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Ein Kuss, ein Wunsch – ein Baby?

Barbara Hannay

Ein Kuss, ein Wunsch – ein Baby?

PROLOG

Die Party auf Tambaroora war in vollem Gange.

Das große Farmhaus war hell erleuchtet, der Garten mit bunten chinesischen Laternen geschmückt. Die Unterhaltung und das Gelächter der jungen Gäste vermischten sich mit der lauten Musik, die bis zu den Koppeln drang, wo die Schafe friedlich grasten.

Es war Will Carruthers’ Abschiedsparty, er wollte um die Welt reisen und sich vorher in großem Stil von seiner Familie und seinen Freunden verabschieden.

„Hast du Lucy gesehen?“, fragte ihn Mattie Carey, als er ihr Weinglas auffüllte.

„Klar“, erwiderte Will und sah sich nach Lucys blondem Haarschopf um. „Eben war sie noch da.“

Mattie runzelte die Stirn. „Wirklich? Ich habe überall gesucht.“

„Ich halte nach ihr Ausschau und sag ihr, dass du sie suchst.“ Will ging mit der Flasche in der Hand weiter, um sich um die anderen Gäste zu kümmern.

Aber als er eine Runde durch das große Wohnzimmer und über die breite Veranda gemacht hatte, hatte er Lucy McKenty noch immer nicht gesehen. Er spürte ein leises Unbehagen. Sie würde doch nicht einfach gehen, ohne sich zu verabschieden? Sie war schließlich so etwas wie seine beste Freundin.

Will stand auf der Treppe zum Haupteingang und spähte in den Garten. Das Pärchen, das dort unter dem Jacarandabaum knutschte, sah verdächtig nach seiner Schwester Gina und Tom Hutchins aus. Aber von Lucy war nichts zu sehen.

Auch in der Küche, wo sich Berge von schmutzigem Geschirr und leere Flaschen türmten, war sie nicht. Wills Bruder Josh kam herein, um Sekt aus dem Kühlschrank zu holen.

„Hast du Lucy gesehen?“, erkundigte sich Will.

Josh schüttelte kurz den Kopf und eilte dann wieder fort zu seiner neuesten Eroberung.

Plötzlich bemerkte Will eine Bewegung auf der hinteren Veranda. Als er durch das Fenster sah, erkannte er eine schmale Gestalt in einem hellen Kleid, die an einen Holzpfeiler gelehnt in die Dunkelheit starrte.

„Lucy?“

Beim Klang seiner Stimme zuckte sie zusammen.

„Ich habe überall nach dir gesucht“, sagte Will und war selbst überrascht, wie erleichtert er war, sie gefunden zu haben. „Ist alles in Ordnung?“

„Ich hatte Kopfschmerzen.“ Lucys Stimme klang unsicher. „Deswegen wollte ich etwas frische Luft schnappen.“

„Hat es geholfen?“

„Ja danke. Es geht schon wieder.“

Will stellte sich neben sie und stützte die Arme auf das Geländer. Vor ihnen erstreckten sich die Schafskoppeln in der Dunkelheit.

In den vergangenen vier Jahren hatte sie beide an der Universität von Sydney studiert, zwei Freunde aus dem winzigen Ort Willowbank inmitten Tausender fremder Menschen. Ihre Freundschaft war während der Höhen und Tiefen des Studentenlebens noch enger geworden, jetzt jedoch war es Zeit, Abschied zu nehmen.

Lucy war nach Hause zurückgekehrt, um hier als Tierärztin zu arbeiten, aber Will wollte nach seinem Geologiestudium so weit weg wie möglich. Er war hungrig nach Abenteuern und neuen Erlebnissen.

