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Ein Kindermädchen zum Küssen - Verliebt in den Babysitter

Jacqueline Diamond, Christie Ridgway, Penny Roberts, Barbara Mcmahon, Liz Fielding

Ein Kindermädchen zum Küssen - Verliebt in den Babysitter

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Jacqueline Diamond

Ein Kindermädchen zum Küssen

1. KAPITEL

Er hatte die Hose verkehrt herum an und Marmelade auf der Nase. Und sein Haar stand hoch, als ob … okay, da war offensichtlich auch Marmelade drin.

„Wie hast du es nur geschafft, dir das Zeug über das ganze Gesicht zu verteilen?“, fragte Rafe Montoya seinen vierjährigen Neffen Juan und trug ihn ins Badezimmer. „Ich habe euch doch Cornflakes zum Frühstück gegeben!“

„Ich hasse diese Sorte!“ Der kräftige kleine Kerl, dessen Augen fast so dunkel waren wie Rafes, saß mit trotzig vor der Brust verschränkten Armen da, während sein Onkel ihn mit einem Waschlappen abrieb.

„Du hast sie dir selbst ausgesucht!“ Oder doch nicht? Vielleicht war es auch Sofia, dachte Rafe, während er Juans Haar säuberte. „Außerdem wird es dich nicht umbringen, sie zu essen.“

Juan schlug rhythmisch mit den Absätzen gegen das Bord unter ihm. „Mom hat uns immer Tortillas mit Marmelade zum Frühstück gemacht!“

„Ich habe aber keine Tortillas mehr!“

Rafe war bewusst, dass dieses Durcheinander zum Teil seine Schuld war, weil er die Kinder beim Frühstück nicht beaufsichtigt hatte. Der Grund war ein Anruf seines Mechanikers Mario Stenopolous gewesen. Er hatte ihm die gute Nachricht mitgeteilt, dass die Ersatzteile für Sherry LaSalles Luxuslimousine endlich angekommen waren.

Rafe hatte Mario gebeten, sich sofort an die Arbeit zu machen. Je eher er seine versnobte Nachbarin loswurde, desto besser.

Was ihn bei der ganzen Sache am meisten ärgerte, war, dass er ihren Wagen umsonst reparieren musste. Aber das war billiger, als sich einen Anwalt zu nehmen, um zu beweisen, dass der Schaden an ihrem Auto nicht seine Schuld war.

Vor zwei Monaten hatte Rafe nach der Reparatur des Motors die Schlüssel Sherrys Verlobtem übergeben, einem arroganten Kerl namens Winston Grooms III, und zwar in der Annahme, dass Winston den Wagen in Sherrys Auftrag abholte. In Wirklichkeit jedoch war der Mann damit vor dem FBI geflohen und hatte die Limousine nach Entfernung aller abnehmbaren Teile am Flughafen von Las Vegas stehen lassen.

Rafe war angewiesen worden, ihn kostenlos zu reparieren. Gleichzeitig war Sherry, der Winston ihr ganzes Vermögen gestohlen hatte, direkt gegenüber von Rafe eingezogen – in ein Cottage, das sie ursprünglich hatte abreißen lassen wollen, um es durch eine protzige Villa zu ersetzen. Ach, zum Teufel mit dieser Frau! Rafe hatte Wichtigeres zu tun, als über sie nachzudenken. Zum Beispiel, seine Nichte und seinen Neffen zur Tagesmutter zu bringen.

„Onkel Rafe?“, fragte Sofia von der Badezimmertür aus. Die Kleine hatte ein echtes Talent dafür, sich unbemerkt anzuschleichen. „Kämmst du mir die Haare?“

„Habe ich das nicht schon getan?“ Rafe setzte Juan runter, der sofort durch die Tür schoss und dabei um ein Haar seine Schwester umgerannt hätte.

Sofia schüttelte ihre schwarze Mähne, die mit Krümeln übersät war.

Bestimmt hatte sie sie absichtlich darin verteilt. Das Kind war geradezu ausgehungert nach Aufmerksamkeit. Rafe versuchte, seine Ungeduld zu zügeln, indem er sich ins Gedächtnis rief, was die Kleine alles hatte durchmachen müssen, nahm die Bürste und machte sich an die Arbeit – schon wieder.

Bis zum letzten Sommer hatte Rafe noch nie in seinem Leben verklettete Haare gekämmt oder das Gesicht eines Vorschulkinds geschrubbt. Abgesehen von gelegentlichen Geschenken oder Familientreffen hatte er nichts mit den Zwillingen zu tun gehabt.

Doch dann waren sein Bruder Manuel und dessen Frau Cara bei dem Versuch ums Leben gekommen, die Pferde ihrer Arbeitgeber aus einem Buschfeuer zu retten. Gott sei Dank waren die Zwillinge damals über Nacht bei ihren Großeltern gewesen.

Da seine Eltern aus gesundheitlichen Gründen als Ersatzeltern für die Kleinen nicht infrage kamen, hatte Rafe die Waisen kurzerhand bei sich aufgenommen und im April schließlich adoptiert. In manchen Situationen fühlte er sich allerdings noch genauso hilflos wie am Anfang. Wie sollte er nur mit Juans Aufsässigkeit und Sofias Anhänglichkeit fertigwerden?

„Okay, Kinder!“, rief er. „Nehmt eure Rucksäcke.“

Prompt protestierte Juan, während Sofia Rafes Bein umklammerte. Gut, dass sie es nicht weit hatten.

Rafe schloss die Haustür hinter sich zu. Die hufeisenförmige Straße mit ihren knapp zwanzig verputzten Einfamilienhäusern lag im Herzen einer hübschen Siedlung namens Harmony Circle in Brea, einem kleineren Ort im Binnenland von Orange County.

Rafe warf einen Blick auf Sherry LaSalles Cottage. Es bereitete ihm zwar nicht direkt Genugtuung, dass Winston Grooms mit Sherrys Geld durchgebrannt war, aber er war trotzdem froh, dass seine Aussicht jetzt doch nicht durch einen protzigen Neubau verschandelt wurde. Vor einiger Zeit hatte er sogar eine Initiative gegründet, um den Abriss des charmanten Cottages aus den Zwanzigerjahren zu verhindern.

„Seht mal da!“, rief Sofia entzückt. „Die Prinzessin!“

Bewundernd betrachtete sie die zierliche Frau, die gerade mit wirbelndem rosa Kleid und klappernden Absätzen aus besagtem Cottage kam, um in das alte Auto zu steigen, das Rafe ihr zur Verfügung hatte stellen müssen – natürlich ebenfalls kostenlos. In der Sonne sah Sherrys blondes aufgestecktes Haar aus wie gesponnenes Gold.

Rafe musste zugeben, dass die siebenundzwanzigjährige ehemalige Primadonna der feinen Gesellschaft von Orange County noch immer genauso umwerfend aussah wie früher, als sie noch Geld besessen hatte. Doch ihre stolze Körperhaltung konnte nicht verbergen, dass es ihr nicht gut ging. Zu seiner Überraschung empfand Rafe auf einmal fast Mitleid mit ihr. Plötzlich verarmt unter ausgerechnet den Menschen wohnen zu müssen, die sie sich zu erbitterten Feinden gemacht hatte, war bestimmt nicht leicht.

Als Sherry sich hinters Steuer setzte, warf sie ihm einen flüchtigen Blick zu. Durch die sich spiegelnde Windschutzscheibe kam es Rafe so vor, als verzerrte sich ihr hübsches Gesicht zu einer höhnischen Grimasse.

„Prinzessin trifft es gut“, murmelte er abfällig.

„Ich dachte, sie ist eine Hexe“, wandte Juan ein.

Rafe hatte seine Nachbarin früher öfter so bezeichnet. „Kommt weiter, Kinder. Könnt ihr nicht hören, wie die Autos in meiner Werkstatt schon nach mir rufen?“

„Kann die Hexe eigentlich zaubern?“, fragte Juan hartnäckig weiter, während sie über die Straße gingen.

„Wenn sie das könnte, würde sie ihren fiesen Verlobten bestimmt von da zurückholen, wohin er sich verkrochen hat.“ Rafe hatte den Kindern bereits erklärt, dass Sherrys Freund mit ihrem ganzen Geld verschwunden war.

„Ob sie wohl einen Zauberstab hat?“, fragte Sofia verträumt.

„Wer weiß? Auf jeden Fall ist sie ausgezeichnet darin, Männer zum Verschwinden zu bringen.“ Vor dem Debakel mit Winston, dessen Name in Wirklichkeit Wally Grinnell war, hatte Sherry sich von einem reichen älteren Anwalt scheiden lassen und zusätzlich zu der üppigen Erbschaft ihrer Eltern noch einen Haufen Unterhalt zugesprochen bekommen.

Ihr Vermögen wurde auf etwa zehn Millionen Dollar geschätzt, die allerdings dank ihres Verlobten jetzt futsch waren. Wirklich ironisch, dass Rafe, ein Kfz-Mechaniker, der sein Haus und seine Werkstatt nur mit Mühe finanzieren konnte, inzwischen mehr Geld besaß als die Frau, die bis vor Kurzem noch hochmütig auf Menschen wie ihn hinabgeblickt hatte.

Und ihrem Gesichtsausdruck von gerade eben nach zu urteilen, tat sie das immer noch.

Rafe ging mit den Kindern an dem neben Sherrys Haus liegenden Bungalow vorbei, welcher der achtzigjährigen Minnie Ortiz gehörte. Aus dem Haus daneben drangen lebhafte Kinderstimmen.

Ängstlich umklammerte Sofia Rafes Hand.

„Es wird bestimmt ganz toll hier“, sagte Rafe beruhigend, während er darauf wartete, dass die Tür aufging.

„Ich will nach Hause“, jammerte Sofia.

„Dahin gehen wir ja auch. Aber erst, wenn ich mit der Arbeit fertig bin.“

„Ich meine mein echtes Zuhause.“

„Das ist leider nicht möglich. Ich fürchte, wir müssen einfach das Beste aus der Situation machen.“ Wie lange würde es wohl noch dauern, bis die Kinder den Verlust ihrer Eltern akzeptierten? Rafe wünschte, er könnte ihnen dabei helfen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Maryam Hughes, eine elegante dunkelhäutige Frau in den frühen Vierzigern, empfing sie mit einem angespannten Lächeln. Nachdem die Kinder an ihr vorbeigelaufen waren, drehte sie sich zu Rafe um. „Würden Sie vielleicht einen Augenblick hereinkommen? Ich muss mit Ihnen reden.“

„Klar.“ Rafe wurde etwas unbehaglich zumute. Unwillkürlich musste er an den Streit denken, den Juan gestern mit Maryams Sohn Luther gehabt hatte. Ob es darum ging?

Maryam führte ihn ins Wohnzimmer, das mit einer eklektischen Mischung aus Antiquitäten und exotischen Gegenständen eingerichtet war. „Leider habe ich schlechte Nachrichten“, sagte sie ernst. „Meiner Mutter geht es nicht gut. Sie hatte letztes Wochenende einen Schlaganfall und braucht in den nächsten Monaten intensive Pflege. Nach ihrer Entlassung am Freitag wird sie bei uns einziehen. Ich fürchte, dass ich dann mit ihr und meinen Kindern alle Hände voll zu tun haben werde.“

„Hoffentlich geht es ihr bald wieder besser.“ Erst allmählich wurde Rafe die Tragweite von Maryams Worten bewusst. „Freitag?“, fragte er bestürzt. „Das ist ja schon in drei Tagen!“

„Ja, tut mir leid.“

Schon wieder eine Veränderung für die Kinder – und eine weitere Sorge für ihn. Aber er wollte die Tagesmutter nicht damit belasten. „Wüssten Sie zufällig eine andere Betreuungsmöglichkeit?“

„Ich hätte da ein paar Vorschläge, aber ehrlich gesagt …“ Maryam zögerte.

Hatte sie vielleicht Bedenken wegen Juan? Weil er so wild war? „So aggressiv ist Juan doch gar nicht“, sagte Rafe.

„Darum geht es auch nicht“, antwortete Maryam rasch. „Das Problem ist nur, dass die meisten Tagesmütter den Sommer über schon ausgebucht sind. Und ein Kindergarten mit vielen Kindern würde Juan und Sofia wahrscheinlich überfordern. Was sie meiner Meinung nach wirklich brauchen, ist …“

Doch bevor sie den Satz vollenden konnte, begannen die Kinder nebenan, sich lautstark zu streiten. Rafe hörte die Stimme seines Neffen heraus. „Gib das sofort her!“

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick“, sagte Rafes Gastgeberin. „Ich stelle kurz eine Liederkassette an. Sie scheint Juan zu beruhigen, und die anderen Kinder hören sie auch gern.“

Kurz darauf kehrte sie zurück. „Ich will darauf hinaus, dass Juan und Sofia die Krise noch nicht überwunden haben. Von dem Tod seiner Eltern erholt man sich eben nicht so schnell.“

„Das ist mir bewusst. Wie Sie sich vielleicht erinnern, war ich mit den Kindern bei einer Psychologin“, erwiderte Rafe.

„Die Gespräche haben den beiden bestimmt dabei geholfen, über den ersten Schock hinwegzukommen“, stimmte Maryam zu. „Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sie jemanden brauchen, der sich ausschließlich um sie kümmert und den ganzen Tag für sie da ist.“ Rafe öffnete den Mund, um zu protestieren, doch Maryam hob die Hand. „Sie machen Ihre Sache sehr gut, aber die Kinder kommen im Herbst in die Schule. Das wird eine gewaltige Umstellung für sie. Wenn sie bis dahin nicht ihr Urvertrauen zurückgewonnen haben, werden sie vielleicht Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, die ihre ganze Schullaufbahn beeinträchtigen könnten.“

Rafes Magen verkrampfte sich. Maryam sprach seine eigenen Befürchtungen aus. „Sollte ich wieder zur Psychologin gehen?“

„Eine Psychologin hört den Kindern nur eine Stunde in der Woche zu“, wandte Maryam ein. „Das ist kein Ersatz für eine feste Bezugsperson.“

Rafe sah aber keine andere Möglichkeit. „Ich kann meine Mutter auf keinen Fall bitten, auf die Kinder aufzupassen. Sie hat auch so schon genug zu tun.“ Vor acht Jahren hatte Rafes Mutter ihren Job als Krankenschwester aufgegeben, um sich um ihren nach einem Arbeitsunfall körperbehinderten Mann zu kümmern. Letztes Jahr hatte sie zusätzlich noch ihre herzkranke Mutter bei sich aufgenommen.

„Was ist mit Brooke?“ Maryam meinte die Frau von Rafes Cousin Oliver, die nur ein paar Häuser weiter wohnte und die Kinder abgöttisch liebte.

„Sie arbeitet nach wie vor in der Kieferorthopädiepraxis“, antwortete Rafe.

„Hat sie nicht bald Mutterschaftsurlaub?“

„Erst im September. Und sobald das Baby da ist, wird sie genug damit zu tun haben, sich an ihre neue Mutterrolle zu gewöhnen.“

„Wie wär’s mit einer Nanny?“

„Eine Nanny?“ Rafe hatte schon öfter im Scherz zu Oliver gesagt, dringend eine brauchen zu können, aber das hatte er nie wirklich ernst gemeint. „Ich bezweifle, dass ich mir das leisten könnte.“

„Es wäre ja nur übergangsweise, für ein paar Monate.“

„Ich werde mich mal bei den Agenturen erkundigen.“ Rafe wurde bewusst, dass er die Situation wohl oder übel akzeptieren musste. „Vielen Dank für alles, was Sie bisher für die Kinder getan haben.“ Maryam hatte ihn nämlich nicht nur mit guten Erziehungstipps versorgt, sondern auch öfter auf die Kinder aufgepasst, wenn er länger arbeiten musste. „Wünschen Sie Ihrer Mutter gute Besserung von mir.“

„Gern. Und halten Sie mich auf dem Laufenden.“

„Geht klar.“

Auf dem Weg zur Tür steckte Rafe noch den Kopf ins Kinderzimmer, um sich von Juan und Sofia zu verabschieden, aber die Kinder waren so ins Spiel vertieft, dass sie ihn kaum beachteten. Ein gutes Zeichen, wie er fand. Trotz ihres Protests vorhin hatten seine Nichte und sein Neffe sich gut bei Maryam eingelebt.

Jetzt allerdings konnte ihm nur noch Mary Poppins helfen. Aber vorerst musste er arbeiten.

In der Werkstatt beauftragte Rafe seinen Mechaniker Mario damit, einen VW zu reparieren, und machte sich an Sherrys angenehm nach Leder und Parfum duftende Limousine.

Der Vormittag verging wie im Flug. In der Mittagspause aß Rafe ein Sandwich mit Erdnussbutter und Marmelade und eine Tüte Chips. Er hatte seine Ausgaben in der letzten Zeit drastisch eingeschränkt, um Geld für die Ausbildung der Kinder zurücklegen zu können.

Und jetzt brauchte er zu allem Überfluss auch noch eine Nanny! Was das wohl kostete?

Er nahm das Branchenbuch und rief bei mehreren Agenturen an. Bei der Ersten war besetzt, und bei den Nächsten beiden landete er in der Warteschleife. Anscheinend hatten die Mitarbeiter auch gerade Mittagspause. Er speicherte die Nummern in seinem Handy ab und nahm sich vor, es später noch mal zu versuchen.

Dann arbeitete er an Sherrys Auto weiter und stellte zu seiner Befriedigung fest, dass er und Mario bereits große Fortschritte gemacht hatten. In ein paar Tagen würden sie endlich mit dem verdammten Ding fertig sein.

Als Rafe die Vordersitze nach vorn schob, sah er plötzlich etwas im Staub funkeln und hob es auf. Es war ein Diamantohrring. Rafe war kein Schmuckkenner, aber diese Steine hier waren offensichtlich etwas Besonderes. Er konnte sich gut vorstellen, wie sie Sherrys Augen zum Leuchten brachten.

Rafe wickelte den Ohrring behutsam in ein sauberes Tuch und schloss ihn in seine Schreibtischschublade ein. Er würde ihn Sherry zurückgeben, sobald er mit dem Auto fertig war.

Als er sich wieder umdrehte, klingelte plötzlich sein Handy, und Maryams Nummer erschien auf dem Display. „Rafe hier“, meldete er sich.

„Es geht um Juan“, sagte Maryam besorgt.

Rafe fuhr der Schreck in die Glieder.

„Er ist weggelaufen!“

„Sind Sie sicher, dass er sich nicht einfach versteckt hat?“ Rafe konnte sich noch gut daran erinnern, wie Juan sich einmal in einem Schrank verborgen hatte und Rafe und Sofia ihn stundenlang hatten suchen müssen.

