind nicht abgelegen hier, sagte ich zu ihr. Abgelegen ist immer irgendwo anders, ein Ort, an dem man gerade nicht ist. Und ich weiß wirklich nicht, warum jemand die ganze Zeit so ein Ding mit sich herumschleppt, das ihn nur ärgert, wie dieser kleine Apparat sie zu ärgern schien.

»Ich kann meine Klagegesänge nicht einfach ein- und ausschalten wie das Licht in der Küche«, sagte ich.

»Oh, ja, natürlich. Bitte entschuldigen Sie – das habe ich nicht bedacht. Ich hatte gehofft, Sie könnten es selbst aufnehmen, wenn Sie, na ja, in der richtigen Stimmung sind.«

Ich wollte das nicht weiter vertiefen, aber tatsächlich näherte sich Zephyra, meine alte Nachbarin und Freundin aus Kindertagen, in ihrem Haus ein Stück die Straße runter dem Ende (und tut dies noch immer). Das arme Ding, was für ein dürftiges kleines Leben sie doch gehabt hat. Es wird genügend Klagen geben, wenn es denn so weit ist.

Dann kramte die Gelehrte in ihrer Tasche und meinte, sie hätte sich schon gedacht, dass unsere Abgeschiedenheit ein Problem sein könnte, weswegen sie diesen kleinen batteriebetriebenen Rekorder mitsamt Kassetten mitgebracht hätte, den sie mir dalassen würde. Ich sagte nicht, dass ich ihn benutzen würde, aber ich sagte auch nicht, dass ich es nicht würde. Sie war schließlich von weit her gekommen, um mich zu sehen, also dankte ich ihr und gab ihr zum Abschied ein Glas von dem guten Honig mit, den wir in unserem Dorf machen, und sagte, sie solle mich ruhig bald wieder besuchen. Wir mögen unsere Sinne verloren haben, aber wir haben immer noch unsere Manieren. Sie sagte, sie würde sich melden.

Und das war eigentlich alles. Sie hat sich nicht mehr gemeldet, und ihr Besuch ist Monate her. Wer weiß, ob sie es noch mal tut? Nicht viele Menschen finden den Weg in unser Dorf, und von den wenigen kommen die meisten kein zweites Mal. Ihr Rekorder und die leeren Kassetten liegen hier rum, und manchmal glaube ich sie flüstern zu hören, sag mir, was du fühlst.

Was ich fühle, ist, dass die Zeit mir schon bald noch mehr entreißen wird. Also denke ich, dass ich endlich anfange mit Erzählen, aber nicht nur über Klagegesänge. Ich würde gerne schildern, was sich ereignet hat, und zwar in der Reihenfolge, in der die Dinge geschehen sind. Ich würde gerne zurückkehren in jene andere Zeit, jene Zeit voller Geheimnisse. Aber es fühlt sich merkwürdig an, hier zu sitzen und mir selbst über mich selbst zu erzählen. Also, ich denke, ich werde Folgendes tun. Ich stelle mir vor, dass Sie zuhören, meine amerikanische Gelehrte, obwohl ich nur so wenig über Sie weiß. Na ja, es tut mir leid, was ich über Ihre Haare gesagt habe und so. Ich würde ja zurückspulen und meine Worte löschen, aber ich weiß nicht so genau, wie man das tut. Wenn Sie mir also verzeihen mögen, ich mache einfach weiter, tue so, als wären Sie interessiert an meinem Leben und den damaligen Zeiten, nicht einzig und allein an meinen Klagegesängen. Na ja, das sind Sie doch auch, oder nicht? Und natürlich sind Sie jung, und ich weiß nicht, wie viel Sie über den Krieg wissen und das, was danach kam. Ich habe gehört, dass man in Ihrem Land nicht viel Geschichte unterrichtet, auch wenn ich mir das kaum vorstellen kann. Es ist schwer zu glauben hier bei uns, wo wir nie über unsere glorreiche Vergangenheit hinwegzukommen scheinen oder damit aufhören können, sie mit unserer armseligen Gegenwart zu vergleichen. Mag es sein, wie es will, ich denke, ich werde hier und da ein paar Fakten einflechten.

Ich sollte allerdings auch anmerken, dass wir möglicherweise von Zeit zu Zeit unterbrochen werden, und zwar wegen meiner armen Freundin Zephyra. Sie hat länger durchgehalten, als irgendjemand erwartet hätte, aber sie ist zu guter Letzt doch in ihren letzten Tagen angekommen.

Oh, jetzt hat der Apparat aufgehört zu klicken. Also weiter.

Ich glaube, ich hatte von den gestohlenen Kürbissen erzählt. Oder nein, halt, ich war noch gar nicht so weit gekommen. Ich fange besser noch ein Stück weiter vorne an. Also, es war das Jahr 1943, und die Deutschen waren seit einer Weile in unserem Dorf. Die Italiener waren zuerst da gewesen, aber dann hatten die Deutschen übernommen. Mein Vater hat immer gesagt, die Tatsache, dass sie überhaupt in unser Dorf gekommen sind, muss wohl eine bürokratische Verwechslung gewesen sein. Sie waren größtenteils in Athen und auf den Inseln; nicht viele waren auf dem Festland, das hauptsächlich von den Italienern besetzt gehalten wurde. Vielleicht hatte ein Schreiber einen Fehler gemacht und den Namen unseres Dorfes mit dem eines strategisch bedeutsameren Ortes verwechselt? Die Deutschen waren jedenfalls ganz bestimmt nicht wegen der Holzkohle hier, die in unserer Gegend produziert wurde. Sie wird aus den harzreichen Kiefern gemacht, die in den umliegenden Wäldern wachsen. Früher haben die Wälder meinem Großvater gehört. Sein Sohn, mein Vater, war der letzte Köhler in der Linie. Es war eine schwere Arbeit. Der oder die Letzte in einer Linie zu sein scheint im Übrigen ein Wesenszug unserer Familie zu sein. Vom Qualm des Schwelungsprozesses war seine Haut walnussbraun, und seine Kleidung hatte den unverwechselbaren Geruch von Harz angenommen. An den Männern in meiner Familie hatte schon immer diese eigenartige Mischung von Düften gehaftet – eine rauchige, harzige Männlichkeit.

Doch die Köhlerei kam im Verlauf des Krieges zum Erliegen, genau wie alles andere auch. Die Deutschen hatten, um sich selbst zu ernähren, unser Getreide genommen, unser Vieh und unser Olivenöl. Sie hatten sogar die Lerchen vom Himmel geschossen und gegrillt. Folglich hatten wir wenig zu essen, mit Ausnahme des Grünzeugs, das wir an den Berghängen fanden. Und so hatten wir so gut wie keine Energie und keinen Willen. Wir bewegten uns wie in Zeitlupe. Nahezu vier Jahre waren sie damals da, und ich war eben vierzehn geworden.

Zuerst hatten die Italiener das Land von Norden her erobert, nicht weit von hier, im Oktober 1940. Einige unserer Dorfjungen starben an der albanischen Grenze, möge die Erde leicht auf ihnen ruhen, während sie sich bemühten, die Makkaronifresser aufzuhalten. Unsere tapferen Truppen schafften es sogar für ein paar Monate, unter Mitwirkung der britischen, australischen und neuseeländischen Streitkräfte. Doch im folgenden April war Hitler Mussolini zu Hilfe gekommen, und am Ende teilten die beiden uns zwischen sich auf wie zwei Wölfe, die sich um das gleiche Schaf streiten. Unsere Regierung und die königliche Familie flohen nach Kairo und überließen uns den Wölfen. Wir in den Gegenden, die die Deutschen besetzt hielten, beneideten jene in den anderen Gegenden, weil wir gehört hatten, dass die Makkaronifresser nicht so schlimm waren. Tatsächlich ähnelten sie uns ein bisschen in der Art und Weise, wie sie Regeln und Vorschriften ignorierten und stets bemüht waren, dem Leben ein wenig Vergnügen abzuringen, selbst in Kriegszeiten. Die Deutschen hingegen – bah. Sie ließen uns nicht mal einen Laib Brot.

Des Nachts träumten wir von Essen, von Osterlamm, über Holzkohle gegrillt, von duftender Eier-Zitronen-Suppe, von Schafsjoghurt mit Thymianblütenhonig und von köstlichen kleinen Fleischbällchen gewürzt mit Minze und Petersilie. Ich war besessen von Gedanken an Süßigkeiten, und die Vorstellung von Mandelplätzchen bestäubt mit Puderzucker war eine einzige Tortur.

