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Ein Liebesbrief mit Folgen

Laura Bradford

Ein Liebesbrief mit Folgen

1. KAPITEL

Phoebe Jennings musterte den Umschlag auf dem Beifahrersitz. Ihr Blick verweilte auf der verschnörkelten Schrift und der verblassten, fast vierzig Jahre alten Briefmarke. Ein Notizzettel war mit einem Gummiband an dem Brief befestigt. Darauf stand eine förmliche, höfliche Entschuldigung für die verspätete Zustellung.

Aber der Brief war gar nicht für sie bestimmt. Er war nur an sie adressiert worden.

Lautes Hupen ließ sie aufschauen. Sie konzentrierte sich wieder auf die Straße. Die Autos vor ihr hatten sich bereits in Bewegung gesetzt, sobald die Ampel auf Grün umgeschaltet hatte. War sie völlig verrückt geworden? Warum sonst fuhr sie quer durch Cedarville, um jemanden einen Brief zu bringen, den sie überhaupt nicht kannte?

Sicherlich hätte sie den Brief ganz einfach beim Postamt abgeben können?

Wahrscheinlich.

Andererseits würde sie vor lauter Neugier keine Ruhe finden, wenn sie den Brief nicht höchstpersönlich ablieferte. Und dann hätte sie echte Schwierigkeiten, das Porträt für die Dolangers bis Freitag fertigzustellen. Diese Frist durfte sie auf keinen Fall versäumen, wenn sie die Miete für die nächsten Monate bezahlen wollte.

Und wenn sie Essen für Kayla kaufen wollte.

Phoebe warf einen Blick in den Rückspiegel und lächelte beim Anblick des schlafenden Kindes. Im Kindersitz kuschelte ihre Tochter das herzförmige Gesichtchen in ein winziges Kissen. Das Gemälde zu beenden würde auch darüber entscheiden, ob sie ungestört Zeit mit Kayla verbringen konnte oder nicht. Dieses Bild würde den Unterschied zwischen schlaflosen und entspannten Nächten ausmachen. Und es war der erste Schritt, um ihrer Tochter etwas Wichtiges beizubringen: So könnte sie der Kleinen zeigen, wie befriedigend es war, an der Erfüllung eines Lebenstraums zu arbeiten.

Wobei Zufriedenheit im Job wahrscheinlich noch keine große Rolle in Kaylas Leben spielte. Derzeit interessierte sie sich für ganz andere Dinge: so wie Süßigkeiten oder die Sesamstraße.

So sollte es ja auch sein.

Phoebe richtete den Blick wieder auf die Straße. Als sie sich dem Twilight Drive näherte, verlangsamte sie. Ihr fiel auf, dass die Häuser in westlicher Richtung immer größer und prächtiger wurden. Der Anblick war keine Überraschung; sie hatte gewusst, was sie erwartete. Trotzdem versetzte es ihr einen unerwarteten Stich ins Herz, dass sie so plötzlich von Reichtum umgeben war.

Diese Fahrt weckte gleichzeitig ihren Widerwillen – denn es war eine Reise in die Vergangenheit. Sie erinnerte sich an die bitteren Lektionen, die das Leben sie gelehrt hatte. Ihr Lebensweg hatte sie durch einige tiefe Schlaglöcher geführt und sie an so mancher Gabelung zweifeln lassen.

Kopfschüttelnd zwang sich Phoebe, sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Sie sollte die Vergangenheit besser dort lassen, wo sie hingehörte. Wenigstens ihre persönliche Vergangenheit.

Die Vergangenheit von Tate Williams stand auf einem anderen Blatt.

Seit sie den Brief an diesem Morgen aus ihrem Briefkasten geholt hatte, überschlugen sich ihre Gedanken. Immer wieder malte sie sich aus, welche Geschichte hinter dem Brief steckte. Die Sache lag jedenfalls eine ganze Weile zurück und musste einen äußerst wichtigen Hintergrund haben: Auf dem Brief prangte die Adresse von einem Militärpostamt, das es schon lange nicht mehr gab. Und die Marke deutete darauf hin, dass es sich um einen Soldaten in Vietnam gehandelt hatte.

