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Ein Lied, mein Leben und was sonst noch schiefgehen kann

Über die Autorin

Tini Wider, ursprünglich aus Österreich, lebt und arbeitet seit sieben Jahren im Westen Kanadas. Sie genoss eine Ausbildung zur Filmproduzentin an der Filmakademie Wien, wo sie auch das Fach »Drehbuch« belegte. Die Liebe zum Schreiben schlummerte viele Jahre in ihr, nur um jetzt umso heftiger zu erwachen.

Ein Lied, mein Leben und was sonst noch schiefgehen kann ist ihr zweiter Roman.

Über die Designerin

Wenn die Lieblingsbeschäftigung zum Traumjob wird.

Ich liebe Bücher – ihren Geruch, das Rascheln ihrer Seiten, das Gefühl von Papier unter meinen Fingern, ihre Geschichten und natürlich ihre wundervollen Cover. Daher entstand aus dieser Liebe irgendwann der Wunsch, selbst Buchcover zu gestalten.

Bereits seit früher Kindheit bin ich in verschiedenster Weise kreativ tätig. Dabei lasse ich meiner Fantasie freien Lauf, lasse mich immer wieder von meiner Umwelt, meinen Mitmenschen, Formen und Farben inspirieren und entdecke jedes Mal neue kunstvolle Dinge. Deshalb gestalte ich auch alle meine Designs mit Herz und Seele und kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.

Eure Florin von 100covers4you.com

Dieses Buch ist meiner Uroma Antonia
gewidmet, die mich seit jeher auf ihre ganz spezielle
Weise begleitet.

Dieses Buch enthält Triggerwarnungen
auf letzter Seite gegenüber der Deckel-Innenseite.

»Schau nach vorne, Lilly. Du musst dich jetzt auf deinen neuen Weg konzentrieren. Lass alles hinter dir und gib dir selbst eine Chance.« Meine Augenbrauen schossen automatisch nach oben. Mir selbst eine Chance geben? Das konnte sie doch nicht ernst meinen. Mann, Oma, das musste doch auch in deinen Ohren wie ein kitschiges Selbsthilfebuch klingen. Seufzend starrte ich wieder in den Regen, der gegen das Glas vor mir peitschte. Die Lichter der Großstadt flogen in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei.

Glückskeksweisheiten waren eigentlich nicht die Art Rat, die ich normalerweise von meiner Oma Mathilda erhielt. Meine Oma Math war im Grunde richtig cool, um nicht zu sagen unkonventionell. Die Scheibenwischer gaben dem Bild einen mechanischen Rhythmus. Hin und her, hin und her. Wie mein Leben im Moment. Ich hatte keine Lust zu antworten, geschweige denn eine Unterhaltung zu führen, und verfolgte krampfhaft die Wischblätter vor mir. Hin und her … Mit wenig Erfolg versuchte ich, alle Eindrücke emotionslos auf mich wirken zu lassen.

Oma wandte sich mir zu, tätschelte meinen Oberschenkel, und das Auto machte einen gewagten Schlenker. Erschrocken stützte ich mich mit beiden Händen am Armaturenbrett ab.

Zu meiner Erleichterung konzentrierte sie sich jetzt wieder auf die Straße, während sie sprach.

»Es war eine gute Entscheidung, Lilly. Du weißt ja, was ich von eurer trauten, Niederzwehrener Zweisamkeit halte. Gehalten habe. Na, eigentlich noch immer halte.« Ihre bunt beringten und makellos manikürten Finger öffneten und schlossen sich um das Lenkrad.

Niederzwehrener Zweisamkeit. Sie benutzte immer so einen abfälligen Tonfall, wenn sie über unseren kleinen, aber feinen Stadtteil herzog.

Zugegeben, er war eher ländlich und kleinbürgerlich, aber wir fühlten uns dort wohl. Niederzwehren war unser Zuhause. Bis vor kurzem war es unser Zuhause gewesen. Mit einem tiefen Seufzen musste ich mir eingestehen, dass es jetzt keine Niederzwehrener Zweisamkeit mehr gab.

Es gab überhaupt keine Zweisamkeit mehr.

Es gab nur noch mich. Was sollte dieses blöde Wort überhaupt? Bei dem Gedanken zog sich mein Herz unweigerlich schmerzhaft zusammen. Ich zwang mich, in den Fußraum zu starren, und beobachtete angestrengt meine Stiefelspitzen.

Auch wenn sich die Tränen wie selbstverständlich in meine Augen arbeiteten, gelang es mir unter großer Kraftanstrengung, sie zurückzudrängen. Ich bedachte meine Oma Mathilda mit einem schnellen Seitenblick.

»Es wird eine Umstellung, das gebe ich ja zu. Aber es bietet dir auch so viele Möglichkeiten«, versuchte sie mich unermüdlich zu überzeugen. Hochgewachsen und schlank, wie sie war, ähnelte sie Mama so sehr, dass ich mich erneut fragte, ob ich wirklich mit den beiden verwandt war.

Bei dem Gedanken an Mama verkrampfte sich mein Herz unvermeidlich noch weiter, und meine mühsam bewahrte Fassung kam kurz ins Stolpern.

Meine Mama …

Bewegungslos starrte ich Omas schön geschwungenes Profil an und konnte die Tränen im letzten Moment zurückblinzeln.

Sie ignorierte meinen Gefühlsausbruch gekonnt.

»Möglichkeiten, die dir bisher alle verwehrt waren. Glaube mir, diese Stadt steckt voller Potenzial. So wie du.«

So wie ich. Na klar.

Sie sah wie immer toll aus und hatte ihr langes weißes Haar, wie so oft, kunstvoll hochgesteckt. Zwei Handbreit der Spitzen waren pechschwarz gefärbt und kamen durch diese Frisur noch besser zur Geltung. Sie duftete immer nach einem exquisiten Parfüm, und ich fragte mich jedes Mal, wie viele verschiedene Sorten sie eigentlich besaß. Es kam mir vor, als wäre es niemals derselbe Duft. Niemals. Eintönigkeit war meiner Oma verhasst. Mein Blick ruhte weiter auf ihrem Gesicht, bis der Inhalt dessen, was sie mir gerade mitteilte, in meinen Gedanken ankam:

Diese Stadt steckt voller Potenzial.

Diese Stadt. Berlin. Ein Schauer der Angst lief meinen Rücken hinunter. Diese Riesenmetropole jagte mir hauptsächlich Angst und Respekt ein. Ich wollte wieder in meine sichere und gemütliche Zweisamkeit zurück.

Wie immer schienen Omas feine Antennen meinen Blick aufzufangen, denn sie drehte den Kopf zu mir und lächelte mich liebevoll an. Alarmiert nahm ich einen roten Lichtschein im Augenwinkel wahr.

»Oma!«, rief ich, und sie legte instinktiv eine Vollbremsung hin. Die Reifen quietschten laut auf, und ich wurde mit voller Wucht in den Gurt gedrückt.

Von hinten kreischte viel zu nahe das Bremsgeräusch eines Autos auf dem Asphalt. Ohne nachzudenken, hob ich schützend die Arme vors Gesicht und machte mich in Erwartung eines Aufpralls ganz klein. Aber überraschenderweise geschah nichts. Mathilda räusperte sich. Sie wandte sich nach hinten und entschied, dass alles wieder in Ordnung war.

»Hoppla. Na, ist ja noch mal gut gegangen«, trällerte sie in fröhlichem Tonfall. Ungläubig beobachtete ich, wie sie einen Knopf am Radio drückte.

Kurz darauf drang beschwingte Jazzmusik an meine Ohren.

Oh, Oma Math. Daran würde ich mich wohl gewöhnen müssen.

Mit aufgerissenen Augen und wild klopfendem Herzen starrte ich wieder aus dem Fenster. Berlin-Charlottenburg erhaschte ich auf einem Schild, als wir einer Ausfahrt folgten. Oma wechselte schon wieder drei Spuren in einem Zug und plapperte beschwingt weiter:

»Erst mal bleibst du ohnehin bei uns. Dann suchen wir noch nach einer Lehrstelle, nicht wahr? Arvo hat da vielleicht eine Idee. Kann sein, dass wir demnächst in die Schweiz müssen, für den Dokumentarfilm, du verstehst.«

Ich verstand, krallte aber nur die Finger in den Schaumgummi des Autositzes. Die Fahrt durch die Großstadt ging unbarmherzig weiter. Mathilda navigierte uns mit schlafwandlerischer Sicherheit durch den Verkehr. Zumindest gab sie mir somit keine Chance, meinen trüben Gedanken nachzuhängen. Überleben stand im Moment ganz oben auf meiner Liste. Mit einem Quietschen brachte Oma ihren PT Cruiser zum Stehen und riss mich etwas unsanft aus meinen Gedanken.

Leicht benommen, sah ich mich um und nahm die Umgebung nur langsam wahr.

