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Ein Liebeslied für Jenny

1. KAPITEL

Richard Warren hielt sich am Rand der Gruppe, die im TAKA-Hochhaus vor dem Sitzungssaal auf den Beginn des Aktionärstreffens wartete. Als Anwalt der Hanson Media Gruppe war er im Auftrag seiner Chefin Helen Hanson in Japan, um den Zusammenschluss von Hanson Media mit dem Branchenriesen TAKA auf den Weg zu bringen.

Auf Einladung von Thomas Taka, dem japanischen Vorstandsvorsitzenden, sollte er heute dabei sein, wenn die TAKA-Aktionäre über den Zusammenschluss der beiden Firmen abstimmten. Wenn alles nach Plan lief, konnten danach die Verträge ausgearbeitet werden, und in ein paar Wochen würde er wieder in Chicago sein.

Hoffentlich waren die Schwierigkeiten nach seiner Ankunft am Flughafen Tokios kein schlechtes Omen. Helen Hanson hatte hart dafür gearbeitet, die Firma ihres verstorbenen Mannes George vor dem Konkurs zu bewahren – und dabei ihren drei erwachsenen Stiefsöhnen wieder das Gefühl zu geben, für ein gemeinsames Ziel zu kämpfen. Doch ohne die Hilfe von TAKA ließ sich die Hanson Media Gruppe nicht retten.

Richard Warren war sich seiner verantwortungsvollen Aufgabe dabei durchaus bewusst – doch als sein Blick auf die Frau fiel, die gerade an ihm vorbeiging, vergaß er alles andere.

Er musterte sie unauffällig und genoss im Stillen ihren Anblick. Sie war eine Klassefrau, von den hochhackigen Riemchenschuhen über die langen Beine, den kurzen Rock und die taillierte Seidenbluse bis zu dem eleganten Nackenknoten, zu dem sie ihr rotes Haar geschlungen hatte. Als sie sich umdrehte, sah er, dass ihr Gesicht hielt, was die Figur versprach – hohe Wangenknochen, volle, dezent geschminkte Lippen, große, tiefgrüne Augen.

Eine Traumfrau, ohne Frage. Außerdem kam sie ihm seltsam bekannt vor, obwohl er ziemlich sicher war, sie noch nie gesehen zu haben.

Sie goss sich an der für die Aktionäre aufgestellten Erfrischungstheke einen Kaffee ein und setzte die Tasse an die Lippen. Für einen Sekundenbruchteil trafen sich ihre Blicke, doch bevor Richard reagieren konnte, war der Moment vorüber.

Völlig unverhofft spürte er heftiges Verlangen. Wie lange war es her, dass eine Frau ihn fasziniert hatte? Diese hier weckte eindeutig sein Interesse.

Er wollte gerade auf sie zugehen, als jemand ihn ansprach.

„Mr. Warren?“

Verärgert über die Unterbrechung, zwang sich Richard dennoch zu einem Lächeln und drehte sich um. „Ja, das bin ich.“

„Mein Name ist Yasushi Nishikawa“, stellte sich der junge Japaner vor, verbeugte sich und überreichte Richard mit beiden Händen eine Visitenkarte.

Richard las sie sorgfältig, bevor er sie in seine Jacketttasche steckte. Noch ein hilfsbereiter TAKA-Angestellter, dessen Namen er sich nun merken musste. Er zog seine eigene Karte hervor und überreichte sie ebenso zeremoniell.

„Ich habe die Ehre, bei dieser Versammlung für Sie zu dolmetschen“, erklärte Yasushi.

Richard nickte. „Arigato.“ Danke.

Der Dolmetscher lächelte. „Sie lernen unsere Sprache.“

„Leider kann ich nur ein paar Worte“, gab Richard zu. Beim Frühstück hatte er sich aus seinem Sprachführer außerdem Guten Morgen, Entschuldigung und Ich verstehe Sie nicht eingeprägt, wobei er Letzteres in den nächsten Wochen vermutlich am häufigsten brauchen würde.