Hatte ein Freund an Tate Williams geschrieben? Hatte jemand versucht, ihn über Neuigkeiten von zu Hause zu informieren?

Phoebe konnte nur Vermutungen anstellen. Und genau das hatte sie getan. Immer und immer wieder.

Doch das war jetzt vorbei.

Sie strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht und hielt am Straßenrand vor der Hausnummer vierzehn im Starry Night Drive an. Es war zwölf Uhr mittags. Ihr war ein kleines bisschen flau im Magen. Jede Wette: Um diese Uhrzeit und bei so einem Haus kam bestimmt ein Hausmädchen oder ein Koch an die Tür. Vielleicht sogar ein Butler.

Nicht unbedingt ihre erste Wahl.

Klar, Mrs Applewhite hatte Tate Williams nicht wirklich vorteilhaft beschrieben. Aber einen jahrzehntealten Brief seinem rechtmäßigen Eigentümer zu übergeben war es doch wert, sich in die Höhle des Löwen zu wagen, oder? Außerdem wusste Phoebe, dass sie nicht allzu viel auf die Einschätzung ihrer betagten Nachbarin geben durfte.

„Ganz von sich eingenommen, so war Tate Williams“, hatte Mrs Applewhite ihr erklärt. „War sich zu gut für uns. Zum Glück sind wir den los, sage ich nur. Und Sie sollten sich besser von ihm fernhalten … Denken Sie an meine Worte, Phoebe Jennings.“

Phoebe warf einen letzten Blick auf die Briefmarke. Dann nahm sie den Umschlag und stieg aus dem Auto. Die Warnung ihrer Nachbarin war vergessen, als sie die hintere Tür aufmachte und die schlafende Kayla auf den Arm nahm.

„So viel zu Mommys aufregendem Abenteuer, was?“, flüsterte Phoebe ihrer Tochter ins Ohr. Vorsichtig legte sie das Köpfchen der Kleinen an ihre Schulter und ging auf die Haustür zu.

Das ganze Haus strahlte Reichtum aus. Und gleichzeitig wirkte es vollkommen reizlos. Die Büsche waren professionell zurechtgestutzt worden, und Lampen aus Glas und Kupfer säumten den gepflasterten Fußweg. Die langweilige Gartengestaltung passte perfekt zu der einfallslosen Ziegelfassade, die nur durch einen zweistöckigen Vorbau mit weißen Säulen unterbrochen wurde.

Was stört die reichen Leute an bunten Farben? fragte sie sich. Hielten sie nichts von Einzigartigkeit? Oder hatten sie Angst davor, weil sie so etwas gar nicht kannten?

Wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Trotzdem würde sie nie verstehen, wie eine Abneigung gegen Veränderungen ein Weg zum Erfolg sein konnte.

Sanft tätschelte sie Kaylas Po und atmete langsam tief ein. Den ganzen Vormittag hatte sie sich diesen Augenblick vorgestellt. Sie hatte sich ausgemalt, wie Tate Williams aufgeregt strahlte, weil er ein Stück seiner Vergangenheit zurückbekam. Und jetzt war sie endlich angekommen. Sie konnte es kaum erwarten herauszufinden, ob ihre Vorstellung mit der Wirklichkeit übereinstimmte.

„Los geht’s, Kayla“, flüsterte sie. Phoebe entdeckte einen kleinen weißen Knopf neben der Tür, drückte darauf und wartete. Der melodische Ton einer Glocke drang eindringlich durch die getäfelte Tür. Aber es gab keine Reaktion.

Sie hatte bereits die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass ein anderer als Tate Williams aufmachen würde. Und sie hatte sich fest vorgenommen, den Brief nur ihm persönlich zu übergeben. Aber dass überhaupt niemand öffnete? Sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf reagieren sollte.

Zum Glück musste sie sich darüber auch nicht den Kopf zerbrechen. Als sie gerade im Geist ihr Handschuhfach auf der Suche nach Papier und einem Stift durchwühlte, ging die Tür auf.

