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Ein Leben … … zwei Welten

Zugeeignet meiner Frau Ana Lúcia, ohne deren Fürsorge diese Notizen nicht geschrieben worden wären,

und mit Dank an Benedikt Maria Trappen, der mich immer wieder ermutigt hat, das Manuskript doch noch zu publizieren und bei der Durchsicht behilflich war.

Ein Leben …

… zwei Welten

Biographische Notizen

in Zeiten des Wandels

Kiu Eckstein

Inhalt

Vorbemerkung

Die frühen Jahre

Einöde vor den Toren Münchens

Bettelarm, aber stolz

Eine sehr andere Welt

Große Depression, Diktatur und Krieg

Halb Schüler, halb Soldat

Der Krieg rückt näher

Ein wunderschöner langer Sommer

Tanz auf zwei Hochzeiten

Die ersten Nachkriegsjahre

Weltenbummler und Workaholic

Der Charme des Neuen

Ein fast schon vergessenes Brasilien

Zwischen Film und Fernsehen

Folgenreicher Zufall

Zeitzeuge in dunklen Jahren

Revolution ohne Gewehre

Diktaturen ringsum

Nunca más

Spinnereien oder…

Halb hier, halb dort

Schwierige Rückkehr

Buchstäblich jwd

Ein fruchtbares Jahr

Alte Last und neue Horizonte

Wachsende Diskrepanz

Amerika revisited

Neuland sehr anderer Art

Anstoß aus höheren Sphären

Die Wechseljahre

Die andere, stille Revolution

Später Neubeginn

Wie oben, so unten

Eine Oktave höher

Rückblende und Geschenke des Himmels

Einordnung und Ausklang

Vorbemerkung

Sicher heißt es zu Recht, dass wir Kinder unserer Zeit sind, und das gilt wohl ganz besonders für so außergewöhnliche Zeiten wie die unsere, die uns, wie mir scheint, vor weit größere Herausforderungen stellt als alle vorangegangenen. Dass sich im Untergrund etwas zusammenbraute, war schon seit geraumer Zeit spürbar. Doch dann beschleunigte sich dieser Prozess, die Anzeichen häuften sich und es wurde offensichtlich, dass wir durch einen wahrhaft gigantischen Umwälzungsprozess gehen.

Als ich nach weit über 40 Jahren im Ausland in die Gegend zurückkam, in der ich aufgewachsen bin, begann ich mich an die frühen Jahre zu erinnern. Sie waren mir so fern, als ob sie einer ganz anderen Welt angehörten, und auch ich hatte mich, und das nicht nur, weil ich ein langes Leben in sehr anderen Welten hinter mir hatte, weit von dem entfernt, für den ich mich über viele Jahre gehalten hatte. Ich begann über diese beiden so unterschiedlichen Welten in einem Leben nachzudenken, über die um mich herum und meine innere.

Das hat mich dazu gebracht, diese biografischen Notizen anzugehen, obwohl ich in diesem Leben nichts so Bedeutendes geschaffen habe, das sie rechtfertigen würde. Ich wollte begreifen, was mich angetrieben und verändert hat, inwieweit in diesen außergewöhnlichen Zeiten unsere eigenen kleinen Prozesse mit den großen übergeordneten Vorgängen, denen wir alle unterworfen sind, ob wir wollen oder nicht, verbunden sind – und somit letztlich, inwieweit vieles in diesem Leben eher mit uns als durch uns geschieht. Den Antworten auf diese alten Fragen bin ich beim Schreiben dieser Notizen, zumindest was mich betrifft, etwas nähergekommen.

Die frühen Jahre

Einöde vor den Toren Münchens

Als ich ein Jahr alt war, 1928, zogen meine Eltern nach Lochham, das viele Jahre später ein respektabler Vorort von München werden sollte. Meine Mutter hatte eine Stelle als Lehrerin an der Grot-Schule, einem privaten Lyzeum für Mädchen in Pasing bekommen, das mit dem Vorortzug – S-Bahnen gab es damals noch nicht – nur eine Station entfernt war.

Lochham war damals nur ein winziges Dorf mit ein paar Bauernhöfen an einem kleinen Fluss, der Würm, und wenn ich mich recht erinnere, waren die nicht landwirtschaftlich genutzten Flächen als Einöde eingestuft. Zwischen Dorf und Bahnhof standen anfangs nur drei oder vier Häuser, der Rest Felder, Wald, ungenutzte Wiesen und ein paar schon umzäunte, noch nicht bebaute Grundstücke.

Gleich neben dem Bahnhof war eine große Wirtschaft, der Lackl, mit einem riesigen Biergarten unter schönen großen Kastanienbäumen. Im Sommer kamen an den Wochenenden viele Leute mit dem Vorortszug aus München, natürlich ganz zünftig in bayerischer Tracht. Viel Bier wurde getrunken und oft wehte laute Blasmusik, vor allem bei Westwind, bis zu dem Haus herüber, in dem meine Eltern eine Wohnung gemietet hatten.

Eine ungeteerte Straße voller Schlaglöcher führte vom Bahnhof an unserem Haus vorbei ins Dorf. Hin und wieder fuhr ein scheppernder Lastwagen vorbei und wirbelte, wenn es trocken war, große Staubwolken auf. Im Sommer waren die noch kleinen Fichtenbäumchen am Gartenzaun und der Wald auf der anderen Straßenseite mit einer dicken graubraunen Staubschicht bedeckt. PKWs tauchten so gut wie nie in dieser gottverlassenen Gegend auf.

Auf dieser Straße ging ich, bald nachdem ich laufen gelernt hatte, mit unserem Dienstmädchen, sie hieß Betti, jeden Morgen und so ziemlich bei jedem Wetter zum Milchholen in das fast einen Kilometer entfernte Dorf. Im Winter, wenn der Wind pfiff, war es eiskalt.

Im Bauernhof der Familie Schneider war ich so gut wie zuhause, durfte in die Ställe, in die Scheune und tun und lassen, was ich wollte. Ich kannte die Namen aller Kühe und Pferde, schaute beim Melken zu und half oder störte wohl mehr als übereifriger Knirps beim Füttern oder Ausmisten. Manchmal brachte der Bauer für ein paar Mark eine Fuhre Kuhmist für die Gemüsebeete, und ich sammelte in einem kleinen Eimer die Pferdeäpfel auf der staubigen Straße und düngte die Johannisbeersträucher. Jetzt gibt es von all dem nichts mehr. Nur ein nachgebautes Wasserrad an der Würm und ein kleines Schild erinnern an diesen großen Bauernhof.

Wir gingen immer mit einer kleinen zerbeulten Milchkanne zum Bauern. Man hatte nicht viel und kaufte nicht viel. Wenn ein Kochtopf durchgebrannt, ein Teller runtergefallen war oder eine Schürze Löcher hatte, warfen wir sie, genauso wie die paar Nachbarn, in eine große Kiesgrube unmittelbar neben unserem Haus, die vom Straßenbau übriggeblieben war. Als ich ein bisschen größer war, kokelte ich gerne in der großen Grube.

Zwischen unserem Haus und dem Dorf gab es nur Wiesen und ein paar Felder mit einer kleinen Baumgruppe und einem Schießstand. Abends kamen die Rehe aus dem Wald und grasten in aller Ruhe in der jungen Saat. Hin und wieder zog ein Schäfer mit einer großen Herde und seinen beiden Hunden vorbei, und manchmal stand nach einem heftigen Gewitter ein großer Regenbogen über den Feldern – eine schöne, einsame und sehr stille Welt.

