Logo weiterlesen.de
Ein Kindermädchen zum Küssen

Jacqueline Diamond

Ein Kindermädchen zum Küssen

1. KAPITEL

Er hatte die Hose verkehrt herum an und Marmelade auf der Nase. Und sein Haar stand hoch, als ob … okay, da war offensichtlich auch Marmelade drin.

„Wie hast du es nur geschafft, dir das Zeug über das ganze Gesicht zu verteilen?“, fragte Rafe Montoya seinen vierjährigen Neffen Juan und trug ihn ins Badezimmer. „Ich habe euch doch Cornflakes zum Frühstück gegeben!“

„Ich hasse diese Sorte!“ Der kräftige kleine Kerl, dessen Augen fast so dunkel waren wie Rafes, saß mit trotzig vor der Brust verschränkten Armen da, während sein Onkel ihn mit einem Waschlappen abrieb.

„Du hast sie dir selbst ausgesucht!“ Oder doch nicht? Vielleicht war es auch Sofia, dachte Rafe, während er Juans Haar säuberte. „Außerdem wird es dich nicht umbringen, sie zu essen.“

Juan schlug rhythmisch mit den Absätzen gegen das Bord unter ihm. „Mom hat uns immer Tortillas mit Marmelade zum Frühstück gemacht!“

„Ich habe aber keine Tortillas mehr!“

Rafe war bewusst, dass dieses Durcheinander zum Teil seine Schuld war, weil er die Kinder beim Frühstück nicht beaufsichtigt hatte. Der Grund war ein Anruf seines Mechanikers Mario Stenopolous gewesen. Er hatte ihm die gute Nachricht mitgeteilt, dass die Ersatzteile für Sherry LaSalles Luxuslimousine endlich angekommen waren.

Rafe hatte Mario gebeten, sich sofort an die Arbeit zu machen. Je eher er seine versnobte Nachbarin loswurde, desto besser.

Was ihn bei der ganzen Sache am meisten ärgerte, war, dass er ihren Wagen umsonst reparieren musste. Aber das war billiger, als sich einen Anwalt zu nehmen, um zu beweisen, dass der Schaden an ihrem Auto nicht seine Schuld war.

Vor zwei Monaten hatte Rafe nach der Reparatur des Motors die Schlüssel Sherrys Verlobtem übergeben, einem arroganten Kerl namens Winston Grooms III, und zwar in der Annahme, dass Winston den Wagen in Sherrys Auftrag abholte. In Wirklichkeit jedoch war der Mann damit vor dem FBI geflohen und hatte die Limousine nach Entfernung aller abnehmbaren Teile am Flughafen von Las Vegas stehen lassen.

Rafe war angewiesen worden, ihn kostenlos zu reparieren. Gleichzeitig war Sherry, der Winston ihr ganzes Vermögen gestohlen hatte, direkt gegenüber von Rafe eingezogen – in ein Cottage, das sie ursprünglich hatte abreißen lassen wollen, um es durch eine protzige Villa zu ersetzen. Ach, zum Teufel mit dieser Frau! Rafe hatte Wichtigeres zu tun, als über sie nachzudenken. Zum Beispiel, seine Nichte und seinen Neffen zur Tagesmutter zu bringen.

„Onkel Rafe?“, fragte Sofia von der Badezimmertür aus. Die Kleine hatte ein echtes Talent dafür, sich unbemerkt anzuschleichen. „Kämmst du mir die Haare?“

„Habe ich das nicht schon getan?“ Rafe setzte Juan runter, der sofort durch die Tür schoss und dabei um ein Haar seine Schwester umgerannt hätte.

Sofia schüttelte ihre schwarze Mähne, die mit Krümeln übersät war.

Bestimmt hatte sie sie absichtlich darin verteilt. Das Kind war geradezu ausgehungert nach Aufmerksamkeit. Rafe versuchte, seine Ungeduld zu zügeln, indem er sich ins Gedächtnis rief, was die Kleine alles hatte durchmachen müssen, nahm die Bürste und machte sich an die Arbeit – schon wieder.