Weil ich so wenig Kraft hatte, tat ich alles so, wie mein Vater es mir gesagt hatte, nur langsam, unendlich langsam, niemals hastig, niemals laut. »Stell dir vor, du tanzt am letzten Karnevalsabend«, hatte er gesagt. »Und jeder Schritt muss einfach sitzen. Beweg dich nicht, ohne vorher nachzudenken. Und wenn du dich dann bewegst, tu es langsam und bedächtig.«

Am Tag seines Todes war ich auf unserer Hauptstraße unterwegs zum Haus meines Freundes Takis, vorbei an ein paar Deutschen, die in der Nähe der Steinmauer auf der plateia in Habacht standen, gleich bei der alten Platane, die wegen der Dürre zu vertrocknen drohte. Ein paar Dorfbewohner standen an der Seite, zurückgehalten von anderen Soldaten, und beobachteten eine Szene, während sie alle durcheinanderredeten. Ich drängte mich zwischen ihnen hindurch bis nach vorne, bis ich sehen konnte, wie mein Vater zusammen mit zwei anderen Männern an der Mauer stand. Indem ich mich so gewissenhaft bewegte, wie ich konnte, wollte ich zu ihm hin, damit er sah, dass ich genau das tat, was er gesagt hatte. Doch einer der Soldaten vertrat mir den Weg und stieß mich zurück. In diesem Moment bemerkte mich mein Vater. Er sah mich entsetzt an.

»Geh nach Hause, Aliki!«, rief er mir zu. »Jetzt, auf der Stelle, hörst du?« An eine der Dorffrauen gewandt fuhr er fort: »Chrysoula, nimm meine Tochter!«

Ich begriff, dass die Frau neben mir, die ihre Schürze vor das Gesicht gezogen hatte, um hineinzuweinen, die Mutter meines Freundes Takis war. Chrysoula ließ ihre Schürze fallen, packte mich bei der Hand und wollte mich wegführen, immer noch unter Tränen. Doch ich drehte mich um, gerade als die deutschen Soldaten ihre Gewehre hoben, und sie machten Geräusche wie Spielzeugwaffen: pop, pop, pop. Die Kappe meines Vaters flog davon, als er rückwärts umkippte. Rauchwölkchen stiegen von den Mündungen auf, und die trockenen Blätter der Platane raschelten.

Zuerst war mir nicht klar, dass sie ihn getötet hatten. Es hatte schon zuvor Exekutionen in unserem Dorf gegeben, wie ich später erfuhr, doch mein Vater hatte mich vor diesem Wissen geschützt. Als ich nun zufällig Zeuge der Hinrichtung wurde, begriff ich zunächst gar nicht, dass die poppenden Geräusche mit dem Umkippen meines Vaters in einem Zusammenhang standen.

Alles hatte mit diesen Kürbissen angefangen, die ich schon erwähnt habe, versteckten Kürbissen. Die Felder waren abgeerntet, doch es gab eine Senke hinter einem davon, nicht gut zu sehen, wenn man nicht genau wusste, wo sie lag. Also zogen mein Vater und die anderen des Nachts heimlich los, um Gemüse und Obst zu pflücken und es in einem Erdkeller zu verstecken. Von Zeit zu Zeit aßen wir einen der Kürbisse, und ich kann gar nicht sagen, wie wunderbar der golden gekochte Kürbis in einer Zeit wie dieser schmeckte. Allein dieser butterige Geruch. Ich kann heute überhaupt keinen Kürbis mehr essen, weil die Erinnerung zu schmerzhaft ist. Irgendjemand hatte nämlich den für unsere Gegend verantwortlichen deutschen Offizier eingeweiht, Oberst Esterhaus. Die Zeit, in der ein Geheimnis geheim bleibt in unserem Dorf, währt nicht einmal dieser Tage lang, und damals waren die Leute zu jeder Erniedrigung bereit, wenn sie als Gegenleistung nur zu essen bekamen.

Oh, ich weine nicht mehr darüber. Ich bin wie ein alter Schwamm, den jemand zum Trocknen in der Sonne vergessen hat. Trocken wie Papier. Damals konnte ich nicht weinen, weil ich nicht glauben wollte, was alle mir erzählten, dass nämlich die Toten, einschließlich meinem Vater, wirklich und wahrhaftig weg waren und niemals wiederkommen würden. Ich gab es auf, mit den Erwachsenen darüber zu diskutieren, und hielt meinen Mund. Wenn man nicht antwortet, dann lassen einen die Leute meistens in Ruhe. Ich konnte es monatelang nicht über mich bringen zu reden.

Nach dem Begräbnis meines Vaters wurde ich von Chrysoula aufgenommen, der Frau, die versucht hatte, mich von der Exekution wegzuführen. Es gab keinen anderen Ort, wo ich hingekonnt hätte. Meine Mutter hatte das Dorfleben gehasst, hatte mein Vater mir erzählt, und war schon vor Jahren nach Athen davongelaufen. Mehr hatte ich nie darüber erfahren. Er redete nur selten über seine ausgerissene Frau, und ich hatte nur schwache Erinnerungen an sie. Es war eines der Mysterien meiner Kindheit. Sie war immerhin meine Mutter – hatte sie mich nicht genug geliebt, um zu bleiben? Nachdem ich sie verloren hatte und auch meinen Vater, wurden Chrysoula und ihr Sohn Takis meine zweite Familie.

»Er war so ein guter Mann, dein Vater«, pflegte Chrysoula mit feuchten Augen zu erzählen. »Wir haben ihn alle sehr geliebt.« Vor dem Krieg war Chrysoula eine ansehnliche Frau gewesen mit lebendigen Augen und sehr bewundert von den Männern im Dorf. Doch als ich zu ihr zog, war sie längst zu einem Schatten ihres einstigen Selbst geworden in ihren alten Kleidern, die zu diesem Zeitpunkt mehrere Nummern zu groß geworden waren. In ihren Augen jedoch glitzerte immer noch das Licht von einst. »Du lebst jetzt hier bei Takis und mir«, sagte sie. »Und damit lebt ein Teil deines Vaters ebenfalls bei uns.«

Takis war es egal, dass ich den Mund nicht öffnen wollte, um zu reden. Er redete genug für uns beide. Das Haus war klein, und so mussten er und ich ein Zimmer teilen, sogar ein Bett. Er war zehn, und wir waren beide zu jung, um viel darüber zu wissen, was Erwachsene des Nachts im Bett miteinander machten. Wir spielten im Kerzenlicht auf dem Boden oder im Bett Karten und schlugen sie laut hin. Es war Takis, der mir beibrachte, wie man schummelte, indem man sich eine Karte in den Ärmel oder unter den Hintern schob. Dann nannte er mich Falschspielerin oder Gangster, und wir warfen uns die Karten gegenseitig in die Gesichter. Es war der beste Teil des Spiels. Endlich, als wir todmüde waren, kippten wir in unser Bett und sagten dem Gecko Gute Nacht, der in einem Riss in der Wand lebte.

Takis hatte seinen Füßen Spitznamen gegeben, Herr und Frau Schafhirte. Er wackelte mit ihnen unter der dünnen Decke und erfand Unterhaltungen zwischen den beiden.

»Ich habe schon wieder die Herde verloren, Frau Schafhirte«, sagte er beispielsweise mit tiefer Stimme und wackelte dabei mit den Zehen des rechten Fußes.

»Ach du meine Güte, Herr Schafhirte!«, sagte er mit heller Falsettstimme und wackelte wild mit dem linken Fuß. »Waren es diesmal die Wölfe?«

»Sie haben jedes einzelne Schaf gefressen, Frau Schafhirte. Jetzt haben wir nichts zu Ostern.«

»Wir könnten den Säugling essen.«

»Frau Schafhirte!«

Chrysoula steckte den Kopf in die Tür und ermahnte uns, dass es genug wäre. Sie deckte uns ordentlich zu und sagte: »Haltet euch schön warm, meine kleinen Schnattergänse.«

Orion durchquerte in jenen Winternächten den Himmel über unserem Haus, während Eisblumen auf unserem Fenster wuchsen. Wie ich so dalag mit Takis, der leise neben mir atmete, wusste ich, dass wir diese eine große Sache miteinander teilten: das Mysterium, wie unsere Väter an einem Tag noch da waren und am nächsten nicht mehr und niemals wieder. Ich konnte den Tod einfach nicht akzeptieren. Die Alten im Dorf erzählten sich, dass die Seelen der Toten nach ihrem Begräbnis noch für neunzig Tage herumlungerten und zögerten zu gehen, während sie ihre alten Schuhe anprobierten oder sich direkt aus dem Topf Happen ihrer Lieblingsmahlzeiten stahlen. Manchmal hörte ich meinen Vater im Wind zwischen den Kiefern oder im Wasser des Löwenbrunnens nah unserem Haus oder in den Schreien der Vögel über unserem Dorf, auf ihrem Weg in den Süden, nach Afrika. Er hatte sich angewöhnt zu lamentieren und zu schimpfen, und das tut er bis heute. Wo ist mein Werkzeug?, verlangte er zu wissen. Ich kann überhaupt nichts machen ohne mein Werkzeug! Ich hatte keine Ahnung, was er mit seinen Werkzeugen anfangen wollte.