Einmal wurde ein Reh, das über die Straße lief, von einem Lastwagen erfasst. Die tüchtige Betti brachte das schon fast tote Tier in die Waschküche und nahm es dann mit Hilfe eines ihrer Verehrer aus. Natürlich war auch ich dabei und als sie den Brustkorb aufschnitten, sah ich das Herz, das noch pulsierte. Ich war tief bewegt und am Abend konnte ich sehr lange nicht einschlafen, obwohl meine Mutter, die am späten Nachmittag aus der Schule gekommen war, versucht hatte, mich zu beruhigen.

Für Abwechslungen in unserer Einöde sorgte der Briefträger, der täglich vorbeikam und sich auch meldete, wenn er keine Post brachte. Er hatte ein Auge auf die junge, hübsche Betti geworfen und mir erzählte er gerne Geschichten über einen Holzfuchs, den er, wie er beteuerte, im Wald gesehen habe, und machte dazu ein sehr ernstes Gesicht.

Ich weiß nicht mehr von wem, von Betti, vom Briefträger oder von wem sonst ich in diesen frühen Jahren die vielen Sprichwörter gehört habe, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Eines hieß: „Der Vogel, der am Morgen singt, den frisst die Katz am Abend.“ Als ich diesen Spruch in den Jahren, in denen ich in Rio de Janeiro Workshops in Holotropem Atmen gab, zitierte, um auf die sehr andere, gar nicht so lange zurückliegende Welt aufmerksam zu machen, in der ich aufgewachsen bin, sagte eine junge hübsche Brasilianerin: „Ah, da werd´ ich jetzt jeden Morgen singen, dann frisst er mich am Abend.“ Gemeint war ihr Liebhaber. Auf gut brasilianisch schläft man nicht mit Frauen, man frisst sie gemäß alter anthropophagischer Sitte. Das Gelächter war groß und ich hatte etwas dazu gelernt.

Warum mir dieser unsinnige Spruch – denn Vögel singen nun mal vor allem morgens – über all die Jahre im Gedächtnis geblieben ist, weiß ich nicht. Mein Elternhaus war nicht repressiv, aber wahrscheinlich passte dieser Spruch zu den harten Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg und der Großen Depression, die gut zwei Jahre nach meiner Geburt begonnen hatte und, obwohl ich noch so klein war, untilgbare Spuren in mir hinterlassen hat.

Bettelarm, aber stolz

Betti war die Tochter eines Schleusenwärters aus Icking an der Isar. Sie war 15 oder 16, als sie zu uns kam, hübsch und völlig ungebildet, aber hatte, wie man sagt, das Herz auf dem rechten Fleck. Damals war ein Dienstmädchen kein Luxus. Und es wäre auch gar nicht anders gegangen. Meine Mutter war den größten Teil des Tages in der Schule und oft musste sie bis spät abends Aufsätze korrigieren, sich für den Unterricht vorbereiten oder Strümpfe stopfen.

Bis ich in die Schule kam, war ich vor allem mit Betti zusammen. Ich liebte sie abgöttisch, viel mehr als meine Mutter und redete genauso bayerisch daher wie sie. Beim Essen mit meinen Eltern durfte ich das nicht. Ich musste hochdeutsch sprechen und fand das schrecklich. Wenn ich trotzdem dickköpfig in Dialekt verfiel, musste ich in der Küche mit Betti essen, was ich nicht als große Strafe empfand. Erst viele Jahre später wurde mir klar, wie dankbar ich meinen Eltern dafür sein muss. Berichte aus anderen Regionen der Welt hörten sich auf Hochdeutsch wohl besser an.

Viel Ahnung von Haushalt und Kochen hatte Betti nicht. Eine kleine Geschichte, die später oft erzählt wurde, vom Besuch des seinerzeit sehr angesehenen Kunsthistorikers Karl Scheffler und seiner Frau ist mir in Erinnerung geblieben. Scheffler war Herausgeber der Zeitschrift „Kunst und Künstler“, in der mein Vater manchmal einen Artikel unterbrachte.

Dieser Besuch war eine große Ehre für meinen sehr viel jüngeren Vater. Er hatte die letzten Groschen zusammengekratzt und zum Abendessen für den hohen Gast Pumpernickel und Gorgonzola in München bei Dallmayr besorgt. Betti aber hatte, bevor sie diese Delikatesse servierte, alles, was sie für Schimmel hielt, feinsäuberlich entfernt. Damit war klar, dass dieser sorgfältig gesäuberte italienische Käse ein einmaliger Luxus in unserem armen Haus war – ein großer, unbeabsichtigter Erfolg.

Unsere Armut hat sich tief in mir eingegraben. Mein Vater verdiente fast nichts, und das Gehalt meiner Mutter reichte gerade mal für das Allernötigste, für Miete, Lebensmittel, die Monatskarte nach Pasing, Bettis Lohn – 20 Reichsmark im Monat, wenn ich mich recht erinnere – und das eine oder andere Kleidungsstück. Ich bekam manchmal abgelegte Bleyle Anzüge, die ich hasste, von den Kindern gutsituierter Bekannter. Und die „Berliner Illustrierte“ für ein paar Groschen, die meine Mutter gerne las und in der ich mich auf E. O. Plauens wöchentliche Bildergeschichte „Vater und Sohn“ stürzte, war großer Luxus.

Von dieser Armut, die in den Briefen meiner Mutter aus dieser Zeit immer wieder auftaucht und deren Ausmaß man sich in unserer feudalen Konsumwelt nur schwer vorstellen kann, habe ich damals nicht viel gespürt, aber sie hat sich, wie eine kleine, später oft erzählte Geschichte deutlich macht, tief in mir festgesetzt. Als ich mit drei, vier Jahren mit einem Arm voll trockener Äste aus dem Wald auf der anderen Straßenseite kam und ein Besucher fragte, warum ich diese Äste nachhause bringe, habe ich gesagt: „Wir sind arm.“

Das Haus in der Ahornstraße 2, in dem wir wohnten, gehörte netten, sehr einfachen Leuten, die in München in der Hirtenstraße, ganz nah beim Starnberger Bahnhof, ein kleines Lebensmittelgeschäft hatten. Sie hießen Trost und hatten während der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg in Lochham für einen Apfel und ein Ei zwei oder drei große Grundstücke gekauft, die Jahrzehnte später ein Vermögen kosten sollten. Auf einem dieser Grundstücke hatten sie das Haus gebaut, in dem wir wohnten.

Die Hyperinflation vom Anfang der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Deutschen eingefressen. Auch in mir, obwohl ich nach diesem Desaster geboren wurde, rumorte dieses kollektive Trauma noch über sehr viele Jahre. Um das Ausmaß dieser Inflation aufzuzeigen, habe ich ein paar Zahlen nachgeschlagen.

1918, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, hatte die Mark schon die Hälfte ihres Wertes verloren. Bald danach begann die große Inflation, die 1923 ihrem Höhepunkt zustrebte. Am 1. Januar 1923 betrug das Porto für einen simplen Brief schon ganze 50 Mark, am 22. Oktober waren es dann 10.000.000, und gegen Ende der Hyperinflation kostete ein US-Dollar die unvorstellbare Summe von 4,2 Billionen Mark. Diese in wahnsinnigem Tempo galoppierende Inflation war für Menschen, die von Lohn oder Gehalt lebten, eine existenzielle Bedrohung. Wer jedoch Waren hatte oder über Produktionsmittel verfügte und clever war, konnte sehr schnell sehr reich werden.

