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Ein Liebestraum auf den Bahamas

1. KAPITEL

Als sie die Lobby ihres Hotels betrat, hielt Cassie den Atem an. Unwillkürlich blieb sie stehen, völlig in den Bann gezogen von dem Mann, der in diesem Moment an der Rezeption des „Garrison Grand-Bahamas“ eincheckte. Es war lange her, seit ein Mann ihre Aufmerksamkeit so stark auf sich gezogen hatte wie dieser – der schlicht und einfach umwerfend war.

Er musste knapp eins neunzig groß sein. Sein athletischer Körperbau ließ darauf schließen, dass er entweder Profi-Sportler war oder aus anderen Gründen großen Wert auf Fitness legte. Und er war Amerikaner, das sah Cassie ihm sofort an. Wahrscheinlich führten ihn keine Geschäfte hierher, denn er war eher salopp gekleidet. Die dunkelbraune Hose passte perfekt zu dem hellbraunen Hemd, das seinen schönen Teint betonte.

Cassie wusste nicht genau, woran es lag. Aber irgendetwas an diesem Mann weckte ihr Interesse. Und nach der Art zu schließen, wie manch andere Frau in der Lobby ihn beobachtete, konnte er sich über fehlende Verehrerinnen sicher nicht beschweren.

Energisch riss sie sich zusammen und erinnerte sich daran, dass sie keine Zeit hatte, wegen eines Fremden in Verzückung zu geraten. Cassie drückte auf den Knopf des Aufzugs, der sie zu ihrem Büro in der obersten Etage bringen würde. Dieses Büro hatte früher ihrem Vater gehört.

Vor fünf Jahren, als sie zweiundzwanzig war, hatte John Garrison sie zur Managerin gemacht und seinen Entschluss nach eigenen Worten kein einziges Mal bereut. Deswegen war Cassie auch nicht überrascht gewesen, das Hotel zu erben. Auf diese Weise hatte er bestätigt, was einige der Angestellten wahrscheinlich schon geahnt hatten – dass sie seine Tochter war.

An ihre Eltern zu denken versetzte ihr einen schmerzhaften Stich. Zum Glück war der Lift leer, in dieser Stimmung wollte sie lieber allein sein. Cassie hatte sich in den vergangenen fünf Monaten große Mühe gegeben, stark zu bleiben. Trotzdem konnte sie den Schock kaum verkraften. Ihre Mutter war nach einem Autounfall verstorben, ihr Vater kaum einen Monat später durch einen Herzinfarkt – Cassie glaubte jedoch insgeheim, dass er an gebrochenem Herzen gestorben war.

Sie hatte sich oft gefragt, wie er es schaffen sollte, nach dem Tod ihrer Mutter weiterzuleben. Als Cassie ihn das letzte Mal gesehen hatte – es war nur wenige Tage, bevor er für immer von ihr gegangen war –, hatte sie sich große Sorgen über seinen Zustand gemacht. Wieder und wieder hatte ihr Vater gesagt, dass ihm der Verlust seiner Ava so vorkam, als hätte er einen Teil seiner selbst verloren.

Obwohl er ein verheirateter Mann gewesen war, hatte er sich in Cassies Mutter verliebt, in die schöne, lebhafte Ava Sinclair. Und sie war über achtundzwanzig Jahre lang John Garrisons große Liebe geblieben.

Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass sie den reichen, gut aussehenden Amerikaner damals beim Schönheitswettbewerb für die Miss Universe kennenlernte. Als amtierende Miss Bahamas hatte Ava daran teilgenommen. Ihre Wege hatten sich jedoch erst einige Jahre später wieder gekreuzt. John war auf die Insel gereist, um ein Grundstück für das große Hotel zu kaufen, das er bauen wollte.

Er hatte bereits eine Familie in den Vereinigten Staaten, eine Frau und fünf Kinder. Allerdings war er unglücklich gewesen und hatte seine Frau nicht mehr geliebt. Um bei den Kindern zu bleiben, hatte er sich nicht getrennt.

