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Ein Königreich für einen Kuss!

1. KAPITEL

„Ihr Sohn ist auch mein Sohn.“ Suchend blickte der Fremde an Stella Greco vorbei in den Flur.

Am liebsten hätte sie ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Zuerst dachte sie, jemand habe sich einen Scherz mit ihr erlaubt. Ihre Freundin Meg hatte manchmal etwas seltsame Einfälle. Doch in diesem Fall hatte Meg bestimmt nicht ihre Hände im Spiel. Dazu wirkte der Mann zu ernst. Als er den Blick seiner schiefergrauen Augen auf sie richtete, zuckte Stella unwillkürlich zusammen. Was für ein imposanter Typ! Er war sehr groß, hatte die bronzefarbene Haut und das schwarzbraune Haar eines Südländers und stand so unerschütterlich wie ein Fels in der Tür.

Doch dann erinnerte sich Stella wieder daran, was er gesagt hatte. „Was meinen Sie damit? Ihr Sohn? Wie kommen Sie darauf?“ Kampfbereit stemmte sie die Fäuste in die Seiten. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Mein Name ist Vasco de la Cruz Arellano y Montoya. Aber wenn ich mich im Ausland aufhalte, nenne ich mich bloß Vasco Montoya.“ Er lächelte kurz. „Darf ich reinkommen?“

„Nein. Ich kenne Sie nicht, und es ist nicht meine Art, fremde Männer in mein Haus zu lassen.“ Furcht packte sie. Ihr Sohn hatte keinen richtigen Vater. Also hatte dieser Mann hier auch nichts zu suchen. Sie sollte ihm einfach die Tür vor der Nase zuschlagen, bevor Nicky auf die Idee kam, durch den Flur zu krabbeln. Unwillkürlich warf sie einen kurzen Blick nach hinten. „Ich habe wirklich keine Zeit.“

„Noch einen Moment.“ Vasco Montoya trat einen Schritt vor, gerade als sie die Tür schließen wollte. „Bitte.“ Seine Stimme klang weich. „Vielleicht sollten wir irgendwo hingehen, wo wir in Ruhe miteinander sprechen können.“

„Nein, ich denke gar nicht daran.“ Sie konnte Nicky nicht allein lassen, und ganz sicher würde sie sich nicht gemeinsam mit ihm und diesem Mann in der Öffentlichkeit zeigen. Hoffentlich blieb das Kind bloß in seinem Zimmer.

Stella fühlte sich hin- und hergerissen. Einerseits wollte sie nichts lieber, als den Mann loszuwerden. Andererseits war sie zu höflich, um ihm einfach die Tür vor der Nase zuzuschlagen. Ist es wirklich nur Höflichkeit? schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Der Mann hatte etwas an sich, das sie zögern ließ. „Bitte, gehen Sie.“

„Ihr Sohn …“ Er beugte sich leicht vor, sodass sie den Duft seines herben Rasierwassers wahrnahm. „Mein Sohn … ist der Thronerbe von Montmajor.“ Er sah sie hochmütig von oben herab an, als erwarte er, dass sie vor Ehrfurcht in die Knie gehen würde.

Aber Stella war nicht beeindruckt. „Das ist mir vollkommen egal. Dies ist mein Haus, und wenn Sie nicht endlich gehen, zeige ich Sie wegen Hausfriedensbruchs bei der Polizei an.“ Um ihre Angst zu bezwingen, war ihre Stimme immer lauter geworden. „Und nun verschwinden Sie!“

„Er ist blond …“, sagte er leise und blickte über Stellas Schulter ins Haus.

Hastig wandte sie sich um. Entsetzt sah sie, wie Nicky eifrig auf sie zukrabbelte. „Ah … gu…“, brabbelte er strahlend.

„Was hat er gesagt?“ Interessiert blickte Vasco Montoya Stella an.

„Nichts. Er macht nur Geräusche. In dem Alter können Babys noch nicht sprechen.“ Sie runzelte genervt die Stirn. „Außerdem geht Sie das gar nichts an.“

„Oh, doch …“ Er konnte den Blick nicht von Nicky lösen.