Die Trosts gehörten zu den kleinen Gewinnern dieser schrecklichen Zeit, die so viele Menschen bettelarm gemacht hat. An den Sommerwochenenden kamen sie fast immer nach Lochham. Sie hatten ein Zimmer, Küche und Bad im Parterre des Hauses für sich behalten, viele Erdbeerbeete in dem großen, ansonsten noch ganz leeren Grundstück angelegt und verkauften, was sie ernteten, in ihrem Geschäft. Uns stundeten sie, wenn das Geld nicht reichte, oft die Miete. Auch später, nachdem wir ausgezogen waren, besuchten wir sie manchmal in der Hirtenstraße, und im Zweiten Weltkrieg steckten sie uns hin und wieder ein paar der rationierten Lebensmittel in die Tasche.

Meine Eltern kamen aus, wie man sagte, guten Verhältnissen. Der Vater meiner Mutter war Ingenieur und hatte bis zum Ersten Weltkrieg eine Fabrik in Riga. Ich erinnere mich noch gut, dass meine Mutter manchmal von den unendlich langen, wunderschönen Sommerabenden auf der Datsche der Familie in der Nähe von Riga erzählt hat. Sie und ihre drei Geschwister wuchsen in gediegenen, gut bürgerlichen Verhältnissen auf.

Bei meinem Vater ging es nicht ganz so üppig zu. Er war der Sohn eines evangelischen Pfarrers, der früh gestorben ist und seiner Frau nur eine bescheidene Pension hinterlassen hat. Mit den paar Rücklagen, die sie sich vom Munde abgespart hatte, zeichnete sie zu Beginn des Ersten Weltkrieges in großem vaterländischem, aus heutiger Sicht nur schwer nachvollziehbarem Enthusiasmus Kriegsanleihen und verlor alles. Die Armut, von der hier immer wieder die Rede ist, war die große, allgemeine Armut nach einem verlorenen Krieg, von Inflation und Weltwirtschaftskrise – aber auch die von Intellektuellen, die sich mit ihren Hervorbringungen nur schwer über Wasser halten konnten.

Doch meine Eltern trugen ihre Armut mit einem gewissen Stolz. Sie war der Preis, den man zahlen musste, wenn man seinen geistigen Interessen nachging, eine Art Opfer, das man für höhere Bildung und die Distanz zu allem, was man für kitschig und spießbürgerlich hielt, darbringen musste. Als eine Art Symbol für diese hohen Ansprüche ist mir der schöne Hut mit breiter Krempe, der ‚Geisthut‘, wie er bei uns genannt wurde, den mein Vater trotz Armut immer trug, in Erinnerung geblieben.

Besonders deutlich wird diese Armut in den Briefen meiner Eltern aus den 20er Jahren, in denen es immer wieder um Geldnöte geht, um Erbstücke, die ins Pfandhaus gebracht wurden, um die Miete für die Studentenbude zu bezahlen oder darum, dass sie sich nicht besuchen konnten, weil sie die Bahnfahrt von Marburg, wo meine Mutter studierte, nach München, wo mein Vater auf die Uni ging, nicht bezahlen konnten.

Die Generation meiner Eltern, und zum guten Teil auch die meine noch, hat fast alle Briefe aufbewahrt. Ihr Leben verflüchtigte sich nicht in schnell getippten und bald wieder gelöschten E-Mails. Auf mich sind mehrere Schubladen voller Briefe meiner Mutter an meinen Vater, der seinen an sie und auch die vielen Freunde gekommen. Es ist nicht leicht, sich in die Handschriften dieser Zeit einzulesen. Aber wenn man sich die Zeit nimmt, entsteht ein ziemlich genaues Bild jener Jahre.

Obwohl wir arm waren, hatten wir ein Telefon – ein großer Luxus, der sich durch den einen oder anderen Auftrag für einen Artikel oder die Kritik einer Kunstausstellung bezahlt machen sollte. Dieses kleine Heiligtum stand im Arbeitszimmer meines Vaters. Für mich war dieses Telefon ganz und gar unzugänglich. Und ich wäre auch gar nicht auf die Idee gekommen, einen der Mitschüler anzurufen. Man verabredete sich nach der Schule oder ging einfach zu ihren weit entfernten Häusern und schaute, ob sie zuhause waren.

In Lochham gab es nur wenige Telefonleitungen, und wenn bei starkem Sturm ein großer Ast auf die Drähte fiel, konnte es mehrere Tage dauern, bis der Schaden wieder behoben war. Ich schaute natürlich immer zu, wenn die Leitungen repariert wurden und bewunderte die Arbeiter, wenn sie mit großen Steigeisen die Telefonmasten hinaufkletterten. Besonders aufregend war, wenn eine neue Leitung verlegt wurde, die Arbeiter ein tiefes Loch aushoben, den Mast zu dritt mit lauten Kommandorufen Stück für Stück hochhievten und dann die Drähte spannten. Diese harte Arbeit erhöhte meinen ohnehin vorhandenen Respekt vor dem heiligen Telefon im Arbeitszimmer meines Vaters noch.

Eine sehr andere Welt

In jenen lang zurückliegenden bukolischen Zeiten war der Vorortszug die wichtigste Verbindung zwischen unserer Einöde und der großen weiten Welt. Schon mit drei Jahren fuhr ich jeden Mittwoch alleine in die Stadt. In Lochham brachte mich Betti zur Bahn und in München wurde ich von meinem Großvater am Starnberger Bahnhof abgeholt.

Fahrkarten kaufte man bei einer lieben, sehr dicken Frau, die sie knipste und dann die Sperre öffnete, die den Bahnsteig von einem kleinen Warteraum und der Kabine mit aberhundert Fahrkarten trennte. Natürlich kannte die gute Seele des Lochhamer Bahnhofs die Namen der meisten Fahrgäste und für mich kleinen Knirps hatte sie immer ein besonders freundliches Wort.

Eines Tages kam meine Mutter, die sechsmal in der Woche nach Pasing zur Schule fuhr – von einer fünf Tagewoche träumte damals noch niemand – ganz aufgelöst nachhause. Die liebe dicke Kartenverkäuferin hatte sich vor einen einfahrenden Zug geworfen und diese Verzweiflungstat überlebt, aber beide Beine verloren. Ich habe von dieser Tragödie nur gehört, aber mir immer wieder vorgestellt wie der Zug über sie gefahren ist – ein dunkler Schatten hatte sich über den idyllischen Lochhamer Bahnhof gelegt.

In diesen frühen Jahren mussten wir zum Einkaufen in den nächsten etwas größeren Ort, nach Gräfelfing gehen. Das war noch ein bisschen weiter als zum Milchholen beim Bauern in Lochham. In der Bahnhofstraße, die viele Jahre später das stolze Aushängeschild Gräfelfings werden sollte, gab es damals, wenn ich mich recht erinnere, nur ein einziges Lebensmittelgeschäft, den Konsum, der trotz seines Namens in unserer Welt des unaufhörlichen Konsums keinen einzigen Tag überleben würde.

Später legte ich dann an den Wochentagen, Sommer und Winter bei jedem Wetter, den langen Weg bis zur Gräfelfinger Volksschule, erst zu Fuß und später, wenn es das Wetter erlaubte, mit dem Rad zurück. Das war ganz selbstverständlich. Schulbusse kamen mir noch lange wie ein großer und unnötiger Luxus vor. Den ersten sah ich 1961, nachdem ich in das gelobte Land, in die USA gekommen war, um dort Dokumentarfilme zu machen.