»So, meine Liebe. Willkommen in deinem neuen Leben«, strahlte sie mich an. Ich spähte hinaus in den Regen. Mein neues Leben. Warum musste sie alles immer so darstellen, als stünden wir auf einer Bühne? Zugegeben, ihr Hang zum Drama war nichts Neues für mich. Meistens fand ich ihre Exaltiertheit amüsant, außer ich war selbst Teil der Inszenierung. Wir parkten vor einem Häuserblock, der nur aus Wohneinheiten bestand. Solche Bauten gab es in unserem kleinen Stadtteil, der bis jetzt mein Zuhause gewesen war, nicht wirklich. Das Flair der Großstadt traf mich mit voller Wucht. Natürlich war ich schon früher in Berlin gewesen und erkannte die Straße wieder, in der Omas Wohnung lag.

Im Grunde mochte ich die Metropole eigentlich auch ganz gern, aber ich war ja immer nur zu Besuch gewesen. Hier für längere Zeit zu wohnen, war schon eine ganz andere Nummer. Ich seufzte. Oma steckte den Kopf ins Wageninnere.

»Na, komm jetzt, Süße.« Ergeben nickte ich und kletterte aus dem Auto. Ich wollte etwas Passendes antworten und Hoffnung schöpfen, aber jeder Versuch scheiterte allein schon bei dem Gedanken. Meine Oma würde mir das aber nicht übel nehmen. »Danke, Oma«, war deshalb alles, was ich herausbrachte.

Tief in mir machte sich die dunkle Gewissheit breit, dass ich ab jetzt einen großen Teil meiner nahen Zukunft an diesem Ort verbringen würde. Diese Vorstellung schob ich vorerst schnell von mir weg. Verzweiflungspanik konnte ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Oma nickte mir aufmunternd zu und lud meine zwei Koffer aus dem Wagen. Einen davon nahm ich ihr ab und schulterte meine Gitarre. Mir fiel auf, wie fit und agil sie für ihr Alter war.

Es regnete in dünnen Schnüren, und ich zog den Kopf ein, als ich ihr durch das Haustor folgte. Wir quälten uns die fünf Stockwerke nach oben, einen Aufzug gab es nicht.

Oma redete ununterbrochen weiter, ich bekam aber nur wenige Details richtig mit. Hauptsächlich schnappte ich Begriffe wie Chance, Talent, Möglichkeiten und ähnliches Geschwafel auf.

Erstaunt stellte ich fest, dass meine Oma, im Gegensatz zu mir, nur ein klein wenig mehr als sonst atmete. Sie grinste, als sie mein Keuchen bemerkte, dann wanderte ihr Blick zu der Gitarre. Mit einer theatralischen Geste, die wohl die ganze Stadt einschließen sollte, verkündete sie:

»Jetzt, mein Schatz, steht dir endlich die Welt offen. Du wohnst jetzt in Berlin, Schmelztiegel der Kulturen, und vor allem Musik an allen Ecken und Enden. Vielleicht findest du den Weg auf die Bühne ja doch noch.«

Sie zwinkerte mir zu, was ich mit einem Schnauben quittierte. Sie wusste sehr wohl, dass ich niemals im Leben irgendwo anders als vielleicht in meinem Badezimmer auftreten würde. Selbst Mama hatte jahrelang erfolglos alles versucht, um mir zu helfen. Die wenigen Male, auf die ich mich dann doch eingelassen hatte, hatten ausnahmslos in einer Katastrophe geendet.

Unweigerlich stieg eine lang verdrängte Erinnerung vor meinem inneren Auge auf. Die liebevolle Stimme meiner Mutter hallte beinahe hörbar in meinen Gedanken wider …

»Lillymaus, du hast so eine außergewöhnlich schöne Stimme. Bist du dir sicher, dass du es nicht zumindest einmal versuchen willst? Es ist kein großes Publikum, beinahe wie zu Hause, nicht? Ein vergrößertes Badezimmer sozusagen.« Mama sah mich eindringlich mit ihren hellen Augen an und hielt meine Hände fest in den ihren. Damals war ich etwa acht Jahre alt. Mein Gitarrenlehrer war hin und weg von meinem Talent, wie ich in nur wenigen Monaten sowohl klassische als auch Popsongs nur nach Gehör nachspielen konnte. Ich sei die perfekte Schülerin. Ich erinnerte mich noch sehr genau an den Moment, in dem ich zum ersten Mal eine Gitarre in die Hand nahm. Es fühlte sich an, als hätte ich endlich einen fehlenden Körperteil wiedergefunden, von dem mir erst in dem Augenblick bewusst wurde, dass ich ihn vermisste. Endlich ergab die Welt so richtig Sinn für mich.

Mama merkte schnell, wie viel Spaß ich dabei hatte, und meldete mich zum Unterricht an. Kein einziges Mal musste sie mich zum Üben anregen oder an die Stunde erinnern. Meist war ich schon vor ihr fertig und drängte sie, um ja nicht zu spät zu kommen. Allerdings änderte sich diese Begeisterung schlagartig, wenn mir mehr als eine Person zuhörte. Öffentliches Auftreten fand ich völlig unnötig, es stellte den blanken Horror für mich dar. Anfangs war das auch kein Thema, aber da ich so schnelle Fortschritte machte, versuchten Herr Fender, mein Lehrer, und meine Mama, mich doch irgendwie dazu zu überreden.

»Nur ein Klassenabend. Kein großes Publikum«, sagten sie. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen dagegen, bis sie schlussendlich aufgaben. Sie hätten mich schon auf die Bühne tragen müssen.

Ein paar Jahre später versuchte ich es doch einmal in der Schule, was in einem ausgemachten Desaster endete. Ich saß mit der Gitarre auf der kleinen Bühne der Aula unserer Schule, und meine Stimme versagte mir komplett. Meine Hände schwitzten, die Gitarre wäre mir beinahe aus der Hand gerutscht. Keiner nahm Notiz von mir, weil die Vorführung nur als Hintergrundmusik gedacht war. Herr Fender meinte, das sei eine gute Idee. Von wegen. Mit rasendem Puls und hochrotem Kopf murmelte ich etwas von einer Erkältung oder Heiserkeit und flüchtete nach Hause. Meine Mama hatte das aber sehr wohl beobachtet. Später kam sie in mein Zimmer und setzte sich an mein Bett. Ich hatte die Nase wie immer in einem Buch vergraben.

»Lilly«, begann sie mit sanfter Stimme. »Was genau geht in dir vor, wenn du auftreten sollst? Nicht, dass ich das jetzt ändern möchte, aber ich würde es gerne verstehen. Du schreibst so schöne Lieder und drückst dich so wundervoll mit der Musik aus, aber der Schritt, es vor Publikum zu präsentieren, scheint wohl stark blockiert zu sein.« Mein erster Impuls war, mit Widerstand zu reagieren, aber ihr Gesicht zeigte echtes Interesse und Mitgefühl. Meine Mama eben. Man konnte ihr schwer böse sein oder allzu lange trotzig bleiben. Ich nagte an meiner Unterlippe und rümpfte die Nase. Wie sollte ich diesen Gefühlshaufen nur klar formulieren?

»Ich bin nicht sicher. Es ist, als ob meine gesamte Energie aus mir herausströmt. Alles, was sonst einfach und selbstverständlich ist, ist auf einmal verschwunden. Im besten Fall bekomme ich Schweißausbrüche oder Herzklopfen.«

Ich gab ein sarkastisches Lachen von mir, aber Mama sah mich weiterhin aufmerksam an, und so fuhr ich fort:

»Das ist dann wenigstens eine Reaktion, aber meistens ist alles einfach … fort. Verstehst Du? Meine Stimme vorhin war einfach … wie weggeblasen.«

Sie nickte bedächtig und schien etwas abzuwägen. Für einen Moment öffnete sie den Mund, wie um etwas zu sagen, überlegte es sich dann aber doch anders. Damit war wohl alles gesagt. Ich sah sie an. Sie nickte nur und verließ dann mein Zimmer.

Ihre Reaktion kam mir damals ein wenig untypisch und seltsam vor, aber ich vertiefte mich wieder in mein Buch. Das Thema Auftritt samt Auftrittsangst war für mich seitdem ein für alle Mal beendet. Heilfroh darüber, dass Mama es nie wieder ansprach, vergrub ich die Angelegenheit im tiefsten Winkel meines Herzens.

»Lilly?« Oma Maths Stimme riss mich aus meinen Erinnerungen. So viel zum Thema öffentliche Auftritte. Keine zehn Pferde würden mich dazu bringen, jemals wieder eine Bühne zu betreten. Schon gar nicht in einer Riesenstadt wie Berlin. Meine Oma war toll, aber ihr fehlte das Verständnis für mein Problem.

Ich stand immer noch auf den letzten zwei Stufen, die zum fünften Stock führten, und schüttelte den Kopf, als mir bewusst wurde, dass Oma mich erwartungsvoll ansah.

»Was? Oh, ich … Entschuldige bitte …«

Krampfhaft legte ich mir eine Verteidigungsrede zurecht, die mich vor ihren Versuchen, mich auf eine Bühne zu bringen, für immer bewahren sollte, doch überraschenderweise wechselte sie völlig kommentarlos das Thema. Entweder wollte sie mich absichtlich missverstehen oder sie deutete mein Stottern als simplen Verlust meiner Kräfte.