„Luther sagt, Juan sei hinausgerannt, als ich gerade das Mittagessen zubereitet habe. Aber hier im Garten ist er nicht.“

„Bei den Nachbarn vielleicht?“

„Minnie hat ihn auch nicht gesehen. Ihre Nachbarin Grace Ching hat sofort beide Gärten abgesucht, aber keine Spur.“ Graces älteste Tochter passte an den Wochenenden manchmal auf die Kinder auf.

„Ich bin in ein paar Minuten bei Ihnen!“, versprach Rafe.

„Ich fürchte, ich weiß, warum er weggelaufen ist“, fügte Maryam hastig hinzu. „Luther hat ihm wohl erzählt, dass meine Mutter bald bei uns einzieht und Juan sich eine neue Tagesmutter suchen muss. Wenn ich das mitbekommen hätte, hätte ich ihn vielleicht beruhigen können.“

„Danke, dass Sie mir das mitgeteilt haben.“

Rafe legte auf und sagte Mario und seinem zweiten Mechaniker Jed rasch Bescheid, dass er für einen Moment weg musste. In letzter Sekunde packte er noch Sherrys Ohrring ein, da er sowieso alle Häuser der Nachbarschaft nach Juan abklappern wollte.

Für Sherry LaSalle war es schon unangenehm genug, aus ihrem Haus zu kommen und Rafe Montoyas verächtlichen Blick auf sich zu spüren. Dunkelhaarige, verschlossene Männer waren zwar nicht gerade ihr Typ, aber nach einer Ehe mit einem grauhaarigen Patriarchen und einer Fast-Ehe mit einem blonden Betrüger wurde es vielleicht allmählich Zeit, ihre Vorlieben zu überdenken.

Sie ignorierte Montoya einfach. Oder versuchte es zumindest – die Sonne blendete sie nämlich so, dass er ihr verzerrtes Gesicht vielleicht falsch deutete.

Nicht weniger unangenehm war die Absage der Werbeagentur, an die sie früher öfter mal Aufträge vergeben hatte. Man teilte ihr telefonisch mit, dass sie leider, leider nicht qualifiziert genug dafür sei, bei ihnen zu arbeiten.

Als Empfangsdame wohlgemerkt!

In ihrer siebenjährigen Ehe mit Elliott LaSalle, dem Nachlassverwalter, der Sherry nach dem Tod ihrer Eltern bei einem Schiffsunglück zur Seite stand, hatte sie eine Privatsekretärin beschäftigt. Und jetzt war sie offensichtlich noch nicht einmal kompetent genug, selbst eine zu sein! Denn leider hatte sie nur ein Semester lang studiert und besaß weder Computer- noch Buchhaltungskenntnisse.

Bis vor Kurzem hatte sie das noch nicht als Hindernis betrachtet. Durch ihre damalige Tätigkeit als Organisatorin zahlreicher Wohltätigkeitsveranstaltungen war sie davon ausgegangen, als Eventmanagerin oder Pressesprecherin arbeiten zu können, aber offensichtlich war das ein Irrtum gewesen: Bisher hatte sie nämlich nichts als Absagen bekommen.

Aber das war noch nicht das Schlimmste.

Auch nicht die Rechnungen, die sich auf dem zierlichen Mahagonischreibtisch in ihrem Wohnzimmer stapelten. Ihr derzeitiger Anwalt hatte Sherry für verrückt erklärt, Winstons ehemaligen Angestellten ihr letztes Geld für ausstehende Gehälter zukommen zu lassen, aber sie war der Meinung gewesen, dass sie es nötiger hatten als sie.

Der Rest war mit erschreckender Geschwindigkeit verschwunden. Und noch immer flatterten unaufhörlich Rechnungen ins Haus, darunter auch einige für Kleidungsstücke und Luxusartikel, die Winston mit Sherrys Kreditkarten bezahlt hatte. Außer ein paar Rücklagen für Steuern besaß sie nichts mehr als das Cottage und die von ihren Eltern geerbten Möbelstücke.

Doch am Tiefpunkt des Tages langte Sherry nach dem Mittagessen an, als sie die Gesellschaftsseite der Lokalzeitung aufschlug und ihr sehnsüchtiger Blick auf ein Foto von Becky Rosen fiel, Frau des Softwaremagnaten Abe Rosen. Sherry und Becky waren mal sehr eng befreundet gewesen, aber während der Scheidung von Elliott hatten die Rosens sich auf Elliotts Seite geschlagen, da die beiden Männer Golfpartner waren.

Abgebildet war auch Helen Salonica, die Sherry in diesen schweren Zeiten loyal zur Seite gestanden hatte – bis Winston sie und ihren Mann um 250.000 Dollar und um ein Haar auch noch um das Haus und die Kieferorthopädiepraxis betrogen hatte.

Helen würde Sherry das bestimmt nie verzeihen, und auch nicht Sherrys andere Freunde, die Winston ihr Geld anvertraut hatten.

Sherrys einzige Hoffnung auf Wiedergutmachung lag jetzt beim FBI. Manchmal kam es ihr noch immer wie ein Albtraum vor, dass der Mann, den sie geliebt hatte, ihr so etwas Furchtbares angetan hatte. In schwachen Momenten vermisste sie ihn sogar.

Aber eine Lehre hatte sie aus dieser Erfahrung immerhin gezogen: Nie wieder würde sie sich von jemandem manipulieren lassen oder einem Mann zuliebe ihre Unabhängigkeit aufgeben!

Von jetzt an würde sie auf eigenen Füßen stehen. Okay, sie war zwar gerade pleite und arbeitslos, aber das würde sich bestimmt bald ändern. Schließlich hatte sie noch immer ein paar Optionen offen – genau genommen hatte sie schon in zwei Stunden ein Vorstellungsgespräch.

Sie legte die Zeitung weg und griff nach ihrer Gitarre. Musik hatte ihr schon immer über schwere Zeiten hinweggeholfen. Sie hatte schon auf der Highschool gern gesungen und vorübergehend sogar von einer Karriere als Sängerin geträumt, aber ihr Gesangslehrer hatte ihr davon abgeraten. Ihre Stimme besaß einfach nicht das nötige Volumen.

Sherry hatte das Singen aufgegeben, bis Becky Rosen, die selbst Gesang studiert hatte, sie vor drei Jahren dazu ermuntert hatte, mit ihr bei Wohltätigkeitsgalas im Duett zu singen. Bei dieser Erinnerung schüttelte Sherry entschlossen den Kopf. Sie durfte nicht mehr daran denken, wie sehr sie Becky vermisste, sonst würde sie nur in Tränen ausbrechen.

Sie stimmte die Gitarre, hängte sie sich über die Schulter und spielte The Sound of Music. Als ihre Stimme den Raum zu füllen begann, besserte sich ihre Laune sofort. Das enge, vollgestopfte Wohnzimmer schien sich plötzlich auszudehnen, und die sich in dem antiken Spiegel reflektierenden geblümten Textilien und Porzellanvasen ihrer Mutter versetzten sie in ihre glückliche Kindheit zurück.

Durch das Fenster betrachtete Sherry die roten und orangefarbenen Blüten in ihrem Vorgarten. Sie liebte das schlichte Cottage mit seinen handgeschnitzten Fensterläden, der großzügigen Veranda und dem hübschen Garten inzwischen sehr. Kein Wunder, dass ihre Nachbarn auf die Barrikaden gegangen waren, als sie es abreißen wollte. Einen Vorteil hatte der Verlust ihres Gelds also gehabt.

Plötzlich bewegte sich etwas vor dem Fenster. War das da etwa ein dunkler Kinderhaarschopf?

Anscheinend hatte sie einen kleinen Zuhörer bekommen.

Belustigt sang Sherry weiter. Als sie My Favorite Things anstimmte, hörte sie ein kindliches Seufzen.

Langsam erhob sie sich und ging behutsam zur Tür, ohne dabei ihr Spiel zu unterbrechen. Sie wollte dem Kind keinen Schrecken einjagen. Irgendwie war sie gerührt, dass die Musik ihm zu gefallen schien. Vielleicht fühlte es sich ja auch gerade einsam.

Als sie vorsichtig die Tür öffnete, fiel ihr Blick auf das Gesicht eines kleinen Jungen, der bei ihrem Anblick erschrocken aufsprang.

In seiner Panik rannte er direkt in sie hinein. Gott sei Dank hatte Sherry sich die hochhackigen Schuhe ausgezogen, sonst wäre sie mitsamt der Gitarre rücklings hingefallen.

Stattdessen taumelte sie zurück und legte dabei instinktiv den Arm um das Kind.

Atemlos fanden sie schließlich ihr Gleichgewicht wieder. „Wow!“, sagte Sherry, bevor ihr kleiner Besucher wieder die Flucht antreten konnte. „Du bist wirklich ein toller Tänzer.“

„Echt?“ Diese dunklen Augen, diese trotzige Körperhaltung … Natürlich, das war Rafe Montoyas Neffe! Sherrys Makler Oliver Armstrong hatte ihr erzählt, dass Rafe die verwaisten Zwillinge seines jüngeren Bruders adoptiert hatte. Anscheinend war er doch nicht so menschenfeindlich, wie er wirkte.

Aber wer konnte auch einem so süßen Kind widerstehen?

„Ja, das war der beste Walzer, den ich je auf dieser Veranda getanzt habe“, sagte sie.

Der Junge wirkte unschlüssig, ob er bleiben oder lieber weglaufen sollte. „Bist du wirklich eine Hexe?“, fragte er schließlich.

Sherry biss sich auf die Unterlippe, um nicht loszuprusten. Sie konnte sich schon denken, woher der Junge das hatte. „Ich habe noch nicht gehört, dass Hexen singen. Wie heißt du?“

„Juan.“

„Ich bin Sherry.“ Förmlich schüttelten sie einander die Hand.

Sherry fand es plötzlich schade, keine Erfahrung mit Kindern zu haben. Elliotts Teenagerkinder hatten sie ignoriert, und er hatte sie immer wieder vertröstet, was eigene Kinder anging, und sie dann schließlich verlassen. „Wenn dir mein Gesang gefällt, darfst du gern reinkommen und mitmachen“, sagte sie.

Juan überlegte einen Moment. „Hast du Kekse?“

„Bestimmt. Hexen sind berühmt für ihre Pfefferkuchen. Wir können Pfefferkuchenmännchen backen, wenn du willst.“

„Cool!“

Sherry führte Juan ins Haus. Er war wirklich süß, und sie war froh über seine Gesellschaft. Ihr einziger bisheriger Gast war Minnie von nebenan gewesen.

Juans Blick blieb an dem Porzellanschrank hängen. „Meine Mom hatte auch solche Sachen. Die sind hübsch.“

Sherry hätte nicht gedacht, dass ihm altes Porzellan gefiel. „Die Figuren darauf sind Märchenfiguren. Ich mag Aschenputtel am liebsten. Und du?“

„Ich hatte mal eine Tasse mit einem Hasen darauf. Sie ist verbrannt“, fügte er mit tränenerstickter Stimme hinzu.

Sherry zuckte zusammen. Stimmt, seine Eltern waren ja bei einem Feuer ums Leben gekommen. Wie schrecklich! „Das tut mir sehr leid, Juan. Lass uns doch mit den Lebkuchen anfangen, ja?“ Sie führte den Jungen in die Küche. „Aber zuerst musst du dir die Hände waschen.“

„Mach ich.“ Sherry schob ihm einen Stuhl vor die Spüle.

„Jetzt brauchen wir noch Schürzen.“ Sie gab ihm eine blau-weiß karierte Schürze und streifte sich eine rote über.

Während der Ofen vorheizte, kneteten sie den Teig in einer großen Schüssel und rollten ihn auf Backpapier aus. Sherry nahm eine Männchenform aus dem Schrank und rieb sie mit Öl ein, damit der Teig nicht daran festklebte. Als Juan sie das erste Mal in den Teig drückte, verrutschte seine Hand. „Ups!“

„Kein Problem.“ Sherry rollte den Teig erneut aus. „Wir fangen einfach noch mal von vorn an.“

„Cool!“ Offensichtlich war das sein Lieblingsausdruck.

„Du musst sehr behutsam mit den Lebkuchenmännern umgehen.“ Sherry zeigte Juan, wie man das Förmchen hochnahm, ohne dass der Teig drin stecken blieb.

Mit gerunzelter Stirn folgte der Junge ihrem Beispiel und formte ein bis auf einen schiefen Arm perfektes Miniaturmännchen.

„Gut gemacht!“, lobte Sherry. „Jetzt brauchen wir nur noch Rosinen für die Augen.“

„Darf ich sie reindrücken?“

„Na klar.“

Es dauerte nicht lange, bis Juan den Bogen raus hatte, und schon bald schoben sie zwei volle Backbleche in den Ofen.

„Du bist also wirklich keine Hexe?“, fragte Juan.

„Nein. Enttäuscht?“ Sherry stellte die Zeitschaltuhr ein.

„Nee, eine echte Hexe würde mich ja in den Ofen schubsen!“

„So etwas würde ich nie tun!“

Juan strahlte. „Du bist eine gute Hexe.“

Warum war er nur so auf Hexen fixiert? „Bist du eigentlich aus einem bestimmten Grund zu mir gekommen?“, fragte sie.

Der Kleine holte tief Luft. „Ja, damit du für mich zauberst.“

Das erklärte so einiges. „Was soll ich denn zaubern?“

„Ich will meine Mom und meinen Dad wiederhaben“, antwortete er leise.

Sherry schossen die Tränen in die Augen. „Diese Macht hat niemand, Juan. Wenn ich so etwas könnte, würde ich meine Eltern auch wieder herbeizaubern.“

Juan verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist mit ihnen passiert?“

„Ihr Segelboot stieß mit einem anderen zusammen, und sie sind ins Wasser gefallen.“

„Konnten sie denn nicht schwimmen?“

„Doch, aber sie waren zu schwer verletzt. Es passierte alles so schnell, dass sie nicht mehr rechtzeitig gerettet werden konnten.“ Genug davon. Juan sah so aus, als hätte er dringend etwas Aufheiterung nötig, und Sherry hatte auch schon eine Idee, wie. „Kennst du Row, Row, Row Your Boat?“

„Ja. Ein bisschen.“

„Dann lass uns doch gemeinsam singen. Und wenn wir fertig sind, trinken wir zusammen Tee.“ Sie führte ihn zum Sofa.

Juan kuschelte sich eng an sie, als sie die Gitarre auf den Schoß nahm. Sherry genoss das Gefühl seines kleinen warmen Körpers und seinen vertrauensvollen dunklen Blick. Er sah sie so ganz anders an als sein Onkel sonst immer. Ob Rafe überhaupt für jemanden Sympathien empfand?

Quatsch, natürlich tat er das. Nur eben nicht für sie.

Sherry spielte ein paar Akkorde und begann mit dem einfachen Lied. Juans lieblicher Sopran stimmte nach ein paar Takten mit ein.

Ein tiefes Glücksgefühl durchströmte Sherry, als ihre Stimmen sich vereinten. Schon lange hatte sie nicht mehr so viel Nähe zu einem anderen Menschen empfunden. Schade, dass Juan nicht öfter mal vorbeikommen konnte, aber sein Onkel würde bestimmt etwas dagegen haben. Außerdem musste sie sich einen Job suchen.

Und zwar dringend!

2. KAPITEL

Als Rafe in Harmony Circle ankam, war Juan noch immer nicht wieder aufgetaucht. Rafe begann daher, systematisch bei allen Nachbarn in der Straße zu klingeln, traf jedoch nur die Lehrerin Diane Lorenz zu Hause an.

Blieb noch Sherry LaSalles Cottage übrig. Er bezweifelte stark, dass sie sich über sein Auftauchen freuen würde, aber er wollte bei seiner Suche niemanden auslassen.

Als Rafe sich ihrem Haus näherte, lag Pfefferkuchenduft in der Luft, der ihn unwillkürlich an einen zehn Jahre zurückliegenden Dezemberabend zurückversetzte. Bei der Erinnerung daran spürte er eine altbekannte Wut in sich aufsteigen. Er war damals im Abschlussjahr an der Highschool gewesen und hatte als Einparker für ein schickes Restaurant gearbeitet. Es war kurz vor Weihnachten gewesen, und die Luft war von Pfefferkuchenduft erfüllt.

Als er die Autoschlüssel verspätet ankommender Gäste entgegengenommen hatte, war ein blondes Mädchen in einem dunkelroten Samtkleid aus dem Restaurant gekommen, um sie zu begrüßen. Beim Anblick ihrer fröhlichen blauen Augen und ihres lebhaften Gesichts hatte er das spontane Gefühl gehabt, sie schon ewig zu kennen. Er war davon überzeugt gewesen, dass es ihr ähnlich ergehen würde, sobald sie ihn bemerkte.

Doch dann war ihr Blick gleichgültig über ihn hinweggeglitten, als sei er nur ein Teil der Szenerie. Rafe hatte das als sehr kränkend und respektlos empfunden.

Offensichtlich hatte das reiche Mädchen nichts als Verachtung für einen mexikanischstämmigen Jungen übrig gehabt. Sherry Parker – einer der ankommenden Gäste hatte ihren Namen gerufen – hob ihr kostbares Ego für den Multimillionär Elliott LaSalle auf.

Missmutig ging Rafe auf Sherrys Cottage zu. Als er näher kam, hörte er Gesang aus dem Haus und erkannte die hohe Stimme seines Neffen. Gott sei Dank! Juan war in Sicherheit.

Seine Wut auf Sherry blieb jedoch unverändert. Offensichtlich interessierte es Ihre Hoheit keinen Deut, dass die ganze Nachbarschaft wegen Juan auf den Beinen war. Was waren das eigentlich für Manieren?

Als Rafe an der Tür klingelte, nahm er sich vor, um des lieben Nachbarschaftsfriedens willen seine Wut zu zügeln. Leider hatte das noch nie zu seinen Stärken gehört.

Die Zeitschaltuhr am Herd schrillte zur selben Zeit wie die Türklingel. Sherry legte ihre Gitarre hin und stand unschlüssig auf. Impulsiv ging sie zuerst zur Haustür, wo sie beim Anblick des feindseligen Gesichtsausdrucks ihres Nachbarn erschrocken zusammenzuckte. „Ich hole nur schnell die Kekse aus dem Ofen“, sagte sie und eilte in die Küche.

Rafe durchbohrte ihren Rücken mit finsteren Blicken.