„Du wirst die Farm nicht vermissen, oder?“

Will lachte auf. „Wohl kaum.“ Sein Bruder Josh würde ihrem Vater helfen, Tambaroora zu bewirtschaften. Er war der älteste Sohn und von Geburt an für diese Aufgabe vorgesehen. Will dagegen konnte es nicht abwarten, seine Heimat zu verlassen. „Ich wünschte nur, du würdest mitkommen.“

„Jetzt fang nicht wieder damit an.“ Luca stöhnte leise auf. „Ich wäre dir und Cara doch nur im Weg.“

Will bemerkte einen seltsamen Unterton in ihrer Stimme. „Aber wir werden unterwegs vielen anderen Backpackern begegnen und neue Freunde finden. Das fällt dir doch immer leicht.“

Lucy war in ihrem letzten Highschooljahr nach Willowbank gekommen und hatte schnell Anschluss an Wills Freundeskreis gefunden. Ihr gemeinsames Interesse für Naturwissenschaften hatte sie und Will besonders enge Freunde werden lassen.

Er sah sie an, wie sie auf der Veranda vor ihm stand. Im silbernen Mondlicht sah sie fast aus wie eine Elfe, mit ihren funkelnden blauen Augen, dem jungenhaft kurzen blonden Haar und ihrer hellen Haut. Plötzlich hatte Will einen dicken Kloß im Hals.

Lucy hob den Kopf und sah ihn an. Eine Träne lief über ihre Wange.

„He, Gänschen.“ Er lachte leise auf, als er ihren alten Kosenamen verwendete. „Jetzt sag nur nicht, dass ich dir fehlen werde.“

„Natürlich wirst du mir nicht fehlen“, sagte sie mit erstickter Stimme und drehte sich schnell zur Seite.

Erschrocken zog Will sie an sich. Sie trug ein trägerloses Kleid, und er umfasste ihre nackten Schultern. Ihre Haut war seidig, und sie wirkte klein und weich, als sie sich in seine Arme schmiegte. Er presste das Gesicht an ihre Haare und atmete ihren blumigen Duft ein.

Die plötzliche Wucht seiner Gefühle überwältigte ihn.

„Lucy“, flüsterte er, aber als sie den Kopf hob und ihn mit Tränen in den Augen ansah, blieben ihm alle Worte, die er sich zurechtgelegt hatte, im Hals stecken.

Sein Herz schien verrückt zu spielen, als er mit dem Zeigefinger über ihre Wange fuhr, wo die Tränen eine nasse Spur hinterlassen hatten. Er sah auf ihre vollen Lippen und wusste genau, dass er Lucy jetzt küssen würde.

Er konnte gar nicht anders. Er musste den salzigen Geschmack der Tränen auf ihrer warmen Wange schmecken und dann die weiche Süße ihres Mundes.

Mit wilder Entschlossenheit zog Will sie noch enger an sich und küsste sie voller Leidenschaft. Lucy schlang die Arme um seinen Hals, und er spürte ihre festen Brüste an seinem Oberkörper. Es war, als stünde er in Flammen.

Wie hatte das nur passieren können?

Wo hatte Lucy gelernt, so zu küssen?

Sie war so süß und zugleich so wild und leidenschaftlich – und sie erregte ihn mehr als jedes Mädchen, dem er bisher begegnet war.

Hielt er wirklich Lucy McKenty in seinen Armen? Sein Herz wollte zerspringen.

„Lucy?“ Matties Stimme erklang aus dem Haus. „Bist du das da draußen?“

Das Licht aus der Küche fiel plötzlich auf sie, und Lucy und Will lösten sich abrupt voneinander. Verwirrt schaute Mattie sie an. „Oh, tut mir leid“, sagte sie feuerrot anlaufend.

„Nein, nein, schon gut“, riefen Will und Lucy wie aus einem Mund.

„Wir wollten gerade …“, setzte Will an.

„Uns voneinander verabschieden“, ergänzte Lucy mit einem kleinen schrägen Lacher, der die Lage sofort entspannte.

Mattie nahm wieder eine normale Farbe an. „Josh meinte, du würdest vielleicht gerne eine kleine Rede halten, Will.“

„Eine Rede?“

„Na ja, eine Abschiedsrede.“

„Oh … oh, ja. Ich sollte wohl besser jetzt etwas sagen, solange die meisten noch nüchtern sind.“

Sie gingen wieder ins Haus, und so schnell wie ein Traum nach dem Aufwachen war der kurze Moment auf der Veranda verweht, der Zauber gebrochen.