Ich überlegte, ob ich Takis davon erzählen sollte, doch es kamen keine Worte über meine Lippen, und außerdem hörte Takis nicht gerne Geschichten über Väter. Sein eigener Vater war nicht da, und niemand erinnerte sich noch an ihn. Doch ich erinnerte mich daran, wie mein Vater zu mir gesagt hatte, dass im Kopf von Takis’ Vater wohl irgendwas nicht richtig gewesen war und dass er sich Dinge eingebildet hatte. Er hatte beispielsweise geglaubt, das ganze Dorf wäre gegen ihn, und hatte ohne jeden Grund Schlägereien angefangen. Schließlich waren er und Chrysoula für eine Weile fortgegangen, und sie war ohne ihn ins Dorf zurückgekehrt.

Wir erwachten jeden Morgen zum Klang von Chrysoulas Stimme, die am Fenster andere Frauen rings um den Löwenbrunnen begrüßte. Die Häuser hatten damals noch kein fließendes Wasser, also kamen die Frauen tagein, tagaus zum Brunnen, um ihre Krüge und Eimer an dem Wasserstrahl zu füllen, der sich aus dem Maul des Löwen ergoss. Natürlich standen sie auch herum und hielten Schwätzchen. Chrysoulas Haus stand am nächsten beim Brunnen, und so hatte sie den Vorsitz inne.

»Guten Morgen, werte hässliche Nachbarinnen«, pflegte sie den anderen Frauen munter aus dem Küchenfenster zuzurufen. »Was haben wir denn heute wieder für Kümmernisse?«

Selbstverständlich kannte jede die Probleme der anderen, weil es hauptsächlich die gleichen waren: Hunger, Herzschmerz, Isolation und endlose Sorge, wie man am Leben blieb und den Deutschen nicht in die Quere kam. Das ließ jeden altern – selbst die jungen Frauen sahen aus wie alte Schrullen. Und trotzdem nahmen sie Chrysoulas Stichwort auf. »Wir mögen hässlich sein«, sagte eine von ihnen. »Aber wir sind wenigstens sauber. Wir sehen dich nur selten Wasser in dein Haus tragen.«

»Das stimmt«, erwiderte Chrysoula. »Ich reinige nur mit Bleiche. Sie ist viel besser geeignet, den Sabber eurer Männer von meiner Türschwelle zu wischen, nachdem sie die ganze Nacht dort verharrt und mich angebettelt haben, ihnen aufzumachen.«

Ringsum erntete sie kreischendes Gelächter, gefolgt von krampfhaftem Husten, weil so viele der Frauen krank waren. »Hier treiben sie sich also rum!«, rief eine von ihnen zurück.

»Und wir dachten, sie machen ihr Geschäft auf dem Plumpsklo!«, rief eine andere.

»Das ist doch fast das Gleiche, oder nicht?«, rief eine Dritte.

Weiteres Gekreisch, gefolgt von Hustenkrämpfen.

»Zu dumm, dass dein eigener Mann dich nicht befriedigen konnte, Chrysoula«, rief eine Frau. »Du konntest ihn ja nicht mal zu Hause festhalten, ist es nicht so? Kein Wunder, dass du versuchst, unsere Männer in dein Haus zu locken!«

Chrysoula wich jedem Hinweis auf ihren Mann konsequent aus. »Niemand muss eure Männer ins Haus locken, meine Lieben! Ein Blick auf euch genügt!«

»Oh, wir verfluchen unser Schicksal, nicht so wunderschön geboren worden zu sein wie Prinzessin Chrysoula«, sagte eine. Tatsächlich war Chrysoula genauso abgemagert und verhärmt wie alle anderen, was nicht zu übersehen war.

Trotzdem riefen sie im Chor: »Es lebe die wunderschöne Prinzessin Chrysoula, sie lebe hoch!«

»Heil und Leben der großen Schönheit!«

»Wenn wir doch nur aussähen wie sie, dann könnten wir unsere Männer in unseren Betten halten!«

So konnte das eine Stunde oder länger gehen, bis einige der Frauen auf dem Boden saßen oder lagen, erschöpft vom Lachen und Husten und von den gegenseitigen Beschimpfungen. Nach einer Weile kamen zwei deutsche Soldaten, um nach der Ursache für den Lärm und die Aufregung zu sehen und die Menge zu zerstreuen. Sie benutzten die Kolben ihrer Gewehre, um die Frauen zum Aufstehen zu bewegen. Natürlich sprach keiner der Deutschen griechisch, und so unterhielten sich die Frauen ungeniert über die Soldaten.

»Der da hat eine Stirn wie ein Affe!«

»Und seht euch nur den Hintern von dem da an! So hübsch wie der eines Mädchens!«

»Er ist wohl der gleichen Meinung. Seht nur, wie er geht! Als verlangte es ihm nach einem Klaps oder einem Kniff!«

»Oder noch mehr.«

Ihr schnaufendes Gelächter verlor sich in den Gassen des Dorfes. Nun verstehen Sie vielleicht, wo ich meine frühe Schulung als Klageweib erhielt.

Die meisten deutschen Soldaten waren eigentlich kaum mehr als Jungen. Sie hätten noch die Schulbänke drücken sollen, anstatt hier draußen herumzulaufen, wo sie von jedermann gehasst wurden. Manchmal stellten sie Mannschaften auf und spielten Fußball, und wir wurden als Zuschauer herbeibefohlen. Also standen wir schweigend da, während sie auf einem Spielfeld herumtollten und hinter einem Ball herjagten. Einmal requirierten sie ein paar unserer Esel und jagten die Tiere über das Feld, um Wetten auf den Gewinner abzuschließen. Alles, um die Zeit totzuschlagen an einem Ort, der ihnen unendlich langweilig vorgekommen sein muss.

Ich begriff nicht, was Krieg bedeutete – dass Fremde das eigene Land übernahmen, den Bewohnern das Essen stahlen, ihnen beim Verhungern zusahen und wegen ein paar Kürbissen Leute erschossen. Warum das alles? Es ergab keinen Sinn. Wir begriffen damals nicht, dass der eigentliche Preis für die Deutschen unsere Insel Kreta war mit ihren strategisch günstig gelegenen Flugplätzen und den Häfen mitten im Mittelmeer, die einen leichten Zugang nach Nordafrika und zum Mittleren Osten boten. Für uns hier im Dorf, abgeschnitten von der Welt, bedeutete der Fund einer angefaulten, wenngleich noch essbaren Kartoffel einen weiteren Tag Überleben, vielleicht sogar die Chance, ein wenig Vergnügen zu erfahren, um nicht innerlich genauso zu verschrumpeln wie von außen. So sind wir alle hier in unserer Gegend. Wir wissen, wie man mit einem Lachen alles überwindet, einer geistreichen Bemerkung, einer kleinen Narretei. Es ist unsere uralte Gabe, selbst wenn wir in der Falle sitzen. Die Soldaten saßen natürlich genauso in der Falle wie wir. Ihnen fehlte unsere Gabe – auf der anderen Seite hatten sie die Gewehre. Jungen mit Gewehren – die alte, ewig gleiche Geschichte im Krieg.

Takis gefiel die Art und Weise, wie die Soldaten marschierten. Er imitierte ihren Stechschritt mit einem imaginären Gewehr über der Schulter.

»Hör sofort auf damit!«, schalt seine Mutter, wenn sie es sah. »Ich dulde keinen Deutschen in meinem Haus, nicht mal einen kleinen.«

An den meisten Morgen war es entweder geradewegs unmöglich, ihn zu wecken, oder er sprang aus dem Bett mit unzähligen Fragen auf den Lippen, die ihm im Schlaf gekommen waren. Dann rüttelte er mich wach und wollte von mir beispielsweise wissen, warum uns die Sterne nicht auf die Köpfe fielen. Oder: »Wenn ich hochspringe, warum lande ich dann nicht in einem anderen Dorf, wo sich die Erde doch dreht?«

Ich hatte keine Antworten; ich konnte mich immer noch nicht zum Reden überwinden.

Doch es gab auch Tage, an denen er schmollend herumlief, gegen das Mobiliar trat und jeden finster anstarrte. Ich nahm ihn mit zu den Holzkohlegruben, wo mein Vater gearbeitet hatte, unmittelbar außerhalb unseres Dorfes. Es gefiel ihm dort, sagte er, weil die Kiefern mit ihm redeten.

»Sie wollen mir beibringen zu fliegen, damit ich Bomben auf die Deutschen werfen kann.« Er legte den Kopf an einen Stamm und sagte: »Es tut mir leid, Aliki, aber sie wollen dich nicht lehren.«

Ich zuckte die Schultern und ging davon. Takis verlor das Interesse an den Kiefern und kam mir hinterher. Es gab keine Holzstapel mehr, weil die Deutschen sie als Feuerholz mitgenommen hatten, doch es lag jede Menge Rinde auf dem Boden. Ich zeigte ihm die Stelle, wo mein Vater und die anderen Männer Stämme zu kegelförmigen Haufen aufgeschichtet hatten, mit einem Luftloch in der Mitte, das bis nach unten reichte. Ich tat, als würde ich einen Haufen errichten, und machte ihm vor, wie sie das Holz schließlich mit Erde bedeckt und am Schluss glühende Kohle in das Luftloch geworfen hatten.

