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Ein Kind der Liebe

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1. KAPITEL

Sie war die perfekte Frau.

Tony Austin studierte ihre Gesichtszüge, ihren Körperbau. Das hatte er natürlich schon vorher getan, doch jetzt begutachtete er sie besonders gründlich. Sie war keine klassische Schönheit, aber das war für sein Vorhaben nicht notwendig. Ihre Ausstrahlung, ihr selbstsicheres Auftreten und ihre Anmut dagegen waren beeindruckend, ja atemberaubend.

Weil er immer wieder zu ihr hinübersah, wurde Olivia Anderson schließlich auf ihn aufmerksam. Das geheimnisvolle Lächeln, das sie ihm zuwarf, ließ sein Herz schneller schlagen. Doch er tat seine Reaktion als Aufregung über seinen Plan ab. Einen anderen Grund konnte es nicht geben.

In ihrem schlichten schwarzen Kleid und den hockhackigen schwarzen Pumps wirkte sie elegant wie immer. Doch das hatte sein besonderes Interesse nicht geweckt. Vielmehr hatte er einen Entschluss gefasst, und sie spielte dabei eine wichtige Rolle, auch wenn sie davon noch nichts ahnte.

Er kannte sie seit drei Jahren, weil er geschäftlich mit ihr zu tun hatte. Zu seinem Empfang war sie nur gekommen, um diese Geschäftsbeziehung zu vertiefen. Denn ihre Bekanntschaft hatte absolut nichts Persönliches – und dabei wollte er es auch belassen.

Vor zwei Tagen hatte sie ihm das Angebot gemacht, auch in dem neuen Austin Crown Hotel eine ihrer Dessous-Boutiquen zu eröffnen. Er hatte ihr noch keine Antwort gegeben. Doch das würde er umgehend tun. Noch heute Abend. Und dann würde er seinerseits einen Wunsch äußern.

Zum ersten Mal seit Langem war er vor einer geschäftlichen Besprechung nervös. Dann kam Olivia mit graziösen Bewegungen und dennoch entschlossenen Schrittes auf ihn zu, und er konnte nur noch denken, was für ein hübsches Baby sie beide zustande bringen würden. Lächelnd sah er ihr entgegen.

Tony wird einverstanden sein, dachte Olivia voller Freude. Er hatte sie den ganzen Abend über beobachtet, ja, regelrecht begutachtet. Und dafür konnte es eigentlich nur einen Grund geben. Der Gedanke an ihren bevorstehenden Sieg versetzte sie in Hochstimmung.

Als sie zu ihm hinüberging, hielt er ihren Blick gefangen. Seinen Mund umspielte ein kleines sinnliches Lächeln, von dem, wie sie wusste, die meisten Frauen hingerissen waren. Sie, Olivia, würde dagegen nur hingerissen sein, wenn er ihr die erhoffte Antwort gab.

Ihr Geschäft war ihr Leben, und sie gestand sich weder die Zeit noch den Wunsch nach etwas anderem zu. Genau wie er, dessen war sie sicher. Wenigstens was sie betraf.

Tony stand in dem Ruf, ein fantastischer Liebhaber zu sein, auch wenn sie nicht hätte sagen können, wie viele der Frauen, die das behaupteten, Erfahrungen aus erster Hand hatten. Ihr gegenüber machte er nie eine Bemerkung über seine Beziehungen. Vielmehr schien er von dem ganzen Gerede überhaupt keine Notiz zu nehmen. Genau darum bemühte auch sie sich. Ihr Interesse an ihm war rein geschäftlicher Natur. Auch wenn sie zugeben musste, dass sie gelegentlich ihrer Fantasie freien Lauf ließ …

Sie trat zu ihm.

„Hallo, Olivia.“ Seine Stimme klang tiefer als sonst, sein Blick wurde noch eindringlicher. „Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl hier.“

Sie blickte sich um. Dieser Empfang wurde anlässlich der Umgestaltung seines großen, alten Stadthotels gegeben. Mit der neuen hochwertigen Einrichtung im klassischen Stil sollte es anderen First-Class-Hotels Konkurrenz machen.