Cassie hatte die Beziehung ihrer Eltern erst mit den Jahren richtig zu verstehen begonnen. Trotzdem war ihr immer klar gewesen, dass etwas Besonderes sie zusammenhielt, etwas Einmaliges, das nur wenige Menschen erlebten. Was ihre Eltern verbunden hatte, war die große Liebe, die ein Leben lang anhielt. Ava stellte nie Bedingungen, sie forderte nie etwas. Dennoch hatte John sich immer großzügig gezeigt, sodass es ihr und Cassie nie an etwas gefehlt hatte.

Sie wusste, dass die Leute sich ein anderes Bild von der Beziehung ihrer Eltern gemacht hatten. John war verheiratet und Ava seine Geliebte. Dass es sehr viel mehr zwischen ihnen gab als das, wusste nur Cassie. Sie war davon überzeugt, dass ihre Eltern verwandte Seelen gewesen waren. Sie hatte beide von ganzem Herzen geliebt; und kein Tag war vergangen, an dem sie Cassie ihre Liebe nicht hätten spüren lassen.

Allerdings litt sie jedes Mal, wenn ihr Vater zu seiner Familie nach Miami reiste – eine Familie, von der sie erst im Teenageralter erfahren hatte. Die Wahrheit zu hören hatte wehgetan. Aber ihre Eltern konnten ihren Schmerz damals lindern, indem sie ihre Liebe füreinander und für ihre Tochter bewiesen. Was auch geschehen mochte, daran würde sich nichts ändern, das hatten sie ihr versprochen. Von jenem Tag an hatte Cassie die unkonventionelle Liebesaffäre ihrer Eltern akzeptiert und sich nicht darum gekümmert, was andere dachten.

Auf dem Weg zu ihrem Büro blieb Cassie am Tisch ihrer Sekretärin stehen, begrüßte sie mit einem Lächeln und griff nach der Post. „Guten Morgen, Trudy.“

„Guten Morgen, Miss Garrison.“

Ihr gefiel der Klang dieser Anrede. Cassie hatte eine Woche nach dem Tod ihres Vaters angefangen, seinen Namen zu benutzen. Ihre Eltern waren nicht mehr am Leben; deshalb bestand kein Grund mehr, das Geheimnis noch länger zu bewahren. Und Cassie wollte sich nicht länger verwehren, den Namen ihres Vaters zu tragen.

„Irgendwelche Nachrichten?“, fragte sie die ältere Dame, die sie erst vor einigen Monaten eingestellt hatte. „Ja. Mr. Parker Garrison rief an und hätte gern, dass Sie ihn zurückrufen.“

Bemüht beherrschte Cassie ihre Gesichtszüge. Bei sich dachte sie aber, dass es keine Rolle spielte, was Parker gern hätte oder nicht. Denn sie hatte nicht die Absicht, auf seinen Anruf zu reagieren. Dafür erinnerte sie sich noch allzu gut an das Gespräch, das sie vor fast vier Monaten geführt hatten. Eine Woche nach der Testamentseröffnung hatte Parker sich gemeldet und ließ seitdem nicht locker.

Damals war ihr natürlich klar gewesen, wie sehr ihre Existenz seine Geschwister und seine Mutter schockieren musste. Von den fünf Garrison-Geschwistern regte sich Parker jedoch am stärksten auf. John hatte ihm und Cassie testamentarisch die gleiche Entscheidungsgewalt über „Garrison Incorporated“ eingeräumt – einer Dachgesellschaft, die sämtliche Aktien und Besitztümer der Familie überwachte und verwaltete. Darüber war Parker nicht gerade froh, um es gelinde auszudrücken.