»Warum die Erde?«, wollte Takis wissen. »Wollten sie das Holz denn nicht verbrennen?«

Genau das wollten sie tatsächlich nicht. Ich wusste allerdings nicht, wie ich ihm das ohne Worte klarmachen konnte. Mein Vater hatte immer gesagt, dass alles ruiniert wäre, wenn der Stapel in Brand geriet, weil das Holz sich in Asche verwandeln würde. Solange es nur schwelte, verwandelte es sich mit der Zeit in Holzkohle. Manchmal fing der Stapel Feuer, und er musste darauf herumspringen und mehr Erdreich darauf werfen, um es zu löschen. Ich hatte ihn einmal dabei beobachtet. Es war ein verrückter Tanz auf dem Haufen gewesen, inmitten von all dem Qualm und Rauch, als er Hände voll Erde auf die Stellen geworfen hatte, wo kleine Flammen emporleckten.

Ich tanzte für Takis umher und warf Dreck hierhin und dorthin, bis er sich vor Lachen auf dem Boden wälzte. Wenn Takis lachte, schien es nichts anderes mehr zu geben auf der Welt als sein Vergnügen. Da war dieser halb verhungerte, dürre Junge – worüber lachte er bloß? Worüber lachte irgendjemand von uns, was das betraf? Die Frauen am Brunnen, Chrysoula, selbst die Deutschen wirkten nicht allzu unglücklich, hier festzustecken, während sie überall sonst den Krieg zu verlieren schienen – oder jedenfalls war es das, was wir spät in der Nacht im Kurzwellenradio hörten.

Es war illegal, ein nicht registriertes Radio zu besitzen, und die Strafe bei Zuwiderhandlung war der Tod. Doch Chrysoula gelang es irgendwie, dieses Radio vor den Deutschen zu verstecken. Ich glaube nicht, dass es damals in Griechenland viele Kurzwellenradios gegeben hat. Chrysoula hatte ihres von einem Cousin bekommen, der Jahre vor dem Krieg in Ihr Amerika ausgewandert war. Wir wussten damals so wenig über dieses Land – es gab keine Filme und keine Wochenschauen in unserer Gegend, und wir sahen nur selten eine Zeitung. Was wir wussten, war, dass Ihr Mr.Roosevelt all die Yankees nach Europa geschickt hatte, um uns zu helfen, und das Radio sagte uns, dass die Yankees und die anderen Alliierten den Krieg gewannen. Und natürlich kam auch das Radio – groß und glänzend und mit der Aufschrift ZENITH – aus Ihrem Land. Demzufolge stellte ich mir Amerika als ein Land voller Radios vor, eines für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind. Das Land der großen Radios.

Wenn ich dem Radio lauschte, meinte ich manchmal, meinen Vater gleich hinter der Stimme des Nachrichtensprechers hören zu können. Er stellte mir immer noch Fragen. Sie waren allesamt sehr eigentümlich: Ob er den Petroleumkanister im Keller aufgelassen hatte? Ob ich die Eier von der Henne gefunden hatte, die in den Wald entwischt war? Wo die Säge und die Axt waren, die er benutzt hatte, um die Kiefernstämme zu bearbeiten?

Die Toten verlassen die Erde, sagten die alten Dorfbewohner, doch sie schaffen es nicht, die Alltäglichkeit ihres Lebens hinter sich zu lassen. Sie sorgen sich um tropfende Wasserhähne oder unbezahlte Schulden oder Getreide auf den Feldern, das nicht abgeerntet worden war. Sie interessieren sich nicht für die großen Dinge wie Krieg oder Armut oder Glück oder den Verlust desselben. Doch wenn das Dach vom Stall ein Loch hat, dann sorgen sie sich bis über den Tod hinaus. Wenn ich meinen Vater etwas fragte, von dem ich meinte, die Toten müssten es wissen, beispielsweise, um was es in seinem Leben überhaupt gegangen war, dann erwiderte er jedes Mal, meine Frage wäre zu simpel und die Antwort zu kompliziert.

Ah, warten Sie, es ist jemand an der Tür. Wie schalte ich dieses Ding ab?

Da bin ich wieder. Es war bloß eine Nachbarin, die sich mit mir über die alte Zephyra die Straße runter unterhalten wollte. Sie erinnern sich, dass ich sagte, Zephyra liegt im Sterben? Nun, nach all den Dingen zu urteilen, die Zephyra plagen, könnte es jederzeit so weit sein, und es gibt nichts, was man noch dagegen tun könnte, leider. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, bevor die Deutschen kamen, und schon damals war Zephyra eine niedergedrückte kleine Person, herumkommandiert von ihrer wichtigtuerischen Mutter, die ständig jedermanns Geheimnisse ausschnüffelte. Die kleine Zephyra war so schlicht und still wie eine Steckrübe. Eines Tages fragte sie mich, ob sie zu mir und meinem Vater kommen und bei uns leben könnte. »Ich kann putzen und kochen«, sagte sie. »O bitte, Aliki, darf ich?« Es war eine bestürzende Bitte für eine Person in meinem Alter, aber ich denke, sie hatte Angst vor ihrer Mutter. Zephyra war immer ganz traurig, wenn die Schule zu Ende war und sie nach Hause musste.

Nachdem ich in Chrysoulas Haus gezogen war, hörte Zephyra auf, mit mir zu reden, als glaubte sie, ich hätte mir Takis als Freund ausgesucht anstelle von ihr. Takis bemerkte es und fragte mich nach dem Mädchen, das auf die andere Straßenseite wechselte, wenn es uns kommen sah. Der Gedanke, dass ihr Name, Zephyra, vom antiken Gott des Westwinds abgeleitet war, Zephyrus, erschien mir absurd – es war nicht der kleinste Hauch von Leichtigkeit an ihr. Und natürlich konnte sie sich nie reinwaschen von dem Ziegendiebstahl … aber davon fange ich jetzt nicht wieder an. Es gehört sich einfach nicht, angesichts des nahen Todes die nicht ganz begrabene Vergangenheit wieder ans Licht zu holen.

Ich schätze, ich komme vom Thema ab. Besser, ich spule ein klein wenig zurück. Wo war ich stehen geblieben? Ah, richtig, mein Vater im Radio. Ja, ich konnte ihn hören, oder zumindest glaubte ich, ihn zu hören. Es tröstete mich, zu wissen, dass er nicht vollkommen weg war. Er war irgendwie in der Nähe. Ich ging zu unserem alten Haus, das am Hang des Hügels lag, am Rand des Dorfes. Es stand leer, seit ich bei Takis und seiner Mutter eingezogen war. Trotzdem konnte ich die Gegenwart meines Vaters im Haus spüren. Einmal glaubte ich, seinen Hemdszipfel um die Ecke verschwinden zu sehen, doch als ich in das nächste Zimmer ging, war niemand dort. Ich stieg die Leiter unter der Falltür in der Küche hinunter und kam in den Keller, der früher ein Stall gewesen war. Dort stand der Petroleumkanister, genau wie mein Vater gesagt hatte, offen, ohne Deckel. Und ich fand die verschwundene Säge und die Axt. Die ausgerissene Henne mit den Eiern hingegen fand ich nie. Chrysoula hatte gesagt, dass es in der Gegend wilde Hühner gab, Hennen und Hähne, die entkommen waren und sich in den tiefer hängenden Zweigen der Kiefern eingenistet hatten. Sie hinterließen ihre Eier überall im Wald, und diese waren viel schmackhafter als die üblichen aus dem Schlag. Mit der Zeit lernten die Hühner wieder zu fliegen, und man konnte am Morgenhimmel kleinere Schwärme von ihnen sehen. Sie hörten auf zu glucken und entwickelten eigene Laute – »Du weißt, was ich meine«, sagte Chrysoula. »Loo-loo-loo-loo …«

Takis und ich hatten nie etwas in der Art gehört. Doch Chrysoula erzählte, was immer ihr gerade durch den Kopf ging, wenn man ihr eine Frage stellte, und es schien sie nicht zu interessieren, ob irgendwer ihr Glauben schenkte. Sie stand in unserem Dorf in dem Ruf, merkwürdige Ratschläge zu erteilen, wenn jemand zu ihr kam mit seinen Problemen. Damals, vor dem Krieg, hatte eine Nachbarsfrau ihr berichtet, dass sie unentschlossen war, ob sie ihr Haus verkaufen sollte oder nicht und in die nächste Stadt ziehen, nachdem ihr Mann gestorben war. »Dem Filzpantoffel des Lebens ist es egal, was auf den letzten Mützen vom alten Blut geschrieben steht«, hatte Chrysoula ihr geantwortet.

Die Nachbarin hatte mehrere Tage über diese Worte nachgedacht und dann beschlossen, ihr Haus nicht zu verkaufen.

