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Ein Kuss, der alles verändert

1. KAPITEL

Wo um alles in der Welt bin ich hier gelandet?

Meredith Bingham Turner, genannt Merry, hielt ihren unauffälligen grauen Mietwagen auf dem Seitenstreifen an – soweit man hier überhaupt von einem Seitenstreifen sprechen konnte. Sie öffnete das Fenster und spähte den Abhang neben ihrem Wagen hinunter. Den struppigen Pflanzen und riesigen stacheligen Kakteen, die ihre Arme der sengenden Sonne von Arizona entgegenreckten, warf sie einen finsteren Blick zu.

Es war heiß. Sehr heiß. Und sie hatte sich verirrt.

Sie las noch einmal die Wegbeschreibung zur Rattlesnake Ranch, die ihre Freundin Karen ihr gemailt hatte. Irgendetwas stimmte hier nicht. Und es war niemand da, den sie um Hilfe bitten konnte. Kein Polizist. Keine Fußgänger oder Jogger. Keine Leute beim Einkaufsbummel. Keine Touristen.

Nur Eidechsen, Skorpione und Taranteln.

Schaudernd kurbelte Merry das Fenster wieder hoch. Gut, sie hatte noch keine Krabbeltiere gesehen, aber wozu ein Risiko eingehen?

Vor zwei Wochen hatte Karen bei ihr angerufen und sie um einen Gefallen gebeten. „Ich weiß, dass du beschäftigt bist, aber es ist wichtig. Mein Bruder ist mit seinem Latein am Ende. Die Rechnung von Caitlins Psychiater, die Studiengebühren für Louise und Ty und was weiß ich noch alles. Wenn wir keine drastischen Maßnahmen ergreifen, verlieren wir am Ende vielleicht sogar die Ranch. Außerdem kannst du, nach allem, was ich in den Klatschzeitschriften über dich und diesen George gelesen habe, eine Pause vermutlich ganz gut brauchen.“

Karen hatte recht. Merry brauchte Abstand von Boston und ihrer Firma. Und Abstand von George Lynch, dem neuesten ihrer Exfreunde mit Hang zu öffentlichen Indiskretionen. Wut stieg in ihr auf, als sie an die neueste Schlagzeile dachte: „Koch-Sensation alles andere als sensationell im Bett!“ Am liebsten hätte sie laut losgebrüllt.

Merrys Antwort auf diese Frechheit war das Einzige gewesen, was man in einer solchen Situation tun konnte: Sie hatte die Angelegenheit ihren Anwälten übergeben. Was allerdings nicht bedeutete, dass die Geschichte nicht noch immer in ihr rumorte.

„Natürlich helfe ich dir“, hatte sie daher auf die Bitte ihrer Freundin geantwortet. „Wofür brauchst du mich?“

„Hilf uns, Rattlesnake Ranch in eine Touristenranch zu verwandeln. Ich kann mich um das Geschäftliche kümmern, aber ich brauche Hilfe, was die Dekoration und die Menüplanung angeht. Und vielleicht könntest du uns bei der Werbung helfen. Eine Empfehlung von dir würde uns ein volles Haus garantieren.“

„Okay, ich denke, da fällt mir schon etwas ein“, antwortete Merry.

Liebend gerne war sie bereit, Karen unter die Arme zu greifen. Die beiden Frauen hatten sich an der Johnson and Wales University kennengelernt. Damals war Merry noch ein einsames und introvertiertes Mädchen aus Beacon Hill in Boston gewesen. Karen hatte ihr geholfen, aus sich herauszugehen und ein bisschen lockerer zu werden. Die vier Jahre mit Karen als Zimmergenossin an der Uni waren die schönste Zeit in Merrys Leben gewesen.

Karen war Merrys einzige Freundin. Ihre persönlichsten Gedanken, Gefühle und Probleme konnte sie Karen anvertrauen und sicher sein, dass nichts davon in den Klatschzeitschriften enden würde. Egal was Karen von ihr wollte, Merry würde die Ärmel hochkrempeln und alles tun, um sie zu unterstützen.

