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Ein König für Deutschland

ANDREAS ESCHBACH

EIN KÖNIG FÜR DEUTSCHLAND

Roman

BASTEI ENTERTAINMENT

Diejenigen, die wählen, entscheiden gar nichts.
Diejenigen, die die Stimmen zählen, entscheiden alles.

Stalin

Teil I:
Das Programm

KAPITEL 1

Betrachten Sie das Folgende bitte als deutliche Warnung«, sagte der Richter und sah Vincent eindringlich an. »Sind Sie imstande, eine Warnung zu verstehen, Mister Merrit, wenn man sie als solche kennzeichnet und laut und deutlich ausspricht?«

»Ja, Euer Ehren«, beeilte sich Vincent mit heftigem Kopfnicken zu versichern und dachte: Er darf mir an den Kopf schmeißen, was er will, Hauptsache, ich komm hier heil raus!

»Das sollten Sie auch. Denn wenn man Sie noch einmal erwischt, wie Sie irgendwelche illegalen Dinge mit einem Computer anstellen, dann, Mister Merrit, werden Sie Ihre Freiheit für sehr, sehr lange Zeit los sein.« Der Richter, Seine Ehren Alfred J. Straw, sprach so laut und so deutlich, dass seine Stimme von den Wänden und der reich verzierten Decke des Gerichtssaals 2 des Philadelphia Municipal Court widerhallte. »Und um Ihrer Vorstellungskraft hinsichtlich dessen, was das bedeutet, auf die Sprünge zu helfen, verurteile ich Sie zu einer Woche Arrest im Oak Tree Detention Center. Die Strafe ist sofort anzutreten.«

Damit fiel der Hammer.

Vincent fand die Woche im Gefängnis in der Tat überaus eindrucksvoll, besonders den Abend, an dem ihn eine Gruppe Lebenslänglicher in der Dusche zu vergewaltigen versuchte. Die Wächter retteten ihn in letzter Minute und verlegten ihn in einen anderen Zellenblock, wo er anschließend viel Zeit hatte, über sein Leben nachzudenken. Er kam zu dem Schluss, dass ihn in Philadelphia eigentlich nichts mehr hielt und im Staate Pennsylvania auch nichts, wenn er schon dabei war. Er würde nach Florida gehen. Er hatte schon immer nach Florida gehen wollen. Sonne, Strand und schöne Mädchen. Wenn er die Mühen eines gesetzestreuen Lebens auf sich nehmen wollte, dann konnte er das genauso gut im Warmen tun.

Nach seiner Rückkehr aus dem Gefängnis stellte er fest, dass seine Freundin ausgezogen war, was ihn angesichts des Zustandes, in dem ihre Beziehung zuletzt gewesen war, nicht im Geringsten wunderte. Dass sie die meisten Möbel mitgenommen hatte, auch solche, die ihr nicht gehörten, war eher hilfreich, denn so passte seine restliche Habe ohne Probleme in seinen rostigen Ford Kombi.

So überquerte Vincent Wayne Merrit im Alter von 21 Jahren erstmals eine Staatsgrenze. Nicht, dass es ihm grundsätzlich an Umzugserfahrung gemangelt hätte: Mit seiner Mutter Lila Merrit, deren einziges und darüber hinaus uneheliches Kind er war, hatte er in den ersten 18 Jahren seines Lebens 19-mal den Wohnsitz gewechselt, allerdings immer innerhalb Pennsylvanias, meistens von Philadelphia weg oder nach Philadelphia zurück und stets im Zusammenhang mit irgendwelchen Liebesgeschichten seiner Mutter, die ihm von Kindesbeinen an erklärt hatte: »Mach dir nichts draus, wenn du ein schräger Vogel bist; deine Mutter ist auch einer.« Über seinen Vater erzählte sie ihm nie etwas. Er musste erst den Code des Schlosses an ihrem Tagebuch knacken, um seinen Namen zu erfahren.

Besagte Tagebücher verwahrte seine Mutter in einem geräumigen Regal neben ihrem Bett. Für jedes Jahr gab es ein eigenes Buch, das die jeweilige Jahreszahl auf dem Rücken trug und mit einem Zahlenschloss gesichert war, das über drei kleine, gerändelte Zahlenräder verfügte. Der damals zehnjährige Vincent sagte sich, dass der Code demzufolge aus einer dreistelligen Zahl bestehen musste. Das wiederum hieß, dass er, wenn er bei 000 anfing und alle Kombinationen bis 999 durchprobierte, unweigerlich auf die richtige kommen würde. Eines Nachmittags, als seine Mutter außer Haus war, schlich er sich in ihr Schlafzimmer, holte das Tagebuch seines Geburtsjahrs heraus, probierte die Zahlen zwischen 000 und 010 durch und stoppte die Zeit, die er dafür benötigte: zwanzig Sekunden. Das multiplizierte er mit 100 und gelangte zu dem überraschenden Resultat, dass er bei diesem Tempo den Code in etwas mehr als einer halben Stunde knacken konnte. Was weitaus schneller war, als er befürchtet hatte.

Tatsächlich brauchte er keine zehn Minuten, denn die gesuchte Zahl lautete 216 – das Datum von Vincents Geburt, der am 16. Februar 1977 das Licht der Welt erblickt hatte. Dies lehrte Vincent etwas über die Art und Weise, wie Menschen Passwörter und Geheimcodes wählen, das ihm später oft von Nutzen sein sollte.

Er knackte gleich auch noch den Code des Tagebuchs vom Jahr davor. Diesmal probierte er es sofort mit dem Geburtstag seiner Mutter: mit Erfolg. Mit einer eigenartigen Erregung, die damit zu tun hatte, in verbotenes Territorium einzudringen, las er die Einträge seiner Mutter über seinen Vater, wie sie ihn kennengelernt und wie sie ihn verführt hatte. Vieles von dem, was er las, sollte er erst Jahre später verstehen, aber er fand den Namen seines Vaters und seine Adresse. Eine Adresse in Deutschland. Er musste auf einer Landkarte nachsehen, wo das lag. Nach einigem Nachdenken schrieb er seinem Vater heimlich einen Brief, nicht ahnend, dass er damit dessen Scheidung auslöste.

Vincent erreichte Florida im Mai des Jahres 1998, fuhr ohne konkreteres Ziel umher und landete schließlich in Daytona Beach. Hier verbrachte er ein paar Wochen in einem winzigen Haus zwischen Palmen, von dem aus es nicht weit bis zum Strand war, und stellte in dieser Zeit Folgendes fest: Erstens, dass er es langweilig fand, an einem Strand herumzuliegen. Zweitens, dass der Monitor seines Computers empfindlich spiegelte, eine Eigenschaft, die sich in einer sonnigen Gegend unangenehmer bemerkbar machte als im eher trüben Pennsylvania. Und drittens, dass es zwar schrecklich lange dauerte, Ersparnisse anzusammeln, sie aber schrecklich schnell zur Neige gingen, wenn man davon zu leben versuchte.

Mit anderen Worten: Er brauchte einen Job.

Vincent hatte sich das Programmieren selbst beigebracht und war gut darin. Um genau zu sein, war er der Beste, seiner Überzeugung nach zumindest. Seine bisherigen Arbeitgeber hatten diese Überzeugung zwar nicht unbedingt geteilt, waren im Prinzip aber zufrieden mit seiner Arbeit gewesen, und hätte er nicht mehr gemacht als diese – hätte Vincent seine Freizeit mit, sagen wir, Baseball, Fernsehen oder Mädchen verbracht –, es hätte nie Probleme gegeben. Aber Vincent hielt wenig von Sport, ertrug das Stillsitzen vor einem Fernseher nicht und war in Bezug auf Mädchen der Ansicht, dass sie einen bei allen Vorzügen doch sehr von der Arbeit abhielten. Denn Vincent verbrachte auch seine Freizeit am liebsten mit Arbeit, vorausgesetzt, diese Arbeit hatte mit Computern zu tun.

An Jobangeboten für derart disponierte Leute herrschte auch in Florida kein Mangel. Leider erfuhren aber die meisten Firmen, bei denen er vorstellig wurde, auf irgendeine Weise – bei der zweifellos ebenfalls Computer eine tragende Rolle spielten – von seiner Verurteilung und seiner Gefängnisstrafe und zeigten sich danach wenig geneigt, ihn einzustellen. So vergingen die Wochen, und seine Ersparnisse nahmen mit bedenklicher Geschwindigkeit weiter ab, nicht zuletzt, weil er den Radius seiner Suche immer mehr ausdehnen und deswegen mehr fahren musste.

In Oviedo, einem Ort in der Nähe von Orlando, fand er schließlich ein Unternehmen, das sich an seinem Vorleben nicht störte. Es handelte sich um eine Softwarefirma namens SIT, Sanchez Information Technology, deren Inhaberin, Consuela Margarita Sanchez, eine dralle kleine Exilkubanerin, sich im Gegenteil an den fachlichen Details seiner Untat überaus interessiert zeigte. »Ein Trojaner?«, wiederholte sie mit unverkennbarer Faszination. »Und Sie haben fünfzigtausend Kreditkartennummern damit gestohlen?«

Vincent schüttelte entschieden den Kopf. »Das war der andere. Der sitzt noch.« Ihn schauderte bei dem Gedanken, wie es seinem ehemaligen Kollegen dabei ergehen mochte. »Ich habe bloß das Programm geschrieben. Ich hatte keine Ahnung, was er vorhatte.«

Das entsprach, obwohl ihm das der Richter nicht geglaubt hatte, der Wahrheit. Zumindest insoweit, dass Vincent nicht im Detail gewusst hatte, was Craig mit dem Trojanerprogramm vorgehabt hatte. Dass er etwas damit vorgehabt hatte, war ihm durchaus klar gewesen; er hatte sich aber eingeredet, dass Craig bestimmt nur jemandem bei der Bank, die sich als unerfreulicher Kunde erwiesen hatte, einen Streich spielen wollte. In Wirklichkeit hatte er einfach der Gelegenheit nicht widerstehen können, Craig zu zeigen, wer der bessere Programmierer war.

»Und wieso hat man Sie erwischt?«

Vincent wand sich auf seinem Stuhl. »Weil ich meine Signatur darin versteckt hatte. So eine Angewohnheit von mir.«

Das Trojanerprogramm hatte sich auf den Rechnern der Kreditkartenabteilung eingenistet, sich deren Mitarbeitern gegenüber als regulärer Login-Schirm ausgegeben und alle Passwörter an Craig weitergeleitet. Der hatte sich damit Zugang verschafft, Tausende von gültigen Kreditkartennummern abgerufen und übers Internet verkauft.

Und nicht dran gedacht, den Trojaner wieder zu löschen.

Consuela lächelte von einem ihrer dicken roten Ohrclipse zum anderen. »Wissen Sie was, Vincent? Sie sind ein Strolch, aber Sie gefallen mir.« Sie streckte die Hand über den Tisch. »Willkommen im Team.«

In der folgenden Zeit sollte Vincent feststellen, dass Consuela eine ausgesprochene Vorliebe dafür hatte, gescheiterte Existenzen um sich zu versammeln. Unter den Programmierern von SIT wimmelte es von illegalen Einwanderern, ehemaligen Sträflingen, pleitegegangenen Unternehmern, bankrotten Spielern und Drogenabhängigen in sämtlichen Stadien der Sucht. Doch sie alle einte ein Verlangen, das weitaus stärker war: das Fieber des Programmierens, die Lust an der Beherrschung der Maschine, die Begierde nach Bildschirm, Tastatur und Rechenleistung. Jeder von ihnen, egal was er im Leben versiebt haben mochte, glaubte mit jeder Faser seines Seins, es mit Computern aber so was von drauf zu haben, dass dem Rest der Welt nichts blieb als ehrfurchtsvolle Resignation.

Eine echte Herausforderung für Vincent.