Bis zum letzten Sommer hatte Rafe noch nie in seinem Leben verklettete Haare gekämmt oder das Gesicht eines Vorschulkinds geschrubbt. Abgesehen von gelegentlichen Geschenken oder Familientreffen hatte er nichts mit den Zwillingen zu tun gehabt.

Doch dann waren sein Bruder Manuel und dessen Frau Cara bei dem Versuch ums Leben gekommen, die Pferde ihrer Arbeitgeber aus einem Buschfeuer zu retten. Gott sei Dank waren die Zwillinge damals über Nacht bei ihren Großeltern gewesen.

Da seine Eltern aus gesundheitlichen Gründen als Ersatzeltern für die Kleinen nicht infrage kamen, hatte Rafe die Waisen kurzerhand bei sich aufgenommen und im April schließlich adoptiert. In manchen Situationen fühlte er sich allerdings noch genauso hilflos wie am Anfang. Wie sollte er nur mit Juans Aufsässigkeit und Sofias Anhänglichkeit fertigwerden?

„Okay, Kinder!“, rief er. „Nehmt eure Rucksäcke.“

Prompt protestierte Juan, während Sofia Rafes Bein umklammerte. Gut, dass sie es nicht weit hatten.

Rafe schloss die Haustür hinter sich zu. Die hufeisenförmige Straße mit ihren knapp zwanzig verputzten Einfamilienhäusern lag im Herzen einer hübschen Siedlung namens Harmony Circle in Brea, einem kleineren Ort im Binnenland von Orange County.

Rafe warf einen Blick auf Sherry LaSalles Cottage. Es bereitete ihm zwar nicht direkt Genugtuung, dass Winston Grooms mit Sherrys Geld durchgebrannt war, aber er war trotzdem froh, dass seine Aussicht jetzt doch nicht durch einen protzigen Neubau verschandelt wurde. Vor einiger Zeit hatte er sogar eine Initiative gegründet, um den Abriss des charmanten Cottages aus den Zwanzigerjahren zu verhindern.

„Seht mal da!“, rief Sofia entzückt. „Die Prinzessin!“

Bewundernd betrachtete sie die zierliche Frau, die gerade mit wirbelndem rosa Kleid und klappernden Absätzen aus besagtem Cottage kam, um in das alte Auto zu steigen, das Rafe ihr zur Verfügung hatte stellen müssen – natürlich ebenfalls kostenlos. In der Sonne sah Sherrys blondes aufgestecktes Haar aus wie gesponnenes Gold.

Rafe musste zugeben, dass die siebenundzwanzigjährige ehemalige Primadonna der feinen Gesellschaft von Orange County noch immer genauso umwerfend aussah wie früher, als sie noch Geld besessen hatte. Doch ihre stolze Körperhaltung konnte nicht verbergen, dass es ihr nicht gut ging. Zu seiner Überraschung empfand Rafe auf einmal fast Mitleid mit ihr. Plötzlich verarmt unter ausgerechnet den Menschen wohnen zu müssen, die sie sich zu erbitterten Feinden gemacht hatte, war bestimmt nicht leicht.

Als Sherry sich hinters Steuer setzte, warf sie ihm einen flüchtigen Blick zu. Durch die sich spiegelnde Windschutzscheibe kam es Rafe so vor, als verzerrte sich ihr hübsches Gesicht zu einer höhnischen Grimasse.

„Prinzessin trifft es gut“, murmelte er abfällig.

„Ich dachte, sie ist eine Hexe“, wandte Juan ein.

Rafe hatte seine Nachbarin früher öfter so bezeichnet. „Kommt weiter, Kinder. Könnt ihr nicht hören, wie die Autos in meiner Werkstatt schon nach mir rufen?“

„Kann die Hexe eigentlich zaubern?“, fragte Juan hartnäckig weiter, während sie über die Straße gingen.

„Wenn sie das könnte, würde sie ihren fiesen Verlobten bestimmt von da zurückholen, wohin er sich verkrochen hat.“ Rafe hatte den Kindern bereits erklärt, dass Sherrys Freund mit ihrem ganzen Geld verschwunden war.

