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Ein Kuss für alle Ewigkeit

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1. KAPITEL

… und mir ist klar, dass bei euch jetzt offiziell Panik angesagt ist.

Leah Holt las die SMS ihrer Schwester zu Ende und blickte dann ihren Vater an. Er saß da wie vom Donner gerührt, was nicht weiter verwunderlich war.

Das ganze Haus war festlich dekoriert.

Eine vierstöckige Torte von gigantischen Ausmaßen wartete im Speisesaal.

Die Presseleute standen in den Startlöchern.

Der Bräutigam ebenfalls.

Und die Braut hatte sich aus dem Staub gemacht.

„Aber wie … was meint sie mit Panik?“ Joseph Holt hatte sichtlich Mühe, die schockierende Nachricht zu verarbeiten.

„Sie ist weg, Dad. Sie … wird nicht kommen.“

„Wer kommt nicht?“

Leahs Herz setzte eine Nanosekunde aus, als sie Ajax Kouros im Türrahmen stehen sah. In dem maßgeschneiderten Smoking, der seine männliche Schönheit auf eine aufregende Weise unterstrich, wirkte er so unberührbar wie immer. Eher ein Halbgott als ein normalsterblicher Mann.

Ihn zu sehen, ließ sie an die Sommer ihrer Kindheit denken. Damals war sie ihm auf Schritt und Tritt bei seinen Gängen übers Gut gefolgt und hatte dabei ununterbrochen auf ihn eingeredet. Rachel war in der Schule, ihr Vater arbeitete, und ihre Mutter trank Tee mit ihren Freundinnen.

Aber Ajax war immer dagewesen und hatte ihr zugehört. Er war der Einzige, mit dem sie über ihre Gedanken, Träume und Kümmernisse reden konnte. Der einzige Mensch, von dem sie sich verstanden fühlte.

Inzwischen war jedoch viel Zeit vergangen, und Leah war nicht mehr das Mädchen von damals. Nicht mehr blauäugig genug, um zu glauben, dass Ajax sich jemals ernsthaft für sie interessieren könnte. Und das war auch gut so, denn heute war der Tag, an dem er ihre Schwester heiraten sollte.

Nur dass Rachel nicht hier war und ihrer SMS zufolge auch nicht vorhatte, noch zu erscheinen. Das Ganze war völlig untypisch für ihre kluge, schöne Schwester, die in ihrem ganzen Leben noch nie etwas Unpassendes getan hatte.

Leah schluckte gegen die plötzliche Enge in ihrer Kehle an, als sie Ajax’ Blick begegnete. Er war so dunkel und hart wie immer. Selbst damals, als er noch ein Teenager gewesen war, hatte nicht die kleinste Spur von Fröhlichkeit darin gelegen. Doch die Dunkelheit zog Leah an. Damals wie heute.

„Rachel kommt nicht.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch in der Stille des Raums schlug jedes ihrer Worte ein wie ein Donnerschlag.

„Was soll das heißen?“

Sie reichte Ajax schweigend ihr Handy. Mit unbewegter Miene las er den Text, dann gab er ihr das Handy zurück.

„Wusstest du davon?“ Ajax wandte sich Joseph Holt zu, der noch immer wie vor den Kopf geschlagen war.

„Ich hatte keine Ahnung. Sie … schien mit allem vollkommen einverstanden zu sein.“

Ajax nickte kurz und sah dann Leah an. „Und du?“

„Ich wusste auch nichts.“ Wäre es so gewesen, hätte sie niemals zugelassen, dass Rachel ihn auf diese demütigende Weise verließ.

„Schreib ihr eine SMS, und frag sie, wer dieser Alex ist. Sofort.“

Noch nie hatte Leah bei Ajax einen derartigen Gesichtsausdruck gesehen. Normalerweise brachte ihn nichts aus der Ruhe, aber jetzt konnte er einem fast Angst machen. Als wäre er auf einmal ein völlig anderer Mensch.

Mit bebenden Fingern tippte sie ihre Nachricht ein und erhielt eine halbe Minute später die Antwort.