Nachdem die zwei oder drei Gräfelfinger Schüler, die in Richtung Lochham wohnten, abgebogen waren, ging ich alleine auf dem letzten langen Stück des Weges weiter. Er führte durch einen mir sehr groß und dunkel erscheinenden Wald zum Bahnhof Lochham. Mitten in diesem Wald bog ich ab auf einen kleinen Pfad, der zu unserem Haus führte. Manchmal hatte ich Angst, besonders nachdem ein Exhibitionist im Wald gesehen worden war, der, so hieß es, seine Geschlechtsteile zeigte, aber niemandem etwas antat. Ich habe ihn nie gesehen, aber oft an ihn gedacht, wenn ich schnell durch das letzte Stück im dunklen Wald nach Hause lief.

Aber es gab auch einen schönen unvergesslichen Moment in diesem Wald. Als ich ihn wieder einmal durchquerte, hielt ich an auf einer kleinen Lichtung mitten im dunklen Fichtenwald, nicht weit von unserem Haus. Ein überirdisches Licht schien auf mich herabzufallen, und ich war tief ergriffen von etwas, dem ich keinen Namen geben konnte. Meinen Eltern habe ich davon nichts erzählt, da sie das, wie ich meinte, nicht hätten verstehen können. Dieses kostbare Geheimnis habe ich über lange Zeit gehütet und dann vergaß ich es ganz und gar.

Der Teil des Hauses in der Ahornstraße, den wir bewohnten, hatte drei Zimmer, an die ich mich noch sehr genau erinnere. Im Parterre, in dem Trosts einen Teil für sich behalten hatten, war das Schlafzimmer, im ersten Stock das Wohnzimmer mit einem Balkon, das Arbeitszimmer meines Vaters, die Küche und ein kleines Bad, darüber im Speicher das Dienstmädchenzimmer, in dem auch ich in einem Kinderbett mit Eisengittern schlief. In einem dieser frühen Jahre, als ich noch sehr klein war, schlug bei einem der an heißen Sommerabenden häufigen Gewittern der Blitz ein.

An den Einschlag selbst kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß nur, dass man mich schon früh ins Bett gebracht hatte, dass meine Eltern gleich nach dem Einschlag sehr aufgeregt nach oben gerannt waren und dass in der Wand, an der mein Bett stand, ein langer tiefer Riss klaffte. Wenn ich eine der Eisenstangen des Betts umfasst hätte, wie ich das oft tat, hätte das wohl zu einem frühen Ende geführt. Ich sollte, so scheint‘s, noch ein bisschen in dieser Welt bleiben. Bald nach diesem Vorfall ließen Trosts einen Blitzableiter auf das Dach setzen.

Wie sehr wir damals noch ganz in der uns umgebenden Natur eingebettet waren, zeigt eine kleine Geschichte aus dieser Zeit. In unserem Badezimmer hausten über viele Jahre Schwalben. Wenn sie im Frühling kamen, bauten sie ihr Nest auf dem flachen emaillierten Blechschirm der Lampe, die in der Mitte des Bades von der Decke herabhing. Dort brüteten sie und fütterten dann die kleinen Schwalben, bis sie flügge waren. Das Badezimmerfenster musste natürlich immer offenstehen. Und kaum war der Winter vorbei, öffneten wir es, auch wenn es sehr kühl war, wieder und warteten auf ihre Rückkehr.

In einem dieser Jahre war es schon sehr früh so kalt geworden, dass die Schwalben nicht mehr über die Alpen in den warmen Süden fliegen konnten. Eine große Aktion wurde ausgerufen, um sie per Flugzeug nach Italien zu bringen. Wir fingen die aufgeregten Schwalben ein und mein Vater und ich brachten sie in einer mit Luftlöchern versehenen Schachtel zum kleinen Münchner Flughafen – und im nächsten Jahr sind sie zu unserer großen Freude wiedergekommen, haben ihr Nest auf dem Lampenschirm gebaut, gebrütet und sind im Herbst in den wärmeren Süden geflogen.

Aber diese Idylle hatte auch ihre Schattenseiten. Meistens spielte ich allein im Haus oder Garten und war den weitaus größten Teil des Tages nur meinen eigenen Gedanken überlassen. Einen Kindergarten gab es in der näheren Umgebung nicht, und wenn es einen gegeben hätte, wäre er sicher viel zu teuer gewesen. Betti, die sich zwischendurch um mich kümmerte, war urwüchsig und flink, aber eine Quelle der Inspiration war sie nicht. Wenn ich heutzutage immer wieder höre, wie wichtig Kindertagesstätten zur frühen Förderung sind, wird mir klar, welche Auswirkungen die tagelange Eigenbrötlerei meiner frühen Jahre gehabt haben muss.

Doch zugleich gab es damals noch große Freiräume, in denen wir tun und lassen konnten, was immer wir wollten. Im Herbst, wenn das hohe Gras auf der Gräfelfinger Seite des Waldes trocken war, schnitten wir große Zweige von den Fichten ab und zündeten dann die dürren Wiesen an. Manchmal drehte der Wind, das Feuer breitete sich schnell aus, und wir mussten mit unseren Dachsen wie die Wilden auf die Flammen einschlagen, bevor sie den Wald erreichten. Es war ein gefährliches Spiel, in dem wir uns austoben konnten.

Als etwas später der Straßenbau begann, spielten wir, obwohl es streng verboten war, mit den Loren, die damals für Erdbewegungen benutzt wurden. Wenn sie an abschüssigen Stellen Tempo aufnahmen, bremsten wir sie mit dicken Knüppeln, die wir gegen die Räder pressten. Aber manchmal gelang es uns nicht sie zum Stehen zu bringen, dann sprangen wir ab, die Lore fuhr weiter, sprang am Ende der Strecke von den Geleisen und wir verzogen uns schnell mit leichtem Schuldgefühl.

Jetzt fällt mir dazu der Ausspruch eines brasilianischen Pressefotografen ein, den wir in Rio de Janeiro oft beim Filmen aktueller Ereignisse getroffen haben. Er war in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts anlässlich des Staatsbesuches des brasilianischen Präsidenten, General Ernesto Geisel, das erste Mal nach Deutschland gekommen. Als wir ihn wieder trafen, fragten wir ihn, wie es ihm dort gefallen habe. Immer noch überwältigt brachte er nur hervor: „Que país pronto – Was für ein fertiges Land.“

Inzwischen ist das fertige Land noch ein bisschen fertiger geworden. Wenn ich an meine frühen Jahre denke, und sicher auch, weil ich den größten Teil meines Lebens in der Dritten Welt und in Schwellenländern, wie man dann abmildernd sagte, verbracht habe, kann ich verstehen, auch wenn ich es nicht billige, dass hier zu Lande Jugendliche, einige wohl aus gutbürgerlichem Elternhaus, jetzt Wände beschmieren, öffentliche Toiletten oder die Aufzüge der S-Bahn-Stationen demolieren.

Große Depression, Diktatur und Krieg

Auf die harten Jahre nach einem verlorenen Krieg und Hyperinflation folgte nach der kurzen Atempause der Goldenen Zwanziger Jahre, die Große Depression. Sie begann am 24. Oktober 1929, dem berüchtigten „schwarzen Freitag“, mit dem großen Börsenkrach und dauerte dann vor allem in den USA, dem gelobten Land der unbegrenzten Möglichkeiten, fast bis zum Zweiten Weltkrieg.