Alle versammelten sich um Will, und als er in die vielen Gesichter blickte, dachte er mit einem Anflug von Schuldbewusstsein an seine Freundin Cara, die in Sydney auf ihn wartete. Dann schaute er Lucy an. Von Tränen war nichts mehr zu sehen, sie lächelte und sah aus wie immer.

Will war fast sicher, dass er sich die Magie ihres Kusses nur eingebildet hatte.

1. KAPITEL

Es gab Tage, an denen Lucy McKenty überzeugt war, dass sie den falschen Beruf hatte. Eine Frau in den Dreißigern, deren biologische Uhr unüberhörbar tickte, sollte ihre Zeit nicht damit verbringen, bezaubernden Babys auf die Welt zu helfen.

Zugegeben, die Babys, mit denen Lucy bei ihrer Arbeit zu tun hatte, waren meist vierbeinig und hatten einen Schwanz. Aber sie waren trotzdem unsagbar niedlich, und sie spürte immer wieder die Sehnsucht nach einem eigenen Kind. Ein Baby, das sie lieben und umsorgen konnte.

Diese Sehnsucht war auch jetzt da, als sie neben dem kleinen Kalb kniete, das sie gerade entbunden hatte. Die Geburt war schwierig gewesen und hatte sie viel Schweiß gekostet, aber nun, da sie das Neugeborene näher an seine Mutter heranschob, spürte sie den vertrauten Schmerz in ihrer Brust.

Die erschöpfte Kuh öffnete die Augen und begann, ihr Junges langsam und sorgfältig zu lecken. Lucy lächelte. Das war ein Anblick, der sie immer wieder in Staunen versetzte.

Es gab nichts, was der Freude über ein neues Leben gleichkam.

Abgesehen davon, dass diese idyllische Szene ihr einmal mehr in Erinnerung rief, dass sie selbst kaum Chancen hatte, Mutter zu werden. Sie hatte eine Fehlgeburt gehabt und außerdem eine gescheiterte künstliche Befruchtung hinter sich. Lucy war überzeugt, dass ihr die Zeit davonlief. Sie konnte ihre biologische Uhr förmlich hören.

Tick tack, tick tack.

Lucy seufzte auf und erhob sich langsam. Ihr Rücken schmerzte von der Arbeit während der anstrengenden Geburt. Sie blickte durch das geöffnete Scheunentor, die Schatten über den grünen Weiden waren lang geworden.

„Wie spät ist es denn?“, fragte sie Jock Evans. Der Farmer hatte sie vor einigen Stunden in großer Sorge angerufen. Jetzt sah er nicht auf seine Armbanduhr, sondern warf nur einen prüfenden Blick gen Himmel. „Kurz nach fünf, würde ich sagen.“

„So spät schon?“ Lucy ging zu ihrer Tasche, die sie in der Ecke abgestellt hatte, und suchte nach ihrer Uhr. Jock lag genau richtig. „Ich muss um halb sechs bei einer Hochzeitsprobe sein.“

Jock riss die Augen auf. „Heiraten Sie etwa, Lucy?“

„Nein! Ich doch nicht.“ Sie streifte die Handschuhe ab. „Mattie Carey ist die glückliche Braut“, sagte sie mit betont munterer Stimme. „Ich bin nur die Brautjungfer.“

Mal wieder, fügte sie innerlich hinzu.

Der Farmer war sichtlich erleichtert. „Na, ich bin froh, dass Sie uns noch niemand weggeschnappt hat. Wir brauchen Sie hier in Willow Creek. Sie sind die beste Tierärztin, die wir je hatten.“

„Danke, Jock.“ Lucy lächelte. „Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.“

Sie liebte ihren Beruf, und es hatte sie viel Mühe gekostet, von den örtlichen Farmern akzeptiert zu werden. Jetzt da es ihr endlich gelungen war, sollte sie eigentlich zufrieden sein, aber in letzter Zeit füllte ihr Job sie nicht mehr aus.