»An die paar Stufen gewöhnst du dich noch.«

Sie lächelte verschmitzt, öffnete die große Flügeltür zu der wunderbaren Altbauwohnung und flötete:

»Arvo, Liebling. Wir sind hier.« Ich vernahm Schritte auf dem knarrenden Parkettboden, und der kleine drahtige Mann meiner Oma, Arvo, kam uns mit weit ausgebreiteten Armen entgegen.

Er küsste erst Mathilda auf die Wangen, dann nahm er mich in den Arm. Wie immer wunderte ich mich über seine kurzen, leicht abstehenden schneeweißen Haare, die immer ein wenig zu leuchten schienen. Ich schmunzelte, als er mich wie immer bei meinem vollen und meinem Kosenamen begrüßte.

»Gillian-Lilly. Komm her, mein Herzblatt.« Es tat gut, so innig von ihm gedrückt zu werden, auch wenn das den aufkommenden Weinkrampf nicht unbedingt stoppte. Im Moment war ich emotional so aufgeladen, dass beinahe jede Gefühlsregung mit einer Tränenflut einherging.

Arvo legte einen Arm um mich und schob mich durch den Flur, am Wohnzimmer und der Küche vorbei.

»Du bleibst natürlich hier bei uns. Dein Reich wird das Gästezimmer, ja? Ich habe schon alles vorbereitet.« Er erwartete offenbar keine Antwort, zog mich mit sich, und so nickte ich nur dankbar. Im Vorbeigehen erhaschte ich, wie immer omnipräsent, vor allem Fotografien von meiner Oma, die Ausschnitte ihrer beinahe gesamten Karriere darstellten. Wunderschöne Schwarz-Weiß-Aufnahmen, aber auch Filmplakate, Theaterankündigungen und Teamfotos.

Eines hatten sie alle gemeinsam: Mathilda, der Star.

Gut, sie war kein international gefeierter Superstar, aber sie konnte einige nationale Erfolge verbuchen und benahm sich manchmal wie eine absolute Diva. Wenn ich diese Selbstdarstellung so sah, fragte ich mich jedes Mal, ob wir wirklich miteinander verwandt waren. Mama und ich waren ganz anders. Wir mieden das Rampenlicht tunlichst, ich wurde sogar panisch.

Nun stand ich in dem kleinen, aber gemütlichen Zimmer und stellte leicht verwundert fest, dass ich den Geruch nach Holz und Omas Parfüm als sehr angenehm empfand. Arvo hatte meinen Gitarrenkoffer vorsichtig abgestellt und die Koffer neben der Couch platziert. Diese war schon für mich vorbereitet, samt Kissen und Bettdecke. Der Hello Kitty-Bezug entlockte mir ein Schmunzeln. Diese Phase hatte ich schon vor einigen Jahren hinter mir gelassen, aber Oma und Arvo hatten die Bettwäsche dennoch behalten. Mir fiel auf, dass ich mich gar nicht mehr erinnern konnte, wann ich das letzte Mal bei ihnen zu Besuch gewesen war. Arvo drückte sanft meinen Arm.

»Du kannst dir das Zimmer dann noch besser für dich einrichten. Persönlicher und so, nicht wahr? Aber für den Anfang reicht das – hoffen wir zumindest.« Liebevoll und mit Sorge im Blick schlenderte er zur Tür, als Oma ihren Kopf hereinstreckte.

»Ich muss mich kurz hinter den Laptop klemmen. Recherche. Hast du alles, was du brauchst? Arvo ist ja auch noch da, nicht wahr, mein Lieber?«

Beide strahlten mich erwartungsvoll an. Dankbar nickte ich und ließ mich auf die Couch sinken. Oma war schon mit wehenden Gewändern ins Wohnzimmer zurückgeschwebt. Arvo stand noch etwas unschlüssig im Türrahmen.

»Wenn du Hunger hast, der Kühlschrank ist gefüllt.« Ich streckte meine Hand aus, er kam wieder zu mir, ergriff sie und drückte sie fest. Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus.

»Danke.«

»Mein Schatz, natürlich. Ehrlich gesagt weißt du gar nicht, wie sehr sich Mathilda darüber freut, dass du hier bist.« Er schüttelte den Kopf, als könnte er gar nicht glauben, dass ich leibhaftig da war, drückte meine Hand noch einmal und ging dann aus dem Zimmer.

Als die Tür leise ins Schloss fiel, löste sich ein tiefer Seufzer in meinem Innersten. Überrascht stellte ich fest, dass ich überhaupt nicht mehr müde war, also erhob ich mich und trat ans Fenster. Die Lichter der Großstadt funkelten verführerisch und verheißungsvoll. Von hier aus, im warmen Zimmer stehend, erlaubte ich mir, einen Funken Hoffnung zu schöpfen. Vielleicht war das alles doch eine Chance auf ein neues Leben. Ein Leben, wie ich es mir bisher nie vorstellen konnte und auch nicht wollte.

Die vielen Lichter verschwammen vor meinen Augen, und ich musste blinzeln. Mein Kopf rotierte vor Gedanken und neuen Eindrücken. Ein winziger Glimmer von Energie schien sich in mir zu entfachen. Ich musste irgendetwas tun. Schlafen war im Moment keine Option mehr, dafür war ich viel zu aufgekratzt. In meinen Fingern kribbelte es regelrecht, und ich öffnete und schloss die Hände zu Fäusten. Es war noch nicht sehr spät, deshalb tat ich das, was mich normalerweise immer beruhigte, und packte meine Gitarre aus. Auch wenn sich Oma und Arvo ganz lieb um mich kümmerten, konnten sie die Leere in meinem Inneren nicht vollständig füllen. Diese Emotionen galt es jetzt aus- und durchzuhalten.

Planlos spielte ich ein paar Melodien, die mich sonst immer beruhigten, aber es funktionierte nicht wirklich. Nach ein paar Fehlversuchen sang ich ein paar Mal hintereinander, nicht allzu laut, aber voller Inbrunst, What’s going on von den 4 Non Blondes. Danach fühlte ich mich ein klein wenig besser. Mama hatte immer den Kopf geschüttelt, wenn ich ein Lied, das in ihren Ohren wunderbar klang, zum wiederholten Male und bis zur Perfektion geübt hatte. Ich wusste von meinen früheren Besuchen, dass Omas Schlafzimmer am anderen Ende des Flurs lag, und fühlte mich sicher vor fremden Ohren.

Es bestand keine Gefahr, dass mich irgendjemand hören könnte, und ich ließ meinem Talent und vor allem meinen Gefühlen freien Lauf. Ich klammerte mich regelrecht an meine Gitarre und spielte mit Feuereifer abwechselnd Popsongs und klassische Etüden, ohne Plan und Ziel. Dabei konnte ich regelrecht spüren, wie sich mein Körper Ton für Ton entspannte und die Sorgen ein Stück weit von mir abfielen. Sie wurden dadurch nicht kleiner, aber der riesige Problemberg, der mein Leben im Moment war, schien zumindest ein wenig überwindbarer.

Atemlos hielt ich inne und tastete nach dem Anhänger, der in der Form eines Notenschlüssels um meinen Hals lag. Das Metall fühlte sich warm an und schmiegte sich angenehm an meine Haut.

Ein leises Klopfen ließ mich aufschrecken.

Arvos weißer Haarkranz schob sich durch den Türspalt.

»Lilly, das klingt einfach fantastisch. Ich wusste ja, dass du spielen kannst, aber das ist einfach allererste Sahne.« Verlegen blinzelte ich und schob mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. Er räusperte sich.

»Was ich sagen wollte … Mach dir keine Gedanken wegen der Lautstärke. Diese Wohnung hat dicke Wände, und wir haben auch keine Nachbarn im Moment. In diesem Sinne, lass die Sau raus.« Er zwinkerte vergnügt und murmelte noch etwas von Starqualitäten, während er die Tür hinter sich zuzog. Musik an allen Ecken und Enden, hatte Oma Math vorhin gesagt.

Vielleicht hatte ich ja doch eine Möglichkeit und konnte meine Auftrittsangst überwinden. Der Notenschlüssel auf meiner Haut pulsierte in einem gleichmäßigen Rhythmus. Nein, es war natürlich mein Herz, das gegen meine Brust schlug, nicht der Anhänger.

Bei dem Gedanken, vor Publikum zu spielen, klopfte es gleich noch einmal so schnell. Und doch war an meinem letzten Abend in meiner Heimatstadt etwas ganz Außergewöhnliches passiert. Aber das war bestimmt nur purer Zufall gewesen. Ich konzentrierte mich wieder auf die Musik und wischte die Erinnerung fast ärgerlich aus meinen Gedanken. Nur weil es einmal geklappt hatte, bedeutete das noch lange nicht, dass ich es wieder schaffen würde.

Meine Finger hatten bei diesen Gedanken wie von selbst zu einer Melodie gefunden. Immer wieder die gleichen Akkorde, die spielerisch regelrecht ineinanderflossen. Mit geschlossenen Lidern gab ich mich ganz der Harmonie hin.