Bereits im Spätherbst 1929 gab es in Deutschland 1.400.000 Arbeitslose, Ende 1930 waren es schon fünf Millionen und im Februar 1932 ganze 6.120.000. Es war eine schwere bedrückende Zeit. Auch ohne sie schon ganz bewusst miterlebt zu haben, muss sie sich tief in mir eingegraben haben. Denn immer, wenn es kleinere wirtschaftliche Krisen gab, meinte ich, nun ist es wieder soweit.

In einer dieser, aus heutiger Sicht winzigen Krisen im Herbst 1982, kaufte ich bei einer Dienstreise nach Chile und Bolivien während eines kurzen Aufenthalts in meinen alten Gefilden, in Rio de Janeiro, schnell und ohne genau hinzusehen, ein kleines Appartement, einzig und allein um etwas Geld anzulegen, aber ganz sicher nicht, um jemals dort zu wohnen. Dass ich später ganze zehn Jahre in diesem Apartment recht gut leben würde, wäre mir damals nicht in den Sinn gekommen.

In den frühen Jahren, schon bald nach der schlimmen Zeit der Großen Depression, kamen zu den wirtschaftlichen die politischen Probleme. Im Januar 1933 war Hitler an die Macht gekommen. An diesem schwarzen Tag der Machtergreifung durch die Nazis sagte mein Vater, was sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hat, „Das bedeutet Krieg, und diesen Krieg werden wir verlieren.“

Er war vom ersten Tag an strikter Antinazi und machte daraus keinen Hehl. Er hob nie die Hand zum obligaten „Deutschen Gruß“ und beantwortete das stramme „Heil Hitler“ eines dicken SA-Mannes, der um die Ecke wohnte, immer mit „Grüß Gott“. Er war gegen Ende des Ersten Weltkrieges schwer verletzt worden, hatte ein stark verkürztes Bein, dessen Narben manchmal aufbrachen und nur schwer wieder verheilten und ging immer mit einem Stock. Diese kriegsbedingte Behinderung mag ein gewisser Schutz gewesen sein, und im Zweiten Weltkrieg hat sie ihn vor dem Wehrdienst bewahrt.

Politik war das Hauptgesprächsthema, wenn Besuch kam, und meist auch bei den täglichen Mahlzeiten. Die wenigen Freunde meiner Eltern waren samt und sonders Gegner des Dritten Reiches. Unsere Welt und mithin auch die meine war geteilt in Nazis und Antinazis. Es war ein Leben in der ‚inneren Emigration‘, wie man diese standfeste Verweigerung derer, die in Deutschland geblieben waren, genannt hat, als es nach dem Krieg zu Verstimmungen zwischen zurückgekehrten Emigranten und Antinazis gekommen war, die das Dritte Reich in Deutschland überstanden hatten.

1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, wurde ich sechs Jahre alt, kam in die erste Klasse der Volksschule Gräfelfing und wusste sehr genau, mit wem ich über was sprechen oder nicht sprechen konnte. Das hat sicher dazu beigetragen – auch wenn es nicht der einzige Grund gewesen sein mag – dass ich zu einem Außenseiter wurde und für den Rest meines Lebens geblieben bin.

Damals hatte mein Vater gerade genug Geld geerbt, um ein kleines Grundstück in Lochham für einen, aus heutiger Sicht lächerlichen Preis zu kaufen, und meine Mutter konnte, da sie an der Pasinger Grot-Schule angestellt war, eine Hypothek zum Bau eines kleinen Hauses aufnehmen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit der Planung, an die vielen Überlegungen, wie man mit dem wenigen Geld alles Nötige unter ein Dach bekommen könne, und dass gegen Ende noch einmal ein paar Quadratmeter abgeknapst werden mussten.

Das Abholzen der vielen großen Fichten, die auf dem Grundstück wuchsen, übernahmen für eine Brotzeit und ein paar Flaschen Bier zwei gute Freunde meines Vaters, die Bildhauer Josef Erber und Stanzl Frick. Eine kleine Pasinger Firma übernahm den Bau. Kein provisorischer Zaun umgab die Baustelle, kein großer Kran stand auf der Straße. Alles wurde per Schubkarren transportiert, Beton und Mörtel an Ort und Stelle angerührt und auf den Schultern zum Maurer getragen.

Natürlich kletterte ich immer, wenn ich keine Schule hatte, auf dem Bau und den wackligen Gerüsten aus Pfählen und Brettern herum. Einmal warf ich am Abend, nachdem die Arbeiter nachhause gegangen waren, die frisch aufgeführte und, um Raum zu sparen, besonders dünne Mauer zwischen Küche und Wohnzimmer um. Ich war sehr entsetzt, aber das Donnerwetter am nächsten Tag hielt sich in Grenzen.

Später trat Titus, der Sohn des Komponisten Werner Egk, der sich nicht weit von uns entfernt ein feudaleres Haus gebaut hatte, in den frisch, in einem Stück von der Küche über den Gang bis in die Toilette gegossenen Fußboden. Das Geld reichte nicht aus, um es noch einmal in einem Stück zu machen. Es musste gestückelt werden, und so blieb eine kleine Fuge als Erinnerung an Titus, der im Krieg in einem Strafbataillon auf nie geklärte Weise umgekommen ist. Es war ein schöner, unbeschwerter Sommer – zwei Jahre vor Kriegsbeginn.

Auch eine andere Erinnerung aus diesen Jahren zeigt, wie anders die Welt damals noch war. Werner Egk, der Kapellmeister der Berliner Staatsoper geworden war, hatte ein Auto – sicher das einzige in unserer Nachbarschaft – gekauft. Manchmal fuhr er mit Titus und mir ins Mühltal, um mit Vollgas kleine Anhöhen vor stark abfallenden Stücken hinauf zu rasen, so dass das Auto einen kleinen Sprung machte, bevor es wieder auf der Straße aufsetzte. Ein großes Vergnügen, das nicht getrübt wurde von dem Gedanken, dass ein anderes Auto entgegenkommen könnte.

Doch letztlich war es die Politik, die unser und somit auch mein Leben bestimmte. Obwohl ich nicht wollte, musste auch ich zum Jungvolk, einer Vorstufe der Hitlerjugend. Das hätte eine Chance sein können, mich aus meiner Lochhamer ‚splendid isolation´ zu lösen, aber die politischen Differenzen erlaubten es nicht. Ich lebte, so jung wie ich war, in konstanter Opposition gegen die mich umgebenden Welt.

Auch, wenn man sich zu Menschen hingezogen fühlte, die ins andere politische Lager gehörten, konnte daraus keine Freundschaft werden. Nicht weit von uns wohnte die Familie Bickoff. Die beiden Söhne, Heinz und Rolf – Prototypen dessen, was deutsche Jugend im Dritten Reich sein sollte, – waren Führer in der Hitlerjugend und im Jungvolk. Ich mochte sie gern, aber Welten trennten uns, und so kletterte ich nur selten mit ihnen auf Bäumen herum. Beide sind als junge Offiziere schon früh dem Krieg zum Opfer gefallen.

Und so sind mir vor allem Geschichten aus dem politischen Alltag im Gedächtnis geblieben. Über eine haben wir sehr gelacht. Carl Orff, der damals in Gräfelfing wohnte und wie wir auf die Nazis nicht gut zu sprechen war, hatte, wie uns Werner Egk erzählt hat, auf dem Lochhamer Bahnsteig den lauten Furz eines dicken SA-Mannes in brauner Uniform mit erhobener Hand und einem kräftigen ‚Heil Hitler‘ erwidert. Derlei machte schnell die Runde unter den Antinazis.