„Du kennst ihn nicht, las sie vor. „Sein voller Name lautet … Alexios Christofides.“

Während Ajax und ihr Vater einen Blick tauschten, der Bände sprach, lief Leah eine Gänsehaut über den Rücken. Sie wusste von Alexios Christofides’ Versuchen, das Unternehmen von Ajax durch fingierte Aktienkäufe und gefälschte Berichte über illegale Aktivitäten in den Ruin zu treiben. Vor etwa fünf Jahren hatte er damit angefangen und war seitdem zunehmend zu einem Problem für Ajax geworden.

„Ich verstehe das nicht“, murmelte Leah erschüttert. „Rachel muss doch wissen, mit wem sie es da zu tun hat.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, widersprach Ajax ihr grimmig. „Das ist nicht ihre Welt.“

„Aber du musst ihn doch irgendwann einmal ihr gegenüber erwähnt haben.“

„Wie gesagt, es ist nicht ihre Welt“, wiederholte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Er ist ein Feind von Ajax, wusstest du das nicht? simste Leah ihrer Schwester. Was, wenn er dich nur benutzt?

Das tut er nicht, vertrau mir.

Und die Hochzeit?

Kann Jax nicht heiraten. Muss mit Alex zusammen sein. Es tut mir leid.

„Wenn Rachel sich für ihn entschieden hat, ist nichts zu machen“, stellte Joseph Holt bekümmert fest.

„Aber das kann man doch nicht einfach so hinnehmen, Dad!“, begehrte Leah auf. „Christofides ist eindeutig darauf aus, Ajax fertigzumachen! Und außerdem, was ist mit der Firma? Mein Geschäft steckt da auch mit drin. Wollen wir uns alle von diesem Kerl wie von einer Dampfwalze überrollen lassen?“

„Du setzt voraus, dass er sich nichts aus Rachel macht. Und dass Rachel ein Dummkopf ist. Aber das glaube ich nicht, Leah.“

Nein, natürlich wäre Rachel nicht so töricht. Jedenfalls würden alle das denken. Die brillante, souveräne Rachel, die jede gesellschaftliche Situation mühelos meisterte, würde sich nie durch Verrat und Lügen von dem Mann weglocken lassen, den sie liebte.

Und doch musste es so gewesen sein. Rachel sah die hässlichen Dinge des Lebens nicht, und die Vorstellung, dass dieser üble Typ ihre wundervolle Schwester belog und ausnutzte, war unerträglich. Ganz zu schweigen von den Konsequenzen, die das Ganze für sie alle haben würde.

„Überschreib alles mir“, schlug Ajax vor. „Ändere die Vereinbarung.“

Joseph Holt schüttelte seufzend den Kopf. „Wenn es nur nach mir ginge, würde ich das auf der Stelle tun. Aber die Firma ist nun einmal meinen Töchtern versprochen. Beziehungsweise dem Ehemann derjenigen, die zuerst heiratet.“

„Und das sollte ich sein“, erinnerte Ajax ihn.

„Ja sicher, aber was kann ich tun, mein Junge? Ich habe mein Wort gegeben, und ich will nicht, dass Rachel das Gefühl hat, ich würde die Firma als Druckmittel benutzen, um ihr den Ehemann meiner Wahl aufzuzwingen. Wenn dies ihre Entscheidung ist, geht Holt an sie und Christofides.“

Leah kannte die Vereinbarung natürlich ebenfalls und wusste, dass sie einzig und allein im Hinblick auf Rachel und Ajax getroffen worden war. Joseph liebte Ajax wie den Sohn, den er nie gehabt hatte, und es schien von Anfang an vorherbestimmt zu sein, dass er und Rachel einmal ein Paar sein würden.

Jetzt drohte alles auseinanderzubrechen. Und wenn das geschah, würde nicht nur Holt Enterprises, sondern auch ihr eigenes Unternehmen Alex’ Erzfeind in die Hände fallen.