„Ja?“

Phoebe sah auf. Und jeder Gedanke an Stift, Papier und Briefzustellung war mit einem Mal vergessen. Ein Mann stand in der Tür. Er war groß, blond und hatte braune Augen. Bei seinem Anblick spürte sie ein Kribbeln wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie versuchte sich daran zu erinnern, warum sie überhaupt hergekommen war. Angestrengt wollte sie ihren offenen Mund dazu zwingen, Worte zu formen – zusammenhängend oder nicht. Aber sie konnte sich auf nichts anderes konzentrieren als auf diesen atemberaubenden Mann, der vor ihr stand. Er war ganz leger gekleidet, trug Freizeithosen und ein weißes Hemd, das am Hals offen stand.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Seine Stimme klang freundlich, während er den Blick über das Baby und anschließend langsam über Phoebe gleiten ließ. Da wünschte sie sich, dass sie ihr langes Haar nicht einfach zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und etwas Lipgloss aufgetragen hätte. Ihre Kleidung ließ ihn stutzen. Als er ihr mit Farbklecksen verschmiertes Hemd bemerkte, zog er die rechte Augenbraue ein wenig nach oben.

Von einer Sekunde zur anderen änderte sich seine Haltung. Seine Miene wirkte nicht mehr neugierig, sondern wie erstarrt. „Hören Sie, ich habe keine Arbeit für Sie. Ich habe erst vor sechs Monaten alles streichen lassen und …“

Als ihr nun eine ganze Reihe bissiger Antworten durch den Kopf schoss, zog sie selbst die Brauen zusammen. Doch sie widerstand der Versuchung. Engstirnigkeit war eben Engstirnigkeit, wie ihre Großmutter immer so schön gesagt hatte. Und die kannte keine Grenzen – weder im Finanziellen noch sonst.

Schließlich hatten zwei Jahre und ihre ganze Liebe nicht gereicht, um Doug von seinen Fehlvorstellungen abzubringen. Da hatte ein Gespräch von gerade einmal zwei Minuten Dauer mit einem völlig Fremden nicht den Hauch einer Chance. Außerdem sollte Kayla nicht aufwachen und sich harten Worten und bösen Blicken ausgesetzt finden.

„Ich bin nicht hier, um Ihre Wände zu streichen. Ich bin hier, um den hier“, erwiderte sie und hob dabei den Umschlag hoch, „Tate Williams zu übergeben. Ist er zu Hause?“ Sie merkte, dass ihrer Stimme die normale Fröhlichkeit fehlte.

Der Mann verzog den Mund zu einem angedeuteten Lächeln und lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. Die Mittagssonne ließ bernsteinfarbene Flecken im sanften Braun seiner Augen aufleuchten. „Vielleicht.“

Phoebe war sich nun sicher: Reichtum und Ärger gingen tatsächlich Hand in Hand. Jeder Zweifel daran war praktisch verflogen. Und der ungestörte Moment ebenso – Kayla machte sich auf Phoebes Arm steif.

Schnell warf sie einen Blick auf ihre Uhr. „Ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe nur kurz Zeit. Die Arbeit ruft und …“

„Für mich sieht das eher so aus, als ob die Arbeit noch schläft.“ Er lächelte das Baby an, sodass sich winzige Fältchen um seine Augen bildeten.

Sie starrte ihn an. Unwillkürlich tätschelte sie Kaylas Rücken. „Sie ist nicht meine Arbeit. Sie ist meine Tochter. Da besteht ein großer Unter…“

Er stieß sich vom Türrahmen ab und verschränkte die Arme vor dem muskulösen Oberkörper. Der Stoff seines Hemdes spannte sich darüber. Phoebe schluckte und schaute weg.

Zugegeben: Es war eine Weile her, seit sie das letzte Mal mit einem Mann zusammen gewesen war. Aber das heftige Verlangen, diese Arme um ihren Körper spüren zu wollen, schockierte sie. Das war doch albern! Männer wie Tate Williams interessierten sich nicht für Frauen wie sie. Das wusste sie. Aus schmerzhafter, ganz persönlicher Erfahrung.