„Aber es ist ein guter Anfang“, meinte Yasushi. „Was die Fusion angeht, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass der Verhandlungsbeginn sich verzögern wird.“

Es würde also nicht alles nach Plan laufen.

„Mr. Tetsugoro musste wegen eines Todesfalls in der Familie überraschend die Stadt verlassen“, erklärte Yasushi. „Er lässt sich vielmals entschuldigen und wird spätestens am Montag zurück sein.“

Natürlich konnte man ihm deshalb keinen Vorwurf machen, doch Richard wusste, dass Helen über diese Neuigkeit nicht erfreut sein würde. Für sie stand immerhin die Zukunft der Hanson Media Gruppe auf dem Spiel. Am liebsten hätte Richard sie sofort angerufen, um sie von der Verzögerung zu unterrichten, doch es blieb keine Zeit mehr, weil die Versammlung begann. Zusammen mit den anderen Aktionären betrat auch die rothaarige Schönheit den Sitzungssaal. Richard nahm seine Aktentasche und folgte Yasushi hinein.

Drinnen waren lange Tischreihen aufgestellt, und wie der Zufall es wollte, wählte sein Dolmetscher die beiden Stühle gegenüber dem Platz der Traumfrau.

„Jenny Anderson“, flüsterte Yasushi ihm zu. „Sie ist vor einem halben Jahr von New York hierhergezogen und arbeitet als Gesellschaftsreporterin für die Tokio Tribune, TAKAs englischsprachige örtliche Tageszeitung.“

„Sind bei den Aktionärsversammlungen denn immer Journalisten dabei?“, fragte Richard.

„Nein“, erwiderte Yasushi. „Aber ihre Eltern sind TAKA-Aktionäre. Manchmal vertritt sie sie, wenn sie auf Auslandsreisen sind.“

Eine schöne junge Journalistin, deren Eltern öfter verreisten. Die spärlichen Informationen warfen mehr Fragen auf, als sie beantworteten. Richard beobachtete, wie Jenny einen Stapel Papiere durchblätterte, und ihm fiel auf, dass sie keine Ringe trug. Das musste natürlich nichts bedeuten, und außerdem ging es ihn überhaupt nichts an, ob sie verheiratet war oder nicht.

Von seinem Auftrag hier hing viel zu viel ab, als dass er sich hätte ablenken lassen dürfen – schon gar nicht von einer faszinierenden Frau.

Trotzdem fragte er Yasushi: „Ist sie verheiratet?“

Der Dolmetscher lächelte. „Nein, aber sie geht grundsätzlich nicht mit Männern aus. Glauben Sie mir, die meisten Junggesellen in diesem Raum haben es schon versucht, und sie hat allen einen Korb gegeben.“

Jenny hasste diese endlosen Versammlungen, aber sie hatte ihren Eltern nun mal versprochen, sie zu vertreten. Als sie nach drei Stunden Tagesordnung endlich ihre Stimme abgegeben hatte und die Versammlung geschlossen wurde, beeilte sie sich, den Sitzungssaal zu verlassen.

Leider war sie nicht schnell genug, um Kogetsu aus dem Weg zu gehen. Er holte sie kurz vor der Tür ein und bekniete sie wie immer, etwas über die neue Künstlergalerie seiner Schwester zu schreiben. Im Grunde hatte Jenny nichts dagegen, mit ihren Artikeln für eine Jungunternehmerin Werbung zu machen, aber in den letzten vier Wochen hatte sie bereits zweimal etwas über die Galerie gebracht.

Als sie sich endlich von dem jungen Mann losgeeist hatte, setzte sie sich seufzend wieder in Bewegung – und wurde erneut aufgehalten. Diesmal von ihm.

Er, das war der Mann, den sie noch nie vorher gesehen hatte, der sie aber schon den ganzen Morgen anstarrte, als wäre sie eine Erscheinung.