Leah war nicht der Liebling der Medien. Sie war nicht die schöne Schwester, die die Männer scharenweise anzog. Aber sie hatte Leahs Lollies. Die Süßigkeiten aus ihrer kleinen, aber exklusiven Ladenkette waren gerade im Begriff, Kult zu werden, und sie hatte nicht vor, die Früchte ihrer harten Arbeit kampflos aufzugeben.

„Ich muss allein mit Ajax sprechen“, verkündete sie.

„Es gibt eine Vereinbarung, die darauf wartet, unterzeichnet zu werden. In drei Stunden werden Hunderte von Gästen hier eintreffen. Das Ganze ist wie die Hochzeit des Jahrhunderts aufgezogen worden.“ Ajax fuhr sich mit den Fingern durchs Haar und stieß hörbar die Luft aus. „Da stellt sich jetzt also die Frage, was zu tun ist.“

Leah hörte die Anspannung in seiner Stimme, sah die scharfen Linien um seinen Mund, die Besorgtheit in seinen Augen. Ajax Kouros und besorgt? Noch vor einer Stunde hätte sie das für unmöglich gehalten.

„Was genau besagt die Vereinbarung?“, fragte sie sachlich.

„Dass Holt Enterprises bei Unterzeichnung des Ehevertrages in meinen Besitz übergeht, unter der Bedingung, dass die Ehe mindestens fünf Jahre lang besteht. Andernfalls würde alles wieder an deinen Vater zurückgehen.“

„Und die Namen auf dem Dokument?“

„Sind mit der Hand einzusetzen.“

„Fünf Jahre mindestens?“

„Ja.“

„Ich mache es“, sagte Leah.

Die Worte hingen im Raum, hallten überlaut in der darauf folgenden Stille nach.

Für einen flüchtigen Moment fühlte Leah sich bloßgestellt, aber sie kümmerte sich nicht darum. Sie war jetzt viel stärker als damals. Hatte dazugelernt.

Gib nie deine Gefühle preis. Lass sie dich nie weinen sehen.

Was willst du machen?“ Ajax bedachte sie mit einem seiner durchdringenden Blicke.

„Ich …“ Erneut befiel Leah Unsicherheit und ließ ihr die Kehle eng werden. Reiß dich zusammen! befahl sie sich. Die Leah, die Ajax idealisiert hatte, war Vergangenheit. Den unbedarften Teenager, der so peinlich offensichtlich um seine Aufmerksamkeit gebuhlt hatte, gab es nicht mehr.

Es ist für Leahs Lollies.

Es hat nichts mit diesen Gefühlen zu tun.

Es ist für Holt.

„Ich werde dich heiraten“, erklärte sie. „Die Gäste werden zufrieden sein. Deine, meine und Holts Geschäftspartner ebenfalls. Und Christofides ist ausgebootet. Denn selbst wenn er Rachel schon morgen heiratet, wird es zu spät für ihn sein. Er hat keinen Zugriff mehr auf Holt, und die Situation ist gerettet.“

In seinem Lachen lag nicht ein Funke von Humor. „Na prima. Dann war das alles also nur eine unbedeutende Störung, die hiermit wieder behoben ist.“

„Natürlich nicht. Mir ist klar, dass es mehr als das war, aber es ist immerhin besser als gar nichts, oder?“

Ajax war kein extrovertierter Mensch. Er war immer nett zu ihr und ihrer Schwester gewesen, aber nie übermäßig liebevoll. Mehr als einmal hatte sie sich gefragt, was für eine Art von Beziehung er und Rachel eigentlich miteinander führten. Ob es mehr Bequemlichkeit als Leidenschaft war. Im Moment sah Ajax allerdings wie jemand aus, der gerade die Liebe seines Lebens verloren hatte.

Wieder raufte er sich mit beiden Händen das kurze schwarze Haar. Sein Blick war so anders als sonst. Irgendwie … verloren. Er ließ Leah an eine jüngere Version von ihm denken. An den Jungen, der er gewesen war, bevor er auf dem Anwesen der Holts auf Rhodos auftauchte, und den Leah nie gekannt hatte.