„Und wieso das?“

„Weil er mein Sohn ist.“

Alles in ihr sträubte sich gegen diese Behauptung, aber irgendwie war sie zu verwirrt, um darauf etwas zu erwidern. „Was macht Sie da so sicher?“

Er beugte sich vor. „Seine Augen. Er hat meine Augen.“

Nicky starrte den geheimnisvollen Fremden aus großen schiefergrauen Augen an, die er, wie Stella sich immer einzureden versucht hatte, von ihrer Großmutter geerbt hatte. Denn Stella selbst hatte haselnussbraune Augen.

Plötzlich krabbelte Nicky in Windeseile an seiner Mutter vorbei, streckte seine kleine Hand aus und griff nach Vascos Zeigefinger. Vasco lächelte gerührt. „Freue mich, deine Bekanntschaft zu machen.“

Schnell hob Stella Nicky hoch und drückte ihn fest an die Brust. „Ga … ga … la …“, meinte der Kleine fröhlich. Stella wusste nicht, wie sie reagieren sollte. „Das ist … das ist ein eklatanter Einbruch in meine Privatsphäre … und auch in Ihre Privatsphäre“, stieß sie schließlich empört hervor. Und dennoch keimte in ihr der furchtbare Verdacht, dass der Fremde recht haben könnte. Dass er wirklich Nickys Vater war. Sie senkte die Stimme: „Die Samenbank hat mir versichert, dass nicht nur die Identität des Spenders, sondern auch meine absolut geheim bleiben würden.“

Vasco musterte sie mit seinen – mit Nickys – grauen Augen. „Früher, als ich jung und unerfahren war, habe ich manches getan, was ich heute bereue.“

Sowie Nicky volljährig wäre, hätte er das Recht, seinen Vater kennenzulernen, das wusste Stella. Der Vater jedoch besaß dieses Recht nicht, das war eine vertragliche Abmachung, auf die Stella sich verlassen hatte. Sie hatte diesen Weg gewählt, damit ihr später niemand in ihre Erziehung hineinreden konnte – auch der leibliche Vater nicht. Falls dieser Vasco tatsächlich der Spender war. Wieso war er sich dessen so sicher? „Wie sind Sie denn an meine Adresse gekommen?“

„Das war nicht so schwer. Wenn man weiß, wer für Geld empfänglich ist …“ Er hatte einen leichten Akzent, der seine Stimme weicher machte.

„Und daraufhin hat man Ihnen die Namen der Frauen gegeben, die Ihre Samenspende gekauft haben?“

Er nickte.

„Vielleicht hat man absichtlich falsche Angaben gemacht.“

„Unmöglich. Ich habe die Unterlagen gesehen.“

Das konnte gelogen sein. Warum, um Himmels willen, wollte er unbedingt Nicky haben? Das Kind wand sich in ihren Armen, aber sie ließ es nicht los. „Vielleicht ist es gar nicht Ihr Kind. Ich habe verschiedene Spender ausprobiert.“ Was nun ihrerseits gelogen war, denn es hatte schon beim ersten Versuch geklappt.

„So? Ich habe aber auch Ihre Unterlagen eingesehen.“

Sie wurde knallrot. „Das ist ungeheuerlich! Ich sollte diese Leute verklagen.“

„Tun Sie das. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass dies“, zärtlich blickte er den kleinen Jungen an, „mein Sohn ist.“

Oh, nein! Stella stiegen die Tränen in die Augen. Eine Stunde zuvor war noch alles normal gewesen, und plötzlich befand sie sich in einem Albtraum! „Aber Sie haben doch sicher jede Menge Kinder gezeugt. Warum muss es gerade Nicky sein?“, stieß sie schließlich verzweifelt hervor.

„Weil es keine anderen gibt.“ Wieder sah er sich kurz um. „Bitte, lassen Sie mich reinkommen. Das ist wirklich kein Thema, das man in aller Öffentlichkeit besprechen sollte.“

„Nein, das kann ich nicht. Ich kenne Sie nicht, und Sie haben selbst zugegeben, dass Sie aufgrund von Informationen hier sind, die Sie sich illegal beschafft haben.“ Sie straffte sich und hielt Nicky fest, der dem Fremden die Arme entgegenstreckte.