Trotzdem. Er war einfach umwerfend …

„Hören Sie, kann ich jetzt mit Tate Williams sprechen, oder soll ich später wiederkommen?“

„Wer will das wissen?“

Kayla hob das Köpfchen und sah sich um. Mit ihrer winzigen Hand kniff sie Phoebe ins Kinn, während sie die Nervensäge in Männergestalt musterte. Der zwinkerte der Kleinen zu.

Phoebe schluckte. „Ich.“

Sein Blick ruhte weiterhin auf dem Baby, obwohl seine Worte an Phoebe gerichtet waren. „Das ist mir schon klar, dass Sie das sind. Und ich stehe ja direkt vor Ihnen. Ich versuche bloß, Ihren Namen herauszubekommen. So etwas haben Sie doch, oder?“

Sie spürte, wie ihr die Wangen heiß und die Handflächen feucht wurden. Das geschah ihr ganz recht, wenn sie sich wie ein verknallter Teenager in Tagträumen verlor! „Oh, Entschuldigung. Ich heiße Phoebe. Phoebe Jennings.“ Sie nahm den Brief in die linke Hand und hielt ihm die rechte entgegen. „Könnte ich …?“

„Und?“ Er deutete auf Kayla.

„Und was?“, wollte sie wissen. Der Mann raubte ihr noch den letzten Nerv. So viel zum Thema gute Tat.

„Wer ist denn diese kleine Schönheit?“

Sie schaute auf ihre Tochter hinunter, und für den Augenblick ließ ihre Anspannung nach. „Tut mir leid. Das ist Kayla. Also, könnte ich jetzt bitte mit Mr Williams sprechen?“

„Selbstverständlich.“

Der Mann rührte sich nicht vom Fleck. Er stand einfach da. Abwechselnd lachte er Phoebe breit an und schnitt Grimassen für das Baby. Behandelte er etwa alle Leute so?

„Habe ich da gerade etwas verpasst?“, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

„Nur den Teil, an dem Sie mir tatsächlich den Brief geben.“ Er streckte die Hand aus. „Gut, dass Sie Malerin sind und nicht Postbotin. In dem Fall würden Sie Ihren Job nämlich nicht lange behalten.“

Endlich wurde ihr die Bedeutung seiner Worte klar. „Sie sind Tate Williams?“

Er nickte. Ein freches Lächeln ließ sein Gesicht aufleuchten.

„Aber das können Sie nicht sein.“ Phoebe schaute den Umschlag in ihrer Hand an. „Sie sind zu jung. Viel zu jung.“

„Wie bitte?“

Sie wusste, dass es sich idiotisch anhörte. Aber das war ihr egal. Sie hatte es durchgerechnet: Selbst wenn Tate Williams ein kleines Kind war, als der Brief abgeschickt worden war – er musste inzwischen mindestens Mitte vierzig sein. Und der Mann vor ihr war höchstens dreiunddreißig. „Die Briefmarke ist fast vierzig Jahre alt. Der Brief kann unmöglich“, sagte sie und deutete auf ihn, „für Sie sein.“

„Lassen Sie mich mal sehen.“

Er trat aus dem Hauseingang und nahm ihre Hand. Sein Griff war sanft und kraftvoll zugleich. Sie zitterte, als sein Atem über ihre Wange hauchte. Ihre Gedanken rasten. Erst sein Räuspern brachte sie in die Gegenwart zurück.