Sie konnte sich noch genau an den Moment ihres Kennenlernens erinnern. Er hatte einen Job für den Sommer gesucht, und ihre ganze Welt war plötzlich aus den Angeln gehoben.

Obwohl sie damals noch ein Kind gewesen war, hatte sie etwas an ihm wahrgenommen, das sie mit aller Macht zu ihm hinzog. Im Handumdrehen wurde er zum wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Er hörte ihr zu. Gab ihr das Gefühl, wichtig zu sein. Besonders. Und sie heftete sich wie eine Klette an ihn, folgte ihm wie ein herrenloses Hündchen auf Schritt und Tritt. Wie beschämend durchschaubar! Schon bei dem Gedanken daran krümmte Leah sich innerlich zusammen.

Der verlorene Ausdruck in Ajax’ Augen verschwand so plötzlich, wie er gekommen war. Jetzt hatte sein Blick etwas Abschätzendes, als würde er einen neuen Sportwagen in Augenschein nehmen. Wobei der Vergleich etwas hinkte, da er für Sportwagen deutlich mehr Interesse zeigte als für sie.

„Vielleicht hast du recht“, meinte er. „Es ist eine Notlösung, aber es müsste funktionieren.“

Sein Kommentar traf Leah wie ein wohlgezielter Schlag in die Magengrube. Sie wusste nur zu gut, dass sie mit Rachel nicht mithalten konnte, aber musste Ajax ihr das so drastisch unter die Nase reiben?

„Vielen Dank auch“, erwiderte sie steif.

„Was erwartest du? Dass ich über das, was gerade passiert ist, vor Freude jubiliere?“ Ajax begann, ruhelos im Raum auf und ab zu tigern. „Meine Braut hat mich sitzenlassen und ist mit meinem schlimmsten Rivalen abgehauen. Und anstatt mich persönlich zu informieren, schickt sie dir eine SMS.“

„Ich bin ihre Schwester.“

„Und ich bin der Mann, den sie hätte heiraten sollen“, stieß er hervor.

Leah legte ihm eine Hand auf den Arm, worauf prompt eine Hitzewelle von ihren Fingerspitzen durch ihren ganzen Körper jagte. Sie zuckte zurück, als hätte sie sich verbrannt.

Nachdem sie schon vor Jahren aufgehört hatte, für Ajax zu schwärmen, hatte sie nicht damit gerechnet, diese intensive, sengende Hitze zu verspüren. Aber wahrscheinlich war das in Anbetracht seiner Attraktivität ganz normal. Vermutlich würde jede Frau, die Ajax berührte, dasselbe empfinden.

Zum Glück gelang es Leah, diesen kurzen Moment der Schwäche zu verbergen. Schließlich hatte sie Jahre damit verbracht, ihre Maske zu kultivieren. Ein glattes, unberührtes Lächeln, das sie stets zur Hand hatte, wenn die Presse sie mal wieder demütigte. Ein Lächeln, das der Welt mitteilte: Ihr könnt mich nicht verletzen, egal, was ihr sagt.

Oh Gott, ich habe ihm gerade einen Heiratsantrag gemacht!

Dieser Gedanke ließ Leahs Lächeln rasch wieder verschwinden.

„Warum tust du das?“, wollte Ajax wissen. „Was hast du davon?“

„Was glaubst du wohl? Schließlich steht hier nicht nur deine, sondern auch meine Zukunft auf dem Spiel. Offensichtlich hat Rachel vorübergehend den Verstand verloren, und mein Vater ist wie immer blind für ihre Fehler.“

„Hat sie denn welche?“, fragte Ajax trocken.