„Alles ist wunderschön geworden, Tony. Warum sollte ich mich da nicht wohlfühlen?“

Sein Lächeln vertiefte sich. „Ich glaube, Sie mögen Partys nicht besonders. Sie wirken geistesabwesend.“ Er neigte den Kopf leicht zur Seite. „Sind Sie erpicht darauf, Geschäftliches zu besprechen?“

Olivia trank ihr Glas aus, um nicht spontan zu antworten. „Ich habe überlegt, ob Sie wohl schon zu einer Entscheidung gekommen sind. Natürlich sollte man nicht gerade auf einem Empfang über Geschäfte reden, aber …“ Sie merkte, dass er sie wieder genau beobachtete. „Würden Sie mich wohl ins Bild setzen?“

Leise lachend überging Tony ihre Frage. Er verstand sich bestens auf die Taktiken bei Geschäftsabschlüssen. Sie jedoch auch. „Möchten Sie noch etwas zu trinken?“

„Nein danke.“

„Schon zu viel getrunken?“

„Zu viel Mineralwasser? Ich glaube, damit kann ich umgehen. Sie dagegen …“ Sie schnupperte an seinem Glas. Weil es jedoch keinen Alkohol enthielt, zog sie die Brauen hoch.

„Ich trinke auch nicht. Jemand muss schließlich einen klaren Kopf behalten.“

Obwohl Olivia ihm nicht zeigen wollte, wie überrascht sie war, hakte sie nach: „Sie trinken nie?“

„Gelegentlich ein Glas Wein zum Abendessen.“

„Ich trinke überhaupt keinen Alkohol.“

„Aus einem besonderen Grund?“

Olivia zögerte. Es war komisch, dass man jemanden seit Jahren kannte und sich nur rein geschäftlich begegnete, und plötzlich fand man sich in einem sehr persönlichen Gespräch wieder. Es machte ihr jedoch nichts aus. Sie war immer der Meinung gewesen, je besser man seine Geschäftspartner kannte, desto leichter konnte man mit ihnen umgehen. Und es war ihr größter Wunsch, mit Tony Austin noch viele Geschäfte zu machen. „Ich verabscheue Alkohol.“

„Vielleicht erzählen Sie mir irgendwann einmal, warum.“

„Vielleicht.“

Tony schwieg einen Moment, dann fragte er unvermittelt: „Haben Sie ein Fünfjahresziel, Olivia? Oder irgendwelche langfristigen Pläne, auf die Sie hinarbeiten?“

Wieder überkam Olivia prickelnde Aufregung, die sie zu unterdrücken versuchte. Sein ungewohntes Interesse konnte nur bedeuten, dass ihr Management ihm zusagte. Tony Austin war ein exzellenter Geschäftsmann. Es hieß, er habe die Anzahl der Hotels der Hotelkette Austin Crown in den drei Jahren nach dem Tod seines Vaters verdoppelt. Unter seiner Leitung waren aus den Mittelklassehotels First-Class-Hotels geworden.

Während Tony sich gekonnt lässig gegen die Wand lehnte, fielen Olivia seine wunderbar breiten Schultern auf. Tony verfügte über mehr Energie und Entschlusskraft als irgendjemand sonst, den sie kannte. Eine dicke Strähne seines braunen Haars, das dunkler und lockiger als ihr eigenes war, war ihm in die Stirn gefallen, und seine grünen Augen glänzten.

Olivia lächelte. „Natürlich habe ich ein Ziel. Ein sehr bedeutendes sogar. Wenn Sie möchten, erkläre ich Ihnen Näheres.“

Zu ihrer Überraschung wies Tony einen Kellner an, ihnen alkoholfreie Getränke in sein Büro zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie nicht gestört wurden. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er tatsächlich heute Abend Geschäftliches mit ihr besprechen würde.

Als Tony mit Olivia am Arm zu seinem Büro ging, merkte er, dass einige andere Gäste ihnen nachstarrten. Aber er war es gewöhnt, dass Fremde immer wieder Klatsch über ihn verbreiteten. Wer ihn hier, in seiner Heimatstadt Willowbrook, Indiana, jedoch gut genug kannte, gab nichts auf solches Gerede.