Das Telefonat war nicht gut verlaufen. Parker hatte sich arrogant und herablassend benommen und sogar versucht, Cassie einzuschüchtern. Nachdem er eingesehen hatte, dass sie sich nicht auszahlen lassen wollte, besaß er die Frechheit, von ihr zu verlangen, sie müsse beweisen, dass sie wirklich eine Garrison war. Er forderte einen DNA-Test und drohte damit, das Testament anzufechten. Parkers Verhalten hatte Cassie sehr verärgert, und sie war immer noch böse auf ihn.

„Miss Garrison?“

Ihre Sekretärin riss sie aus den Gedanken. Cassies Lächeln wurde wieder herzlich. „Vielen Dank, Trudy.“

Mit forschen Schritten betrat Cassie ihr Büro. Sie hätte geglaubt, dass Parker Besseres zu tun hatte, als sie weiterhin zu belästigen. In der Welt der großen Hoteliers dauerte es nie lange, bis eine Nachricht die Runde gemacht hatte. Daher wusste Cassie, dass der gut aussehende Junggeselle inzwischen verheiratet war. Zwar war es ihr herzlich gleichgültig, aber sie hatte zwangsläufig erfahren, dass auch Parkers Bruder Stephen vor Kurzem vor den Traualtar getreten war.

Cassie hatte nicht die Absicht, ihre sogenannten Geschwister je kennenzulernen. Sie wusste kaum etwas über sie, und sie kannten Cassie nicht. Wenn sie ehrlich war, zog sie entschieden vor, dass es dabei blieb. Immerhin waren sie sich ihr ganzes Leben lang nicht begegnet und waren trotzdem gut zurechtgekommen. Cassie fühlte sich hier auf den Bahamas wohl und sah keinen Grund, sich das von Menschen wie den Garrisons zerstören zu lassen.

Als sie sich an ihren Schreibtisch setzte, schweiften ihre Gedanken unwillkürlich zurück zu dem Mann in der Lobby. Cassie konnte nicht verhindern, dass er ihre Neugier geweckt hatte. Sie fragte sich, ob er verheiratet war oder ledig, Frauen liebte oder Männer. Doch dann zuckte sie die Schultern. Was machte es schon aus? Das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte, war, sich zu verlieben.

Ihre Leidenschaft galt allein dem eindrucksvollen, dreißig Stockwerke hohen Gebäude, das an einem makellos schönen Strand der Karibik errichtet worden war. Und ihre Liebe galt dem Anblick, der ihr jedes Mal den Atem raubte, wenn sie die Lobby betrat. Cassie war entschlossen, ihr Hotel erfolgreich weiter zu leiten und es zu noch höherem Ansehen zu führen, wie ihr Vater es von ihr erwartet hätte. Jetzt, da ihre Eltern nicht mehr lebten, bedeuteten Glück und Freude für sie nur noch dieses Hotel.

Brandon Washington sah sich in dem Hotelzimmer um. Er war zutiefst beeindruckt. Trotz der vielen Male, die er im „Garrison Grand“ übernachtet hatte, musste er zugeben, dass dieses Hotel ihm schier die Sprache verschlug. Wenn man von einem tropischen Paradies sprechen konnte, dann sicherlich hier.

Als er auf den Parkplatz gefahren war, hatte Brandon zuerst festgestellt, wie stark sich die Architektur des Gebäudes von der der anderen Garrison-Hotels unterschied. Vor allem natürlich, weil es so konstruiert worden war, das es sich harmonisch in die Landschaft des tropischen Inselstrands einfügte. Es lag zwischen Palmen und einer Unmenge herrlicher Gärten, die in atemberaubender Blüte standen. Fast schien es, als wäre es genauso natürlich gewachsen wie die beeindruckenden Pflanzen.

Das ausgezeichnete Personal war Brandon als Nächstes positiv aufgefallen. Kaum dass er die prächtige Vorhalle betreten hatte, war er warmherzig empfangen worden. Man hatte ihm sofort das Gefühl gegeben, willkommen und geschätzt zu sein.

Und jetzt dieses Hotelzimmer – eine eindrucksvoll eingerichtete Suite mit hohen Balkontüren, die den Blick auf den Ozean freigaben. Brandon genoss die wundervollste Aussicht auf das Meer, die er je gesehen hatte.