Wie so oft tauchten die smaragdgrünen Augen meiner Mama vor meinem inneren Auge auf und inspirierten mich zu einer neuen Komposition. Ich wollte nicht nur ein Lied spielen, das ich schon in- und auswendig kannte. Das Bedürfnis, etwas ganz Neues und Originelles zu erschaffen, übernahm meine Gefühle und Gedanken.

Erst lose, nicht zusammenhängende Tonfolgen und Liedfetzen entwickelten sich ganz von selbst und fügten sich langsam, aber sicher in ein Lied, das meine Stimmung perfekt ausdrückte. Die Melodie, die bei der Erinnerung in mir entstanden war, fühlte sich einfach richtig und gut an. Mein persönlicher Erfolg, wie ich das erste Mal vor echten Menschen voller Leidenschaft gespielt hatte, gepaart mit der ziehenden Leere, begleitete mich durch ein Tal der Emotionen, das ich so noch nicht durchlebt hatte.

Anfangs noch mühsam und schmerzhaft, dann immer leichter und beinahe wohltuend legte ich all diese Empfindungen in diese eine ganz bestimmte Melodie. Es gab nur noch die Gitarre, meine Finger, die die Akkorde und Töne ausprobierten, und meine Stimme. Alles andere trat völlig in den Hintergrund. Ich spürte nicht, wie meine Fingerkuppen schmerzten und mein Nacken von der einseitigen Haltung langsam steif wurde. Die Sorgen und Ängste, wie mein Leben weitergehen würde, wurden nebensächlich. Der Schmerz und die Liebe, die ich für meine Mutter empfand, trieben mich immer weiter an.

Diese Art von Kompositionsrausch überkam mich normalerweise nicht aus heiterem Himmel und nicht einfach ohne Grund. Es gab diese besonderen Momente, in denen ich mich so gut mit Musik ausdrücken konnte, und dieses Mal schien das der einzig logische Weg zu sein.

Nach Stunden lehnte ich mich ausgelaugt, erschöpft aber zufrieden zurück. Es war fast Mitternacht, als ich das Gefühl hatte, dass ich nun eine gute erste Version dieses Liedes vor mir liegen hatte. Mir war klar, dass ich die Details möglichst schnell zu Papier bringen musste, um ja nichts zu vergessen.

Also notierte ich die Melodie, Textzeilen und Akkorde auf einem Notenpapier, das immer griffbereit in meiner Gitarrentasche lag.

Den Song betitelte ich ganz schlicht mit Issymama und schlief dann seit Langem tief und fest und ohne schlechte Träume ein.

»Lilly.« Eine sanfte Männerstimme flüsterte in mein Ohr.

»Lilly, Schätzchen.« Blinzelnd öffnete ich die Augen und sah in Arvos freundliches Gesicht. Wieder einmal fiel mir der ungewöhnliche Farbton seiner Augen auf, der mich immer an Karamellbonbons erinnerte.

Besonders jetzt, im hellen Morgenlicht, strahlte sein Gesicht regelrecht, geziert von unzähligen Lachfältchen, die ihn immer so zufrieden erscheinen ließen. Die schlohweißen Haare umrahmten seinen Kopf wie ein Heiligenschein, und ich kniff die Augen zusammen, um gegen das etwas unwirkliche Bild anzukämpfen. Wann war ich denn eingeschlafen? Ich rappelte mich auf, stützte mich auf die Ellenbogen und rieb mir ein wenig umständlich die Augen.

»Was? Wie spät ist es denn?« Hatte ich etwas vergessen? Meine Erinnerungen waren noch ein wenig trübe.

»Nein, Süße, alles in Ordnung. Mathilda und ich müssen ganz spontan für ein paar Tage in die Schweiz. Wir haben dort Zugang zu einer Location, die wir unbedingt für den Dokumentarfilm brauchen.«

»Oh.« Na klar, der Dokumentarfilm. Der bestimmte offensichtlich sein und Omas Leben ungemein, aber daran würde ich mich wohl oder übel gewöhnen müssen. Mein eigenes geregeltes Arbeitsleben war im Moment ohnehin auf Eis gelegt, also warum nicht? Ich nickte verschlafen.

»Kein Problem. Macht euch um mich keine Gedanken, ich komme schon zurecht.« Das meinte ich ganz ehrlich. Die Vorstellung, für ein paar Tage allein zu sein, behagte mir sehr. Arvo blickte mich mit schräg gelegtem Kopf sorgenvoll an. Oma streckte den Kopf zur Tür herein. Sie war schon vollständig angekleidet.

»Alles klar, Lilly? Das ist so eine einzigartige Gelegenheit, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen. Aber es wird nur ein paar Tage dauern, dann sind wir wieder zurück.« Ich nickte noch einmal mit Nachdruck. Ich war doch kein kleines Kind. Am wenigsten wollte ich ein Hindernis sein oder Omas und Arvos Leben auf irgendeine Weise erschweren. Eilig kam sie zu mir und legte eine Hand an meine Wange.

»Lass dir Zeit. Leb dich ein und mach es dir gemütlich. Ich rufe dich an, wenn wir da sind. Oder Arvo. Einer von uns meldet sich auf jeden Fall bei dir, in Ordnung?« Arvo nickte und warf mir einen noch immer besorgten Blick zu, wandte sich dann aber der Tür zu. Innerhalb weniger Minuten waren beide verschwunden. Ich sank zurück in mein Kissen, und die Stille des Appartements umhüllte mich wie ein sanfter Nebel. Unschlüssig, was ich nun tun sollte, verharrte ich im Bett. Ich hatte hier im Grunde nichts zu tun, keine Aufgabe oder Beschäftigung, der ich nachgehen musste.

Leb dich ein …

Na, bitte sehr, dann würde ich mich jetzt eben einleben. Nachdem ich aber nichts Konkretes zu tun hatte, beschloss ich, noch eine Runde im Bett zu bleiben. Zählte das als einleben? Meine Finger fanden, wie so oft in letzter Zeit, den Notenschlüssel und befühlten die glatte Oberfläche. Die Bilder dieses denkwürdigen Abends vor zwei Tagen stiegen vor meinem inneren Auge auf. Es waren nur zwei Tage, und doch kam es mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her. Wie ich das erste Mal in meinem Leben ohne Hemmungen eine Art Konzert am Lagerfeuer gab. Ich, ein Konzert.

Oh, Mama, wenn du das gesehen hättest.

Ein wohliges Gefühl machte sich in mir breit. Alles hatte damit begonnen, dass mich Gaby, meine ehemalige Klassenkameradin, zu dieser Abschlussparty eingeladen hatte …

Erst vor wenigen Tagen war ich noch in Niederzwehren, kam abends von der Arbeit nach Hause und fand ein kleines Päckchen vor der Tür.

Verwundert betrachtete ich die handtellergroße Schachtel, die in braunes Papier eingewickelt war. In fein säuberlicher Handschrift standen da mein Name und die Adresse. Mit nur einem Blick erkannte ich die Handschrift meiner Mutter. Der Schreck fuhr mir in den Magen, mein Herz raste. Filme und Bücher, in denen Menschen wiederauferstanden oder doch nicht gestorben waren, kamen mir in den Sinn. Botschaften aus dem Jenseits, Geister, die noch eine Aufgabe zu erledigen hatten … Gab es so etwas wirklich? In meinem Kopf schossen wirre Gedankenfetzen hin und her, mein Magen verkrampfte sich zu einem Knoten. Mit zitternden Händen hob ich das Paket auf, unfähig, etwas damit zu tun. Oh, Issymama.

»Hey, Lilly.«

Ich wirbelte herum. Welches Gespenst ich erwartet hatte, wusste ich selbst nicht, aber vor mir stand ein echter Mensch, nämlich meine Freundin Gaby. Freundin im weitesten Sinne. Wir hatten nur mehr sporadischen Kontakt, nachdem ich meine Lehre angefangen hatte. Hauptsächlich war ich schuld daran.

Gaby hatte immer wieder versucht, mich in so manche Aktivität zu integrieren, aber ich hatte meistens abgelehnt. Mittlerweile war sie im letzten Schuljahr. Gaby bemerkte meinen entsetzten Gesichtsausdruck.

»Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.« Schnell versteckte ich das Päckchen hinter meinem Rücken, was total unsinnig war, aber instinktiv wollte ich es beschützen. Unsinnig, ja, aber intuitiv richtig. Gaby hob eine Augenbraue. Das Päckchen hatte sie wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, bis ich es so geheimnisvoll verborgen hatte. Sie schüttelte den Kopf und lächelte. Ich wollte mich schon umdrehen, aber ich las kein Mitleid, sondern echtes Interesse in ihrem Gesicht. Um eine neutrale Miene bemüht, versuchte ich mich an einer Unterhaltung.

»Gaby. Na, wie ist es in der Schule?«

Zum Glück überging sie meinen holprigen Kommentar.