„Das bedaure ich auch sehr, und ich möchte es wiedergutmachen.“

Dem Blick seiner grauen Augen konnte sie sich nicht entziehen, und sie spürte, dass sie weich wurde. Umso schlimmer. Wie kam dieser Mann dazu, mit ihren Gefühlen zu spielen? Bei seinem Aussehen war er es wahrscheinlich gewohnt, dass die Frauen bei ihm Schlange standen. Dennoch schaffte sie es einfach nicht, die Tür zu schließen.

„Wie heißt er denn?“

Obgleich er die Frage leise hervorgebracht hatte, zuckte Stella zusammen. Alles in ihr sträubte sich dagegen, ihm Nickys Namen zu nennen. Aber wenn das Kind nun wirklich aus seinem Samen entstanden war? Wenn dieser Vasco wirklich Nickys Vater war … Ihr Herz krampfte sich zusammen. Hatte sie das Recht, ihn wegzuschicken? „Können Sie sich ausweisen?“ Zwar war ihr bewusst, dass ein Mann wie er sich ohne größere Probleme einen falschen Pass besorgen konnte, aber sie brauchte Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen.

Er stutzte, griff dann in die Hosentasche, förderte ein kleines ledernes Etui zutage und nahm eine Karte heraus, einen kalifornischen Führerschein.

„Ich dachte, Sie kämen aus Mont… Wie hieß das noch gleich?“

„Montmajor. Aber ich habe lange in den Staaten gelebt.“

Auf dem Bild sieht er jünger aus, nicht so lebenserfahren, dachte sie. Und er heißt tatsächlich Vasco Montoya. Aber so einen Führerschein konnte man heutzutage an jeder Ecke kaufen, er allein war also kein Beweis. Den Namen des Samenspenders hatte sie nicht erfahren. Insofern war nach wie vor nicht klar, ob dieser Vasco Nickys Vater war.

„Bei welcher Samenbank waren Sie denn?“ Vielleicht bluffte er nur.

Er nahm ihr den Führerschein aus den zitternden Fingern und schob ihn wieder in das Etui. „Westlake Cryobank.“

Sie seufzte leise. Da war sie auch gewesen, und das hatte sie niemandem erzählt, nicht einmal ihrer besten Freundin. Denn sie hatte die Art und Weise, wie ihr Kind gezeugt worden war, möglichst schnell vergessen wollen.

„Ich weiß, dass Sie mich nicht kennen“, fing er wieder an. „Daher habe ich keine andere Möglichkeit gesehen, als mich Ihnen persönlich vorzustellen. Es tut mir sehr leid, dass das alles für Sie ziemlich schockierend sein muss, und ich wünschte, ich könnte Ihnen die Situation erleichtern.“ Freundlich lächelte er sie an. „Sie wissen jetzt, wie ich heiße. Mein Vermögen habe ich durch den Abbau von Edelsteinen gemacht. Ich führe ein weltweit operierendes Unternehmen.“ Jetzt zog er eine andere Karte aus dem Etui.

Stella nahm sie und las: Vasco Montoya, Präsident von Catalan Mining. Katalanische Bergwerksgesellschaft … Erschrocken sah sie ihn an. Offenbar war er tatsächlich Nickys Vater, denn sie hatte sich für ihn als Spender entschieden, weil es sie beeindruckte, dass er so stolz auf seine Herkunft war. Und auf sie hatte das Ganze sehr exotisch und ansprechend gewirkt. Europa, der alte Kontinent mit seiner Literatur und den bildenden Künsten … Dafür war sie schon immer empfänglich gewesen.

Und dann diese Augen … Sie hatten das gleiche Grau wie die ihres Sohnes.