Er war mehr als zufrieden mit seiner Unterkunft. Und da er eine ganze Weile bleiben würde, war es ihm sehr wichtig, sich wohl zu fühlen. Trotzdem, er musste sich daran erinnern, dass er hier keinen Urlaub machte, sondern einen wichtigen Job erledigen musste. Seine Aufgabe bestand darin, Cassie Sinclair-Garrisons Geheimnisse herauszufinden. Danach würde er sie dazu überreden, ihre Beteiligung an der „Garrison Incorporated“ aufzugeben – Brandons einflussreichster Klient. Ganz zu schweigen davon, dass die Garrisons seine engsten Freunde waren.

Brandons Vater war seit dem College mit John Garrison befreundet gewesen – und danach vierzig Jahre lang dessen Familienanwalt. Nachdem Brandon das Examen bestanden hatte, war er Partner in der Anwaltsfirma seines Vaters geworden. Vor drei Jahren war dieser bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Statt sich an eine größere, erfahrenere Kanzlei zu wenden, hatte John den Sohn seines alten Freundes engagiert und vollstes Vertrauen in seine Fähigkeiten gelegt.

Von klein auf hatte Brandon John Garrison gekannt und respektiert. Adam Garrison war sein bester Freund. Und jetzt war Brandon im Auftrag von Parker und Stephen Garrison hierher gekommen, weil sich Johns uneheliche Tochter weigerte, aktiv in das Unternehmen einzusteigen. Andererseits daran sie nicht dachte, sich von Parker auszahlen zu lassen.

Statt gleich einen hochkarätigen Gerichtsprozess anzustreben, hatten sich die älteren Garrison-Brüder etwas Besseres überlegt. Brandon sollte auf die Bahamas reisen, eine falsche Identität annehmen und Miss Garrison kennenlernen. Er sollte etwas über sie herausfinden, damit ihre Halbgeschwister die nötige Munition in der Hand hätten.

All die Jahre hatte John den Besitz auf den Bahamas geheim gehalten. Nur dieses Hotel, das Cassie jetzt geerbt hatte, war unter seiner alleinigen Kontrolle geblieben – ein strategisch cleverer Zug, mit dem John sein größtes Geheimnis vor seiner Familie verborgen hatte.

Sein Handy klingelte, und Brandon nahm es aus seiner Jackentasche. „Ja?“ Er lächelte. „Ja, Parker, ich habe gerade eingecheckt. Und damit du Bescheid weißt, ich habe mich Brandon Jarrett genannt.“ Er lachte. „Ja, genau, meine zwei Vornamen. Du hast ein gutes Gedächtnis.“ Sie wechselten noch ein paar Worte und verabschiedeten sich bald.

Er machte sich daran, seine Sachen auszupacken. In seinem Gepäck befand sich eher saloppe Kleidung. Alle sollten ihn für einen Geschäftsmann halten, der auf der Insel einen kurzen, wenn auch dringend benötigten Urlaub unternahm. Das vorzutäuschen würde Brandon nicht schwerfallen, da er seit John Garrisons Tod und der Testamentseröffnung ununterbrochen daran gearbeitet hatte, eine Lösung für die unerwünschte Situation mit Cassie Sinclair-Garrison zu finden.

Das Testament konnte nicht angefochten werden, das hatte er den Garrisons schon bald klarmachen müssen. Niemand von ihnen konnte daran interessiert sein, in aller Öffentlichkeit schmutzige Wäsche zu waschen. Vor allem Bonita Garrison würde einen solchen Skandal nicht ertragen. Zwar brachten nur wenige Mitgefühl für sie auf. Diese Leute behaupteten, sie hätte John Garrison in die Arme einer anderen Frau getrieben. Aber andere behaupteten wiederum, dass Bonitas Schwierigkeiten begannen, als ihr Mann sie betrog. Brandon war im Grunde überzeugt, dass Bonita zumindest etwas von der Affäre geahnt haben musste. Denn John war zu häufig und zu lange fort gewesen. Doch bei der Testamentsverlesung hatte Bonita so bestürzt und überrascht reagiert, als Cassies Name gefallen war. Zu dem Zeitpunkt hatte sie garantiert nichts von dem unehelichen Kind gewusst.