»Der Abschlussjahrgang veranstaltet eine Party am See, und wir wollten dich einladen. Du kennst die meisten von uns ja noch.«

Sie wartete nicht auf eine direkte Antwort, sondern kramte eine handgeschriebene Einladung aus ihrer Tasche und reichte sie mir. Ein wenig überrumpelt, nahm ich den Zettel entgegen. Diese Einladungen zu Partys waren mit den Jahren immer weniger geworden. Wenn ich ganz ehrlich war, hatte ich einfach nie das Bedürfnis gehabt, mich mit Gleichaltrigen abzugeben. Mama und ich waren eine vertraute Einheit gewesen, die mir genügt hatte. Sie und ich gegen den Rest der Welt. Obwohl es nicht wirklich etwas oder jemanden gegeben hatte, gegen den wir angekämpft hatten.

»Ich weiß, wir haben in letzter Zeit nicht mehr so viel Kontakt gehabt, aber vielleicht hast du diesmal doch Lust zu kommen. Ist ganz unverbindlich. Vielleicht ist das eine gute Ablenkung.« Als mein Blick starr wurde, schlug sie eine andere Richtung ein. »Na, wir würden uns jedenfalls echt freuen, wenn du kommst.« Mein Mund stand leicht offen, mit einer Hand umklammerte ich das Päckchen, mit der anderen drehte ich unschlüssig die Einladung hin und her.

»Oh. Ja, danke.« Gaby strahlte mich an und wandte sich zum Gehen. Sie winkte mir noch und entfernte sich mit schwingenden Schritten.

Immer noch erstaunt, blickte ich auf das Papier. Das war seltsam, aber auch sehr nett. Ein warmes Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit. Eine Party. Aber was sollte ich dort schon tun? Es wäre eine Ablenkung, und Ablenkung war etwas, das mir im Moment ziemlich gelegen kam. Seufzend betrat ich die Wohnung und legte die Einladung achtlos auf den Vorzimmerschrank. In der Küche angekommen, platzierte ich das Päckchen behutsam in der Mitte des Tisches und ignorierte es ganz absichtlich. Wie eine Motte das Licht, umkreiste ich den Küchentisch, strich mir ein Butterbrot, goss mir einen Saft ein und betrachtete das braune Papier eingehend. Eine Stimme in mir schrie regelrecht:

Mach es endlich auf. Aber dann meldeten sich sofort die Zweifel: Sei vorsichtig. Du hast keine Ahnung, was das sein könnte. Was sollte es denn sein? Es machte jedenfalls keinerlei Geräusche oder gab kein verdächtiges Ticken von sich. Ein wenig später holte ich meine Gitarre und spielte dem Päckchen etwas vor. Das kam mir allerdings irgendwann so albern vor, dass ich endlich den Mut aufbrachte und vorsichtig die Klebestreifen löste. Zum Vorschein kamen ein kleines, unscheinbares Holzkästchen mit Klappdeckel und ein Brief. Ich erkannte auch hier die Handschrift meiner Mutter. Es war ein wenig unheimlich, aber es passte auf seltsame Weise gut zu ihr. Sie hatte so viele Erlebnisse hinter einer Wand aus Liebe, Zuneigung und Beschützerinstinkt vergraben und dabei ein großes, undurchdringliches Geheimnis erschaffen – vor allem, was ihre Vergangenheit anging. Ab dem Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft mit mir war alles eine undurchsichtige Wolke gewesen, über die sie nie etwas preisgegeben hatte.

Alle Versuche, mehr aus ihr herauszukitzeln, waren kläglich gescheitert. Tja, irgendwann schien sie wohl doch das schlechte Gewissen eingeholt zu haben.

Oh, Issymama.

Es war so typisch für sie, etwas so Wichtiges auf so eine etwas unpersönliche Weise zu vermitteln. Sie hätte das nie Angesicht zu Angesicht geschafft. Was heißt hätte, sie hatte es nie über sich gebracht. Mit zitternden Fingern faltete ich den Brief auseinander. Es war ein Bogen Papier mit dem Logo der Arztpraxis. Langsam begann ich zu lesen.

Meine liebe Lillymaus,

als ich dir von deinem Vater erzählt habe, habe ich dir einiges an Informationen vorenthalten. Du weißt, wie sehr ich mich seit jeher dagegen sträube, dir von diesem Teil meines Lebens zu berichten, aber wir wissen beide, dass mir die Zeit davonläuft. Ich habe immer auf den geeigneten Moment gewartet und ihn regelmäßig verpasst.

Aber erst einmal das Wichtigste vorweg: Du bist ein Kind, das aus reiner Liebe entstanden ist. Zumindest ganz sicher von meiner Seite. Nein, lass mich das besser formulieren: Auch von seiner Seite, da bin ich mir sehr sicher. Du warst nie Zufall oder ein Unfall. Ich war ehrlich gesagt nicht sehr überrascht, als ich herausfand, dass ich mit dir schwanger war. Es war natürlich ein Schreck und ein Ereignis, das mein Leben verändert hat, aber es hat auch hundertprozentig genau gepasst für mich. So habe ich immer empfunden.

Ich hob die Augenbrauen und zwang mich, den Absatz noch einmal zu lesen. Das klang völlig anders als jede Andeutung, die sie jemals hatte fallen lassen. Ich sog scharf die Luft ein. Wollte ich denn überhaupt weiterlesen? Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Ja, natürlich wollte ich schon seit Jahren wissen, wer mein Vater war, aber nicht so. Nicht so unvorbereitet. Ich wollte meiner Mutter in die Augen sehen, ihre Miene dabei beobachten. Ärger stieg in mir auf. Sie hätte die ganze Geschichte einfach auf sich beruhen lassen können. Aber alles war anders, alles war völlig durcheinandergeworfen.

Das Gefühl der Trauer wurde von heftiger Wut abgelöst, aufgebracht darüber, warum gerade uns so etwas zustoßen musste. Es war so verdammt unfair. Meine Augen flogen über den Brief, der offenbar endlich mehr Informationen beinhaltete. Informationen zu einem Thema, das ich schon seit Jahren begraben hatte. Lange Zeit hatte ich meine Mutter diesbezüglich bearbeitet. Alle Versuche hatten völlig erfolglos geendet, ich hätte genauso gut eine Unterhaltung mit unserer Kaffeemaschine führen können.

Ein einziges Mal war sie schwach geworden, und ich hatte andächtig zugehört, wie sie von der Liebe zu meinem Vater erzählt hatte.

Nachdem meine Mutter diese Bombe hatte platzen lassen, war der Informationsfluss schnell wieder versiegt. Sie hatte sich in gewohnter Manier verschlossen und alle Versuche meinerseits gekonnt abgeblockt. Ich hatte darauf gebrannt, noch mehr Details zu erfahren, aber sie hatte jedes Mal nur energisch den Kopf geschüttelt und war zurück in ihre Kissen gesunken. Damals hatte sie so unheimlich müde und krank ausgesehen. Ihre Augen hatten erschreckend matt und fast grau gewirkt.

Normalerweise waren sie mir immer ein wenig unwirklich erschienen, manchmal hatten sie wie das zarte Grün des Frühlings gestrahlt. Im direkten Sonnenlicht hatte sie immer etwas Feenartiges an sich gehabt. Rotblond und grüne Augen, klassische helle Haut, fast durchscheinend, dass man die Adern unter der Haut ihrer Schläfen hatte pulsieren sehen. So zerbrechlich und so schön. Aber jeder Glanz war aus ihrem Gesicht verschwunden. Es war das erste Mal gewesen, dass mir so richtig bewusst geworden war, wie ernst unsere Lage war.

Ihre Lage. Und wenn sie wieder einmal eingeschlafen war, hatte ich es nicht übers Herz gebracht, sie zu stören.

Doch ihr schlechtes Gewissen hatte gewonnen. Wenn auch nicht persönlich, dann in einem Schreiben. Ich konzentrierte mich wieder auf die Zeilen vor mir.

Die Tage und Nächte, die ich mit Wolf verbrachte, waren mitunter die wunderbarsten Stunden meines Lebens. Es kam mir im Nachhinein vor, als wären wir wie zwei Magnete, die unaufhaltsam und unausweichlich aufeinander zusteuerten, ohne uns dagegen wehren zu können. Oder besser, sich wehren zu wollen.

Ich verliebte mich in der Sekunde, in der er meine Hand nahm und mich auf diese Couch zog. Wie schon erwähnt, war es auf seltsame Weise wenig verwunderlich für mich, dass ich danach schwanger wurde. Auch wenn das unlogisch und irgendwie kitschig klingt. Allerdings war mir von Anfang an klar, dass dein Leben nicht so wie meines verlaufen würde.

Ich konnte gar nicht anders und musste dich von dieser falschen Glitzerwelt fernhalten. Ich sehe ein, dass diese Einstellung aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig zu extrem war, aber glaube mir, zu diesem Zeitpunkt war mir nur diese Entscheidung möglich. Bitte, meine liebe Lilly, ich hoffe, du findest die Kraft, mir zu verzeihen, dass ich so lange damit gewartet habe.

Ich ließ das Papier sinken. Tränen schwammen in meinen Augen. Es war wirklich ein schönes Gefühl, bestätigt zu wissen, dass man als Kind gewollt war. Zugegeben, sie hatte mich nie glauben lassen, dass ich ein Unfall wäre, aber so klar hatte sie sich noch nie ausgedrückt. Auch wenn das alles sehr verrückt und abgefahren war, war es doch typisch für meine Mutter. Ein kleiner, unvollendeter Kreis schloss sich endlich in meinem Inneren. Der, der immer davon überzeugt gewesen war, dass ich unabsichtlich in die Welt gesetzt worden war.