Aber dem allmächtigen Regime entkam man nicht. Als Hitlers langjähriger Chauffeur, ein Gräfelfinger – er hieß Julius Schreck, wenn ich mich recht erinnere – gestorben war, mussten wir Schüler in HJ-, BDM- und Jungvolk-Uniformen auf der gegenüberliegenden Seite der Gräfelfinger Friedhofsmauer Spalier stehen, denn unser volksnaher Führer wollte höchstpersönlich zur Beerdigung kommen. Wir mussten sehr lange auf sein Erscheinen warten. Aber endlich kam er und fuhr mit großer Entourage schnell an uns vorbei – ein kurzer Moment zwischen Neugier und entschiedener Ablehnung.

Während die ersten Jahre in der Gräfelfinger Volksschule mit einer freundlichen Lehrerin recht gut verlaufen sind, bekam ich in der vierten Klasse viele Probleme. Das lag sicher zum guten Teil an mir, aber auch unser Lehrer, den wir Hauptus nannten, hat seinen Teil dazu beigetragen. Er versuchte immer wieder, uns gegen höhere Bildung einzunehmen und erzählte gern heroische, nicht sehr glaubwürdige Geschichten aus seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Vor allem aber ist mir der schlechte Geruch, wenn er meinen Kopf, was er von Zeit zu Zeit für nötig hielt, zwischen seine Beine klemmte, um mir ein paar kräftige Schläge mit dem Stock hinten draufzugeben, noch lange in der Nase geblieben.

Die Gräfelfinger Volksschule mit dem präpotenten Hauptus und seinen Kriegsgeschichten war ein starker Kontrast zu meinem häuslichen Umfeld, das an langen Abenden, wenn Freunde da waren, es spät wurde, alles gesagt war und nur noch Müdigkeit, Frust und Ohnmacht im Raum standen, ins andere Extrem fallen konnte. Dann stellten sie sich manchmal vor, wie sie nach dem unvermeidlichen Zusammenbruch der Schreckensherrschaft den in einem Käfig auf öffentlichen Plätzen ausgestellten Hitler anpinkelten.

In mir hat sich vor allem diese rigorose Teilung der Welt in zwei unversöhnliche Lager eingeprägt. Sie war nicht auf Politik beschränkt, sie hatte alles erfasst und durchzieht meine Erinnerungen. Zwei Jahre vor Kriegsbeginn, im Juli 1937 wurde in München die Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ eröffnet, die später auch in anderen Städten Deutschlands gezeigt wurde. Allein in München wurden über zwei Millionen Besucher gezählt. Unter ihnen waren auch solche wie meine Eltern und ihre Freunde, die mehr als einmal „die Wallfahrt zur „gepriesenen Modernen“ unternahmen, um Abschied von einer Welt zu nehmen, mit der sie sehr verbunden waren. Auch mich haben sie einmal mitgenommen.

Doch nun ist der Besuch in einem anderen Münchner Museum in den Vordergrund getreten. Als ich noch ein ziemlich kleiner Knirps war, nahm mich meine, an technischen Dingen nicht sonderlich interessierte Mutter mit in die Stadt, ins Deutsche Museum. Dort war eine in jenen Jahren kleine Sensation, ein gläserner Mensch, ausgestellt. Man konnte die verschiedenen Organe und, wenn ich mich recht erinnere, auch das Blut in seinen Adern fließen sehen. Heutzutage denkt, wenn vom gläsernen Menschen die Rede ist, niemand mehr an den im Deutschen Museum. Er hat eine andere Bedeutung angenommen, ist einer Mutation unterworfen worden und erregt Besorgnis in unseren Köpfen.

In diesen Jahren, am 18. Juli 1937, wurde auch das Haus der Deutschen Kunst eröffnet. Mein Vater hatte dazu einen Artikel an ‚DAS REICH‘, das offizielle Sprachrohr aus Goebbels Propagandaministerium geschickt. Wider Erwarten wurde er gedruckt. Dieser Artikel war eine subtile Parodie der monumentalen Architektur dieses Museums, in der mein Vater die Säulen an der Fassade, so ist mir das in Erinnerung geblieben, mit strammen, Spalier stehenden SA-Männern verglichen und weitere Stilblüten dieser Art eingestreut hatte.

Das Gelächter bei den Antinazis der Münchener Kunstszene war groß. Sie machten sich gegenseitig auf den Artikel aufmerksam. Viele riefen meinen Vater an und gratulierten ihm zu diesem Artikel. Und dann kam ein begeisterter Anruf aus dem Propagandaministerium, wenn ich mich recht erinnere, von Goebbels selbst, mit einem Angebot zur ständigen Mitarbeit in diesem Parade-Stück des verhassten Regimes. Meinem Vater wurde schnell klar, dass er solche Gratwanderungen zwischen plumper Propaganda und Persiflage für die, die es verstehen, nicht oft wiederholen könnte und lehnte ab.

Zur gleichen Zeit schrieb er unter einem Pseudonym für Schweizer Zeitungen, vor allem für die Basler Nationalzeitung, die NZZ und den Werkbund kritische Artikel über die Kulturpolitik der Nazis. Sie wurden wohl in Briefen an Schweizer Verwandte mitgeschickt. Eine Schwester meines Großvaters mütterlicherseits war mit einem Schweizer verheiratet und lebte in Zürich. Wenn das entdeckt worden wäre, hätte man meinen Vater natürlich nach Dachau ins Konzentrationslager gesteckt, von dem bei uns immer wieder die Rede war.

Dazu kam noch, dass meine Mutter von Schulkindern auf dem Weg zum Pasinger Bahnhof verfolgt worden war, die ihr „Judenschwein“ nachriefen. Im Unterricht nahm sie kein Blatt vor den Mund und sagte hin und wieder, dass das eine oder andere in den Geschichtsbüchern des Dritten Reiches nicht richtig dargestellt sei. Sie war eine sehr beliebte charismatische Lehrerin, und natürlich hat es Eltern, die dem Dritten Reich nahestanden, geärgert, wenn ihre Kinder nachhause kamen und argumentierten: „Aber Frau Eckstein hat doch gesagt…“1

Juden, wie der Namen nahegelegt haben mag, waren meine Eltern nicht. Sie hatten ihre ‚Ahnenpässe‘, den obligatorischen Nachweis arischer Abstammung, zähneknirschend ausgefüllt, und sie wussten sehr genau, was mit Juden im Dritten Reich geschah. Es war, wie ich mich noch genau erinnere, eine Zeit großer Sorgen. Schließlich lebten wir vor allem vom Gehalt meiner Mutter.

Die Spannungen in unserem Haus waren damals so groß, dass meine Mutter, bei allem Respekt für die konsequente Haltung meines Vaters, meinte, es könne nicht gut sein für einen zehnjährigen Jungen dauernd gegen eine Welt zu stehen, die man nicht ändern konnte. Deswegen schickte sie mich 1938 in ein Internat, in die Schule Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald, die ursprünglich ein Ableger des Landerziehungsheims Salem war. Natürlich hätten meine Eltern das Schulgeld für dieses exklusive Institut nie und nimmer bezahlen können. Möglich war das nur, weil meine Mutter in den 20er Jahren Hauslehrerin der Kinder der Besitzerin des Birklehof, der Baronin Wolf, gewesen war, die mich für ein minimales Schulgeld aufgenommen hat.