Ist er mir denn überhaupt nicht dankbar, dass ich mich um seinen Neffen kümmere? Schließlich lässt man ein so kleines Kind auch nicht unbeaufsichtigt herumlaufen, oder?

Sherry stellte die Backbleche zum Abkühlen auf die Arbeitsplatte und nahm den pfeifenden Wasserkessel vom Herd. Als sie sich umdrehte, sah sie, wie Juan sich in die Arme seines Onkels warf, der den Kleinen im Kreis herumwirbelte und dann liebevoll an sich drückte.

Mit seiner Präsenz schien er das ganze Wohnzimmer auszufüllen. Trotz ihrer Vorbehalte fiel Sherry auf, wie muskulös er war. Wäre er nicht so ein Miesepeter, könnte man sich bestimmt gut bei ihm anlehnen.

Sie natürlich nicht. Sie war schließlich durch mit dem Thema Männer.

„Danke für … die Aufsicht“, sagte Rafe schroff. „Bis bald.“

„Was? Sie wollen schon gehen?“, fragte Sherry überrascht.

„Das hatte ich vor, ja.“

Juan starrte seinen Onkel entsetzt an. „Nein!“

„Tut mir leid, Kleiner.“

„Aber er muss doch noch Pfefferkuchen essen. Er hat sie mit mir gebacken.“

Juan, der Sherrys Argumentationsfähigkeit nicht zu trauen schien, riss sich von seinem Onkel los und rannte in die Küche. „Die gehören mir!“

„Juan!“, rief Rafe.

Himmel, war das Kind schnell. „Halt! Die Kekse sind doch noch total heiß, Schatz!“, sagte Sherry laut und lief hinter ihm her. Als sie um die Ecke bog, hing Juans kleine Hand nur wenige Zentimeter von dem Backblech entfernt in der Luft.

„Oh!“ Erschrocken schob er sie auf den Rücken.

Sherry drückte ihn erleichtert an sich. „Du hättest dich verbrennen können!“

Rafe gesellte sich zu ihnen. „Er ist wirklich der reinste Wirbelwind.“

Sherry versuchte, den köstlichen Schauer zu ignorieren, der ihr in seiner Gegenwart über den Rücken lief. Der Mann war groß, muskulös und fürsorglich, aber er war schließlich nur wegen seines Neffen hier.

Sie holte einen Pfannenwender aus der Schublade. „Wir lassen die Kekse noch eine Minute lang abkühlen, bevor wir sie essen. Wollen Sie uns nicht dabei Gesellschaft leisten?“, fragte sie ihren Nachbarn. „Es ist genug da.“

Rafe nickte kurz. „Die Pfefferkuchen riechen wirklich gut. Meine Großmutter hat früher auch immer welche gebacken. In Schweinchenform. Sie hießen Marranitos.“

„Schweinchen? Keine schlechte Idee.“

„Darf ich meiner Schwester auch welche mitnehmen?“, fragte Juan.

Sherry strich ihm zärtlich durchs Haar. „Na klar. Das ist sehr aufmerksam von dir.“

„Für mich auch?“

„Sicher.“

„Sei nicht so gierig, Juan“, ermahnte ihn sein Onkel.

„Nur einen.“

Rafes zuckende Mundwinkel zauberten Grübchen auf seine Wangen. So miesepetrig war er also doch nicht.

Als Sherry heißes Wasser über Orangenteebeutel goss, beobachtete sie, wie Rafe den Blick über ihre alten Schränke mit Porzellan gleiten ließ. „Sie mögen wohl alte Sachen“, stellte er mit widerwilliger Anerkennung fest.

„Das meiste davon gehörte meiner Mutter. Ich hatte es während meiner Ehe eingelagert. Elliott bestand darauf, unser Haus von einem Designer einrichten zu lassen, aber eigentlich gefiel mir der puristische Stil nie besonders.“ Sherry hatte keine Ahnung, warum sie das Rafe überhaupt erzählte. Vermutlich lag es daran, dass sie schon seit Wochen kaum ein Wort mit jemandem gewechselt hatte.

„Dann verstehe ich nicht, warum Sie das Cottage nicht behalten wollten“, wandte Rafe ein. „Für die meisten Nachbarn ist es ein Teil von Breas Geschichte.“

Musste er denn so auf ihrem wunden Punkt herumreiten? „Das Thema ist für mich erledigt. Sie sollten vielleicht auch allmählich damit abschließen.“

„Wahrscheinlich haben Sie recht.“ Rafe schien sich erstaunlicherweise nicht angegriffen zu fühlen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

„Könnten Sie ein paar Teller für die Kekse auf den Tisch stellen? Das wäre lieb.“ Sherry öffnete den Schrank, in dem sie ihr Alltagsgeschirr aufbewahrte.

„Mach ich.“

„Onkel Rafe, du musst dir erst die Hände waschen!“ Die beiden Erwachsenen starrten Juan verblüfft an. „Bitte“, fügte er hinzu.

Lachend ging Rafe zur Spüle. „Anscheinend haben Ihre guten Manieren schon auf meinen Neffen abgefärbt.“

„Ach, Juan hat ganz gute Manieren. Wahrscheinlich vergisst er sie nur manchmal.“

Sherry spürte, dass Rafe sie aufmerksam beobachtete, als sie und Juan die Lebkuchenmänner vom Backblech nahmen. Sie war fast enttäuscht, als er sich plötzlich umdrehte, um das Besteck zu verteilen.

„Ach, das habe ich ja fast vergessen!“ Rafe legte den letzten Löffel hin, nahm sein Handy und tippte eine Nummer ein. „Ich habe ihn gefunden“, sagte er in den Hörer. „Es geht ihm gut. Wir sind in ein paar Minuten da.“

Sherry war verwirrt. „Durfte Juan denn gar nicht draußen herumlaufen?“

„Nein.“ Rafe drückte auf einen zweiten Knopf. „Diane? Du kannst mit der Suche aufhören. Juan war bei Mrs LaSalle. Danke noch mal für deine Hilfe.“

Was? Die ganze Nachbarschaft war wegen Juan alarmiert? Sherry wurde rot. „Tut mir schrecklich leid, aber ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass man Juan vermissen könnte. Ich mache anscheinend nichts als Ärger.“

„Die Hauptsache ist, dass es Juan gut geht.“

Juan verlor allmählich die Geduld, nahm kurzerhand den Keksteller und trug ihn zum Tisch. „Ich habe Hunger!“

Instinktiv wollte Sherry nach dem zerbrechlichen Teller greifen, biss sich jedoch auf die Unterlippe und ließ den Jungen gewähren. Alles ging gut, bis er gegen die Tischkante prallte.

Mit überraschender Behändigkeit fing Rafe den abrutschenden Teller auf. Er war wirklich geschickt. Weil er Mechaniker war? Sherry wurde plötzlich bewusst, dass der Besitz einer Werkstatt neben der Reparatur von Autos auch den Umgang mit Kunden und Finanzen voraussetzte. Offensichtlich hatte sie Rafe bisher unterschätzt.

Man lernte doch immer wieder etwas hinzu. Zum Beispiel, dass man einen kleinen Jungen ständig beaufsichtigen musste.

„Juan fällt es schwer, sich an Regeln zu halten“, erklärte Rafe und schob Sherry einen Stuhl hin. „Deshalb verlässt er auch ungefragt das Haus seiner Tagesmutter oder fragt nicht um Erlaubnis, bevor er etwas Zerbrechliches in die Hand nimmt.“

„Tut mir leid“, sagte Juan zerknirscht.

„Wie alt ist er eigentlich?“, fragte Sherry. „Sechs?“

„Vier.“

Ach so, das erklärte natürlich einiges. „Die Servietten auf den Schoß“, ermahnte sie die beiden, die sich bereits bedient hatten.

Onkel und Neffe legten schuldbewusst ihre Pfefferkuchen auf ihre Teller und gehorchten.

Sherry fragte sich, ob ihre spontane Idee, Rafe Montoya zum Tee einzuladen, nicht ein großer Fehler gewesen war. Aber jetzt war es zu spät, ihre Meinung noch zu ändern. Und sein positiv überraschter Gesichtsausdruck beim Probieren entschädigte für Vieles.

Für diesen Anblick würde sie sogar täglich backen.

Wer hätte gedacht, dass diese vornehme Lady backen und ihren Haushalt auch ohne Armee Bediensteter in Schuss halten kann? dachte Rafe. Außerdem war sie ausgesprochen liebevoll zu Juan. Und sie wirkte sehr bestimmt, im besten Sinne des Wortes – nicht arrogant, sondern durchsetzungsfähig. Oliver wusste diese Charaktereigenschaft zu schätzen.

Mit den blonden Strähnen, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatten, und dem Mehlfleck auf der einen Wange hatte sie nur noch wenig Ähnlichkeit mit der unterkühlten Debütantin, der er vor zehn Jahren begegnet war. Auf eine gewisse Art fand er sie jetzt sogar noch anziehender, aber das war ein Fehler. Abgesehen von ihren bisherigen Auseinandersetzungen machte Rafe sich nämlich keinerlei Illusionen über sie.

Sherry stammte aus einer anderen Welt, in die sie früher oder später zurückkehren würde. Er selbst hatte keinerlei Zugang dazu und auch kein Interesse daran. Mehr als ein Waffenstillstand war zwischen ihnen nicht möglich.

„Läufst du oft allein draußen herum?“, fragte Sherry Juan.

Der Kleine schluckte einen Bissen hinunter. „Nein, ich wollte zu dir.“

Rafe blickte überrascht auf. „Warum?“

„Er hat gedacht, ich sei eine Hexe“, antwortete Sherry an Juans Stelle. „Woher er das wohl hat?“ Sie sah Rafe durchbohrend an.

Rafe verschluckte sich an einem Krümel und hustete, bis er ganz heiser war.

Sherry klopfte ihm so kräftig auf den Rücken, dass ihm der Kopf dröhnte. Er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen.

„Juan hat mich gebeten, seine Eltern herzuzaubern“, fügte sie hinzu.

„Oh.“ Rafes Herz zog sich schmerzlich zusammen.

„Ob eine echte Hexe das wohl könnte?“, fragte Juan.

„Nein“, antwortete Sherry. „Deine Eltern sind außerdem schon bei dir. Wenn du dich darauf konzentrierst, kannst du ihre Liebe spüren. Ich wette, dass sie sich sehr darüber freuen, dass du bei deinem Onkel Rafe wohnst und heute gelernt hast, wie man Pfefferkuchenmännchen backt.“

Nachdenklich starrte Juan auf seinen Teller. „Manchmal höre ich meine Mom singen“, sagte er. Ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht. „So wie du.“

In all den Monaten, in denen Rafe mit den Kindern zusammenlebte, hatte er noch nie erlebt, dass Juan so rasch Vertrauen zu jemandem aufbaute. Erstaunlich, dass er sich dafür ausgerechnet Sherry LaSalle ausgesucht hatte.

Plötzlich fiel ihm wieder der Ohrring in seiner Tasche ein. „Ich habe in Ihrem Auto übrigens etwas gefunden“, sagte er, zog das Tuch heraus und wickelte es auf.

Die Diamanten funkelten in der Sonne. Sherry schrie vor Freude leise auf. „Das ist ja eine Überraschung!“

„Die sind schön“, sagte Juan.

Sherry berührte den Ohrring mit scheuer Ehrfurcht. „Ich habe mich immer wieder gefragt, wo ich ihn verloren haben könnte. Er ist ein Geschenk meiner Eltern.“ Das erklärte natürlich ihre emotionale Reaktion. „Ich wollte aus dem zweiten Ring schon einen Anhänger machen lassen, aber so ist es natürlich viel besser. Vielen Dank!“

„Keine Ursache.“

Sherry brachte das Schmuckstück ins Schlafzimmer, während Rafe und Juan den Tisch abräumten. Zum Abschied wickelte Sherry ihnen die restlichen Kekse in Papier ein.

„Wollen Sie nicht noch ein paar behalten?“, fragte Rafe.

„Ich verzichte lieber auf überflüssige Kalorien. Juan kann sich die Kekse mit den anderen Kindern teilen.“ Sie steckte das Päckchen in eine schwarz-orange Geschenktüte. „Passende Farben für eine Hexe, finden Sie nicht?“

Rafes Vorbehalte gegen Sherry lösten sich mit einem Mal in Luft aus. Okay, sie hatte mit ihrem überkandidelten Geschmack die Nachbarschaft verschandeln wollen, aber sie war trotzdem ganz anders als gedacht. „Ich würde die Vergangenheit gern begraben“, sagte er. „Wie sehen Sie das?“

„Ganz meine Meinung.“ Ihre blauen Augen strahlten, als sie ihm die Tüte überreichte, wobei ihre Hand aus Versehen seine streifte.

Rafe fand den Körperkontakt erregender, als ihm lieb war. Plötzlich hörte er ein Piepsen. Sherry griff unter ihre Schürze und zog einen Terminplaner aus der Tasche. „Himmel, ich habe ja in einer halben Stunde ein Vorstellungsgespräch! Ich sehe bestimmt schrecklich aus.“

Rafe verkniff sich die Bemerkung, dass er sie sehr sexy fand. „Nichts, was sich nicht schnell beheben ließe. Wir lassen Sie dann mal lieber allein.“

„Kommen Sie jederzeit wieder vorbei.“

„Danke.“ Froh darüber, dass sein Neffe keinen Wutanfall bekam, ging Rafe mit ihm nach draußen und warf einen Blick zurück auf das Cottage. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn es plötzlich mit glitzerndem Feenstaub bedeckt gewesen wäre.

In Rafes Leben hatte es bisher nicht gerade viele positive Wendungen gegeben. Umso erstaunlicher fand er diese hier, auch wenn sie vermutlich nicht lange anhielt.

Maryam begrüßte ihn und Juan mit aufrichtiger Erleichterung. „Das ist mir bisher noch nie passiert“, sagte sie entschuldigend.

„Ich wollte zu der Prinzessin“, erklärte Juan, bevor er zu seinen Spielkameraden lief.

Offensichtlich sah er in Sherry keine Hexe mehr. „Sherry LaSalle hat ihm beigebracht, wie man Pfefferkuchenmännchen backt. Ihr kam gar nicht in den Sinn, dass wir vielleicht nach ihm suchen könnten.“ Rafe hielt Maryam die Tüte mit den Keksen hin und schilderte ihr, was Juan von Sherry gewollt hatte. „Ich sollte in Zukunft besser aufpassen, was ich in Gegenwart der Kinder sage. Sherry eine Hexe zu nennen, war nicht gerade klug von mir.“

„Kinder saugen alles auf wie ein Schwamm, was andere sagen. Man kann das nicht immer verhindern.“ Maryam schnüffelte an den Keksen. „Wie lieb von Sherry. Ich hätte sie eigentlich nicht gerade für eine gute Hausfrau gehalten.“

„Ich auch nicht.“

Rafe verabschiedete sich. Er wollte gerade ins Auto steigen, als er plötzlich eine weibliche Stimme seinen Namen rufen hörte. Verwirrt drehte er sich um und entdeckte Sherry vor ihrem Haus. Sie winkte ihn besorgt zu sich herüber.

Rafe eilte auf sie zu. „Was ist los?“

Sherry zeigte auf den Leihwagen in ihrer Einfahrt, der sich merkwürdig zu einer Seite neigte. „Als ich rückwärts aus der Garage fuhr, habe ich gleich gemerkt, dass etwas nicht stimmte.“

„Zwei platte Reifen auf derselben Seite. Das ist ungewöhnlich.“ Rafe hockte sich hin und entdeckte mehrere Löcher. „Wie ist das passiert?“

„Einige Ecken weiter ist eine Baustelle. Vielleicht bin ich über ein paar Nägel gefahren.“

„Wir müssen den Wagen abschleppen und zur Werkstatt fahren.“

„Ich bin sowieso schon viel zu spät dran. Ich rufe mir ein Taxi.“ Sherry zog ihr Handy aus der Tasche. „Oje, das dauert bestimmt ewig, oder? Am besten verschiebe ich das Gespräch.“

„Klingt sinnvoll.“

Sie zögerte. „Ich muss auf Sie ja total unzuverlässig wirken. Dabei bin ich sonst eigentlich so gut organisiert.“ Dem Zittern ihrer Stimme nach zu urteilen, war Sherry kurz davor, in Tränen auszubrechen. „Heute Morgen habe ich schon einen Job verloren – die Chance darauf, meine ich. Ich kann es mir nicht leisten, noch eine zu verpassen.“

Rafe stand wieder auf. „Wie weit müssen Sie fahren?“

„Etwa zehn Minuten.“

„Ich bringe Sie vorbei.“ Schließlich konnte er eine Nachbarin nicht einfach so im Stich lassen. Außerdem war er neugierig, wo sie sich beworben hatte.

Sherry sah ihn dankbar an. „Ich kann einfach nicht glauben, wie großzügig Sie sind, so wie ich Sie behandelt habe. Wenn Sie mal einen Babysitter brauchen, springe ich gern für Sie ein.“

„Das macht mir nichts aus“, sagte Rafe und ging zu seinem Auto. „Kommen Sie. Lassen Sie uns losfahren.“ Sherry eilte hinter ihm her.

Nachdem er ihr die Beifahrertür geöffnet hatte, sah er belustigt zu, wie sie ihren in Seide gekleideten Po auf den abgenutzten Sitz des umgebauten Polizeiautos schob.

Sherry sah sich verblüfft um. „Das hier erinnert mich an ein …“

„Gut erkannt. Es ist tatsächlich ein Polizeiauto.“ Rafe startete den Motor. „Oder zumindest war es mal eins.“

Sherry räusperte sich verlegen. „Haben eigentlich alle Mechaniker so einen?“

Rafe musste lachen. „Nur wenn sie ihn billig bei einer Auktion ergattern.“

Sherry lehnte sich zurück. „Sie müssen mich für total ignorant halten.“

„Ein bisschen Naivität kann nicht schaden. Wo geht es eigentlich lang?“

„Fahren Sie zum Imperial Highway und dann nach Osten.“

Das Gespräch verstummte. Obwohl sie sich in der letzten Stunde ganz gut verstanden hatten, standen ihre früheren erbitterten öffentlichen Auseinandersetzungen wohl noch immer zwischen ihnen.