Erneut musterte Merry die Landkarte und kam zu dem Schluss, dass sie sich irgendwo auf der schmalen grauen Linie zwischen dem Dead Man Mountain und dem Gallopping Horse Mountain befand.

Toter-Mann-Berg. Galloppierendes-Pferd-Berg. Die Ortsnamen des Wilden Westens waren wirklich witzig. Aber Merry war nicht in der Stimmung, über Ortsnamen zu lachen. Verdammt, wo war sie bloß?

Sie schaute in den Rückspiegel. Kein Auto, keine Menschenseele weit und breit. Niemand, den sie fragen konnte, wie man zur Hanging Tree Junction kam – noch so ein lustiger Name. Warum gab es hier auch keine Schilder? Dann wüsste sie wenigstens, ob sie sich noch in den Vereinigten Staaten oder bereits in Mexiko befand.

Vielleicht sollte sie einfach weiterfahren. Die Sonne ging bestimmt bald unter, und sie hatte keine Lust, in der Dunkelheit auf engen Bergstraßen herumzukurven.

Plötzlich sah sie ihn – den ersten echten Cowboy ihres Lebens …

Er ritt auf einem schwarzen Pferd. Sein langer weißer Mantel leuchtete in der Sonne. Unter seinen Chaps – den Beinkleidern aus braunem Leder mit schwarzen Fransen – lugte verwaschener Jeansstoff hervor. Als er näher kam, bemerkte sie, dass seine Stiefel silberne Sporen trugen.

Wie gebannt starrte Merry ihn an. Dieser Mann sah unverschämt gut aus, so rau und völlig im Einklang mit der Landschaft um ihn herum. Ihr Blick fiel auf das Gewehr, das aus einer länglichen, eckigen Ledertasche an seinem Sattel herausragte.

Ein Gewehr?

Merry schluckte. Krampfhaft umklammerte sie das Lenkrad, bereit, in jedem Moment das Gaspedal durchzutreten.

Der Cowboy blinzelte in die Sonne. Merry konnte die Farbe seiner Augen nicht ausmachen, aber sie verwettete das Honorar für ihr neuestes Kochbuch darauf, dass seine Augen himmelblau waren.

Blitzartig kam ihr ein Gedanke. Wenn sie diese Begegnung überlebte, würde sie Joanne, ihre neue Agentin, bitten, den Cowboy für einen Werbespot anzuheuern. Er war genau der Richtige, um für Karens Touristenranch Reklame zu machen.

Als der Mann näher kam, tippte er in lässiger Cowboy-Manier an die Krempe seines weißen Cowboyhutes. Merry schmolz dahin – und das, obwohl die Klimaanlage auf vollen Touren lief.

Mit einer kleinen Geste forderte er sie auf, das staubige Fenster zu öffnen. Mit dem Fuß über dem Gaspedal betätigte Merry den Knopf mit der linken Hand. Das Fenster öffnete sich ein paar Zentimeter. Ängstlich schaute Merry zu dem Cowboy auf und wünschte sich, mehr von seinem Gesicht sehen zu können. Voller Misstrauen legte sie den Kopf in den Nacken und beobachtete Pferd und Reiter.

„Schönen Tag, Ma’am.“ Der Mann zupfte wieder an seinem Hut herum. „Haben Sie sich verirrt?“

„Ohne Zweifel.“

„Ich nehme an, das heißt ja.“

„Genau.“

„Könnte es sein, dass Sie Meredith Irgendwas Turner sind?“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Ich bin Meredith Bingham Turner.“

„War ich doch nah dran.“

„Und Sie sind?“

Er schob seinen Hut zurück. „Bucklin Floyd Porter. Aber alle nennen mich Buck.“

„Du bist Karens Bruder!“, stieß Merry hervor. Plötzlich erinnerte sie sich an Bilder von Buck und Karens anderen Geschwistern, und sie erkannte Buck. Schon auf den Fotos hatte Karens Bruder gut ausgesehen, aber ihn leibhaftig vor sich zu haben, war noch einmal etwas anderes – vor allem in voller Cowboy-Montur.