Was die Partisanen in unserer Gegend anging, die Sabotageakte gegen die Deutschen unternahmen, ihre Panzer in die Luft jagten oder sie auf einsamen Bergpässen niedermetzelten oder ihren Wachposten des Nachts die Kehlen durchschnitten, so hatte Chrysoula keinen Kommentar parat. Es gab mehrere Gruppen von Partisanen, und wir hatten einige ihrer Namen gehört. Sie klangen ausnahmslos wichtig: Nationale Befreiungsfront, Volksbefreiungspartei, Nationale und Soziale Befreiung, Nationale Republikanische Liga. Hauptsächlich jedoch unterteilten sich die Partisanen in zwei Lager: Kommunisten und Royalisten. Ich war nicht sicher, was genau Kommunisten waren, doch ich wusste, dass die Royalisten Anhänger unseres Königs im Exil in Kairo waren. Die Kommunisten und die Royalisten führten untereinander ihren eigenen kleinen Krieg, während sie gemeinsam den Deutschen ihr Territorium streitig machten. Und wie die Deutschen verlangten sie Verpflegung von uns.

In einem Ort auf der anderen Seite des Berges hatten die Bewohner einer der Partisanengruppen Vorräte überlassen. Was war ihnen anderes übrig geblieben? Hätten sie nicht geholfen, hätte man sie der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt und als Verräter erschossen. Ein Spitzel hatte alles den Deutschen berichtet, welche ihrerseits zur Bestrafung alle Männer des Dorfes auf der plateia versammelt und erschossen hatten. Anschließend hatten sie sämtliche Frauen und Kinder in die Dorfkirche getrieben und sie in Brand gesteckt. Wer versucht hatte, dem Feuer zu entkommen, war ebenfalls erschossen worden.

Andererseits hatten wir gehört, dass die Partisanen in den Gegenden, die sie den Deutschen abgejagt hatten, genauso skrupellos vorgingen wie die vertriebenen Besatzer. All das erzeugte in uns ein Gefühl von Hilflosigkeit. Wir fühlten uns gefangen wie Fliegen in einer Flasche. Um gegen dieses Gefühl anzukämpfen – es kann einen umbringen –, hatten wir unsere eigenen Lösungen. Chrysoula hatte eine Methode entwickelt, ohne Takis oder mir davon zu erzählen.

Sie hatte angefangen, regelmäßig zum Haus meines Vaters zu gehen unter dem Vorwand, ein paar Reparaturen durchführen zu müssen. Ein Fensterladen in der Küche hatte sich gelöst und schlug im Wind. Regen war in den Schornstein eingedrungen und hatte den Ruß abgewaschen, und der Kamin war völlig verdreckt. Ein paar Ziegel auf dem Dach waren durch einen heruntergefallenen Ast beschädigt. Das Haus ging sie eigentlich gar nichts an, doch sie meinte, eines Tages, wenn die Deutschen wieder weg wären und der elende Krieg vorbei, wäre das Haus meine Mitgift, und deswegen müsse man es erhalten.

Mitgift? Ich hatte keinen Gedanken an etwas Derartiges verschwendet. Mir war es bisher so vorgekommen, als würde meine zweite Familie einfach immer weiter existieren. Ich konnte nicht so weit vorausdenken. Die wenigen jungen Männer im Dorf waren zur albanischen Grenze gezogen, um gegen Mussolini zu kämpfen, als er von Norden her angegriffen hatte. Einige darunter waren nicht viel älter gewesen als ich, und nicht einer war zurückgekehrt. Abgesehen davon, wer brauchte schon einen Ehemann? Chrysoula jedenfalls nicht, wie mir schien.

Eines Tages ging ich mit ihr. Sie veranstaltete eine Menge Lärm im Haus, packte einen Besen und fegte wild den Boden. Dann bearbeitete sie den kaputten Fensterladen und kroch sogar hinauf auf das Dach, um die gebrochenen Ziegel in Augenschein zu nehmen. Nach einer Weile schickte sie mich zum Brunnen, um einen Eimer Wasser zu holen, damit sie den Herd und den Küchenboden schrubben konnte.

Doch als ich zum Brunnen kam, sah ich den für unser Dorf verantwortlichen deutschen Offizier, Oberst Esterhaus, vor dem Eingang von Chrysoulas Haus stehen. Ich erstarrte, denn das war der Mann, der den Befehl zur Erschießung meines Vaters und der beiden anderen Männer gegeben hatte. Ich hatte ihn noch nie von so nahe gesehen. Dünn, mit blonden Haaren und rosiger Gesichtsfarbe, und er hatte seinen Übersetzer mitgebracht, Petros, unseren alten Schulmeister, der ein wenig Deutsch sprach. Wann immer die Deutschen uns etwas mitzuteilen hatten, brachten sie Petros mit wie ein Hündchen an der Leine. Es hieß, dass seine Familie Vergünstigungen in Form von Essen erhielt für seine Dienste. Er stand in der Tür, nahezu kahlköpfig, und blinzelte durch eine Brille mit einem zerbrochenen Glas, während er Oberst Esterhaus zuhörte und sich gleichzeitig bemühte, für Takis zu übersetzen. Petros bemerkte mich und winkte mich zu sich.

Der Oberst ging in die Hocke und sah Takis direkt in die Augen, während er sprach. Takis war immer sehr beeindruckt von Uniformen, und so hatte er sich kerzengerade aufgerichtet und salutierte vor dem Oberst. Petros erzählte uns, dass der Oberst zu Hause in Hamburg selbst einen Sohn ungefähr in Takis’ Alter hätte. Der Oberst erwiderte Takis’ militärischen Gruß, dann lachte er und raufte ihm die Haare.

Der Grund für das Erscheinen von Oberst Esterhaus war das Haus meines Vaters, jetzt meines, erklärte Petros. Im Namen des Führers beschlagnahmte das Deutsche Reich dieses Haus für die militärische Nutzung. Es stand leer, also würden Soldaten dort untergebracht werden, und zwar sofort. Ich sah dem Oberst in das Gesicht. Es war ein gewöhnliches Gesicht, ein wenig gerötet, ein wenig bekümmert. Es war nicht das Gesicht eines Ungeheuers, sondern das eines geschäftigen Mannes, der seine Pflicht erfüllte und seinen Sohn vermisste. Und doch war aus dem Mund in diesem gewöhnlichen Gesicht der Befehl zur Exekution gekommen. Und nachdem der Oberst zuerst meinen Vater getötet hatte, nahm er sich jetzt dessen Haus.

Plötzlich fühlte ich mich, als hätte ich den Finger in eine Lampenfassung gesteckt, und der elektrische Strom stieg in mir nach oben und ließ mich den Kopf schütteln. Nein. Petros’ Augen weiteten sich vor Angst, doch ich konnte nicht aufhören, den Kopf zu schütteln. Ich versuchte zu sprechen, doch kein Wort kam über meine Lippen, also kratzte ich mit der Spitze meines Schuhs Nein in den Staub. Petros trat zwischen den Oberst und mich, verdeckte das Nein mit seinem Fuß und legte mir die Hände auf die Schultern.

»Kind, der Herr Oberst bittet nicht«, sagte er mit bebender Stimme zu mir. »Er befiehlt.«

Der Oberst, dessen Gesicht ausdruckslos geblieben war, sagte ein paar weitere Worte zu Petros, und dieser übersetzte mir, dass der Oberst beabsichtigte, das Haus in Kürze zu inspizieren, und falls es sich als geeignet erwies, würden die Soldaten noch heute dort einziehen. Dann gingen die beiden.

Ich konnte mich für eine scheinbare Ewigkeit nicht bewegen. Dann erschlaffte ich wie eine weichgekochte Nudel und musste mich an Takis festhalten.

»Weißt du, wo Mutter ist?«, fragte er. »Ich hab Hunger.«

Siedend heiß fiel mir ein, dass Chrysoula allein in Vaters Haus war. Voll Angst, der Oberst könnte sie dort überraschen, bevor wir sie warnen konnten, packte ich Takis bei der Hand und stolperte los. Meine Beine gehorchten mir nur widerwillig, während ich Takis halb hinter mir her zerrte. Er schrie protestierend auf, weil ich seinen Arm so fest umklammert hatte. Als wir beim Haus ankamen, konnte ich Chrysoula zuerst nicht finden. Von unten hörten wir gedämpfte Stimmen. Ich öffnete die Falltür im Küchenboden und stieg mit Takis im Gefolge die Leiter hinunter. Auf halber Höhe hielt ich überrascht inne, als ich Chrysoula mit einer Frau in mittlerem Alter und einem heranwachsenden Jungen erblickte. Die beiden waren nicht da gewesen, als ich zum Brunnen gelaufen war. Und sie kamen mit Sicherheit nicht aus unserem Dorf. Partisanen? Ich hatte keine Zeit zum Überlegen. Ich schubste Takis, damit er seiner Mutter berichtete, was sich soeben zugetragen hatte. Takis übersah jedoch das Wichtigste und erzählte, der Oberst hätte gesagt, er hätte auch einen Sohn, »… genau in meinem Alter.« Ich tanzte vor Ungeduld auf der Stelle, schüttelte den Kopf, schüttelte Takis, gestikulierte hinauf zum Haus über uns, bis er schließlich begriff – »Oh, das …« – und endlich die ganze Geschichte erzählte.