„Ob sie wohl einen Zauberstab hat?“, fragte Sofia verträumt.

„Wer weiß? Auf jeden Fall ist sie ausgezeichnet darin, Männer zum Verschwinden zu bringen.“ Vor dem Debakel mit Winston, dessen Name in Wirklichkeit Wally Grinnell war, hatte Sherry sich von einem reichen älteren Anwalt scheiden lassen und zusätzlich zu der üppigen Erbschaft ihrer Eltern noch einen Haufen Unterhalt zugesprochen bekommen.

Ihr Vermögen wurde auf etwa zehn Millionen Dollar geschätzt, die allerdings dank ihres Verlobten jetzt futsch waren. Wirklich ironisch, dass Rafe, ein Kfz-Mechaniker, der sein Haus und seine Werkstatt nur mit Mühe finanzieren konnte, inzwischen mehr Geld besaß als die Frau, die bis vor Kurzem noch hochmütig auf Menschen wie ihn hinabgeblickt hatte.

Und ihrem Gesichtsausdruck von gerade eben nach zu urteilen, tat sie das immer noch.

Rafe ging mit den Kindern an dem neben Sherrys Haus liegenden Bungalow vorbei, welcher der achtzigjährigen Minnie Ortiz gehörte. Aus dem Haus daneben drangen lebhafte Kinderstimmen.

Ängstlich umklammerte Sofia Rafes Hand.

„Es wird bestimmt ganz toll hier“, sagte Rafe beruhigend, während er darauf wartete, dass die Tür aufging.

„Ich will nach Hause“, jammerte Sofia.

„Dahin gehen wir ja auch. Aber erst, wenn ich mit der Arbeit fertig bin.“

„Ich meine mein echtes Zuhause.“

„Das ist leider nicht möglich. Ich fürchte, wir müssen einfach das Beste aus der Situation machen.“ Wie lange würde es wohl noch dauern, bis die Kinder den Verlust ihrer Eltern akzeptierten? Rafe wünschte, er könnte ihnen dabei helfen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Maryam Hughes, eine elegante dunkelhäutige Frau in den frühen Vierzigern, empfing sie mit einem angespannten Lächeln. Nachdem die Kinder an ihr vorbeigelaufen waren, drehte sie sich zu Rafe um. „Würden Sie vielleicht einen Augenblick hereinkommen? Ich muss mit Ihnen reden.“

„Klar.“ Rafe wurde etwas unbehaglich zumute. Unwillkürlich musste er an den Streit denken, den Juan gestern mit Maryams Sohn Luther gehabt hatte. Ob es darum ging?

Maryam führte ihn ins Wohnzimmer, das mit einer eklektischen Mischung aus Antiquitäten und exotischen Gegenständen eingerichtet war. „Leider habe ich schlechte Nachrichten“, sagte sie ernst. „Meiner Mutter geht es nicht gut. Sie hatte letztes Wochenende einen Schlaganfall und braucht in den nächsten Monaten intensive Pflege. Nach ihrer Entlassung am Freitag wird sie bei uns einziehen. Ich fürchte, dass ich dann mit ihr und meinen Kindern alle Hände voll zu tun haben werde.“

„Hoffentlich geht es ihr bald wieder besser.“ Erst allmählich wurde Rafe die Tragweite von Maryams Worten bewusst. „Freitag?“, fragte er bestürzt. „Das ist ja schon in drei Tagen!“

„Ja, tut mir leid.“

Schon wieder eine Veränderung für die Kinder – und eine weitere Sorge für ihn. Aber er wollte die Tagesmutter nicht damit belasten. „Wüssten Sie zufällig eine andere Betreuungsmöglichkeit?“

„Ich hätte da ein paar Vorschläge, aber ehrlich gesagt …“ Maryam zögerte.

Hatte sie vielleicht Bedenken wegen Juan? Weil er so wild war? „So aggressiv ist Juan doch gar nicht“, sagte Rafe.