Buck nickte. „Und du bist die Lady, die dabei helfen soll, mein Zuhause in eine Touristenranch umzuwandeln?“

Merry ließ das Fenster ganz herunter und lehnte sich weiter nach draußen. „Das bin ich.“

Buck schüttelte den Kopf. Ganz offensichtlich war er nicht glücklich darüber. „Wenn es dir nichts ausmacht, will ich hier nicht in der Hitze rumstehen und quatschen. Karen hat mich losgeschickt, um dich aufzugabeln.“

„Aufzugabeln?“

„Aufzugabeln. Sie hat schon geahnt, dass du dich verirren würdest. Karen meinte, du brauchst alle paar Meter einen Wegweiser.“

Karen schluckte den aufkeimenden Ärger hinunter. Auf den Mund gefallen war dieser Cowboy ja nicht gerade. Dann lächelte sie ihn an. „Ich bin froh, dass du da bist. Dann zeig mir mal den Weg.“

Bucks Augen funkelten amüsiert. Sie waren blau. Himmelblau. Genau wie sie gedacht hatte.

Er wendete das große schwarze Pferd und fing an, ihr eine Wegbeschreibung zu geben. Merry streckte den Kopf zum Fenster heraus, um ihn über das Geräusch der Klimaanlage hinweg verstehen zu können. Plötzlich schwenkte das Pferd herum und peitschte ihr mit dem Schweif ins Gesicht.

Merry schrie auf und presste ihre Hand gegen die brennende Wange. Erschrocken warf sie sich ins Auto zurück und stieß dabei aus Versehen mit dem Ellbogen gegen die Hupe.

Das Pferd wieherte, bäumte sich auf und galoppierte davon. Mit einem Satz sprang es über die Leitplanke und raste den Abhang hinunter, während Buck Porter sich auf dem Rücken des Tiers festkrallte.

„Ho, Bandit. Ruhig, Junge.“

Buck zog die Zügel an, aber nicht zu sehr. Es war besser, wenn er Bandit seinen Willen ließ und abwartete, bis das Pferd sich beruhigte.

Warum zur Hölle hatte diese närrische Frau gehupt? Wusste sie nicht, dass sich das Pferd erschrecken würde?

Buck lehnte sich so weit wie möglich im Sattel nach hinten. Kakteenstacheln stachen in seinen Mantel und kratzten über seine Chaps. Während er den Berg hinunterjagte, wurde ihm schnell klar, dass Meredith Irgendwas Turner ihm Schwierigkeiten bereiten würde.

„Sie ist eine Starköchin. Sie hat eine Show im Fernsehen und mehrere Kochbücher geschrieben“, hatte Karen ihm erklärt. „Sie wird uns bekannt machen. Außerdem ist sie meine beste Freundin, und ich habe sie lange nicht gesehen.“

Buck wollte nichts damit zu tun haben, Rattlesnake Ranch in eine Touristenranch umzuwandeln. Er mochte die Ranch so, wie sie war. Unglücklicherweise blieb ihm aber keine andere Wahl, denn nachdem die Eltern gestorben waren, gehörte jedem der Geschwister ein Viertel der Rattlesnake Ranch, und Buck war von seinen zwei Schwestern und seinem Bruder überstimmt worden.

„Ho, Bandit“, rief er und lehnte sich noch weiter zurück. „Ruhig, Großer.“

Schließlich erreichte Bandit den Fuß des Abhangs und blieb wie angewurzelt stehen. Nervös schüttelte der große schwarze Hengst den Kopf und stampfte mit dem Huf auf dem Boden auf.

„Ja, ich weiß, ich weiß. Das Stadtmädchen wusste es wahrscheinlich nicht besser.“

Plötzlich hörte er ein Geräusch, das wie das Heulen eines Kojoten klang, und blickte auf. Da stand sie am Straßenrand und beugte sich über die Leitplanke.

„Brauchst du Hilfe?“, brüllte sie.