Brandon rieb sich das Kinn. Zeit für eine Rasur. Leise vor sich hinsummend packte er aus. Er wusste, dass er Cassie Sinclair-Garrison irgendwann im Laufe der nächsten Tage über den Weg laufen würde. Denn er würde selbst dafür sorgen.

Cassie stand auf einer der vielen Terrassen auf der Ostseite des Hotels, die auf die Tahita Bay hinausgingen. Es war später Nachmittag, doch der Himmel erstrahlte immer noch in einem blendenden Blau. Darunter schimmerte das Meer mit fast derselben Leuchtkraft. Eine Handvoll Jachten schaukelten in der Bucht, und einige Badende sonnten sich träge ausgestreckt auf dem hellen Strand. Cassie lächelte und winkte einem Paar zu, das auf einem Segelboot stand. Jedes Mal wenn Cassie ein glückliches Paar sah, dachte sie an ihre Eltern. Und noch bedrückte es sie.

Die Arbeit für heute war erledigt. Cassie beschloss, die Nacht im Hotel zu verbringen, statt die halbstündige Fahrt nach Hause auf sich zu nehmen. Im Moment fehlte ihr die Energie, sich ins Auto zu setzen. Vielleicht würde sie nachher ein wenig am Strand spazieren gehen, um sich wieder zu fangen.

Am liebsten übernachtete sie in den Diamond Keys. In diesem exklusiven Teil des Hotels gab es Suiten, deren Salon- und Terrassentüren direkt zum Strand führten. Diese Zimmer waren selbstverständlich sehr viel teurer als die gewöhnlichen, aber sie waren es auch eindeutig wert.

Cassie ging wieder hinein und in ihr Schlafzimmer, wo sie sich ihr Kostüm auszog und in eine bequeme Seidenhose und ein dazu passendes Kamisol schlüpfte. Es war lange her, dass sie sich Zeit für sich gegönnt hatte. In den vergangenen Monaten hatte Cassie sich in die Arbeit vertieft und um ihre Eltern getrauert. Sie hatte versucht, über den Verlust hinwegzukommen und einen Tag nach dem anderen durchzustehen, ohne zusammenzubrechen.

Bei der Beerdigung ihrer Mutter hatte Cassie neben ihrem Vater gestanden. Er hatte den Schock nicht überwunden. Und jetzt schmerzte es sie immer noch, dass sie nicht zu der Beerdigung ihres Vaters hatte fahren können. Denn sie hatte erst danach von seinem Tod erfahren. So blieb ihr nur die Erinnerung an das letzte Mal, als sie sich gesehen hatten.

John Garrison war unerwartet auf die Insel gereist und nicht ins Hotel gekommen, sondern in Cassies Wohnung. Er hatte dort auf sie gewartet, bis sie nach der Arbeit zu Hause war. Der immer noch gut aussehende, charismatische Mann, den sie gekannt und geliebt hatte, war nur noch ein Schatten seiner selbst gewesen. Ihr Vater hatte vom tiefen Kummer regelrecht erdrückt gewirkt.

An jenem Abend war er mit ihr essen gegangen. Und bevor er nach Miami zurückkehrte, hatte er ihr die Urkunde von dem wunderschönen Anwesen in Lyford Cay mitsamt dem Land, das es umgab, in die Hand gedrückt. In diesem Haus wohnte Cassie inzwischen, es gehörte ihr allein.