„Darum geht es auch nicht“, antwortete Maryam rasch. „Das Problem ist nur, dass die meisten Tagesmütter den Sommer über schon ausgebucht sind. Und ein Kindergarten mit vielen Kindern würde Juan und Sofia wahrscheinlich überfordern. Was sie meiner Meinung nach wirklich brauchen, ist …“

Doch bevor sie den Satz vollenden konnte, begannen die Kinder nebenan, sich lautstark zu streiten. Rafe hörte die Stimme seines Neffen heraus. „Gib das sofort her!“

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick“, sagte Rafes Gastgeberin. „Ich stelle kurz eine Liederkassette an. Sie scheint Juan zu beruhigen, und die anderen Kinder hören sie auch gern.“

Kurz darauf kehrte sie zurück. „Ich will darauf hinaus, dass Juan und Sofia die Krise noch nicht überwunden haben. Von dem Tod seiner Eltern erholt man sich eben nicht so schnell.“

„Das ist mir bewusst. Wie Sie sich vielleicht erinnern, war ich mit den Kindern bei einer Psychologin“, erwiderte Rafe.

„Die Gespräche haben den beiden bestimmt dabei geholfen, über den ersten Schock hinwegzukommen“, stimmte Maryam zu. „Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie jemanden brauchen, der sich ausschließlich um sie kümmert und den ganzen Tag für sie da ist.“ Rafe öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Maryam hob die Hand. „Sie machen Ihre Sache sehr gut, aber die Kinder kommen im Herbst in die Schule. Das wird eine gewaltige Umstellung für sie. Wenn sie bis dahin nicht ihr Urvertrauen zurückgewonnen haben, werden sie vielleicht Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, die ihre ganze Schullaufbahn beeinträchtigen könnten.“

Rafes Magen verkrampfte sich. Maryam sprach seine eigenen Befürchtungen aus. „Sollte ich wieder zur Psychologin gehen?“

„Eine Psychologin hört den Kindern nur eine Stunde in der Woche zu“, wandte Maryam ein. „Das ist kein Ersatz für eine feste Bezugsperson.“

Rafe sah aber keine andere Möglichkeit. „Ich kann meine Mutter auf keinen Fall bitten, auf die Kinder aufzupassen. Sie hat auch so schon genug zu tun.“ Vor acht Jahren hatte Rafes Mutter ihren Job als Krankenschwester aufgegeben, um sich um ihren nach einem Arbeitsunfall körperbehinderten Mann zu kümmern. Letztes Jahr hatte sie zusätzlich noch ihre herzkranke Mutter bei sich aufgenommen.

„Was ist mit Brooke?“ Maryam meinte die Frau von Rafes Cousin Oliver, die nur ein paar Häuser weiter wohnte und die Kinder abgöttisch liebte.

„Sie arbeitet nach wie vor in der Kieferorthopädiepraxis“, antwortete Rafe.

„Hat sie nicht bald Mutterschaftsurlaub?“

„Erst im September. Und sobald das Baby da ist, wird sie genug damit zu tun haben, sich an ihre neue Mutterrolle zu gewöhnen.“

„Wie wär’s mit einer Nanny?“

„Eine Nanny?“ Rafe hatte schon öfter im Scherz zu Oliver gesagt, dringend eine brauchen zu können, aber das hatte er nie wirklich ernst gemeint. „Ich bezweifle, dass ich mir das leisten könnte.“

„Es wäre ja nur übergangsweise, für ein paar Monate.“

„Ich werde mich mal bei den Agenturen erkundigen.“ Rafe wurde bewusst, dass er die Situation wohl oder übel akzeptieren musste. „Vielen Dank für alles, was Sie bisher für die Kinder getan haben.“ Maryam hatte ihn nämlich nicht nur mit guten Erziehungstipps versorgt, sondern auch öfter auf die Kinder aufgepasst, wenn er länger arbeiten musste. „Wünschen Sie Ihrer Mutter gute Besserung von mir.“

„Gern. Und halten Sie mich auf dem Laufenden.“

„Geht klar.“

Auf dem Weg zur Tür steckte Rafe noch den Kopf ins Kinderzimmer, um sich von Juan und Sofia zu verabschieden, aber die Kinder waren so ins Spiel vertieft, dass sie ihn kaum beachteten. Ein gutes Zeichen, wie er fand. Trotz ihres Protests vorhin hatten seine Nichte und sein Neffe sich gut bei Maryam eingelebt.