Und wenn ich Hilfe bräuchte, was würdest du tun? Blaubeerkuchen backen?

„Nein“, rief er zurück.

„Bist du verletzt?“

„Es geht mir gut“, schrie er. „Setz dich ins Auto und fahr los.“

„Aber ich weiß nicht wohin.“

„Zurück nach Boston“, murmelte er. Und laut rief er: „Folge der Straße bis zu ihrem Ende. Dort biegst du links ab, dann rechts, dann die zweite links. Rattlesnake Ranch liegt dann auf der rechten Seite.“

„Rechts. Links, links. Dann rechts abbiegen. Oder hast du gesagt, zweimal rechts? Ich sollte mir das aufschreiben. Bleib, wo du bist, bis ich mir was zu schreiben aus meiner Handtasche geholt habe, in Ordnung?“

Um Himmels Willen. Er hatte noch einiges zu erledigen, und ein Stadtmädchen an die Hand zu nehmen gehörte garantiert nicht dazu.

Ein Schrei gellte durch die Luft und scheuchte die Bussarde und Geier von den Bäumen.

Buck ließ das Sattelhorn los und sprang vom Pferd. Dann griff er nach dem Gewehr und dem Lasso und kletterte den Pfad wieder hinauf, den er gerade hinuntergeritten war.

„Meredith? He, Meredith Irgendwas Turner, alles okay?“

Schweigen.

„Antworte mir, verdammt noch mal“, schrie er, während er sich den steilen Abhang hinaufkämpfte.

Der Schotter rutschte unter seinen Füßen weg, aber er kam voran. Kaktusstacheln durchbohrten seinen Mantel und sein Hemd und pieksten in seine Arme. Schweiß strömte sein Gesicht hinunter, als er die Böschung weiter hinaufrannte.

„Meredith?“

Wieder durchbrach ein Schrei die Stillte.

Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang Buck über die Leitplanke, rollte sich ab, zielte …

Aber was zur Hölle war das?

Zwei Wildesel waren dabei, den Inhalt von Meredith Irgendwas Turners Handtasche aufzufressen. Papier und Kosmetika lagen auf der Straße verstreut. Meredith presste sich gegen das Auto, die Augen schreckgeweitet, während ein weiterer Esel am Aufschlag ihres pinkfarbenen Blazers knabberte.

Buck erkannte, dass sie kurz davor war, erneut gellend aufzuschreien. Entnervt verdrehte er die Augen.

Aber anstatt zu schreien, hörte er sie flüstern: „Erschieß sie nicht. Jag sie nur weg.“

Er senkte den Kopf, um sein Grinsen zu verbergen. Dann sicherte er das Gewehr und stand auf.

„Ksch“, rief er und wedelte mit dem Hut, während er die Straße überquerte. „Weg da. Haut ab. Los doch. Ihr macht der Lady Angst. Und sie versetzt den halben Staat von Arizona in Panik.“

Die Esel trabten die Straße hinunter.

Buck wandte sich nach Meredith um. „Was um alles in der Welt sollte das denn? Du hast mich beinahe zu Tode erschreckt!“

„Du? Du hast dich erschreckt? Was soll ich da erst sagen? Was waren das für Viecher?“

„Wildesel.“

„W–warum laufen die denn hier frei rum?“

„Das hier ist nicht Boston, Lady.“

Sie schniefte und wischte den Aufschlag ihres Blazers am Hosenbein ab. „Das ist wahr.“

Dann bückte sie sich, hob die Tasche auf und fing an, ihre Sachen hineinzuwerfen. „Meine Tasche hat einen Hufabdruck abbekommen. Sie haben auf meinem Handy herumgekaut und mein Make-up gefressen.“ Sie hielt inne und sah ihn an. „Es gibt hier doch Läden, oder?“

Make-up hat sie doch überhaupt nicht nötig, dachte Buck. Obwohl sie ihm auf die Nerven ging, musste er zugeben, dass sie eine der hübschesten Frauen war, die er je gesehen hatte. Zwar verstand er nicht viel von Mode, aber ihr pinkfarbenes Kostüm sah edel aus. Genau wie der goldene Schmuck.