Dass er Amerikaner war, hatte sie sofort erkannt – nicht nur an seiner Größe und Kleidung, sondern auch an der Aura von Erfolg und Selbstvertrauen, die ihn umgab. Sie kannte diesen Typ Mann: maßgeschneiderte Anzüge, breite Schultern, charmant und erfolgreich – in so einen war sie schon einmal verliebt gewesen, und er hatte ihr das Herz gebrochen. Dieser hier passte genau ins Schema. Wahrscheinlich kam er aus New York, vielleicht auch aus Boston oder Philadelphia – jedenfalls würde sie nicht auf ihn hereinfallen.

Sie sprach ihn auf Japanisch an, weil sie wusste, dass er sie dann nicht verstand. Mit ein bisschen Glück würde er begreifen, dass sie nicht mit ihm reden wollte, und sie vorbeilassen.

Stattdessen lächelte er. Er konnte ja nicht wissen, dass sein Charme an sie völlig verschwendet war.

„Ich weiß nicht, was Sie gerade gesagt haben, aber es klang ganz zauberhaft“, sagte der Fremde auf Englisch.

„Sie sagte verzeihen Sie bitte“, übersetzte Yasushi.

Angesichts dieser sehr freien Übersetzung beschloss Jenny, nun doch lieber Englisch zu reden. „Eigentlich sagte ich gehen Sie mir aus dem Weg“, korrigierte sie.

„Auf Japanisch klang es viel hübscher“, erwiderte der Amerikaner ungerührt und noch immer lächelnd.

„Die Sprache ändert nichts daran“, bemerkte sie kühl. „Sie blockieren die Tür.“

„Ich bin Richard Warren.“ Er streckte ihr die Hand hin.

Nach kurzem Zögern nahm sie sie. Das unwillkommene Kribbeln, das die Berührung auslöste, verstärkte ihre Abneigung noch. „Jenny Anderson.“

„Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen.“ Danach senkte er die Stimme. „Darf ich annehmen, dass wir die nächsten Minuten ohne Dolmetscher auskommen?“

„Ich habe keine Zeit.“ Hastig entzog sie ihm ihre Hand.

„Nur zwei Minuten.“ Er nickte Yasushi zu, der sich diskret zurückzog.

Ungeduldig blickte Jenny auf die Uhr. Auf keinen Fall würde sie sich länger mit einem Mann unterhalten, dessen Händedruck allein sie schon so durcheinanderbrachte. Diese Lektion hatte sie nun wirklich gelernt. „Zwei Minuten“, sagte sie widerwillig.

Wieder lächelte er. Offenbar war er es gewohnt, immer seinen Willen zu bekommen. „Sind wir uns schon einmal begegnet?“, fragte er.

„Nein“, erwiderte sie kurz.

„Sind Sie sicher? Sie kommen mir wirklich sehr bekannt vor.“

„Ich bin ganz sicher, und wenn das jetzt alles wäre …“

„Nein, ist es nicht.“

Ungeduldig hob sie die Augenbrauen.

„Es hat sich gerade herausgestellt, dass ich die nächsten Tage freihabe“, fuhr er fort. „Hätten Sie vielleicht Lust, einem Landsmann die Stadt zu zeigen?“

„Freut mich für Sie, Mr. Warren, dass Sie freie Tage haben –ich leider nicht.“

„Und was ist mit den Nächten?“

„Wie bitte?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Sie musste sich verhört haben.

„Das war kein unmoralisches Angebot“, erklärte er lächelnd. „Ich meinte, dass Sie mir die Sehenswürdigkeiten ja vielleicht nach Feierabend zeigen könnten.“

„Ich habe wirklich keine …“ Zeit und Lust, hatte sie sagen wollen, doch sie wurde von Shiguro Taka unterbrochen, der sich zu ihnen gesellte. Jenny begann sich zu fragen, ob sie es heute noch schaffen würde, zurück an ihren Schreibtisch zu kommen.

„Miss Anderson.“ Shiguro Taka verbeugte sich leicht vor ihr und dann tiefer vor dem Amerikaner. „Mr. Warren, ich möchte mich persönlich dafür entschuldigen, dass Sie gestern nicht pünktlich vom Flughafen abgeholt wurden. Es war eine bedauerliche Verwechslung.“

„Kein Problem“, erwiderte Richard.