Olivia legte sich im Geist zurecht, wie sie ihn überzeugen konnte. Sie überlegte gerade, ob sie ihren Fünfjahresplan mit seiner Hilfe vielleicht schon in kürzerer Zeit verwirklichen könnte, als er sie in einen schwach beleuchteten Raum schob. Der Geruch nach Leder, vermischt mit Tonys ureigenem Duft, der in der Luft hing, war für Olivia das reinste Aphrodisiakum. In diesem Raum würde ihr vielleicht der Durchbruch gelingen, auf den sie gewartet hatte. Ihr Geschäft war ihr ein und alles. Sie hatte es aus eigener Kraft aufgebaut und war mit Erfolg belohnt worden. Das war fast so schön, wie das Leben zu führen, das sie eigentlich führen wollte. Fast.

Tony schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Komisch, bisher war ihm noch nie aufgefallen, wie hübsch Olivia Anderson sein konnte, wenn sie aufgeregt war, wenn sie lächelte … Er hatte sie noch nie so richtig als Frau wahrgenommen, und jetzt erkannte er, dass sie ausgesprochen verführerisch wirkte.

Heute Abend hatte sie ihr fast glattes dunkelbraunes Haar, das ihr normalerweise bis auf die Schultern fiel, zu einem eleganten Nackenknoten aufgesteckt. Olivia hatte mehr Stil und Klasse als jede andere Frau, die er kannte. Er mochte ihre dunkelbraunen Augen, in denen sich ihre Gefühlsregungen widerspiegelten, die Stärke ihres Charakters und ihre ganze Leidenschaft. Das hieß, Leidenschaft für ihre Arbeit.

Er schaltete eine moderne Designerstehlampe ein, die sein großzügig geschnittenes Büro jedoch kaum mehr erhellte. Aber er zog gedämpftes Licht vor, während er ihr seinen Vorschlag unterbreitete, auch wenn das ein wenig feige war. Abrupt fragte er: „Waren Sie je verheiratet, Olivia?“

Die Frage schien sie sehr zu überraschen. „Nein. Und ich plane eine solche Verbindung auch nicht für die nahe Zukunft.“

„Verbindung?“ Er musste erneut lächeln. Sie hatte eine höchst merkwürdige Art, die Dinge zu betrachten, als sei alles eine geschäftliche Angelegenheit.

Schulterzuckend setzte sich Olivia in einen der beiden Sessel vor seinem Schreibtisch. „Meine Arbeit ist mein Leben. Ich bin zufrieden damit, wenn es so bleibt.“

Tony nahm ihr gegenüber Platz. Auch wenn das die Antwort war, die er erwartet hatte, so beunruhigte sie ihn doch ein wenig. Eine Frau mit ihren Qualitäten, mit ihrer Intelligenz und ihrer Persönlichkeit sollte ihr Leben nicht allein verbringen.

„Wie alt sind Sie?“

Sie blinzelte leicht irritiert. „Sechsundzwanzig. Meinen Fünfjahresplan habe ich erst letztes Jahr aufgestellt. Er sieht vor, dass ich, bis ich dreißig bin, mindestens noch drei weitere Geschäfte eröffnet habe.“

„Da bleibt Ihnen in der Tat nicht viel Zeit für einen Ehemann oder Kinder oder sonstige private Dinge.“

Mit gerunzelter Stirn sah sie ihn an. Tony war klar, dass er sie nicht so bedrängen sollte. Nur, er hatte noch nie viel Geduld gehabt. Wenn er etwas wollte, dann wollte er es sofort.

„Ich verstehe nicht, warum Sie mir derart persönliche Fragen stellen. Ich nahm an, Sie wären mit unseren Geschäften zufrieden …“

„Mehr als zufrieden. Ihre Branche boomt, und meine Hotels profitieren bereits von Ihren beiden Boutiquen. Ich sehe kein Problem darin, noch eine zu eröffnen.“

Olivia atmete hörbar aus und lächelte ihn strahlend an. „Danke. Genau das hoffte ich zu hören. Obwohl Sie mich zugegebenermaßen mit diesen persönlichen Fragen irritiert haben. Ich weiß, es ist wichtig, Geschäftspartner zu verstehen und sich zu vergewissern, dass sie nicht plötzlich ihre Pläne ändern. Wenn das Ihre Sorge war, dann kann ich Ihnen versichern …“

„Ich möchte ein Baby.“

Vor Überraschung blieb Olivia der Mund offen. Sie hatte einen hübschen Mund, voll und weich … Sie hatte auch schöne Haut, was natürlich ein Plus wäre, genau wie ihre ausgezeichnete Gesundheit und ihr scharfer Verstand.