Sherry schien das genauso zu empfinden. „Tut mir leid, dass wir wegen des Cottages aneinandergeraten sind“, sagte sie irgendwann. „Wir haben uns wirklich unter sehr ungünstigen Umständen kennengelernt.“

Rafe atmete ihr frisches Parfum ein. „Wir sind uns früher schon mal begegnet“, sagte er unvermittelt, obwohl er das eigentlich gar nicht hatte erzählen wollen. „Allerdings bezweifle ich, dass Sie sich noch daran erinnern.“

„Wirklich?“

„Es muss so vor vierzehn Jahren gewesen sein.“ Komisch, wie lebhaft seine Erinnerung daran noch war. „Ich habe damals die Autos der Gäste eines Restaurants in Los Angeles geparkt. Ihre Familie hat eine Party gefeiert, und Sie kamen irgendwann heraus, um Freunde zu begrüßen. Sie trugen ein dunkelrotes Kleid und hatten eine Dauerwelle.“

„Sie wissen noch, was ich anhatte? Wirklich erstaunlich“, sagte Sherry. „Haben wir uns unterhalten?“

„Nein.“

„Bin ich Ihnen auf den Fuß getreten oder so?“

Rafe lachte. „Deshalb sind Sie mir nicht aufgefallen.“ Er konnte ihr schlecht sagen, dass er bei ihrem damaligen Anblick irgendwie eine Verbindung zwischen ihnen gespürt hatte. Rückwirkend kam ihm das selbst total lächerlich vor. „Sie sahen bemerkenswert hübsch aus.“

„Danke.“ Ihr Blick war plötzlich ganz sehnsüchtig. „Das muss an meinem dreizehnten Geburtstag gewesen sein.“

„Waren Sie wirklich erst dreizehn? Sie sahen viel älter aus.“ Kein Wunder, dass sie nicht mit ihm geflirtet hatte. Erst jetzt wurde Rafe bewusst, dass zwischen ihnen ein Altersunterschied von vier Jahren bestand. Darüber hatte er bisher noch nie nachgedacht.

„Haben Sie gedacht, dass ich Sie ignoriere?“, fragte Sherry. „Aber wahrscheinlich habe ich mein ganzes Leben lang die Gefühle anderer Menschen verletzt, ohne es zu merken.“

„Das ist nicht Ihre Schuld.“ Rafe wusste selbst nicht, warum er innerlich plötzlich so aufgewühlt war. „Für Ihre dreizehn Jahre waren Sie ganz schön scharf.“

Sherry lächelte. „Sie sahen bestimmt auch umwerfend aus, vor allem in Uniform, aber altersmäßig waren Sie damals überhaupt nicht meine Liga. Geradeaus“, fügte sie hinzu, als sie an eine Kreuzung kamen.

Sie fuhren durch Breas Innenstadt mit den schicken Restaurants und Geschäften und dann am Einkaufszentrum und den Bürogebäuden vorbei. Rafe konnte seine Neugier nicht länger zügeln. „Wo haben Sie Ihr Vorstellungsgespräch eigentlich?“

„In einem Laden.“

Rafe hätte eher mit einem Büro gerechnet.

„Biegen Sie hier nach links ab.“ Sherry zeigte auf den Parkplatz eines großen Schnäppchenladens.“

„Hier?“, fragte Rafe ungläubig. „Die zahlen nur Mindestlöhne.“

„Eine sogenannte feine Lady gewesen zu sein, ist keine Jobqualifikation, wie ich inzwischen feststellen musste.“ Sherry zuckte die Achseln. „Vielleicht wird die Regierung Winston ja eines Tages zu fassen kriegen und ich bekomme mein Geld zurück, aber in der Zwischenzeit stapeln sich bei mir die Rechnungen. Irgendwo muss ich ja anfangen.“

„Hat Ihnen denn niemand Ihrer Freunde einen Job angeboten?“ In Rafes Freundeskreis war es normal, dass man einander half.

„Nachdem ich sie dazu ermuntert habe, ihr Geld zum Fenster rauszuschmeißen? Die meisten nehmen noch nicht mal meine Anrufe an.“ Sherry betrachtete die breite Fassade des Geschäfts. „Den Eignungstest habe ich online gemacht. Ich wünschte nur, ich hätte mir den Laden vorher mal angesehen. Ich habe vor, mich auf Heimtextilien zu spezialisieren.“

Rafe war beeindruckt von ihrer Entschlossenheit. „Ich warte hier auf Sie.“ Das Gespräch würde vermutlich nicht lange dauern, nicht, wenn sie den Test schon gemacht hatte.

Sherry öffnete die Autotür. „Ich bin Ihnen ohnehin schon viel zu viel schuldig. Das ist wirklich nicht nötig.“ Sie lächelte ihm flüchtig zu und verschwand.

Ohne sie kam das Auto Rafe plötzlich leer vor. Was für eine positive Lebenseinstellung, dachte Rafe bewundernd, als er seinen Wagen parkte. Er hatte nämlich beschlossen, trotzdem auf Sherry zu warten.

3. KAPITEL

Der Schnäppchenladen war so überfüllt, dass Sherry sich zunächst total überfordert fühlte. Am liebsten wäre sie gleich wieder rausgelaufen und hätte Rafe angefleht, sie zurück nach Hause zu fahren.

Nervös umklammerte sie den Griff eines Einkaufswagens. Da musst du jetzt durch. Nur keine Panik!

Außerdem wollte sie sich ja nie wieder von einem Mann abhängig machen. Auch nicht von jemandem, der so hilfsbereit war wie Rafe.

Dabei hätte er allen Grund gehabt, ihr die kalte Schulter zu zeigen. Noch dazu, wo sie Juan zu sich ins Haus gelassen hatte, ohne zu bedenken, dass man vielleicht nach ihm suchte. Und jetzt hatte sie zu allem Überfluss auch noch die Reifen des Wagens platt gefahren, den er ihr leihen musste, während er umsonst ihre Limousine reparierte. Tief im Innern wusste sie genau, dass es unfair war, ihn für Winstons Wagendiebstahl verantwortlich zu machen – Rafe war genauso ein Opfer wie sie –, aber sie hatte sich von ihrem Anwalt dazu überreden lassen.

Und dann hatte er ihr auch noch ihren Ohrring zurückgegeben. Jemand anders in seiner Situation hätte ihn bestimmt als Entschädigung behalten.

Okay, der Mann war also praktisch ein Heiliger. Ein Grund mehr für eine willensschwache Frau, Distanz zu ihm zu wahren.

Eine Lautsprecherdurchsage riss Sherry aus ihren Gedanken. Im dritten Gang gab es BHs im Angebot. Wer kaufte denn hier Unterwäsche?

Ich würde es tun. Wenn ich es mir leisten könnte.

Sie brauchte wirklich dringend Geld. Falschen Stolz oder Bedenken konnte sie sich nicht leisten. Und Gott sei Dank brauchte sie gerade keine Unterwäsche.

Ihren ganzen Mut zusammennehmend, erkundigte Sherry sich bei einer Verkäuferin nach dem Weg zum Büro der Managerin und erhielt die Auskunft, dass es im hinteren Bereich des Ladens sei. Als sie dort ankam, blieb sie jedoch bestürzt stehen. Vor dem Büro saßen bereits sechs Menschen auf Plastikstühlen. Offensichtlich warteten sie auch alle auf ein Vorstellungsgespräch.

Entmutigt setzte Sherry sich hin. Mit so vielen Mitbewerbern hatte sie gar nicht gerechnet.

Voller Unbehagen dachte sie an ihren Streit mit Brooke im letzten Frühjahr zurück. Brooke arbeitete als Rezeptionistin bei dem Kieferorthopäden, der mit Sherrys Freundin Helen Salonica verheiratet war. Brooke hatte Sherry gegenüber abgestritten, eine Affäre mit ihrem Chef zu haben, und Sherry hatte ihr daraufhin gesagt, dass sie trotzdem kündigen und sich einen neuen Job suchen solle. Schließlich sei so etwas ja kein Problem. Sie konnte sich noch gut an Brookes Entrüstung erinnern.

Offensichtlich hatte sie sich geirrt, was Jobs anging. Und nicht nur darin.

Bei der Vorstellung, Brooke zufällig über den Weg zu laufen, erschauerte Sherry unwillkürlich. Aber das würde sich wohl nicht vermeiden lassen, da sie beide in derselben Straße wohnten.

In den letzten beiden Monaten war Sherry ihren Nachbarn relativ erfolgreich aus dem Weg gegangen. Sie hatte sich bei ihnen nämlich nicht gerade beliebt gemacht. Bei einer Hauseigentümerversammlung zum Beispiel hatte sie deren Häuser abfällig als winzig und die Leute als Kleingeister bezeichnet.

Sherry war so in Gedanken versunken, dass sie die laute Stimme einer Frau zunächst gar nicht hörte. „Sind Sie nicht die Erbin?“

Sherry sah sich suchend um. Es dauerte eine Weile, bis ihr bewusst wurde, dass man sie meinte. „Wer? Ich?“, fragte sie dümmlich.

„Das ist wirklich Sherry LaSalle“, bestätigte ein dickbäuchiger Mann. „Ich habe ihr Foto in der Zeitung gesehen.“

Eine untersetzte Frau in grauem Trainingsanzug musterte Sherry missbilligend. „Was wollen Sie eigentlich hier, so aufgedonnert, wie Sie sind?“

„Wie bitte?“ Hatte diese Frau denn noch nie davon gehört, dass man sich für Bewerbungsgespräche entsprechend anzog?

Ein mageres Mädchen mit tief ausgeschnittenem Top nahm ihr Handy aus der Tasche. „Das ist das Coolste, das mir seit einer Woche passiert ist. Darf ich ein Foto von Ihnen machen?“

Dankbar, wenigstens eine Bewunderin zu haben, stimmte Sherry zu. Das Mädchen setzte sich neben sie, streckte den Arm aus und drückte auf den Auslöser. Nachdem sie das Ergebnis überprüft hatte, sagte sie: „Halten Sie mir den Platz frei, das muss ich sofort meinen Freundinnen erzählen!“ Sie lief davon.

„Darf ich um ein Autogramm bitten?“, fragte ein junger Mann.

„Die tut doch bestimmt nur so als ob“, kommentierte die Frau im Trainingsanzug verächtlich. „Das ist unter Garantie für eine Reality Show.“

Sherry versuchte, ruhig zu bleiben, aber das fiel ihr nicht leicht. Alle starrten sie an wie einen entlaufenen Orang-Utan. „Ich bewerbe mich genauso für den Job wie alle anderen auch.“

„Weil dieser Mann Ihnen Ihre Milliarden weggenommen hat?“, höhnte ihre Peinigerin. „Menschen wie Sie haben doch immer noch etwas auf der hohen Kante.“

„Ich nicht. Und es waren keine Milliarden.“

Die Frau musterte sie skeptisch. Sherry sehnte sich plötzlich nach dem mageren Mädchen zurück. Aber sie wusste nicht, worauf sie sich einließ.

Als die junge Frau nämlich kurz darauf wirklich zurückkam, hatte sie einen Haufen kichernder Freundinnen im Schlepptau, die alle darauf bestanden, mit der berühmten Erbin fotografiert zu werden. Zweifellos würden die Fotos bald im Internet landen.

Währenddessen strömten immer mehr Kunden in den Wartebereich. „Das ist sie ja wirklich!“

„Was macht die denn hier?“

„Sie bewirbt sich für einen Job.“

Man hielt ihr Kassenbons und Einkaufslisten entgegen, damit sie ihr Autogramm gab. Sherry tat ihr Bestes, obwohl ihr schon nach wenigen Minuten die Hand schmerzte.

In diesem Augenblick ging die Tür zum Büro auf, und ein junger Mann mit unreiner Haut schoss heraus, als könne er gar nicht schnell genug entkommen. Offensichtlich hatte er kein Glück gehabt.

Eine Frau mit strengem Gesicht folgte ihm. Das war bestimmt Mrs Fordyce, die Managerin. „Was ist denn hier los?“

„Das da ist Sherry LaSalle!“, trompetete eine Frau mit ohrenbetäubender Stimme. „Die Erbin! Sie ist auf der Suche nach einem Job. Unglaublich, was?“

Die Pfefferkuchenmännchen von vorhin lagen Sherry plötzlich wie Steine im Magen. Was hatte sie dieser Frau nur getan?

„Sind Sie etwa die Bewerberin, die sich unter dem Namen Sherry Parker beworben hat?“ Dem Tonfall der Personalchefin nach zu urteilen, hatte Sherry damit ein Kapitalverbrechen begangen.

„Parker ist mein Mädchenname“, erklärte Sherry und versuchte, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. „Ich möchte ihn wieder annehmen.“

„Ihre Bewerbung soll wohl ein Witz sein!“, sagte die Frau scharf.

„Nein!“ Sherry nahm ihre Handtasche und sprang auf. „Ich bin total pleite. Ich muss Rechnungen bezahlen wie alle anderen Menschen auch und bin bereit, hart zu arbeiten. Sie werden es nicht bereuen, wenn Sie mich einstellen.“

Grelles Blitzlicht blendete sie. Ein Mann hielt sogar sein Handy hoch, damit seine Freundin am Ende der Leitung sie hören konnte. Großer Gott, schreckten diese Menschen denn vor nichts zurück?

Gereizt wedelte Mrs Fordyce die Schaulustigen weg und ließ den Blick dann verächtlich über Sherrys Designertasche gleiten. „Ich glaube kaum, dass wir hier Ihre Lieblingsmarken führen, Mrs LaSalle. Es liegt doch wohl auf der Hand, dass Ihre Einstellung weder in Ihrem noch in unserem Interesse sein kann.“

Sherry empfand diese harschen Worte wie einen Schlag in den Magen. Bitte lass mich nicht vor all diesen Menschen in Tränen ausbrechen. Oder vor Wut explodieren.

Sie ignorierte das selbstgefällige Grinsen auf vielen Gesichtern um sich herum und wandte sich an ihre Mitbewerber. „Tut mir leid, dass Sie an meiner Aufrichtigkeit zweifeln. Die meisten von Ihnen wirken sehr sympathisch, und ich wünsche Ihnen viel Glück.“

„Danke“, sagte das dünne Mädchen strahlend.

Sherry drehte sich wieder um – und prallte entsetzt zurück, als sie sich plötzlich einer Wand Schaulustiger gegenübersah. Wie auf ein Signal begannen alle, sie mit Fragen zu bombardieren. „Würden Sie mal mit meiner Mutter telefonieren? Sie glaubt sonst nicht, dass Sie es sind!“

„Lassen Sie sich mit mir fotografieren?“

„Hey, Sherry, wie wär’s mit einem Date?“

Sie wollte nur noch eins: weg von hier! Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie sie das bewerkstelligen sollte.

„Dreitausend Dollar?“, wiederholte Rafe bestürzt. Trotz des offenen Autofensters hatte er plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

„Das ist ein angemessener Betrag. Schließlich müssen wir Anzeigen schalten und Nachforschungen anstellen. Wir überprüfen grundsätzlich den familiären Hintergrund, die Zeugnisse und die Vorstrafenregister unserer Bewerberinnen.“

Vorstrafen? Großer Gott! Kaum zu glauben, was man alles bedenken musste, wenn man seine Kinder einer Fremden anvertrauen wollte.

„Ich melde mich wieder bei Ihnen.“ Rafe beendete das Gespräch und richtete den Blick wieder auf die Fassade des Geschäfts. Noch immer keine Spur von Sherry. Er nutzte die Zeit dafür, bei der nächsten Agentur anzurufen.

Die verlangte zwar nur zweitausend Dollar Vermittlungspauschale, hatte jedoch keine Nanny mehr frei. „Wir suchen gerade nach neuen Kandidatinnen. Rufen Sie uns doch in einem Monat wieder an.“

Ein Monat? Bis dahin war es zu spät.

Mit Agentur Nummer drei hatte Rafe endlich mehr Glück. Sie kostete nicht nur vergleichsweise günstige fünfzehnhundert Dollar, sondern wollte sogar noch am gleichen Abend zwei Nannys zum Vorstellungsgespräch vorbeischicken.

Eine davon war bestimmt geeignet.

Rafe warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es schon reichlich spät war. In der Werkstatt häufte sich wahrscheinlich die Arbeit.

Er beschloss, mal nach Sherry zu sehen – diskret natürlich, falls sie gerade mitten im Gespräch war.

Im Laden sah er im Hintergrund eine riesige wogende Menschentraube. Sie gebärdeten sich, als würde dort gerade der Ausverkauf ihres Lebens stattfinden.

„Was ist denn da drüben los?“, fragte er eine Verkäuferin.

„Eine Berühmtheit tut so, als würde sie sich um einen Job bewerben“, antwortete sie. „Ich wette, das ist für eine Fernsehshow.“

Mit ihrer Bemerkung über ihr Talent, Ärger zu machen, hatte Sherry offensichtlich nicht gelogen.

Mühsam schob Rafe sich zwischen zahlreichen Einkaufswagen und Menschen hindurch. Um ihn herum herrschte helle Aufregung. Rafe hatte keine Ahnung gehabt, dass Sherry so berühmt war.

Irgendwann entdeckte er sie im Gedränge. Sie versuchte gerade, sich einen Weg durch die Menschen zu bahnen, aber es waren einfach zu viele. Die meisten hielten ihr Zettel und Stifte hin oder machten Fotos.

„Aus dem Weg!“, rief Rafe mit dröhnender Stimme. „Bitte treten Sie zur Seite, Ma’am! Ich muss hier durch.“ Zu seiner Erleichterung machten die Kunden ihm tatsächlich Platz.

Sherry sah ihn so dankbar an, als sei er gerade direkt vom Himmel gefallen. „Gott sei Dank sind Sie noch hier!“

Fassungslos schüttelte Rafe den Kopf. „Wie konnte das nur passieren?“

„Keine Ahnung. Können wir gehen?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Natürlich.“ Rafe geleitete sie an den Schaulustigen vorbei. Von irgendwoher hörte er das Wort Bodyguard. Jemand anders murmelte neuer Freund.

Na klar doch!

Sherry wirkte wie erstarrt vor Schock. „Das muss ja schrecklich für Sie gewesen sein“, sagte Rafe zu ihr, als sie es endlich hinter die Kasse geschafft hatten und in Freiheit waren.