Und auf gar keinen Fall wollte sie mit ihrer Arbeit verheiratet sein!

Wenn er nach Willowbank zurückkam, hatte Will Carruthers immer das Gefühl, in die Vergangenheit zu reisen. Der kleine Ort schien sich in den vergangenen zehn Jahren kein bisschen verändert zu haben.

Die Blumenbeete an der Hauptstraße waren noch dieselben. Die Bank, das Rathaus, die Post und der Friseur – alles war noch genauso wie damals, als er seine Heimatstadt zum ersten Mal verlassen hatte.

Als er jetzt aus dem alten Pick-up seines Vaters stieg, hatte er das Gefühl zu träumen. Er öffnete das Holztor, das zu der alten weißen Holzkirche des Ortes führte. Morgen würden sich hier Wills bester Freund und eine seiner ältesten Freundinnen das Jawort geben. Manche Dinge blieben eben doch nicht gleich.

Die Landschaft und die Gebäude waren vielleicht dieselben, aber das Leben der Menschen hier hatte sich verändert. Oh ja, die Menschen, die Will am Herzen lagen, hatten sich sogar sehr verändert.

Will hatte es damals nicht abwarten können, Willowbank hinter sich zu lassen und endlich die Welt zu sehen. Inzwischen war er in mehr Ländern gewesen, als er zählen konnte, aber das Seltsame war, dass er sich noch immer so fühlte wie der Will, der damals aufgebrochen war.

Aus dem Inneren der Kirche ertönte das Schreien eines Babys. Noch ein Zeichen von Veränderung. Wills Schwester Gina erschien in der geöffneten Tür, im Arm hielt sie ein heulendes rothaariges Kind.

Als sie Will sah, lächelte sie. „Will, ich bin so froh, dich zu sehen.“ Sie streckte einen Arm aus und zog ihn an sich. „Meine Güte, großer Bruder. Wächst du etwa noch, oder bin ich geschrumpft?“

„Das muss die Last der Mutterschaft sein, die dich niederdrückt.“ Will küsste seine Schwester und betrachtete sie lächelnd. „Nein, das nehme ich sofort zurück. Du hast nie glücklicher ausgesehen.“

„Ja, ich weiß.“ Gina grinste. „Vielleicht ist an den Theorien von der Großen Mutter doch was dran.“

Will strich über den molligen Arm des Babys. „Das ist dann wohl Jasper. Das Haar ist unverkennbar.“ Der Kleine war seinem Vater Tom wie aus dem Gesicht geschnitten. „Hallo, mein Süßer.“

Jasper hörte auf zu weinen und starrte Will aus riesigen blauen Augen an.

„Sehr gut, du hast ihn zum Schweigen gebracht. Ich wusste, dass du der perfekte Onkel sein würdest.“

Will lachte auf, um die unerwarteten Gefühle zu überspielen, die ihn durchfuhren. Das Baby mit seiner weichen Haut, den großen Augen und den goldigen Grübchen war unglaublich niedlich.

„Er ist wirklich süß“, sagte er mit einer Stimme, als hätte er einen Frosch im Hals.

Gina musterte ihn aufmerksam. „Na, bekommst du da nicht Lust, selbst Vater zu werden?“

„Oh, wir wissen doch beide, dass ich dafür viel zu ruhelos bin“, seufzte Will und wich dem forschenden Blick seiner Schwester aus. Unwillkürlich wanderten seine Gedanken zu einer Kirche in Kanada, wo er erst vor wenigen Tagen dem Begräbnis eines Kollegen beigewohnt hatte. Das ernste Gesicht des zehnjährigen Sohnes seines toten Freundes stand ihm noch immer vor Augen. Der Kleine hatte tapfer vor der Trauergemeinde gestanden und allen erklärt, wie sehr er seinen Dad geliebt hatte.