„Sie ist viel zu vertrauensselig, wie wir beide wissen. Und Christofides wird das skrupellos ausnutzen.“

„Ja.“

„Dann ist das also geklärt. Wir müssen heiraten, bevor sie es tut. Andernfalls verlieren wir beide Holt, und ich noch dazu Leahs Lollies. Mehr als die Hälfte meiner Unternehmensaktien sind in das Holt-Vermögen eingebunden.“

„Und wenn Rachel die Firma ebenfalls will?“

„Das will sie nicht. Es bedeutet ihr nicht, was es uns beiden bedeutet, und das weißt du auch. Sie wäre in gesellschaftlicher Hinsicht deine rechte Hand geworden, aber ich bezweifle, dass sie auch nur einen Tag freiwillig in den Geschäftsräumen der Firma verbracht hätte.“

„Ein wahres Wort. Aber ich hätte das auch nicht von ihr verlangt. Ich brauchte eine Gastgeberin, jemanden, der mir ein etwas weicheres Gesicht gibt.“

Leah atmete tief durch und setzte wieder ihr erprobtes Lächeln auf. „Tja, jetzt musst du wohl mit mir vorlieb nehmen.“

Ajax machte einen Schritt auf sie zu, die dunklen Augen intensiv auf sie gerichtet. „Was willst du wirklich, Leah?“

Sie schaffte es, ohne zu blinzeln seinem Blick standzuhalten. „Mein Geschäft retten, wie ich bereits sagte. Außerdem bin ich ebenfalls eine Holt. Es ist auch mein Erbe.“

„Und es hätte Rachels und meins werden sollen.“

„Ich weiß.“

„Hast du denn gar keine Bedenken, mir dein Vermögen anzuvertrauen? Alexios ist ein Finanzgenie. Vielleicht könnte er dir nützlicher sein als ich. So scheint Rachel jedenfalls zu denken.“

„Du wirst für mich und mein Geschäft das Richtige tun, Ajax, da bin ich mir sicher.“

„Vielleicht verkaufe ich es ja, wenn ich feststelle, dass es nicht profitabel genug ist.“

„Es ist profitabel genug, glaub mir. Ich verkaufe Dinge, die teuer und schlecht für die Gesundheit sind. Für so etwas wird es immer reichlich Abnehmer geben.“

„Da ist was dran“, pflichtete Ajax ihr bei. „Manche Menschen schätzen nichts mehr, als ihren Lastern zu frönen.“

„Genau. Und außerdem gibt es noch einen Grund, warum wir heiraten sollten.“

„Und der wäre“, erkundigte er sich ausdruckslos.

„Ich habe die Torte gestiftet.“

„Wie nett von dir.“

„Nicht wahr? Und jetzt stifte ich auch noch die Braut. Was vielleicht mehr als nur nett ist.“

„Falls ich darauf eingehe.“

Ajax ließ seinen Blick auf Leah ruhen. Gerade eben war sie noch seine zukünftige Schwägerin gewesen. Jetzt redete sie darüber, seine Frau zu sein, während sie in seinen Augen immer noch die pummelige Sechzehnjährige mit wilden Locken, Zahnspangen und einer Schwäche für Süßigkeiten war.

Er konnte sich noch gut erinnern, wie sie ihm jeden Tag eine Leckerei neben seine Gartenwerkzeuge gelegt hatte, als er anfing, auf dem Holt-Anwesen zu arbeiten. Und mit der Zeit wurde dieses kindliche Spiel zur Tradition. Als er sein Praktikum bei der Konzernzentrale in New York begann, hatte eine in Goldpapier gewickelte Praline auf seinem Schreibtisch gelegen. Und als er sich selbstständig machte, war es eine ganze Schachtel gewesen.

Wann immer eins dieser kleinen Geschenke aufgetaucht war, hatte Ajax das Mädchen Leah vor sich gesehen. Die süße, unkomplizierte Leah, für die sein Anblick immer ein Grund zum Lächeln gewesen war. Aber diese Erinnerung deckte sich nicht mit der Frau, die nun vor ihm stand.

Sie war jetzt dreiundzwanzig. Der Babyspeck war weitgehend verschwunden, wenn auch nicht ganz. Ihre Locken wirkten jetzt etwas gezähmter, und es war etwas Hartes an ihr, das er früher nie wahrgenommen hatte.

Ja, sie hatte sich verändert, doch noch immer ähnelte sie in keiner Weise ihrer schönen, anmutigen Schwester. Nur hatte Rachel ihn dummerweise wegen eines anderen verlassen, und sein ganzer Lebensplan würde wie eine Seifenblase zerplatzen, wenn er Leahs Angebot ablehnte.