„Ich zittere noch am ganzen Körper“, sagte sie. „Wie halten die wirklichen Berühmtheiten das nur aus?“

Rafe verzichtete darauf, Sherry darauf hinzuweisen, dass sie für die meisten Menschen hier eine wirkliche Berühmtheit war. „Schaffen Sie es bis zum Auto?“

„Klar. Meine Knie hören bestimmt gleich auf zu zittern.“

Rafe nahm ihren Arm. „Passen Sie auf die Bordsteinkante auf.“

Sherry klammerte sich zunächst an ihm fest, ließ ihn dann jedoch rasch los. „Es ist alles in Ordnung, wirklich … Ich kann nur einfach noch immer nicht glauben, dass Sie mich gerettet haben.“

„Weil Sie mich für ein Scheusal halten?“

„Nein. Weil die anderen mich alle behandeln wie eine Aussätzige.“ Verängstigt blickte sie zu ihm auf. „Ich schaffe es noch nicht einmal, einen schlecht bezahlten Job zu kriegen. Kaum zu glauben, oder?“

Rafe beschloss, aufrichtig zu sein. „Sie haben doch nicht wirklich geglaubt, für einen Job in der Öffentlichkeit geeignet zu sein?“

Sherry blinzelte. „Warum nicht? Ich würde zur Not auch Hamburger servieren oder Einkaufswagen einsammeln, solange ich damit Geld verdienen kann.“

Sie waren inzwischen bei Rafes Auto angekommen. „Dann würden Sie bestimmt schon nach ein paar Überstunden zusammenbrechen. Und sich noch elender fühlen.“

„Meine Eltern haben mich anscheinend dazu erzogen, total nutzlos zu sein.“

„Da gebe ich Ihnen recht“, sagte Rafe, obwohl er sie eigentlich nicht verletzen wollte. Wahrscheinlich nahm er Sherry ihr früheres arrogantes Auftreten irgendwie immer noch übel.

Sherry zuckte zusammen. „Eigentlich meinte ich das nicht ernst. Schließlich habe ich schon jede Menge Geld für Wohltätigkeitszwecke aufgetrieben.“

„Weil es Ihnen Spaß macht, neue Abendkleider zu bestellen, auf glanzvolle Bälle zu gehen und für die Fotografen zu posieren.“ Sherry hatte Rafes aufrichtiges Mitgefühl, aber er bezweifelte stark, dass sie sich geändert hatte. Ein Wink ihrer verschwundenen Millionen, und sie würde sofort ihrem alten Leben hinterherhecheln.

„Das ist nicht wahr! Und von Fotos habe ich die Nase voll, bis …“ Sherry stockte und fügte schließlich zerknirscht hinzu: „… bis ich älter bin.“

„Wie viel älter?“

„Mindestens eine Woche“, gestand sie.

Plötzlich mussten sie lachen. Die Spannung zwischen ihnen entlud sich wie die Luft aus einem geplatzten Ballon.

„Also, ich muss zurück zur Arbeit“, sagte Rafe. „Die Limousine einer reichen Lady reparieren.“

„Dafür muss ich mich wirklich bei Ihnen entschuldigen.“

„Der Wagen müsste bald fertig sein.“

Rafe schaltete das Radio ein, um die Stille zwischen ihnen zu übertönen. Doch schon kurz darauf unterbrach ein Moderator die Musik.

„Sam Smithers aus Brea hat uns gerade folgenden Mitschnitt gesendet. Hört gut zu, Leute – ihr werdet bestimmt nicht glauben, wer das ist!“

Über die Lautsprecher waren undeutliche Hintergrundgeräusche zu hören, und dann verkündete eine vertraute Stimme: „Ich muss Rechnungen bezahlen wie alle anderen Menschen auch und bin bereit, hart zu arbeiten.“

Sherry verkrampfte sich unwillkürlich.

„Das da war eben das stinkreiche Societygirl Sherry LaSalle, die kürzlich von ihrem Liebsten ausgenommen wurde.“ Lebhaft schilderte der Moderator die Ereignisse in dem Schnäppchenladen. „Ehrlich, Leute, das ist kein Witz! Außerdem soll ein geheimnisvoller dunkelhaariger Fremder sie aus dem Gebäude befreit haben. War das ihr Chauffeur, ihr Bodyguard oder ihr neuer Liebhaber?“

„Warum hält er nicht einfach die Klappe?“, stöhnte Sherry.

„Soll ich den Sender wechseln?“

Sie seufzte. „Nein, ich sollte mir besser anhören, was der Witzbold noch alles zu sagen hat.“

„Sam bekommt für seinen Hinweis einen Gutschein für eine wilde Nacht in der Stadt. Ich bin schon gespannt auf eure Jobtipps für die hohlköpfige Diva“, kicherte der Typ. „Wer den besten Vorschlag macht, bekommt ebenfalls einen Preis. Wie wär’s mit einem Gutschein für einen Schnäppchenladen? Mit etwas Glück bedient euch dort ja vielleicht Sherry-Baby!“

Rafe musste sich beherrschen, um nicht loszuprusten. Wenn Sherry nicht direkt neben ihm säße, würde er sich königlich amüsieren.

Wieder erklang Musik. Rafe und Sherry schwiegen den Rest der Fahrt über. Er ließ sie vor ihrem Haus hinaus. „Ich werde jemanden bei Ihnen vorbeischicken, der das Auto abschleppt“, sagte er zu ihr. „Haben Sie heute noch mehr Termine?“

„Wenn das so wäre, würde ich sie absagen“, antwortete Sherry düster.

Da Rafe kein aufmunternder Kommentar dazu einfiel, verabschiedete er sich nur und fuhr davon.

Trotzdem hatte er das Gefühl, dass diese Lady nicht annähernd so hohlköpfig war, wie der Moderator behauptete. Sie würde bestimmt bald wieder auf die Beine kommen.

Rafe drückte ihr jedenfalls die Daumen.

In eine beigefarbene Fleecedecke gewickelt, saß Sherry zusammengekauert auf dem Sofa und trank Kräutertee. Gott, war das alles demütigend! Das Schlimmste war jedoch das nagende Gefühl, dass sie es nicht anders verdient hatte.

Die Vorstellung, in einem Schnäppchenladen zu arbeiten, war wirklich albern gewesen. Rafe hatte völlig recht damit gehabt. Wie war sie nur darauf gekommen, dass man sie nach dem in sämtlichen Medien ausgeschlachteten Skandal mit Winston nicht erkennen würde?

Aber mit der Unterstellung, dass sie Wohltätigkeitsveranstaltungen nur zum Spaß machte, war Rafe eindeutig zu weit gegangen! Diese Decke zum Beispiel stammte aus einer Kooperative, mit der indianische Witwen ihre Familien ernährten. Es hatte Sherry und ihrer Freundin Becky großes Vergnügen bereitet, die Spielabende zu organisieren, mit denen die Kooperative finanziert worden war.

Oh Gott, Rafe hatte also doch recht gehabt! Natürlich meinte sie es gut, aber sie hatte auch ihren Spaß dabei.

Trotzdem, sie brauchte Geld, und zwar dringend. Was sollte sie nur tun?

Sherry hatte bisher nie einen Berufswunsch gehabt. Ohne Elliott wäre sie nach dem Tod ihrer Eltern vermutlich komplett aufgeschmissen gewesen.

Ich hätte damals lieber lernen sollen, wie man sich um Finanzen kümmert, anstatt mich an einen Kerl zu hängen, dachte sie. Es hatte nicht lange gedauert, bis sie herausgefunden hatte, dass Elliott ihr mit der angeblichen Entfremdung von seiner Frau nur ein Märchen aufgetischt hatte. Und dass Lynn LaSalle nicht einfach nur eine verbitterte Frau war, die das Scheitern ihrer Ehe nicht akzeptieren wollte, sondern eine liebevolle Ehefrau mittleren Alters, die wegen einer Jüngeren fallen gelassen worden war.

Und dann, sieben Jahre später, hatte Elliott einfach so verkündet, sich von Sherry scheiden lassen zu wollen, um eine zweiundzwanzigjährige Journalistikstudentin zu heiraten, die ihn für ein Businessmagazin interviewt hatte. Sherrys ganze Welt war damals mit einem Schlag zusammengebrochen.

Nie hätte sie gedacht, dass ihr Mann ihr das Gleiche antun würde wie seiner ersten Frau. Wie hatte sie nur so blind sein können?

Aber sie war kein schlechter Mensch, nur ziemlich naiv. Sie musste sich endlich zusammenreißen, sich der Zukunft stellen und ihren Gegnern beweisen, dass sie unrecht mit ihrer schlechten Meinung über sie hatten.

Was der Sender wohl jetzt gerade an Gerüchten über sie verbreitete? Sherry nahm ihren ganzen Mut zusammen und schaltete das alte Radio ihrer Mutter ein.

Sie brauchte nicht lange zu warten. „Tut mir leid, dass viele von euch mit den Jobvorschlägen für das arme reiche Mädchen Sherry LaSalle nicht durchkommen. Unsere Leitungen sind nämlich total überlastet. Wir werden schon in Kürze einen Gewinner auswählen …“

Was? Der Wettbewerb lief noch immer? Sherry verzog angewidert das Gesicht, brachte es jedoch nicht über sich, das verdammte Radio wieder auszuschalten.

„Hier kommt gerade der Vorschlag, sie solle sich ein Affenkostüm anziehen und als Maskottchen bei den Baseballspielen der Angels in Anaheim mitmachen. Klasse Idee! Weiter so, Leute!“

Sherry fragte sich unwillkürlich, wie der Maskottchen-Job wohl bezahlt war? Zumindest hatte er den Vorteil, dass man sich hinter einer Maske verstecken konnte.

Kurz entschlossen warf sie die Decke beiseite, nahm sich einen Block und einen Kugelschreiber und begann, eine Liste mit Jobs zu erstellen, für die man keine Ausbildung brauchte und bei denen man nicht in der Öffentlichkeit stand.

Sie hatte da sogar schon ein paar Ideen. Vielleicht würde sie ja doch noch alle überraschen!

Rafe hatte eigentlich gehofft, mit Sherrys Wagen bis zum Wochenende fertig zu werden, aber leider kamen ihm ein paar Aufträge von einem Gebrauchtwagenhändler dazwischen.

Schließlich schickte er seinen zweiten Mechaniker Jed bei ihr vorbei, um zumindest die Reifen des Ersatzwagens flicken zu lassen. Er wollte nicht selbst hinfahren, um den Kontakt zu ihr zu vermeiden.

Denn trotz des Mitgefühls, das er für sie empfand, war er sich der Kluft zwischen ihnen nur allzu deutlich bewusst. Früher oder später würde sie weiterziehen. Eine Freundschaft mit ihr war daher von Vornherein zum Scheitern verurteilt – und konnte außerdem unangenehme Konsequenzen für ihn haben. Wegen des Radiomoderators war die Öffentlichkeit bereits auf ihn aufmerksam geworden. Gott sei Dank wusste bisher niemand, wer sich hinter dem geheimnisvollen Fremden verbarg, der Sherry aus dem Discounter befreit hatte.

Gegen vier Uhr am Donnerstag hielt ein gelbes Auto vor Rafes Werkstatt. Eine rothaarige junge Frau in Rüschenbluse und Jeans stieg aus und schlenderte auf ihn zu.

„Haben Sie ein Problem mit dem Wagen?“, fragte Rafe und wischte sich die Hände mit einem Tuch ab.

„Ich suche Rafe Montoya“, sagte sie.

„Steht vor Ihnen.“

„Ich bin Ginger.“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.

Rafe sagte der Name zunächst nichts, doch dann fiel ihm wieder ein, wer sie war. „Ach so, die Nanny. Waren wir nicht um sechs Uhr bei mir zu Hause verabredet?“

„Ich unterhalte mich lieber ohne die Kinder mit meinen Arbeitgebern.“

Rafe störte es, dass sie ihn unangemeldet bei der Arbeit unterbrach, aber er wollte nicht unhöflich sein. „Es ist ziemlich laut hier. Lassen Sie uns reingehen.“

„Ach, es wird nicht lange dauern. Ich wollte mich vorab über die Kinder erkundigen. Bisher kenne ich nur ihre Namen und ihr Alter“, sagte Ginger.

Rafe erzählte ihr alles Nötige. „Im letzten Jahr habe ich die beiden adoptiert. Ich brauche eine Nanny, da ihre Tagesmutter aufhört. Sie hält individuelle Betreuung für ratsam.“

Ginger runzelte die Stirn. „Heißt das etwa, die Kinder haben Probleme?“

„Sofia braucht jemanden, der sehr viel Zeit mit ihr verbringt, und Juan ist manchmal etwas impulsiv.“

„Was meinen Sie mit impulsiv?“, hakte die junge Frau nach.

„Juan ist Dienstag weggelaufen.“ Angesichts ihres geschockten Gesichtsausdrucks fügte Rafe hinzu: „Nicht weit. Wir haben ihn bei einer Nachbarin gefunden.“

„Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich die richtige Nanny für Ihre Familie bin, Mr Montoya“, sagte Ginger. „Problemkinder brauchen eine Sonderbetreuung.“

„Meine Nichte und mein Neffe sind keine Problemkinder, sondern ganz normal. In Anbetracht des Verlusts ihrer Eltern entwickeln sie sich sogar sehr gut“, antwortete Rafe brüsk. „Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass Sie reif genug für den Job sind. Aber danke, dass Sie vorbeigekommen sind.“

Sie sah ihn verunsichert an. „Sie werden sich doch nicht bei der Agentur über mich beschweren, oder?“

„Keine Ahnung. Mir scheint, dass Sie von vornherein kein Interesse an dem Job hatten. Ich habe es nicht gern, wenn man meine Zeit verschwendet.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, kehrte Rafe wieder an die Arbeit zurück. Er hatte gesehen, wie sie wegen des Ölgeruchs in der Werkstatt die Nase gerümpft hatte. Wahrscheinlich war ihr die Familie eines Mechanikers einfach nicht gut genug.

Pünktlich um acht Uhr erschien dann endlich die ersehnte Mary Poppins auf seiner Türschwelle. Ihr richtiger Name war Mildred Barlow, und sie verzauberte ihn und die Kinder schon mit ihren ersten Worten: „Was für ein wunderschönes Zuhause. Und so liebe kleine Gesichter!“

Ihre Zeugnisse waren beeindruckend, und schon nach wenigen Minuten saß Sofia auf ihrem Schoß und Juan neben ihr, während sie ihnen aus ihrem Lieblingsbuch vorlas.

Rafe war erleichtert. „Können Sie gleich am Montag anfangen?“

Ein Schatten huschte über Mildreds mütterliches Gesicht. „Hat die Agentur Ihnen nicht gesagt, dass ich erst ab September frei bin?“

„September?“, fragte Rafe entgeistert. Sie hätte genauso gut Weihnachten sagen können.

„Die Familie, für die ich jetzt arbeite, zieht im Herbst nach England“, erklärte Mildred. „Sie hat mich darum gebeten, mitzukommen, aber ich will meine Tochter und meinen Enkel nicht allein lassen. Es tut mir wirklich leid wegen des Missverständnisses, aber ich kann erst in drei Monaten anfangen.“

Nachdem sie gegangen war, brach Sofia in Tränen aus. Mit trotzig verschränkten Armen verkündete Juan: „Ich will die Lebkuchenlady!“

„Die Prinzessin?“, fragte seine Schwester.

„Genau!“

„Ich auch!“

Für den Bruchteil einer Sekunde spielte Rafe tatsächlich mit dem Gedanken, Sherry LaSalle als Nanny zu engagieren, vorausgesetzt natürlich, sie wollte den Job überhaupt. Sie wohnte in der Nähe, und die Kinder mochten sie. Das waren gleich zwei gute Gründe.

Auf der anderen Seite würde sie der täglichen Routine und Verantwortung bestimmt nicht gewachsen sein. Und den Kindern womöglich dieselben oberflächlichen Werte vermitteln, die ihre Eltern ihr vermittelt hatten.

Nein, er musste eine andere Lösung finden, und zwar schnell.

Nachdem er die Kinder endlich ins Bett verfrachtet hatte, fehlte ihm jedoch die nötige Energie für eine weitere Suche im Internet oder dem Branchenbuch. Erschöpft ließ er sich aufs Sofa fallen.

Nach einer Weile fiel ihm ein, dass er seit dem Muttertag noch nicht wieder mit seinen Eltern telefoniert hatte, und er griff zum Telefon. Seine Mutter Nina begrüßte ihn erfreut. „Wie geht es den Kindern?“, fragte sie.

„Gut. Mal abgesehen davon, dass ich eine neue Betreuerin für sie brauche.“ Er erzählte seiner Mutter von Maryams neuen Plänen, den Gesprächen mit den Nannys und Juans alberner Idee, eine Hexe aufzusuchen.

„Was? Er ist weggelaufen?“, fragte Nina besorgt.

„Nur ein paar Häuser weiter.“ Rafe schilderte ihr Juans Besuch bei Sherry und schließlich die Episode im Discounter.

„Die arme Frau muss sich ja total gedemütigt fühlen“, antwortete seine Mutter. „Ich verstehe nicht, warum alle so einen Wirbel um Berühmtheiten machen. Sie haben die gleichen Probleme wie wir auch.“

„Sie kommt bestimmt damit klar.“

„Sicher, dank eines gut aussehenden Mannes, der sie herumkutschiert“, neckte Nina ihn.

„Das war nur einmal!“

Sie kicherte. „Sie sucht einen Job und du eine Nanny. Willst du meinen Rat?“

„Du weißt doch, wie oft ich mich in den letzten Monaten über sie aufgeregt habe. Sie ist die Letzte, der ich die Kinder anvertrauen würde.“

„Wahrscheinlich hast du recht“, antwortete Nina gelassen. „Ein Snob wie sie würde dich bestimmt in den Wahnsinn treiben.“

Aus irgendeinem unerfindlichen Grund war Rafe über ihre Reaktion enttäuscht. „Sie hat vielleicht ein behütetes Leben geführt, aber sie hat ein gutes Herz. Und Juan mochte sie sofort.“

„Trotzdem kannst du nicht zulassen, dass er sich an jemanden gewöhnt, der nur reiche Freunde hat.“

„Ich bezweifle, dass ihr noch viele Freunde geblieben sind“, wandte Rafe ein.

„Ganz egal, was ich sage, du widersprichst mir“, antwortete Nina lachend. „Du solltest sie engagieren, wenn du mich fragst.“

„Du hast mich also hereingelegt?“

„Ich habe nur Advocatus Diaboli gespielt“, entgegnete sie. „Das ist eine gute Methode, um die Wahrheit herauszufinden.“

„Ich will sie aber nicht engagieren!“, brauste Rafe auf. „Die Kinder verdienen etwas Besseres, als fallen gelassen zu werden, sobald die Aufregung des Neuen sich gelegt hat!“

„Du hast doch gesagt, dass du nur bis September jemanden brauchst.“

„Aber Vollzeit!“

„Schlaf mal eine Nacht darüber“, riet Nina ihrem Sohn. „Vermutlich weißt du dann besser, was du willst. Da wir gerade von den Zwillingen reden – sie haben nächsten Monat Geburtstag. Soll ich Karamellpudding oder Kuchen machen? Oder beides?