Die alleinerziehende Mutter überfordert, vom Kindsvater verlassen. Nun taten sich ganz neue Perspektiven auf. Obwohl Mama so etwas nie konkret erwähnt hatte, hatte sich dieses Bild über die Jahre unweigerlich in mir manifestiert. Ich seufzte und blinzelte die Tränen weg, denn der nächste Satz sprang mir regelrecht ins Auge.

Wolf hat mir damals diesen Anhänger geschenkt.

Ich kramte in der Schachtel und entdeckte ein kleines blaues Stoffknäuel. Mit zitternden Fingern und ganz vorsichtig entfaltete ich das weiche Material.

Darin eingeschlagen war ein silberner Anhänger, auf dem ein wunderschöner Notenschlüssel prangte. Er war schon etwas oxidiert und schwarz an manchen Stellen, wobei das der Schönheit keinen Abbruch tat. Im Gegenteil, er erschien auf seine ganz spezielle Weise authentischer. Mit den Fingerspitzen betastete ich sachte die Oberfläche und entdeckte dabei, dass es auf der Rückseite einen filigranen Schnappverschluss gab.

Eine kleine Ewigkeit verstrich mit erfolglosem Herumprobieren, als hätte das Ding ein Eigenleben und wehrte sich gegen mich. Ich wollte beinahe schon aufgeben, als ich den Mechanismus schließlich doch noch überzeugt hatte, mir zu gehorchen. Der Anhänger öffnete sich mit einem leisen Klicken in zwei Hälften. Es war eine Art Medaillon, in das man ein Foto stecken konnte. Allerdings war da nur ein winziges Stück weißer Stoff mit kleinen, rostroten Flecken. In meinem Kopf wirbelten wirre Gedanken umher, aber ich kam zu keinem logischen Schluss. Schließlich widmete ich mich wieder dem Schreiben meiner Mutter.

Wenn du diesen Anhänger näher betrachtest, wirst du feststellen, dass darin ein kleines Stück Stoff versteckt ist. Nun, dein Vater schwört, dass Janis Joplins Blut darauf ist und es ihm Glück gebracht hat. Also, nicht nur einfach Glück. Er meinte, es stecke irgendwie »mehr« darin. Wie immer man »mehr« interpretieren mag. Außerdem sollte er nie in die falschen Hände geraten, da er Gutes wie auch Schaden anrichten kann. Na ja, wie das mit »Schaden« gemeint ist, weiß ich leider auch nicht genau. Ich finde, solchen übernatürlichen Quatsch muss man mit Vorsicht genießen, aber wem erzähle ich das? Wie du weißt, sind meine Ansichten eher von der Naturwissenschaft geprägt, aber ich muss gestehen, dass es etwas mit diesem Schmuckstück auf sich hat. Trage es nicht leichtfertig. Immer, wenn ich es um den Hals hatte, sind … na ja … sonderbare Dinge passiert. Wie auch immer, dein Vater meinte, dass er seine Auftrittsangst damit und nur damit überwunden hat. Ich kann mir vorstellen, wie das für dich klingen mag, aber es war mir wichtig, dass du das erfährst.

Nach unserer letzten gemeinsamen Nacht wollte er, dass ich den Anhänger immer bei mir trage. Anfangs tat ich das auch, aber irgendwann war mir das Ding unheimlich. Für einige Zeit verwahrte ich es bei mir im Zimmer auf. Als dein musikalisches Talent auf einmal so stark aus dir herausbrach und du dazu noch diese Panik vor Auftritten entwickelt hast, war mir klar, wer der eigentliche Eigentümer dieses Talismans sein sollte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich ihn dir schon geben wollte. Allerdings wäre damit unweigerlich verbunden gewesen, dir die Wahrheit über deinen Vater zu sagen.

Die Zeilen waren mit Kugelschreiber auf Papier gebracht, aber an dieser Stelle hatte sie eindeutig geweint. Es war an mehreren Stellen wellig und aufgeweicht.

Wie oben erwähnt, bin ich ständig vor dem richtigen Zeitpunkt davongelaufen. Und nun hat mich dieser Zeitpunkt eingeholt. Bitte sei mir nicht böse, meine liebe Lillymaus. Ich habe das alles getan, um dich vor etwas zu schützen, dem ich dich nicht aussetzen wollte. Ich kann mir vorstellen, wie durcheinander du jetzt sein musst, und ich wäre so gerne an deiner Seite. Es tut mir unendlich leid, dass ich nicht mehr bei dir sein kann. Was immer dein nächster Schritt sein wird, ich bin überzeugt davon, dass du instinktiv den richtigen Weg finden wirst. Ich bin immer in deinem Herzen.

Deine Issymama

Einige Tränen tropften auf den Brief, und ich musste ihn schnell beiseitelegen. Obwohl mir diese Nachricht aus dem Jenseits schmerzhaft die Lücke, die meine Mutter hinterlassen hatte, aufzeigte, fühlte sich diese neue Information meinen Vater betreffend auch unglaublich aufregend und befreiend an. Ich war nicht irgendein ungewollter Unfall, sondern entstanden, weil sich zwei Menschen geliebt hatten. Das klang kitschig, und kurz kam mir der Gedanke, dass meine Mama das nur erfunden hatte, um mir ein gutes Gefühl zu geben. Diese Idee schob ich aber schnell weit von mir weg. Ich hatte meine Mutter verloren, aber meinen Vater gefunden. Gut, noch nicht so ganz, aber doch irgendwie. Es gab zumindest eine Spur.

Ich setzte mich in meinem Bett auf, nahm die Kette vom Hals und betrachtete den Notenschlüssel eingehend. War es nicht ein ganz gewöhnliches, wenn auch sehr hübsches Schmuckstück? Doch Mamas Brief hatte etwas angedeutet, was ich überhaupt nicht einzuordnen vermochte. Was hatte sie mit sonderbar und unheimlich gemeint? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Und dann war da natürlich mein erster, sozusagen öffentlicher Auftritt am Lagerfeuer …

Die Party hatte ich komplett verdrängt, bis ich die Einladung auf dem Küchentisch wiederfand.

Solche Veranstaltungen waren einfach nichts für mich, außerdem hatte ich nur mehr sehr losen Kontakt zu meinen Klassenkameraden, seit ich meine Lehre begonnen hatte. Kurz stutzte ich, denn ich konnte mich nicht erinnern, dass ich den Zettel dort hingelegt hatte.

Schulterzuckend griff ich danach, um ihn wegzuwerfen, als im gleichen Moment eine Textnachricht von Gaby auf meinem Handy eintraf.

Gaby: Vergiss nicht. Heute Party am See. Dazu noch ein paar Smileys und Emojis.

Was für ein seltsamer Zufall. Ich war kurz davor, eine Ausrede zu erfinden, die mit Kopfschmerzen oder allgemeiner Unpässlichkeit zu tun hatte, als meine Hand ganz unbewusst den neuen Anhänger mit dem Notenschlüssel fand, der an einer Kette um meinen Hals lag. Sekunden später hatte ich zu meinem eigenen Erstaunen geantwortet.

Lilly: Okay, bis später.

Ungläubig starrte ich auf den Text, den ich abgeschickt hatte. Alles gut, Lilly, beruhigte ich mich selbst, was mir nicht wirklich gelang. Ich konnte immer noch kurz davor absagen oder einfach nicht hingehen. Den Tag über verbrachte ich abwechselnd vergraben in einem weiteren Jane Austen Roman, den ich schon unzählige Male gelesen hatte, und dem Song, an dem ich gerade arbeitete. An der ersten Fassung musste ich auf jeden Fall noch feilen, denn der Song war noch lange nicht fertig, aber ein paar Teile klangen auch für mich ganz brauchbar. Als der Abend näher rückte, fand ich mich vor dem großen Spiegel neben meinem Kleiderschrank wieder. Was zog man denn auf so eine Party an? Auf keinen Fall wollte ich aussehen, als hätte ich mich für diesen Anlass aufgebrezelt.

Seufzend entschied ich mich für kniehohe, feste Stiefel und einen Rock, der für meine Begriffe fast schon gewagt kurz war und somit nicht ganz so brav wirkte.

Für die Arbeit zog ich mich praktisch und bequem an, also Jeans und Shirts. Nur manchmal, wenn Mama und ich ins Kino gegangen waren, hatten wir uns in Schale geschmissen, was aber im Vergleich zu manchen Mädchen in meiner Altersklasse immer noch etwas nerdig wirkte.

Edle Bücherwürmer der Extraklasse hatten wir uns gegenseitig geneckt.

Ich band meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, das musste genügen. Sie sahen ohne direktes Licht viel dunkler aus, das Rotblond wirkte auf eigenartige Weise intensiver und weniger blond, was ich recht gern mochte.

An der Haustür angekommen, verabschiedete ich mich wie immer von Mama. Diese Angewohnheit steckte tief in mir, und es fühlte sich so vertraut an, dass ich es aufgab, mich dagegen zu wehren.