Chrysoula schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. Alle schwiegen betroffen, während sie die Neuigkeiten verdauten. »Wann?«, fragte sie schließlich. »Wann kommen die Soldaten?«

»Vielleicht jetzt gleich …?«, sagte Takis.

Ich sah die beiden Fremden an und stellte fest, dass sie besser gekleidet waren als die meisten unserer Dorfbewohner, auch wenn ihre Sachen zerknittert und schmutzig waren. Eine Mutter und ihr Sohn vielleicht, überlegte ich. Sie besaßen eine gewisse Ähnlichkeit, die gleichen grauen Augen und dunklen Haare. Er sah älter aus als ich, wenngleich nicht viel. Sie konnten eigentlich keine Partisanen sein, die in den Schluchten oder Höhlen in den Bergen hausten. Zwei Koffer und ein paar Kleidungsstücke lagen herum. Also wohnten die beiden schon seit einer Weile hier. Das erschien mir geradezu unmöglich in unserem besetzten Dorf, wo die Deutschen über fast alles Bescheid wussten, was passierte. Und trotzdem waren sie hier!

Ohne ein weiteres Wort sprangen Takis und ich vor, packten ihre Sachen und stopften sie in die Koffer, während Chrysoula die beiden Besucher aus einem Fenster im unteren Geschoss schob. Sie sagte ihnen, sie sollten den Abhang hinunter über das Feld zur Senke laufen und sich dort verstecken – der gleichen Senke, in der mein Vater den Kürbis gefunden hatte. Kaum waren sie gegangen, hörten wir oben schwere Schritte von Stiefeln, die zur Eingangstür kamen. Bis zum heutigen Tag vermag ich mich nicht an ein Geräusch zu erinnern, das mir mehr Angst eingejagt hätte.

Der Erste, der die Leiter herunterkam, war Oberst Esterhaus. Er und ein anderer Offizier standen da und starrten uns an, dann sagten sie etwas auf Deutsch – vermutlich wollten sie wissen, was wir hier zu suchen hatten. Chrysoula schien ihre Worte richtig zu interpretieren, denn sie erwiderte, dass wir das Haus sauber machten. Um ihre Worte zu verdeutlichen, vollführte sie kreisende Bewegungen mit den Händen, als würde sie etwas abwischen, und anschließend fegte sie mit einem imaginären Besen den Boden. Ich fing an zu zittern vor Angst. Jegliche Energie war aus mir gewichen. Erschossen die Deutschen auch junge Mädchen? Ich zweifelte nicht einen Moment daran.

Sie blickten zuerst verständnislos drein, dann traten sie vor, packten Chrysoula rechts und links unter den Armen und zwangen sie, die Leiter hinaufzusteigen in Richtung der Küche. Sie fluchte und schimpfte und sagte ihnen, sie sollten sich zum Teufel scheren und eine anständige Frau in Ruhe lassen, und dann wandte sie sich an Takis und rief ihm zu: »Lauf, hol Petros! Ich weiß nicht, was sie von mir wollen!«

Takis und ich kletterten aus dem Fenster, nachdem die Deutschen oben waren, und rannten zum Haus des alten Schulmeisters. Petros wollte sich gerade zu einem Nickerchen hinlegen. »Was, sie brauchen mich schon wieder? Was sind das doch für lästige Kerle!«

Chrysoula war fast den ganzen Rest des Tages bei den Deutschen. Die arme Frau kam erst abends wieder nach Hause. Sie humpelte und trug die Schuhe in den Händen. Einige der anderen Frauen versammelten sich am Löwenbrunnen, als sie sich gegen ihren Türrahmen lehnte.

»Gott sei es gelobt«, sagte Chrysoula. »Ich habe ihnen ordentlich den Kopf gewaschen.«

Eine Frau meinte, es sähe wohl eher danach aus, als wäre es Chrysoula, die den Kopf gewaschen bekommen hätte – und noch einiges mehr. Chrysoulas Gesicht war zerschrammt und gestreift von Tränen, ihr Haar zerzaust, ihr Kleid zerrissen. Die anderen Frauen pflichteten der Sprecherin bei und nickten und schnalzten mitfühlend mit den Zungen. Ich ging zu Chrysoula, nahm ihre Hand und drückte sie auf mein Herz.

»Oh, keine Angst, Aliki«, sagte sie. »Sie waren sicher, dass ich irgendetwas angestellt habe, aber sie hatten keine Ahnung, was es gewesen sein könnte.«

Sie erzählte, wie sie wiederholt geschlagen und wie sie wegen der Partisanen verhört worden war, und dass sie darauf beharrt hatte, nichts weiter als eine einfache Hausfrau zu sein. Woher sollte sie von diesen Dingen wissen? Petros hatte sich für sie verbürgt und gesagt, dass er sie schon ihr ganzes Leben lang kannte. Sie war eine gute Frau, die das verwaiste Kind des örtlichen Köhlers bei sich aufgenommen hatte.

»Es war ihnen egal«, sagte Chrysoula. »Sie haben mir die Schuhe ausgezogen und mir mit einem Stock auf die Fußsohlen geschlagen. Ich habe aus Leibeskräften geschrien und sie verflucht und ihnen gewünscht, dass ihre Penisse verfaulen und abfallen mögen!«

Die Frauen lachten, und eine von ihnen, eine alte Wahrsagerin und die Mutter unserer gegenwärtigen, sagte, sie würde ein paar Kräuter vor der Ikone des heiligen Athanasios verbrennen – der so viel Zeit seines Lebens im Exil gelitten hatte –, um dafür zu sorgen, dass mein Fluch Wirklichkeit wurde.

Irgendwann schien Oberst Esterhaus des Lärms überdrüssig geworden zu sein, den Chrysoula veranstaltet hatte. Er sagte ihr, dies wäre lediglich eine Warnung gewesen und dass man sie im Auge behalten würde.

»Was gibt es da im Auge zu behalten?«, fragte Chrysoula die Frauen am Brunnen. Alle sahen einander an und schwiegen.

Am nächsten Tag zogen die Mutter und ihr Sohn in den Keller von Chrysoulas Haus, der genauso lag wie im Haus meines Vaters, zugänglich durch eine Falltür im Küchenboden. Doch anders als im Haus meines Vaters war Chrysoulas Keller so angelegt, dass er von außen nicht erkennbar war. Das Haus sah aus, als wäre es nicht unterkellert. Chrysoula hatte einen dünnen Flickenteppich über die Falltür gelegt, um den Zugang zu tarnen. Wenn sie in den Keller wollte, zog sie den Teppich zur Seite. Sie hatte eine dünne Schnur am Teppich befestigt, sodass sie ihn wieder an seinen Platz ziehen konnte, wenn sie auf der Leiter stand und die Falltür über sich geschlossen hatte.

Als ich ein Fragezeichen in die Luft malte und nach unten deutete, verriet sie mir lediglich, dass die beiden aus der Stadt kamen. Flüchtlinge, sagte sie. Ich wusste nicht, was das bedeutete, also malte ich ein weiteres Fragezeichen in die Luft.

»Flüchtlinge sind Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten und die für eine Weile untertauchen müssen«, erklärte sie rasch, bevor sie sich abwandte, um nicht zu sehen, wie ich erneut ein Fragezeichen malte. »Sei nicht so neugierig«, sagte sie über die Schulter. »Geh nach draußen, mit Takis spielen. Ich möchte, dass du dafür sorgst, dass er den Mund hält, hörst du? Niemand darf etwas davon wissen. Niemand! Diese Leute existieren außerhalb des Hauses nicht. Ich wünschte, Takis wäre genauso verschwiegen wie du!«

Ich fragte mich, was es wohl bedeutete, ein Flüchtling zu sein. Ich wollte lieber nicht daran denken, was passieren würde, falls die Deutschen von ihrer Existenz erfuhren. Warum mussten diese Flüchtlinge überhaupt herkommen? Und warum hatte Chrysoula sie bei sich aufgenommen? Irgendetwas war ungewöhnlich an unseren Besuchern, so viel stand fest. Irgendein Geheimnis, und nachdem ich eine Weile darüber nachgedacht hatte, überlegte ich, dass sie wohl Spione sein mussten. Ich hatte im Kurzwellenradio über Spione gehört und war ganz aufgeregt bei dem Gedanken, dass wir mit zweien davon im gleichen Haus lebten. Und es mussten wichtige Spione sein, oder nicht? Warum sonst wäre Chrysoula ein so großes Risiko eingegangen?

Ich wollte unbedingt mehr erfahren, und so folgte ich ihr auf Schritt und Tritt, malte Fragezeichen auf eine staubige Fensterscheibe, auf ein Stück Seife, auf einen Teller mit gekochtem Gemüse.