„Fragst du das im Ernst?“

Sie lachte. „Okay, beides.“

„Warum kann mir nicht eine Frau wie du über den Weg laufen?“, klagte Rafe.

„Du hast mich doch schon. Aber du brauchst jemanden, der jünger und hübscher ist als ich. Ein Mann wie du sollte nicht allein leben.“

„Ich lebe nicht allein. Und ich habe ein ausgefülltes Privatleben.“ Das war zwar etwas übertrieben, aber er spielte ab und zu Softball mit J. J. Hughes und ging mit Josh Lorenz zu Baseballspielen. Vor den Kindern hatte er sich auch gelegentlich mit Frauen getroffen, aber die Beziehungen waren nach ein paar Monaten immer im Sande verlaufen.

Seine Mutter gähnte. „Tut mir leid, ich bin anscheinend müder, als ich dachte. Gib meinen Enkeln einen Kuss von mir.“

„Mach ich.“

Rafe beschloss, ihrem Rat zu folgen und seine Entscheidung, ob er Sherry engagieren sollte oder nicht, bis morgen aufzuschieben. Nicht, dass eine Nacht einen großen Unterschied machen würde. Eine schlechte Idee blieb eine schlechte Idee, auch bei Tageslicht betrachtet.

4. KAPITEL

Am Freitag betrachtete Sherry kritisch ihre Jobliste und warf sie kurzerhand in den Papierkorb.

Ohne Kapital konnte sie keinen Geschenkladen eröffnen, genauso wenig wie einen Cateringservice. Außerdem erwarteten die Kunden bestimmt mehr von ihr als nur Pfefferkuchenmännchen. Und von Musikunterricht hatte sie auch keine Ahnung. Lernten Kinder heutzutage eigentlich noch nach Noten oder nach Gehör?

Wenn die FBI-Agenten Winston nur schnappen würden! Sherry würde sich auch mit einem kleinen Teil ihres Vermögens zufriedengeben. Eine einzige Million würde ihr die lästige Jobsuche ersparen und ihr ein Collegestudium ermöglichen.

Wenigstens hatte sie endlich ihr geliebtes Auto zurück. Morgens hatte ein Mann aus Rafes Werkstatt angerufen, um ihr mitzuteilen, dass es fertig war. Sie war sofort hingefahren. In dem luxuriösen Innern der Limousine hatte sie sich endlich mal wieder wie sie selbst gefühlt.

Zu ihrer Enttäuschung war Rafe nicht da gewesen. Sie hatte sich eigentlich noch bei ihm bedanken wollen, aber er machte anscheinend gerade eine Probefahrt.

Daraufhin hatte sie ihm zu Hause eine Dankeskarte geschrieben und an die Adresse der Werkstatt geschickt. Sie vor seine Haustür zu legen, kam ihr irgendwie unangebracht vor.

Sherry ging nach draußen und holte die Post aus dem Briefkasten. Schon wieder eine Kreditkartenabrechnung? Und was sollte das überhaupt heißen, über dem Limit? Sie hatte ja gar nicht gewusst, dass sie überhaupt ein Limit hatte! Verdammt, sie hatte es offensichtlich nicht nur überschritten, sondern musste dafür auch noch vierzig Dollar Strafe zahlen!

Sie durfte nicht mehr damit einkaufen. Aber selbst wenn sie einen Job fand, würde sie stundenlang arbeiten müssen, nur um die Strafe abzahlen zu können. Vermutlich blieb ihr jetzt doch nichts anderes übrig, als die Diamantenohrringe zu verkaufen. Sie waren bestimmt ein paar Tausend Dollar wert. Doch irgendwie widerstrebte ihr der Gedanke zutiefst, diese Erinnerungsstücke an ihre Eltern wegzugeben.

Plötzlich kam ihr eine Idee.

In der Straße wohnte ja eine Tagesmutter! Bestimmt ließen viele Eltern dort ihre Kinder den Sommer über betreuen. Vielleicht konnte die Frau etwas Hilfe gebrauchen.

Um keine Zeit zu verschwenden, rannte Sherry ins Badezimmer und fuhr sich mit dem Kamm durchs Haar. Sie musste dringend mal wieder zum Friseur, aber leider konnte sie sich das gerade nicht leisten. Kurz entschlossen machte sie sich einen Knoten.

Fertig. Hoffentlich klappte es mit der Stelle diesmal endlich!

Als Sherry sich Maryam Hughes’ zweistöckigem Haus näherte, fiel ihr plötzlich ein, dass die Frau Unterschriften für den Erhalt des Cottages gesammelt hatte. Bestimmt schlug sie Sherry die Tür vor der Nase zu, sobald sie sie sah.

Tief Luft holen. Gib nicht zu früh auf.

Sherry hatte Winston irgendwann mal gefragt, wie er eigentlich die unvermeidlichen Rückschläge am Anfang seiner Laufbahn weggesteckt hatte, aber er hatte nur nachsichtig gelächelt. „Rückschläge spielen keine Rolle“, hatte er geantwortet. „Sie sind nichts weiter als Schritte auf dem Weg zum Erfolg.“

In seinem Fall Schritte auf dem Weg zum erfolgreichen Betrüger, aber grundsätzlich hatte er recht gehabt.

Sherry marschierte also entschlossen auf die Eingangstür zu und klingelte. Sie war so nervös, dass sie kaum atmen konnte.

Eine groß gewachsene Frau machte ihr die Tür auf. „Ja?“

Sherry fiel es schwer, mit fester Stimme zu sprechen. „Ich weiß nicht, ob Sie sich an mich erinnern … aber Sie wissen bestimmt, wer ich bin, oder?“

„Das lässt sich wohl kaum vermeiden“, antwortete Maryam kühl.

Sherry beschloss, direkt zur Sache zu kommen, bevor ihr vor lauter Panik noch endgültig die Stimme versagte. „Ich bin auf der Suche nach einem Job. Er darf auch gern befristet sein.“ Hatte sie noch etwas vergessen? Ach ja. „Ich mag Kinder und habe mich gefragt, ob Sie jetzt im Sommer nicht vielleicht Hilfe gebrauchen könnten?“

Maryam trat einen Schritt beiseite. „Bitte kommen Sie rein.“

Von der Diele aus warf Sherry einen Blick in das große, farbenfreudig eingerichtete Wohnzimmer. Noch vor wenigen Monaten hatte sie diese Häuser als winzig und ordinär betrachtet. Niemand hätte sie dazu bringen können, freiwillig hier einzuziehen. Aber verglichen mit ihrem Bungalow wirkte dieses Haus geradezu großzügig. Und ihr gefiel die Mischung aus Antiquitäten und modernen Möbelstücken. „Was für ein schönes Haus!“

„Es dürfte kaum Ihrem Standard entsprechen“, antwortete Maryam steif.

„Ich mag Einrichtungen, die die Persönlichkeit ihrer Bewohner widerspiegeln“, sagte Sherry. „Mehr als jeden Designerentwurf.“

Maryam schien etwas aufzutauen. „Genau mein Stil. Aber was einen Job angeht …“ Ihre nächsten Worte erstickten Sherrys Hoffnung im Keim: „Ich höre als Tagesmutter auf. Meine Mutter hatte kürzlich einen Schlaganfall, und ich möchte mich um sie kümmern, solange es nötig ist. Mein Mann holt sie heute Nachmittag aus dem Krankenhaus ab. Das ist mein letzter Tag mit den Kindern.“

Sherry versuchte, ihre Enttäuschung zu verbergen. „Ich finde es toll, dass Sie für Ihre Mutter da sein wollen.“

„Das halte ich für selbstverständlich.“

„Klar. Wenn meine Eltern noch am Leben wären, würde ich auch alles stehen und liegen lassen, um ihnen zu helfen.“ Der Kinderlärm aus dem Nebenraum erinnerte Sherry wieder an den Zweck ihres Besuchs. „Wissen Sie zufällig, ob irgendeines der Kinder hier Betreuung braucht?“

„Ich weiß nicht, ob Rafe Montoya schon jemanden gefunden hat. Aber Sie beide haben nicht gerade das beste Verhältnis, oder?“

„Wir stehen ein wenig auf Kriegsfuß“, räumte Sherry ein. „Aber es hat mir neulich großen Spaß gemacht, auf Juan aufzupassen. Wenn Sie Hilfe mit Ihrer Mutter brauchen, rufen Sie mich gern an. Als Nachbarin natürlich, nicht als bezahlte Hilfskraft“, beeilte sie sich hinzuzufügen.

„Lieb von Ihnen“, antwortete Maryam. „Sollte mich jemand nach einem Babysitter fragen, werde ich Sie vorschlagen. Natürlich brauchen Sie eine behördliche Genehmigung, wenn Sie mehr als zwei Kinder betreuen wollen.“

Daran hatte Sherry noch gar nicht gedacht. „Ist das denn so kompliziert?“

„Sie brauchen eine Sicherheitsausrüstung, einen Notfallplan und müssen einen Erste-Hilfe-Kurs machen.“

„Ich glaube kaum, dass das geht.“ Sherry brauchte sofort einen Job. Außerdem konnte sie sich beim besten Willen keine zusätzlichen Ausgaben leisten.

„Viel Glück bei der Jobsuche“, sagte Maryam aufrichtig.

„Ich halte Sie auf dem Laufenden, wenn Sie einverstanden sind, ja?“

„Gern.“

Dankbar über die positive Resonanz, verabschiedete Sherry sich von Maryam. Sie hätte Juan gern noch Hallo gesagt, wollte ihn jedoch nicht stören.

Vielleicht sollte sie ein paar Arbeitsagenturen kontaktieren. Oder auf die verrückten Vorschläge im Radio hören.

Sich ein Affenkostüm anzuziehen, erschien ihr plötzlich gar nicht mehr so abwegig.

Normalerweise waren die Kinder immer ganz verrückt nach Nudeln mit Käsesoße. Heute jedoch schienen weder Juan noch Sofia viel Appetit zu haben.

„Nachtisch gibt es erst, wenn ihr aufgegessen habt“, sagte Rafe und zeigte auf die nicht angerührten Erbsen und Möhren. „Esst doch wenigstens das Gemüse.“

Die beiden saßen stumm da. Wenn sie noch lange so auf ihre Teller starrten, würden die Erbsen und Möhren womöglich irgendwann explodieren.

„Ich weiß, dass ihr heute euren letzten Tag bei Mrs Hughes hattet, aber ihr könnt doch trotzdem oft mit Luther und Coretta spielen“, sagte er.

„Und wer passt jetzt auf uns auf?“, fragte Juan.

„Habe ich doch schon gesagt, die Panda Vorschule.“ Die beliebte Schule war zwar voll, aber der Leiter hatte Rafe geraten, die Kinder trotzdem am Anfang des Schuljahrs vorbeizubringen, weil manche der angemeldeten Kinder dann nicht auftauchten.

Sofia rollte eine Träne über die Wange. „Ich will zu Hause bleiben.“

„Ich auch“, sagte ihr Bruder.

„Ich muss arbeiten und kann euch hier nicht allein lassen.“ Frustriert beschloss Rafe, die vollen Teller ausnahmsweise mal auf sich beruhen zu lassen. „Okay, ich wärme das später auf.“ Er stellte die Teller in den Kühlschrank. „Wer hat Lust, schwimmen zu gehen?“

Sonst waren die Kinder immer ganz versessen darauf, aber heute wirkten sie eher lustlos. „Na gut“, sagte Sofia.

Kurz darauf waren sie auf dem Weg zum Auto. Obwohl die Badeanstalt nur ein paar Blocks entfernt war, wollte Rafe nicht, dass die Kinder nachher in der kühlen Abendluft mit nassen Haaren herumlaufen mussten.

Im Schwimmbecken war nicht mehr viel los. „Niemand geht ins Wasser, bevor ich umgezogen bin!“, rief Rafe den davonstürmenden Kindern hinterher. „Und nicht rennen! Ihr rutscht sonst noch aus.“

Juan und Sofia drosselten ihr Tempo, um einige schwimmende Teenager zu beobachten. „Hey, da ist ja die Lebkuchenlady!“, rief Juan plötzlich und rannte auf eine Frau zu, die sich neben einer Liege abtrocknete.

Sherry LaSalle war anscheinend gerade erst aus dem Wasser gekommen. Offensichtlich war ihr gar nicht bewusst, wie nackt sie in dem blassrosa Bikini aussah.

Beim Anblick ihrer runden Brüste und ihrer schlanken Taille hatte Rafe eine spontane körperliche Reaktion. Er murmelte ein paar saftige Flüche vor sich hin. Ausgerechnet in Badehose!

Er kaschierte das Malheur mit einem Handtusch und ging zu ihr. Auch wenn er nicht gerade ihre Bekanntschaft suchte, konnte er sie ja schließlich schlecht ignorieren.

„Hi“, sagte sie zu ihm und begrüßte die Kinder freundlich. „Ich hätte nicht gedacht … was haben Sie …“ Sie schluckte.

Warum ist sie nur so nervös?, fragte Rafe sich.

Juan nahm ihre Hand und zog daran. „Komm mit uns spielen!“

„Au ja, bitte!“, stimmte Sofia ein.

Sherry sah Rafe fragend an. „Wäre das okay?“

Er konnte wohl schlecht Nein sagen. „Wenn die beiden das wollen, klar.“

Juan jubelte, und Sofia strahlte über das ganze Gesicht.

Rafe legte die Sachen der Kinder auf eine Liege, während die anderen Drei auf die flache Seite des Beckens zusteuerten. Sherry wirkte sogar ohne Designerkleidung elegant. Rafe fragte sich, woran das wohl lag. An ihrem anmutigen Gang oder der geraden Haltung?

Sie war eben kultiviert – kein Wunder, so wie sie aufgewachsen war. Trotzdem schien sie echte Zuneigung für die Kinder zu empfinden. Juan zeigte ihr gerade voller Stolz, dass er schon paddeln konnte, und sie lobte ihn ausgiebig für seine ersten Schwimmbewegungen.

Rafe wurde einfach nicht aus ihr schlau. Sie steckte voller Widersprüche.

Aber sie sah eindeutig scharf im Bikini aus.

Sherry war vor allem deshalb schwimmen gegangen, weil ihr allein zu Haus die Decke auf den Kopf fiel. Außerdem kostete es nichts, und sie brauchte nach der Kündigung ihrer Mitgliedschaft im Fitnessstudio sowieso dringend Bewegung.

Hoffentlich merkte Rafe ihr nicht an, dass sein Anblick ihr geradezu den Atem verschlagen hatte. Er war wirklich toll gebaut, und dass er trotz seines blendenden Aussehens immer noch Single war, ließ sie allmählich am Geisteszustand ihrer Nachbarinnen zweifeln.

Schluss mit solchen Gedanken! Sherry hatte gelernt, ihren Instinkten zu misstrauen, wenn es um Männer ging.

„Ich nehme die Spritzpistole!“, sagte Sofia zu ihrem Bruder, der gerade Wasser in das Spielzeug einfüllte.

„Okay, aber nicht die ganze Zeit!“

Der Klang der zuschlagenden Pforte markierte den Aufbruch der älteren Jungen. Sherry, Rafe und die Kinder waren allein. „Wehe, du spritzt mich nass!“, sagte Sherry zu dem Kleinen, wohl wissend, dass sie das Schicksal damit herausforderte.

Wie erwartet hob Juan die Pistole und richtete den Wasserstrahl direkt auf ihren Bauch, wobei er wie wild kicherte.

„Jetzt bin ich dran!“, rief Sofia. Nur widerstrebend überließ ihr Bruder ihr das Spielzeug.

„Na warte!“, sagte Sherry und schlug mit der Hand auf die Wasseroberfläche. Ein Wasserschwall klatschte Juan ins Gesicht.

Juan spuckte prustend Wasser und sah sie fasziniert an. „Woher kannst du das?“

„Ich war auch mal ein Kind. Mein Vater hat mir das beigebracht.“

Sofia hatte in der Zwischenzeit die Pistole nachgefüllt. „Machst du das auch mit mir, wenn ich dich jetzt nass spritze?“, fragte sie.

„Na klar, Strafe muss sein“, antwortete Sherry.

Sofia richtete den Wasserstrahl kurzerhand auf ihren Bruder, der daraufhin versuchte, es ihr auf Sherrys Art heimzuzahlen, aber seine Schwester bekam nur ein paar Tropfen ab.

„Guter Versuch“, sagte Sherry.

„Zeigst du es mir?“

„So, siehst du?“ Mit einer präzisen raschen Bewegung machte Sherry ihm vor, wie es ging. Die Kinder übten eifrig.

Sherry war so in das Spiel vertieft, dass sie gar nicht mehr auf Rafe achtete, bis plötzlich eine Welle über sie hinwegrollte. Nachdem sie und die Kinder sich verblüfft das Wasser aus dem Gesicht gewischt hatten, stand er direkt vor ihnen. „Oh, tut mir leid“, sagte er mit gespielter Unschuld. „Habe ich euch etwa nass gemacht?“

„Eher ertränkt!“, antwortete Sherry lachend.

„Auf ihn mit Gebrüll!“, rief Juan, doch Rafe erhob sich wie eine griechische Statue aus dem Wasser. Aufkreischend trat der Junge den Rückzug an.

„Keine Angst, ich tauche dich nicht unter“, beruhigte Rafe ihn.

„Nimmst du mich huckepack?“, fragte Juan.

„Nachher, okay?“

„Schade.“ Juan wollte gerade enttäuscht den Kopf sinken lassen, als Rafe ihn zu seiner Überraschung hochhob und im Kreis herumwirbelte.

„Ich auch, ich auch!“, bettelte Sofia, bis sie auch an die Reihe kam.

Was für ein toller Typ, dachte Sherry. Er hatte nicht darum gebeten, die Vaterrolle zu übernehmen, aber er liebte die Kinder offensichtlich sehr. Was für ein Gegensatz zu ihrem ichbezogenen ersten Mann und ihrem herzlosen Verlobten!

Eine Handvoll Wasser landete in ihrem Gesicht und riss sie aus ihren Gedanken. Als sie wieder klar sehen konnte, stand Rafe grinsend vor ihr.

Sherry wirbelte herum, warf sich auf den Bauch und trat kräftig Wasser. Hinter sich hörte sie ein befriedigendes „Hey, das ist unfair!“

„Ist es nicht!“

Nach einiger Zeit waren die Kinder müde und begannen zu jammern. Sherry begleitete Sofia aus dem Wasser, während Rafe Juan huckepack nahm und am Beckenrand absetzte. „Das war’s, Kumpel.“

Doch der Junge sprang sofort wieder hinein und warf dabei seinen Onkel um. „Mehr!“, rief er.