Sie räusperte sich und antwortete mit einem kleinen, nervösen Lachen: „Das dürfte anatomisch wohl unmöglich sein.“

„Nicht, wenn ich die richtige Frau finde, die das Kind austrägt.“

Sie ließ sich in den Sessel zurückfallen. Ihre Hände umklammerten die Armlehnen, ihr Mund stand erneut offen. Tony beschwor sich, endlich aufzuhören, auf ihren verführerischen Mund zu achten.

Weil es klopfte, brauchte er nicht sofort etwas zu sagen. Sobald der Kellner wieder gegangen war, suchte er Olivias Blick. Sie schaute noch immer fassungslos drein.

„Ich höre förmlich, wie es in Ihrem Kopf arbeitet, Olivia, und ich möchte Ihnen versichern, ehe ich fortfahre, dass das Ganze nichts mit Ihren Geschäften zu tun hat. Sie bekommen Ihre dritte Boutique auf jeden Fall. Ich werde die Papiere am Montagmorgen unterschreiben und sie Ihnen per Kurier zustellen lassen.“

„Danke.“

Tony schenkte ihr ein Glas Mineralwasser ein und reichte es ihr. „Ich möchte jedoch noch etwas anderes mit Ihnen besprechen.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“

Ihre trockene Bemerkung ließ ihn schmunzeln. „Wie gesagt möchte ich ein Baby. Ich habe ausgezeichnete Mitarbeiter, die die tägliche Routinearbeit in meinen Hotels erledigen können, sodass ich nicht mehr so viel zu arbeiten brauche. Ich kann es mir absolut leisten, ein Kind mit allen Privilegien aufzuziehen. Dabei will ich es keineswegs verwöhnen, sondern darauf achten, dass moralische Grundsätze und feste Überzeugungen nicht zu kurz kommen und …“

Olivia berührte seinen Arm. Tony genoss ihre Berührung, spürte sie ganz intensiv und verfluchte sofort, dass er auf eine Art und Weise darauf reagierte, die er sich verboten hatte. Zum Glück schien Olivia nichts von seinem Dilemma zu merken.

„Ich bezweifle nicht, dass Sie ein wunderbarer Vater sein würden, Tony.“

Ihr Lob freute ihn sehr. „Danke.“

„Keine Ursache. Aber was haben Ihre Pläne mit mir zu tun?“

Er suchte ihren Blick. „Na ja … Sie sollen die Mutter sein.“

Ihre Reaktion darauf war nicht ganz so, wie er es erwartet hatte. Fassungslos legte sie die Hand auf den Mund, und nach einem Moment erst brach sie in fast hysterisches Gelächter aus. Tony stand auf und zog sie hoch. „Olivia! Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Kopfschüttelnd fing sie erneut zu lachen an. „Habe ich mich eben nicht klar ausgedrückt? Habe ich nicht eben gesagt, dass mein Geschäft mein Leben ist? Ich kann nicht heiraten, und schon gar nicht, um …“

„Heiraten? Lieber Himmel, ich will Sie nicht heiraten!“ Er merkte sofort, wie entsetzlich das klang, und ergänzte schnell: „Ich möchte nur, dass Sie mein Baby austragen. Nach der Geburt können Sie tun und lassen, was Sie wollen. Ich werde sicherstellen, dass Sie umziehen können, wohin Sie auch wollen, denn natürlich werden Sie umziehen müssen. Ich möchte keine Einmischung bei der Erziehung meines Kindes, und keiner von uns beiden will ja wohl einen Skandal. Ich dachte, der Nordwesten der USA würde Ihnen vielleicht zusagen.“

„Sie wollen, dass ich …“

„Das Baby austrage.“ Weil er sie immer noch festhielt, spürte er, wie sie sich versteifte. Er zwang sich, sie loszulassen. „Aber denken Sie bitte nicht, dass ich vorhabe, mich Ihnen … na ja, unsittlich zu nähern. Es gibt andere Methoden, das Sperma zu übertragen. Alles würde …“

Sie wich zurück, als habe er sie geschlagen.