»Was möchtest du von mir wissen, Aliki? Hör auf zu fragen.«

Doch nachdem ich ihr lange genug lästig gefallen war, meinte sie: »Manchmal muss man einfach irgendetwas tun, um sich nicht so hilflos zu fühlen. Ich weiß nicht, wie ich es anders erklären soll.«

Als Takis bemerkte, dass jemand im Keller war, ließ er sich nicht mehr davon abhalten, den Läufer beiseitezuschieben und nach unten zu klettern, um unsere Besucher zu sehen. Ich hörte, wie er sie warnte: »Seid vorsichtig wegen dem Geist hier unten. Er heißt Dimos, und er hat hellrote Haare, und er frisst Dreck.«

Ich stieg ihm hinterher. »Sie redet nicht«, erzählte er den Besuchern über mich. »Aber sie ist meine Freundin.«

»Wir haben euch im anderen Haus gesehen«, sagte die Frau. Obwohl sie die Nacht in der Senke verbracht hatten, sahen sie immer noch aus wie die Art von Leuten aus den Zeitschriften, die wir vor dem Krieg hin und wieder zu lesen bekommen hatten. »Ich bin Sophia«, stellte sich die Frau vor. »Und das hier ist Stelios, mein Sohn.« Er sah mich unter dichten Wimpern hervor an, dann blickte er hastig zur Seite. »Stelios ist schüchtern«, fügte Sophia hinzu.

Ein schüchterner Spion? Andererseits wusste ich nichts über das Leben und die Menschen in der Stadt, und ich glaube, niemand aus dem Dorf war je in Athen gewesen, außer meiner Mutter und Takis’ Vater, der nicht wieder zurückgekommen war. Die Stadt erschien uns beinahe so weit entfernt und fremd wie das Land der großen Radios, wo jeder hinwollte, weil Chrysoulas Cousin dort reich genug geworden war, um ihr das schicke ZENITH-Radio zu schicken. Auf den Bildern in den Magazinen sahen die Leute immer aus, als wären sie in Eile. Sie überquerten in einer Traube die Straße, während der Verkehr wartete, oder strömten in Scharen in ein Stadion hinein oder daraus hervor. Was wussten diese Menschen über Dörfer wie das unsere, wo Leute Holzkohle machten oder Flachs auf den Feldern ernteten? Wir hatten keine Bank in unserem Dorf, keine Apotheke, keinen Arzt. Es gab nicht einmal eine ordentliche Polizeistation, nur einen Feldgendarmen, der dafür sorgte, dass die Grenzsteine zwischen den Feldern nicht verrückt wurden – es sei denn, er war fürs Wegsehen bezahlt worden. Bis zum nächsten Krankenhaus oder zum nächsten Gericht waren es viele Kilometer ungepflasterter Straßen, im Winter oft von tiefem Schlamm bedeckt und kaum passierbar.

Und doch waren gleich hier in Chrysoulas Haus zwei Leute aus der Welt da draußen. Spione, Flüchtlinge, woher sollten wir das wissen? Und wie hatten sie es geschafft, uns zu finden? Spielten sie Karten wie wir? Das war Takis’ größtes Interesse. Stelios spielte. Zuerst schien Takis misstrauisch gegenüber dem schlaksigen jungen Mann mit dem schüchternen Lächeln. Takis überspielte seine Gefühle, indem er versuchte, den anderen herumzukommandieren.

»Los, setz dich dahin«, sagte er zu Stelios und deutete in eine schmuddelige Ecke in unserem Keller. »Es sind meine Karten, also mische ich als Erster und teile aus.«

Stelios lächelte schweigend und setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden.

Ich überlegte, dass Sophia wunderschön aussah, obwohl sie müde wirkte und sich in dem schmutzigen Keller unwohl fühlte. Sie lächelte gerne und oft und dankte mir immer wieder dafür, dass ich sie und ihren Sohn in meinem Haus wohnen ließ. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass es nicht mein Haus war, sondern das Haus von Chrysoula, doch das schien sie nur zu verwirren. Zum ersten Mal, seit mein Vater gestorben war, verspürte ich das Verlangen zu reden. Ich öffnete und schloss den Mund wie ein Fisch, doch sosehr ich mich auch bemühte, es kam kein Laut hervor. Wann immer sich in meiner Kehle Worte bildeten, überkam mich eine unaussprechliche Traurigkeit, und ich wollte anfangen zu weinen.

Da nun zwei Personen mehr zu ernähren waren, brauchte Chrysoula Hilfe. Sie und ich wanderten durch die Berge hinter dem Dorf und pflückten wildes junges Grünzeug, hauptsächlich Löwenzahn, den wir zu Hause mit Essig kochten und aßen. Andere Frauen waren ebenfalls dort unterwegs, einschließlich meiner kleinen Freundin Zephyra – der gleichen, die heute so krank ist – und ihrer Mutter. Alle suchten den felsigen Untergrund nach irgendetwas Essbarem ab. Ich winkte Zephyra zu, und sie tat, als würde sie mich nicht sehen.

»Ah, so wenig heute …«, sagte Zephyras Mutter mit einem Blick auf das, was Chrysoula und ich bisher gefunden hatten.

Chrysoula zeigte mir, wie man einen Löffel benutzte, um die Knollen wilder Hyazinthen auszugraben. »Wir können sie einlegen. Zusammen mit wilden Zwiebeln und Knoblauch. Sieh nur, dort drüben gibt es mehr.«

»Wo? Wo?«, riefen die anderen Frauen und sprangen in die Richtung, in die Chrysoula gezeigt hatte. Sie schubsten sich gegenseitig weg und rangelten um die beste Stelle zum Graben.

Chrysoula lachte. »Sieh sie dir an, Aliki«, sagte sie zu mir. »Die alten Katzen jagen alle der gleichen Maus hinterher.«

»Pass du nur auf deine eigenen Mäuse auf!«, zischte Zephyras Mutter zurück. »Nicht, dass wir alle geschnappt werden!«

Chrysoula nahm mich bei der Hand, und wir entfernten uns von den anderen. Zephyras Mutter hatte ohne jeden Zweifel unsere Besucher im Keller gemeint. Irgendwie musste sich ihre Anwesenheit bereits herumgesprochen haben, doch wie viele im Dorf wussten davon? Wenn Zephyras geschwätzige Mutter dahintergekommen war, dann wussten es viele andere ebenfalls. Jemanden bei sich aufzunehmen brachte alle in Gefahr. Ich warf einen raschen Blick zu Chrysoula, um zu sehen, ob sie sich genauso fürchtete wie ich, doch ihr Gesicht verriet keinerlei Regung.

»Ich kenne eine Schlucht, wo wir vielleicht ein paar Schnecken finden können«, sagte sie zu mir und führte den Weg. »Wir können Salingaria vrasta machen, mit jeder Menge Thymian. Das schmeckt gut. Ich sammle die Schnecken ein, und du pflückst den Thymian.«

An jenem Abend packte Chrysoula die Schnecken zusammen mit dem Thymian in einen Tonkrug, sodass sie die ganze Nacht davon fressen konnten und nach dem Kochen das Aroma des Krautes hatten. Aus dem Zimmer, wo Takis und ich schliefen, konnte ich sie hören. Sie krochen halb an der Innenwand des Kruges hoch in dem Bemühen zu fliehen, doch dann verloren sie den Halt und fielen wieder herunter. Ihre Gehäuse machten ein leises klickendes Geräusch, wenn sie auf dem Boden des Gefäßes aufprallten. Immer wenn ich im Begriff stand einzuschlafen, ertönte ein weiteres Klicken. Und dann wieder eins. Sie konnten nicht entkommen, und sie konnten nicht aufhören mit ihren Versuchen. Irgendwann umwölkte sich mein Bewusstsein, unser Atem verlangsamte sich, und Takis und ich fielen gemeinsam in den dunklen Schutz des Schlafes.

Sophia und Stelios hatten noch nie bäuerliches Essen wie gekochte Schnecken oder eingelegte Knollen gegessen. Also zeigte Chrysoula ihnen am nächsten Abend unten im Keller, wie man die Schnecken aus dem Gehäuse holte. »Man hält sie so«, sagte sie und platzierte die Gehäuseöffnung einer Schnecke vor ihrem Mund. »Und dann saugt und saugt man, bis einem die leckere Schnecke in den Mund flutscht.« Sie machte laute schlürfende Geräusche und kaute genussvoll. »Einfach so. Anschließend nimmt man eine der kleinen in Essig gekochten Knollen. Sie sind wirklich lecker.«

Sophia blickte zweifelnd drein, doch Stelios langte in den Topf und folgte Chrysoulas Anweisungen. »Sie sind wirklich gut«, sagte er. »Danke für deine Hilfsbereitschaft.«

Er war stets freundlich und redete auf eine förmliche Art und Weise, an die wir nicht gewöhnt waren. Oder vielleicht war er auch langsam müde zu reden. Am Tag vorher hatte er mich gefragt, ob ich gerne las. »Bücher, meine ich. Ach je, ich schätze, ihr habt keine Bücherei hier im Dorf, oder? Oder doch? Liest du?«

Nein, ich las nicht. Ich konnte ein wenig lesen und schreiben, doch als die Deutschen das Dorf besetzt hatten, war die Schule geschlossen worden, und Petros hatte sämtliche Bücher weggesperrt. Abgesehen davon, wen interessierten schon die alten Schulbücher? Es gab sonst keine Bücher im Dorf, von denen ich gewusst hätte. Die meisten Dorfbewohner konnten nicht lesen.