Über diese Vater-Sohn-Beziehung durfte er jetzt auf keinen Fall weiter nachdenken. Um von sich abzulenken, wies Will mit dem Kopf in Richtung Kirche. „Ich hoffe, ich bin nicht zu spät?“

„Nein, keine Sorge.“ Gina drehte sich um. „He Leute, schaut mal, wer hier ist.“

Alle wandten sich ihm zu. Als er in die lächelnden Gesichter seiner alten Freunde sah, musste Will schlucken.

Da war Tom, Ginas handfester Ehemann. Der Farmer grinste breit und hielt Mia, Jaspers Zwillingsschwester, im Arm. Die glückliche Braut, Mattie, strahlte über das ganze Gesicht. Neben ihr stand ihr künftiger Ehemann Jake Devlin.

Will konnte es noch immer nicht fassen, wie sehr Jake sich verändert hatte. Sie hatten zusammen in einer Mine in der Mongolei gearbeitet und waren enge Freunde, aber niemand war überraschter als Will, als ausgerechnet Jake, der Herzensbrecher, sich in Mattie Carey verliebte.

Doch ein Blick in Jakes Gesicht verriet ihm, dass sein Freund rundum glücklich und mit sich im Reinen war.

Und Mattie … Will kannte sie schon sein ganzes Leben, aber heute sah sie aus wie neugeboren. Sie schien von innen heraus zu strahlen und wirkte viel selbstbewusster als früher.

Man konnte es ihr nicht ansehen, dass sie erst vor Kurzem Zwillinge zur Welt gebracht hatte – genau die Zwillinge, die Gina und Tom im Arm hielten. Die ungewöhnliche Leihmutterschaft hatte sich als absoluter Glücksfall für alle Beteiligten erwiesen.

All das ging Will durch den Kopf, als er seine Freunde begrüßte. „He, ich bin so froh, dass du gekommen bist.“ Jake klopfte ihm auf die Schulter.

„Um nichts in der Welt hätte ich mir entgehen lassen, wie du unter die Haube kommst, Kumpel.“

„Wir warten noch auf den Pastor“, sagte Mattie. „Und auf Lucy natürlich.“

Lucy.

Es war eine Ewigkeit her, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Er bedauerte, dass sie einander aus den Augen verloren hatten, aber damals schien es die richtige Entscheidung zu sein. „Lucy kommt also zur Hochzeitsprobe?“

Mattie lachte. „Natürlich. Sie ist schließlich meine Brautjungfer.“

„Als Trauzeuge solltest du das wissen“, sagte Gina grinsend.

Natürlich hätte Will sich denken können, dass Lucy Matties Brautjungfer war. Die beiden waren schließlich enge Freundinnen. Er sah dem Wiedersehen mit ihr gelassen entgegen, auch wenn ihre Beziehung seit dem Tod seines Bruders vor acht Jahren schwierig war.

Aber das Pochen seines Herzens bei der Aussicht, Lucy zu begegnen, war alles andere als gelassen.

Lucy warf einen prüfenden Blick in den Rückspiegel, während sie in ihrem Jeep über die holprige Landstraße Richtung Kirche fuhr. Oh, Mist. Ihre Haare hingen ihr strähnig ins Gesicht, und sie sah total erschöpft aus.

Sie hatte sich zwar nach der Entbindung des Kalbs sorgfältig gewaschen, aber sicher steckte noch irgendwo ein Strohhalm in ihrem Haar. Sie trug kein Make-up und war ohnehin schon verspätet. Ein Abstecher nach Hause, um den größten Schaden zu beheben, kam also nicht infrage. Schließlich war es ja nur eine Probe. Morgen erst war der große Tag.

Allerdings würde Will Carruthers dort sein.

Und warum zum Teufel sollte das nach all den Jahren noch eine Rolle spielen? Sie war schon lange nicht mehr in ihn verknallt. Das war vergessen und vorbei.

Das zumindest hatte Lucy sich die vergangenen drei Monate, seit Mattie ihre Heiratspläne verkündet hatte, eingeredet.

Zu ihrem Ärger schien diese Botschaft jedoch nicht in ihrem Körper angekommen zu sein.

Als sie jetzt sah, dass vor der kleinen weißen Kirche, der alte Jeep der Carruthers parkte, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Plötzlich konnte sie nicht mehr atmen und beinahe entglitt ihr das Lenkrad.