„Ich verpatze das gründlich, nicht wahr?“ Tony fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Ob Sie es glauben oder nicht, das ist das erste Mal, dass ich unsicher bin, während ich ein Geschäft vorschlage. Denn genau das ist es, Olivia. Eine geschäftliche Vereinbarung.“ Weil sie weiterhin schwieg, fuhr er nach einem Moment fort: „Also? Sie könnten mir das Ganze ein wenig leichter machen, wenn Sie etwas sagen würden.“

„Das würde ich ja. Wenn ich wüsste, was.“

Er atmete tief durch. „Sie brauchen Zeit zum Nachdenken. Warum setzen wir uns nicht wieder hin, und ich erkläre Ihnen, warum ich Sie ausgewählt habe, welchen Nutzen Sie davon hätten, wenn Sie zustimmten, wie ich die rechtliche Seite handhaben will und …“

„Das ist eine ganze Menge, besonders, wenn man bedenkt, dass es gleich Mitternacht ist. Ich hatte einen anstrengenden Arbeitstag und will morgen früh ins Büro.“ Ihre Stimme zitterte noch leicht, aber Olivia setzte sich wieder hin. Tony war erleichtert. Sie schrie nicht Zeter und Mordio wegen sexueller Belästigung, und sie stürmte auch nicht empört hinaus. Nein, Olivia war eine vernünftige Frau. Das war eine der Eigenschaften, die er an ihr schätzte.

„Zuerst einmal, Sie gefallen mir sehr, Olivia. Nicht im Sinne von zukünftiger Ehefrau oder einer anderen persönlichen Beziehung, sondern als Genspenderin. Ihre Klugheit verschlägt mir manchmal den Atem, besonders weil Sie es keineswegs leicht hatten. Trotzdem haben Sie mit Auszeichnung …“

„Wie kommt es, dass Sie so viel über mich wissen?“

Offenbar hatte er ihren Unmut geweckt. Er dachte daran zu lügen, verwarf diese Idee jedoch ebenso schnell. „Ich habe Nachforschungen über Sie anstellen lassen. Bitte hören Sie mir erst einmal zu, damit Sie verstehen, wie wichtig das für mich war.“ Er wartete ab, doch als sie ihn nur stumm anschaute, begann er aufzuzählen, was er in Erfahrung gebracht hatte. „Ihre Eltern, die nur ein geringes Einkommen hatten, kamen bei einem Hochwasser ums Leben, als Sie gerade sechzehn waren. Sie waren auf dem College und hatten nebenbei einen Job, erarbeiteten sich alles, was Sie jetzt besitzen, aus eigener Kraft, ohne jede Hilfe von Verwandten oder Freunden. Im Übrigen haben Sie gar keine Verwandten und auch keine guten Freunde, soweit ich weiß.“

Sie saß ganz still da und brachte es fertig, gleichzeitig stolz und verletzt auszusehen, sodass Tony mit gesenkter Stimme fortfuhr: „Sie hatten nie etwas mit einem Mann zu tun, es sei denn geschäftlich. Sie führen ein bescheidenes, unauffälliges Leben, besitzen vermutlich ein beachtliches Sparkonto, und Sie bleiben für sich. Die einzigen Verabredungen, die Sie treffen, sind geschäftlicher Natur.“

Sie schwieg eine ganze Weile, ehe sie sagte: „Sie waren sehr gründlich.“

„Ich musste sicher sein, dass Sie geeignet sind, Olivia. Bitte versuchen Sie zu verstehen. Ich will keine Frau, die, sobald sie schwanger ist, das Baby behalten will oder mich oder uns beide. Alles, was ich über Sie erfahren habe, belegt, dass Sie absolut kein Interesse daran haben, sich jetzt oder in naher Zukunft zu binden. Das stimmt doch, oder?“

Sie wandte den Kopf und starrte in die hinterste Zimmer­ecke. „Ja.“ Dann atmete sie tief durch und sah wieder ihn an. „Aber ich habe auch kein Interesse daran, neun Monate in Verzug zu geraten. Jetzt ein Kind zu bekommen würde meine Pläne erheblich beeinträchtigen, ganz zu schweigen von meinem guten Ruf. Man würde ohne Ende über mich klatschen.“