Das Gehalt war nicht überwältigend, aber wenn die Geschäfte gut liefen, spendierte Consuela allen, die nach sieben Uhr abends noch da waren, Pizza oder was vom Mexikaner, Inder oder Chinesen, je nach Wochentag. Also blieben sie, sorgten dafür, dass die Geschäfte gut liefen, und schonten ihre Wohnungen. Sie entwickelten ein Ausleihsystem für eine Musikbibliothek, komplett mit Laserscannern und Diebstahlschutz, eine Immobilienverwaltung für eine große Real Estate Agency, die laufend Sonderwünsche nachreichte und am Ende um jeden Dollar feilschte, ein Betriebssystem für einen Poolreinigungsroboter mit zu wenig Speicherplatz, und im Frühjahr des Jahres 2000 hatte Vincent es endlich geschafft: Consuela berief ihn zum Chefprogrammierer.

Falls er an seinem Leben noch etwas auszusetzen fand, dann höchstens, dass man ihn beim Einkaufen immer noch fragte, ob er neu in Florida sei, er sei so blass.

Seine neue Stellung umfasste tägliche Meetings mit Consuela Margarita Sanchez, oft mit Kunden, Interessenten oder Beratern. Was bei diesen Treffen besprochen und festgelegt wurde, musste Vincent anschließend den übrigen Programmierern in geeigneter Weise vermitteln, was sich einfacher anhörte, als es war: Huck nahm grundsätzlich nicht an Besprechungen teil. Fernando bestand auf handschriftlichen, durchnummerierten Listen mit klaren Anweisungen. Alvin akzeptierte allenfalls Vorschläge und wollte immer eigene Ideen einbringen, die leider immer schlechte Ideen waren. Xuan sagte gern »Ja, kein Problem« und machte hinterher, wozu er Lust hatte. Ramesh brauchte Druck, weil er sonst tagelang an einer einzigen Zeile Code bastelte, während Claudio anfing, Tippfehler zu machen und nervös aufs Klo zu rennen, sowie das Wort »Termin« fiel. Steve schließlich schlug jedes Mal vor, sie sollten sich einfach alle zusammensetzen und das Konzept von Grund auf neu entwickeln, was, wenn man ihn hätte machen lassen, dahin geführt hätte, erst einmal das binäre System grundsätzlich in Frage zu stellen.

In seiner neuen Stellung bekam Vincent im Lauf der Zeit Einblick in die Probleme der Geschäftsführung und die Sorgen und Nöte einer Unternehmerin. Er erfuhr, dass sich SIT um Aufträge der Staatsregierung bemühte. »Wenn man da erst mal drin ist«, schwärmte Consuela, »kommt immer eins zum anderen. Dann fließt regelmäßig Geld, und wir müssen uns keine Sorgen mehr um die Gehälter machen.« Consuela machte sich nämlich immer sehr viele Sorgen.

In einer dieser Besprechungen begegnete Vincent Ende August des Jahres 2000 zum ersten Mal einem hochdynamisch wirkenden, unverschämt gut aussehenden Mann, den Consuela ihm als Frank Hill vorstellte. Hill war Abgeordneter der republikanischen Partei und enger Vertrauter von Jeb Bush, dem Gouverneur von Florida, für den er einige Jahre zuvor als Vizegouverneur kandidiert hatte. Consuela war glühende Anhängerin der republikanischen Partei, ihrer Überzeugung nach die einzige politische Kraft, die Castro die Stirn zu bieten entschlossen war und damit die einzige Hoffnung auf Freiheit für ihr Heimatland.

In der Besprechung ging es jedoch nicht um Politik, sondern um Geschäfte. Der Abgeordnete war gekommen, um verschiedene IT-Projekte der Staatsregierung durchzusprechen, um zu sehen, welche davon SIT im Auftrag der Administration realisieren konnte. Vincent nahm an diesen Gesprächen als technischer Berater teil; an ihm war es, jeweils die Machbarkeit und den Aufwand zu beurteilen.

In den folgenden Wochen fanden ein Dutzend solcher Besprechungen statt, denen rasch einige überaus lukrative Aufträge folgten. Vincent begriff, dass Hill sozusagen in einer Doppelrolle anwesend war: Solange sie zu dritt beisammensaßen, war Frank Hill der Auftraggeber, der Anforderungen definierte und Termine aushandelte. Danach, wenn Frank Hill und Consuela die Besprechung zu zweit fortsetzten, wurde der Abgeordnete zum Berater, der ihr half, die Angebote so zu formulieren und die Preise so zu gestalten, dass sie den Zuschlag erhielt.

Es dauerte eine Weile, ehe Vincent mitbekam, dass sich Frank Hill für diese Tätigkeit als Berater und Lobbyist bezahlen ließ.

Die staatlichen Aufträge bescherten SIT einen nach den turbulenten Zeiten der Dot-Com-Krise willkommenen Aufschwung. Tatsächlich ging es der Firma bald so gut wie noch nie, seit Vincent dabei war. Alle Programmierer bekamen komfortablere Bürosessel, am Schwarzen Brett tauchten Bestellformulare edlerer Lieferdienste auf, und Consuela begann, über einen Anbau nachzudenken, eine luxuriösere Eingangshalle und, vielleicht, einen Pool für alle Mitarbeiter.

Während eines Meetings Ende September des Jahres 2000, sechs Wochen vor der anstehenden Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, wollte der Abgeordnete Frank Hill wissen, ob SIT ein Programm für Wahlcomputer entwickeln könne, das imstande sei, das Endergebnis einer Abstimmung zu verändern, ohne dass jemand die Manipulation entdecken würde. Ein Prototyp genüge.

KAPITEL 2

Der Abgeordnete hatte überaus konkrete Vorstellungen hinsichtlich des zu erstellenden Programms. Er zählte sie an seinen sorgsam manikürten Fingern ab: »Erstens, es muss für Touch-Screen-Geräte geeignet sein. Zweitens, ein eingeweihter Benutzer muss ohne zusätzliche Ausrüstung imstande sein, die Veränderung der Auszählung auszulösen. Drittens, die Programmierung muss so gestaltet sein, dass diese Eingriffsmöglichkeiten verborgen bleiben, selbst wenn der Quellcode inspiziert werden sollte.«

An diesem Punkt faltete Frank Hill seine sorgsam manikürten Hände und sah Vincent mit jenem treuherzig-freundlichen Augenaufschlag an, der auch seine Wahlplakate zierte und ihm in seinem Leben zweifellos schon viele Stimmen betagter Wählerinnen eingebracht hatte. »Denken Sie, dass Sie das hinkriegen, Vincent?«

Vincent hatte einen Moment lang das Gefühl, das alles nur zu träumen. Bestimmt würde er gleich aufwachen und sich in seinem Bett wiederfinden.

Dann war der Moment vorbei, und er saß immer noch im Besprechungsraum, an dem großen Tisch aus falschem Teakholz mit den zehn Stühlen darum herum. Ihm gegenüber saßen eine Unternehmerin, die im Alter von 11 Jahren zusammen mit ihrer Tante unter Lebensgefahr aus Kuba geflohen war, und ein Abgeordneter, der gar nicht wusste, was Lebensgefahr war.

Und der ihn immer noch treuherzig ansah. Seine Freundlichkeit allerdings fing an, einer gewissen Ungeduld zu weichen.

»Verstehe«, sagte Vincent und räusperte sich, weil er nicht wusste, was er sagen sollte. Ob er ein Programm für einen Wahlcomputer schreiben könne? Wollte ihn der Kerl auf den Arm nehmen? Etwas Einfacheres gab es ja wohl nicht. Vielleicht abgesehen von einem Programm für einen Getränkeautomaten. Wenn Taste 1 gedrückt und Geldbetrag ausreichend, werfe eine Flasche Cola aus. Wenn Taste 2 gedrückt und Geldbetrag ausreichend, werfe eine Flasche SevenUp aus. Und so weiter. »Aber entschuldigen Sie, Sir, ich fürchte, ich verstehe nicht, wozu das dienen soll. Ich meine, diese Geräte werden von ihren Herstellern mit Software ausgestattet –«

»Frank und … andere machen sich Sorgen, dass die Demokraten versuchen könnten, die Wahlen in Florida zu stehlen«, mischte sich Consuela ein. Sie klang, als glaube sie das tatsächlich. »Sie wollen anhand eines solchen Programmes herausfinden, wie man Wahlmanipulationen erkennen und verhindern kann.«

Der Abgeordnete nickte bekräftigend. »Genau. Das habe ich vergessen zu erwähnen.« Er hob die Schultern, lachte. »Ich habe das jetzt schon so vielen Leuten erklärt, dass ich das Gefühl habe, die ganze Welt weiß, worum es geht.«

Es klang so ehrlich, so aufrichtig, so geradeheraus, dass Vincent ihm kein Wort davon abkaufte.

Andererseits war ihm klar, dass ihm seine Chefin die Hölle heiß machen würde, wenn er jetzt eine moralische Diskussion anfing, anstatt die Wünsche des Kunden zu besprechen.

»Grundsätzlich«, begann Vincent also, »sind die ersten beiden Anforderungen kein Problem.«

Der Abgeordnete hob die Brauen. »Das heißt, die dritte ist eines.«

»Wenn jemand, der etwas vom Programmieren versteht, die Möglichkeit hat, den Quellcode einzusehen, ließe sich eine Funktion zur Veränderung des Auszählungsergebnisses praktisch nicht verbergen«, erklärte Vincent. »Wenn der Code jedoch kompiliert wird, ehe ihn jemand zu sehen bekommt, trifft das genaue Gegenteil zu: In dem Fall wäre es nahezu unmöglich, eine Manipulation zu erkennen.«

Der Blick, mit dem der Abgeordnete ihn ansah, bewies klar, dass Frank Hill nichts vom Programmieren verstand.

»Das müssen Sie mir erklären.«

»Okay.« Vincent räusperte sich. Lange her, dass er das jemandem hatte erklären müssen. »Denken Sie sich den Quellcode eines Programms als die Version, die ein Mensch lesen kann. Ein Programm ist in einer bestimmten Programmiersprache geschrieben, die aus verschiedenen Befehlen besteht. Ein Programm zu kompilieren heißt, es in eine Version umzuwandeln, die eine Maschine lesen kann. Diese Version nennt man Maschinencode oder Binärcode, weil sie nur noch aus einer langen Reihe von Bits besteht, aus lauter Nullen und Einsen, mit denen ein Mensch nichts mehr anfangen kann. Wenn Sie nur das kompilierte Programm vor sich haben, können Sie nicht feststellen, ob es dazu dient, eine Waschmaschine zu steuern oder eine Interkontinentalrakete.«

Das ließ sich der Politiker durch den Kopf gehen, dann fragte er: »Aber wenn man diese Version, von der Sie sprechen – die eine Maschine lesen kann –, wieder in die andere umwandeln würde? Dann könnte man es, oder?«

»Nein. Die Kompilation ist ein Prozess, bei dem Informationen verloren gehen.« Wieder dieser glasige Blick. Er musste es einfacher ausdrücken. »Es ist gewissermaßen eine Einbahnstraße, Sir. Es geht nur in der Richtung vom Quellcode zum kompilierten Programm, aber nicht umgekehrt.«

»Okay …«, meinte Frank Hill und nickte bedächtig. »Und diese Kompilation … Wie geht die vonstatten?«

»Das bewerkstelligt ein anderes Programm, ein sogenannter Compiler. Der liest den Quellcode und macht Maschinencode daraus.«

In diesem Stil ging es ein paar Minuten hin und her, dann mischte sich auch Consuela ein und erklärte alles noch einmal von vorn, bis der Abgeordnete den zentralen Punkt begriffen hatte: »Mit anderen Worten, wenn ein Wahlcomputer mit einem fertig kompilierten Programm ausgestattet wäre, könnte das mit den abgegebenen Stimmen machen, was es will?«

»Genau«, sagte Vincent.

Frank Hill nickte beifällig, lehnte sich in seinem Sessel zurück, fuhr sich mit der Hand über das Kinn und den Hals, als müsse er beides glatt streichen, und meinte: »Okay. Schreiben Sie mir so etwas.«

»Einen Prototypen, meinen Sie«, hakte Consuela ein.

»Genau.«

»Den Sie sich anschauen können, nicht wahr? Testen. Mit dessen Hilfe Sie den Verantwortlichen demonstrieren können, was möglich ist.«

»Exakt«, sagte der Abgeordnete.