Seufzend sah sie sich um, während sie nun zum Strand schlenderte. Das Tageslicht war schwächer geworden, die Dämmerung hatte eingesetzt. Aber das machte Cassie nichts aus. Im Gegenteil, sie zog es sogar vor, da der Strand nachts atemberaubend schön war. Der Wind trug die Musik von der Band hinüber, die im Foyer spielte. Die Klänge vermischten sich mit dem Plätschern der Wellen, die gegen das Ufer schlugen.

Sie zog sich die Sandaletten aus, um den weichen Sand unter ihren Füßen zu spüren. Am Strand fühlte sie sich immer wie ein anderer Mensch, so viel gelassener und so viel glücklicher. Die Weite und die ruhige Atmosphäre hier halfen ihr dabei, Sorgen und Kummer zu vergessen. Hier draußen schöpfte Cassie neue Kraft und Energie.

Lächelnd zog sie mit dem Fuß Linien im Sand und sah sich verstohlen um. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass sie wirklich allein war, hüpfte sie von einem Quadrat ins nächste. Als sie in dem Versuch, auf einem Bein ein Feld zu überspringen, fast ausgerutscht wäre, lachte Cassie. Was für eine schöne Art, die Anspannung des Tages von sich fallen zu lassen, dachte sie. Und der heutige Tag war eindeutig einer der anstrengenderen gewesen.

Noch nie war das Hotel so regelmäßig ausgebucht gewesen wie jetzt. Regelmäßig baten Hotelgäste um eine Verlängerung des Aufenthalts. Es gab sogar eine Warteliste für Jahreszeiten, die normalerweise nicht zu den betriebsamsten zählten. Es war gut, dass Simon Tillman ihren früheren Job als Manager so ausgezeichnet machte. Dadurch konnte Cassie sich auf neue Herausforderungen konzentrieren – zum Beispiel darauf, das Hotel auszubauen.

Ihr Buchhalter hatte ihr erklärt, dass die Profite drastisch gestiegen waren. Und seit sie sicher davon ausging, tatsächlich die neue Besitzerin des „Garrison Grand-Bahamas“ zu sein, setzte Cassie alles daran, die Pläne ihres Vaters in die Tat umzusetzen. Nur einen Monat vor seinem Tod hatte er mit ihr über verschiedene Veränderungen gesprochen. Bei ihrem letzten gemeinsamen Dinner hatte er die Umsetzung in ihre Hände gelegt. Und nachdem das heutige Meeting mit ihren Angestellten gut verlaufen war, fühlte Cassie sich zum ersten Mal seit Monaten wieder zufrieden. Sie brachte die Dinge auf den Weg.

„Darf ich mitspielen?“, fragte eine tiefe Stimme.

Hastig richtete sie sich auf und drehte sich verärgert um. Im ersten Moment entdeckte Cassie niemanden. Dann trat ein Mann aus der Dunkelheit, als würde er aus dem Nichts vor ihr erscheinen.

Sie erkannte ihn sofort. Es war der Mann, der ihr Stunden zuvor in der Lobby aufgefallen war und der ihr Herz auch jetzt wieder schneller schlagen ließ.

2. KAPITEL

Brandon betrachtete die Frau fasziniert. Er hatte sie schon eine Weile beobachtet. Aber jetzt, da sie so dicht vor ihm stand, meinte er, nie einer so schönen Frau begegnet zu sein. Er verspürte den dringenden Wunsch, alles über sie zu erfahren – je eher, desto besser – und war selbst erstaunt darüber.

Sein Blick glitt unwillkürlich zu ihrer Hand. Als Brandon keinen Ehering entdeckte, atmete er insgeheim erleichtert auf. Natürlich konnte es immer noch einen Mann in ihrem Leben geben, wenn auch nur einen festen Freund. Wie wahrscheinlich war es, dass sie sich in einem solchen Hotel allein aufhielt, das sich zahlreiche Paare für die Flitterwochen aussuchten?

Diese rationalen Gedanken verhinderten nicht, dass er eine kribbelnde Erregung verspürte, während er sie musterte. Ihre sonnengebräunte Haut war wunderschön; das lockige dunkle Haar reichte ihr bis zu den Schultern, die dunkelbraunen Augen glänzten. Und die Rundungen ihres aufregenden Körpers waren vollkommen.