„Kein gutes Beispiel für die berühmte japanische Gastlichkeit“, sagte Shiguro. „Sie müssen uns erlauben, Sie für die entstandenen Unannehmlichkeiten zu entschädigen.“

Jenny schaffte einen weiteren Schritt in Richtung Tür, bevor Richard sich ihr mit einer kleinen Seitwärtsbewegung wieder in den Weg stellte.

„Das ist wirklich nicht nötig“, wehrte er Shiguros Angebot ab.

„O doch“, beharrte der. „Vielleicht Eintrittskarten für das Kabuki-Theater oder für einen Sumo-Wettkampf?“

„Nun ja, ich bin auf der Suche nach jemandem, der mir die Stadt zeigen könnte.“

Shiguro nickte. „Jeder unserer Mitarbeiter wäre geehrt, Sie auf einer Rundfahrt zu den Sehenswürdigkeiten zu begleiten.“

„Ehrlich gesagt hatte ich gehofft, dass Miss Anderson vielleicht Lust dazu hätte.“

„Natürlich“, sagte Shiguro ohne Zögern. „Ich kann verstehen, dass Sie die Gesellschaft eines Landsmanns vorziehen. Vor allem, wenn es sich um einen so schönen Landsmann handelt.“

Er lächelte ihr zu, und Jenny ahnte, was ihr bevorstand.

„Es tut mir leid, Sir, ich würde gerne helfen …“ Das war eine glatte Lüge, aber in diesem Fall nun einmal notwendig. „Aber ich habe in den nächsten Tagen wirklich keine Zeit. Ich arbeite an einem Artikel für Lincoln Kelly und …“

„Mr. Kelly wird jemand anderen für den Artikel finden“, sagte Shiguro lässig und zog bereits sein Handy aus der Tasche.

Jenny unterdrückte ein lautes Aufstöhnen. Zwar war Shiguro nicht ihr direkter Chef, aber immerhin eine der Führungskräfte des TAKA-Konzerns – dem nun mal auch die Zeitung gehörte, für die sie arbeitete.

Ärger und Enttäuschung machten sich in ihr breit. Sie hatte wochenlang für diesen Artikel recherchiert, Zeugen interviewt und Fakten zusammengetragen. Mit dieser Geschichte konnte sie zeigen, dass sie eine fähige Journalistin war, und sich mehr Aufträge dieser Art sichern. Wenn man ihr den Artikel jetzt wegnahm, konnte es Monate dauern, bis sie wieder so eine Chance bekam, und außerdem würde sie ein Versprechen brechen.

„Es ist ein wirklich wichtiger Artikel, Sir …“, begann sie erneut.

„Nichts ist wichtiger, als unserem Besucher die japanische Gastfreundschaft zu zeigen“, unterbrach Shiguro sie.

Jenny hatte keine Ahnung, wer dieser Richard Warren war oder warum er TAKA besuchte, aber offenbar war es Shiguro Taka äußerst wichtig, einen guten Eindruck bei ihm zu hinterlassen.

Als Shiguro die Nummer ihres Redakteurs wählte, wusste Jenny, dass die Chance, auf die sie so lange gewartet hatte, sich vor ihren Augen in Luft auflöste.

Sie war nicht nur wütend, sie war fuchsteufelswild.

Richard nahm es ihr nicht übel, schließlich hatten er und Shiguro Taka ihr einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Während er ihr über den Parkplatz zwischen den beiden TAKA-Hochhäusern zum Zeitungsgebäude folgte, dachte er, dass er sich eigentlich dafür schämen müsste. Wenigstens hätte er widersprechen sollen, als Shiguro Jenny ohne Rücksicht auf persönliche Verluste als seine Stadtführerin einteilte.

Doch er schämte sich nicht. Im Gegenteil, er freute sich auf die Gelegenheit, diese geheimnisvolle und faszinierende Schönheit näher kennenzulernen.

Mit schnellen Schritten ging sie an der Anmeldung vorbei in das Großraumbüro der Redaktion, wo sie ihre Aktenmappe auf einem Schreibtisch ablegte und sich auf den Stuhl dahinter fallen ließ.