Verdammt, dieser Tag war nicht gerade dazu angetan, seinem Ego zu schmeicheln. Sein schlimmster Gegner hatte ihm die Braut ausgespannt, und er brauchte dringend Hilfe, um ein Vorhaben zu retten, auf das er so viele Jahre hingearbeitet hatte.

Die Heirat mit Rachel war für ihn immer das Symbol für die Erfüllung seines Plans gewesen. Die Belohnung für seine harte Arbeit und die eiserne Selbstdisziplin, mit der er seinen Weg verfolgt hatte.

Nun schien es, als hätte Rachel ihren eigenen Plan gehabt. Nicht dass Ajax damit gerechnet hätte, aber wenn er gründlich darüber nachdachte, machte es in gewisser Weise Sinn. Rachel war ein in jeder Hinsicht leidenschaftlicher Mensch, nur nicht in Bezug auf ihn. Nicht ein einziges Mal hatte sie sich über seine Reserviertheit beschwert, was er sich immer damit erklärt hatte, dass sie ihn einfach akzeptierte, wie er war.

Jetzt zweifelte er an dieser Theorie, nur brachten diese Überlegungen ihn kein Stück weiter. Ebenso wenig würde es seine Lage verbessern, wenn er Leahs Vorschlag aus Stolz ablehnte.

Dennoch fiel es ihm schwer, sie sich als seine Ehefrau vorzustellen. Natürlich mochte er sie. In mancher Hinsicht war sie ihm sogar vertrauter als Rachel, nur sah er sie einfach nicht als die Frau an seiner Seite.

„Na komm schon, Ajax, man lässt ein Mädchen nicht so lange warten“, zog sie ihn mit einem leichten Lächeln auf, als wäre das alles nur eine amüsante Episode für sie.

Wann hatte sie sich diese abgeklärte Art zugelegt? Wann hatte sie ihre süße Unbedarftheit verloren und sich in diese taffe Geschäftsfrau verwandelt?

„Okay, wir machen es“, entschied er. Es gab keinen vernünftigen Grund, es nicht zu tun, und Ajax war vernünftig. „Ich lasse sofort die Schneiderin kommen, damit sie dir Rachels Kleid anpasst.“

Leas Wangen röteten sich, doch ihre Miene blieb so unbewegt wie Stein. „Sie könnte ein breites Stück vom Saum abschneiden und es an den Hüften einnähen.“

Ajax fand, dass sie übertrieb, auch wenn sie nicht ganz unrecht hatte. Im Gegensatz zu der großen, feingliedrigen Rachel reichte Leah ihm nur knapp bis zur Schulter. Außerdem war sie eindeutig breiter gebaut als ihre Schwester, was jedoch nicht bedeutete, dass sie nicht gut proportioniert war. Ganz im Gegenteil, ihre Rundungen saßen genau an den richtigen Stellen. Ajax hatte nur nie darüber nachgedacht.

„Am besten, ich bestelle einfach ein neues Kleid“, schlug er vor. „Welche Größe hast du denn?“

„Schon gut, ich mache das selbst.“ Das Rot auf ihren Wangen wurde eine Nuance dunkler. „In Anbetracht der Zeitnot werde ich etwas von der Stange nehmen müssen, aber wenn man die Gesamtlage betrachtet, dürfte der Sitz meines Kleides bei dieser Hochzeit das kleinste Problem darstellen.“

„Du bist immerhin auch eine Holt-Erbin“, erinnerte Ajax sie.

„Ja, abgesehen von unserer Kleidergröße sind wir praktisch austauschbar.“

Ajax presste die Lippen zusammen. „So meinte ich das nicht. Natürlich bist du nicht austauschbar.“

Nein, sie ähnelte in keiner Weise Rachel, die in seiner Vorstellung die Verkörperung des perfekten Lebens war. Er hatte immer gedacht, wenn dieser Tag einmal käme und er Seite an Seite mit ihr am Altar stünde, wäre sein langer Kampf vorbei und er hätte endlich sein Ziel erreicht.