Streng ermahnte er sich, dass er aus einem bestimmten Grund hier war. Jedenfalls nicht, um sich auf eine Frau zu konzentrieren, die ihm mit ihrem bloßen Anblick den Atem nahm. Nein, Brandon sollte die Frau kennenlernen, die seinen Freunden und wichtigsten Klienten Schwierigkeiten bereitete. Er war ihr noch nicht begegnet – obwohl er fast den ganzen Tag in der Nähe der Lobby verbracht hatte. Als er sich irgendwann diskret nach ihr erkundigt hatte, wurde ihm nur mitgeteilt, dass Cassie Sinclair-Garrison nach mehreren langen Sitzungen wahrscheinlich schon längst nach Hause gefahren war. Und ihr Zuhause befand sich, soweit Brandon wusste, am anderen Ende der Insel.

Somit war es unwahrscheinlich, dass er Miss Garrison noch an diesem Abend über den Weg lief. Insofern sprach doch nichts dagegen, ein wenig Zeit mit dieser Schönheit zu verbringen – wenn sie ungebunden war und es wollte.

Sie hob leicht das Kinn und sah ihn misstrauisch an. „Sie verletzen meine Privatsphäre.“

Ihr Akzent war unüberhörbar und sehr reizend, fand Brandon. Wie gebannt betrachtete er ihr Gesicht und nahm weitere Einzelheiten wahr: die hohen Wangenknochen, das süße Grübchen am Kinn, die gerade Nase und die Lippen, die so sinnlich waren, dass er schlucken musste vor Erregung. Sie wirkte so weiblich, so unbeschreiblich begehrenswert, wie er es bei noch keiner Frau erlebt hatte.

„Und dafür entschuldige ich mich“, sagte er leise. Sie hatte jedes Recht, ihn zur Rede zu stellen. „Ich habe gerade einen kleinen Spaziergang gemacht und gezwungenermaßen Ihr Spiel mit angesehen.“

„Sie hätten etwas sagen können, um sich bemerkbar zu machen“, erwiderte sie unverblümt.

„Sie haben völlig recht. Ich war so in Ihren Anblick versunken, dass ich Sie nicht stören wollte. Zumindest nicht sofort. Es tut mir aufrichtig leid, sollte ich Sie verärgert haben.“

Cassie wurde bewusst, dass es keinen Grund gab, sich aufzuregen. Schließlich gehörte dieser Teil des Strands nicht ihr allein. Er stand allen Gästen zur Verfügung, die sich in den Diamond Keys aufhielten, was offenbar bei diesem Mann der Fall war. „Es ist ja nichts passiert“, erklärte sie leichthin. „Ich nehme Ihre Entschuldigung an.“

Er lächelte. „Danke. Ich hoffe, Sie erlauben mir, es wiedergutzumachen.“

Sie zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde lang. „Und wie gedenken Sie, das zu tun?“

„Indem ich Sie bitte, heute Abend beim Dinner mein Gast zu sein.“

Verblüfft schüttelte sie den Kopf. „Das ist nicht nötig.“

„Ich finde schon. Ich habe Sie gekränkt und möchte Sie dafür entschädigen.“

„Sie haben mich nicht gekränkt. Sie haben mich nur überrascht.“ Sicher merkte er, dass sie ihm auswich. Deshalb gab er jedoch nicht so leicht auf, und das gefiel ihr.

„Ich möchte trotzdem gern Buße leisten“, sagte er charmant.

Cassie senkte den Kopf, um ein Lächeln zu verbergen. Er war wirklich hartnäckig, das musste sie ihm lassen. Sollte sie nicht sein Angebot genauso beharrlich ablehnen?

Als sie den Blick wieder hob, stockte ihr der Atem. Der Fremde schien einen Schritt näher gekommen zu sein.

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