Richard blieb in sicherer Entfernung vor dem Schreibtisch stehen. „Sie sind böse auf mich.“

„Wie scharfsichtig von Ihnen.“ Ohne ihn weiter zu beachten, blätterte sie einen Stapel Telefonnotizen durch.

„Würde es helfen, wenn ich sage, es tut mir leid?“

„Tut es Ihnen denn leid?“

„Nicht wirklich“, gab er zu.

„Dann hilft es auch nicht.“ Sie zerknüllte einen der Zettel und warf ihn in Richtung Papierkorb, verfehlte aber ihr Ziel.

Richard bückte sich, hob ihn auf und ließ ihn in den Papierkorb fallen. „Ich hatte zwei Höllentage“, erzählte er. „Mir schwirrt der Kopf vor lauter Namen, die ich mir unmöglich merken kann. Als ich Sie sah, dachte ich, wir hätten vielleicht etwas gemeinsam – wir sind zwei Amerikaner in Tokio.“

„Klingt wie der Titel eines grässlichen Films.“

Trotz ihrer schnippischen Antwort klang sie jetzt eher resigniert als ärgerlich.

„Ist es denn wirklich so schrecklich, wenn Sie ein paar Tage freibekommen, um mir die Stadt zu zeigen?“

„Ja“, erklärte sie ungerührt. „Ich bin hier nämlich nicht als Fremdenführerin eingestellt, sondern als Journalistin. Dafür bin ich aufs College gegangen und habe dieses Stück Papier bekommen, auf dem Diplom steht.“

Trotz ihres kühlen Tons fand er sie attraktiver denn je.

„Wo haben Sie studiert?“, fragte er.

Wieder zerknüllte sie eine Nachricht und warf sie in Richtung Papierkorb. „Ich glaube, Sie verstehen mich nicht.“

Wieder traf sie nicht, und Richard hob auch diese Papierkugel auf. „Ich versuche nur, über unseren schlechten Start hinwegzukommen“, sagte er. „Schließlich sind Sie wütend wegen etwas, für das ich gar nichts kann.“

Sie haben Mr. Taka doch eingeredet, dass Sie nur mich als Stadtführerin akzeptieren!“

„Ja, aber ich wusste nicht, dass er das tatsächlich arrangieren kann. Und jetzt kann ich nicht mal sagen, dass es mir leidtut, weil es vielleicht meine einzige Chance ist, Zeit mit Ihnen zu verbringen.“

„Da haben Sie recht“, murmelte sie.

Richard setzte sich auf einen der Besucherstühle. „Wo haben Sie Journalismus studiert?“, wiederholte er.

„Stanford.“

„Beeindruckend.“

Sie zuckte die Achseln und begann, die eingegangenen Faxe zu sortieren.

„Und wo haben Sie Japanisch gelernt?“, fragte er weiter.

„Hier.“

Er blickte sich in dem eindeutig englischsprachigen Büro um und hob fragend eine Augenbraue.

Nun lächelte sie endlich. „Hier in Japan“, ergänzte sie. „Meine Eltern sind nach Tokio gezogen, als ich neun war.“

„Von wo?“

„Zürich. Davor haben wir in Athen gelebt und davor in Venedig.“ Sie runzelte die Stirn. „Vielleicht war es auch Paris und danach Venedig. Mit Kurzaufenthalten in den Vereinigten Staaten – New York, Dallas und San Francisco.“

„Da haben Sie bestimmt jede Menge Vielfliegermeilen.“

Wieder hob sie die Schultern. „Meine Eltern reisen gerne, und es gehört zu ihrem Geschäft.“

„Und das wäre?“

„Hotels.“

Ihm ging ein Licht auf. „Oh, so eine Anderson sind Sie? Von Anderson Hotels?“

„So steht’s jedenfalls in meinem Führerschein“, erwiderte sie. „Und nein, ich kann Ihnen keinen Rabatt für Ihr Zimmer besorgen.“

„Da hätte ich ja gleich drauf kommen können. Eine Frau, die Cartier trägt, arbeitet nicht wegen der Bezahlung als Journalistin.“