Alles an dieser Frau wirkte exquisit.

Inständig hoffte Buck, dass sie nicht erwartete, bedient zu werden. Karen ging es nicht gut, und er musste sich um die Ranch kümmern. Seiner Erfahrung nach waren Frauen wie Meredith Bingham Turner viel zu anspruchsvoll.

„Ja, klar haben wir Geschäfte hier. Einen Haushaltswarenladen drüben in Lizard Rock. Oh, und dann gibt’s noch einen Laden für Landwirtschaftsbedarf in Cactus Flats.“

Mit großen grünen Augen starrte Merry zu ihm herauf. Wahrscheinlich überlegt sie gerade, ob sie sich das Makeup mit dem Nachtexpress aus Boston liefern lassen soll.

Dann blickte Merry die Straße hinunter zu den Eseln, die stehen geblieben waren, um zu grasen. „Du passt doch auf, oder? Falls sie wiederkommen.“

Buck unterdrückte ein Lachen. „Klar, ich bewache dich.“

„Danke.“ Merry schniefte. „Aber erschieß sie nicht.“

„Nein.“

Merry bückte sich, um weitere Gegenstände von der Straße aufzusammeln. Dabei schmiegte sich der Stoff ihres Rockes an ihre perfekten Rundungen.

„Wo ist dein Pferd?“

„Bandit geht’s gut. Der ist wahrscheinlich inzwischen daheim in seinem Stall und frisst sein Abendessen.“

„Wie kommst du dann jetzt nach Hause?“

„Ich dachte, ich könnte bei dir mitfahren.“

„Ihr Cowboys fahrt auch manchmal mit dem Auto?“

Diese Frau war wirklich eine Großstadtpflanze. Oder nahm sie ihn genauso auf den Arm wie er sie? Buck war nicht sicher, was er von ihr halten sollte.

„Ich kann es ja mal versuchen.“

Bucks Blick fiel auf ihre fantastischen Beine. Ihr Haar war golden wie Maisfasern, und wahrscheinlich fühlte es sich genauso weich an.

Was zur Hölle war nur los mit ihm? Wenn er nicht aufpasste, würde er noch anfangen zu singen oder Gedichte aufzusagen.

Es wäre wirklich besser, diese Frau würde verschwinden. Sie würde ihm nichts als Schwierigkeiten bereiten. Das spürte Buck in jeder Faser seines Körpers.

Eines wusste er jedenfalls ganz genau. Er würde nicht den halben Tag damit verbringen, einem Grünschnabel wie Meredith Turner aus der Patsche zu helfen. Er musste sich um eine Ranch kümmern.

Oder um das, was davon übrig war.

„Würdest du gern fahren? Du kannst doch Auto fahren, oder?“ Sie hielt ihm einen Schlüssel mit einem gelben Papieranhänger entgegen.

„Wie wär’s, wenn ich dich zurück zum Flughafen fahre? Das hier ist kein Ort für jemanden wie dich.“

Merry schwieg ein paar Atemzüge lang. Augenblicklich bedauerte Buck seine Worte. Was war er nur für ein Holzkopf. Wenn Meredith so berühmt war, wie Karen sagte, würde die neue Rattlesnake Touristenfarm ein voller Erfolg.

Wahrscheinlich sollte er sich über die Pläne für die Ranch freuen. Sie waren die Lösung für seine finanziellen Probleme. Andererseits hatte er bereits selbst einen Plan, wie er das Geld auftreiben konnte: Er wollte die Möbel verkaufen, die er geschreinert hatte. Ein alter Armeekumpel besaß eine vornehme Galerie in Scottsdale und hatte Buck angeboten, eine Verkaufsausstellung zu organisieren. Doch die Zeit lief Buck davon, und die Vollstreckungserklärung der Bank stand bevor.