Ihre Intimität war nie über ein paar beiläufige Küsse hinausgegangen. Sie hatten auch nicht ihre ganze Zeit gemeinsam verbracht, aber für Ajax war das kein Anlass zur Sorge gewesen. Er hatte kein Problem damit gehabt, dass Rachel noch ein wenig „leben“ wollte, bevor sie sich endgültig an ihn band. Und er hatte nie daran gezweifelt, dass sie am Ende zusammenkommen würden.

Er hatte sich getäuscht, und er hasste es, sich zu täuschen!

„Es tut mir leid“, sagte Leah, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Nicht, dass ich nicht Rachel bin, aber dass sie dich verlassen hat.“

„Natürlich tut es dir leid. Jetzt hast du mich am Hals.“

Sie blickte zu ihm auf. Ihre whiskyfarbenen Augen glitzerten, als wäre sie kurz davor zu weinen.

Ajax gefiel das gar nicht. Joseph Holt war sein Mentor, seit er ein Teenager gewesen war, und er würde nie etwas tun, was einem Mitglied seiner Familie schaden könnte.

„Es ist nicht zu spät, noch einen Rückzieher zu machen, Leah. Ich will dich nicht auf ein Angebot festnageln, das du in einem emotional aufgeladenen Moment gemacht hast.“

„Das war nicht nur ein Moment, Ajax. Die ganze Situation ist von Emotionen bestimmt.“

„Ich meinte deine persönliche Gefühlslage.“

Sie blinzelte. „Und was ist mit deiner? Fühlst du denn gar nichts?“

„Natürlich tue ich das. Aber ich treffe keine Entscheidungen, die auf Emotionen beruhen. Deswegen bin ich auch bereit, dich an Rachels Stelle zu heiraten. Weil es ein logischer Schritt ist.“

Leah zu heiraten, verschaffte ihm die Möglichkeit, seinen Plan weiterzuverfolgen. Planen bedeutete, die Kontrolle zu haben, und Kontrolle war alles. Ajax wusste, was passierte, wenn man sie verlor. Wenn ein Mann ausschließlich nach seinen Gefühlen lebte.

„Und ich betrachte mein Angebot ebenfalls als logischen Schritt, Ajax. Ich habe nicht vor, mir Leahs Lollies wegnehmen zu lassen, und du hast sicher nicht so viele Jahre für meinen Vater gearbeitet, um am Ende Alexios Christofides an der Spitze von Holt zu sehen.“

Es stimmte. Joseph hatte ihn gefördert, seit er ein siebzehnjähriger Junge gewesen war, der kaum Schulbildung und überhaupt kein Geld besaß. Er hatte Ajax’ geschäftliches Talent entdeckt und ihn auf ein gutes College geschickt. Nach seinem Abschluss hatte Ajax drei Jahre für Holt in den Staaten gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Dank Joseph verdiente er heute mit dem Export von Hightech-Produkten Millionen, und die ganze Zeit über hatte er gewusst, dass Holt Enterprises – ebenso wie Rachel – eines Tages ebenfalls zu seinen Vermögenswerten gehören würden.

Einen davon hatte er heute verloren. Er würde nicht auch noch den anderen aufs Spiel setzen.

„Du siehst viel, Leah“, sagte er. „Und ich glaube, du hast den unternehmerischen Weitblick deines Vaters geerbt.“

Sie hob das Kinn. Ihre goldbraunen Augen schimmerten im Licht, die glänzenden Locken fielen ihr wie ein dunkler Wasserfall über die Schultern. „Ich bin eine Holt, Ajax, aber ich bin nicht Rachel. Das solltest du immer im Gedächtnis behalten.“

Er nickte langsam, ohne den Blick von ihr zu lösen. „Ich werde es sicher nicht vergessen.“

„Ich …“ Sie räusperte sich, als sie feststellte, dass ihre Stimme wie ein Reibeisen klang. „Ich glaube, ich muss mich jetzt langsam fertigmachen.“

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