Sie zog den Blusenärmel über ihr Handgelenk, sodass die goldene Uhr unter dem Stoff verschwand. „Ihnen entgeht nicht viel.“

„Das gehört zu meinem Job.“

„Und der wäre?“

Es war das erste Anzeichen von Interesse, das sie an ihm zeigte. „Ich bin Firmenanwalt der Hanson Media Gruppe.“

„Ein Anwalt“, sagte sie. „Das passt.“

„Haben Sie ein Problem mit Anwälten?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Nicht so sehr mit Anwälten an sich. Eher mit aufdringlichen Leuten ganz allgemein.“

„Aufdringlich?“ Er gab sich Mühe, entrüstet zu klingen.

„Ich bin sicher, das hören Sie nicht zum ersten Mal.“

„Nein“, gab er zu. „Das hat mir meine Mutter schon an den Kopf geworfen, als ich drei war. Dabei habe ich diesen Wesenszug von ihr.“

Wieder lächelte sie, doch das Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Dort sah er einen Anflug von Traurigkeit. Richard war entschlossen, herauszufinden, was dahintersteckte.

„Es war auch die Idee meiner Mutter, dass ich Anwalt werde“, fuhr er fort.

„Dann freut sie sich bestimmt, dass Sie ihrem Rat gefolgt sind.“

Vor dem Tod seines Vaters mochte das einmal so gewesen sein. Doch seitdem hatte er die Hoffnung aufgegeben, dass sie je wieder irgendetwas billigen würde, was er tat.

Immerhin war er froh, dass Jenny sich jetzt tatsächlich mit ihm unterhielt, auch wenn das Thema ihn an unangenehme Dinge erinnerte.

„Warum gehen wir nicht einen Kaffee trinken und lernen uns besser kennen?“, schlug er vor.

„Weil ich heute schon genug Kaffee getrunken habe und noch eine Menge arbeiten muss, wenn ich morgen für Sie da sein soll.“

„Sind Sie das denn?“, fragte er lächelnd. „Für mich da, meine ich.“

„Ich bin nicht interessiert, Mr. Warren. Das können Sie ganz schnell wieder vergessen.“

„Liegt es an mir, oder sind Sie immer so widerborstig?“

„Nur, wenn man mir einen hart erkämpften Artikel wegnimmt.“

„Das war wirklich nicht meine Absicht.“

Sie seufzte. „Das ändert leider nichts daran.“

„Vielleicht bekommen Sie dafür ja eine noch heißere Story.“

„Vielleicht.“ Sehr überzeugt klang sie nicht, doch dann lehnte sie sich im Stuhl zurück und blickte ihn nachdenklich an. „Sie sind also wegen der Fusion hier.“

Es war keine Frage, doch er nickte trotzdem.

„Wie lange arbeiten Sie schon für die Hanson Media Gruppe?“

„Etwas über ein Jahr.“

„Und was ist passiert?“

„Wie meinen Sie das?“, fragte er ein wenig misstrauisch. Offenbar hatte sie die Taktik geändert und sprach jetzt als Vollblut-Journalistin, die auf der Jagd nach Fakten und Hintergründen war.

„Wie kam es dazu, dass ein großes Verlagshaus knapp vor der Pleite steht?“

„Das ist eine lange und komplizierte Geschichte.“

„Nun ja, möglicherweise würde ich sie mir beim Abendessen anhören.“

So verlockend das Angebot auch war – das kam nun absolut nicht infrage. „Tut mir leid, es ist auch eine Geschichte, die ich nicht erzählen darf.“

„Wirklich schade.“

„Aber vielleicht könnten wir ja trotzdem gemeinsam essen?“

„Nein danke.“

Er war ein wenig enttäuscht, aber ihre Antwort überraschte ihn nicht wirklich. „Sie weisen mich ab, weil ich nicht bereit bin, vertrauliche Informationen preiszugeben?“

„Ich halte mir nur den Abend frei, falls sich mir andere interessante Themen anbieten“, entgegnete sie.