„Oh. Jetzt verstehe ich. Der Brief ist wirklich für Tate Williams. Nur nicht für diesen Tate Williams.“ Er ließ sie los und machte einen Schritt rückwärts. Seine unbeschwerte Art war mit einem Mal verschwunden. Der Mann war wie ausgewechselt. „Der Tate Williams, nach dem Sie suchen, lebt nicht hier. Tut mir leid.“

„Aber … Aber Sie kennen ihn, oder?“

Der Mann hielt sich an der Tür fest, als wollte er sie am liebsten schließen. „Ja, ich kenne ihn.“

Erneut betrachtete sie den Umschlag. Und wieder gingen ihr die Geschichten durch den Kopf, die sie sich in Zusammenhang mit diesem verirrten Brief ausgemalt hatte. „Wissen Sie, wie ich diesen anderen Tate Williams finden kann? Oder noch besser: Können Sie mir vielleicht helfen, ihm den Brief hier zu überbringen?“

Ein Schatten glitt über sein Gesicht. „Nein. Kann ich nicht“, erwiderte er knapp.

Können Sie nicht, oder wollen Sie nicht? fragte sie sich im Stillen. Phoebe hatte den Verdacht, dass da ein ziemlicher Unterschied bestand.

Also versuchte sie es anders. „Ich fühle mich dazu verpflichtet, dafür zu sorgen, dass er den Brief bekommt. Er könnte wichtig sein.“

Der falsche Tate Williams kniff die Augen zusammen, als er sie ansah. „Er hat den Brief fast vierzig Jahre lang nicht vermisst. Also bezweifle ich, dass er wirklich so wichtig ist.“

„Trotzdem …“

„Hören Sie, Mrs Jen…“

„Miss. Miss Jennings. Ich meine, Phoebe.“

Für einen Moment wirkte er etwas freundlicher. Dennoch fiel seine Antwort kurz aus. „Okay. Phoebe. Warum bedeutet Ihnen das so viel? Und wenn ich fragen darf: Wie sind Sie überhaupt an den Brief gekommen?“

Normalerweise würde sie sich nicht von einem Mann ausfragen lassen, der auf ihre eigenen Fragen so zugeknöpft reagierte. Aber wenn sie dadurch die Informationen bekommen konnte, die sie haben wollte …

„Ich wohne hier“, erklärte sie und deutete um Kayla herum auf den Aufkleber neben der ursprünglichen Adresse, „und aus diesem Grund ist der Brief in meinem Briefkasten gelandet.“

„In der Quinton Lane 2565?“

Sie nickte und nahm Kayla auf den anderen Arm. „Ich bin vor ungefähr sechs Monaten eingezogen. Von den vorherigen Eigentümern habe ich bis heute Morgen nichts gesehen oder gehört.“ Sie hob den Umschlag hoch und blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hatte. „Ich habe meine Nachbarin Mrs Applewhite danach gefragt und … Oooh, warten Sie mal. Ach deshalb! Ich habe sie nur nach dem Namen gefragt, aber ich habe ihr den Umschlag gar nicht gezeigt. Ich weiß ja, wie sehr sie es hasst, wenn man sie auf ihrer Veranda beim Str…“

„Wenn man sie beim Stricken stört“, beendete der Mann ihren Satz. „Es sei denn natürlich, man ist bereit, sich Klatsch und Tratsch anzuhören. Richtig?“

Verblüfft lächelte Phoebe ihn an. „Woher wissen Sie das?“

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und brachte dabei seine Frisur durcheinander. „Glauben Sie mir, das habe ich auf die harte Tour gelernt. Ich bin überrascht, dass die alte Dame noch lebt.“

„Natürlich lebt sie noch! Sie ist aktiv, sie ist gesund und …“ Phoebe begegnete Tates Blick, und einen Moment lang sahen sie sich direkt in die Augen. „Jedenfalls, was ich sagen will … Ich habe Mrs Applewhite nach dem Namen auf dem Umschlag gefragt. Und da hat sie mir von Ihnen erzählt.“

Erneut verschränkte er die Arme. „Da gehe ich jede Wette ein. Lassen Sie mich mal raten, was sie gesagt hat. Dass ich meine alte Heimat verraten hätte, was?“

Phoebe musste kurz überlegen. Sie bemerkte, wie er das Kinn ein klein wenig nach vorne reckte, während er auf ihre Antwort wartete. Seine Körperhaltung war fast steif vor Anspannung. Es lag nicht in ihrer Natur, jemanden mit Absicht zu verletzen. Doch lügen wollte sie auch nicht.