Sie hätte das bestimmt so gewollt. So winkte ich zum Abschied sogar noch in die ungewohnte Leere und konnte ihren ironischen Kommentar fast wirklich hören:

Leg aber nicht gleich alle Jungs auf einmal flach, ja? Immer schön einer nach dem anderen, ja, Schatz? Ich konnte gar nicht anders, als grinsend und in einer Mischung aus wehmütig und einigermaßen gut gelaunt, das Haus zu verlassen.

Mit dem Fahrrad waren es nur zwanzig Minuten bis zum See, und ich genoss den Fahrtwind in meinem Gesicht. Die Straßen waren bis auf ein paar wenige Fußgänger wie leer gefegt, und die Dämmerung tauchte die Stadt in ein angenehm schummeriges Zwielicht.

Unser kleiner, aber feiner Teil der Stadt, in dem wir wohnten, war voll mit schnuckeligen Fachwerkhäusern, und viele der Straßen waren noch mit buckligem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Manchmal war es kaum zu glauben, dass man sich nicht in einem viel früheren Jahrhundert befand.

Ich liebte jede einzelne Ecke hier. Niederzwehren war der ideale Heimatort für mich und …

Ich brach den Gedanken ab. Für mich. Nur mehr für mich. Ich konzentrierte mich wieder auf die Straße vor mir. Es hätte sich ein wenig unheimlich oder beklemmend anfühlen können, aber in mir machte sich heimelige Geborgenheit breit. Die Zufahrt zum See war ein kleiner, wirklich holpriger Feldweg, deshalb stieg ich ab, um mein Rad zu schieben.

Da es keine richtige Möglichkeit gab, es abzusperren, versteckte ich es im Gebüsch. Nach wenigen Schritten tauchte der See vor mir auf, der in der untergehenden Sonne still glitzernd dalag. Das Bild war atemberaubend, und ich hielt erstaunt inne.

Die Abschlussklasse hatte ganze Arbeit geleistet. Der hölzerne Steg, der zum Wasser führte, war stimmungsvoll und wunderschön mit Hunderten von winzigen Lämpchen erleuchtet.

Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden, und die Dekoration kam so richtig zur Geltung. Auch die umliegenden Büsche und Bäume erstrahlten in fast romantischer Atmosphäre. Auf Tischen standen allerlei Leckereien wie Chips, Cracker und eine riesige Schüssel mit Bowle bereit.

Junge Leute standen überall in Grüppchen verteilt und unterhielten sich hervorragend. Es waren nicht wahnsinnig viele Menschen, und doch überrollte mich in diesem Moment die Panik.

Was wollte ich hier nur? Am besten drehte ich hier und jetzt auf der Stelle wieder um und machte, dass ich davonkam. Niemand würde mich vermissen. Jetzt konnte ich mich noch ganz leicht ungesehen verdrücken.

Entschlossen wandte ich mich um und blickte direkt in Gabys Gesicht. Sie strahlte mich mit ihren blitzblauen Augen an und umarmte mich herzlich.

»Lilly. So schön, dass du gekommen bist. Komm mit. Erinnerst du dich noch an Birgit? Möchtest du eine Bowle?« Sie zog mich mit sich und drückte mir einen Becher in die Hand, den sie mit einer Kelle aus der Schüssel füllte, die voll mit darauf umherschwimmenden Früchten in einer rosafarbenen Flüssigkeit war.

Ich nippte daran und fand, dass das Getränk nicht sehr stark war und erstaunlich fruchtig schmeckte. Ab diesem Moment gab mir Gaby keine einzige Chance, aus ihrem Umkreis zu entfliehen. Sie hatte mich offensichtlich zu ihrer Schutzbefohlenen auserkoren, und so blieb das für den Rest des Abends. Um ganz ehrlich zu sein, war das gar nicht so übel und irgendwie süß, wie sie sich um mich kümmerte.

Zudem fiel mir auf, dass mir niemand sein Beileid aussprach. Keine betretenen Momente, in denen niemand wusste, was zu sagen war. Ich fühlte mich wie ein ganz normaler Teenager auf einer ganz normalen Party.

Wir unterhielten uns über gemeinsame Erlebnisse aus der Schulzeit, und ich erfuhr, wie es meinen Klassenkameraden in den letzten Jahren ergangen war. Ich wiederum erzählte von meiner Lehrzeit im Laden der Jupiters. Die Zeit verging wie im Flug, und schließlich ließen wir uns an dem großen Lagerfeuer nieder, das nahe dem Seeufer entfacht worden war. Jemand spielte auf einer Gitarre, und ich starrte fasziniert und schon ein wenig müde in das knisternde Feuer vor mir. Das Holz knackte, Funken stoben auf und verloren sich in der Schwärze der Nacht. Gaby plumpste neben mir auf den Boden und grinste mich an. Ich lehnte mich zu ihr.

»Danke.« Sie hob den Blick und lächelte.

»Kein Thema. Ich hatte so ein Gefühl, dass diese Party das Richtige für dich sein könnte.« Ich nickte nur. Ihr Gefühl hatte sie nicht getäuscht. Die Stimmung wurde immer ausgelassener, denn der Junge an der Gitarre war richtig gut, und ich begann sogar leise mitzusummen. Nach einem grandiosen Wonderwall stellte er das Instrument zur Seite und bat Gaby, ein Auge darauf zu haben, denn er müsse für kleine Rockgitarristen. Die Meute ums Lagerfeuer verlangte aber nach mehr. Gaby stieß mich an.

»Lilly, was ist mit dir? Du spielst doch auch, oder?« Ich schüttelte lachend den Kopf und hob beide Hände abwehrend in die Höhe.

»Nö, nö. Leider nein.«

Ja, zu Hause und ohne Publikum komponierte ich und spielte mir die Finger wund, aber sonst bekam keine Menschenseele, außer meiner Mama und meinem Gitarrenlehrer, mein Talent zu hören.

Und dann war an diesem Abend doch etwas völlig Seltsames mit mir passiert. Gaby stand da und stemmte die Hände in die Hüften.

»Zufälligerweise weiß ich aber sehr genau, dass du spielen kannst. Hey, Fritz?«, rief sie dem Jungen hinterher. Dieser wandte sich um und sah regelrecht besorgt aus. Ich konnte ihm das gut nachfühlen, ich würde meine Gitarre auch nicht einfach so jemandem in die Hand geben.

»Nicht für mich, ich würde das nicht wagen, aber Lilly ist vom Fach. Bitte«, flehte sie ihn an. Sein Blick streifte mich, und er schien mich erst jetzt richtig zu erkennen. Er hob die Hände und deutete mit dem Finger auf mich.

»Ja, sie schon. In Ordnung, aber geh vorsichtig um mit meinem Baby.« Ich wollte eigentlich ablehnen, nickte aber, weil er so sorgenvoll aussah, und deutete eine »Großes Indianerehrenwort«-Geste an. Fritz grinste. Gaby nahm die Gitarre und drückte sie mir in die Hand. Eine merkwürdige Stille trat ein, und mir wurde bewusst, dass ich jetzt nicht mehr so einfach aus der Nummer herauskam. Alle starrten mich erwartungsvoll an. Mit leicht aufkommender Panik blickte ich in große Augen und schüttelte immer noch den Kopf.

»Nein, wirklich, ich …«

Keine einzige Reaktion im Publikum, außer diesem verdammten erwartungsvollen Schweigen. Mein Magen krampfte sich zusammen, meine Hände wurden schweißnass. Es war wie immer, ich konnte unmöglich vor Leuten spielen. Mist. Allerdings kam mir in dem Moment auch keine Ausrede in den Sinn.

»Nein …«

Die Stimme versagte mir, ich konnte nur noch flüstern. Es war, als wären alle Anwesenden zu Stein erstarrt. Niemand bewegte sich. Nur das Feuer knackte zweimal laut, ein paar Holzscheite brachen in sich zusammen, und wieder stoben Funken weit hinauf in den dunklen Himmel.

Unmöglich.

Ich konnte das nicht. Wie von selbst wanderten meine Finger zu dem Anhänger, der warm und angenehm auf meiner Haut ruhte.

Ein beruhigendes Gefühl der Entspannung durchflutete meinen Körper. Zugegeben, es war ein wenig verrückt.

Gaby stupste mich vorsichtig mit dem Ellenbogen an. Die Leute unterhielten sich mittlerweile wieder ganz ungezwungen.

Oder hatten sie das die ganze Zeit über, und ich hatte mir ihr Schweigen nur eingebildet?

Ich nahm die Gitarre und legte die Finger in die richtige Position, dann holte ich tief Luft. Erst stimmte ich einen Akkord an, dann noch einen. Die Leute applaudierten, obwohl ich noch gar nicht richtig begonnen hatte. Aber es klappte unfassbarerweise ganz gut. Meine Finger fanden wie von selbst zu den richtigen Stellen.

Patience von Guns N’ Roses. Vorsichtig und zart sang ich die erste Strophe. Einige Leute summten mit. Nicht viele konnten den Text, aber mit jeder einzelnen Zeile, ja mit jedem einzelnen Akkord fiel es mir immer leichter, zu spielen und zu singen.