Meredith begegnete Bucks Blick. „Deine Schwester hat gesagt, dass sie mich braucht. Daher habe ich vor, ihr zu helfen, wo ich nur kann. Also, falls du nicht fahren willst, dann zeig mir den Weg und ich werde schon allein hinfinden.“

Loyalität. Buck bewunderte das. Aber ihm behagte der Gedanke einfach nicht, dass Touristen auf seiner geliebten Ranch herumwanderten und Cowboy spielten. Er wollte nicht, dass fremde Menschen im Haus seiner Eltern schliefen und aßen. Und schließlich musste er auch an Caitlin denken. Seine Tochter hatte sich so tief in ihre eigene Welt zurückgezogen, seit ihre Mutter weggegangen war, dass er sie einfach nicht mehr erreichen konnte. Kein Wort hatte das Mädchen seitdem gesprochen. Und ein Haufen Fremder würde ihre Verfassung bestimmt nur verschlimmern.

Buck ließ seinen Blick über die festen weiblichen Rundungen der Freundin seiner Schwester gleiten. Vielleicht wäre es doch nicht so schlimm, sie auf der Ranch zu haben. Angenehm anzuschauen jedenfalls war sie, und es machte Spaß, sie aufzuziehen.

Cait schien sich auf Merediths Besuch zu freuen – wenigstens nahm Karen das an. Jeden Dienstag saßen die beiden zusammen auf der Couch, aßen Popcorn und schauten sich Merediths Kochshow an.

Eigentlich sollte Buck sich inzwischen an Caits Schweigen gewöhnt haben. Aber das hatte er nicht. Er hoffte immer noch, dass sie irgendwann wieder sprechen würde. Er wollte die Stimme seines kleinen Mädchens wieder hören, wollte hören, wie sie ihn Daddy nannte.

Meredith Irgendwas Turner riss Buck aus seinen Gedanken, indem sie ihm die Schlüssel zuwarf. Leise hörte er sie etwas darüber murmeln, ob es in Lizard Rock oder Hanging Tree Junction eine Reinigung gab.

Jede Wette, diese Frau würde es keine Woche hier aushalten. Dann würde Buck sie zurück zum Flughafen fahren, und sein Zuhause wäre für immer vor Veränderungen sicher.

Vielleicht gefielen den Menschen ja seine Möbel, und sie kauften sie. Dann käme er aus den roten Zahlen heraus, und die Ranch wäre auch ohne Touristen in Sicherheit.

Aber bis es so weit war, würde sein Zuhause ihm vielleicht schon nicht mehr gehören.

2. KAPITEL

Gekonnt lenkte Buck den Mietwagen die enge Bergstraße hinunter, trotzdem hielt Meredith bei jeder Kurve unwillkürlich den Atem an. Die schroffen Felsen ragten so dicht neben dem Auto empor, dass Merry sie hätte berühren können, hätte sie den Arm aus dem Fenster gestreckt. Jeder herabgefallene Ast sah aus wie eine Schlange oder eine Eidechse, jeder Stein oder Zweig erschien ihr wie eine Tarantel oder ein Skorpion.

Merry warf Buck einen verstohlenen Blick zu. Er war so groß, dass er seinen Hut im Auto abnehmen musste. Sein rabenschwarzes Haar war mit einem Stück Leder zu einem Pferdeschwanz nach hinten gebunden. Das ließ ihn männlicher wirken als viele Männer daheim, mit ihren ordentlichen Bostoner Frisuren.

Merry erinnerte sich an den Tag, als ihre Freundin angerufen hatte. Karen war in Tränen aufgelöst gewesen. Ihr Bruder war am Boden zerstört, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, und auch um ihre Nichte Caitlin machte Karen sich große Sorgen. Bucks Ehefrau Debbie war vor zwei Jahren nach Nashville gezogen, um eine Karriere als Sängerin aufzubauen. Seither hatte Caitlin kein Wort mehr gesprochen. Es fiel Buck schwer, mit dem Schweigen seiner Tochter zurechtzukommen.

Wie furchtbar für ihn, so viel Schmerz ertragen zu müssen, dachte Merry. In gewisser Hinsicht hatte Buck seine Frau und seine kleine Tochter am selben Tag verloren.