„So etwas in der Art. Aber ich bin nicht hier, um Sie zu verurteilen.“ Sie zeigte auf das doppelstöckige Foyer, das durch die geöffnete Tür hindurch zu erkennen war. „Oder Ihren Lebensstil. Ich will diesem anderen Tate Williams nur einen Brief überbringen, den er schon vor langer Zeit hätte bekommen sollen.“

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Vor Unbehagen trat Phoebe von einem Fuß auf den anderen und zog den Umschlag sanft aus Kaylas kleinen Patschhändchen. Es war offensichtlich, dass ihr Gespräch mit dem jungen Tate zu nichts führen würde.

„Hören Sie, ich werde einfach im Internet suchen oder so. Mal sehen, ob ich den richtigen nicht doch noch finden kann.“ Sie drehte sich zu ihrem Auto um und blieb noch einmal stehen. „Tut mir leid, dass ich Ihre Zeit verschwendet habe, Mr Williams.“

„Ich heiße Tate. Und er nennt sich Bart.“

„Bart?“ Sie wandte sich wieder zu dem gut aussehenden Mann um. Dabei versuchte sie, den Blick nicht von seinem Gesicht weiter nach unten gleiten zu lassen. Sie zwang sich dazu, sich zusammenzureißen. Jetzt musste sie sich auf den ersten echten Hinweis konzentrieren, den sie in den letzten zehn Minuten erhalten hatte.

Tate ließ die Arme sinken und nickte langsam. „Bart Williams. Tate Bartholomew Williams. Er ist mein Vater.“

„Ihr Vater?“ Sie hatte die Frage kaum ausgesprochen, da wünschte sie sich schon, die Worte zurücknehmen zu können. Tiefer Schmerz zeichnete sich auf Tate Williams’ Gesicht ab – das war nicht zu übersehen. „Tut mir leid. Das geht mich nichts an. Aber vielen Dank. Für den Tipp. Das macht es ein bisschen leichter für mich, ihn zu finden.“

Einen Augenblick lang musterte er sie mit unergründlicher Miene. Komischerweise fühlte sie sich dabei nicht unbehaglich.

„Warum haben Sie den Brief nicht einfach von der Post zustellen lassen? Und sich die Mühe erspart? Vor allem, wenn Sie Wände zu streichen haben und sich um ein Baby kümmern müssen.“

Sie dachte kurz darüber nach, ob sie das Missverständnis aufklären sollte. Dann entschied sie sich jedoch dafür, es dabei zu belassen. Ganz ehrlich: Was machte es schon für einen Unterschied, ob sie seiner Meinung nach Wände bemalte oder Leinwände? Wahrscheinlich keinen großen für jemanden, der so lebte wie Tate Williams. Und sie hatte ja auch keinen Grund, ihn jemals wiederzusehen.

Phoebe wählte ihre Worte mit Bedacht und drückte sich so vage wie möglich aus. „Weil jemand ihn vor fast vierzig Jahren Ihrem Vater geschickt hat. Wer auch immer diesen Brief geschrieben hat: Er hielt den Inhalt für wichtig genug, um ein Stück Papier in einen Umschlag zu stecken und in den Briefkasten zu werfen. Der Brief ist vor so vielen Jahren verloren gegangen. Und jetzt ist er in meinem Briefkasten gelandet, weil das die letzte bekannte Adresse Ihres Vaters ist. Es ist eine Geschichte, die zu keinem Ende gekommen ist. Und so etwas macht mich einfach wahnsinnig.“

Genau das tat es. Sie wünschte sich immer, dass die Puzzleteile des Lebens irgendwie zusammenpassten. Doch es gab noch einen ganz anderen Grund, weshalb sie den verlorenen Brief unbedingt selbst seinem rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben wollte. Und dieser Grund war viel zu persönlich, um ihn jemandem zu erklären – Tate Williams eingeschlossen.