Sophia hatte Probleme mit den Schnecken und den Knollen. Auch wenn sie freundlich dreinblickte, während sie das Gehäuse an die Lippen hielt, nahm ich doch an, dass sie niemals erwartet hätte, eines Tages eine Schnecke aus ihrem Gehäuse zu saugen.

Takis war keine große Hilfe. »Nein, nein!«, sagte er. »Du musst fest saugen, richtig fest. So …«, er schlürfte lautstark an seiner Schnecke. Sophia schlug sich die Hand vor den Mund und eilte nach oben.

»Hör auf damit, Takis!«, befahl Chrysoula.

»Was hab ich denn getan?«

Stelios erklärte, dass seine Mutter Magenprobleme hatte. »Es ist schlimmer geworden, seit mein Vater und mein Onkel …«

Chrysoula schüttelte den Kopf in seine Richtung, er solle aufhören, doch er schien es im schwachen Licht nicht zu bemerken.

»… abgeholt wurden.«

»Wer hat sie abgeholt?«, fragte Takis.

»Lass ihn in Ruhe seine Mahlzeit essen«, sagte Chrysoula. »Und kümmere du dich um deinen eigenen Teller.«

Für eine Minute schwiegen wir alle. »Aber wohin wurden sie abgeholt?«, platzte Takis schließlich hervor.

Zuerst redete Stelios nur stockend, doch je länger er erzählte, desto mehr schien seine Schüchternheit von ihm abzufallen. Chrysoula wirkte nervös, doch sie gebot ihm nicht noch einmal Einhalt. Was Stelios damals erzählte, machte in meinen Ohren nicht viel Sinn – dass es eine Menge Diskussionen in der Familie gegeben hatte, ob sein Vater und sein Onkel zur Zentralsynagoge in Athen gehen sollten, um sich registrieren zu lassen, weil der von den Deutschen eingesetzte Bürgermeister dies verlangt hatte. Ich wusste damals nicht, was eine Synagoge ist. Und weswegen überhaupt registrieren?

»Die meisten hatten Angst. Aber mein Vater und mein Onkel dachten daran, was passieren würde, wenn sie es nicht taten. Was konnte passieren?« Nachdem sie sich hatten registrieren lassen, waren sie zusammen mit anderen Männern auf Lastwagen verladen und weggefahren worden. Als die Nachricht Stelios und seine Mutter erreichte, hatten sie hastig einige Siebensachen und ein paar englische Goldsovereigns in zwei Koffer geworfen und waren aus der Stadt geflohen.

»Mein Vater dachte von Anfang an, dass wir alle irgendwann wegmüssten, wisst ihr?«, sagte Stelios. »Also hatte er einen Plan. Einen Kontakt zu einer Gruppe von Partisanen in den Bergen.« Stelios und seine Mutter waren auf den Berg Hymettos gegangen, um die Kontaktperson zu treffen. Er hatte ihnen für ein paar Tage Unterschlupf gewährt und ihnen im Gegenzug fast alle Sovereigns abgenommen.

»Wir zogen von Dorf zu Dorf. Wir sind so oft umquartiert worden … in Ställe und Klassenzimmer und Höhlen … Jedes Mal mussten wir bezahlen. Es waren verschiedene Gruppen, aber sie alle verlangten Geld und nannten es einen Beitrag zur Unterstützung ihrer Arbeit.« Die Stimme drohte ihm zu versagen. »Es war sehr hart für Mutter.« Doch die Partisanen schienen untereinander in Verbindung zu stehen, und irgendwann waren sie zu dem leer stehenden Haus des Köhlers in diesem Dorf gebracht worden. »Den Rest unserer Geschichte kennt ihr.«

Eigentlich kannte ich so gut wie gar nichts von ihrer Geschichte. Ich hatte wenig Religionsunterricht gehabt, seit die Schule geschlossen worden war, und ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, was das Wort Jude bedeutete – ein Wort, das an diesem Abend noch gar nicht gefallen war. Und in Orten wie unserem Dorf verstanden selbst die Erwachsenen nicht viel von dem, was sich in der Welt da draußen zutrug. Mit der Zeit würde es sich herumsprechen, dass die griechischen Juden zusammengetrieben worden waren, insbesondere in der Stadt Thessaloniki nördlich von hier, jedoch auch in Athen, dass man sie ihrer Besitztümer beraubt und nach Norden in Konzentrationslager geschickt hatte. Einige, wie Stelios und seine Mutter, waren auf das Land geflohen, wo Dorfbewohner sie aufgenommen hatten.

Was mich anging, so waren Stelios und Sophia einfach Griechen, wie der Rest von uns. Oder waren sie ebenfalls Spione, wie der Vater und der Onkel? War das der wahre Grund, warum sie weggebracht worden waren? Ich überlegte, wie ich all dies ohne Worte fragen konnte, während ich auf den Teller mit den leeren Gehäusen starrte und wieder an die Schnecken denken musste, die in der Nacht an der Seite des Kruges nach oben geklettert waren, um auf halber Höhe abzufallen, klick, klick, klick.

»Ich verstehe überhaupt nichts«, sagte Takis.

»Das musst du auch nicht verstehen«, erwiderte Chrysoula. »Vergiss einfach, was du gehört hast, und mach dich fertig fürs Bett.« Als Takis gegangen war, fragte sie Stelios: »Dein Vater und dein Onkel? Und ihr habt nichts mehr von ihnen gehört?«

»Nein, nichts. Meine Mutter spricht ein altes hebräisches Gebet für ihre sichere Rückkehr. Ich denke, es hilft ihr ein wenig.«

»Und du?«

»Ich bin nicht gläubig. Ich kann nur hoffen …«

Was war das für ein Gebet, fragte ich mich, und was bedeutete hebräisch? Und was das anging, an was glaubte Stelios nicht?

»Es tut mir leid«, sagte Sophia, als sie zurück war. »Ich habe wirklich Magenprobleme. Was hast du erzählt, Stelios?«

»Ich habe von den Partisanen erzählt, Mutter. Dass wir ihnen unsere Sovereigns geben mussten und dass sie uns hergebracht haben.«

»Ah, richtig. Wir hatten großes Glück, euch zu finden.«

Sie hatten noch ein paar Sovereigns übrig, und Sophia erbot sich, Chrysoula einen davon zu geben. Sie würden gerne für ihr Essen aufkommen und helfen, meinte sie. »Ihr habt selbst so wenig für euch, und noch viel weniger für zwei zusätzliche Mäuler.«

Chrysoula weigerte sich höflich, doch bald gab sie ihren Widerstand auf. Gold war die einzige Währung, die zählte. Papiergeld war nahezu wertlos geworden – ein ganzer Kopfkissenbezug voll Tausend-Drachmen-Noten reichte nicht, um ein Kilo Salz zu kaufen. In den Städten, so erfuhr ich später, tauschten die Menschen Dinge wie einen Konzertflügel oder persische Teppiche gegen ein paar Kilo Reis oder etwas Olivenöl. Doch unser Dorf lag nicht weit von der Küste, und es war bekannt, dass kleine Fischerboote, sogenannte kajik, illegale Fahrten zu einigen der Inseln und sogar zur türkischen Küste unternahmen. Die Menschen dort hatten ebenfalls nicht viel, doch die Fischer tauschten alles, was sie kriegen konnten, und brachten es zurück, um es zu überhöhten Preisen zu verkaufen. Es war möglich, ein paar Dinge wie Mehl, Reis, Olivenöl und gelegentlich sogar einen Fisch oder zwei zu kaufen, wenn man die inflationären Preise bezahlen konnte. Irgendwie gelangten diese Dinge ins Dorf – vielleicht wurden ein paar Deutsche bestochen, wer vermochte das schon zu sagen?

»Ich bin sehr verlegen«, gestand Chrysoula. »Gastfreundschaft ist in meiner Familie eine Frage der Ehre. Aber was können wir in Zeiten wie diesen schon tun?«

Wie auch immer, wir waren endlich imstande, Brot zu backen, das uns, getunkt in Olivenöl, für den Moment am Leben hielt. Und manchmal gab es kleine Fische mit Reis. Unser einziges Problem bestand darin, dass die anderen im Dorf es nicht herausfanden. Es kam nicht infrage, dass wir unseren kleinen Schatz mit ihnen teilten. Wäre das Glück zu einem anderen Haus gekommen, hätte diese andere Familie es genauso gemacht. Abgesehen davon, die Heimlichkeit von alledem hatte einen ganz eigenen Reiz …