Rafe richtete sich erbost auf. „Was sollte das denn? Wenn ich andersherum gefallen wäre, hättest du dir den Kopf stoßen können!“ Er trug den Jungen zur Treppe. „Die Badezeit ist vorbei.“

„Du bist so gemein!“ Heulend rannte Juan auf Sherry zu. „Ist er nicht gemein?“

Sherry lag sehr an seiner Zuneigung, aber sie wollte sich nicht zusammen mit ihm gegen Rafe verbünden. „Dein Onkel hat völlig recht. Er macht sich nur Sorgen um deine Sicherheit. Also hör lieber auf ihn.“

Juan schmollte eine Weile, lenkte dann jedoch ein. „Na gut.“

Während Rafe sich abtrocknete, warf er Sherry einen anerkennenden Blick zu. „Sie können wirklich gut mit Kindern umgehen“, sagte er zu ihr.

„Danke.“ Nach kurzem Zögern nahm sie ihren ganzen Mut zusammen. „Haben Sie eigentlich schon eine Betreuung für die beiden gefunden?“, fragte sie.

„Woher wissen Sie, dass ich jemanden suche?“

„Ich habe Maryam heute nach einem Job gefragt, und sie hat erzählt, dass sie als Tagesmutter aufhört.“ Sherry verknotete den Gürtel ihres Bademantels. „Und? Haben Sie schon jemanden?“

„Nicht wirklich“, antwortete Rafe.

Sherrys Herz klopfte schneller. Jetzt oder nie! „Warum engagieren Sie nicht mich?“, fragte sie und hielt nervös die Luft an.

Rafe war davon überzeugt, dass man bei seinen Entscheidungen bleiben sollte, vor allem, wenn man sie nach reiflicher Überlegung getroffen hatte. Impulsivität verleitete einen nur zu Fehlern, die manchmal nicht wiedergutzumachen waren.

Er hatte schon längst beschlossen, dass der Kontakt zu Sherry LaSalle – einschließlich ihrer Betreuung seiner Kinder – keine gute Idee war, wollte jedoch nicht unhöflich sein. Außerdem kam sie wirklich erstaunlich gut mit ihnen zurecht. „Ich werde darüber nachdenken.“

Sherry nickte enttäuscht. Rafe bekam plötzlich Mitleid mit ihr. „Ich fahre Sie nach Hause“, sagte er. „Wir können die Kinder ins Bett bringen und uns unterhalten.“

Zu Hause legte Rafe die Kinder sofort hin, zog sich etwas über und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Sherry hatte sich im Bademantel auf dem Sofa zusammengerollt.

„Woran denken Sie gerade?“, fragte Rafe und setzte sich für alle Fälle so weit von ihr weg wie möglich.

Sherry richtete sich auf. „Sie werden mich nicht engagieren“, sagte sie resigniert.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Es ist die Art, wie Sie mich ansehen.“

Wie meinte sie das nur? „Ich habe nichts gegen Sie. Nicht mehr.“

„Sie halten mich nicht für verantwortungsbewusst genug.“ Sherry zog ihren Bademantel fester zusammen und lenkte damit unbewusst Rafes Aufmerksamkeit auf ihren Ausschnitt. „Dabei wäre das wirklich ein Traumjob für mich.“

Wie bitte? Es ging um einen Job als Nanny, nicht um einen Werbefilm für Kosmetik! „Ein Traumjob? Für Sie? Soll das ein Witz sein?“

„Nein. Ich mag Kinder, vor allem Ihre.“ Sherry senkte den Kopf. Sie sah so verletzlich aus, dass Rafe sich total hilflos fühlte.

In diesem Augenblick hatte sie keinerlei Ähnlichkeit mehr mit der hochmütigen Sherry LaSalle von früher, die sich für etwas Besseres als ihre Nachbarn gehalten hatte.

Aber konnte ein Mensch wie sie sich wirklich so schnell ändern?

Eigentlich nahm er ihr nur ab, dass sie seine Nichte und seinen Neffen mochte.

„Ich kann Ihnen aber nicht viel zahlen.“ Was hatte er da gerade gesagt? Jetzt dachte sie doch bestimmt, dass er es sich anders überlegt hatte.

„Ich weiß, dass Nannys nur wenig verdienen.“ Sherry schlang die Arme um die Knie und sah ihn an. „Jetzt, da Sie noch nicht mein Chef sind, würde ich Ihnen gern einen Rat geben.“

„In Erziehungsfragen?“, fragte Rafe belustigt.

„Ja.“

Das versprach ja, interessant zu werden. „Lassen Sie sich durch meine Skepsis nicht abhalten.“

„Keine Sorge, Rafe. Bitte bezeichnen Sie die Zwillinge als Ihre Tochter und Ihren Sohn anstatt Nichte und Neffe. Die beiden werden sich vielleicht anfangs dagegen wehren, aber es ist wichtig.“

„Warum?“

„Es gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit.“

Rafe wollte seinen Bruder aber nicht in der Zuneigung der Kinder verdrängen. „Ich glaube kaum, dass Sie genug Erfahrung auf diesem Gebiet haben, um das beurteilen zu können.“

„Stimmt, ich habe keine Erfahrungen“, räumte Sherry ein, „aber ich hatte mal eine Freundin – na ja, Ex-Freundin.“

Rafe wurde neugierig. „Und?“

„Als Becky noch klein war, verließ ihr Vater die Familie, und sie wuchs mit einem Stiefvater auf“, erzählte Sherry. „Er hat sie in der Öffentlichkeit immer als seine Stieftochter bezeichnet, ihre jüngere Halbschwester aber als seine Tochter. Die Folge davon war, dass sie immer dachte, er würde sie nur dulden.“

„Wie hat er sich ihr gegenüber denn verhalten?“, fragte Rafe.

„Das Verhalten eines Menschen kann so oder so interpretiert werden. Außerdem war er ein ziemlich reservierter Mensch.“ Sherry zog die Augenbrauen zusammen. „Als Becky siebzehn war, starb ihr Stiefvater bei einem Autounfall. Auf der Beerdigung haben seine Freunde ihr erzählt, wie stolz er immer auf ihre Leistungen gewesen ist und dass er oft regelrecht mit ihr angab.“

„Und sie hatte keine Ahnung davon?“

„Klar hat er ihr ab und zu mal ein Kompliment gemacht, aber sie dachte immer, das täte er nur ihrer Mutter zuliebe. Sie hat es zutiefst bereut, kein engeres Verhältnis zu ihm gehabt zu haben, als er noch am Leben war.“ Sherry dachte einen Moment nach. „Es sind die Kleinigkeiten, die zählen. Sie sind jetzt Juans und Sofias Vater. Wenn Sie sie als Ihre Kinder bezeichnen, geben Sie ihnen das Gefühl, wirklich wichtig für Sie zu sein.“

Rafe konnte sich nicht vorstellen, dass es den beiden gefallen würde, wenn er sich als ihr Vater bezeichnete. Aber wenn er im vergangenen Jahr etwas gelernt hatte, dann, dass Kinder sich unglaublich schnell umgewöhnten. „Wenn Sie wirklich glauben, dass die beiden langfristig davon profitieren, werde ich es versuchen.“

„Sie sind wirklich ein guter Vater“, sagte Sherry aufrichtig.

Verlegen wechselte Rafe das Thema. „Warum ist Becky eigentlich eine Ex-Freundin? Hat Winston sie etwa auch um ihr Geld gebracht?“

Sherry sah plötzlich so unglücklich aus, dass Rafe die Frage sofort bereute. „Nein“, antwortete sie. „Ich habe Becky bei der Scheidung verloren. Elliott hat darauf bestanden, dass seine Freunde sich für einen von uns entscheiden, und ihr Mann ist sein Golfpartner.“

Was für eine absurde Idee, Bekannte aufzuteilen wie Möbelstücke. „Hat sie denn kein Recht auf eigene Freunde?“

„Becky ist viel jünger als Abe und hatte sich als Sängerin früher mehr schlecht als recht durchgeschlagen, während er sehr vermögend ist. Sie will es ihm nur recht machen.“

Rafe konnte nicht nachvollziehen, warum ein Mann seine Frau in eine so unterwürfige Position drängte. „War Ihre erste Ehe auch so?“

Sherry presste ein Sofakissen an sich. „Nicht ganz. Damals hatte ich mein eigenes Geld und wegen meiner Eltern schon eine gewisse gesellschaftliche Position. Ich habe mich immer aufgeregt, wenn man mich als Elliotts Vorzeigefrau bezeichnet hat, aber wahrscheinlich stimmte das sogar. Kaum hatte er eine Jüngere und Hübschere gefunden, war ich aus dem Rennen.“

Rafe lag auf der Zunge, dass Elliott unter Garantie keine hübschere Frau als sie finden konnte, aber er bremste sich gerade noch rechtzeitig. Das hier war schließlich ein Einstellungsgespräch und kein Date. Denn er würde Sherry einstellen – trotz aller Vorbehalte. Was wohl seine Freunde und die Nachbarn dazu sagen würden?

Hoffentlich bereute er diese Entscheidung nicht noch. Aber Juan und Sofia liebten Sherry, und ihr Vorschlag, die beiden als seine Kinder zu bezeichnen, war klüger, als er ihr zugetraut hätte. Wer weiß, vielleicht war Sherry LaSalle womöglich ein echter Glücksgriff?

Vorausgesetzt natürlich, sie war der Verantwortung auch wirklich gewachsen.

„Ein Monat“, sagte Rafe.

„Wie bitte?“

„Ich stellte Sie probeweise für einen Monat ein“, erklärte er. „Wenn alles gut geht, dürfen Sie bis zu Beginn des Schuljahrs Vollzeit bei mir arbeiten und dann nachmittags und gelegentlich samstags auf die Kinder aufpassen. Natürlich nur, wenn Sie damit einverstanden sind.“

Sherry legte das Kissen beiseite. „Ja, bin ich. Danke.“ Sie saß so steif da, als hätte sie Angst, dass er seine Meinung ändern würde, sobald sie sich bewegte.

„Mir ist natürlich bewusst, dass eine befristete Anstellung Ihre finanziellen Probleme nicht lösen wird“, fügte er hinzu.

„Aber ich kann zumindest erst mal wieder durchatmen.“ Sherry hob den Kopf. „Ich kann Ihnen nicht versprechen, die beste Nanny der Geschichte Breas zu werden, aber ich werde mein Bestes geben.“

„Davon bin ich überzeugt.“ Rafe fühlte sich immer besser mit seiner Entscheidung.

„Danke für Ihr Vertrauen.“

„Kommen Sie, wir haben schließlich beide etwas davon. Ich muss Sie übrigens warnen! Die Kinder werden schon bald Ihre Grenzen austesten. Sie werden die Racker öfter mal zur Raison bringen müssen.“

„Das schaffe ich schon“, antwortete Sherry selbstbewusst.

„Auch wenn sie ‚Ich hasse dich‘ schreien?“

Sherry zuckte zusammen. „Dann werde ich wahrscheinlich weinen. Ist es akzeptabel, Schuldgefühle als Druckmittel einzusetzen?“

Rafe lachte. „Solange es funktioniert.“

Sie unterdrückte ein Gähnen. „Ich sollte mal lieber ins Bett gehen.“

Sie standen beide auf. „Bis Montagmorgen um acht dann“, sagte Rafe. „Oder ist das zu früh für Sie?“

„Ich bin Frühaufsteherin, und außerdem kann ich es kaum erwarten, endlich anzufangen.“ Sie drehte sich zu ihm um. Für einen Moment befürchtete Rafe, sie wolle ihn vor lauter Dankbarkeit umarmen. Er war sich nämlich nur allzu sehr ihrer nackten Kurven unter dem Bademantel bewusst und traute seinen körperlichen Reaktionen nicht.

Doch Sherry nahm nur ihr Handtuch vom Stuhl. Rafe atmete erleichtert auf und brachte sie zur Tür.

Er hätte sie gern über die Straße begleitet, wagte es jedoch nicht, die Kinder allein zu lassen. Außerdem würde er sie dann womöglich noch selbst vor ihrer Tür in den Arm nehmen, um auszutesten, wie weit die erotische Spannung zwischen ihnen ging.

Daher wünschte er ihr nur eine gute Nacht und blieb in der Tür stehen, bis er das Licht in ihrem Haus angehen sah. Verdammt, das Cottage sah von Tag zu Tag verzauberter aus!

Rafe ging hinein und nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Es fiel ihm immer noch verdammt schwer, sich Sherry LaSalle als seine Nanny vorzustellen. Aber sie schien sich wirklich auf den Job zu freuen, so, als ob sie nie ein privilegiertes Leben geführt hätte.

Ach, was soll’s, wahrscheinlich war es an ihrer Stelle nur sinnvoll, in der Gegenwart statt in der Vergangenheit zu leben. Ob sie ihn und die Kinder genauso schnell vergessen würde wie ihr altes Leben, sobald sie ihr Geld zurückbekam? Aber zumindest war er dann gewarnt.

Trotz dieser Bedenken bereute Rafe seine Entscheidung nicht. Kurzfristig hatten schließlich alle etwas davon.

5. KAPITEL

Sherry konnte den Montagmorgen kaum erwarten.

Am Samstag wachte sie schon so früh auf, dass sie beschloss, einen Spaziergang zu machen. Ihre Nachbarn waren bestimmt noch nicht auf den Beinen. Sherry hatte nämlich nach wie vor Hemmungen, ihnen über den Weg zu laufen.

Nachdem sie sich Jeans und ein T-Shirt angezogen hatte, machte sie sich auf den Weg. Nebel hing in der Luft, und das Geräusch ihrer Schritte auf dem Bürgersteig durchdrang die morgendliche Stille.

Zwei Häuser weiter drang ihr der Geruch von Zigarettenqualm in die Nase. Er kam von Maryams Veranda, wo gerade eine etwa sechzigjährige Frau mit ihrem Rollstuhl an der Rampe zum Bürgersteig hängen blieb. Eine Zigarette hing ihr aus dem Mundwinkel. Wütend versetzte sie dem Rollstuhl einen Ruck und drohte das Gleichgewicht zu verlieren.

„Halten Sie still! Sonst kippen Sie noch um!“ Sherry begann zu laufen.

Aus der Gegenrichtung kam gerade ein roter Sportwagen. Eine umwerfend aussehende Frau mit goldener Lockenmähne sprang heraus und eilte ebenfalls auf die alte Dame zu. Es handelte sich um Renée Trent, eine Friseurin, die in einem der Häuser am anderen Ende der Straße wohnte.

Sie und Sherry verschwendeten keine Zeit mit Höflichkeitsfloskeln. Renée hielt den Rollstuhl von unten fest, während Sherry ihn von der Veranda aus aufrichtete. „Alles okay?“, fragte sie die Frau.

Die Dame nahm die Zigarette aus dem Mund. „Ja, vielen Dank. Das ist mir wirklich sehr unangenehm. Ich wollte gerade eine kleine Spazierfahrt machen.“

Der Schlaganfall hatte ihr Sprechvermögen offensichtlich nicht beeinträchtigt. Nachdem Sherry den Rollstuhl mit Renées Hilfe auf die Veranda gezogen hatte, stellten die drei sich einander vor. Maryams Mutter hieß Andrea Brownlee.

„Als Schlaganfallpatientin dürfen Sie doch gar nicht rauchen“, sagte Renée zu ihr.

„Deshalb wollte ich mich ja auch heimlich hinausstehlen. Meine Tochter wird mir die Hölle heißmachen, wenn sie mich beim Rauchen erwischt.“

Sherry gefiel die neue Nachbarin. Sie hatte so eine erfrischend ehrliche Art.

Renée stützte missbilligend die Hände in die Hüften. „Ihnen ist doch hoffentlich bewusst, dass wir Maryam von dem Vorfall erzählen müssen?“

„Darf ich Sie bestechen?“, scherzte Andrea. „Wie wär’s mit Kinokarten?“

Sherry musste lachen. „Sie haben echt Sinn für Humor!“

Ohne eine Miene zu verziehen, griff Renée nach der Zigarette. „Ich werde die da jetzt ausdrücken.“

„Ach, seien Sie doch nicht so“, sagte Andrea, erstarrte dann jedoch beim Anblick ihrer Tochter in der Tür.

„Mom? Du rauchst?“

„Ich bin eben fast von der Rampe gefallen. Diese beiden Frauen hier haben mich gerettet“, erzählte Andrea. „Kennst du Renée und Sherry schon?“

„Ja. Sie sind gute Nachbarinnen.“ Maryam nahm ihr die Zigarette aus der Hand. „Mom, du hast doch gehört, was der Arzt gesagt hat! Wie willst du deinen Enkelkindern so ein gutes Beispiel abgeben?“

Andrea nickte kleinlaut. „Gibt es eigentlich auch so etwas wie Anonyme Alkoholiker für Nikotinsüchtige?“

„Nicotine Anonymous“, erklärte Renée. „Ich war selbst mal Raucherin. Die Organisation steht im Internet.“

„Ich trete da sofort ein, wenn meine Tochter sich bereit erklärt, mich zu den Treffen zu fahren.“

„Versprochen.“ Maryam drehte den Rollstuhl in Richtung Haus. „Macht’s gut, ihr beiden. Und vielen Dank!“

„Keine Ursache. Werden Sie bald wieder gesund!“, rief Sherry hinter Andrea her.

„Danke, das habe ich auch vor.“

Allein mit Renée, wusste Sherry nicht recht, was sie sagen sollte. Die Friseurin war nämlich eine enge Freundin Brookes und wusste bestimmt über ihre Auseinandersetzung Bescheid.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen zum Bürgersteig hinunter. „Ich bin wirklich froh, dass wir Andrea gerade noch rechtzeitig gesehen haben. Für eine von uns allein wäre der Rollstuhl viel zu schwer gewesen.“

„Sie hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt“, stimmte Sherry zu. „Ein Glück, dass ich um diese Uhrzeit schon unterwegs war.“

„Ich bin auch nur hier, weil eine meiner Kundinnen mich gerade voller Panik anrief, weil sie sich die Haare verfärbt hat.“ Renée schüttelte den Kopf. „Sie hat mit irgendeiner Billigfarbe herumexperimentiert, und das Ergebnis war orange.“

„Welche Farbe wollte sie denn?“

„Dunkelrot. Sie hätte für den Anfang lieber nur eine Strähne färben sollen.“

Das entspannte Gespräch mit Renée machte Sherry bewusst, wie sehr sie ihre alten Freundinnen vermisste. „Ihre Haarfarbe gefällt mir übrigens total gut.“

„Eigentlich habe ich hellbraune Haare. Langweiliger geht’s nicht.“ Renée war inzwischen bei ihrem Auto angekommen. „Ihres ist naturblond, oder? Da haben Sie Glück. Viele Frauen zahlen dafür eine Menge Geld, und das Ergebnis ist nie so schön wie in natura.“

Sherry war die Ironie dieser Tatsache bewusst. „Ich hätte mir früher jede Haarfarbe leisten können, da war mein Naturblond reine Verschwendung. Inzwischen bin ich allerdings dankbar dafür. Meine Frisur sieht auch ohne dunkle Wurzeln schon schlimm genug aus.“

„Ihr alter Friseur war bestimmt ziemlich teuer, oder?“, fragte Renée.