„Ich möchte Ihnen keinen Kummer machen“, fuhr Vasco fort. „Ich möchte nur meinen Sohn kennenlernen. Als Mutter verstehen Sie das doch bestimmt. Stellen Sie sich vor, Sie hätten ein Kind und kämen nie in Kontakt mit ihm.“ Wieder warf er einen Blick auf Nicky. „Es ist, als wäre irgendwo ein Teil Ihrer Seele vorhanden und Sie wüssten nicht, wo.“

Ihr wurde das Herz schwer, denn ihr war klar, dass er recht hatte. Durfte sie ihrem Sohn wirklich verbieten, seinen Vater kennenzulernen? „Okay, kommen Sie rein.“

Vasco trat ein und schloss die Tür hinter sich. Dann folgte er Stella Greco durch einen kurzen Flur in ein helles, sonnendurchflutetes Wohnzimmer. Auf dem schimmernden Holzboden lagen bunte Spielsachen verstreut, und das kleine weiche Sofa sah aus, als würde es stark strapaziert.

Irgendwie war ihm seltsam zumute. Dass er gekommen war, hatte eher mit einer Art Pflichtgefühl zu tun gehabt, denn die Thronfolge musste gesichert sein, damit es in diesem Punkt in Zukunft keine Probleme geben würde. In diesem Zusammenhang hatte er auch überlegt, für wie viel Geld diese Stella Greco ihm wohl das Kind überlassen würde. Jeder Mensch war käuflich, außerdem konnte er, Vasco, garantieren, dass der Kleine in gesicherten Verhältnissen aufwachsen würde.

Doch als er in die großen grauen Kinderaugen sah, dachte er nicht mehr an die Thronfolge und das Geld. Da passierte etwas mit ihm, und er wusste sofort, dies war sein Sohn, zu dem er bereits eine Bindung verspürte, wie er sie noch nie zuvor verspürt hatte. Vor allem als das Kind nach seinem Finger gegriffen hatte. Stella setzte den Kleinen auf den Boden, Vasco hockte sich hin, und sofort kam Nicky halb krabbelnd, halb laufend auf ihn zu. „Wie heißt er denn?“, wollte Vasco wissen.

„Nicholas Alexander. Ich nenne ihn Nicky.“ Das kam zögernd, so als habe sie immer noch Angst, dem Fremden Einblicke in ihr Leben zu gewähren.

„Hallo, Nicky.“ Vasco hielt ihm lächelnd die Hand hin.

„Ha…lo …“ Der Kleine strahlte.

Überrascht riss Stella die Augen auf. „Haben Sie gehört? Er hat ‚hallo‘ gesagt, sein erstes Wort!“

„Klar. Er wollte seinen Vater begrüßen“, erwiderte Vasco stolz. Dabei wusste er genau, dass sein Anteil an diesem Wunder nur in ein bisschen DNA bestand. Er warf Stella einen neugierigen Blick zu. Damals hatte er von seiner königlichen Abstammung nichts wissen wollen und deshalb eine böse Genugtuung darin gefunden, seinen ach so kostbaren Samen für ein paar Dollar zu verkaufen. Aber sie, weshalb hatte sie diesen Weg gewählt? Seine Nachforschungen hatten ergeben, dass die Empfängerin in der örtlichen Universitätsbibliothek arbeitete und antiquarische Bücher restaurierte. Natürlich hatte er sich sofort eine vergrämte Jungfer vorgestellt und war total überrascht gewesen, als Stella ihm die Tür geöffnet hatte.

Denn sie war ausgesprochen hübsch, zu hübsch, als dass sie es nötig gehabt hätte, auf diese Weise schwanger zu werden. Das halblange, golden schimmernde Haar umrahmte ein herzförmiges Gesicht mit entzückenden Sommersprossen, einer kleinen Nase und haselnussbraunen Augen. Ob sie überhaupt schon dreißig war? Auf keinen Fall war sie bereits in einem Alter, in dem sie Angst vor der tickenden biologischen Uhr haben musste. Vielleicht hatte sie einen Mann, der keine Kinder zeugen konnte?

Möglichst unauffällig warf er einen Blick auf ihre Hand. Kein Ehering, Gott sei Dank! Die Sache war schon kompliziert genug. „Sie müssen unbedingt mit Nicky nach Montmajor ziehen“, sagte er lächelnd. Dass sie für keine Summe der Welt das Kind aufgeben würde, war ihm schnell klar geworden. Wenn er bereits nach wenigen Minuten nicht mehr auf Nicky verzichten wollte, wie musste es ihr da erst ergehen?