„Nicht unbedingt. Nicht, wenn ich verspreche, Ihr Fünfjahresziel in einem Jahr anzuvisieren. Nicht, wenn ich verspreche, mich dafür einzusetzen, dass Ihre neuen Geschäfte gut anlaufen. Nicht, wenn ich Ihren Umzug sofort in die Wege leite oder es Ihnen ermögliche, eine lange Pause einzulegen.“

„Und das würden Sie alles tun?“

„Natürlich. Die Sache ist mir sehr ernst. Ich kann es mir leisten, großzügig zu sein, und ich möchte das Baby. Schnellstens. Am vierzehnten November habe ich Geburtstag. Das ist in gut einer Woche. An meinem Geburtstag im nächsten Jahr möchte ich mein eigenes Kind in den Armen halten. Ich werde dann fünfunddreißig.“ Er zögerte, aber ihm war klar, dass er ihr seinen Wunsch noch näher erläutern musste. „Mit fünfunddreißig ist es höchste Zeit für ein Kind. Wenn ich warte, wenn auch nur noch ein, zwei Jahre, würde ich fast vierzig sein, bis das Kind auf die Welt kommt. Ich muss langfristig planen, etwa, wie sich mein Alter auf das Kind im Teenageralter auswirkt, wenn er oder sie mich am meisten brauchen wird.“

„Sie machen sich also Sorgen wegen Ihrer … Ihrer biologischen Uhr?“

„Das ist ganz sicher ein Aspekt.“

„Warum wünschen Sie sich so sehr ein Kind? Warum heiraten Sie nicht erst und gehen die Sache ganz konventionell an? Und vor allem, warum wollen Sie gerade mich als Mutter Ihres Kindes?“

Tony nahm es als gutes Zeichen, dass Olivia das Ganze noch immer mit ihm diskutierte, und fasste Mut. Er würde sie für sich gewinnen. Schließlich war er darin geübt, Geschäfte zum Abschluss zu bringen, und er hatte schon schwierigere Verhandlungen geführt. Aber es stimmte auch, dass er es nur mit wenigen Geschäftspartnern zu tun gehabt hatte, die so beharrlich waren wie Olivia. Das war eine der vielen Eigenschaften, die er an ihr bewunderte.

„Ich möchte deshalb jetzt ein Kind, weil auch mein jüngerer Bruder und meine Schwester Kinder haben. Mein Bruder hat erst kürzlich sein drittes Kind bekommen, einen kleinen Jungen, und da wurde mir klar, was ich bisher vermisst habe, was ich ewig vermissen werde, wenn ich nicht bald handle. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin sehr gern der liebende Onkel und genieße es, wenn sie ganz aus dem Häuschen geraten, sobald ich auftauche. Es tut gut, von einem Kind geliebt zu werden.“ Er machte eine Pause. „Aber ich habe eigentlich keinen Einfluss auf die Kids. Denn ich bin eben nur der Onkel. Ich möchte gern selbst ein Kind erziehen, einen Teil von mir weitergeben.“

Olivia lächelte. „Sie spüren Ihre Sterblichkeit?“

„Vermutlich. Aber das ist nicht alles. Ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und von seinen Mitarbeitern respektiert zu werden, ist nichts im Vergleich zu der Aufgabe, ein Kind großzuziehen. Meine Geschwister bringen sich nicht so intensiv ins Geschäft ein wie ich, aber sie erziehen wunderbare, liebe Kinder. Und das ist eine viel größere Leistung. Ich möchte in ihre Fußstapfen treten.“ Er suchte erneut ihren Blick. „Außerdem möchte ich so sehr geliebt werden wie sie. Vorbehaltlos, heiß und innig.“