Sherry mochte Renées direkte Art. „Stimmt, aber leider kann ich mir gerade gar keinen Friseur leisten. Gott sei Dank habe ich inzwischen einen Job als Nanny gefunden.“ Sherry beschloss spontan, gleich mit der Wahrheit herauszurücken. Die Neuigkeit würde sich sowieso bald herumsprechen. „Ich arbeite für Rafe Montoya.“

„Echt?“

„Ja. Seine Nichte und sein Neffe sind wirklich liebenswert. Ich freue mich schon darauf, mich um sie zu kümmern.“

Renée schüttelte den Kopf. „Ich meinte Ihre Haare. Sie brauchen nicht für einen neuen Schnitt zu zahlen.“

Sherry war verwirrt. „Nicht?“

„Nein, Sie sind doch berühmt. Sie wären der ideale Kundenmagnet. Wie wär’s mit einem Deal? Ich schneide Ihnen kostenlos die Haare und darf dafür Ihr Foto im Schaufenster ausstellen.“

Seltsame Idee. „Und damit wollen Sie Kundinnen anlocken? Was ist, wenn sie Tomaten gegen das Schaufenster schmeißen?“

„Unsinn, Sie haben nichts falsch gemacht“, fegte Renée ihren Einwand beiseite. „Warum bringen Sie nicht Rafes Nichte mit?“ Renée gab Sherry ihre Visitenkarte. „Rufen Sie mich an, dann vereinbaren wir einen Termin.“

„Super!“ Sherry war wie betäubt vor Glück. Mit so viel Großzügigkeit hätte sie nie gerechnet. Was für eine liebenswerte Frau, dachte sie, nachdem Renée wieder in ihr Auto gestiegen war. Und zu ihrer Erleichterung hatte sie Brooke mit keinem Wort erwähnt.

Sherry nahm ihren Spaziergang wieder auf und bog in die Straße ein, welche die beiden Enden der hufeisenförmigen Harmony Road miteinander verband. Durch die erhöhte Lage konnte man von hier aus die beiden alten Cottages sehen. Beim Anblick ihres Hauses empfand Sherry plötzlich tiefe Dankbarkeit. Gut, dass sie nicht die Chance bekommen hatte, es abreißen zu lassen. Sie wusste seinen Charme erst jetzt richtig zu würdigen.

Als sie wieder zu Hause angekommen war, setzte sie sich mit der Zeitung aufs Sofa. Wegen der Gartenbeilage gab es samstags normalerweise keine Gesellschaftsnachrichten, doch beim Durchblättern fiel ihr Blick auf die Ankündigung eines Minigolfturniers, das heute um zwölf Uhr zugunsten armer Kinder stattfand. Zu den Organisatorinnen zählten auch Becky Rosen und Helen Salonica. Beim Anblick ihres Fotos wurde Sherry wieder ganz sehnsüchtig.

Das beste Gegenmittel war vermutlich, sich auf ihren neuen Job zu konzentrieren. Bis Montag musste sie noch viel nachholen. Sie ging zum Schreibtisch und schaltete ihren Computer ein. Online verschaffte sie sich Informationen über die Anforderungen an Vorschulkinder und nahm sich vor, Juan und Sofia umfassend auf den Schulbeginn vorzubereiten.

Nach dem Mittagessen fuhr sie in die Bücherei, um sich über die Entwicklung von Kindern im Vorschulalter zu informieren. Zu ihrer Überraschung las sie, dass Kinder am besten lernten, wenn sie sämtliche Sinne dabei einsetzen konnten.

Demnach war ja sogar das Backen von Pfefferkuchenmännchen didaktisch wertvoll! Klasse, dann würde sie mit den Kindern nach Herzenslust kochen und backen! Voller Vorfreude suchte Sherry sich gleich noch ein paar Rezepte heraus, um sie in den nächsten Wochen auszuprobieren.

Anschließend fuhr sie wieder nach Hause. Als gegen drei Uhr plötzlich ihr Telefon klingelte, zuckte sie erschrocken zusammen. Ihre Freunde hatten sich schon ewig nicht bei ihr gemeldet. Hoffentlich hatten die Medien nicht Wind von ihrer Telefonnummer bekommen. Doch das tiefe Timbre von Rafes Stimme zerstreute ihre Besorgnis. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie ausgerechnet am Wochenende anrufe“, sagte er.

„Das macht überhaupt nichts.“

„Oliver und seine Frau haben unsere Verabredung zum Minigolfspielen abgesagt. Vielleicht hätten Sie ja Lust, uns zu begleiten?“, fragte er. „Bei dieser Gelegenheit könnten wir uns ja gleich über den nächsten Monat unterhalten. Ich werde Sie natürlich dafür bezahlen.“

Ausgerechnet Minigolf? Hoffentlich lief sie dabei nicht ihren alten Bekannten über den Weg. Aber das Turnier hatte schon vor drei Stunden begonnen und war bestimmt schon vorbei. „Sie brauchen mich nicht zu bezahlen. Ich mache das gern.“

„Ich möchte Sie nicht ausnutzen.“

Sherry gab nach. „Wenn Sie darauf bestehen, können Sie mir zwei Arbeitsstunden aufschreiben. Alles, was darüber hinausgeht, ist meine freie Entscheidung, okay?“

Rafe war damit einverstanden. „Die Kinder werden sich bestimmt freuen. Sie waren total enttäuscht wegen Olivers und Brookes Absage. Kann ich Sie in zehn Minuten abholen?“

„Kein Problem.“

Sherry legte auf. Ein erwartungsvoller Schauer lief ihr über den Rücken, und das keineswegs nur wegen der Kinder.

Rafe hatte noch nie so viele Menschen auf dem Freizeitparkgelände gesehen. „Hier steigt anscheinend gerade eine Party“, sagte er, während er darauf wartete, dass ein Parkplatz frei wurde.

„Nein, eine Wohltätigkeitsveranstaltung“, erklärte Sherry. „Stand in der Zeitung. Ich bin nur überrascht, dass sie noch nicht vorbei ist.“

Sherry trug eine weiße Matrosenbluse und dazu passende dunkelblaue Shorts. Normalerweise stand Rafe nicht auf diesen Look, aber an Sherry sah er wirklich toll aus. Er gab sich Mühe, ihre vollen Lippen und ihre schimmernde Haut zu ignorieren. Sie arbeitete schließlich für ihn und war daher tabu!

Nach Olivers Absage waren die Kinder so enttäuscht gewesen, dass Rafe sich schon auf einen anstrengenden Nachmittag gefasst gemacht hatte. Aber seine Nachricht, dass Sherry stattdessen mitkommen würde, hatte ihre Stimmung schlagartig gebessert. Juan hatte sich sogar freiwillig umgezogen und Sofia beim Kämmen nur das Gesicht verzogen, anstatt wie am Spieß zu schreien.

Nachdem sie endlich einen Parkplatz gefunden hatten, schlenderten sie zum Minigolfplatz. Juan ging brav an Sherrys Hand, während Sofia versuchte, Sherrys anmutigen Gang nachzuahmen.

Rafe stellte fest, dass seine Nichte allmählich aus ihren Kleidungsstücken herauswuchs, und auch Juan konnte zur Einschulung neue Sachen gebrauchen. Hoffentlich würde seine neue Nanny diese lästige Aufgabe übernehmen.

Sein Blick fiel auf mehrere gut gekleidete Managertypen mit ihren Frauen, die in dieser Umgebung total fremd wirkten. Selbst ihre Schuhe waren teuer, und ihre Kinder sahen alle aus wie aus dem Ei gepellt.

Manche von ihnen nickten Sherry höflich zu, drehten sich sogar neugierig nach ihr um, aber niemand kam auf sie zu, um sich mit ihr zu unterhalten.

„Was stand in der Zeitung über das Turnier?“, fragte Rafe.

Sherry räusperte sich verlegen. „Dass es um zwölf Uhr losgehen sollte. Ich ging eigentlich davon aus, dass es schon vorbei ist.

Ein Angestellter hatte sie zufällig gehört. „Die Zählautomatik funktionierte vorhin nicht“, sagte er. „Das Turnier hat erst vor einer Stunde angefangen.“

„Was? Zwei Stunden Verspätung? Ich bin erstaunt, dass die Leute hier so lange gewartet haben“, sagte Rafe.

„Es gab kostenlose Verpflegung.“ Der Angestellte fing den Blick eines Mannes in Designer-Freizeitkleidung auf, der ihn gebieterisch herbeiwinkte. „Entschuldigen Sie mich bitte.“

„Vielen Dank für die Information“, sagte Rafe und drehte sich zu Sherry um. „Zwei Stunden Wartezeit sind ganz schön viel.“

„Ach, die meisten Leute sind wahrscheinlich sowieso eine Stunde zu spät gekommen.“ Sie zuckte die Achseln. „Das ist in diesen Kreisen so üblich.“

„Onkel Rafe!“, sagte Sofia, der die vielen Menschen allmählich zu viel wurden. Sie streckte die Arme nach ihrem Onkel aus, damit er sie hochhob.

Rafe tat ihr den Gefallen. „Hoffentlich sind die hier bald fertig.“ Trotz des guten Zwecks des Turniers empfand er eine starke Abneigung gegen diese Leute.

„Wann fangen wir endlich an?“, fragte Juan ungeduldig.

Sherry warf einen Blick auf die Preisliste. „Heute ist hier alles dreimal so teuer wie sonst. Warum gehen wir nicht in die Spielhalle?“

Juan nickte begeistert.

„Klar, warum nicht?“, sagte Rafe überrascht. Mit so einem Vorschlag hätte er nicht gerechnet.

Sherry drehte sich um und ging auf die Spielhalle zu, blieb jedoch abrupt stehen, als ihr Blick auf zwei Frauen fiel. Eine davon war Helen Salonica, der Rafe schon begegnet war. Helens Mann Nicholas besaß die Kieferorthopädiepraxis, in der Brooke an der Rezeption arbeitete. Die andere Frau kannte er jedoch nicht.

Helen wandte bei Sherrys Anblick verärgert das Gesicht ab, während ihre Freundin zu zögern schien, ob sie Sherry ansprechen sollte.

„Wer ist das?“, fragte Rafe. „Ich meine nicht Helen, sondern die Frau neben ihr.“

„Das ist Becky Rosen. Ich habe Ihnen doch von ihr und ihrem Stiefvater erzählt.“ Sherry seufzte. „Wir standen uns mal sehr nahe.“

Rafe war bislang nicht gerade Sherrys größter Fan gewesen, aber dieses illoyale Verhalten hier ging ihm gewaltig gegen den Strich. War Sherry mit dem Verlust ihres Verlobten und ihres ganzen Geldes denn nicht schon genug gestraft? „Kommen Sie, gehen wir weiter!“

Sherry folgte ihm kommentarlos. Sie wirkte etwas niedergeschlagen.

„Ihre ehemaligen Bekannten stolpern bestimmt oft“, sagte Rafe, um Sherry aufzuheitern.

Sherry blinzelte verwirrt. „Warum?“

„Weil sie die Nase so hoch tragen, dass sie den Weg nicht erkennen.“

Sie lachte. „Nicht alle von ihnen sind Snobs.“

„Ach, wirklich?“ In der Spielhalle suchte Rafe eine für Kinder geeignete Maschine aus.

Juan und Sofia lernten überraschend schnell.

Als die Kleine sich schließlich zu langweilen begann, gingen sie und Sherry zur Snackbar, um sich Getränke zu holen. Kurz darauf hörte Rafe im Nebengang einen jungen Mann rufen: „Das ist sie! Die Erbin!“

„Lass uns in Ruhe!“, antwortete Sherry.

„Lächeln, Sherry Baby!“, rief ein zweiter Jugendlicher.

„Hey, lass uns schnell beim Radio anrufen!“, schlug ein anderer aufgeregt vor.

Rafe drehte sich zu Juan um. „Tut mir leid, mein Sohn, aber wir müssen Sherry zu Hilfe eilen“, sagte er zu dem überraschten Jungen.

Ein grobschlächtiger Jugendlicher von etwa sechzehn Jahren versperrte Sherry und Sofia gerade den Weg, während sein Freund Fotos von ihnen schoss. Sherry hatte schützend die Arme um das Mädchen gelegt.

Rafe wurde bei diesem Anblick so wütend, dass er sich beherrschen musste, den Jugendlichen nicht einfach wegzuschubsen. „Ich könnte euch zwei verhaften lassen!“, sagte er scharf. „Ihr terrorisiert meine Tochter!“

Der Junge wurde blass. „Wir haben doch bloß Fotos gemacht.“

Rafe nahm ihm kurzerhand das Handy weg und löschte die Bilder. „Jemanden gegen seinen Willen festzuhalten, ist eine Straftat!“

„Ihr solltet euch schämen!“, rief Sherry. „Sind eure Eltern eigentlich auch hier?“

Die beiden Jungs schüttelten den Kopf. Rafe gab dem Jungen das Handy zurück. „Ich wusste nicht, dass das verboten ist“, verteidigte der sich. „Sie ist doch schließlich berühmt. Im Fernsehen machen die das doch auch andauernd so.“

„Das ist sowieso eine Schande!“, entgegnete Sherry.

Die Jungs senkten schuldbewusst die Köpfe. „Tut uns leid“, sagten sie zerknirscht.

Anscheinend haben sie jetzt ihre Lektion gelernt, dachte Rafe.

Auf dem Rückweg zum Auto nahm Sofia Rafes Hand. „Die waren böse!“, sagte sie.

„Alles gut überstanden?“, fragte Rafe.

„Ja. Ich hatte keine Angst, ich war nur wütend.“

Er und Sherry schnallten die Kinder auf ihren Sitzen an. „Wie wollen Sie eigentlich reagieren, wenn Ihnen das allein mit den Kindern passiert?“, fragte er leise.

„Wenn es mir zu bunt wird, rufe ich einfach die Polizei.“ Sherry hob trotzig den Kopf. Sie war ganz schön stark. Stärker zumindest, als es auf den ersten Blick aussah.

Auf der Rückfahrt nach Hause schaltete Rafe beruhigende Radiomusik ein. Leider hatte er nicht auf den Sender geachtet, denn plötzlich wurde sie von der Stimme des Moderators von neulich unterbrochen.

„An alle Zuhörer, die auch großen Anteil an den Problemen unseres armen kleinen reichen Mädchens nehmen: Sherry wurde soeben erneut gesichtet. Unsere Lieblingserbin hat gerade dem Minigolfturnier zum Wohle bedürftiger Kinder einen Besuch abgestattet. Unserer Quelle zufolge brachte sie dabei wieder ihren gut aussehenden Chauffeur mit – oder ihren Bodyguard? Dafür gibt es wieder einen Geschenkgutschein!“

Hastig schaltete Rafe das Radio aus. „Tut mir leid.“

„Bist du wirklich berühmt?“, fragte Juan Sherry.

„Nur in den Augen von Menschen, die kein eigenes Leben haben.“

„Treffend formuliert“, sagte Rafe belustigt. „Wenigstens bezeichnen sie mich als gut aussehend.“

„Sind Sie ja auch“, antwortete Sherry lächelnd. „Hoffentlich geben die Nachbarn dem Sender keinen Hinweis auf Ihre Identität.“

Rafe hielt das für ausgeschlossen. „Nie im Leben. Erinnern Sie sich noch an den Fotografen, der kurz nach Ihrem Einzug hier aufgetaucht ist?“

Sherry nickte. „Er hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Ich verstehe nur nicht, warum er nicht wiedergekommen ist.“

„Er bekam ein paar Probleme.“

„Was für Probleme?“

Rafe kannte die Geschichte von Maryam. „Als Minnie den Typen durch ihren Garten schleichen sah, hat sie die Sprinkleranlage angestellt. Danach hat er sich auf der anderen Straßenseite hinter den Büschen der Chings versteckt. Suzy hat sofort ihren Hund rausgelassen, und der hat den Kerl um den ganzen Block gejagt.“

„Und das hat ihn in die Flucht geschlagen?“

„Anscheinend hat er die Botschaft kapiert.“

„Die Menschen im Viertel sind wirklich toll.“ Sherry seufzte. „Ich wünschte, die Dinge zwischen ihnen und mir wären anders gelaufen.“

Da konnte Rafe sich nur anschließen. „Ja, wir haben eine richtig gute Nachbarschaft.“

Die Kinder auf dem Rücksitz waren inzwischen eingedöst.

„Da fällt mir ein, dass ich heute eine neue Nachbarin kennengelernt habe“, sagte Sherry. „Renée Trent. Sie macht einen sehr sympathischen Eindruck.“

„Stimmt, ich bin ihr auch schon ein paar Mal begegnet.“

„Sie sieht wirklich fantastisch aus“, sagte Sherry neidlos.

„Geradezu glamourös.“ Renée war Rafe natürlich auch schon aufgefallen, aber er war noch nie mit ihr ausgegangen. Die Chemie stimmte einfach nicht, und außerdem war Oliver mit ihr zusammen gewesen, bevor er sich in Brooke verliebte.

Rafe bremste vor Sherrys Haus. „Vielen Dank, dass Sie mitgekommen sind“, sagte er, doch sie schien es nicht eilig mit dem Aussteigen zu haben. „Was machen Sie heute noch?“

„Wir bestellen uns eine Pizza.“

„Klingt gut.“

„Sie können uns ja Gesellschaft leisten, wenn Sie wollen. Ich lade Sie ein.“

„Sehr gern.“ Sherry strahlte vor Freude. „So viel Spaß wie heute hatte ich schon lange nicht mehr.“

„Wir haben doch gar nichts Besonderes gemacht.“

„Kann sein, aber … nun ja, Sie haben mir das Gefühl gegeben, Teil Ihrer Familie zu sein. Danke.“

Rafe wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Daher drückte er einfach aufs Gaspedal und bog in seine Einfahrt ein.

Kurz darauf hatten sich die von ihrem Nickerchen erfrischten Kinder um das Telefon in der Küche versammelt.

„Ich will Peperoni!“, rief Juan.

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