Diese frühe Verbindung meiner Mutter mit dem Birklehof hatte dazu geführt, dass ich den Namen Klaus bekommen habe. Die Kinder der Baronin Wolf waren in Argentinien aufgewachsen und hatten, wie die meisten Lateinamerikaner Schwierigkeiten, das deutsche „R“ auszusprechen. Daher nannten sie ihre Hauslehrerin – das Fräulein Krauss – später meine Mutter – Klaus. Ich habe diesen Namen nie gemocht. Worauf diese Abneigung zurückzuführen ist, weiß ich nicht – wohl kaum auf diese Geschichte, die ich erst sehr viel später gehört habe.

Zuhause hatte man mich immer Kiu genannt, und es hieß, dass ich als Säugling gerne „kiu, kiu, kiu“ vor mich hin gelallt und mein Vater das dann übernommen habe. Ich habe mir also gewissermaßen den Namen, den ich nun benutze, selbst gegeben. Und in der Folge haben sich die Namen, mit denen ich durch dieses Leben gegangen bin, immer wieder geändert.

Als Kind, später im Ruhestand und auch für die paar Sachen, die ich in dieser Zeit noch geschrieben habe, war ich Kiu, in den Schulen und beim Militär Klaus. Dann – da ich Klaus nicht mochte – zeichnete ich als Spielfilmcutter und auf Artikeln aus dieser Zeit mit K. M. Eckstein. Beim Fernsehen, wo man nicht ansagen konnte, jetzt kommt ein Bericht von K. M. Eckstein, wurde ich wieder zum Klaus, und später in Brasilien kam noch eine weitere Variante hinzu. Mich dem anzunähern, der hinter diesen ewigen Spielchen mit seinem Namen steckte, hat noch viele Jahre gedauert.

Der Umzug, denn das war es im Grunde, auf den Birklehof war der Anfang meines Nomaden-Lebens. Denn obwohl ich zwischen den verschiedenen Phasen noch ein paar Mal für einige Zeit in Lochham gehaust habe, fühlte ich mich dort nie mehr so zuhause wie in den frühen Jahren. Schon dieser erste große Wechsel ins Landerziehungsheim war mir nicht schwergefallen. Ich war von Anfang an recht gern im Birklehof und litt nicht wie andere Kinder an Heimweh.

Viele der Schüler und Schülerinnen kamen aus sehr wohlhabenden Elternhäusern, und auch eine stattliche Zahl Adliger war unter ihnen. Doch gemessen an heutigen Standards war alles noch sehr einfach und bescheiden. Wir, die Schüler der ersten bis vierten Klasse, wohnten in einem ehemaligen Gasthof, dem Hirschen, der ursprünglich als Pferdewechsel-Station auf dem Weg durch das Höllental nach Freiburg gedient hatte und ein paar hundert Meter vom eigentlichen Birklehof, dem Haupthaus, entfernt war.

Die meisten Zimmer waren mit Klappbetten ausgerüstet, die wir natürlich selbst machen mussten. Mich hatte man im größten, dem so genannten Zwölferzimmer untergebracht. Das war wohl eine erzieherische Maßnahme, um das eigenbrötlerische Einzelkind umgänglicher zu machen. Doch viel geholfen hat das nicht.

Schon bald nach Kriegsbeginn mussten wir wegen der Nähe zur deutsch-französischen Grenze umziehen, zuerst für kurze Zeit an den Bodensee, nach Salem, und dann in das Klosterstädtchen Beuron. Dort wurden wir in einem riesigen Pilgerhotel, dem Klosterhof, untergebracht, nicht in Zimmern, sondern in unendlich langen gangartigen Räumen mit vielen kleinen, zum Korridor hin offenen Zellen, die mit einem schmalen Bett, einem Stuhl, einer Waschschüssel und einem Wasserkrug ausgerüstet waren. Unsere paar Habseligkeiten verstauten wir in Koffern unter dem Bett. Es war Herbst und es war sehr kalt in diesen unwirtlichen schlauchartigen Räumen.

Bis zur Donau, über die eine schöne, alte überdachte Holzbrücke führt, war es nicht weit, und dann ging es schon bald hinauf in den Jura. In den wenigen freien Stunden suchten wir im Kalkstein-Gebirge nach Höhlen, doch viel öfter mussten wir auf den Feldern der anschließenden Hochebene bei der Kartoffel- oder Zuckerrübenernte helfen. Das war harte Arbeit in diesem nasskalten Herbst des ersten Kriegsjahres. Doch dann, nachdem die deutschen Truppen Frankreich besetzt hatten, konnten wir wieder zurückgehen in den Birklehof. Zu essen gab es nicht viel, aber ansonsten spürten wir vom Krieg nicht viel.

Während der Heuernte im Schwarzwald mussten wir den Bauern der Umgebung helfen. Das war angenehmer als das Ausbuddeln von Kartoffeln in Regen und Kälte. Das Mittagessen auf den Höfen war kräftig, und wir konnten so viel essen, wie wir wollten. Doch das Vergnügen, sich richtig satt zu essen, wurde ein wenig getrübt, weil die Bauern das Besteck nach der Mahlzeit an der Tischdecke abwischten und dann in die Schublade unter der Tischplatte warfen, wo wir es am nächsten Tag wieder herauskramen mussten.

Die Häuser und Straßen waren natürlich, wie überall in Deutschland, auch in dieser ländlichen Gegend mitten im Schwarzwald verdunkelt, wie man das nannte, um nicht zu Zielscheiben von Bomben zu werden. Wenn wir in den Wintermonaten nach dem Abendessen vom Haupthaus zurück in den Hirschen gingen, es dunkel wurde und die Wolken tief hingen, musste ich mich führen lassen, um nicht vom Weg abzukommen oder den Kopf an einem Baumstamm aufzuschlagen. Ich war, wie mir langsam klar wurde, nachtblind. Das hat mir in diesen dunklen Jahren viele Probleme gemacht, aber wahrscheinlich auch das Leben gerettet.

Obwohl über Politik kaum gesprochen wurde, war auch auf dem Birklehof unter der Oberfläche die rigorose Teilung der Welt in Nazis und Antinazis deutlich spürbar. Nicht nur ich wusste ganz genau, welche Lehrer und Schüler für und welche gegen das Dritte Reich waren. Es war ein wenig so, als ob sich eine Art Geruchssinn für diese grundlegende Einordnung der Mitmenschen entwickelt hatte, mit dem man auch die kleinsten unterschwelligen Anzeichen wahrnehmen konnte, um dann, gewissermaßen zwischen den Zeilen, den eigenen Standpunkt durchblicken zu lassen.

Der Schulleiter, ein Altphilologe, war Nazi der ersten Stunde, mit, wie es hieß, Goldenem Parteiabzeichen. Doch er war tolerant genug, um selbst in den vierziger Jahren noch ein paar Halbjuden prominenter Eltern aufzunehmen. Das war wohl nur möglich, weil er als überzeugter Nazi aus der Anfangszeit einen gewissen Spielraum hatte.

Doch die schreierischen Sondermeldungen während der Mahlzeiten von den unentwegten Siegen der deutschen Truppen waren nicht leicht zu ertragen. Schlimmer noch waren die immer häufigeren Schweigemärsche, wenn wieder ein früherer Schüler gefallen war, zu einem Gedenkstein auf dem sogenannten Sonnwendhügel. Da wurde eine Generation sinnlos dahingemetzelt, und ich stand da und musste mir feierliche Reden mit deutschnationalem Unterton anhören.