Meine Güte, das war einfach lächerlich. Sie hatte drei Monate Zeit gehabt, einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Jetzt war dafür nicht der richtige Moment.

Lucy parkte den Wagen und schloss die Augen. Du schaffst das, beruhigte sie sich selbst. Du gehst in diese Kirche und lächelst.

Niemand sollte merken, wie es in ihr aussah.

Mattie durfte nicht ahnen, wie sehr Lucy sie um ihr Glück mit Jake beneidete. Oder Gina und Tom um ihre wunderbaren Babys.

Und auf keinen Fall sollte Will etwas merken. Sie würde ihn freundlich auf die Wange küssen. Wie einen alten Freund. Schließlich wäre sie beinahe seine Schwägerin geworden.

Okay, also los.

Lucy stopfte ihre Bluse in die Jeans und wischte einmal schnell über ihre staubigen Stiefel. Dann öffnete sie die Kirchentür und warf ein entschuldigendes Lächeln in die Runde.

Peng. Da stand er. Vorne am Altar, in ein Gespräch mit Jake vertieft.

Ohne es zu wollen, nahm Lucy jedes Detail in sich auf. Den Glanz seiner dunkelbraunen Haare, seine gebräunte Haut, die Lachfältchen um Augen und Mund und seine langen Beine in den ausgewaschenen Jeans.

Als wäre das nicht genug, hielt er auch noch die friedlich schlafende Mia in seinem Arm.

Der Anblick des winzigen Babys und des großen Mannes, der es vorsichtig festhielt, überwältigte Lucy. Genau danach sehnte sie sich in ihren geheimsten Träumen.

Irgendwie gelang es ihr weiterzugehen. „Lucy“, rief Mattie. „Ich wollte dich gerade anrufen.“

„Tut mir leid. Ich war bei einer schwierigen Geburt. Ein kleines Kalb.“ Ihre Stimme klang völlig normal, obwohl ihre ganze Aufmerksamkeit Will galt. Er drehte sich abrupt zu ihr um; der Ausdruck seiner Augen verriet ihr, wie sehr ihn ihr Anblick aufwühlte. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, wenn man von ihrem heftigen Herzklopfen mal absah. Zum Glück schien niemand etwas zu bemerken.

„Kein Problem“, sagte Mattie. „Wir sind gerade noch mal die Musikauswahl durchgegangen.“

Plötzlich war alles ganz normal und entspannt. Vielleicht hatte sie sich Wills Reaktion auch nur eingebildet? Als er sie jetzt begrüßte, wirkte er ruhig und entspannt. Er küsste sie leicht auf die Wange; seine Berührung brannte auf ihrer Haut, aber seine grauen Augen blickten gelassen, wenn nicht sogar etwas amüsiert.

„Schön, dich zu sehen, Lucy.“

Gleich darauf begann die Hochzeitsgesellschaft damit, ihre Rollen für den morgigen Tag einzustudieren.

Will würde als Trauzeuge gemeinsam mit Gina in die Kirche kommen, während Lucy Tom als Partner hatte. So blieb es ihr erspart, an Wills Arm durch den Mittelgang zu schreiten. Ein kleiner Trost.

Lucy war schon zweimal Brautjungfer gewesen, sie wusste, was sie zu tun hatte. Aber der Pfarrer erläuterte alle Details eingehend, und die Probe schien sich endlos hinzuziehen.

Immerhin hatte sie so Zeit, sich daran zu erinnern, dass morgen Matties großer Tag war. Es ging nicht um sie. Ebenso wie alle anderen Einwohner von Willowbank gönnte Lucy ihrer warmherzigen und immer großzügigen Freundin das Glück, das sie an der Seite ihres Traummannes gefunden hatte.

Nichts sollte den morgigen Tag stören. Schon gar nicht Lucys Liebeskummer.