Jetzt allerdings konnte ihm nur noch Mary Poppins helfen. Aber vorerst musste er arbeiten.

In der Werkstatt beauftragte Rafe seinen Mechaniker Mario damit, einen VW zu reparieren, und machte sich an Sherrys angenehm nach Leder und Parfum duftende Limousine.

Der Vormittag verging wie im Flug. In der Mittagspause aß Rafe ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade und eine Tüte Chips. Er hatte seine Ausgaben in der letzten Zeit drastisch eingeschränkt, um Geld für die Ausbildung der Kinder zurücklegen zu können.

Und jetzt brauchte er zu allem Überfluss auch noch eine Nanny! Was das wohl kostete?

Er nahm das Branchenbuch und rief bei mehreren Agenturen an. Bei der Ersten war besetzt, und bei den Nächsten beiden landete er in der Warteschleife. Anscheinend hatten die Mitarbeiter auch gerade Mittagspause. Er speicherte die Nummern in seinem Handy ab und nahm sich vor, es später noch mal zu versuchen.

Dann arbeitete er an Sherrys Auto weiter und stellte zu seiner Befriedigung fest, dass er und Mario bereits große Fortschritte gemacht hatten. In ein paar Tagen würden sie endlich mit dem verdammten Ding fertig sein.

Als Rafe die Vordersitze nach vorn schob, sah er plötzlich etwas im Staub funkeln und hob es auf. Es war ein Diamantohrring. Rafe war kein Schmuckkenner, aber diese Steine hier waren offensichtlich etwas Besonderes. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie Sherrys Augen zum Leuchten brachten.

Rafe wickelte den Ohrring behutsam in ein sauberes Tuch und schloss ihn in seine Schreibtischschublade ein. Er würde ihn Sherry zurückgeben, sobald er mit dem Auto fertig war.

Als er sich wieder umdrehte, klingelte plötzlich sein Handy, und Maryams Nummer erschien auf dem Display. „Rafe hier“, meldete er sich.

„Es geht um Juan“, sagte Maryam besorgt.

Rafe fuhr der Schreck in die Glieder.

„Er ist weggelaufen!“

„Sind Sie sicher, dass er sich nicht einfach versteckt hat?“ Rafe konnte sich noch gut daran erinnern, wie Juan sich einmal in einem Schrank verborgen hatte und Rafe und Sofia ihn stundenlang hatten suchen müssen.

„Luther sagt, Juan sei hinausgerannt, als ich gerade das Mittagessen zubereitet habe. Aber hier im Garten ist er nicht.“

„Bei den Nachbarn vielleicht?“

„Minnie hat ihn auch nicht gesehen. Ihre Nachbarin Grace Ching hat sofort beide Gärten abgesucht, aber keine Spur.“ Graces älteste Tochter passte an den Wochenenden manchmal auf die Kinder auf.

„Ich bin in ein paar Minuten bei Ihnen!“, versprach Rafe.

„Ich fürchte, ich weiß, warum er weggelaufen ist“, fügte Maryam hastig hinzu. „Luther hat ihm wohl erzählt, dass meine Mutter bald bei uns einzieht und Juan sich eine neue Tagesmutter suchen muss. Wenn ich das mitbekommen hätte, hätte ich ihn vielleicht beruhigen können.“

„Danke, dass Sie mir das mitgeteilt haben.“

Rafe legte auf und sagte Mario und seinem zweiten Mechaniker Jed rasch Bescheid, dass er für einen Moment weg musste. In letzter Sekunde packte er noch Sherrys Ohrring ein, da er sowieso alle Häuser der Nachbarschaft nach Juan abklappern wollte.