Consuela Sanchez setzte ihr kilometerbreites Lächeln auf. »Das werden wir tun.«

»Bis wann können Sie liefern?«, fragte Frank Hill.

Dass Vincent daraufhin seinen Terminkalender zückte, schien ihn misstrauisch zu machen. »Ich hätte jetzt erwartet, dass Sie technisch auf dem neuesten Stand sind«, sagte er und holte einen Organizer heraus, einen der neuen Palm Handhelds mit farbigem TFT-Display.

Vincent musterte die chaotisch bekritzelten Seiten seines Kalenders, der ihn nur drei Dollar gekostet hatte. Tatsächlich kannte er keinen Programmierer, der einen elektronischen Organizer benutzte. Die Dinger nannte man »Manager-Tamagotchis« und betrachtete sie als Spielzeug für Wichtigtuer.

»Für wirklich wichtige Sachen finde ich Papier eigentlich das Beste«, meinte er und blätterte die kommenden Wochen durch, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie einigten sich darauf, dass Hill der Firma SIT ein Exemplar eines Wahlcomputers zur Verfügung stellte; danach würde Vincent vierzehn Tage Zeit haben, um einen ersten Prototypen zu erstellen.

Der Abgeordnete kämpfte einige Minuten mit seinem Mini-Computer, bis er endlich alles in die entsprechenden Rubriken eingefüttert hatte. »Ist noch ganz neu«, meinte er.

***

Ein paar Tage später fand Vincent morgens ein Exemplar eines Wahlcomputers mit Touch-Screen auf seinem Schreibtisch vor, und er begann mit der Arbeit.

Die vom Hersteller mitgelieferte Software lag natürlich ebenfalls nur als Binärcode vor. Was Vincent dem Abgeordneten über die Unzugänglichkeit von Binärcode erzählt hatte, stimmte nicht ganz – es gab grundsätzlich die Möglichkeit, ein Binärprogramm zumindest so weit zu entschlüsseln, dass man ermitteln konnte, was es eigentlich tat. Man nannte das Dekompilation oder Disassemblierung, doch wäre dies eine sehr schwierige, hochgradig fehleranfällige Arbeit gewesen, die sich ohne Weiteres über Monate hätte hinziehen können. Es war wesentlich einfacher, ein komplett neues Programm zu schreiben, das später nur genauso aussehen würde wie das mitgelieferte, und deswegen machte es Vincent so.

Das Erste, was ein Wahlcomputer benötigte, war eine Möglichkeit, die zur Wahl stehenden Kandidaten einzugeben. Vincent schrieb eine Funktion, die auf dem Schirm exakt so aussah wie das Original, und legte die erfassten Namen in einer Datenbank ab, wobei jeder Eintrag über eine eindeutige Nummer angesprochen werden konnte. Wenn er testhalber »Tarzan« und »Cheetah« als Kandidaten eingab, entsprach »Tarzan« programmintern der Nummer 1 und »Cheetah« der Nummer 2. In genau dieser Reihenfolge wurden die Namen auch angezeigt, wenn das Gerät auf den für die eigentliche Wahl bestimmten Modus eingestellt war.

Die Maschine arbeitete so, dass ein Wahlhelfer die Abstimmung von außen freigeben musste. Danach betrat der Wähler die Kabine mit dem Wahlcomputer, drückte auf das Feld, in dem der Name des Kandidaten stand, für den er stimmen wollte, und anschließend auf eine Bestätigungstaste. Daraufhin verschwand die Kandidatenliste vom Schirm, eine Meldung »Sie haben Ihre Stimme abgegeben« erschien, und das dem entsprechenden Kandidaten zugeordnete Zählfeld wurde um eins hochgesetzt. Damit war die Maschine wieder gesperrt, und es bedurfte einer erneuten Freigabe für den nächsten Abstimmvorgang.

Am Ende der Wahl konnte man die Maschine mit dem entsprechenden Schlüssel zurück in den Verwaltungsmodus schalten und über einen anzuschließenden Drucker die aufaddierten Stimmen ausdrucken: Fertig war die Auszählung.

Das alles nachzubauen war einfach. Vincent brauchte nur wenige Tage, bis sein Programm dem Original so weit glich, dass er die Versionen selber nicht mehr unterscheiden konnte. Aber natürlich war das nicht das eigentliche Ziel. Das eigentliche Ziel war ein Programm, das mehr konnte als das Original.

Vincent definierte unsichtbare Tasten in den Ecken des Bildschirms. Ein Eingeweihter brauchte diese Tasten nur in einer ganz bestimmten Reihenfolge zu drücken, um an diese Zusatzfunktionen heranzukommen. Vincent legte einen Code fest, der so aussah: einmal oben links, zweimal oben rechts, einmal unten links, noch einmal oben rechts. Wenn man anschließend auf eines der mit den Namen der Kandidaten beschrifteten Felder tippte, wurden die für diesen abgegebenen Stimmen mit der Gesamtzahl der Stimmen verglichen. Hatte der Kandidat sowieso die Mehrheit, passierte nichts. Führte ein anderer Kandidat, wurden die gespeicherten Zahlen innerhalb von Sekundenbruchteilen so abgeändert, dass der angetippte Kandidat mindestens 51 % der Stimmen erhielt. Die übrigen Kandidaten bekamen die verbliebenen 49 % der Stimmen in etwa dem Verhältnis zugeteilt, das sie vor der Veränderung gehabt hatten.

Auf diese Weise würde der Austausch der Software unentdeckt bleiben. Wenn anstatt der Herstellersoftware Vincents Programm auf den Wahlcomputern installiert war, würde kein Testlauf vor der Wahl, gleichgültig wie gründlich, einen Hinweis darauf liefern, dass etwas nicht stimmte. Die Abstimmungsergebnisse veränderten sich erst, wenn eine eingeweihte Person eingriff – doch auch das würde unentdeckt bleiben, da dabei alle Daten so abgeändert wurden, dass der interne Zusammenhang erhalten blieb. Die einzige Möglichkeit, festzustellen, dass nicht die originale Software lief, wäre gewesen, deren Bitmuster mit dem von Vincents Programm zu vergleichen – was nicht ging, da der Hersteller seine Software als Betriebsgeheimnis behandelte und keinerlei Informationen darüber herausgab.

Am Tag vor dem vereinbarten Treffen mit dem Abgeordneten rief Consuela Vincent zu einer Vorabbesprechung. Er nahm eine CD mit, die das Programm enthielt, sowie ein Exemplar seines Berichts, in dem er dessen Funktionsweise genau beschrieb, und erklärte, wie er sich das Treffen vorstellte: »Wir bauen die Maschine im Besprechungszimmer auf. Wenn Mister Hill da ist, stimmt jeder von uns einmal ab, und zwar für Tarzan. Wir drucken die Auszählung aus und werden sehen, dass drei Stimmen für Tarzan abgegeben wurden und keine für Cheetah. Anschließend gebe ich den Geheimbefehl ein, wir drucken die Auszählung noch einmal aus und werden das Ergebnis erhalten, dass Cheetah mit zwei zu eins Stimmen gewonnen hat.«

Anschließend, fuhr er fort, würde er anhand des Quellcodes erklären, wie die Funktion realisiert war und anhand welcher Hinweise man die Manipulation aufdecken konnte. Vorausgesetzt, man war im Besitz des Quellcodes.

Consuela streckte die Hand nach der CD aus und nahm sie an sich. »Sie verstehen nicht, Vincent«, knurrte sie. »Wenn wir weiter Staatsaufträge bekommen wollen, müssen wir die Manipulation im Quellcode verborgen halten. Das Programm wird benötigt, um die Wahl in Florida zu kontrollieren.«

Diese Worte bewirkten, dass sich Vincents Magen verkrampfte. Was meinte sie damit? Er setzte an, nachzufragen, doch dann sagte ihm etwas im Gesichtsausdruck seiner Chefin, dass er das besser bleiben ließ, also ließ er es bleiben und sagte stattdessen: »Das geht nicht. Das wissen Sie so gut wie ich. Wenn jemand den Quellcode hat, kann er die Manipulation sehen.«

Consuela Sanchez stand auf. »Ich werde Frank geben, was Sie gemacht haben. Ende der Diskussion.«

Damit verließ sie den Besprechungsraum.

Vincent blieb noch einen Moment sitzen, wie betäubt von dem, was sich gerade abgespielt hatte.

Das in seinem Bauch war Angst, merkte er. Ihm war auf einmal, als höre er wieder die mahnende Stimme des Ehrenwerten Richters Alfred J. Straw. Und als röche er wieder den modrigfeuchten Geruch eines gewissen Duschraums …

Konnte das wahr sein? Dass die Republikaner vorhatten, die Wahl zu stehlen?

Vincent gehörte keiner Partei an, und Politik interessierte ihn nicht die Bohne. Wie die meisten Amerikaner war er nicht begeistert von der Aussicht, den steifen, oberlehrerhaften Al Gore als Präsidenten zu bekommen. Wie die meisten Amerikaner war er aber gleichzeitig überzeugt, dass dieser den Kandidaten der Republikaner schlagen würde, und zwar um Längen. Kein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hatte, würde den anderen wählen, dessen einziger Vorzug darin bestand, der Sohn eines ehemaligen Präsidenten zu sein und fast den gleichen Namen wie dieser zu tragen.

KAPITEL 3

Am Nachmittag des 7. November 2000 begab sich Vincent ins Wahllokal, um seine Stimme abzugeben.

Es war eigenartig, das zu tun, nachdem er sich einige Wochen zuvor intensiv damit beschäftigt hatte, wie man eine solche Wahl fälschen konnte. Er war froh, dass das Gerät, das er in der Kabine vorfand, ein anderes war als das, für das er das Programm geschrieben hatte.

Trotzdem. Es handelte sich auch um ein Touchscreen-Gerät. Es sah ein wenig anders aus, funktionierte ein wenig anders – egal: Vor seinem inneren Auge entstanden unwillkürlich Programmcodezeilen, Funktionsaufrufe, Datenstrukturen. Beim zweiten Mal entwickelt sich ein Stück Software viel leichter und schneller.

Vincent stimmte für Ralph Nader, den unabhängigen Kandidaten. Nicht, weil ihm der als Anwalt der Verbraucher berühmt gewordene Mann so sympathisch gewesen wäre, sondern weil er sich nicht überwinden konnte, für Al Gore zu stimmen, der sowieso haushoch gewinnen würde. Und seine Stimme George W. Bush zu geben, kam natürlich überhaupt nicht in Frage.

Piep! machte das Gerät, als er die Bestätigungstaste drückte, und auf dem Schirm erschien: Sie stimmen für: Ralph Nader. Bitte bestätigen Sie, indem Sie auf »Ja« drücken, oder drücken Sie »Abbrechen«, um von vorn zu beginnen.

Vincent drückte auf das Feld, in dem »Ja« stand. Die Beschriftung des Schirms wechselte: Ihre Stimme ist gezählt worden. Sie können die Wahlkabine nun verlassen.

War seine Stimme wirklich gezählt worden? Wie konnte er das wissen? Was, wenn er gerade sein eigenes Programm benutzt hatte? Dann würde es später keine Rolle spielen, wie er abgestimmt hatte. Sicher, das war nicht genau sein Programm. Aber es hätte nur einen Nachmittag Arbeit bedeutet, die Bildschirmausgaben entsprechend anzupassen.

Ratlos verließ er die Wahlkabine, musterte die Schlange der wartenden Wähler. Männer und Frauen jeden Alters, jeder Hautfarbe, gut gelaunte, grimmige und gelangweilt dreinblickende. Aber keiner darunter, der so wirkte, als mache er sich Sorgen, dass seine Stimme verfälscht werden könnte.

Woher kam dieses Vertrauen? Die meisten Leute glaubten doch kein Wort von dem, was ihnen ein Politiker erzählte. Eine Menge Leute zweifelten an einer Menge Dinge – an ihren Stromrechnungen, Steuerbescheiden oder daran, dass die Mondlandung tatsächlich stattgefunden hatte.

Bloß an Wahlmaschinen schien niemand Anstoß zu nehmen.

Es lag daran, erkannte Vincent, dass normale Leute keine Ahnung von Computern hatten. Sie waren es gewöhnt, dass Knöpfe zu drücken genau das bewirkte, was es bewirken sollte. Wenn man an einem Getränkeautomaten die Taste drückte, auf der »SevenUp« stand, dann landete eine eisgekühlte Flasche SevenUp im Ausgabefach. Wenn man am Telefon eine bestimmte Nummer wählte, erreichte man die Person, der diese Nummer gehörte. Wenn man an einem Bankautomaten das Feld berührte, auf dem »$60« stand, dann bekam man sechzig Dollar ausgezahlt, nicht mehr und nicht weniger.

Worüber sich niemand im Klaren zu sein schien, war, dass all das nur deswegen funktionierte, weil keine anderweitigen Absichten im Spiel waren. Niemand hatte etwas davon, jemandem, der SevenUp trinken wollte, eine Flasche Cola zu verkaufen – das hätte nur endlose Scherereien nach sich gezogen.

Tatsächlich aber existierte in modernen Maschinen keine zwangsläufige Verbindung mehr zwischen einer Taste und dem, was sie bewirkte. Wenn man das Feld »$60« auf dem Touchscreen des Bankautomaten drückte, lieferte einfach ein Bildschirmtreiber zwei Koordinaten, nämlich die des Punktes, an dem man den Schirm berührt hatte. Eine zweite Softwareschicht errechnete aus diesen Koordinaten, welches Feld gemeint war; gab vielleicht gleichzeitig einen Impuls an einen anderen Prozess weiter, der mit einem kleinen Lautsprecher gekoppelt war und bewirkte, dass darüber ein Geräusch erzeugt wurde, das klang wie das Drücken einer Taste. Oder auch nur ein Piepsen, je nachdem, wie das programmiert worden war.

Erst der danach folgende Ablauf – zu ermitteln, ob das Konto ausreichende Deckung aufwies und, wenn ja, die übrige Maschinerie zu veranlassen, die entsprechenden Geldscheine aus dem Reservoir zu holen und in das Ausgabefach zu legen – führte dazu, dass man bekam, was man verlangt hatte. Aber man bekam es, weil die Bank kein Interesse daran hatte, einem mehr oder weniger Geld auszuhändigen als gewünscht.

Das war bei einer Wahl anders: Da gab es jede Menge Leute, die ein Interesse an einem bestimmten Wahlausgang hatten – darum ging es ja schließlich.

Die dicke Frau in dem grün karierten Jackett, die nach ihm die Wahlkabine betreten hatte, kam wieder zum Vorschein, sichtlich froh, eine eher lästige Pflicht als abgehakt betrachten zu können. Er stand hier nur im Weg herum, sagte sich Vincent und folgte ihr nach draußen.

Vor der Tür trat jemand mit einem Klemmbrett in der Hand auf ihn zu und wollte wissen, wie alt er sei und wen er gewählt habe.

»Al Gore«, log Vincent. Was ging den das an?

Auf dem Heimweg sagte er sich, dass sein ungutes Gefühl bestimmt nur eine Nachwirkung der Arbeit für Frank Hill, den Abgeordneten, war und mit der Zeit vergehen würde.

***

Am Abend ging Vincent früher nach Hause, als er es an einem normalen Tag getan hätte, fegte die Chipskrümel vom Sofa und setzte sich mit einem Bier vor den Fernseher, um die Auszählung der Stimmen zu verfolgen.

Bereits die ersten Ergebnisse, die hereinkamen, zeigten, dass die Wahl knapper ausgehen würde als erwartet. Die Südstaaten hatten für Bush gestimmt, der außerdem in Ohio, Indiana, den meisten Staaten des mittleren Westens und der Rocky Mountains gewonnen hatte. Gore hatte den Nordosten sicher – mit Ausnahme von New Hampshire, wo Bush sehr knapp gesiegt hatte –, die meisten der Staaten um die Großen Seen sowie entlang der Pazifikküste. Den Hochrechnungen zufolge konnten sowohl Al Gore wie auch George W. Bush jeweils achtundvierzig Prozent der Wählerstimmen für sich verbuchen. Es würden die verbleibenden vier Prozent sein, deren Verteilung die Wahl entschied.

Schließlich waren nur noch eine Handvoll Staaten offen. Wisconsin und Iowa hatten noch kein verlässliches Ergebnis. Desgleichen New Mexico und Oregon.

Und Florida. Florida bedeutete fünfundzwanzig Wahlmännerstimmen. Fünfundzwanzig Stimmen, die nach dem Stand der Dinge alles entscheiden würden. Derjenige, der Florida gewann, würde der nächste Präsident der Vereinigten Staaten werden.

Zwölf Minuten vor acht Uhr gab NBC bekannt, nach Hochrechnung der ersten Auszählungen sowie den Wählerbefragungen ginge Florida an Al Gore. Zwei Minuten und elf Sekunden später bestätigte CBS diese Einschätzung, und anderthalb Minuten später erklärte auch der Voter News Service Gore zum Gewinner in Florida und damit zum künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika.

In einem Interview mit George W. Bush erklärte dieser unbeeindruckt, die Prognosen der Nachrichtensender seien »schrecklich voreilig«.

Prophetische Worte: Tatsächlich begann gegen halb zehn alles wieder ganz anders auszusehen. Nach und nach revidierten die Sender ihre Hochrechnungen, die Wahl in Florida galt wieder als unentschieden und die Wahl des Präsidenten ebenso.

Es versprach, eine lange Nacht zu werden. Vincent schob eine Tiefkühlpizza in den Herd und holte sich ein neues Bier.

Richtig spannend wurde es erst nach Mitternacht. Kurz nach zwei Uhr erklärten die Nachrichtensender Bush zum Sieger in Florida; den Hochrechnungen zufolge mit einem Vorsprung von über fünfzigtausend Stimmen.

Um halb drei machte Al Gore den üblichen Telefonanruf, um seinem Konkurrenten den Wahlsieg zuzusprechen. Er hielt sich zu dem Zeitpunkt in Nashville, Tennessee auf. Geplant war ein anschließender öffentlicher Auftritt, um seinen Anhängern für die Unterstützung zu danken. Doch noch ehe Gore die Bühne erreichte, gingen neue Berichte ein, wonach die Differenz in Florida tatsächlich nur um die tausend Stimmen betrug: Daraufhin sagte Gore seinen Auftritt ab, kehrte ins Hotel zurück und rief Bush erneut an, um das Eingeständnis seiner Niederlage zurückzuziehen.

Später wurde berichtet, Bush habe darauf geantwortet: »Na gut, Mister Vice President, Sie müssen tun, was Sie tun müssen.«

Worauf Gore erwidert haben soll: »Sie brauchen nicht schnippisch zu werden.«

Kurz vor vier Uhr zogen die Nachrichtensender ihre Hochrechnungen, wonach Bush Florida gewonnen habe, erneut zurück. Das Rennen war wieder offen – und Vincent so müde, dass er ins Bett ging.

***

Am nächsten Morgen galt sein erster Handgriff dem Computer, um per Internet den Stand der Dinge abzufragen.

Der sah so aus:

Al Gore hatte bundesweit 48 976 148 Stimmen gewonnen, George W. Bush nur 48 783 510.

Bush hatte 29 Staaten gewonnen und damit 246 Wahlmännerstimmen.

Auf Gore entfielen 18 Staaten und der District of Columbia, was ihm insgesamt 260 Wahlmännerstimmen sicherte.

Um Präsident zu werden, waren aber mindestens 270 Wahlmännerstimmen erforderlich. Nach dem Stand der Dinge bedeutete das weiterhin, dass die Wahl in Florida alles entschied.

Die Auszählungen in Florida hatten ergeben:

2 909 135 Stimmen für Bush.

2 907 351 Stimmen, also genau 1784 Stimmen weniger, für Gore.

Auf andere Kandidaten entfielen 139 616 Stimmen.

Ziemlich knapp also. Außerdem wurde über zahlreiche Pannen und Unregelmäßigkeiten im Verlauf der Wahl berichtet, besonders im Bezirk Palm Beach, wo sich Wähler über eine verwirrende Gestaltung der Stimmkarten beschwerten.

Da das Wahlgesetz von Florida aber ohnehin eine komplette zweite Auszählung vorschrieb, wenn der Stimmenvorsprung des Siegers ein halbes Prozent oder weniger betrug, wurde diese angeordnet.

Der Gouverneur von Florida, Jeb Bush, der Bruder des republikanischen Kandidaten, erklärte offiziell, dass er sich aus allen Vorgängen um die Durchführung der Wahl zurückgezogen habe. Diese unterstehe nun der Innenministerin, Katherine Harris.

Katherine Harris? Der Name sagte Vincent etwas. Er rief Google auf und wusste zehn Sekunden später, dass Katherine Harris gleichzeitig stellvertretende Wahlkampfleiterin für George W. Bush in Florida gewesen war1.

1 CBS News, 8. August 2001 – https://www.cbsnews.com/stories/2001/08/08/politics/main305435.shtml

KAPITEL 4

In den Tagen und Wochen, die folgten, konnte Vincent den Blick kaum von den Fernsehnachrichten lassen. Immer wieder dieselben Bilder: Staatsangestellte, die Lochkarten gegen das Licht hielten, flankiert von den Anwälten beider Kandidaten. Grell kostümierte Proteste von Bush-Anhängern. Öffentliche Erklärungen der kaum weniger grell geschminkten Innenministerin.

Am Abend des 9. November waren die maschinellen Nachzählungen in 64 von Floridas 67 Wahlbezirken abgeschlossen, und einer inoffiziellen Hochrechnung von Associated Press zufolge führte Bush nur noch mit 362 Stimmen Vorsprung. Al Gores Anwälte verlangten eine Nachzählung von Hand in vier Bezirken, in denen es zu erheblichen Unregelmäßigkeiten beim Stanzen der Stimmkarten gekommen war: Palm Beach, Broward, Miami-Dade und Volusia. Die Innenministerin erklärte, es werde keine offiziellen Ergebnisse der Nachzählungen vor dem 14. November geben2.

Am Abend des 14. November gab Innenministerin Katherine Harris schließlich bekannt, Bush habe Florida gewonnen, mit einem Vorsprung von 300 Stimmen vor Gore3. Zu diesem Zeitpunkt waren die USA längst das Gespött der ganzen Welt.

Vincent hatte – wie alle – völlig den Überblick verloren, welches Gericht welche Regeln, wonach Stimmkarten gültig oder ungültig waren, ob man von Hand zählen durfte oder nicht, ob unvollständig durchgestanzte Löcher als Stimme zählten oder nicht, erlaubte oder verbot, welcher Distrikt von Hand zählte und welcher die Handzählung beendet, ausgesetzt oder wieder aufgenommen hatte, und wenn ja, in welchen Bezirken, und ob die Innenministerin die Ergebnisse berücksichtigen musste oder nicht – falls sie überhaupt etwas sagen durfte, was zeitweise auch unklar war.

Am 22. November wurde bekannt, dass Bushs designierter Vizepräsident Dick Cheney mit einem milden Herzanfall ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Das konnte jeder nur allzu gut verstehen. Die rechtlichen Auseinandersetzungen waren unterdessen beim US Supreme Court angelangt, der höchsten Rechtsinstanz überhaupt, und dieser hatte eine Anhörung für den 1. Dezember angesetzt. Dessen ungeachtet – und auch ungeachtet der Tatsache, dass noch nicht alle Nachzählungen abgeschlossen waren – erklärte Innenministerin Katherine Harris am 26. November George W. Bush zum Sieger in Florida, nunmehr mit einem Vorsprung von 537 Stimmen. Dessen Bruder Jeb, Gouverneur von Florida, unterzeichnete hierauf die vorgeschriebenen Dokumente, womit die Wahl bis auf Weiteres rechtskräftig entschieden war4.

Am 12. Dezember, zehn Minuten nach Mittag, gab schließlich der Supreme Court sein Urteil bekannt. Es war mit fünf gegen vier Stimmen gefällt worden und inhaltlich sehr komplex, beschäftigte sich ausführlich mit den verfassungsrechtlichen Aspekten der Angelegenheit, widerrief die Entscheidungen des Florida Supreme Court und lief im Endergebnis darauf hinaus, dass Bush den Staat Florida gewonnen hatte und damit der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden würde.

Am darauffolgenden Tag erklärte Al Gore, dass er das Urteil anerkenne.

Am 18. Dezember 2000 trat das Wahlmännergremium zusammen. George W. Bush erhielt 271 Stimmen – eine mehr als notwendig – und wurde am 20. Januar 2001 vereidigt.

Und die ganze Zeit war nur von Lochkarten die Rede gewesen. Nicht von Wahlcomputern.

Trotzdem: Kurz nach der Vereidigung von George W. Bush fasste sich Vincent ein Herz und fragte seine Chefin geradeheraus, ob das Programm, das er geschrieben hatte, für den Ausgang der Wahl irgendeine Rolle gespielt habe5.

»Und wenn?«, fauchte Consuela Sanchez ihn an. »Wäre Ihnen dieser arrogante Demokrat etwa lieber gewesen?«

Aus der Art und Weise, wie ihre Augen dabei glühten, schloss Vincent, dass sie nicht geneigt war, seinen weitergehenden Befürchtungen Gehör zu schenken. Denn dummerweise hatte er – aus alter Gewohnheit, aus Programmiererehre und vor allem aus Trotz – in dem fraglichen Programm seine Urheberschaft dokumentiert, sodass man, falls es tatsächlich in dieser Wahl zum Einsatz gekommen sein sollte und dies irgendwann irgendjemand herausfand, ihm unter Umständen einen Strick daraus drehen konnte.

In den darauffolgenden Wochen schlief er schlecht, so schlecht, dass er schließlich einen Arzt aufsuchte und sich ein entsprechendes Medikament verschreiben ließ. In der Apotheke, in der er sich die Pillen holte, stand ein Mädchen auf der anderen Seite der Theke, das nicht nur atemberaubend aussah, sondern auch auf seine platten Sprüche ansprang. Als er sie fragte, ob sie Lust habe, mit ihm ins Kino zu gehen, sagte sie: »Okay«, worauf Vincent witzelte: »Dann werd ich die Pillen vielleicht gar nicht brauchen.«

Tatsächlich kam er nicht einmal dazu, die Packung zu öffnen.

Sie hieß Rosie. Mit ihr gelang es ihm, seine Sorgen zu vergessen und sogar ein wenig Farbe zu bekommen, weil sie gerne an den Strand ging und Vincent auch, wenn sie dabei war.

***

Einer der Aufträge, die SIT vom Staate Florida erhalten hatte, galt der Umstellung eines Teils des Staatsarchivs auf ein modernes Datenbanksystem. Da sich das Archiv in Tallahassee befand, rund 250 Meilen von Oviedo entfernt, beorderte Consuela ein dreiköpfiges Team dorthin, als das Projekt im Sommer 2001 in die heiße Phase ging – was bedeutete, Datenbestände zu sichern, zu konvertieren und in die neuen Tabellen zu übertragen, alles ohne Fehler natürlich. Vincent hatte die Aufgabe, einmal pro Woche die vier Stunden lange Autofahrt auf sich zu nehmen, um »nach dem Rechten zu sehen«.

Zu sehen gab es nicht viel: drei Männer in einem kleinen Kellerraum voller Computer und Kabelkästen, die kaum aufblickten, wenn er kam. Ramesh schien entschlossen, die Tastatur vor sich in Trümmer zu tippen. Fernando bohrte mit stieren Blicken Löcher in den Bildschirm und zerkaute dabei seine Unterlippe, weil ihm als dem Gründlichsten der ganzen Firma die Konvertierung der Datenbestände oblag. Allenfalls Steve kam auf einen Kaffee mit auf den Flur, erzählte ein bisschen, wie es so ging, und schloss seinen Bericht regelmäßig mit der Feststellung, man hätte, wenn man schon dabei war, das System von Grund auf neu konzipieren sollen.

Da Vincent die Zeit bis zur Rückfahrt irgendwie herumbringen musste, sah er sich in den Archivbeständen um. Er stöberte durch Karteischränke mit historischen Luftaufnahmen von Florida, stieß auf maschinengeschriebene Listen von Ernteerträgen an Zitrusfrüchten 1940–1949, auf Protokolle von Genehmigungsverfahren für Flughäfen, auf die persönlichen Notizen von Bob Graham, dem 38. Gouverneur von Florida, und auf Sitzungsprotokolle, Kostenvoranschläge und Rechnungen rund um das John F. Kennedy Space Center in Cape Canaveral.

Und auf die Originalunterlagen der Präsidentenwahl 2000: die gesamte Korrespondenz rund um die Frage der Verlängerung der Frist für die Nachauszählung – gedruckte E-Mails, Faxe, Briefe, Telefonprotokolle, Memoranden. Die von den Wahlaufsehern gemeldeten und beeideten Auszählungsergebnisse der einzelnen Distrikte und Bezirke. Berichte über ungewöhnliche Vorkommnisse – Störungen des Wahlverlaufs, Beschädigungen, Auseinandersetzungen.

Und Berichte über Fehlfunktionen der Geräte.

Wer nur die Nachrichten verfolgt hatte, musste den Eindruck gewonnen haben, in Florida sei ausschließlich mit zu lochenden Stimmkarten gewählt worden. Wenn Vincent es nicht selber anders erlebt hätte, hätte er das auch geglaubt.

Tatsächlich war eine Vielfalt von Stimmzetteln zum Einsatz gekommen. Stimmzettel auf Karton, bei denen man neben dem Kandidat seiner Wahl ein Loch stanzen musste. Stimmzettel auf Papier, bei denen man den Kandidaten seiner Wahl ankreuzte.

Und Stimmzettel, die auf Touchscreen-Bildschirmen angezeigt worden waren.

In Volusia County war es in der Wahlnacht zu einem technischen Versagen von Geräten der Firma Diebold gekommen. Die zentrale Auswerteeinheit hatte für den Präsidentschaftskandidaten einer sozialistischen Partei über neuntausend Stimmen ausgewiesen, für den demokratischen Kandidaten Al Gore dagegen minus sechzehntausend6. Die für die Durchführung der Wahl Verantwortlichen hatten daraufhin den Computer neu gestartet, der anschließend ein neues Ergebnis errechnet hatte: 97 063 Stimmen für Bush und 82 214 Stimmen für Gore7. Dieses Ergebnis wurde, da es vernünftig aussah, gemeldet.

Vincent brach der Schweiß aus, wie er da zwischen den metallenen Regalen stand und diesen Bericht las. Gut, das konnte ein Fehler in der Software des Herstellers sein. Das war die wahrscheinlichste Erklärung.

Bloß – wie wahrscheinlich war es, dass ein Hersteller von Wahlcomputern seine Software nicht so absichern würde, dass sie keine Minuswerte für die Auszählung abgegebener Stimmen ausgeben konnte?

Vincent war diese Möglichkeit nicht in den Sinn gekommen, deswegen hatte sein Programm keine solche Prüfroutine. Andererseits hatte man von ihm auch nur einen Prototypen verlangt. Er hatte das Ding mehr oder weniger aufs Geratewohl in die Maschine gehämmert …

Er schloss die Akte, legte sie zurück, atmete tief durch. Die Luft roch staubig.

Das interessierte niemanden mehr, sagte er sich.

***

Die Sache mit Rosie ging gut bis zu einem Dienstagmorgen im September, an dem sie nebeneinander auf dem Rand der Badewanne saßen und zusahen, wie sich in der ovalen Aussparung der Plastikumhüllung eines Schwangerschaftstests nach und nach zwei lila Streifen bildeten.

Genauer gesagt ging es gut bis zu dem Moment, in dem Vincent, ohne nachzudenken, »Oje« sagte.

»Was heißt das?«, fragte Rosie mit dünner Stimme.

Das wusste Vincent in dem Moment selber nicht so genau, aber vorsorglich räumte er ein, sich nicht sicher zu sein, ob er schon reif genug sei für ein Kind und alles, was damit zusammenhing. Worauf Rosie in Tränen ausbrach.

Seine Versuche, das Gesagte abzuschwächen, umzudeuten oder zurückzunehmen, machten alles nur noch schlimmer. Irgendwann schrie sie und warf ihm äußerst hässliche Vorwürfe an den Kopf, bis er sich wünschte, die Erde möge sich auftun und ihn verschlingen oder es möge sonst irgendetwas passieren.

Tatsächlich passierte etwas: Zwei vollgetankte Passagierflugzeuge rasten in die Türme des World Trade Centers, ein drittes ins Pentagon. Vincent und Rosie erfuhren davon durch einen Telefonanruf ihrer Mutter, die immer nur schrie, sie sollten den Fernseher einschalten, sie sollten den Fernseher einschalten, es sei furchtbar. Sie schalteten den Fernseher ein und sahen die Bilder der Einschläge, wieder und wieder, was sie den Rest des Tages in einer Art Schreckstarre verbringen und ihre Auseinandersetzung erst einmal vergessen ließ.

Einige Tage später ging Rosie zum Arzt. Der stellte fest, dass das mit ihrer Schwangerschaft ein Fehlalarm gewesen war, wie er bei frei käuflichen Tests immer wieder vorkam. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – wurde es nie wieder so wie vorher.

Um Weihnachten herum verschärfte sich die Krise, weil Vincent sich dagegen sträubte, Rosies Eltern zu besuchen, und im darauffolgenden Frühjahr lernte Rosie jemand anders kennen, einen Urologen, mit dem sie nach New York zog.

Vincent war traurig und erleichtert zugleich. Traurig, weil es wieder mal nichts geworden war – und wahrscheinlich nie etwas werden würde, weil die Frau, die zu ihm passte, eine Hackerin sein musste, und wie viele gab es davon auf der Welt? – und erleichtert, weil er so die ständigen Auseinandersetzungen der letzten Zeit endlich los war.

»Du musst lernen, damit zu leben«, meinte seine Mutter, als er ihr am Telefon davon erzählte. »Du bist eben mein Sohn.« Sie seufzte. »Das mit Bert ist übrigens auch aus. Ich zieh nächste Woche wieder nach Philadelphia.«

»Bert?«, wunderte sich Vincent. »Ich dachte, er hieß Jeremiah?«

»Das war der davor«, korrigierte sie ihn mit mildem Tadel in der Stimme.

»Der Börsenmakler?«

»Nein, das war Richard. Jeremiah war der mit der Pferdezucht. Seinetwegen bin ich doch nach Longwood rausgezogen.«

»Ach so«, sagte Vincent und beschloss, sich nicht mehr auf Affären einzulassen. Dann strich er Rosies Namen in seinem Adressbuch durch und widmete sich wieder seiner Arbeit.

***

Im Sommer 2002 verschwand der Abgeordnete Frank Hill aus dem Alltag der Firma SIT: Wegen seiner Verdienste um den Staat Florida und hymnisch gelobt von Gouverneur Jeb Bush entsandte ihn das Parlament als Sprecher ins Repräsentantenhaus, und er zog nach Washington, D.C., um.

Das alles beherrschende Thema des Jahres war der Irak: Besaß Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen, oder hatte er vor, welche anzuschaffen? Die Inspektoren der Vereinten Nationen fanden keine diesbezüglichen Spuren, aber die amerikanische Regierung behauptete, sie ließen sich von Saddam täuschen. Im Oktober 2002 schließlich autorisierte der Kongress8 Präsident George W. Bush, die vom Irak ausgehende Bedrohung mit militärischen Mitteln zu beseitigen, sollte er dies als notwendig erachten. Wann immer man in diesen Wochen den Fernseher einschaltete, ging es um den Irak und ob es zum Krieg kommen würde.

Im selben Monat9, aber weitgehend ohne öffentliche Reaktion, wurde der »Help America Vote Act«10 verabschiedet, ein Gesetz zur Neugestaltung der Abläufe künftiger Wahlen. Entworfen auf der Grundlage der Erfahrungen mit der problematischen Präsidentenwahl 2000, las es sich auf den ersten Blick ganz vernünftig: Lochkartengestützte Wahlsysteme sollten abgeschafft, die Identifizierungspflicht für Wahlberechtigte bundesweit einheitlich geregelt und die Möglichkeit, dass ein Wähler eine provisorische Stimme abgeben konnte, wenn er irrtümlich nicht im Wählerverzeichnis stand, eingeführt werden.

Wichtigster Punkt war jedoch, dass drei Milliarden Dollar bereitgestellt wurden, um neue Wahlcomputer anzuschaffen.

Und zwar modernste Geräte mit Touchscreen-Steuerung.

Vincent, der in ein größeres Apartment umgezogen war und sich ein neues Auto gekauft hatte, einfach weil er es sich jetzt leisten konnte, las diese Nachricht mit Unbehagen. Seine Angst, eines Tages aus heiterem Himmel verhaftet und zurück ins Oak Tree Detention Center gebracht zu werden, hatte inzwischen zwar deutlich nachgelassen, trotzdem beschäftigte ihn die Sache. Er stellte ein paar Recherchen an – nichts Tiefschürfendes, halt was sich per Internet so in Erfahrung bringen ließ – und stieß auf seltsame Dinge.

Es gab nur wenige Hersteller von Wahlcomputern. Unter diesen beherrschten zwei Firmen – Election Systems & Software (ES&S) und Diebold – den Markt: Achtzig Prozent aller Wählerstimmen in den USA würden bei der nächsten Präsidentenwahl mit Maschinen dieser beiden Hersteller gezählt werden.

Die Firma ES&S aus Omaha, Nebraska, war ein geradezu unheimlicher Gigant: Der international größte Produzent von Wahlmaschinen hatte weltweit über 170 000 Geräte im Einsatz, die jährlich in über dreitausend Wahlen benutzt wurden und im Schnitt achtzig Milliarden Wahlstimmen zählten11.

Dabei war ES&S eine Firma im Privatbesitz. Es gab keine Bundesbehörde, die irgendeine Art der Aufsicht darüber hatte, was dort getan und wie die Maschinen gebaut wurden.

Der Vorstandsvorsitzende von ES&S und der Vizepräsident von Diebold waren Brüder12.

Und der Vorstandsvorsitzende von Diebold war Mitglied der republikanischen Partei und hatte erkleckliche Beträge für die Kampagne zur Wiederwahl George W. Bushs gespendet13.

2 Im Einzelnen ging es folgendermaßen weiter: Am nächsten Tag verlor Gore New Mexico wieder; auch dort wurden Nachzählungen angesetzt. Oregon dagegen war ihm inzwischen sicher.

Am 11. November forderte das Team um Bush eine Bundesanordnung, die Auszählungen von Hand zu stoppen, wegen verschiedener verfassungsrechtlicher Bedenken.

Am 12. November kündigte Palm Beach County an, die Auszählungen von Hand, die ursprünglich nur für bestimmte Distrikte geplant gewesen waren, auf die Stimmzettel des gesamten Bezirks auszuweiten. Volusia County begann, über 184 000 Stimmzettel von Hand nachzuzählen.

Am 13. November erklärte Innenministerin Katherine Harris, sie werde den Termin, bis zu dem alle Nachzählungen abgeschlossen zu sein hatten – 14. November 2000 um 17 Uhr –, nicht verlängern. Daraufhin reichte Volusia County eine Klage dagegen ein; man verlangte, die Auszählung von Hand zu Ende bringen zu dürfen. Der Richter Donald Middlebrooks wies die Klage des Bush-Teams, die Handauszählungen zu untersagen, ab.

Am Abend entschied Broward County, die Handauszählungen einzustellen. Und am nächsten Morgen beschlossen die Verantwortlichen von Palm Beach, die Handauszählungen auszusetzen, bis geklärt war, ob sie das Recht hatten, damit weiterzumachen. In Miami-Dade jedoch fiel der einhellige Beschluss, drei Distrikte von Hand nachzuzählen, wie es die Anwälte Gores verlangt hatten.

Eine halbe Stunde vor Ablauf der Frist um 17 Uhr beschlossen die Verantwortlichen von Palm Beach, die Handauszählungen am nächsten Tag fortzusetzen, trotz eines zwischenzeitlichen Urteils des Richters Terry Lewis, dass der gesetzte Termin bindend sei und Ergebnisse danach zwar eingereicht, aber je nach den Umständen nicht berücksichtigt zu werden brauchten.

3 Die Bezirke setzten dessen ungeachtet ihre Nachzählungen fort, auch Broward County, die es sich inzwischen wieder anders überlegt hatten. Die Innenministerin reichte dagegen vor dem Florida Supreme Court Klage ein, die noch am selben Abend abgewiesen wurde. Daraufhin erklärte Harris, sie werde von den nach wie vor zählenden Bezirken einfach keine Ergebnisse mehr berücksichtigen.

Am 16. November appellierten Bushs Anwälte an den Bundesgerichtshof in Atlanta, die Nachzählungen von Hand zu stoppen, worauf Gores Anwälte eine Klage gegen diese Klage einreichten. Unterdessen entschied der Florida Supreme Court, dass der Bezirk Palm Beach mit seinen Handauszählungen fortfahren dürfe.

Am 17. November ergingen zwei Urteile von zwei verschiedenen Richtern: Das eine bestätigte, Innenministerin Harris habe das Recht, verspätet eingereichte Ergebnisse zu ignorieren, das andere untersagte ihr bis auf Weiteres, Aussagen darüber zu machen, welcher der beiden Präsidentschaftskandidaten Florida gewonnen habe. Miami-Dade beschloss unterdessen, die Handauszählung auf alle Bezirke auszuweiten. Und der US Appellationsgerichtshof wies die Klage des Bush-Teams ab, die händischen Nachzählungen verletzten die Verfassung.

Inzwischen war die Auszählung der Briefwahlstimmen abgeschlossen, für die der 17. November Termin gewesen war. Hierdurch vergrößerte sich Bushs Vorsprung auf 930 Stimmen.

4 In den folgenden Tagen war die Rede davon, dass hierbei 1000, nein, 4 700, nein, 14 000 Stimmzettel unberücksichtigt geblieben seien – je nachdem, wer sich dazu äußerte. Richter N. Sanders Saul ordnete an, sämtliche 450 000 Stimmzettel des Bezirks Palm Beach zusammen mit den verwendeten Wahlmaschinen zur Überprüfung an sein Gericht in Tallahassee zu schaffen, entschied wenige Tage später jedoch gegen Gore. Inzwischen waren eine für den normalen Bürger unübersehbare Anzahl von Gerichten mit Klagen, Gegenklagen, Anträgen und Gegenanträgen beschäftigt, bei denen es um Nachzählungen ging, nochmalige Nachzählungen oder darum, ob Briefwahlunterlagen zugelassen werden durften, die nicht den vom Wahlgesetz Floridas verlangten Poststempel trugen.

5 https://www.buzzflash.com/alerts/04/12/images/ CC_Affidavit_120604.pdf

6 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7.11.2006 – https://www.faz.net/s/ RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/ Doc~EAB3FEE92FF03488CB358520AE699D5BD~ATpl ~Ecommon~Scontent.html

7 https://www.motherjones.com/commentary/columns/2004/03/ 03_200.html

8 Die offizielle Bezeichnung lautet »Authorization for Use of Military Force Against Iraq Resolution of 2002«. Sie wurde am 10. Oktober 2002 im Repräsentantenhaus mit 296 zu 133 Stimmen verabschiedet, passierte den Senat am folgenden Tag mit 77 zu 23 Stimmen und wurde am 16. Oktober als Public Law Nr. 107-243 vom Präsidenten unterzeichnet.

9 am 29. Oktober, als Public Law 107-252

10 abgekürzt HAVA; Gesetzestext unter https://frwebgate.access.gpo.gov/cgi-bin/getdoc.cgi?dbname=107_cong_public_laws&docid=f:publ252.107

11 nach eigenen Angaben, siehe https://www.essvote.com/HTML/about/dyk.html

12 https://www.onlinejournal.com/evoting/042804Landes/ 042804landes.html https://www.americanfreepress.net/html/ private_company.html

13 CBS News, 28. Juli 2004 – https://www.cbsnews.com/stories/2004/07/28/sunday/ main632436.shtml

KAPITEL 5

Das Jahr 2003 brach an. Im März begann der Irak-Krieg und wurde im Mai für siegreich beendet erklärt, im Oktober wählten die Kalifornier Arnold Schwarzenegger zum Gouverneur, und im Dezember kam der letzte Teil von »Der Herr der Ringe« ins Kino.

Vincent ging ein paarmal mit Fernando zu einem Footballspiel und einmal mit Xuan und Steve zum Fischen. Ob sie eigentlich auch das Gefühl hätten, wollte er von ihnen wissen, dass ihr Leben so … na ja, vorprogrammiert sei? Ob es sich für sie auch so anfühle, als warteten keine Überraschungen mehr in der Schachtel?

Das sei vielleicht eine Berufskrankheit, wenn man als Programmierer so ein Gefühl habe, meinte Fernando.

Xuan hob nur die Schultern. »Kommt auf das Programm an, ob das gut oder schlecht ist.«

»Träumst du nicht davon, dass dir eines Tages mal was richtig Überraschendes passiert?«, fragte Vincent.

»Was zum Beispiel?«

»Was weiß ich … Dass du dastehst und weißt, du hast jetzt die Wahl, in die eine Richtung zu gehen und weiterzumachen wie bisher, oder in die andere, die ins Abenteuer führt, ins Unbekannte …«

»Ich glaube«, mischte sich Steve ein, »du musst dir mal grundsätzlich überlegen, was du eigentlich vom Leben erwartest.«

Dem vermochte Vincent nicht so richtig zu widersprechen, und so lief es am Ende darauf hinaus, dass sie die meiste Zeit auch nur wieder über Computer und die Arbeit redeten. Und da Vincent sich weder für Sport noch fürs Angeln so richtig erwärmen konnte, ließ er es nach diesen Experimenten damit gut sein.

Ein andermal übernahm er die Systemwartung in der Musikbücherei, weil Alvin an dem Tag unpässlich war. Dabei kam er mit einer der Bibliothekarinnen ins Gespräch, die hübsch war, ein herzhaftes Lachen hatte und mit der sich etwas hätte ergeben können. Sie gingen einen Kaffee trinken und unterhielten sich gut, aber irgendwie war Vincent wohl doch noch nicht über die Sache mit Rosie hinweg, jedenfalls fand er es besser, sich nicht wieder zu melden.

Anfang des Jahres 2004 zog die Firma SIT in ein großes, komplett neu errichtetes Gebäude am Rand von Oviedo um, und im Frühsommer feierten sie zehnjähriges Firmenjubiläum. Zur offiziellen Feier in den neuen Räumlichkeiten erschien Consuela Sanchez fast eine Stunde zu spät, in einem atemberaubenden Kleid und in derart aufgekratzter Stimmung, wie man sie an ihr noch nie erlebt hatte.

»Sie ist auf ’nem Trip«, diagnostizierte Alvin fachmännisch. »Ecstasy, würde ich sagen.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung, um klarzustellen, dass das für jemanden mit seiner Drogenerfahrung Kinderkram war.

»Vielleicht will sie die Firma verkaufen und sich zur Ruhe setzen«, unkte Claudio. »Wahrscheinlich hat sie gerade einen Kaufvertrag unterschrieben, der sie steinreich macht, und wir arbeiten demnächst für Redmond oder Armonk oder Schlimmere.« Seine Miene, die ohnehin nie die hellste war, verdüsterte sich noch mehr. »Falls wir überhaupt noch arbeiten.«

Wie sich herausstellte, hatte sich Consuela schlicht und einfach verliebt.

Wochenlang kursierten wilde Gerüchte. Niemand vermochte sich vorzustellen, wie ein Mann beschaffen sein musste, der das Herz der stolzen und auf ihre Unabhängigkeit bedachten Kubanerin zu erobern imstande war. Ein Macho? Ein Supermann?

Der Mann, den Consuela eines Tages durch die Firma führte, war eine ausgemergelte Gestalt mit hagerem Gesicht, schwarzen, glänzenden, nach hinten gekämmten Haaren, durchdringendem Blick und langen, schmalen Händen. Der Anzug, den er trug, sah teuer aus, schlotterte ihm aber am Körper und war gerade einen Tick zu modisch, als dass man von gutem Geschmack hätte sprechen können.

»Zantini«, sagte er mit starkem Akzent, als er Vincent gegenüberstand, den Consuela als ihren Chefprogrammierer vorstellte. »Benito Zantini. Angenehm.«

»Erfreut, Sie kennenzulernen«, erwiderte Vincent und schüttelte die dargebotene Hand.

Die Zantini gar nicht mehr losließ. Er schüttelte immer weiter, während seine Augen groß und größer wurden. »Junger Mann«, flüsterte er schließlich voller Besorgnis, »was ist denn mit Ihrem Ohr passiert?«

Vincent griff sich verdutzt ans rechte Ohr, dann ans linke. Beide fühlten sich genau so an, wie er es gewohnt war. »Wieso? Was soll damit sein?«

Irgendetwas musste damit sein, denn inzwischen machte auch Consuela große Augen.

Zantini ließ seine Hand los, fasste an Vincents rechtes Ohr. Im nächsten Moment spürte Vincent dort etwas Kaltes, Rundes … ein Hühnerei, das ihm Zantini gleich darauf mit erstaunter Miene vors Gesicht hielt. »Hier. Das ist doch nicht normal, oder?«

Consuela konnte nicht mehr an sich halten, prustete auf einmal los vor Lachen. »Benito ist Zauberer, müssen Sie wissen!«

»Illusionist«, korrigierte Zantini spitzlippig und steckte das Ei achtlos in die Tasche.

***

Kurz darauf gab Zantini eine Vorstellung für die Belegschaft von SIT. Es war die einzige Zaubervorstellung, die Vincent je von ihm erleben sollte, doch sie beeindruckte ihn über alle Maßen.

Es war der Abend vor dem Memorial Day, und sie hatten den Festsaal des Restaurants El Rancho, das Consuela bislang immer nur mit wichtigen Kunden aufgesucht hatte, für sich. Es gab Grillfleisch, so viel man wollte, jede Menge Salate und Gemüse auf mexikanische Art und natürlich die dazu passenden Getränke. Drei der jüngeren Sekretärinnen hatten sich verabredet, Huck – von dem es hieß, er habe noch nie etwas mit einer Frau (oder einem Mann) gehabt; sein Sexualleben beschränke sich auf das Aufstöbern kostenfrei zugänglicher Pornobilder im Internet – betrunken zu machen und dazu zu bringen, eine von ihnen zu küssen. Alvin und Steve wetteiferten, wer mehr Spareribs verdrücken würde; ihre Unterhaltung bestand irgendwann nur noch darin, dass sie einander Zahlen zuriefen wie »Zwanzig!« oder »Dreiundzwanzig!« oder mit den Gabeln fuchtelten und sich beschwerten: »Das Ding da zählt nur halb!«

So hatte die Stimmung einen ersten Höhepunkt erreicht, als nach und nach das Besteck auf die Teller gelegt wurde und die Körper matt nach hinten sanken, obwohl das Buffet noch immer so aussah, als gelte es, die Speisung der fünftausend durchzuziehen – eine Belegschaftsstärke, von der SIT mehrere Größenordnungen entfernt war und wohl auch immer bleiben würde.

Da ertönte aus verborgenen Lautsprechern ein Fanfarenstoß, das Licht im Saal ging aus, zwei einzelne Scheinwerfer beleuchteten den Vorhang und, als dieser beiseite glitt, den Mann auf der Bühne dahinter: Benito Zantini in Frack und Zylinder, der sich in den spontan aufbrandenden Applaus hinein verbeugte.

Es war eine grandiose Schau. Zantini ließ Bälle auftauchen, sich zwischen den Fingern seiner Hand vervielfältigen und wieder verschwinden. Er durchschnitt Schnüre, die nachher wieder heil waren, verbrannte – unter kollektivem Aufstöhnen – Geldscheine, um sie anschließend unversehrt wieder auftauchen zu lassen, und goss Wein in eine zusammengefaltete Zeitung, die am Schluss nicht einmal nass war. Er holte Tücher aus dem Nichts hervor, Tauben aus seinem leeren Zylinder und Blumensträuße aus den Hemdtaschen männlicher Zuschauer. (Einer davon war Huck, der, als Zantini ihm den Strauß aushändigte, ihn spontan der neben ihm sitzenden Sue-Ellen überreichte, worauf diese ihn ebenso spontan – und unter Bruch der Vereinbarung mit den anderen Mädchen – küsste.)

Den tollsten Trick aber – zumindest nach Vincents Meinung – vollbrachte Zantini, als er mit verbundenen Augen erriet, wo im Saal die Zuschauer in seiner Abwesenheit einen magischen Fingerhut versteckt hatten. Wobei Vincent den Trick möglicherweise deswegen so beeindruckend fand, weil er derjenige war, der Zantini bewachen musste. Er begleitete ihn nach draußen, verband ihm die Augen, setzte ihm Gehörschützer auf und sorgte auf jede nur erdenkliche Weise dafür, dass der Zauberkünstler nicht mitbekam, wie man sich drinnen im Saal auf ein Versteck einigte.

Es dauerte lange, bis jemand herauskam und Bescheid gab, dass sie kommen könnten. Zantini hatte die ganze Zeit stumm dagestanden, die Hände vor der Brust zusammengelegt. Vincent nahm ihm vereinbarungsgemäß die Ohrenschützer ab, ließ die Augen aber weiterhin verbunden und führte ihn so zurück in den Saal.

»Derjenige, der den Fingerhut zuletzt berührt hat, möge vor mich treten«, rief Zantini über das gespannte Getuschel hinweg.

Das war Ramesh, der sich erhob und herkam. Er grinste und zwinkerte Vincent in einer Art zu, die besagen sollte: »Von mir erfährt der nichts!«

»Treten Sie vor mich, mit dem Rücken zu mir, sodass ich Ihnen die Hand auf die Schulter legen kann«, verlangte der Zauberer.

»Okay«, sagte Ramesh, stellte sich vor ihn und grinste noch breiter. Zantini streckte die Hand aus, verfehlte Rameshs Schulter aber und bekam sie erst beim zweiten Versuch zu fassen.

»Und nun bitte ich um ab-so-lute Ruhe«, rief er mit Stentorstimme. »Ruhe und Konzentration. Bitte denken Sie alle an den Ort, an dem der Fingerhut versteckt liegt.«

Es wurde mucksmäuschenstill, so still, dass man die Klimaanlage summen hörte und auch, wie es in der Küche klapperte und wie vorne im Restaurantbereich ein Löffel oder dergleichen auf den Boden fiel. Die einzige Bedingung war gewesen, dass der Fingerhut aufrecht auf einer festen Unterlage stehen musste; es hatte ihn also nicht einfach jemand in die Tasche gesteckt. Aber feste Unterlagen gab es viele in diesem Saal, in dem ohne Probleme zweihundert Menschen verköstigt werden konnten.

»Gehen Sie jetzt langsam geradeaus und führen Sie mich durch den Saal, damit ich die Schwingungen erfassen kann«, sagte Zantini.

Ramesh tat wie geheißen, ging Schritt um Schritt zwischen den Tischen hindurch.

»Bewegen wir uns auf das Versteck zu?«, fragte Zantini und beantworte sich seine eigene Frage sogleich mit: »Nein, wir entfernen uns davon. Bitte in die andere Richtung.«

Ramesh wirkte einen Moment regelrecht erschrocken, folgte der Anweisung dann aber.

»Mehr nach links«, befahl Zantini. »Nein, mehr nach rechts. Weiter … Halt.« Er schwieg, wandte den Kopf hierhin und dahin, als könne er den kleinen Gegenstand wittern. »Weiter. Mehr links halten. Nein, jetzt nach rechts.«

Vincent, der ebenfalls keine Ahnung hatte, wo die anderen den Fingerhut versteckt hatten, behielt Consulea im Auge. Sie saß mitten in dem ganzen Trubel wie die ungekrönte Königin des Abends und strahlte aus allen Knopflöchern vor Stolz und, ja, Wohlwollen. Wenn es eine Person im Saal gab, von der er glaubte, dass sie mit Zantini zusammenarbeitete, dann war das Consuela – die aber beobachtete ihren Liebhaber genauso fasziniert und stumm wie der Rest der Belegschaft. Es sah absolut nicht so aus, als gebe sie ihm heimlich Zeichen – wie auch, Zantini sah ja nichts. Nein, eigentlich sah es eher so aus, als frage sich Consuela genau wie alle anderen einfach nur, wie dieser Mann mit verbundenen Augen einen so kleinen Gegenstand in einem so großen Saal finden wollte.

Schließlich hieß Zantini Ramesh vor einem Tisch anhalten. »Was sehen Sie auf dem Tisch?«

»Ich sehe zwei Kaffeetassen«, zählte Ramesh auf, von den um den Tisch Herumsitzenden großäugig angestarrt, »einen Kuchenteller mit einem halb gegessenen Kuchen, drei Weingläser, eine zusammengeknüllte Serviette, eine Blumenvase …«

»Heben Sie die Serviette hoch«, befahl Zantini.

Ramesh tat wie geheißen – und da stand der Fingerhut auf dem Tisch!

»Wie haben Sie das gemacht?«, fragte Vincent später, als die Vorstellung unter donnerndem Applaus zu Ende gegangen war und sie beide wieder an Consuelas Tisch saßen. »Woher wussten Sie, dass der Fingerhut ausgerechnet unter dieser Serviette auf ausgerechnet diesem Tisch stand?«

Zantini lächelte milde. »Junger Freund«, meinte er, »eins müssen Sie sich merken: Ein Zauberer verrät seine Tricks niemals. Das gebietet der Ehrenkodex der Illusionisten.«

»Aber …«, begann Vincent, doch dann sah er in Zantinis Augen, dass es nicht gelingen würde, ihn umzustimmen, und er gab es auf.

In der Entwicklungsabteilung diskutierten sie diesen Trick noch tagelang. Die meisten gingen davon aus, dass sich Zantini mit jemandem abgesprochen haben musste; auch die Theorie, der Fingerhut habe einen Peilsender enthalten, fand ihre Anhänger. Vincent allerdings zählte nicht dazu; er war sich sicher, dass Zantini keinerlei technische Gerätschaften bei sich getragen hatte.

Außerdem sah er den »magischen Fingerhut« wenig später bei Consuela auf dem Schreibtisch stehen; offenbar ein Geschenk Zantinis. In einem unbeobachteten Moment nahm Vincent ihn aus der Nähe in Augenschein, aber es war einfach nur ein Fingerhut aus rotem Kunststoff, ohne besondere Kennzeichen.

Rätselhaft.

***

Den Gerüchten zufolge, die danach die Runde machten, stammte Benito Zantini aus Italien, war mit einer Showtruppe in den USA unterwegs gewesen und allabendlich aufgetreten, vor mehr oder minder großem Publikum, je nachdem, wessen Schilderungen man glauben wollte. Eines Tages, hieß es, sei der Manager mit der Kasse und allen Pässen durchgebrannt, sodass die Artisten sozusagen gestrandet zurückgeblieben waren. Das war in Miami passiert, vor über einem Jahr, und seither schlug sich der Zauberkünstler als Taschendieb, Trickbetrüger und Lebemann durch.

Damit vereinigte Zantini alle Eigenschaften in sich, die Consuela an Menschen schätzte, mit denen sie sich umgab: Er befand sich illegal im Lande, beschäftigte sich mit verbotenen Dingen – und war ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Die Sekretärinnen drängten Vincent, er solle Consuela fragen, ob sie heiraten würde und vor allem, wann und wie und ob eine Feier in der Firma geplant war. Vincent weigerte sich, seine Chefin etwas derart Persönliches zu fragen; wenn sie das wissen wollten, sollten sie sie selber fragen. Worauf die Sekretärinnen zu Erpressung griffen: Wenn er nicht fragte, würden sie Anrufe für ihn nicht mehr durchstellen, sondern jedem, der ihn sprechen wollte, erklären, er sei fristlos gefeuert worden.