Der Anhänger schien im Takt des Liedes sanft zu vibrieren, doch das schrieb ich meinem aufgeregten Herzschlag zu.

»Wusste ich es doch«, meinte Gaby triumphierend. Ich sah sie an. Sie hatte ja gar keine Ahnung, was für ein bahnbrechender persönlicher Erfolg das war. Das musste ich unbedingt meiner …

O nein, das tat weh. Mein Herz versetzte mir einen Stich. Zum Glück begannen die Partygäste, mir Liedtitel zuzurufen. Die perfekte Ablenkung, und ich konnte beinahe alle bedienen. Die meisten Songs hatte ich im Ohr, und die Menge füllte die Textzeilen, die mir fehlten. Ich war richtig aufgekratzt und konnte gar nicht mehr aufhören. Eine unfassbare Energie durchfloss meinen Körper, und ich schien mit einem Mal eine unendliche Quelle davon zu besitzen. Das Beste daran war, dass ich unheimlichen Spaß dabei hatte, einfach wild draufloszuspielen.

Das Feuer brannte allmählich nieder, und langsam räumten alle gemeinsam auf. Ich spielte immer noch ein Lied nach dem anderen. Gaby trat zu mir und lächelte.

»Fritz hätte gerne seine Gitarre wieder.« Erstaunt blickte ich zu dem blonden Jungen mit den halblangen Haaren.

»Oh. Na klar. Vielen Dank«, murmelte ich verlegen und reichte ihm sein Instrument. Er nahm es dankbar entgegen und nickte mir anerkennend zu.

»Was du da aus meiner Mary herausgeholt hast, ist … ja … mir fehlen die Worte.« Ich grinste, denn auch mir fehlten die Worte. Gaby legte mir einen Arm um die Schultern, mit einem breiten Lächeln im Gesicht. »Ja, unsere Lilly. In ihr steckt so viel Potenzial, nicht wahr?« Nachdem wir aufgeräumt hatten, machten sich alle fröhlich plaudernd auf den Weg zurück in die Stadt. Wir schlenderten gemeinsam über den Feldweg, und ich befreite mein Fahrrad aus dem Gebüsch. Einer nach dem anderen verabschiedete sich und verschwand hinter Haustüren und Eingangstoren. Gaby wohnte nur ein paar Minuten von mir entfernt. Als wir vor einem schnuckeligen Fachwerkhaus samt Vorgarten und schmiedeeisernem Gartentor ankamen, umarmten wir uns noch einmal herzlich.

»Danke, Gaby. Das war echt nett«, nuschelte ich verlegen. Sie lächelte auf ihre ganz eigene Weise und winkte mir zum Abschied. Mit einem Mal erfüllte mich eine zarte, hoffnungsvolle Stimmung. Ja, die Trauer steckte tief und fest, und ich war erst ganz am Anfang eines langen Weges, aber vielleicht war da ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

Vielleicht …

Ich drehte den Anhänger im Licht der Morgensonne und ließ die Reflexion an der Wand funkeln. An diesem Anhänger hingen so viele neue Informationen, die ich noch nicht richtig verarbeitet hatte. Mein Herz schlug ruhig gegen meine Brust, und doch hatte ich das seltsame Gefühl, der Notenschlüssel pulsierte im selben Rhythmus. Selbst jetzt, als er in meiner Hand lag, schien eine Energie davon auszugehen. Warum hatte Mama nur so lange damit gewartet, ihn mir zu überlassen? Es war doch nur ein hübsches Schmuckstück, oder? Warum hatte sie mir das Geheimnis um meinen Vater nicht persönlich preisgeben können? Ich drehte mich um und vergrub das Gesicht in dem Kopfkissen. Wie so oft, wenn mir alles zu viel wurde, löste sich ein Schrei aus meiner tiefsten Seele. Erst Mamas Krankheit, dann warf sie mir nach Jahren der Geheimniskrämerei den Namen meines Vaters vor die Füße, schließlich ihr Tod und im nächsten Moment saß ich in Berlin bei meiner Oma Mathilda. Es war doch verständlich, dass ich ein wenig neben der Spur lief.

Mit aller Macht verdrängte ich die ewig kreisende Frage des Warums. Es half nichts, hier und jetzt konnte ich ohnehin nichts dagegen tun. Mit dem Kissen über dem Kopf lag ich noch lange unbeweglich da und wartete auf etwas, das nicht kam.

Der Straßenlärm der Großstadt riss mich wieder in meine neue Umgebung. Wobei das nicht ganz richtig war.

Die lauten Geräusche, die von unten heraufdrangen, wurden mir erst nach einiger Zeit so richtig bewusst.

Obwohl die Wohnung im fünften Stock lag, konnte man sehr klar Motorengeräusche und sogar ab und zu laute Stimmen vernehmen. Jetzt war ich endgültig wach und hatte auch genug von meinem Bad im Selbstmitleid. Mit einem Seufzer krabbelte ich aus dem Bett und tapste in die Küche. Es gab eine ganz wunderbare Kaffeemaschine, die mich eine geschlagene halbe Stunde beschäftigte, aber am Ende mit einem Cappuccino samt perfekter Milchhaube belohnte. Auf dem Küchentisch lag ein iPad mit einem Post-it darauf, auf dem das Passwort zum Entsperren stand. Ich vertiefte mich in Online Nachrichten und scrollte mich ein wenig durch Instagram.

Instagram war das einzige soziale Netzwerk, das ich für mich als passend eingestuft hatte. Alles andere war mir viel zu zeitaufwändig. Schon allein an den vielen bunten Instabildern konnte man ja stundenlang hängenbleiben. Vor allem, da meine Lieblingsbeschäftigungen schon immer die Musik und das Lesen waren, hatte ich immer versucht meine Online Zeit recht stark zu begrenzen. Heute gelang es mir doch eher schlecht als recht. Ich nippte abwechselnd an meinem Kaffee und kaute an einem Apfel, während ich schlussendlich ohne richtiges Ziel im Internet surfte. Irgendwann, bewusst oder unbewusst, stolperte ich über Fotos und Artikel vom Wolf.

Natürlich.

Die letzten Tage waren so turbulent gewesen, dass sich das Thema Wie-bitte-ich-habe-einen-leiblichen-Vater? von ganz allein völlig in den Hintergrund geschoben hatte. Jetzt allerdings, wo sich meine Wohn- und Lebenssituation zumindest temporär geklärt hatte und sich somit etwas beruhigte, drängte diese verrückte Enthüllung meiner Mutter langsam aber sicher wieder an die Oberfläche. Ich saß in Omas Küche und starrte an den wunderschönen weißen Küchenschrank, der penibel sortiert und voll gestellt mit Utensilien war, die ich aber eher Arvos Kochleidenschaft zuschrieb, als die meiner Oma Math. In meinem Kopf kreiste ein Satz, den ich immer wieder versuchte zu verdrängen.

Der Wolf ist mein Vater. Der Wolf?

Ist der Wolf wirklich mein Vater? Hatte sie deshalb alles so akribisch von mir ferngehalten? Er war nun mal ein ziemlich bekannter Musiker und wir, nun ja, wir waren die Niederzwehrener Zweisamkeit. Seufzend tippte ich auf das iPad und starrte auf die letzte Seite, die ich geöffnet hatte. Zum wiederholten Male googelte ich den Wolf. Deutschlandweiter Superstar. Was hieß deutschlandweit? Er war über die Jahre auch international bekannt geworden. Zwei Singleauskopplungen hatten es sogar an die Spitze der britischen Charts gebracht. Außerdem produzierte er seit Jahren sehr erfolgreich junge Musiker, die sonst höchstwahrscheinlich unentdeckt geblieben wären.

Er hatte ein untrügliches Gespür für Talent.

Ich sprang auf, rannte in der Küche hin und her und fixierte das iPad mit bösen Blicken, bis ich es schließlich umdrehte. Die Neugier war aber zu stark und ich schnappte mir das Tablet wieder.

Unwillig scrollte ich mich durch noch mehr Bilder, von inszenierten Studiofotografien bis Schnappschüssen war alles vorhanden. Ich studierte eingehend einige der Aufnahmen von ihm, die mir besonders ins Auge stachen. Zugegeben, er sah wirklich gut aus, auch auf den aktuelleren Fotos.

Er war vorteilhaft gealtert, wie man so schön sagte. Außerdem besaß er sehr offensichtlich die Gabe, sich fast ausnahmslos effektiv in Szene zu setzen. Komischerweise wirkte es nie gestellt, selbst auf spontanen und unscharfen Bildern machte er stets einen coolen und lässigen Eindruck.

Auffallend war, dass er beinahe immer die schwarzen Haare halblang, wahlweise zu einem Samuraischwanz gebunden und mit oder ohne Kopftuch trug. Gerne auch mit Sonnenbrille. Auf beinahe allen Bildern durchbohrte mich der Blick seiner dunklen Augen, seltsamerweise sogar auf den Aufnahmen, auf denen er eine Sonnenbrille trug. Meist hatte er einen Dreitagebart, der seine markanten Gesichtszüge noch männlicher und ein wenig arrogant wirken ...

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