„Wir werden nirgendwo hinziehen“, erklärte sie ruhig und verschränkte die Arme vor der Brust.

Nein? Kurz sah er sich in dem Raum um. Stella Greco war nicht reich, das sah er sofort. Das Häuschen war hübsch, aber winzig. Die Möbel waren einfach, und vor der Tür stand ein blauer Kleinwagen. „Aber Sie hätten dort ein sehr komfortables Zuhause, und es würde Ihnen an nichts fehlen.“ Inzwischen liebte er das Schloss, das er als junger Mann so sehr verachtet hatte. Und so würde es ihr auch ergehen, dessen war er sich sicher.

„Danke, aber ich fühle mich hier in Kalifornien sehr wohl. Ich liebe meinen Beruf und mag mein kleines Haus. Die Schulen in der Umgebung sind ausgezeichnet, und es ist eine angenehme und sichere Gegend für ein Kind. Ich habe sehr genaue Nachforschungen angestellt, bevor ich hierhergezogen bin, das können Sie mir glauben.“

Wieder sah Vasco sich um. Sicher, das Häuschen war niedlich, aber trotz geschlossener Fenster war der Verkehr deutlich zu hören. Und Kalifornien hatte möglicherweise viele Reize, war aber für Heranwachsende gerade deshalb nicht ungefährlich. „Nicky würde es in der ländlichen Umgebung von Montmajor viel besser gehen. Die frische Luft, die unberührte Natur …“

„Geben Sie sich keine Mühe“, unterbrach sie ihn schnell. „Wir bleiben hier.“ Trotz ihrer wahrscheinlich nur gut ein Meter sechzig wirkte sie sehr überlegen, was Vasco lächelnd zur Kenntnis nahm. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung und seinem Verhandlungsgeschick zweifelte er keine Sekunde daran, dass letzten Endes alles nach seinen Wünschen laufen würde. Mit Geld allein kam er hier nicht weiter, aber jeder Mensch hatte seine Schwachstellen – und seine Träume.

Vielleicht konnte er sie auch verführen … Jetzt, da er sie gesehen hatte, war das eine durchaus verlockende Möglichkeit. Man kam sich gleich sehr nahe und hatte sein Vergnügen dabei. Es lohnte sich, darüber nachzudenken. Aber noch war es zu früh. Noch stand sie unter Schock und musste erst einmal die Tatsache verdauen, dass der Vater ihres Sohnes Ansprüche erhob. Er sollte ihr ein paar Tage Zeit lassen, sich mit der neuen Situation abzufinden.

„Dann werde ich mich jetzt verabschieden.“ Er machte eine leichte Verbeugung. „Und, bitte, scheuen Sie sich nicht, Nachforschungen anzustellen. Sie werden herausfinden, dass ich die Wahrheit gesagt habe.“

Sie runzelte die Stirn und zog gleichzeitig in einer überaus entzückenden Art und Weise die Nase kraus. Offenbar war sie überrascht, dass er bereit war zu gehen, ohne dass es zu einer Abmachung gekommen war. „Umso besser.“

„Ich werde mich dann wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.“

„Wenn Sie wollen.“ Während sie sich das Haar zurückstrich, sah sie ihn misstrauisch an. Vermutlich wird sie sich heute Abend besonders sorgfältig vergewissern, dass auch alles abgeschlossen ist, ging es ihm durch den Kopf. Aber warum auch nicht? Das zeigte nur, dass sie alles dafür tun würde, sein Kind zu beschützen.

Als Vasco den Kleinen ansah, der auf dem Boden saß und konzentriert mit seinen Plastikringen spielte, wurde ihm warm ums Herz. Das war sein Fleisch und Blut. „Auf Wiedersehen, Nicky.“

Das Kind sah hoch und lächelte. „Ah … gu …“

Gerührt warf Vasco Stella einen Blick zu. „Was für ein wunderbarer kleiner Junge.“

Wider Willen musste auch sie lächeln. „Das ist er. Und er ist für mich das Wichtigste auf der Welt.“

„Ich weiß. Und ich respektiere das.“ Genau deshalb hatte er fest vor, auch Stella nach Montmajor mitzunehmen. Ein Kind musste mit Vater und Mutter aufwachsen.