In den Ferien fuhr ich immer nachhause. Zuerst war der Krieg noch fern, es fielen noch keine Bomben. Aber meine Eltern ließen sich von den Siegen der Deutschen Wehrmacht nicht täuschen. Manchmal waren ihre Sorgen spürbar, dass auch ich noch eingezogen würde. Zu essen gab es immer weniger. Der Slogan aus der Vorkriegszeit „Kanonen statt Butter“ war kein unterschwelliges Kriegsgeschrei mehr, er war längst schon magerer Alltag. Nur Kartoffeln gab es noch in ausreichender Menge. Im Herbst wurden sie im Keller eingelagert und in den Weihnachtsferien musste ich immer die langen weißen Keime entfernen und die angefaulten aussortieren.

Später habe ich viele Jahre so gut wie keine Kartoffeln gegessen. Ich hatte im Krieg und den ersten Jahren danach, so schien mir, genug für den Rest meines Lebens von dieser kostbaren Frucht der Erde in mich hineingestopft, die, nachdem sie nach Europa gebracht worden war, schon viele Generationen vor der meinen vor dem Hungertod bewahrt hatte.

Auch ein anderes, fast könnte man sagen Ritual dieser Jahre ist mir in Erinnerung geblieben. Damals gab es noch keine Waschmaschinen. Aber im Keller befand sich, wie damals üblich, eine Waschküche mit einem großen Kessel, unter dem Feuer gemacht und dann die Wäsche ausgekocht wurde. In den Kriegsjahren, in denen es so gut wie keinen Koks für die Zentralheizung gab, erhitzten wir an den Samstagen das Wasser im Kessel, und dann ging einer nach dem andern in den Keller, um sich gründlich zu waschen. Das Feuerchen unter dem Kessel wurde mit Ästen geschürt, die ich in den umliegenden, schon umzäunten, aber noch nicht bebauten Grundstücken gesammelt hatte.

Obwohl der Schatten des Krieges schon über ihnen lag, waren die Birklehofer Jahre noch recht unbeschwert. Wenn wir frei hatten, kletterten wir in den Wäldern auf die hohen Bäume oder bauten aus Brettern, die wir gefunden oder manchmal auch geklaut hatten, kleine Hütten. Es waren unschuldige Spiele, nur manchmal beschwert von düsteren Gedanken.

Von sexuellem Missbrauch, der sehr verspätet im neuen Jahrtausend auch in Deutschland in so erschreckend großem Umfang aufgedeckt wird, oder auch nur den leisesten Anspielungen mit zwielichtigem Unterton war auf dem Birklehof nichts zu spüren. Es gab eine Art Sittenkodex. Ihn einzuhalten war Ehrensache. Ehrlichkeit gehörte zu den obersten Geboten. Spicken oder Abschreiben war verpönt. So gut das war, zur Vorbereitung auf die folgende Zeit, wie ich bald merken sollte, dienten diese hehren Tugenden nicht.

Halb Schüler, halb Soldat

Als mein Jahrgang 1943 zur Flak, der Flugzeug-Abwehr, eingezogen wurde, schulten meine Eltern mich, nur wenige Tage vor der Einberufung, in ein traditionelles Münchner Gymnasium ein, damit ich wenigstens, wenn wir Ausgang hatten, nachhause kommen konnte.

In der Klasse von gut zwanzig Schülern gab es außer mir nur zwei weitere Protestanten, die von der katholischen Mehrheit seit langem angenommen waren. Mich aber nannten sie einen Ketzer. Areligiös wie ich war, litt ich nicht unter der konfessionellen Diskriminierung, sondern unter meinem doppelten Außenseitertum, und das umso mehr, da ich mich zu den Katholiken hingezogen fühlte, weil sich unter ihnen, sehr im Gegensatz zu den beiden Protestanten, von denen einer ein überzeugter Nazi war, ein paar unverkennbare Gegner des Dritten Reiches befanden. Obwohl es für eine in vielen Jahren zusammengewachsene Klasse schwierig gewesen sein muss, ausgerechnet im Moment einer radikalen Umstellung einen Neuen aufzunehmen, hat dieser Ausschluss aus religiösen Gründen einen Schatten auf mein Verhältnis zum Katholizismus geworfen.

Mit dem damals noch durch und durch katholischen Bayern war ich natürlich schon vorher in Berührung gekommen. In den frühen Lochhamer Jahren wallfahrten leise vor sich hin betende Frauen mit ihren Rosenkränzen, wie ich mich noch gut erinnere, durch unseren gottverlassenen Vorort nach Maria Eich. Später in der Volksschule, wenn sich die Klasse zum Religionsunterricht teilte, hatte ich oft das Gefühl, nicht nur in politischer Hinsicht einer sehr kleinen Minorität anzugehören. Aber ich hatte auch Respekt vor dieser anderen geheimnisvollen Welt. Bei der feierlichen Einweihung einer neuen, längst schon wieder abgerissenen, sehr kalten katholischen Kirche in Gräfelfing habe ich, weil ich mich nicht getraut hatte während der Heiligen Messe aufzustehen und zur Toilette zu gehen, in die Hosen gemacht.

Die erste Flakbatterie, zu der unsere Klasse eingezogen wurde, befand sich in Krailling, nicht weit von Lochham. Morgens kam ein Lehrer aus dem Münchner Gymnasium, um uns zu unterrichten. Sehr ernst nahmen wir den Unterricht nicht. Schließlich waren wir ja schon fast Soldaten, und ob wir den Krieg überleben und sich das Lernen gelohnt haben würde, stand ohnehin in den Sternen. Oft waren wir auch zu müde für Unterricht und Lernen, weil wir neben der militärischen Ausbildung auch noch Schutzwälle um die einfach auf eine große Wiese gestellten Geschütze und Messgeräte errichten mussten. Das war harte Arbeit.

Es war ein großer Sprung vom zotenfreien Birklehof in die real existierende Welt einer Flakbatterie. Unser Geschützführer, ein Unteroffizier, erzählte gerne, nachdem er vom Ausgang zurückgekommen war, wie viele „Nummern er geschoben“ habe und dass er dann beim Sani, dem Sanitäter, war, um sich einer recht schmerzhaften Desinfektion seines Geschlechtsteils zu unterziehen. Abends konnte es dann in der Baracke, in der ich untergebracht war, passieren, dass einer der Flakhelfer, der Priester werden wollte, uns belehrte, dass sich ein guter Katholik nur im Stockdunklen unter die Dusche stellt.

Wenn ich Ausgang hatte, radelte ich nach Lochham, atmete für kurze Zeit eine sehr andere Luft, und bei Nachturlaub ging ich abends mit zu Egks, um die Nachrichten der BBC zu hören, die immer mit einem Klopfzeichnen und der Ansage „Hier ist England“ begannen. Das Hören von BCC und ein paar anderer sogenannter Feindsender war Hochverrat. Es wurde mit Gefängnis oder Zuchthaus und in einigen Fällen sogar mit dem Tode bestraft. Auf dieses strikte Verbot wurde von Zeit zu Zeit mit Handzetteln hingewiesen und, um es durchzusetzen, wurden sogar Spitzel eingesetzt.

Meinem Vater, als notorischem Antinazi, erschien es besser, kein Radio in unserem kleinen, hellhörigen Haus zu haben, und so pilgerten meine Eltern vor allem gegen Ende des Krieges Abend für Abend zu Egks, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Wir freuten uns immer, wenn die Alliierten wieder ein Stück vorgerückt waren. Es war klar, dass wir diesen Krieg nur verlieren konnten, und je schneller das geschehen würde umso besser, umso weniger ...

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