„Ich dachte, Sie schreiben für den Gesellschaftsteil.“

„Nur vorübergehend“, versicherte sie. „Ich habe durchaus höhere Ziele.“

Das hatte er sich fast schon gedacht. „Warum reden wir dann beim Abendessen nicht darüber?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Netter Versuch, aber danke, nein.“

„Ich will Ihnen nur zeigen, dass ich nicht nur aufdringlich bin, sondern auch beharrlich.“

„Bis morgen dann.“

Er hatte sich mehr erhofft, sah aber ein, dass er hier nicht weiterkam. Seufzend fragte er: „Um welche Zeit morgen?“

Jenny blickte Richard nach, als er endlich ging, und wurde vom anerkennenden leisen Pfiff ihrer japanischen Freundin Samara aufgeschreckt, die sich auf der Schreibtischkante niederließ.

Sie kannte Samara schon aus der Schule und teilte sich mit ihr eine Wohnung.

„Wer war denn dieses Prachtexemplar?“, fragte Samara.

Diese Bezeichnung hatte Richard verdient, das musste selbst Jenny zugeben. Dunkles Haar, tiefblaue Augen, das charmante Lächeln, dazu die stattliche Größe, die breiten Schultern und die gute Figur – ja, man konnte Richard Warren schon ein Prachtexemplar nennen. Doch Jenny hatte einmal den Fehler gemacht, auf gutes Aussehen und Charme hereinzufallen, und das würde ihr nicht noch einmal passieren.

„Für mich ist er eher eine Landplage“, seufzte sie.

„Lass hören“, sagte Samara mit funkelnden Augen.

„Er heißt Richard Warren, arbeitet als Anwalt für die Hanson Media Gruppe und soll hier den Vertrag für die Fusion mit TAKA aushandeln. Und außerdem hat er mich um den Mikodashi-Artikel gebracht.“

Samaras Lächeln erlosch. „Was? Wie das denn?“

„Indem er Shiguro Taka einredete, dass er mich als Stadtführerin will.“

„Und deshalb wurde dir die Titelstory weggenommen?“

„Offenbar hat man Warren gestern am Flughafen vergessen, und Shiguro Taka setzt alles daran, das wiedergutzumachen.“

Mitfühlend verzog Samara das Gesicht. „Und wer hat den Artikel jetzt?“

„Keine Ahnung, aber ich bin stinkwütend. Ich habe wochenlang recherchiert, habe Lincoln überhaupt erst auf die Geschichte aufmerksam gemacht, und jetzt darf ich den Artikel nicht mal schreiben.“

„Das tut mir echt leid, Jenny.“

„Nicht so leid wie mir.“

„Warum tauschen wir nicht?“, schlug Samara vor. „Du kriegst meine Kamera und ich dein Prachtstück.“

„Lieber heute als morgen – aber ich glaube nicht, dass Kazuo davon begeistert wäre“, erwiderte Jenny trocken.

Samara wedelte mit der unberingten Hand durch die Luft. „Solange Kazuo mich nicht mit einem Verlobungsring überrascht, bin ich vögelfrei.“

Jenny lachte. „Es heißt vogelfrei, aber ich hab verstanden, was du meinst.“

„Und was machst du nun mit Richard Warren?“

„Keine Sorge. Ich habe Großes mit ihm vor.“

„Oha.“

„Was denn?“

„Den Blick kenne ich“, sagte Samara.

„Welchen Blick?“

„Falsche Unschuld. Sag schon, was planst du?“

„Ich will ihn so schnell wie möglich loswerden“, sagte Jenny lachend.

„Und wie?“

„Indem ich ihn an unserem ersten Tag zu Tode langweile, sodass er überhaupt keine Lust mehr hat, noch mehr Zeit mit mir zu verbringen.“ Sie konnte es direkt vor sich sehen, wie Richard mit glasigen Augen und schmerzenden Beinen ungeschickt den chawan hielt und sich wünschte, er hätte sie nie angesprochen.

„Aber wie denn?“, bohrte Samara weiter.

Jenny lächelte boshaft. „Nur ein Wort: Teezeremonie.“

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