Als er seine schwere Maschine anwarf, die er vor Stellas Haus geparkt hatte, war er sehr zufrieden mit sich. Die erste Begegnung mit der Mutter seines Sohnes war gut verlaufen. Anfangs hatte sie ihn nicht einmal ins Haus lassen wollen. Und zuletzt hatte sie ihm doch noch ihre Telefonnummer gegeben. Das war durchaus vielversprechend. Er gab Gas und fuhr in Richtung Santa Monica.

Sowie Vasco gegangen war, verriegelte Stella die Tür. Doch ein Gefühl der Erleichterung wollte sich nicht einstellen. Denn sie wusste, es war noch nicht vorbei. Schlimmer noch, es würde nie vorbei sein.

Der Vater ihres Sohnes, mit dem sie nie etwas hatte zu tun haben wollen, war plötzlich in ihrem Leben aufgetaucht und hatte damit ihre ruhige Sicherheit zerstört. Am günstigsten wäre es, wenn er in sein … wie hieß das noch gleich? … Montmajor zurückkehren und sie in Frieden lassen würde. Doch darauf wagte sie nicht zu hoffen.

Vielleicht war er eine Art von Hochstapler, der sich seine königliche Abstammung nur ausgedacht hatte. Vielleicht gab es dieses Montmajor gar nicht. Irgendwie wirkte der Mann unecht – wie aus einem Hollywoodstreifen – mit seiner abgetragenen, aber sicher teuren Lederjacke, der ausgeblichenen Jeans und den Lederstiefeln. Wie ein König sah er nun wirklich nicht aus. Welcher Monarch fuhr schon ein großes schwarzes Motorrad? Er war ganz sicher ein Betrüger. Oder einfach ein Verrückter. In Kalifornien waren die reichlich vertreten.

Aber wer auch immer er war, sie war ziemlich sicher, dass er tatsächlich Nickys biologischer Vater war. Zwar hatte er fast schwarzes Haar und eine relativ dunkle Haut, aber die Augen waren die von Nicky, da gab es keinen Zweifel. Auch wenn der Blick des Kindes noch voll Unschuld war, ganz im Gegensatz zu dem seines Vaters.

Seufzend hob sie den Kleinen hoch und setzte ihn in seinen Hochstuhl. Dass sich die Auseinandersetzung vor Nickys Augen abgespielt hatte, bedauerte sie sehr. Auch wenn ein Kind in dem Alter wohl noch nicht viel verstehen würde. Aber wer konnte das schon so genau wissen?

2. KAPITEL

Ein schmaler Sonnenstrahl drang durch die geschlossene Jalousie und fiel auf den grauen Schreibtisch, hinter dem Debbie English, die für den Kundendienst zuständige Managerin, saß. Ihr Büro in dem Gebäude der Westlake Cryobank war elegant und großzügig, was die Kundinnen offenbar einschüchtern sollte.

Drei Tage zuvor war Vasco Montoya plötzlich in Stellas Leben aufgetaucht, seitdem hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Vielleicht war das Ganze nur ein Traum, besser gesagt ein Albtraum gewesen und hatte keinerlei Folgen. Und dennoch musste sie wissen, woran sie war, sonst hätte sie keine ruhige Minute mehr.

„Wie ich schon sagte, Madam, wir garantieren unseren Klientinnen absolute Vertraulichkeit.“ Die Stimme der kühlen Blondine war nüchtern und geschäftsmäßig.

„Und wie erklären Sie sich dann, dass dieser Mann plötzlich auf meiner Türschwelle stand?“ Stella hatte sich einen Artikel aus dem Internet über Edelsteinabbau ausgedruckt, der auch ein Interview mit Vasco Montoya enthielt, dem Chef von Catalan Mining und König des kleinen Staates Montmajor. Offenbar hatte er seine Firma in Kolumbien gegründet und besaß jetzt ein milliardenschweres Unternehmen. Auf dem Foto sah er ausgesprochen zufrieden aus. Warum auch nicht? Er hatte ja alles, was er wollte.

Nur nicht ihren Sohn.

Die Blondine war sichtlich verlegen und lächelte krampfhaft.

Bestimmt hat er seine Informationen von ihr … wahrscheinlich hat er mit ihr geflirtet, ist vielleicht sogar mit ihr ins Bett gegangen, dachte Stella, und Wut stieg in ihr auf. „Er weiß, wo ich wohne und dass ich seine Samenspende bekommen habe. Er besteht darauf, dass ich und mein Sohn nach Montmajor ziehen.“ Was für eine lächerliche Idee. Aber leider nicht wirklich komisch. „Was hat er Ihnen bezahlt?“

„Er kann die Information unmöglich von uns bekommen haben. Unsere Unterlagen sind alle unter Verschluss.“

„Aber die Daten sind doch bestimmt auch im Computer?“

„Selbstverständlich, aber …“

„Kein Aber. Er hat gesagt, dass er für die Information bezahlt hat, also muss Ihr System irgendwo ein Loch haben.“

„Das ist unmöglich, denn wir legen Wert auf die größtmöglichen Sicherheitsvorkehrungen. Außerdem haben wir ausgezeichnete Rechtsberater.“

Das war eindeutig eine verkappte Drohung. Glaubte die Managerin etwa, Stella würde das Unternehmen verklagen? Das würde auch nichts nützen. Seufzend lehnte sie sich in ihrem Stuhl zurück. „Was ich unbedingt wissen muss, ist etwas anderes.“ Kurz schweiften Stellas Gedanken zu Nicky, der fröhlich in dem Tageskindergarten der Universität spielte, wo sie ihn morgens abgegeben hatte. „Hat er irgendwelche Rechte als Samenspender? Oder hat er sie abgetreten?“

„Alle unsere Spender müssen unterschreiben, dass sie auf sämtliche Rechte verzichten. Damit sind sie automatisch auch von der Pflicht entbunden, Unterhalt zu zahlen.“

„Dann kann ich dem Mann also sagen, dass er nach dem Gesetz nicht der Vater meines Sohnes ist?“

„So ist es.“

Erleichtert atmete Stella auf. „Hat er noch andere Kinder gezeugt?“

„Diese Information ist vertraulich.“ Die Blondine lächelte eisig. „Ich kann Ihnen jedoch sagen, dass Mr Montoya sämtliche Spenden zurückgezogen hat und nicht mehr mit Westlake Cryobank zusammenarbeiten wird.“

„So? Wann hat er das getan?“

„Letzte Woche. Das ist nicht ungewöhnlich. Der Spender kann plötzlich in einer anderen Lebenssituation sein, verheiratet zum Beispiel, und möchte deshalb seine Spenden nicht mehr zur Verfügung stellen.“

„Verstehe. Aber wie hat er herausgefunden, wer ich bin und wo ich wohne?“

Ms English tippte eine Minute lang auf ihrer Tastatur herum, dann lehnte sie sich zurück. „Hm, wahrscheinlich schadet es nichts, Ihnen zu sagen, dass Sie als Einzige seinen Samen gekauft haben.“

„Wenn er also ein talentierter Hacker ist, kann er in Ihren Datenfundus eindringen …“

„Das ist ganz ausgeschlossen!“

Wieder seufzte Stella leise. „Aber warum bin ich die Einzige in den letzten zehn Jahren, die seine Spende ausgewählt hat?“

„Das kann ich Ihnen auch nicht genau sagen. Wir haben ungefähr dreißigtausend Spender. Bei Mr Montoya fällt auf, dass er nicht nur kein Amerikaner, sondern offenbar auch stolz auf seine Herkunft ist. Denn er hat extra angegeben, dass er aus Spanien, besser gesagt Katalonien kommt. Das mag manche Interessentin abgeschreckt haben.“

Und das war genau das, was Stella besonders angezogen hatte. Wahrscheinlich war den meisten unbekannt, wo Katalonien lag, während Stella darüber ziemlich genau Bescheid wusste. Katalonien war eine Provinz Spaniens mit einer einzigartigen Kultur, mit eigener Sprache und eigenen ...

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