„Aber Sie wollen keine Ehefrau?“

„Eine Ehe, wie sie meine beiden Geschwister führen, ist nicht der Normalfall.“ Tony war erleichtert, dass Olivia sich nicht über ihn lustig machte. Es war leichter, mit ihr zu reden, als er gedacht hatte. Ohne zu überlegen hatte er sich ihr geöffnet, wie er das noch nie jemand anderem gegenüber getan hatte. „Es ist, als wären sie eins mit ihren Ehepartnern. Sie teilen alles, unterstützen einander und haben Spaß miteinander. Sie scheinen manchmal die Gedanken des anderen lesen zu können, so sehr harmonieren sie miteinander. Mitunter bin ich richtig neidisch. Und nachdem ich nun solche wunderbaren Beziehungen erlebt habe, kann ich mich eigentlich nicht mit weniger zufriedengeben. Bisher habe ich jedoch keine Frau gefunden, die so gut zu mir passen würde, und ich bin die Suche leid. Die meisten Frauen können es nicht tolerieren, dass ich so viel arbeite, es sei denn, sie sind selbst Geschäftsfrauen. Doch dann sind sie beruflich meist so engagiert, dass sie keine Zeit für einen Mann haben, geschweige denn für ein Kind.“

Als sie zusammenzuckte, merkte er, dass sie seine Kritik persönlich genommen hatte. „Olivia. Ich will niemanden verurteilen. Ich weiß, dass Frauen es schwerer haben als Männer, dass für sie selten die gleichen Regeln gelten. Und ich verstehe das Bedürfnis voranzukommen. Mir ging es bis vor Kurzem genauso.“

„Doch nun brauchen Sie sich nicht mehr so intensiv um Ihre Geschäfte zu kümmern.“

„Richtig. Wissen Sie, erfolgreich zu sein hat auch seine Schattenseiten. Ich habe immer das Gefühl, die Frauen sind eher an meinem Bankkonto interessiert als an mir.“

„Haben Sie eigentlich eine Ahnung davon, wie attraktiv Sie sind? Wie … erotisch? Hotelkette hin, Hotelkette her, ich bin sicher, die Frauen laufen Ihnen in Scharen nach.“

„Sie nicht.“

Olivia sah aus, als würde sie sich die Zunge abbeißen wollen. Doch Tony unternahm nichts, um das betretene Schweigen zu überbrücken. Plötzlich fühlte er sich wie auf der Pirsch, und sie war seine Beute. Ihre Worte setzten neue Energien in ihm frei, weckten ein Interesse, das er seit Langem nicht verspürt hatte. Er tat jedoch sein Bestes, um diese Gefühle zu ignorieren. Ihr Kompliment war nicht wichtig für sein Vorhaben – doch es erfüllte ihn mit männlichem Stolz. Er war sehr gespannt, was sie als Nächstes sagen würde.

Sie wandte keinen Blick von ihm. „Das stimmt. Wie gesagt habe ich andere Pläne und beabsichtige nicht, hinter einem Mann herzurennen, egal, wie anziehend er sein mag.“

Tony lächelte. „Das ist mit ein Grund, warum ich Sie ausgewählt habe. Sie haben mich noch kein einziges Mal auf eine sinnliche Art und Weise angesehen.“

„Ich glaube nicht …“

„Sie wissen schon, was ich meine. Ich brauche nicht zu befürchten, dass Sie meinen Vorschlag mit dem Hintergedanken annehmen, mich in die Falle zu locken, stimmt’s?“

„Äh … ja.“

„Wie gesagt, ich bewundere Ihre Intelligenz. Mit uns beiden als Eltern wird mein Sohn oder meine Tochter in dieser Hinsicht nicht zu kurz kommen. Außerdem verfügen Sie über eine gehörige Portion gesunden Menschenverstand. Und Sie sind kerngesund. In den beiden letzten Jahren haben Sie nicht einen Tag im Geschäft gefehlt. Sie sind liebenswürdig und großzügig – alle, die Sie kennen, haben das bestätigt. Und Sie haben einen passenden Körperbau.“

„Einen passenden Körperbau?“

„Einen attraktiven Körperbau“, verbesserte er, während er den Blick über ihre Beine gleiten ließ. „Ihre Beine sind wohlgeformt, Ihre Schultern gestrafft, Ihr Rücken gerade. Sie sind nicht besonders feingliedrig und doch sehr feminin. Sie neigen nicht zu Übergewicht, aber Sie sind … kräftig. Falls ich eine Tochter bekäme, brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, dass sie zu zierlich werden würde. Solche Frauen mag ich nämlich gar nicht. Nein, sie hätte eine sehr ansprechende Figur. Genau wie Sie.“

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