Merry seufzte. Buck, der ihren Seufzer missverstand, versuchte sie zu beruhigen. „Es ist nicht mehr weit“, sagte er. „Nur noch ungefähr zwanzig Minuten.“

Merry blickte aus dem Fenster. Diese Landschaft überraschte sie. Die zarten Farbkleckse der Wildblumen standen in merkwürdiger Harmonie zwischen den abweisenden, stacheligen Kakteen. Zeichen von Zivilisation konnte sie weit und breit nicht erkennen. Das hier war wirklich nicht Boston.

„Da drüben.“ Buck deutete in die Ferne, irgendwo zu seiner Linken. „Rattlesnake Ranch.“

Merry reckte den Hals und kniff die Augen zusammen. „Wo?“

„Dort drüben.“

Der Punkt, auf den er gezeigt hatte, kam näher, dann entfernte er sich wieder, als sie um eine weitere Kurve fuhren. Schließlich verwandelte sich die Bergstraße in einen Feldweg, der kaum breiter war als ein Auto. Jetzt befanden sie sich auf der großen weiten Ebene, mitten in der Wüste.

Buck bog rechts ab. Vor ihnen tauchte ein ausgeblichenes Schild auf, das die Rattlesnake Ranch ankündigte. Merry schauderte unwillkürlich. Rattlesnake – Klapperschlange. Augenblicklich hielt sie auf der Straße nach etwas Ausschau, das sich dahinschlängelte.

„Äh … Buck?“

„Ja?“

„Was die Schlangen angeht …“

„Was ist damit?“

„Gibt es hier draußen viele?“

Buck warf ihr einen flüchtigen Blick zu, ehe er wieder auf die Straße schaute. „Das hier ist die Wüste.“

Das Auto kam vor dem weitläufigen Ranchhaus zum Stehen.

„Da sind wir“, sagte Buck.

Gleich auf den ersten Blick wirkte das Ranchhaus einladend. Es war im traditionellen Stil errichtet, mit einer großen Veranda, die sich über die ganze Front des Hauses erstreckte. Am Rande des mit Ziegelsteinen gepflasterten Pfades wuchsen bunte Blumen in Terrakottatöpfen in allen Größen und Formen. Wunderschön, dachte Merry.

Merry ahnte, dass ihre Freundin für die Blumen verantwortlich war. Karen hatte schon immer einen grünen Daumen. An der Johnson & Wales hatte sie Wirtschaft und Landschaftsgärtnerei studiert. Immer hatte sie davon geträumt, eines Tages ihren eigenen Blumenladen zu eröffnen.

Die Autotür öffnete sich, und Merry schreckte aus ihren Gedanken auf. Buck hielt ihr die Hand hin, um ihr herauszuhelfen, und sie legte ihre Hand in die seine. Merry war keine kleine Frau, aber als seine raue, schwielige Hand die ihre bedeckte, fühlte sie sich auf einmal sehr weiblich und beschützt.

„Merry! Haben wir uns lange nicht gesehen!“

Buck ließ ihre Hand los, und Merry fand sich in Karens ungestümer Umarmung wieder.

„Wie ich sehe, hat mein tollpatschiger Bruder dich gefunden. Oder war es andersherum?“

Merry lachte. „Er hat mich gefunden. Ich hatte mich verirrt.“

„Wusste ich’s doch“, sagte Karen und wandte sich an ihren Bruder. „Buck, Gott sei Dank bist du okay. Als Bandit ohne dich nach Hause gekommen ist, habe ich mir Sorgen gemacht. Was ist passiert?“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Buck und lud das Gepäck aus dem Kofferraum. Merrys Koffer trug er so problemlos die Treppe hinauf, als enthielten sie nur Federn.

„Karen, wo soll das Zeug hin?“

„In dein Schlafzimmer, Buck.“

Buck zog irritiert eine Augenbraue in die Höhe.

„He, du benutzt es nicht mehr“, rief Karen und wandte sich kopfschüttelnd wieder Merry zu.

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