Als die Probe schließlich vorbei war, war es draußen bereits dunkel. Eine schmale Mondsichel stand über ihnen, als die Gruppe sich verabschiedete. Gina und Tom mussten ihre Kinder zu Bett bringen, und Mattie und Jake waren zu einem Abendessen im Kreis von Matties Familie eingeladen.

Lucy selbst wollte nach Hause zu ihren „Jungs“, wie sie ihre Hunde liebevoll nannte. Der Irish Setter und der Border Collie vertrugen sich gut miteinander, aber wenn sie den ganzen Tag nicht zu Hause war, stürmten sie ihr abends entgegen.

Sie suchte gerade nach ihren Autoschlüsseln, als ihr jemand auf die Schulter klopfte. Als sie sich umdrehte, blickte sie direkt in Wills lächelndes Gesicht.

„Ich hatte gar keine Gelegenheit, mit dir zu sprechen“, sagte er. „Wie geht es dir?“

Lucy räusperte sich nervös. „Gut. Mir geht es gut.“ Zum Glück war es so dunkel, dass er nicht sah, wie sie errötete. „Und dir?“, fügte sie schnell hinzu.

„Ganz okay.“ Er lächelte wieder und schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. Er war so groß und stark und wirkte völlig entspannt, wie er da vor ihr stand.

„Arbeitest du noch in der Mongolei?“

„Nein, das ist vorbei.“ Er zögerte kurz. „Ich fand, es wäre an der Zeit für etwas Neues. Ich werde mich nach einem neuen Job umsehen.“

Nach der langen Zeit hatte Lucy sich an Wills Abwesenheit gewöhnt. Wenn er auf einem anderen Kontinent war, konnte sie ihn beinahe vergessen. Beinahe.

„Gina sagt, du hättest ein Haus gekauft“, fuhr er fort.

„Ja, die alte Finnegan-Farm.“ Sie lächelte schief. „Sie ist ziemlich verfallen. Jede Menge Herausforderungen für Handwerker.“

Er schaute sie eindringlich an. „Aber Herausforderungen haben dir doch immer gefallen.“

Sie war nicht sicher, was er damit meinte. Erinnerte er sich daran, wie viel sie während ihrer gemeinsamen Studienzeit immer gelernt hatte? Oder spielte er auf ihre Verlobung mit seinem Bruder, dem Herzensbrecher, an?

Lucy wich aus. „Ich bin noch längst nicht fertig mit all den Renovierungsarbeiten. Aber immerhin habe ich genug Platz für meine Praxis und genügend Auslauf für die Hunde.“

„Immer noch Seamus und Harry?“

„Ja, genau.“ Sie war überrascht, dass er sich an die Namen ihrer Hunde erinnerte.

Eine kleine Pause entstand, und Lucy fühlte sich verlegen. Jeden anderen alten Freund hätte sie einfach zu sich eingeladen. Sie hätten gemeinsam gegessen, in der gemütlichen, fast fertig renovierten Küche, vielleicht eine Flasche Wein aufgemacht und über alte Zeiten geredet.

Aber ihre Beziehung zu Will Carruthers war zu kompliziert. Allein schon, weil ihr Herz noch immer an ihm hing. Aber noch viel schwerer wog die Tatsache, dass sie vor acht Jahren den großen Fehler begangen hatte, sich mit seinem Bruder einzulassen.

Der Vorabend der Hochzeit von Mattie und Jake war jedoch kaum der geeignete Zeitpunkt, um über dieses Thema zu reden.

Aus den Bäumen hinter der Kirche erklang der traurige Schrei eines Brachvogels. Als wäre es ein Zeichen, trat Will einen Schritt zurück. „Ich sehe dich dann morgen in der Kirche.“

„Das wird sich kaum vermeiden lassen.“

Oh, nein. Warum hatte sie das jetzt gesagt? Es klang richtig unhöflich. Schnell fügte sie hinzu: „Ich freue mich so für Mattie. Jake scheint ein wirklich netter Kerl zu sein.“

„Das ist er“, sagte Will. „Und das muss man Mattie lassen, sie hat ihn an Land gezogen – das hat keine vor ihr geschafft.“

„Und er betet sie an.“

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