Für Sherry LaSalle war es schon unangenehm genug, aus ihrem Haus zu kommen und Rafe Montoyas verächtlichen Blick auf sich zu spüren. Dunkelhaarige, verschlossene Männer waren zwar nicht gerade ihr Typ, aber nach einer Ehe mit einem grauhaarigen Patriarchen und einer Fast-Ehe mit einem blonden Betrüger wurde es vielleicht allmählich Zeit, ihre Vorlieben zu überdenken.

Sie ignorierte Montoya einfach. Oder versuchte es zumindest – die Sonne blendete sie nämlich so, dass er ihr verzerrtes Gesicht vielleicht falsch deutete.

Nicht weniger unangenehm war die Absage der Werbeagentur, an die sie früher öfter mal Aufträge vergeben hatte. Man teilte ihr telefonisch mit, dass sie leider, leider nicht qualifiziert genug dafür sei, bei ihnen zu arbeiten.

Als Empfangsdame wohlgemerkt!

In ihrer siebenjährigen Ehe mit Elliott LaSalle, dem Nachlassverwalter, der Sherry nach dem Tod ihrer Eltern bei einem Schiffsunglück zur Seite stand, hatte sie eine Privatsekretärin beschäftigt. Und jetzt war sie offensichtlich noch nicht einmal kompetent genug, selbst eine zu sein! Denn leider hatte sie nur ein Semester lang studiert und besaß weder Computer- noch Buchhaltungskenntnisse.

Bis vor Kurzem hatte sie das noch nicht als Hindernis betrachtet. Durch ihre damalige Tätigkeit als Organisatorin zahlreicher Wohltätigkeitsveranstaltungen war sie davon ausgegangen, als Eventmanagerin oder Pressesprecherin arbeiten zu können, aber offensichtlich war das ein Irrtum gewesen: Bisher hatte sie nämlich nichts als Absagen bekommen.

Aber das war noch nicht das Schlimmste.

Auch nicht die Rechnungen, die sich auf dem zierlichen Mahagonischreibtisch in ihrem Wohnzimmer stapelten. Ihr derzeitiger Anwalt hatte Sherry für verrückt erklärt, Winstons ehemaligen Angestellten ihr letztes Geld für ausstehende Gehälter zukommen zu lassen, aber sie war der Meinung gewesen, dass sie es nötiger hatten als sie.

Der Rest war mit erschreckender Geschwindigkeit verschwunden. Und noch immer flatterten unaufhörlich Rechnungen ins Haus, darunter auch einige für Kleidungsstücke und Luxusartikel, die Winston mit Sherrys Kreditkarten bezahlt hatte. Außer ein paar Rücklagen für Steuern besaß sie nichts mehr als das Cottage und die von ihren Eltern geerbten Möbelstücke.

Doch am Tiefpunkt des Tages langte Sherry nach dem Mittagessen an, als sie die Gesellschaftsseite der Lokalzeitung aufschlug und ihr sehnsüchtiger Blick auf ein Foto von Becky Rosen fiel, Frau des Softwaremagnaten Abe Rosen. Sherry und Becky waren mal sehr eng befreundet gewesen, aber während der Scheidung von Elliott hatten die Rosens sich auf Elliotts Seite geschlagen, da die beiden Männer Golfpartner waren.

Abgebildet war auch Helen Salonica, die Sherry in diesen schweren Zeiten loyal zur Seite gestanden hatte – bis Winston sie und ihren Mann um 250.000 Dollar und um ein Haar auch noch um das Haus und die Kieferorthopädiepraxis betrogen hatte.

Helen würde Sherry das bestimmt nie verzeihen, und auch nicht Sherrys andere Freunde, die Winston ihr Geld anvertraut hatten.

Sherrys einzige Hoffnung auf Wiedergutmachung lag jetzt beim FBI. Manchmal kam es ihr noch immer wie ein Albtraum vor, dass der Mann, den sie geliebt hatte, ihr so etwas Furchtbares angetan hatte. In schwachen Momenten vermisste sie ihn sogar.