»Das könnt ihr nicht machen«, meinte Vincent.

»Können wir wohl«, sagten sie.

Als die ersten Beileidmails über Vincents privaten Account ankamen und ihn schließlich seine Mutter zu Hause anrief, um zu fragen, wieso er seinen Job verloren habe, gab er nach. Er befragte Consuela zu ihren Hochzeitsplänen, wobei er betonte, zu dieser Indiskretion genötigt worden zu sein.

Die Exil-Kubanerin lachte nur. »Benito hätte natürlich gern, dass ich ihn heirate. Aber ehrlich – was hätte ich davon? Er ist illegal im Land, und solange das so ist, hab ich ihn schön unter Kontrolle.« Sie sah Vincent mit vielsagendem Augenaufschlag an und gurrte: »Sie wissen doch – ich mag es, wenn ich Männer unter Kontrolle habe.«

Wer auch immer wen unter Kontrolle hatte, auf jeden Fall war nicht zu übersehen, dass Consuela, seit sie mit ihrem mageren Zauberkünstler zusammen war, immer weniger Zeit in der Firma verbrachte. Die bislang täglichen Besprechungen fanden nur noch alle zwei bis drei Tage statt. Und als das lukrative Datenbankprojekt im Staatsarchiv sich seinem Abschluss näherte, beauftragte Consuela, die bislang jede Endabnahme persönlich durchgeführt hatte, Vincent damit.

Also fuhr er ein letztes Mal nach Tallahassee. Da eine Endabnahme bedeutete, mit dem beim Kunden Zuständigen zu sprechen – in diesem Fall einem gewissen Herb Phillips –, wollte Vincent nicht zu spät kommen und fuhr besonders früh los. Und natürlich war ausgerechnet an diesem Tag nichts los auf den Straßen, sodass er viel zu früh da war. Mister Phillips sei noch in einer Besprechung, beschied ihn die Sekretärin und empfahl ihm die Cafeteria. Gute Idee, fand Vincent.

In der Cafeteria saß nur ein einziger anderer Gast, ein graubärtiger Mann, der unablässig seinen Kaffee rührte, während er das oberste Blatt eines ganzen Stapels von Unterlagen studierte.

»Sie werden ein Loch hineinmachen«, sagte Vincent, als er sich mit seinem eigenen Kaffee einen Tisch in der Nähe suchte.

Der Kopf des Mannes fuhr erschrocken hoch. »Bitte?«

»Der Boden«, sagte Vincent und zeigte auf den Kaffeebecher. »Sie werden ihn demnächst durchgewetzt haben.«

Der Mann richtete seinen Blick auf den Becher, als sehe er ihn zum ersten Mal. »Ach so«, sagte er. »Ja. Ich sollte nicht zwei Dinge auf einmal machen. Das ist sowieso weniger effizient, als man denkt.«

»Muss ja eine spannende Lektüre sein«, meinte Vincent und nahm am Nebentisch Platz.

»Wie man’s nimmt.« Der Mann hob die ersten paar Blätter hoch. Es waren dicht bedruckte Tabellen. »Abstimmungsergebnisse, aufgegliedert nach allen möglichen Kriterien. Lauter Zahlen. Da muss man sich konzentrieren. Ich bin Wahlforscher, müssen Sie wissen«, fügte er hinzu.

Ein heißer Schreck durchzuckte Vincent. Ausgerechnet! Er war einen Moment lang versucht, das Gespräch mit irgendeiner Floskel abzubrechen und die Zeit bis zu seinem Termin lieber mit einem Spaziergang herumzubringen. Aber dann sagte er sich, nein, er würde das jetzt durchstehen. Dem Schrecken ins Gesicht sehen und ihn dadurch besiegen.

Also blieb er sitzen und sagte: »Wahlforscher? Ich wusste nicht, dass das ein Beruf ist.«

Der Bärtige hob die Brauen, die nicht weniger buschig waren als sein Bart, und erklärte: »Präziser gesagt, bin ich Statistiker. Ich arbeite für ein privates Meinungsforschungsinstitut im Bereich von exit polls, also Wahltagsbefragungen.«

»Klingt interessant«, sagte Vincent, stolz, dass er auf eigene Faust über seine Ängste hinwegkam. »Und was macht man da so?«

»Wir befragen Wähler am Wahltag, wenn sie aus dem Wahllokal kommen, wie sie gestimmt haben, und versuchen daraus das tatsächliche Wahlergebnis hochzurechnen.« Er machte eine flatternde Bewegung mit der Hand. »Meistens im Auftrag von Nachrichtensendern und Zeitungen. Kein schlechtes Geschäft, aber weil das so einfach aussieht, machen es inzwischen derart viele, dass man sich schon ins Zeug legen muss, um seine Kunden zu behalten. Wie überall.«

Vincent nickte verstehend. »Sie meinen, wenn das tatsächliche Wahlergebnis zu sehr von Ihrer Vorhersage abweicht, sind Sie weg vom Fenster?«

»So ähnlich.«

»Wenn Sie sagen, dass das nicht so einfach ist, wie es aussieht – was ist daran schwierig?«

»Oh, das ist ein weites Feld«, meinte der Mann und begann, sich mit den Fingern durch den Bart zu fahren. »Zunächst ist es eine Frage statistischer Standards; nicht wahr, Sie müssen dafür sorgen, dass Ihre Stichproben groß genug sind und außerdem repräsentativ … Zum Beispiel ist allgemein bekannt, dass schwarze Amerikaner bevorzugt die Demokraten wählen, reiche Leute lieber die Republikaner und so weiter. Das muss man bei den Befragungen berücksichtigen und die Ergebnisse entsprechend umrechnen, sonst liegt man gewaltig daneben.«

Vincent nickte geflissentlich. »Verstehe.«

»Dann weigern sich natürlich viele Leute, Auskunft zu geben. Was ihr gutes Recht ist, aber der Anteil derer, die sich weigern, unterscheidet sich auch je nach politischer Orientierung. Da muss man Korrekturfaktoren in Anrechnung bringen, die sich aus dem Vergleich zwischen den Wahlergebnissen in einem Bezirk und der Hochrechnung aus den dortigen exit polls ergeben.«

Vincent nickte wieder, schon etwas weniger geflissentlich. »Ah ja.«

»Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist, dass die Befragten nicht immer die Wahrheit sagen. Manche Leute geben ihre Stimme aus Protest einem extremen Kandidaten, verheimlichen das aber gegenüber dem Interviewer. Das verfälscht ein Ergebnis natürlich auch, wobei dieser Effekt sehr schwer in den Griff zu kriegen ist.«

Vincent nickte nur noch, sagte aber nichts mehr.

»Ein anderes Phänomen ist, dass verschiedene Gruppen am Wahltag zu verschiedenen Zeiten wählen gehen. Ältere Leute, Mütter von kleinen Kindern und so weiter wählen meist früh am Tag, und da unsere Kunden möglichst sofort nach der Schließung der Wahllokale die ersten Hochrechnungen veröffentlichen wollen, sind solche Wählerschichten darin überrepräsentiert, während Wähler, die in letzter Minute auftauchen, überhaupt nicht berücksichtigt werden können.«

»Klingt tatsächlich alles komplizierter, als man denkt«, sagte Vincent. Vielleicht hätte er doch lieber den Spaziergang machen sollen.

»Aber« – der Bärtige hob dozierend den Zeigefinger – »es geht nicht darum, ob ein Nachrichtensender zwei Minuten früher als ein anderer Ergebnisse vorweisen kann. Wenn die Hochrechnungen von sorgfältig durchgeführten Wahltagsbefragungen statistisch signifikant vom amtlichen Endergebnis abweichen, kann das ein Hinweis auf Wahlbetrug sein –«

In diesem Augenblick erschien eine Frau in der Tür der Cafeteria und sagte: »Dr. Underwood? Sie können jetzt ins Archiv.«

Der Bärtige sprang auf, wobei er um ein Haar seinen Kaffee verschüttete, von dem er keinen Schluck getrunken hatte. Er raffte seine Unterlagen zusammen und beugte sich noch einmal linkisch zu Vincent herüber, um ihm die Hand zu schütteln. »Die stellen gerade ihr Archiv auf ein neues Computersystem um, und wie immer in solchen Fällen geht da alles drunter und drüber. Der Hausmeister findet nicht mal mehr die richtigen Schlüssel.« Er hüstelte. »Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen.«

Alles in allem, dachte Vincent, als er endlich in Ruhe seinen Kaffee trinken konnte, hatte er das doch gut gemeistert. Wurde auch Zeit, dass er diese blöden Ängste loswurde.

Die Endabnahme verlief ohne das geringste Problem. Mister Phillips, der zu Anfang des Projekts an allem herumzumäkeln gehabt hatte, unterschrieb das Formular nicht nur sofort, er war des Lobes voll und deutete sogar an, dass mit einem Folgeauftrag zu rechnen sei. Dann geleitete er Vincent bis zur Eingangshalle, um ihn zu verabschieden. Entsprechend hochgestimmt fuhr Vincent zurück. Das Leben war wunderbar.

Er rollte gegen fünf Uhr auf den Firmenparkplatz, sprang dynamisch-sportlich aus dem Wagen, durchquerte federnden Schrittes die Eingangstür, die Mappe mit der Endabnahme locker in der Hand. Das Leben war immer noch wunderbar, und am Empfang hatte Kathleen Dienst, die jedem ein Lächeln schenkte.

Heute lächelte sie nicht, und das hätte ihn misstrauisch machen sollen. »Sie möchten sofort zur Chefin kommen«, sagte sie mit einem Gesicht wie eine verschreckte Maus.

»Hatte ich sowieso vor«, erwiderte Vincent strahlend, hob vielsagend die Dokumentenmappe und eilte weiter in Richtung von Consuelas Büro.

Dort warteten zwei Männer in schlechten Anzügen, ein übergewichtiger Kleiderschrank der eine, ein mürrischer Zwerg der andere. Sie zeigten Ausweise vor, die sie als Polizisten auswiesen, und erklärten, es habe wieder einen Diebstahl von Kreditkartennummern in großem Stil gegeben. Es sei dabei abermals das Programm benutzt worden, das Vincent seinerzeit geschrieben und das ihm damals jene denkwürdige Woche Unterkunft auf Staatskosten eingebracht hatte. Was er dazu zu sagen habe?

»Ich wollte Sie anrufen und vorwarnen«, erklärte Consuela grimmig, »aber die haben mich nicht gelassen.«

Vincent nickte nur. Er glaubte auf einmal zu wissen, wie es sich anfühlte, wenn man von einem fliegenden Amboss getroffen wurde. Er öffnete den Mund und wollte, ja, wollte durchaus etwas dazu sagen, die Sache klarstellen, bereinigen, aus der Welt schaffen, aber aus irgendeinem Grund kam kein Ton heraus. Also klappte er den Kiefer wieder zu, starrte die Männer einfach nur an und versuchte sich zu erinnern, was man so sagte über Kaninchen und Schlangen. Irgendwie fühlte er sich gerade wie eins von beidem, auch wenn er nicht wusste, wieso.

Einer der Männer schob ihm einen Stuhl hin und sagte, er solle sich setzen. Er tat es.

»Ich weiß nichts davon«, brachte er endlich heraus. »Ich hab damit nichts zu tun.«

Der andere Mann nannte ihm Namen, die Vincent noch nie gehört hatte, also sagte er: »Kenne ich nicht.« Während er das wieder und wieder sagte, sah er Consuela mit zornloderndem Blick aufstehen und das Büro verlassen, sodass er mit den beiden Männern allein blieb.

»Woher hatten die Ihr Programm?«, fragte der Schrank.

»Weiß ich nicht«, erwiderte Vincent. »Nicht von mir jedenfalls.«

»Von irgendwoher müssen sie es ja gehabt haben.«

Vincents Kopf sank vornüber. Er fühlte sich auf einmal müde, unendlich müde. Nicht genug, dass sie zu Unrecht hinter ihm her waren, sie hatten offensichtlich auch keine Ahnung. »Programme kann man kopieren«, sagte er kraftlos.

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