Mit Kayla auf dem Arm nahm sie den vergilbten Umschlag wieder in die linke Hand und streckte ihm die rechte ein letztes Mal entgegen. Als er ihre Hand schüttelte, spürte sie plötzlich die Wärme seiner Haut. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, als ob ein Stromschlag sie durchfuhr. „Noch mal vielen Dank, Mr Williams. Einen schönen Tag.“

Tate Williams beobachtete vom Fenster aus, wie sie zum Auto ging. Dabei war ihm eines ganz klar – oder vielleicht sogar zwei Dinge.

Phoebe Jennings war eine schöne Frau.

Und er bedauerte es, sie wieder weggehen zu sehen. Auch wenn er sich ansonsten mit einem Teil seines Lebens auseinandersetzen musste, den er lieber vergessen würde.

Rasch verdrängte Tate alle Gedanken an seinen Vater. Er trat einen kleinen Schritt nach links, um einen besseren Blick auf die zierliche Frau zu haben. Sie war an der Bordsteinkante stehen geblieben und gab ihrer Tochter einen Kuss auf die Stirn. Dabei bemerkte er, wie der Sonnenschein ihrem weichen braunen Haar einen goldenen Glanz verlieh. Und er bemerkte, wie er unwillkürlich darauf reagierte. Urplötzlich und mehr als deutlich.

Er konnte sich kaum vorstellen, wie Phoebe Jennings Leitern hinauf- und hinunterkletterte und sich mit Tünchen den Lebensunterhalt verdiente. Noch dazu mit so einem kleinen Kind zu Hause. Doch dafür bewunderte er sie. Arbeit war Arbeit. Egal, in welcher Form.

Arbeit.

Tate warf einen Blick auf seine Armbanduhr und rollte die Augen. Seine Mittagspause war fast vorbei, und er hatte keinen Bissen gegessen. Allerdings war er sowieso nicht mehr besonders hungrig. Wann immer er an seinen Vater dachte, verging ihm der Appetit.

Trotzdem konnte er nicht anders: Er musste sich fragen, was es mit dem Umschlag auf sich hatte. Von wem stammte er? Wer nannte seinen Vater Tate?

Jedenfalls niemand, den er kannte.

Er zuckte die Schultern, schnappte sich seine Aktentasche und die Schlüssel vom Tisch in der Eingangshalle und ging zur Garage. Wenn er nichts aß, konnte er genauso gut gleich wieder an die Arbeit gehen. Auf dem Weg schaute er kurz in die Küche. Sein Blick blieb an dem Bild von der Meereslandschaft an der Wand hängen. Ein Geschenk seiner Mutter zum Collegeabschluss.

„Glaube immer an deine Träume, Tate“, hatte sie gesagt. „Wenn du das tust, glaubst du auch an dich selbst.“

Und sie hatte recht behalten.

Seine Mutter hatte so fest an ihn geglaubt, dass es für zwei gereicht hatte. Sein Vater hingegen hatte ihm ständig seinen Traum ausreden wollen, Architekt zu werden. Für seinen Vater bestand Arbeit darin, Häuser zu bauen. Und nicht, sie zu entwerfen.

Das war einer von vielen Streitpunkten in einer Ehe gewesen, die anscheinend nur wegen Tate existiert hatte. Während seine Mutter seinen Vater von ganzem Herzen geliebt hatte, war sein Vater immer auf Distanz geblieben. Als ob er lieber irgendwo anders gewesen wäre.

Tate schüttelte die Erinnerungen ab, damit sie ihm nicht den Tag verderben konnten. Er ging in die Garage zu seinem neuen roten BMW Cabrio. Seinen Träumen zu folgen hatte definitiv Vorteile. Während seiner Kindheit in der Quinton Lane hatte er sich das überhaupt nicht vorstellen können. Damals bedeutete Erfolg, dass etwas zu essen auf den Tisch kam. Trotzdem hatte er sich dort stets geliebt gefühlt … bis er vom College zurückgekommen war. Als ein anderer Mensch.

Jedenfalls hatte er sich ihrer Meinung nach stark verändert. Er selbst dachte anders darüber.

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