Aber eine Lehre hatte sie aus dieser Erfahrung immerhin gezogen: Nie wieder würde sie sich von jemandem manipulieren lassen oder einem Mann zuliebe ihre Unabhängigkeit aufgeben!

Von jetzt an würde sie auf eigenen Füßen stehen. Okay, sie war zwar gerade pleite und arbeitslos, aber das würde sich bestimmt bald ändern. Schließlich hatte sie noch immer ein paar Optionen offen – genau genommen hatte sie schon in zwei Stunden ein Vorstellungsgespräch.

Sie legte die Zeitung weg und griff nach ihrer Gitarre. Musik hatte ihr schon immer über schwere Zeiten hinweggeholfen. Sie hatte schon auf der Highschool gern gesungen und vorübergehend sogar von einer Karriere als Sängerin geträumt, aber ihr Gesangslehrer hatte ihr davon abgeraten. Ihre Stimme besaß einfach nicht das nötige Volumen.

Sherry hatte das Singen aufgegeben, bis Becky Rosen, die selbst Gesang studiert hatte, sie vor drei Jahren dazu ermuntert hatte, mit ihr bei Wohltätigkeitsgalas im Duett zu singen. Bei dieser Erinnerung schüttelte Sherry entschlossen den Kopf. Sie durfte nicht mehr daran denken, wie sehr sie Becky vermisste, sonst würde sie nur in Tränen ausbrechen.

Sie stimmte die Gitarre, hängte sie sich über die Schulter und spielte The Sound of Music. Als ihre Stimme den Raum zu füllen begann, besserte sich ihre Laune sofort. Das enge, vollgestopfte Wohnzimmer schien sich plötzlich auszudehnen, und die sich in dem antiken Spiegel reflektierenden geblümten Textilien und Porzellanvasen ihrer Mutter versetzten sie in ihre glückliche Kindheit zurück.

Durch das Fenster betrachtete Sherry die roten und orangefarbenen Blüten in ihrem Vorgarten. Sie liebte das schlichte Cottage mit seinen handgeschnitzten Fensterläden, der großzügigen Veranda und dem hübschen Garten inzwischen sehr. Kein Wunder, dass ihre Nachbarn auf die Barrikaden gegangen waren, als sie es abreißen wollte. Einen Vorteil hatte der Verlust ihres Gelds also gehabt.

Plötzlich bewegte sich etwas vor dem Fenster. War das da etwa ein dunkler Kinderhaarschopf?

Anscheinend hatte sie einen kleinen Zuhörer bekommen.

Belustigt sang Sherry weiter. Als sie My Favorite Things anstimmte, hörte sie ein kindliches Seufzen.

Langsam erhob sie sich und ging behutsam zur Tür, ohne dabei ihr Spiel zu unterbrechen. Sie wollte dem Kind keinen Schrecken einjagen. Irgendwie war sie gerührt, dass die Musik ihm zu gefallen schien. Vielleicht fühlte es sich ja auch gerade einsam.

Als sie vorsichtig die Tür öffnete, fiel ihr Blick auf das Gesicht eines kleinen Jungen, der bei ihrem Anblick erschrocken aufsprang.

In seiner Panik rannte er direkt in sie hinein. Gott sei Dank hatte Sherry sich die hochhackigen Schuhe ausgezogen, sonst wäre sie mitsamt der Gitarre rücklings hingefallen.

Stattdessen taumelte sie zurück und legte dabei instinktiv den Arm um das Kind.

Atemlos fanden sie schließlich ihr Gleichgewicht wieder. „Wow!“, sagte Sherry, bevor ihr kleiner Besucher wieder die Flucht antreten konnte. „Du bist wirklich ein toller Tänzer.“

„Echt?“ Diese dunklen Augen, diese trotzige Körperhaltung … Natürlich, das war Rafe Montoyas Neffe! Sherrys Makler Oliver Armstrong hatte ihr erzählt, dass Rafe die verwaisten Zwillinge seines jüngeren Bruders adoptiert hatte. Anscheinend war er doch nicht so menschenfeindlich, wie er wirkte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Kindermädchen zum Küssen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen