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Ein Kerl macht noch keinen Sommer

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. April
    1. Erstes Kapitel
    2. Zweites Kapitel
    3. Drittes Kapitel
    4. Viertes Kapitel
    5. Fünftes Kapitel
    6. Sechstes Kapitel
    7. Siebtes Kapitel
    8. Achtes Kapitel
    9. Neuntes Kapitel
    10. Zehntes Kapitel
    11. Elftes Kapitel
    12. Zwölftes Kapitel
    13. Dreizehntes Kapitel
    14. Vierzehntes Kapitel
    15. Fünfzehntes Kapitel
    16. Sechzehntes Kapitel
    17. Siebzehntes Kapitel
    18. Achtzehntes Kapitel
    19. Neunzehntes Kapitel
    20. Zwanzigstes Kapitel
    21. Einundzwanzigstes Kapitel
    22. Zweiundzwanzigstes Kapitel
    23. Dreiundzwanzigstes Kapitel
    24. Vierundzwanzigstes Kapitel
    25. Fünfundzwanzigstes Kapitel
    26. Sechsundzwanzigstes Kapitel
    27. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  9. Mai
    1. Achtundzwanzigstes Kapitel
    2. Neunundzwanzigstes Kapitel
    3. Dreißigstes Kapitel
    4. Einunddreißigstes Kapitel
    5. Zweiunddreißigstes Kapitel
    6. Dreiunddreißigstes Kapitel
    7. Vierunddreißigstes Kapitel
    8. Fünfunddreißigstes Kapitel
    9. Sechsunddreißigstes Kapitel
    10. Siebenunddreißigstes Kapitel
    11. Achtunddreißigstes Kapitel
    12. Neununddreißigstes Kapitel
    13. Vierzigstes Kapitel
    14. Einundvierzigstes Kapitel
    15. Zweiundvierzigstes Kapitel
    16. Dreiundvierzigstes Kapitel
    17. Vierundvierzigstes Kapitel
    18. Fünfundvierzigstes Kapitel
    19. Sechsundvierzigstes Kapitel
    20. Siebenundvierzigstes Kapitel
    21. Achtundvierzigstes Kapitel
    22. Neunundvierzigstes Kapitel
    23. Fünfzigstes Kapitel
    24. Einundfünfzigstes Kapitel
    25. Zweiundfünfzigstes Kapitel
    26. Dreiundfünfzigstes Kapitel
    27. Vierundfünfzigstes Kapitel
    28. Fünfundfünfzigstes Kapitel
    29. Sechsundfünfzigstes Kapitel
    30. Siebenundfünfzigstes Kapitel
    31. Achtundfünfzigstes Kapitel
    32. Neunundfünfzigstes Kapitel
    33. Sechzigstes Kapitel
  10. Juni
    1. Einundsechzigstes Kapitel
    2. Zweiundsechzigstes Kapitel
    3. Dreiundsechzigstes Kapitel
    4. Vierundsechzigstes Kapitel
    5. Fünfundsechzigstes Kapitel
    6. Sechsundsechszigstes Kapitel
    7. Siebenundsechzigstes Kapitel
    8. Achtundsechzigstes Kapitel
    9. Neunundsechzigstes Kapitel
    10. Siebzigstes Kapitel
    11. Einundsiebzigstes Kapitel
    12. Zweiundsiebzigstes Kapitel
    13. Dreiundsiebzigstes Kapitel
    14. Vierundsiebzigstes Kapitel
    15. Fünfundsiebzigstes Kapitel
    16. Sechsundsiebzigstes Kapitel
    17. Siebenundsiebzigstes Kapitel
    18. Achtundsiebzigstes Kapitel
    19. Neunundsiebzigstes Kapitel
    20. Achtzigstes Kapitel
    21. Einundachtzigstes Kapitel
    22. Zweiundachtzigstes Kapitel
    23. Dreiundachtzigstes Kapitel
    24. Vierundachtzigstes Kapitel
    25. Fünfundachtzigstes Kapitel
    26. Sechsundachtzigstes Kapitel
    27. Siebenundachtzigstes Kapitel
  11. Epilog
  12. Danksagung

Über den Autor

Milly Johnsons schriftstellerische Karriere begann mit dem Verfassen origineller Grußkarten. Wenn sie nicht schreibt, verwendet sie ihre gesamte Energie darauf, möglichst glamourös durch den Alltag zu kommen. Sie lebt mit ihrer Familie in Yorkshire und kämpft jeden Tag mit einer neuen Diät und dem widerspenstigsten Bügeleisen der Welt.

Milly Johnson

Ein Kerl macht noch
keinen Sommer

Roman

Aus dem Englischen von
Veronika Dünninger

Dieses Buch ist sechs fabelhaften Frauen gewidmet, die mich zu diesem Buch inspiriert haben.

Nancy Scrimshaw, Sheila Isherwood und Mary Sutcliffe, die mir gezeigt haben, dass Alter kein Hindernis für Freundschaft, Gelächter oder Spaß ist, vor allem wenn man vor einem Yorkshire-Herd heimlich süße Pasteten nascht.

Und meinen SUN-Schwestern: Pam Oliver, Helen Clapham und Karen Baker. Das Leben wäre nicht dasselbe, wenn wir nicht unsere Geschichten über die Arbeit und die Männer miteinander teilen könnten – und darüber, was einige von uns auf einem Berg getan haben.

»Zu lieben und geliebt zu werden heißt, die Sonne von beiden Seiten zu spüren.«

David Viscott

April

Erstes Kapitel

Schon nach den ersten drei Worten von Malcolms Rede schaltete Dawn die Ohren auf Durchzug. Sie wollte seine monotone Stimme nicht hören. Und sie wollte auch nicht an alte Leute aus der Backwaren-Abteilung denken, die in den Ruhestand traten. Sie hatte den Kopf randvoll mit Konfetti und Flitterwochen, und sie zählte die Stunden bis zum nächsten Morgen, wenn sie endlich ihr Brautkleid aussuchen würde.

Während Malcolm noch immer davon schwafelte, wie eine Ära zu Ende ginge, und mit dem billigen Weißwein in seinem dicken Styroporbecher Brian, dem Ruheständler in spe, zuprostete, rechnete sie sich aus, wie lange es bis zu ihrem großen Tag noch war. Vierundachtzig Tage, achtzehn Stunden, elf Minuten und dreiundvierzig Sekunden, zweiundvierzig Sekunden, einundvierzig Sekunden. Jedes Ticken der Uhr brachte sie ihrem Leben als Mrs. Calum Crooke einen kleinen Schritt näher.

Jetzt klatschten Leute, und Dawn fiel mit ein, damit es so aussah, als würde sie an den Feierlichkeiten teilnehmen. Malcolm lächelte, fiel ihr auf. Gott. Noch vierzehn Millionen Mal, und er würde allen Ernstes Falten davon bekommen. Vermutlich Blähungen, dachte Dawn, während sie beobachtete, wie Malcolms Miene wieder ihren üblichen »Die Welt kann mich mal«-Ausdruck annahm. Na ja, im Augenblick konnte ihn die Welt wirklich mal. Er war davon ausgegangen, dass er als stellvertretender Leiter der Backwaren-Abteilung mit einem Sprung in die oberste Liga aufsteigen würde, wenn Brian in den Ruhestand trat. Er war alles andere als begeistert davon, dass er in die Käse-Abteilung abgeschoben wurde und der neue Leiter der Backwaren-Abteilung ein unbekannter Außenseiter sein würde, den der Geschäftsführer, Mr. McAskill, ins Boot holte.

Dass er »Käse-Chef« und kein Stellvertreter mehr sein würde, konnte seine Enttäuschung kaum lindern. Die Backwaren-Abteilung war sicher auf dem aufsteigenden Ast, der Käse auf dem absteigenden. Es ging das Gerücht, Mr. McAskill hätte vor, den Bereich völlig auslaufen zu lassen. Und in der Käse-Abteilung war er allein unter Männern, im Gegensatz zu den Backwaren, wo die Frauen von nun an unter sich sein würden. Er würde weitaus seltener die Gelegenheit haben, an den Kopierern seinen Kolleginnen in die Bluse zu schielen oder dichter auf die Pelle zu rücken, als er sollte. Dawn dachte mit Schaudern an ihren ersten Arbeitstag in der Abteilung zurück, als sie auf einmal seine Hand auf ihrem Gesäß gespürt hatte. Er hatte nur »hoppla« gesagt und es dabei belassen, aber sie hatte gewusst, dass es Absicht gewesen war. Danach hatte sie immer einen möglichst weiten Bogen um ihn gemacht.

Raychel stand allein da und schwenkte den scheußlichen Wein in ihrem Becher. Sie war von Natur aus ein Mauerblümchen, das sich am liebsten im Hintergrund hielt. Gesellschaftliche Anlässe wie dieser waren ihr unangenehm, aber sie hatte sich verpflichtet gefühlt, mit den anderen nach der Arbeit noch zu bleiben, um Brian zu verabschieden. Schließlich war er ein durchaus umgänglicher Mann, und während er von dem geplanten Campingurlaub mit seiner Frau im nächsten Sommer, einer neuen Mikrowelle und seinem Cairnterrier, Lady, redete, glaubte sie, ihn noch nie so lebhaft gesehen zu haben, seit sie Ende letzten Jahres in der Abteilung angefangen hatte.

Als sie erfuhr, dass Brian gehen würde, war sie davon ausgegangen, dass Malcolm auf den Chefposten nachrücken würde, da er sich sowieso schon ständig als der Boss aufspielte. Das war der Zeitpunkt, als sie begann, sich am Schwarzen Brett nach interesssanten Stellen in anderen Abteilungen umzusehen. Sie konnte Malcolm nicht ausstehen. Er ging für ihren Geschmack zu sehr auf Tuchfühlung: Jede Ausrede war ihm recht, um Hautkontakt zu bekommen, und Raychel hasste es, sich von irgendjemandem anfassen zu lassen – außer ihrem Ehemann Ben. Sie hatte Ben nichts von Malcolm erzählt oder dass Privatsphäre offenbar ein Fremdwort für ihn war, denn dann wäre er wie ein geölter Blitz in ihr Büro geschossen, um den kleinen Widerling in die Schranken zu weisen. Daher war sie froh – und ebenso erstaunt wie die anderen drei Frauen in der Abteilung als sie hörte, dass Malcolm zum Käse versetzt und Grace –, die älteste Dame in der Abteilung – zur stellvertretenden Leiterin ernannt werden würde. Der große Boss, James McAskill, würde eine Frau von außen als Leiterin der Backwaren-Abteilung in die Firma holen, was die Gerüchteküche brodeln ließ.

Nicht dass Raychel irgendetwas von alledem mit ihren Kolleginnen erörtert hätte. Sie arbeiteten alle seit einer Ewigkeit in derselben Abteilung und waren dennoch über ein »Morgen, schöner Tag heute« oder »Schönes Wochenende« – und hin und wieder vielleicht ein paar Worte über die Arbeit – nicht hinausgekommen. Sie waren alle durchaus nette Frauen, aber der Altersunterschied zwischen ihnen war eben sehr groß. Und jetzt würde bald noch eine Frau zu ihnen stoßen. Raychel fragte sich, wie diese ganze Umstrukturierung die Dynamik in der Abteilung beeinflussen würde, aber so wichtig war es ihr nun auch wieder nicht. Die Arbeit war dazu da, dass man sich auf den Hosenboden setzte und seine Brötchen verdiente, sonst nichts.

Anna drückte Brian einen dicken Kuss auf die Wange. Für einen Chef war er ein netter Mann, der, ehrlich gesagt, die Schnauze einfach gestrichen voll hatte. Er hatte seiner Pensionierung schon seit längerer Zeit entgegengefiebert und die Leitung der Abteilung zum Großteil bereits Malcolm überlassen. Zum Glück würde dieser Widerling jetzt auch das Feld räumen. Aber er war nicht sehr froh über seine Versetzung zum Käse, das war nicht zu übersehen. Er war selbst zu seinen besten Zeiten ein echter Miesepeter. Es war, als ob er jeden Morgen Streit mit seiner Frau hätte und es darauf anlegte, die Büroluft mit seiner schlechten Laune zu verpesten. Zu seinen Untergebenen war er immer so unhöflich. Die Wörter »Bitte« und »Danke« kamen in seinem Wortschatz nicht vor, und er bellte einfach nur »Tee«, wenn er etwas zu trinken haben wollte. Außerdem hasste sie es, wie sein Blick zu ihren Brüsten glitt, wenn er mit ihr redete. Sie fragte sich, was für eine Frau ihn attraktiv genug gefunden hatte, um ihn zu heiraten. Aber offenbar war er doch beziehungsfähig: Er war seit über fünfzehn Jahren verheiratet, und das war mehr, als sie von sich behaupten konnte.

Anna hörte zu, wie Brian immer aufgeregter von seinem Campingurlaub am Meer im kommenden Sommer redete. Sie beneidete ihn um diese Begeisterung für etwas. Es gab absolut nichts, worauf sie sich freute, weder an diesem noch am nächsten Wochenende. Für die Geschichten aus der Coronation Street konnte sie sich einfach nicht begeistern, sie hatte auf nichts Bestimmtes Appetit und offenbar die Fähigkeit verloren, sich in ein Buch zu vertiefen und sich das Bild aus dem Kopf zu schlagen, wie ihr Verlobter die neunzehnjährige Aushilfe in seinem Friseursalon vögelte. Das Leben dehnte sich vor Anna aus – länger, grauer und nasser als die ganze englische Küste im Februar.

Grace nahm Brians Pensionierungsgeschenk in die Hand, um es zu begutachten – einen sehr laut tickenden Reisewecker. Sie konnte fast hören, wie er im Takt »stirb langsam, stirb langsam, stirb langsam« sagte.

»Sie werden als Nächste dran sein, mit ein bisschen Glück!«, flüsterte ihr Brian ins Ohr.

»Wa…as?« Grace riss sich rasch zusammen. »O ja, gut möglich.« Gott behüte. Bei der Vorstellung, dort zu stehen, wo Brian jetzt stand, und ihre eigene Uhr zu bewundern, während mit billigem lauwarmem Fusel auf sie angestoßen wurde, lief ihr der Schweiß kalt und feucht über den Rücken. Auf einmal wurde sie von einem ganz leichten Schwindel übermannt.

Stirb langsam, stirb langsam, stirb langsam.

»Ich verstehe ja nicht, wieso Sie unbedingt noch eins draufsetzen wollen, wo Sie doch selbst die Gelegenheit haben, hier die Segel zu streichen und sich ein geruhsames Leben zu machen. Hätte leicht auch Ihre Pensionierung sein können«, sagte Brian lächelnd.

»Ach, na ja, Sie kennen mich doch, ich brauche die Herausforderung«, sagte Grace. Sie hatte über drei Jahre für Brian gearbeitet und mochte seine fröhliche Art, auch wenn er ein Mann war, der nie jung gewesen und einfach glücklich vor sich hin gealtert war. Er würde es so genießen, nicht mehr jeden Morgen den Wecker stellen zu müssen und seine Tage stattdessen mit eifrigem Nichtstun zu verbringen. Abgesehen von seinem sonnigen Gemüt erinnerte sie so vieles an ihm, beängstigend vieles sogar, an ihren Ehemann Gordon, während er von den Freuden des Ruhestands schwafelte.

Grace’ Gedanken schweiften ab. Hätte sich Brian als Siebzehnjähriger in den Tanzsälen je träumen lassen, dass er eines Tages hier stehen und sich darauf freuen würde, mit einer neuen Mikrowelle im Gepäck nach Skegness zu fahren? War das das Ziel seiner Wünsche gewesen? Oder war Grace, die genauso alt war wie er, vielleicht nicht normal, weil sie jedes Mal in Panik ausbrach, wenn im Gespräch das Wort »Wohnwagen« fiel? Gordon und sie hatten immer Campingurlaub gemacht, als ihre drei Kinder klein waren, und sie hatten alle ihren Spaß dabei gehabt, auch wenn diese Art Urlaub für sie, Grace, alles andere als erholsam gewesen war. Die Kinder waren inzwischen alle erwachsen, aber sie stand ihnen noch immer sehr nahe, und sie wollte nicht wochenlang getrennt von ihnen und ihren Enkelkindern sein, nur mit Gordon als Gesellschaft.

Sie hatte sich immer gesagt, sie würde ihn verlassen, wenn die Kinder erwachsen waren. Jetzt fragte sie sich, wie viele andere Frauen sich genau dasselbe vorgenommen hatten und doch Jahre später, wenn die Kinder längst aus dem Haus waren, immer noch dasaßen, da sie einfach nicht den Mut zu diesem Schritt aufbrachten. Ihr Sohn und ihre beiden Töchter hatten eine riesige, klaffende Lücke in ihrem Haus hinterlassen, als sie gingen, als hätten sie dabei sein Herz herausgerissen und mitgenommen.

Ihr Blick fiel auf Malcolm, der sich in diesem Moment Wein nachschenkte. Er war beileibe kein glücklicher Mann. Dass er angeblich in die weitaus weniger angesehene Käse-Abteilung versetzt wurde, weil er für die Leitung der wachsenden Backwaren-Abteilung nicht effizient genug war, konnte sie leicht glauben. Malcolm Spatchcock war weder beliebt noch respektiert, auch wenn sein Ego groß genug war, um diese Tatsache zu ignorieren.

Grace hoffte nur, sie würde sich Malcolm nicht zurückwünschen, wenn sie ihre neue Chefin erst kennen gelernt hatte. Aber Mrs. Christie Somers würde schon sehr schlimm sein müssen, um Malcolm, diesem widerlichen kleinen Wicht, auf der Unbeliebtheitsskala den Rang abzulaufen. Grace hatte schon zu lange unter seinem ineffizienten Management gearbeitet.

Der Wein und die Chips waren inzwischen alle, und die Leute begannen zusammenzupacken und sich in Bewegung zu setzen. Grace’ Wochenende dehnte sich lang und leer vor ihr aus. Immer dasselbe, immer dasselbe. Heute Abend auf ihre Enkelin aufpassen, während sich Gordon mit seinen Kriegsveteranen traf und ihre Tochter und ihr Schwiegersohn irgendwo schön essen gingen. Morgen standen dann Einkaufen, Wäschewaschen und Putzen auf dem Programm, und am Sonntagvormittag würde sie das Mittagessen kochen, aufräumen, bügeln und es sich dann vor Heartbeat gemütlich machen – oder mal richtig über die Stränge schlagen und sich Frost ansehen. Danach würde sie ein heißes Bad nehmen, und dann musste sie schon wieder ab ins Bett, bereit für die Woche, die vor ihr lag.

Sie sah, wie die jungen Büroangestellten anderer Abteilungen aus dem Saal strömten, in fröhlicher Freitagabend-Stimmung. Mit Lippenstift und Ausgehabenden mit Freundinnen hatte sie schon seit weit über fünfundzwanzig Jahren nichts mehr am Hut. Grace verabschiedete sich von Brian und ihren drei Kolleginnen. Sie schienen alle recht nett zu sein, auch wenn sie nicht viel miteinander zu tun hatten. Trotzdem, die Atmosphäre auf der Arbeit war einfach so viel entspannter als zuhause. Gordons Haar war grau geworden, als er in den Dreißigern war, aber wann war er eigentlich so grau im Kopf geworden? Es hätte Grace das Leben so erleichtert, wenn sie es auch geworden wäre.

Zweites Kapitel

Calum saß praktisch auf dem Telefon, aber es hätte noch eine Ewigkeit weitergeklingelt, wenn Dawn nicht aus der Küche gekommen wäre, um abzunehmen. Sie hauchte ihm ein »fauler Sack« zu, aber er war sogar zu träge, um auch nur aufzusehen.

»Hallo, Liebes«, sagte die muntere Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Hi, Muriel«, sagte Dawn. Calum atmete hörbar aus und fuchtelte mit den Händen durch die Luft wie ein entnervter Fluglotse. Die Botschaft war unmissverständlich. Falls sie fragt, ich bin nicht da.

»Und, wann holst du mich morgen ab, Kleines?«, fragte ihre Schwiegermutter in spe fröhlich.

»Ist dir halb elf recht, Mu?«

»Na, dann werde ich zusehen, dass ich bis dahin auf den Beinen bin, wo wir doch was Besonderes vorhaben«, sagte Muriel.

»Ich bin schon so aufgeregt, ich werde bestimmt kein Auge zumachen können.«

»Dann trink dich mit ein paar Gläsern Bier müde. Das mache ich immer, wenn ich nicht schlafen kann, Mädchen!«

Dawn lachte. Muriel konnte manchmal einfach so witzig sein. Mit Mu gab es immer etwas zu lachen, seit jenem Tag vor gut zwei Jahren, als sie sich in diesem erbärmlichen Friseursalon, in dem Dawn damals arbeitete, kennen gelernt hatten. Dawn hatte ihr eine Dauerwelle gemacht, und Muriel hatte sie geschlagene zwei Stunden vollgequasselt. Mit ihrem rauen, derben Humor war sie an jenem Tag ein echter Muntermacher gewesen. Sie war in Dawns Leben geplatzt, als sie dringend einen Grund zum Lachen gebraucht hatte.

»Ist unser Calum schon zurück?«

»Ja, aber er ist eben wieder weg.«

Calum hielt zufrieden einen Daumen hoch.

»Ach, na ja«, sagte Muriel mit einem tiefen Seufzer. »Es ist schließlich Freitag, da hat sich ein Bursche nach einer harten Arbeitswoche doch ein Bier verdient.«

Von einer harten Arbeitswoche war Dawn nichts bekannt. Nach allem, was sie wusste, hing er nur träge auf einem Gabelstapler herum und legte zwischendurch ein paar Zigarettenpausen ein.

»Na ja, wenn du ihn siehst, sag ihm, Killer hat ihm eine Kiste DVDs vorbeigebracht.«

»Mache ich.«

»Dann bis morgen, Liebes.«

»Bis morgen, Mu.«

Dawn drückte auf Beenden, und Calum stand auf und streckte sich wie eine dürre, ausgemergelte Straßenkatze.

»Killer hat dir offenbar ein paar DVDs vorbeigebracht«, richtete Dawn die Nachricht aus.

»Oh, danke.«

»Keine Raubkopien, will ich hoffen?«, fragte sie misstrauisch.

»Red keinen Quatsch, die sind aus Wohnungsauflösungen.«

»Und was hast du damit vor?«

»Immer diese Fragen«, seufzte er. »Ich verkaufe sie im Pub für ihn weiter – gegen einen kleinen Anteil.«

»Okay«, sagte Dawn, vorläufig zufrieden mit dieser Antwort. »Und, was hättest du gern zum Abendessen?«

»Ich dachte, vielleicht lassen wir uns was vom Chinesen kommen?«, sagte er.

»Und ich dachte, wir wollten uns ein bisschen einschränken. Ich muss mir morgen mein Brautkleid kaufen.«

Calum kratzte sich am Kopf, sodass sein Haar sexy zerzaust aussah.

»Wir müssen leben, Dawn! Wir haben beide die ganze Woche schwer geschuftet. Wir müssen uns auch mal was gönnen.«

»Meinetwegen«, willigte sie widerstrebend ein. Er schaffte es jedes Mal, sie umzustimmen. »Ich habe jetzt Hunger, soll ich anrufen und uns was bestellen? Ich nehme Huhn mit Pilzen und gebratenem Reis und dazu gewöhnlich Won Tons. Wollen wir uns was teilen? Wenn ja, dann nimm aber nicht das mit den schwarzen Bohnen.« Sie ging an die Schublade mit der chinesischen Speisekarte. Sie lag zuoberst auf einem Stapel mit Takeaway-Speisekarten, die alle ordentlich zusammengeheftet waren. Ihr ausgeprägtes Organisationstalent war etwas, worüber sich Calum regelmäßig lustig machte.

»Wir können uns was teilen, wenn du willst. Aber ich dachte mir, ich gehe vielleicht ein paar Gläser trinken und bringe es auf dem Rückweg mit.«

»Gott, du musst doch jetzt nicht ausgehen!« Dawn schüttelte missbilligend den Kopf.

Calum gähnte. »Nur ein paar Gläser. Mehr sind sowieso nicht drin, so geschafft, wie ich bin.«

»Die Leier kommt mir irgendwie bekannt vor.«

Calum grinste sein freches Schuljungen-Grinsen, mit dem er sich allen möglichen Ärger eingehandelt und vom Hals geschafft hatte, seit er alt genug war, um es zu seinem Vorteil zu nutzen. Es entwaffnete Dawn, wie üblich.

»Diesmal verspreche ich es«, sagte er. »Spätestens zehn nach neun. Wärm du uns schon mal die Teller auf.«

»Ach, und kann ich sonst noch irgendetwas für dich tun?«, fragte Dawn, die Hände in die Hüften gestemmt.

»Wo du schon fragst – du könntest mir nicht zufällig zwanzig Pfund leihen, oder?«

Dawn öffnete ihr Portmonee und reichte ihm seufzend das Geld. Sie hasste sich selbst dafür, dass sie nicht Nein sagen konnte. Vor allem da sie wusste, dass sie um zehn Uhr aller Wahrscheinlichkeit nach jede Hoffnung begraben haben würde, dass Calum bald nachhause kommen würde. Sie würde sich einen Käsetoast machen. Calum würde irgendwann nach Mitternacht hereinschneien, würde das chinesische Essen vergessen haben. Sie hoffte, dass er das Muster irgendwann durchbrechen und sie überraschen würde, aber bis jetzt hatte er das nicht getan.

»O verdammt, jetzt habe ich das Knoblauchbrot verbrannt!«, sagte Ben, als der Rauchmelder losging.

Raychel folgte ihm, als er wie ein geölter Blitz in die Küche schoss, und lachte.

»Das ist nicht witzig, Ray, ich hatte mich so darauf gefreut«, sagte Ben.

Er sah aus wie ein kleines Kind, dem sein Eis aus der Waffeltüte auf die Erde gefallen ist, wo es auf der Stelle von einem glücklichen Straßenköter aufgeschlabbert wurde.

Raychel schnappte sich den Besenstiel und stocherte damit an dem Rauchmelder herum, aber sie war zu klein dafür.

»Aus dem Weg, Knirps!« Ben schob sie sanft zur Seite. Er streckte einen langen, muskulösen Arm aus und drückte mit einem breiten Daumen auf den Ausschaltknopf. »Gott, schon besser, das war ja nicht zum Aushalten!«

»Sieh mal, so schlimm ist es gar nicht, Ben.« Raychel begutachtete den Schaden. »Es ist nur hier oben ein bisschen verbrannt. Das kann ich abschneiden.«

»Würdest du das wirklich tun? Für mich?« Er sank auf die Knie und tat, als würde er Gott danken.

Raychel gab ihm zum Spaß einen leichten Klaps. »Dir kann man so leicht eine Freude machen.«

Er umschlang ihre Beine und zog sie an sich, und sie kreischte auf. Er war auf den Knien fast genauso groß wie sie.

»Das stimmt doch gar nicht. Ich würde eher sagen, ich bin ganz schön wählerisch.«

Raychel sah hinunter in sein süßes, entzückendes, lächelndes Gesicht. Die Bartstoppeln wuchsen schon wieder nach, obwohl er sich erst heute Morgen gründlich rasiert hatte. Seine dunklen, männlichen Arme hielten sie fest umklammert. Sie spürte seine Muskeln hart an ihrem Körper. Sie liebte ihn über alles.

»Dann werde ich jetzt mal die Pasta servieren, oder?«

»Augenblick noch.« Er wollte sie noch ein bisschen länger halten, wollte sie spüren, während er sich ein paar Strähnen ihres langen schwarzen Haars um den Finger wickelte und ihr Parfüm, das sich noch lange nicht verflüchtigt hatte, tief in sich einatmete. Er hätte sie stundenlang so einatmen können.

»Bin ich denn genug für dich?«, fragte sie schließlich. Es war eine Frage, die er schon so oft gehört hatte, und er beantwortete sie so wie immer.

»Ray, du bist alles, was ich mir je wünschen könnte.«

Drittes Kapitel

Am nächsten Morgen stand Grace um halb sechs auf und sah sich mit der vierjährigen Sable zweieinhalb geisttötende Stunden lang die Teletubbies, Bob der Baumeister und Thomas die Lokomotive an. Die Energie eines Kleinkinds, so früh am Morgen nach einer schlaflosen Nacht, sorgte dafür, dass sie sich weitaus älter als ihre fünfundfünfzig Jahre fühlte. Gordon lag natürlich noch im Bett. Aufzustehen und sich um die Kinder zu kümmern war Sache der Frauen. So war es für Grace schon immer gewesen – erst zuhause bei Mum und Dad, und dann später, als sie den Witwer mit den vier von ihm finanziell abhängigen Angehörigen heiratete: Laura, sechs, Paul, fünf, Sarah, drei, und Rose, vierundfünfzig. Es kam ihr seltsam vor, dass sie inzwischen selbst älter war als ihre Schwiegermutter, als diese starb. Rose war in ihren Augen immer eine richtig alte Frau gewesen.

Sarah kam um elf mit ihrem üblichen »Entschuldigt die Verspätung. Danke, dass sie über Nacht bleiben durfte. Ich weiß, es war in letzter Minute.«

»Ist schon gut, Liebes.« Gordon war inzwischen auf den Beinen, in seinen Gartenklamotten, das dichte, stahlgraue Haar noch nass von einer ausgiebigen Dusche.

»Ihr könntet wohl nicht noch eine Stunde oder so auf sie aufpassen?«, flötete Sarah mit ihrer besten, schmeichlerischen Kleinmädchenstimme. »Nur damit ich noch schnell zum Supermarkt kann?«

»Natürlich kann sie noch bleiben.« Gordons fröhliche Stimme übertönte alles, was Grace zu dem Thema vielleicht zu sagen gehabt hätte. Er gab Sable einen Stups unters Kinn. »Sie kann mit in den Garten kommen und ihrem Opa zusehen, wie er ein paar Pflanzen sät.«

»Draußen ist es viel zu kalt für sie.« Allein schon bei dem Gedanken wickelte sich Sarah etwas fester in ihren pelzbesetzten Umstandsmantel.

»Na ja, sie kann ja auch bei ihrer Oma im Haus bleiben«, sagte Gordon. Oma. Das Wort zerrte an Grace’ Nerven wie ein Fingernagel, der über eine Tafel gekratzt wurde. Nana war ihr lieber, und das wusste Gordon genau. Es war, als würde er das Wort absichtlich benutzen – eine chinesische Wasserfolter, schön langsam, Tropfen für Tropfen: »Du wirst alt sein.«

»In spätestens zwei Stunden bin ich zurück, versprochen«, strahlte Sarah, froh über diese Ausweitung ihrer Freiheit. »Allerhöchstens drei.«

Sie versuchte zu ignorieren, wie erschöpft ihre Mutter aussah, und konzentrierte sich stattdessen lieber auf die gut gelaunte Miene ihres Vaters. Gordon verschwand nach draußen in seinen Schrebergarten. Grace überlegte angestrengt, wie sie es unter einen Hut bringen sollte, die Wäsche zu erledigen, die Betten abzuziehen und nebenbei auch noch eine hyperaktive Sable zu unterhalten. Sie hatte selbst Einkäufe zu erledigen, aber sie war jetzt zu erschöpft dafür. Gordon ging so großzügig mit anderer Leute Zeit um.

Sarah kam nach dem Mittagessen wieder, als Sable eben eingeschlummert war. Und in genau dem Augenblick, als der Postbote zwei Kataloge für Campingplätze in Blegthorpe-on-Sea brachte.

Calums lautes, bierseliges Schnarchen weckte Dawn. Sie ging nach unten, um auf dem Sofa weiterzuschlafen, aber was sie an Stille gewann, das verlor sie an Bequemlichkeit. Das Sofa hatte seine besten Zeiten längst hinter sich, und sie hätten wirklich ein neues gebrauchen können, aber im Augenblick wurde jeder Groschen für die Hochzeit auf die Seite gelegt. Na ja, zumindest jeder ihrer Groschen. Wenigstens hatte Calum im Augenblick einen Job, und noch dazu einen, den er nicht gleich wieder hinschmiss – nicht dass er damit die dicke Kohle machte. Aber während sie selbst an allen Ecken und Enden sparte, steuerte Calum nur das bei, was aus seinem »Sozialfonds« übrig blieb. Wenn es noch lange so weiterging, würde sie für ihre Hochzeitsreise einen Kredit aufnehmen müssen, aber sie wollte das Märchen. Selbst wenn sie ihre Hochzeit bis an ihr Lebensende abbezahlen musste, sie wollte eine prunkvolle Hochzeit mit allem Drum und Dran. Sie wusste, dass es der Beginn einer Ehe war, die ihre Mum und ihr Dad sich für sie gewünscht hätten. Und später, wenn die Hochzeitsschulden abbezahlt waren, konnten sie anfangen, sich nach einem etwas besseren Haus als Calums Bruchbude umzusehen. Dawn war vor acht Monaten dort eingezogen, und sie hatte Calum noch immer nicht überreden können, irgendwelche Verbesserungen vorzunehmen. Noch immer hingen Kabel von der Decke, und zwischen kahlen Putzwänden standen Möbel, die aussahen, als seien sie von einem Sperrmüllcontainer gezerrt worden. Calum war fünf Jahre jünger als sie. Dawn sah darin eine gewisse Erklärung für seine etwas studentische Existenz.

Calum lag noch immer im Bett, als sie vor der Doppelhaushälfte ihrer künftigen Schwiegermutter, einem Sozialbau am anderen Ende der Stadt, vorfuhr. Sie drückte auf die Hupe ihres uralten, aber zum Glück verlässlichen Fiesta, und eine Minute später kam Muriel in ausgeleierten Leggings, einem schmuddelig aussehenden Fleecepullover und Flipflops den Weg hinuntergewatschelt. Nicht dass sich Dawn je schämen würde, mit ihr gesehen zu werden. Muriel war Muriel, und Dawn liebte sie über alles, so wie sie war.

»Morgen, Liebes.« Muriel begrüßte sie mit einem aufgeregten, zahnlückigen kleinen Grinsen. Bei den Crookes herrschten etwas raue Sitten, aber sie hatten Dawn in den Schoß der Familie aufgenommen, und das bedeutete Dawn sehr viel, da ihre eigenen Eltern vor sechzehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren und eine klaffende Lücke in ihrem Herzen hinterlassen hatten. Sie vermisste die beiden einfach so sehr. Sie wünschte, ihre Mum könnte jetzt neben ihr im Auto sitzen und ihr helfen, ihr Brautkleid auszusuchen. Aber danach kam Muriel Crooke gleich an zweiter Stelle.

Als Erstes fuhren sie zu »Alles bis auf die Braut« am Stadtrand, neben dem neuen Tesco-Supermarkt. Die abgeschmackte Schaufensterauslage war abscheulich und ein klarer Hinweis auf das, was im Ladeninneren auf sie wartete. Eine kopflose Schaufensterpuppe mit einem Sprung und ohne Brüste trug ein weißes Kleid, das eher die Farbe alter, grau werdender Unterwäsche hatte und besser zu einer Klopapier-Puppe aus den Siebzigerjahren gepasst hätte. Die dazugehörige Brautjungfern-Puppe hatte immerhin einen Kopf, wenn auch mit einem Gesicht, das irgendjemand mit einer sehr unsicheren Hand und ohne jedes künstlerische Talent gemalt haben musste: Es hatte den gequälten Ausdruck eines Kindes, dem jemand zum Spaß die Unterhose bis zur Brust hochgezogen hatte. Sie sah alles andere als glücklich aus in ihrem fliederfarbenen Satinkleid, das in der Sonne längst ausgeblichen war. Vergilbendes Konfetti lag verstreut zu ihren Füßen und sah aus wie Vogelkot.

Dawn betrat das Geschäft, aber sie wusste sofort, dass sie ihr Kleid hier nicht finden würde. Für Kunden war es ein enttäuschender Anblick. Die Auswahl war nicht sehr groß, da der Geschäftsinhaber die Brautkleider offenbar aus dem Sortiment nehmen und stattdessen Ballkleider hereinnehmen wollte. Abgesehen von der Farbe sahen alle Kleider gleich aus. Es war, als gäbe es nur einen einzigen Standardschnitt für alle – einen großen, ausladenden Rock und Puffärmel – mit leichten Abwandlungen am Ausschnitt oder an den Schleifen oder Pailletten. Sie blieben unbehelligt von der Verkäuferin, die mit einem Ohr am Telefon hing.

»… es kann gar nicht zu kurz sein, Sie waren doch dabei, als wir bei Ihnen Maß genommen haben. Ich habe Sie gefragt, ob Ihnen diese Länge recht sei, und Sie haben Ja gesagt. Na ja, Sie hätten eben die Schuhe tragen sollen, die Sie zu Ihrer Hochzeit tragen wollen. Wenn Sie in flachen Schuhen hierherkommen, um Maß nehmen zu lassen, und an Ihrem Hochzeitstag hohe Absätze tragen, wie kann das dann unsere Schuld sein?«

Dawn nahm an, dass die Goldsterne für Kundenfreundlichkeit in diesem Laden eher dünn gesät waren.

Muriel schnitt eine Grimasse, über die Dawn kichern musste. Sie schlüpften rasch aus dem Geschäft, und Dawn holte einmal tief Luft.

»Wenn ich die Kundin dort am Telefon gewesen wäre, dann hätte ich den Hörer einfach aufgeknallt, mir ein Taxi hierher genommen und dieser verdammten Frau ihre eingebildete Fratze eingeschlagen«, sagte Muriel.

Dawn musste so schallend lachen, dass sie es erst beim vierten Anlauf schaffte, die Wagentür zu öffnen. Sie wusste, dass Muriel den anderen erzählen würde, wie der Tag gelaufen war, mitsamt ihren witzigen Ausschmückungen. Sie hoffte, sie würde damit warten, bis Dawn dabei war, um es zu hören.

Sie fuhren durch Penistone und weiter zu ihrem zweiten Stopp, »Liebe und Ehe«, einem weitaus exklusiveren Geschäft an der Holmfirth Road. Die Schaufensterauslage war hinreißend: ein elfenbeinfarbenes Kleid über einem Drahtgestell, das eine übertrieben kurvenreiche Figur darstellte, umgeben von Handtaschen und Schuhen mit teuren Designernamen. Es war ein himmelweiter Unterschied zu dem Geschäft davor. Beängstigend weit, wenn man nach diesen Namen hier ging: Choo, Prada, Chloé, Louboutin …

Sie hatten kaum einen Fuß in das Geschäft gesetzt, als schon eine Verkäuferin auf sie zusteuerte und ihre Hilfe anbot.

»Wir sehen uns nur um, danke«, sagte Dawn.

»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«, hakte die Verkäuferin nach, während sie Muriel verstohlen von Kopf bis Fuß musterte. Es entging Muriel nicht, und sie kräuselte instinktiv die Lippe über den Zähnen.

»Ich weiß nicht.« Dawn wünschte, sie könnte einfach unbehelligt ein bisschen umherschlendern.

»Das hier ist doch ganz nett, Dawn.« Muriel nahm ein langes, cremefarbenes Kleid in die Hand. »Aber ich kann nirgends ein Preisschild sehen.«

»Neuntausend«, sagte die Verkäuferin patzig.

»Pfund?«, stöhnte Muriel. »Das soll wohl ein Witz sein?«

»Nein, es ist von Vladimir Darq. Es ist so billig, weil es gebraucht ist.«

Muriel klappte der Kiefer herunter. Von billig konnte bei dem Kleid nun wirklich keine Rede sein. Es verschlug ihr die Sprache bei der Vorstellung, dass jemand so viel Geld nur für ein Kleid hinblättern könnte.

»Er ist ein berühmter Designer«, sagte die Verkäuferin. »Sie haben doch sicher schon von ihm gehört?«

»So berühmt kann er ja nicht sein, wenn ich noch nie von ihm gehört habe!«, sagte Muriel naserümpfend. Es machte ihr Spaß, diese patzige Zicke auf die Palme zu bringen.

»Ich schon.« Dawn nickte. »Aber mir war nicht klar, dass er ein Brautkleid-Designer ist.«

»Er macht keine Hochzeitsgewänder mehr«, sagte die Verkäuferin. »Dieses Kleid stammt aus seiner allerletzten Kollektion … sehr gefragt.«

»Vor allem von Leuten mit mehr Geld als Verstand.« Muriel schnalzte einmal laut mit der Zunge.

»Ich suche eigentlich gar nichts so … Ausgefallenes«, sagte Dawn. Natürlich wusste die Verkäuferin, dass sie mit »ausgefallen« »teuer« meinte. Sie hatte nur einen Blick auf dieses Gespann werfen müssen, um zu wissen, dass die beiden unverrichteter Dinge wieder abziehen würden. Die Mutter, nahm sie an, dachte vermutlich, Vera Wang sei etwas, das es zu gebratenem Reis und Garnelencrackern gab.

»Unsere Preisklasse beginnt bei fünftausend für dieses Teil hier«, sagte die Verkäuferin und zeigte ihnen ein schlichtes weißes Satinkleid unter einer dicken Polyäthylenschicht.

»Oh.« Dawn tat aus Höflichkeit, als wäre sie entzückt von dem Kleid, aber alle Beteiligten wussten, dass sie hier mit Sicherheit nicht ins Geschäft kommen würden. Dawn nuschelte irgendetwas davon, »vielleicht erst einmal nachhause zu fahren und sich ein paar Zeitschriften anzusehen«, um das Geschäft wenigstens mit etwas Würde zu verlassen. Zwei Minuten später stieß sie einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als sie auf die Straße trat.

»Sie glaubt wohl, sie ist in Paris, nicht in unserem beschissenen Barnsley!« Muriel lachte noch auf der Türschwelle lauthals auf. »Zweiundzwanzig Pfund für eine Strumpfhose? Eine Strumpfhose, hast du das gesehen?«

Auf dem Weg zurück nach Barnsley über das kleine, malerische Dorf Maltstone bremste Dawn gegenüber der Kirche auf einmal scharf ab, sodass Muriel fast durch die Windschutzscheibe geschleudert wurde.

»Ich wusste gar nicht, dass es hier ein Brautmodengeschäft gibt, und du, Mu?«

»Woher sollte ich das wissen?«, schnaubte Muriel. »Ich habe keinen Grund, nach Maltstone zu fahren. Hier habe ich nichts verloren.« Muriel hatte mit Gartencentern und ländlichen Teestuben nicht viel am Hut.

Vor einem Geschäft mit einem Erkerfenster, in dem ein paar wunderschöne Brautkleider ausgestellt waren, fuhr Dawn rückwärts in eine Parklücke. Über der Tür hing ein Schild, auf dem in romantisch verschnörkelter Schrift schlicht »Weiße Hochzeit« stand.

Die Türklingel bimmelte leise, als Dawn und Muriel eintraten.

»Großer Gott, das ist ja die reinste Tardis!«, sagte Muriel etwas zu laut. Das schmale Geschäft schien sich nach hinten bis ins Unendliche zu erstrecken. Volle Kleiderständer säumten die Wände, und Vitrinen mit Brautkrönchen und Schuhen erstreckten sich vom Boden bis zu der niedrigen Decke. Dawns Mund öffnete sich zu einem entzückten, runden O. Das war schon besser!

Eine gertenschlanke, elegante Verkäuferin begrüßte sie mit einem breiten Lächeln. An ihrem schlichten, schwarzen, maßgeschneiderten Kleid trug sie ein Namensschild, auf dem »Freya« stand. Sie musste etwa in Muriels Alter sein, dachte Dawn, auch wenn sie mit ihrem hübsch frisierten Haar und den nicht abgekauten Fingernägeln bestimmt fünfzehn Jahre jünger aussah.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, fragte Freya Dawn höflich.

»Ich werde heiraten, und ich, äh … brauche ein Kleid dafür«, sagte Dawn verlegen.

»Na, dann sehen Sie sich ruhig um«, sagte Freya. »Lassen Sie mich nur sagen, beurteilen Sie ein Kleid nicht, bevor Sie es anprobiert haben. Sie würden sich wundern, wie viele Bräute nach einem ganz bestimmten Stil suchen, nur um dann festzustellen, dass er ihnen überhaupt nicht steht.«

»Danke.« Dawn fühlte sich sehr wohl in diesem Geschäft. Sie und Muriel sahen sich kurz um, aber Dawn begriff bald, dass sie vielleicht doch professionelle Hilfe benötigte.

»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, es sind einfach so viele«, sagte sie. Sie wollte nichts falsch machen, denn was, wenn sie hier ein Kleid fand, es kaufte und dann ein anderes entdeckte, das noch hübscher war? Dieser Gedanke hatte sie schon ein paarmal beunruhigt.

»Na ja, dann fangen wir doch am besten mit der Farbe an«, sagte die Verkäuferin. Sie musterte Dawns blasse, sommersprossige Haut und ihr schulterlanges, kupferfarbenes Haar. »Wenn Sie gestatten, würde ich Ihnen eher elfenbeinfarben als weiß empfehlen. Weiß ist nicht immer schmeichelhaft, vor allem nicht für Leute mit blasser Haut, so wie Sie. Größe 38, würde ich schätzen?«

»Stimmt genau«, erwiderte Dawn. Freya ging zu dem Ständer mit Größe 38, während Muriel Kleider in Größe 52 von den Bügeln nahm und sie sich anhielt.

»Werden Sie denn eine Sommer- oder eine Winterbraut sein?«, fragte Freya.

»Juni«, sagte Dawn.

»Ich könnte eigentlich auch eins anprobieren«, sagte Muriel. »Ich sollte Ronnie überreden, sein Ehegelübde zu erneuern. Schließlich bin ich jetzt so viel dünner als damals, als wir das erste Mal vor den Traualtar getreten sind.«

Freya zuckte nicht mit der Wimper, obwohl Muriel jetzt über hundertfünfzig Kilo auf die Waage brachte.

»Wir werden eine Doppelhochzeit feiern«, lachte Dawn.

Freya zog ein langes, wallendes Kleid hervor und schüttelte es glatt.

»Das hier ist aus Seide, elfenbeinfarben, wie Sie sehen, hinten mit einer Schleife, und das Oberteil ist vorn mit Perlen besetzt. Sehr schmeichelhaft für Damen mit eher kleiner Oberweite.«

»Also nichts für mich«, schnaubte Muriel und lachte so schallend auf, dass ihre üppigen, notdürftig eingeschnürten Brüste wogten wie zwei riesige Baiserhauben. Der BH, der Muriels Brüste ohne ein Industriegerüst in Schach halten konnte, musste erst noch erfunden werden.

»Es ist wunderschön«, sagte Dawn, aber sie schüttelte den Kopf. »Aber es springt mir nicht wirklich ins Auge.«

»Okay.« Freya zog die Plastikschutzhülle rasch wieder darüber. »Wie wär’s denn mit dem hier?« Sie zeigte ihr etwas Fließendes mit Rüschen.

»Oooh«, kreischte Muriel.

»Zu ausgefallen«, sagte Dawn leise. »Entschuldigung, aber das bin nun wirklich nicht ich!«

»Oh, Sie müssen sich doch nicht entschuldigen«, sagte Freya. »Wenn wir erst einmal wissen, was Sie nicht wollen, finden wir am schnellsten heraus, was Sie wollen. Okay, weniger Rüschen … Augenblick.«

Sie zog ein sehr schlichtes Satinteil hervor.

»Ach, das ist jetzt etwas zu einfach. Gott, mir kann man es aber auch wirklich nicht recht machen, oder?« Dawn rechnete halb damit, dass Freya so entnervt aufseufzen würde, wie es Calums Schwester Demi ständig tat.

»Keine Sorge«, sagte Freya stattdessen. »Ich hatte hier schon Bräute, die zu vierzig Kleidern Nein gesagt haben!«

»Was kostet das hier denn?« Muriel hielt ein weißes Satinkleid hoch. Es war genug Stoff, um ein Segel für eine Milliardärsjacht daraus zu nähen.

»Das kostet dreitausend Pfund«, sagte Freya.

»Großer Gott, das sind ja wirklich keine Schnäppchen, was?« Muriel hängte es zurück an den Ständer, und das nicht allzu ordentlich. Aber falls Freya es missbilligte, ließ sie es sich nicht anmerken.

»Und was ist mit dem hier?«

»Der Ausschnitt ist zu hoch.« Dawn schüttelte den Kopf. »Aber das hier ist hinreißend.« Sie deutete auf ein modisches weißes Teil mit einem ausladenden Rock. Freya schien nicht überzeugt, dass Dawn und dieses Kleid gut zueinander passten, aber sie hängte es ihr trotzdem in die Umkleidekabine. Ein paar Minuten später kam Dawn in dem Kleid wieder zum Vorschein.

»O verdammt, wo ist dein Schaf, Bo Peep?«, schnaubte Muriel verächtlich.

Dawn ertrank fast in dem Kleid, und es stimmte, neben dem weißen Stoff erinnerte ihre Hautfarbe an ungekochte Nudeln. Freya nickte auf eine »Ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt«-Art, aber trotzdem freundlich. Sie hielt ein Kleid hoch, bei dessen Anblick Dawns Augen glänzten.

»Das hier ist aus unserer Vintage-Kollektion«, erklärte Freya. »Es ist ein ganz besonderes Kleid.«

Es war lang und fließend, mit einem wunderschönen Rundausschnitt, der mit pfirsichfarbenen Rosenknospen verziert war, einem langen Rock und Dreiviertelärmeln aus unglaublich glatter, elfenbeinfarbener Seide. Dawn streckte die Hände begehrlich nach dem Kleiderbügel aus. Sie zog den Vorhang der Umkleidekabine zu, und als sie ihn wieder aufzog und in dem Kleid zum Vorschein kam, stöhnten Muriel und Freya entzückt auf.

»Umwerfend«, sagte Freya. Das Kleid stand der großen, schlanken Frau einfach fantastisch. Der elfenbeinfarbene Ton verlieh ihrer blassen Haut ein bisschen Farbe, ihr Hals schien ein paar Zentimeter länger zu sein, und das Oberteil, das wie angegossen saß, deutete Kurven an, wo nur wenige waren.

»Oh. Mein. Gott. Das ist es, ich weiß es einfach.« Dawn brach fast in Tränen aus, während sie sich vorstellte, wie sich das Kleid hinter ihr bauschte und auf dem Weg zum Traualtar über den Boden streifte. »Wissen Sie denn irgendetwas über die ursprüngliche Besitzerin? War sie glücklich?« Sie wollte kein Kleid mit negativen Schwingungen zwischen den Fäden.

»Sehr glücklich«, sagte Freya, bevor sie hinzufügte: »Letztendlich.«

»Na ja, war doch klar, dass Sie das sagen«, warf Muriel ein. Aber Dawn wollte Freya dennoch glauben. Sie war geködert.

»Schön ist es ja«, sagte Muriel. »Aber was soll es kosten?«

»Fünfzehnhundert Pfund. Alle Änderungen sind umsonst, und die werden Sie vermutlich auch brauchen, auch wenn es im Moment fast wie angegossen sitzt. Aber die meisten Bräute nehmen vor der Hochzeit noch ab und müssen ihr Kleid enger machen lassen, wenn der Termin näher rückt.«

»Fünfzehnhundert Pfund – für ein gebrauchtes Kleid!« Muriel lachte freudlos auf.

»Es ist eben etwas ganz Besonderes.« Freya lächelte wieder. »Es sieht aus, als ob es nur für Sie gemacht worden wäre.«

Dawn schluckte. Das Kleid überstieg ihr Budget, aber sie wusste, dass verglichen damit alles andere nur zweite Wahl sein würde. Sie konnte sich bei anderen Dingen einschränken, aber nicht bei dem Kleid. Sie würde um das Wunder einer Gehaltserhöhung oder einen Hauptgewinn beten. Sie würde diese Woche anfangen, beim Lotto ein paar Zahlen mehr zu tippen.

»Egal – ich nehme es«, hörte sie sich sagen.

Eine Stunde später hatte Dawn noch einmal zweihundertfünfzig Pfund für Schuhe, einen mittellangen, elfenbeinfarbenen Schleier, ein Brautkrönchen und ein Paar passende Ohrringe ausgegeben. Sie belastete ihre Visacard mit dem Betrag und versuchte, sich ihre Freude nicht von Geldsorgen verderben zu lassen.

»Sieh dir den hier an«, sagte Gordon. »Er hat acht Schlafkojen.«

Grace kam pflichtschuldig von der Küchenspüle herüber und spähte über Gordons Schulter auf den Katalog. Dann machte sie sich wieder an die Arbeit, die Töpfe vom Sonntagabendessen zu schrubben, die eindeutig interessanter waren.

»Jede Menge Platz für unsere Sarah und Hugo und Sable und das Baby, wenn es kommt, und für unsere Laura und Joe.«

Und für Paul, fügte Grace im Stillen hinzu, aber es hätte nicht viel genützt, es laut auszusprechen. Gordon verstand es zu gut, einfach zu ignorieren, was er nicht hören wollte. Paul war für seinen Vater so gut wie tot.

»Er hat eine Zentralheizung und eine eingebaute Waschmaschine und Spülmaschine.« Er sah Grace an, die mit dem Geschirrtuch in der Hand dastand. »Er hat mehr, als wir hier haben. Es wäre einfach ideal für uns, wenn du in Rente gingest. Du hast dir eine lange Ruhepause mehr als verdient.«

»Ich bin erst fünfundfünfzig, Gordon.«

»Erst?«, schnaubte er. »Du wirst mit jedem Tag älter. Bei der nächsten Frühpensionierungsrunde musst du doch dabei sein. Ich verstehe nicht, wieso sie dich nicht schon längst gefragt haben. Sie haben in deinem Laden doch schon jede Menge Leute in Rente geschickt!«

Grace zuckte die Schultern, aber sie sagte nichts weiter. Wenn Gordon einen Zauberstab gehabt hätte, dann hätte er ihn vermutlich benutzt, um sie altern zu lassen, damit er sie, in ein hübsches Schultertuch gewickelt, in einem Badestuhl betrachten konnte.

»Ich weiß nicht, alle anderen in deinem Alter würden sich darauf freuen, endlich einen Gang zurückzuschalten. Kannst du dir das denn gar nicht vorstellen – lange Sommer und Strandspaziergänge? In der Broschüre steht, dass es vor Ort sogar einen Gesellschaftsclub gibt, und nach Skegness, Mablethorpe und Ingoldmells ist es nur ein Katzensprung.«

»Gordon, würdest du nicht lieber ab und zu für vierzehn Tage in die Sonne fliegen? Italien, Spanien, Frankreich?«

»Ach, dieses ganze Reisen ist nichts für mich.«

»Nach Spanien sind es nur zwei Stunden. Mit dem Auto nach Blegthorpe dauert es fast genauso lange.«

Jetzt änderte Gordon seine Strategie. »Ach, diese ganze Hitze ist nichts für mich.«

»Wir müssen ja nicht im August fahren!«

»Außerdem könnten wir die Enkel nicht mit ins Ausland nehmen. Das würde unsere Sarah niemals zulassen.«

Das bezweifelte Grace. Babysitterdienste würde Sarah niemals ausschlagen. Grace hatte nichts dagegen, ihrer Tochter hin und wieder auszuhelfen, schließlich war Sable ihre Enkelin, und sie liebte sie über alles. Aber Sarah ging einfach davon aus, dass ihre Mutter, wenn sie nicht auf der Arbeit war, ihr rund um die Uhr zur Verfügung stehen sollte. Sarah war noch jemand, der Grace unter Druck setzte, sich frühpensionieren zu lassen, damit sie als festes Kindermädchen bei ihr anfangen und Sarah sich wieder in die Arbeit flüchten konnte.

»Wir sollten mal übers Wochenende hinfahren und uns ein paar davon mit eigenen Augen ansehen«, schlug Gordon vor, während er die Seiten von »Clark’s Wohnwagen«-Broschüre durchblätterte.

»Gordon, wir haben das alles doch schon mal durchgekaut, und ich will da wirklich nicht hin.« Ausnahmsweise einmal blieb Grace standhaft. Sie wusste gar nicht mehr, wie oft sie diesen Wortwechsel schon geführt hatten, und wie üblich ging Gordon überhaupt nicht auf ihren Standpunkt ein.

»Woher willst du denn wissen, was dir gefällt, wenn du’s dir nicht mal angesehen hast?« Das musste ausgerechnet er sagen! Gordon wäre vermutlich spontan verbrannt, wenn er sich je aus seiner winzig kleinen Komfortzone herausgewagt hätte. »Es wird einfach wundervoll sein, unseren eigenen Wohnwagen zu haben, anstatt den anderer Leute mieten zu müssen, du wirst schon sehen«, sagte er, denn Gordon Beamish wusste immer alles am besten.

Viertes Kapitel

Christie Somers überprüfte ihr Aussehen in dem riesigen Dielenspiegel, strich das rote Kostüm über der Hüfte glatt und wandte sich dann mit einer schwungvollen Bewegung um.

»Niki, geht das so? Was meinst du? Oder ist das zu bunt?«

»Wann trägst du denn je keine Grundfarben?«, fragte ihr Bruder und schüttelte gespielt entnervt den Kopf. »Sag bloß nicht, du bist nervös und willst dich in einem schwarzen Kostüm verstecken?«

»Ich habe gar nichts Schwarzes zum Anziehen – ein Glück, dass dieser Kommentar ein Witz ist«, sagte Christie. Sie schniefte gut gelaunt. »Du weißt doch, schwache Nerven kenne ich nicht.«

»Ja, das weiß ich, und ich weiß auch, dass du die einzige Frau auf der Welt sein musst, die nichts Schwarzes zum Anziehen hat.« Niki grinste seine kleine Schwester an.

»Schon möglich. Aber in meiner neuen Abteilung arbeiten lauter Frauen, und ich will nicht, dass sie einen Schreck kriegen und denken, ich bin ein Monster im Powerkostüm.«

»Nur weil du dich immer so wunderschön kleidest, bist du noch lange kein Monster. Auch wenn du tatsächlich eines bist.« Niki beugte sich hinunter, um sie auf den Kopf zu küssen. Sie war völlig anders gebaut als er, klein und kurvenreich, während er groß und schlaksig war, aber ihr breites Lächeln, die ernsten Wangenknochen und die hellblauen Augen verrieten sofort, dass sie Geschwister waren.

»Es wird komisch sein, nach so langer Zeit wieder zu arbeiten.« Christie warf noch einmal einen Blick in den Spiegel. Vielleicht war Scharlachrot doch ein bisschen aggressiv für einen ersten Auftritt.

»James weiß schon, was er tut«, sagte Niki. »Er hätte dir den Job bestimmt nicht angeboten, wenn er glauben würde, dass du nicht das Zeug dazu hast. Er ist in erster Linie Geschäftsmann, und erst in zweiter ein leichtes Opfer. Du bist auf Draht, du wirst das schon schaukeln, und es wird dir guttun. Du warst lange Zeit im Winterschlaf, hast dich vor der Welt verkrochen. Ich habe völliges Vertrauen in dich, und was noch wichtiger ist, James hat völliges Vertrauen in dich.«

»Danke, Niki.« Christie sah ihren Bruder liebevoll an.

»Keine Ursache, Schwesterherz.« Niki hob kurz den Arm zum Gruß, als er zur Haustür hinausging.

»Okay«, sagte Christie zu ihrem Spiegelbild. Sie klatschte in die Hände und schnappte sich ihre biestige rote Handtasche. »Fangen wir so an, wie wir weitermachen wollen.«

Fünftes Kapitel

Nach dem Wochenende war Grace die Erste, die wieder in die Abteilung kam. Sie sah, dass die Feen vom Wartungsdienst am Werk gewesen waren. Ein dicker neuer Teppich war verlegt worden, und ein riesiger Mahagoni-Chefschreibtisch hatte die Standard-Büroausführungen ersetzt, an denen Malcolm und Brian gearbeitet hatten. An der Wand hing jetzt eine weiße Kunststofftafel, und Kartons mit Büroutensilien und, wie es aussah, Mustern für Werbegeschenke türmten sich in einer Ecke. Ein leicht künstlerisch angehauchter schmiedeeiserner Garderoben- und Schirmständer war ebenfalls neu. Mr. McAskill war nicht dafür bekannt, dass er sein Geld für irgendwelchen Firlefanz zum Fenster hinauswarf, das hieß, die Gerüchteküche würde durch diese Anschaffungen kräftig angeheizt werden.

Kaum hatte sich Grace an ihren Platz gesetzt und ihren Computer eingeschaltet, kam Dawn herein.

»Hi«, sagte sie fröhlich. »Der Parkplatz ist heute Morgen ganz schön voll, was?«

»Allerdings«, sagte Grace. Sie waren noch immer in der höflich-freundlichen Phase, in der sie nur so oberflächlich Smalltalk machten, wie sie es beim Friseur tun würden. Schönes Wochenende gehabt? Tolles Wetter heute!

»Neuer Teppich? Das ist ja die reinste Hüpfburg, was?« Dawn sprang auf dem Teppich auf und ab, während sie sich neidvoll wünschte, die Teppiche in Calums Haus könnten auch nur halbwegs so dick und neu sein – und ohne Brandlöcher von Zigaretten und Flecken von verschüttetem Bier.

»Ja, der ist neu«, sagte Grace, während sie auch noch eine unbekannte Uhr an der Wand entdeckte. »Und offenbar nicht das Einzige, was seit Freitag hier angeliefert wurde.«

»Morgen allerseits.« Raychel kam schüchtern zur Tür herein, dicht gefolgt von Anna mit ihrem kastanienbraunen Haar, die die anderen noch leiser begrüßte, ebenso gebannt von all den Veränderungen in der Abteilung. Sie schienen alle ein bisschen nervös an diesem Morgen. Sie hatten sich bislang kaum kennen gelernt, und jetzt würde selbst diese schwache Dynamik einem mächtigen Einfluss unterworfen werden. Es war wie am ersten Tag in einer neuen Schulklasse, in der alle darauf warten, dass die Lehrerin kommt und das Kommando übernimmt.

Über eine halbe Stunde später, um Punkt neun Uhr, brach ein Schwall von Aufregung wie eine Zuschauerwelle über sie herein. Die hochgewachsene Gestalt von James McAskill erschien am anderen Ende des Büros, neben einer Frau in einem leuchtend roten Kostüm, mit roten Schuhen und dazu passender Handtasche. Dass er sich persönlich die Ehre gab, war schon ungewöhnlich genug, aber dass er auch noch lächelte, während er mit dieser Frau redete, als sei sie eine alte Freundin, das war absolut außergewöhnlich. Der Status der neuen Backwaren-Chefin schnellte sofort ein paar Stufen höher. Grace bemerkte, dass Malcolm, der in seiner Abteilung weiter unten in dem langen Großraumbüro saß, äußerst interessiert zu ihnen herüberäugte.

»Meine Damen«, sagte Mr. McAskill, »darf ich Ihnen Mrs. Christie Somers vorstellen. Christie, darf ich Ihnen die Damen meiner Backwaren-Abteilung vorstellen. Das hier sind Grace« – er wies mit einer Handbewegung auf eine nach der anderen – »Dawn, Anna und Raychel.«

»Hallo, Mädels«, sagte Christie in einem gedehnten, selbstbewussten Ton, der rauchig von Zigaretten war. Von den Kleidern bis zur Stimme hatte diese Frau nichts Stilles an sich.

»Ich habe Christie eben durch unser Haus geführt, und stellen Sie sich vor, ich habe mich glatt verlaufen.« James McAskill sah sie alle mit einem strahlenden Lächeln an. Mr. McAskill lächelte eigentlich nie, obwohl er Multimillionär, Geschäftsführer und mehrheitlicher Anteilseigner der Minisupermarktkette White Rose Stores war, die sein Großvater einst gegründet und er selbst inzwischen zu ungeahntem Erfolg geführt hatte. Die Kette war nicht nur eine nationale Institution, sondern es gab seit Kurzem auch internationale Niederlassungen, vor allem in Gegenden Europas, in denen viele ausgewanderte Engländer lebten, mit viel versprechenden Ergebnissen. So mancher Wirtschaftskolumnist bezeichnete James gerne als »McMidas«.

»Ich werde mich hier sicher schnell zurechtfinden«, sagte Christie Somers. Sie erinnerte Grace an ihre alte Hockeylehrerin mit ihrer selbstbewussten Sprechweise und dieser Stimme, die heiser vom Rauchen war.

»Na, dann gewöhnen Sie sich hier erst mal ein, meine Liebe«, sagte Mr. McAskill. Hätten sich die anderen Frauen besser gekannt, dann hätten sie an diesem Punkt verstohlene Blicke getauscht. Meine Liebe? Sie konnten sehen, wie Leute aus anderen Abteilungen die Hälse reckten. Malcolms Hals schien sich fast von seinem Rückgrat zu lösen.

»Und dieser schicke Schreibtisch hier ist für mich, ja?«, fragte Christie, nachdem James McAskill sie allein gelassen hatte, damit sie sich mit ihrem neuen Team vertraut machen konnte. »Der hier?« Sie zeigte auf den geschwungenen Schreibtisch hinter dem Wandschirm.

»Ja, das ist Ihrer«, sagte Grace mit einem freundlichen Lächeln.

»Dieser Wandschirm muss aber verschwinden«, sagte Christie. »Man kann ja gar nicht sehen, was hinter diesem Teil vor sich geht!«

Malcolm hatte auf dem Wandschirm bestanden, als er hier anfing. Damit er Spiele im Internet spielen und Krimis lesen konnte, ohne dass jemand sah, wie er sich vor der Arbeit drückte.

»Ich rufe Ihnen den Wartungsdienst, ja?«, bot Grace an.

»Nein, nein, zeigen Sie mir nur, wo das Telefonverzeichnis ist, dann werde ich mich selbst darum kümmern«, sagte Christie. »Ich war schon immer der festen Überzeugung, dass man am besten gleich ins kalte Wasser springt!«

Gott, sie war so anders als Malcolm, dachte Grace. Malcolm hätte sich von den Mädchen hier den Arsch abwischen lassen, wenn man ihm das hätte durchgehen lassen.

»Aber eins nach dem anderen. Jetzt gehen wir alle erst mal einen Kaffee trinken, um uns ein bisschen kennen zu lernen«, sagte Christie. »Ich glaube, an den Weg zur Kantine kann ich mich noch so ungefähr erinnern.«

»Wie, jetzt?«, fragte Dawn.

»Aber ja.«

»Wir alle?«

»Aber ja.«

»Wie – und die Telefone allein lassen?«, fragte Grace. Eine Todsünde. Malcolm hätte sie alle für weitaus weniger hinrichten lassen.

»Ich bin sicher, für eine halbe Stunde können wir sie dem Anrufbeantworter überlassen. Kommt schon, ich muss euch alle erst mal richtig kennen lernen, und dafür brauchen wir Kaffee und Kekse.« Christie marschierte los in Richtung Treppe, gefolgt von den anderen, die hinter ihr herwatschelten wie junge Entlein hinter ihrer Mama.

Zwanzig Minuten später saßen die fünf Frauen bei ihrem Kaffee in der Kantine. Fünf Frauen, die zusammenarbeiteten, konnten eine Katastrophe oder ein Glücksfall sein. Christie war fest entschlossen, dass es nicht Ersteres sein sollte, und dafür musste sie die Persönlichkeiten, mit denen sie es hier zu tun hatte, erst einmal kennen lernen.

James McAskill hatte zu Christie gesagt, er sei sicher, inzwischen die ideale Mischung in seiner Abteilung zu haben. Er hatte es nicht darauf angelegt, keine Männer in die Abteilung zu holen, es hatte sich einfach so ergeben. Aber trotzdem, dachte Christie, hätte er keine buntere Auswahl von Frauen finden können, selbst wenn er es versucht hätte. Die älteste, Grace, war fünfundfünfzig, und ihr Name passte sehr gut zu ihr. Sie hatte entzückendes weißblondes Haar, das in einem sanften, silbrigen Bogen ihre Kieferpartie umrahmte. Sie war offenbar sehr interessiert an ihrer neuen Position gewesen, hatte dafür sogar das Angebot einer Frühpensionierung ausgeschlagen. Sie sah zu vornehm aus, um in einem Büro zu arbeiten, mit ihrer stillen, klassischen Art, fand Christie . Christie konnte sich Grace besser als Geschäftsführerin eines altmodischen, exklusiven Bekleidungsgeschäfts vorstellen als hinter einem Schreibtisch. Dann war da Anna, neununddreißig, still und ohne ein Lächeln, die sich hinter ihren beiden Vorhängen aus kastanienbraunem Haar versteckte, in denen hier und da eine silberne Strähne hervorschaute. Sie spielte ständig mit einem kleinen, diamantbesetzten Ring an ihrem Ringfinger, und in ihren Augen lag ein matter Ausdruck, als hätte sie schon seit einer ganzen Weile nicht mehr sehr gut geschlafen. Dann war da Dawn, dreiunddreißig, eine junge Frau mit einem sommersprossigen Gesicht, die nach außen hin lächelte, aber mit zu vielen Sorgen hinter diesen großen, toffeefarbenen Augen. Und zu guter Letzt war da das »Baby« Raychel, achtundzwanzig – ein schönes Mädchen mit sanften grauen Augen und schwarzen Zigeunerlocken, die, so Christies Verdacht, ihr Licht völlig unter den Scheffel stellte. Sie bezweifelte, dass sie sich in den Frauen täuschte, das tat sie selten. Sie schüttelte den Kopf, entnervt von sich selbst. Sie hatte die Psychologen-Gene ihres Vaters geerbt und musste immer alle Leute analysieren. Es konnte eine ärgerliche Angewohnheit sein.

»James hat große Pläne mit der Backwaren-Abteilung, wusstet ihr das schon?« Christie lächelte, vor allem in Grace’ Richtung, die ihre Stellvertreterin sein würde. »Er will sein Flaggschiff, das Vorschlagswesen, hier bei uns vom Stapel lassen. Wir werden dafür zuständig sein, sämtliche Ideen zum Thema Backwaren, die von anderen Kollegen kommen, zu verwalten. Und wenn das gut läuft, will er das Programm auf andere Abteilungen ausweiten.«

»Das sind ja gute Neuigkeiten«, sagte Grace. Damit war ihr Job noch ein bisschen länger gesichert. Niemand hatte sich mehr gewundert als sie selbst, als ihr der Posten der stellvertretenden Abteilungsleiterin angeboten worden war. Sie wusste, dass James McAskill gern von Chancengleichheit zwischen männlichen und weiblichen, älteren und jüngeren Mitarbeitern redete, aber aus erster Hand zu erfahren, dass er tatsächlich praktizierte, was er predigte, war dennoch sehr wohltuend gewesen.

»Wie war der letzte Boss denn so?«, erkundigte sich Christie mit einem leichten Augenzwinkern.

»Brian? Sehr netter Mann«, erwiderte Grace.

»Brian, der war schon in Ordnung«, fügte Dawn hinzu. »Aber ich glaube, gegen Ende hatte er allmählich die Schnauze voll. Da hat er die Leitung dann schon hauptsächlich Malcolm überlassen.« Sie schauderte unwillkürlich, als sie seinen Namen aussprach, was Christie nicht entging.

»Malcolm Spatchcock, richtig?«, fragte Christie. James hatte sie vor ihm gewarnt. James war für Klatsch und Tratsch eigentlich nicht zu haben, er hasste es sogar, aber er hatte sich gedacht, er sollte sie fairerweise warnen, dass Malcolm nicht allzu glücklich über seine Zwangsversetzung zum Käse war, auch wenn es eine Beförderung gewesen war. Christie hatte aus diesem Gespräch herausgehört, dass Malcolm Spatchcock nicht unbedingt zu James’ Lieblingen zählte, auch wenn er das niemals zugegeben hätte, nicht einmal vor ihr. Aber Christie Somers machte sich gern selbst ein Bild von anderen Leuten. Die Dynamik zwischen bestimmten Personen war so unterschiedlich wie die Beziehungen, die sich daraus ergaben. Vielleicht würde sie ja sogar feststellen, dass sie und Malcolm sich auf Anhieb glänzend verstanden.

»Er wird Production Operator beim Käse«, bemerkte Dawn trocken, bevor sie fast lautlos hinzufügte: »Passenderweise.« Sie fand schon immer, dass Malcolm ein leicht ranziger Geruch von Cheddar anhaftete – vermutlich bildete sie es sich nur ein. Aber vielleicht lag es ja auch an seinen abgeschmackten Flirtversuchen.

Raychel prustete leise, als sie versuchte, ein Kichern zu unterdrücken.

Anna sagte nichts und nickte nur beipflichtend. In den Monaten, in denen sie zusammenarbeiteten, hatte sie noch nie viel gesagt. Sie war ein Arbeitstier, keine Quasselstrippe, hatten die anderen entschieden.

»Ich freue mich so, euch alle kennen zu lernen und bei einem Kaffee das Eis ein bisschen zu brechen.« Christie lächelte alle Frauen der Reihe nach an. »Ich möchte gerne ein nettes, fröhliches Schiff steuern. Wir verbringen viel Zeit an Bord mit der Arbeit, daher ist schlechte Stimmung hier das Letzte, was ich will.« Sie stand auf, und die anderen taten es ihr gleich. Auf einmal grinste sie schelmisch. »Production Operator – lautet die Abkürzung dafür nicht P. O.? Was für ein Pech, als Käse-P. O. bekannt zu sein.«

Sechstes Kapitel

Niki war dabei, Karotten in Streifen zu schneiden, als Christie an diesem Abend nachhause kam.

»Lachssteaks und gemischtes Gemüse zum Abendessen«, sagte Niki. »Ich dachte mir, wir lassen es ein bisschen krachen, wo du heute doch deinen ersten Tag hattest.«

»Wunderbar!« Christie schlüpfte aus ihren Schuhen und wackelte mit den Zehen.

»Und?«, hakte Niki nach. »Wie war’s?«

»Wunderbar!«, sagte Christie noch einmal. »Die Frauen, mit denen ich zusammenarbeite, sind alle unglaublich nett, und ich denke, es wird mir dort sehr gut gefallen.«

»Na super!« Niki schenkte ihnen zwei Gläser spritzigen, kalten Sauvignon Blanc ein und gab dann einen kräftigen Schuss davon in seine Saucenmischung. »Und wie war James?«

»James war James«, nickte Christie. »Süß wie immer, aber es ist schon sehr komisch, ihn auf einmal mit den Augen anderer Leute zu sehen. Ich habe den Eindruck, dass alle ein bisschen Angst vor ihm haben. Respekt haben sie auf jeden Fall vor ihm.«

»Na ja, er ist ja auch ein eindrucksvoller Mann«, sagte Niki. »Schließlich hält er über zweitausend Leute in Lohn und Brot, oder?«

»Oh, noch viel mehr, Niki. Inzwischen arbeiten allein in der Unternehmenszentrale über zweieinhalbtausend Leute!« Christie nahm einen kräftigen Schluck Wein und seufzte zufrieden auf.

»Und ich möchte wetten, demnächst wird er auch noch von der Queen geadelt werden«, sagte Niki.

»Ich glaube, alle fragen sich, welcher Art meine Verbindung zu ihm ist«, grinste Christie.

»Sollen sie doch«, antwortete Niki. »Jedenfalls, gibt’s da vielleicht irgendwelche Mädchen, die attraktiv genug für mich sind?«

»Sie sind alle sehr attraktiv.« Christie schenkte sich noch etwas Wein nach. Niki hatte seinen noch nicht einmal angerührt. »Und sie sind alle entweder verheiratet oder verlobt – kein freier Ringfinger in Sicht, tut mir leid.«

»Verdammt!«, tat Niki frustriert.

»Raychel und Dawn sind sowieso viel zu jung für einen alten Sack wie dich. Anna wäre vermutlich nicht dein Typ. Und Grace ist ungefähr fünf Jahre älter als du, aber eine umwerfende Frau. Ihr wärt ein schönes Paar.« Christie lächelte verschmitzt.

»Na toll«, sagte Niki. »Dann werde ich eben warten, bis ihre Scheidung durch ist.« Er warf die Lachssteaks auf den Grill. »Wenn du dich noch umziehen willst, dann hast du jetzt fünf Minuten Zeit dafür. Lachs lasse ich weder für dich noch für irgendjemand sonst anbrennen.«

Christie lachte und steuerte rasch auf die Treppe zu.

»Bin in vier Minuten wieder da!«

Siebtes Kapitel

Keine von ihnen erwähnte es, aber alle vier Frauen spürten den Umschwung in der Atmosphäre, als sie am nächsten Tag in die Abteilung kamen. Es war, als hätte irgendjemand die Luft gefiltert und gegen leichtere und frischere ausgetauscht. Christie saß an ihrem Schreibtisch und begrüßte sie alle mit einem herzlichen »guten Morgen«. Brian hätte vielleicht noch lächelnd Hallo gesagt, aber Malcolm hatte im Allgemeinen schon Erledigungslisten ausgeteilt, bevor sie auch nur ihre Mäntel abgelegt hatten.

Im Laufe der nächsten Tage wurde Christie etlichen Leuten vorgestellt. Ihr war durchaus bewusst, dass viele der Abteilungsleiter gern mehr über ihre persönliche Verbindung zu James McAskill erfahren wollten. Aber sie wussten auch, dass er nicht auf den Kopf gefallen war und niemanden in die Firma geholt hätte, um eine so begehrte Abteilung zu leiten, der nicht hoch qualifiziert war. Und jeder, der mehr als ein paar Worte mit Christie Somers wechselte, begriff sehr rasch, dass ihr in Sachen Einzelhandel so schnell niemand etwas vormachte.

Christie selbst war gleichermaßen beeindruckt von ihrem Team. James hatte bei der Auswahl seiner Mitarbeiterinnen ganze Arbeit geleistet. Sie hatten gute Telefonmanieren und arbeiteten sehr effizient. Dawn verwaltete Christies Terminkalender und war offensichtlich ein geborenes Organisationstalent. Es ließ ihr nur keine Ruhe, dass all diese Frauen offenbar kaum Kontakt zueinander hatten.

Nach ihrem vierten Tag redete sie mit Niki darüber.

»Könnte am Alter liegen«, überlegte er.

»Nein, das ist es nicht.« Christie schüttelte den Kopf. »Es ist, als ob sie alle Inseln wären.«

»Inseln?«, lachte Niki. »Was in aller Welt soll das denn heißen?«

»Ich meine, ich meine …« Christie versuchte angestrengt, es ihm zu erklären. »Sie haben praktisch keinen Kontakt zueinander. Wenn man bedenkt, wie lange sie schon zusammenarbeiten.«

»Aber das ist nichts Ungewöhnliches«, sagte Niki. »Weißt du noch diese Zahnarzthelferin, die ich vor ein paar Jahren hatte – ich komme jetzt nicht auf den verdammten Namen. Das war doch genau dasselbe. Sie hat drei Jahre für mich gearbeitet, und keiner von uns wusste, dass sie nach dem ersten Jahr geheiratet hatte, bis sie uns sagte, ihr Name habe sich geändert. Julie fiel auf, dass sie schwanger war, bevor sie auch nur ein Wort darüber verlor. Im fünften Monat schwanger, und sie hat einfach zu niemandem etwas gesagt.«

»Ja, ich kann mich erinnern«, sagte Christie, »aber sie war eben ein kalter Fisch. Meine Damen sind nicht so, sie sind sehr freundlich. Ich erwarte von ihnen ja nicht, dass sie Arm in Arm zum Kaffeeautomaten gehen, aber man würde doch meinen, dass sie sich … ein bisschen mehr austauschen. Das ist doch unnatürlich – vor allem für Frauen.«

»Christie, Christie, Christie«, seufzte Niki geduldig. »Vielleicht wollen sie es einfach so. Nicht jeder sieht die Arbeit als geselliges Beisammensein an.«

»Stimmt«, räumte Christie ein. Aber sie fragte sich trotzdem, was im Leben dieser Frauen los war, dass sie alle so verschlossen waren.

Malcolm wartete bis zum Ende der Woche, bevor er zu Christies Schreibtisch hinüberstolzierte, eine Hand auf den Wandschirm legte – den der Wartungsdienst in der nächsten Stunde abbauen würde – und sich vorstellte. Er hatte beobachtet, wie McAskill sie hereingeführt hatte, und er war nicht auf den Kopf gefallen. Er wusste, dass Christie Somers eindeutig jemand Wichtiges war. Jemand, den er auf seiner Seite haben sollte.

»Ich freue mich, Sie kennen zu lernen«, lächelte er und ließ den Blick rasch über ihre vollbusige Figur gleiten – unbemerkt von ihr, so glaubte er zumindest. Er streckte selbstbewusst die Hand aus. »Malcolm Spatchcock, wie der Jagdvogel.«

»Christie«, gab sie zurück. »Wie der Serienkiller.«

Er lachte schrill auf, nervös, verblüfft von ihrem seltsamen Humor. Ihm schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie vielleicht sarkastisch war, aber ihr Lächeln war einladend und breit, ihr Händedruck fest und freundlich.

»Entschuldigung, das ist nur mein Versuch, das Eis zu brechen!«, erklärte sie.

»A-ha. Verstehe. Sehr witzig. Na ja, wenn Sie irgendwas über die Backwaren wissen wollen, fragen Sie einfach drauflos. Ich habe diese Abteilung früher geleitet.« Malcolms Stimme senkte sich zu einem Flüstern. »Unter uns gesagt, der offizielle Chef konnte sich nicht mehr besonders dafür begeistern, sobald er sein Pensionierungsdatum erfahren hatte. Und die Abteilung hat darunter gelitten, leider. Ich habe sie über Wasser gehalten.«

»Na ja, vielen Dank. Da haben Sie gute Arbeit geleistet.«

»Schon mal mit Backwaren gearbeitet?«, fragte er.

»Nein, in einer Backwaren-Abteilung noch nie«, antwortete Christie, ohne ins Detail zu gehen.

Na toll, dachte Malcolm. Sie geben den Job nicht nur einer Frau von außen, sondern auch noch einer, die nicht den blassesten Schimmer von Backwaren hat! Sehr seltsam. Sehr verdächtig.

Die anderen Frauen versuchten zu arbeiten, aber die Versuchung, das Gespräch zu belauschen, war einfach zu groß, um ihr zu widerstehen.

»Von wo kommen Sie denn? Morrison’s? Handi-Save?«

»Weder noch«, antwortete Christie. Mein Gott, war der neugierig. Wenn sein Kopf durchsichtig wäre, dachte sie, dann würde sie bestimmt eine lange Reihe von Fragezeichen sehen, die in seinem Gehirn Schlange standen. Sie hoffte, dass er nicht der Typ war, der bei der erstbesten Gelegenheit versuchen würde, ihr das Wasser abzugraben. Falls doch, dann konnte er sich aber auf etwas gefasst machen. In einer Auseinandersetzung war sie in ihrem Element. Da blühte sie auf. Anstatt die Mauern ihres Selbstbewusstseins einzureißen, trieb es ihren Adrenalinspiegel in die Höhe.

Malcolm beugte sich noch etwas weiter über den Wandschirm vor. Christie nahm den Hauch eines sehr großzügig aufgetragenen, ranzigen Aftershaves wahr.

»Wir sollten mal zusammen zu Mittag essen. Ich hatte ein paar gute Ideen für die Abteilung, die ich leider nie umsetzen konnte. Es wäre doch ein Jammer, sie einfach im Sande verlaufen zu lassen.«

»Ja, allerdings. Das wäre sehr schön. Alle hier sind so freundlich und hilfsbereit«, sagte Christie, während sie sich erhob.

»Gut, gut. Wir werden bald etwas vereinbaren«, sagte Malcolm augenzwinkernd, bevor er sich wieder auf den Weg in die Käse-Abteilung machte, beruhigt von seinem, wie er glaubte, sehr erfolgreichen ersten Zusammentreffen mit jemandem, der bei den White Rose Stores bald eine Schlüsselrolle spielen könnte.

Christie dachte einen Moment nach. Malcolm war durchaus freundlich, fand sie. Ein bisschen forsch. Vielleicht wollte er mit diesem draufgängerischen Auftreten ja auch nur schwache Nerven überspielen. Aber dann wurden ihre Überlegungen von einem Blick auf die Uhr durchkreuzt. Es war schon wieder fünf Uhr, und doch tat keine der Frauen auch nur einen Schritt in Richtung Garderobenständer.

»Wisst ihr eigentlich, wie spät es ist, Mädels?«, fragte Christie.

Sie nickten alle.

»Und?« Christie hockte sich auf Annas Schreibtischkante.

»Na ja, wir machen normalerweise nie vor halb sechs Schluss«, sagte Raychel.

»Warum das denn? Seid ihr masochistisch veranlagt?«

»Nein, aber …« Dawn biss sich rasch auf die Zunge.

»Spucken Sie’s schon aus«, forderte Christie sie auf.

»Na ja, Malcolm hat immer ausdrücklich klargestellt, dass wir Überstunden machen sollen.«

»So ein Schwachsinn!«, sagte Christie. »Ich weiß sicher, dass James sein Büro vor sechs verlässt, sooft er kann, und ihm gehört der Scheißladen schließlich. Jedenfalls, jetzt leite ich diese Abteilung, und jetzt ist Schluss mit diesem Unsinn. Wenn die Leute ihre Arbeit in fünfunddreißig Wochenstunden nicht erledigen können, dann müssen wir eben sehen, ob wir mehr Leute einstellen oder Arbeitsablaufstudien durchführen sollten.«

»Wir sind mit allem auf dem aktuellen Stand«, erklärte Grace.

»Na bitte. Dann geht jetzt – und zwar alle. Und wir sehen uns am Montagmorgen um neun, und keine Minute früher. Es ist Freitagabend, mein Gott. Habt ihr denn keine Männer und kein Privatleben, das auf euch wartet?«

Sie erhoben sich alle nervös und begannen langsam, ihre Mäntel zu holen, außer Stande, das Gefühl abzuschütteln, dass sie sich unerlaubt davonschlichen und jeden Moment irgendwelche hohen Tiere zur Tür hereinstürmen und sie wieder auf ihre Plätze verweisen würden.

Christie winkte ihnen zum Abschied lächelnd zu. So ein netter Haufen Frauen. Sie hoffte, sie würden alle ein wundervolles Wochenende verbringen. Das Leben war zu kurz, um den Kopf hängen zu lassen – wie sie selbst nur allzu gut wusste.

Malcolm sah zu, wie sein ehemaliges Team abmarschierte. Er hatte seinen Schreibtisch nie vor sechs verlassen und sah daher keinen Grund, wieso es irgendjemand sonst tun sollte. Andererseits war sein Engagement nun wirklich nicht belohnt worden. Und ehrlich gesagt, ging es ihm gar nicht so sehr ums Engagement, sondern eher darum, sich nicht zuhause das Genörgel seiner Frau anhören zu müssen. Diese Christie hatte beim großen Boss eindeutig viel zu melden. Und er würde nicht ruhen, bis er herausgefunden hatte, was genau es war.

Achtes Kapitel

Vor genau einem Jahr hatte Vladimir Darcescu, oder Vladimir Darq, als der er in der Welt der Mode besser bekannt war, ganz London verblüfft, indem er ein Haus in Barnsley zu seinem Stützpunkt in England erklärte. Jahrelang hatte sein Geschäftsmanager immer wieder im großen Stil Bauland im Süden Englands als Investition gekauft, dazu ein sehr großes, teures Grundstück oben im Norden, in einem Dorf namens Higher Hoppleton am Rande von Barnsley, das, wie er aus dem Internet erfahren hatte, eine ehemalige Bergarbeiterstadt mitten im tiefsten Yorkshire war.

Vor zwei Jahren hatte Vladimir beschlossen, einmal selbst dorthin zu fahren, um zu sehen, wie weit der Wahnsinn seines Geschäftsmanagers inzwischen fortgeschritten war. Aber stattdessen war er angenehm überrascht gewesen von der Lage des Grundstücks am Rande eines kleinen, aber wohlhabenden Dorfs mit etlichen alten Steincottages und kleinen Geschäften.

Er quartierte sich für drei Tage in dem dortigen Pub, dem Lord Spencer, ein. Die Einheimischen grüßten ihn mit einem freundlichen »Wie geht’s?«, wenn er durch die Geschäfte schlenderte oder einen Tee in dem Café in der wunderschönen Hoppleton Hall trank, einem alten, rechteckigen Juwel inmitten des entzückenden nahe gelegenen Parks. Er mochte dieses Dorf sehr und fühlte sich dort wie zuhause. Die Leute erinnerten ihn an die in Titesti, seinem rumänischen Geburtsort. Er hörte ihnen gern zu, wie sie miteinander scherzten, und aalte sich in ihrer Freundlichkeit.

Vor allem mochte er die Atmosphäre im Lord Spencer. Die Pensionswirtin war eine sehr attraktive ältere Dame mit tief hängenden Brüsten und eingefallenen Schultern. Vladimir Darq wusste, dass sie mit der richtigen Damenwäsche Jahre jünger und wirklich fabelhaft aussehen könnte. Und dort, in genau diesem Pub, in Gesellschaft dieser Pensionswirtin, durchzuckte ihn an seinem dritten Abend sein bislang größter Geistesblitz.

Noch in derselben Woche ließ Vladimir Darq Pläne für den Bau eines Hauses auf seinem Grundstück entwerfen, und noch im selben Jahr war der gotisch anmutende Bau – Darq House – fertig gestellt. Und wieder einmal sollte er die Modewelt verblüffen, indem er verkündete, er werde seine Kollektion um Damenwäsche erweitern, die für jede Frau erschwinglich sei. Er wollte, dass sich jede Frau schön finden und zugleich bequem angezogen sein konnte. Und er wusste, dass er sie dafür nur in die richtige Damenwäsche stecken musste.

Schließlich bekam die Corona Productions Wind von seinem Projektvorhaben und rief ihn an, um ihn zu überreden, in ihrer Flaggschiff-Fernsehshow Janes Damen aufzutreten, wo eine ganz gewöhnliche Frau ohne chirurgischen Eingriff in eine Schönheit verwandelt werden sollte.

Vladimir bestand allerdings darauf, diese Frau selbst auszuwählen. Aber jetzt, vier Wochen vor dem geplanten Drehbeginn, hatte er »die Eine« noch immer nicht gefunden, obwohl er alle möglichen Supermärkte und Geschäfte nach ihr abgegrast hatte. Inzwischen fragte er sich, ob er seinen ungeschliffenen Diamanten vielleicht eher am Ende einer anstrengenden Arbeitswoche auf dem Nachhauseweg finden würde. Und das war der Grund, weshalb er an jenem zweiten Freitag im April schließlich auf einem Bahnsteig am Bahnhof von Barnsley stand.

Anna begriff, dass sie, wenn sie schon um kurz nach fünf aus dem Büro kam, einen Zug früher nachhause fahren konnte. Sie war vermutlich die einzige Frau auf der Welt, die das nicht als Glücksfall ansah. Dadurch dehnte sich der Abend nur noch länger vor ihr aus. Der Schwachkopf, von dem der Satz stammte: »Im Leben geht es immer nur bergauf«, hatte nicht ihr Leben gekannt. Jeden Tag entdeckte sie einen neuen rekordverdächtigen Abgrund, in den sie sich stürzen könnte: noch einen Tiefpunkt, auf den ihre Stimmung absacken könnte.

Der Firmensitz der White Rose Stores war zu Fuß nur ein paar Minuten von der Haltestelle des Zuges entfernt. Fünf Minuten später stand sie am Umsteigebahnhof Barnsley, und von dort waren es nur zwei Stationen bis zu ihrem Heimatdorf Dartley. Sie fuhr die Strecke lieber so, anstatt ständig im Stau zu stecken, vor allem in einem Auto, das dringend ersetzt werden musste und nicht unbedingt das zuverlässigste Fahrzeug war. Aber sie wollte nicht so früh nachhause kommen und einen noch längeren trostlosen Abend vor sich haben, daher ging sie nicht nach links auf den Bahnsteig, sondern nach rechts, um in der Stadt noch eine Stunde mit Schaufensterbummeln die Zeit totzuschlagen.

Sie fing ihr Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe auf. Das Gesicht, das zu ihr zurücksah, war das der hässlichsten Frau der Welt. Erschöpfte, ausdruckslose Augen mit gespenstischen Ringen, aufgesprungene, spröde Lippen und ein Teint, der irgendwo zwischen einer Leiche und einem benutzten Geschirrtuch lag. Es war das Gesicht einer Frau, die niemand auf der Welt zu schätzen wusste, nicht einmal sie selbst. Kein Wunder, dass ihr Verlobter Tony zu der jugendlich frischen Lynette Bottom übergelaufen war, mit ihren süßen Pausbäckchen und einem Lächeln, mit dem ihr Gesicht nicht so zerklüftet aussah wie eine Höhenlinienkarte des Mount Everest.

Sie könnte sich eigentlich auch gleich einen unförmigen Mantel und flache Schuhe kaufen und sich unauffällig in dem Junge-Oma-Club verkriechen, dem ein paar Mädchen von ihrer Schule beigetreten waren. Sobald sie die vierzig erreicht hatten, kleideten sie sich wie Rentnerinnen, verzichteten auf Make-up und hüllten ihre Rundungen in wallende, weit geschnittene billige Kleider, während sie die Kinderwagen mit den Babys ihrer jugendlichen Töchter über den Markt schoben. Nicht dass Anna dieses Vergnügen je haben würde. Sie würde keine Enkelkinder durch die Gegend schieben, da sie schon keine Kinder durch die Gegend schieben würde. Wenigstens würde es keine Kinder geben, die sich für eine Mutter mit einem solch kräftigen, hässlichen Gesicht wie diesem schämen mussten. Ihre Lippen brannten. Sinnlos, sie einzucremen – niemand würde diese Lippen je wieder küssen, da war sie sich sicher. Es waren nur noch ein paar Tage bis zu ihrem vierzigsten Geburtstag, und ihr Leben war gelaufen. Es gab nichts, worauf sie sich freuen konnte, nur immer noch mehr Scheiß.

Sie wartete auf dem kalten Bahnsteig, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, während die Brise, die die Bahngleise hinunterwehte, schelmisch mit ihrem Haar spielte und es ihr ins Gesicht blies, als wollte sie sie ärgern.

Auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig warteten andere Fahrgäste auf den Zug aus Sheffield Richtung Süden. Ein Mann stand etwas abseits von ihnen. Er war hochgewachsen, in einem langen, weit geschnittenen Mantel, fast einer Art Umhang, und trug einen schwarzen, breitkrempigen Hut, der einen Schatten auf sein Gesicht warf. Als Annas Blick auf ihn fiel, bemerkte sie, dass er in ihre Richtung starrte. Sie wandte den Blick ab, aber als sie das nächste Mal hinübersah, starrte er sie immer noch an. Sie verschränkte schützend die Arme vor der Brust. Aber warum sollte er mich anstarren? Ich bin schließlich nicht Gwyneth Paltrow!, dachte sie sich dann. Ein Alarmsignal warnte vor den Schranken des nahe gelegenen Bahnübergangs, die jetzt heruntergelassen wurden, da ihr Zug gleich einfahren würde. Nein, er starrt mich eindeutig an. Er war nicht wie ein gewöhnlicher Pendler aus Barnsley gekleidet. Er hatte keinen Aktenkoffer und keine Laptoptasche bei sich. Er sah fast wie ein Irrer aus, wie er dort auf dem Bahnsteig herumhing. Komm schon, beschwor Anna den Zug. Auf einmal war ihr etwas unbehaglich zu Mute. Sie versuchte, nicht mehr hinüberzusehen, aber die Verlockung, herauszufinden, ob er sie immer noch anstarrte, war zu groß. Und wirklich, er tat es immer noch.

Der Zug fuhr ein und versperrte ihm die Sicht auf sie. Anna stieg ein, suchte sich einen Platz und griff nach einer liegen gebliebenen Sun-Zeitung für die kurze Fahrt. Als der Zug wieder anfuhr, wagte Anna von ihrem sicheren Platz aus einen letzten Blick auf den Mann. Er starrte sie immer noch an. Das Letzte, was sie von ihm sah, war, wie er in einer altmodischen, galanten Geste den Hut vor ihr lüftete und die Lippen zu einem breiten Lächeln verzog. Und nicht nur das, sie hätte schwören können, in dem Augenblick Fangzähne aufblitzen zu sehen.

Neuntes Kapitel

Grace drückte die Tür des Gartencenter-Cafés auf. Maltstone war ein hübsches kleines Dorf mit diesem entzückenden Café am Ufer eines ländlichen Flusses. Leute, die nicht aus der näheren Umgebung stammten – Fremdlinge – hätten nicht geglaubt, dass es nur einen Katzensprung vom Zentrum von Barnsley entfernt war. Sie war so gern hier, da das der besondere Ort war, an dem sie sich mit ihrem Jungen traf. Als sie sich umsah, entdeckte sie den stämmigen jungen Mann, der dastand und ihr zuwinkte, und sie grinste und ging mit raschen Schritten zu dem Tisch hinüber, an dem er stand.

»Hallo, mein Schatz«, sagte sie und zog ihren Sohn in einer langen, innigen Umarmung an sich.

»Hallo, Mum.« Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände. Ein kräftiges Gesicht, eine hübsche Kieferpartie. In seinem dunkelbraunen Haar waren ein paar vorzeitig ergraute Strähnen. Sie sah sie zum ersten Mal. Er ließ Grace los, und sie setzten sich einander gegenüber an den Fenstertisch.

»Es tut mir leid, es ist schon wieder viel zu lange her«, sagte er.

»Du hast viel um die Ohren, ich weiß, mein Schatz«, sagte Grace mit einem Lächeln, das so warm war wie ein Kaminfeuer im Winter.

»Das ist keine Entschuldigung«, sagte er. »Du bist zu nett. Meine große Schwester Laura hat mich deswegen schon ordentlich zusammengestaucht.«

»Ist schon gut, jetzt sind wir ja hier.« Sie tätschelte seinen Arm. »Gut siehst du aus.«

»Du auch. Aber das tust du ja immer. Ich habe uns schon Tee bestellt«, sagte er, während er ihr aus einer bereitgestellten Teekanne einschenkte. »Wie geht’s Dad?«

»Ach, du weißt ja, so wie immer«, sagte Grace. Sie richtete keine Grüße von ihm aus – sie hätten beide gewusst, dass das eine Lüge gewesen wäre, aber sie wünschte trotzdem, sie hätte sie ihm glaubhaft machen können. »Jedenfalls, alles Gute zum Geburtstag.« Grace überreichte ihm eine Tragetüte aus festem Papier. »Falls es dir nicht gefällt, ich habe die Quittung dringelassen …«

»Mum, du hast einen tollen Geschmack, ich musste doch noch nie etwas umtauschen, was du mir geschenkt hast.« Er drückte ihre Hand, und Grace hielt seine Finger noch ein paar traurige Sekunden lang fest. Sie sollte sich nicht so heimlich wegschleichen müssen, um ihren Jungen zu sehen. Er hätte seinen achtundzwanzigsten Geburtstag zuhause im Kreise seiner Familie verbringen sollen, alberne Kerzen auf einem Kuchen auspusten, selbst in seinem Alter noch. Sie hatte um alle Familiengeburtstage immer ein Riesengetue gemacht, vermutlich da sie sich als Kind auch immer eine Familie gewünscht hatte, die ein Riesengetue um sie machte.

»Und, was hast du mir zu sagen?«, fragte sie, während sie die Sintflut von Tränen hochschniefte, die sie auf einmal zu überwältigen drohte. Sie wollte dieses glückliche Wiedersehen nicht mit einem albernen Weinkrampf verderben.

»Na ja …« Er griff nach unten und wühlte in einer Aktentasche, zückte dann eine Mappe und schlug sie auf. Er reichte ihr ein paar Fotos. »Ich habe es gekauft, Mum. Das heißt, ich und mein Geschäftspartner Charles.«

»Nein!« Grace klappte vor Aufregung der Kiefer herunter. »Das ist das Haus, von dem du mir erzählt hast?«

»Das ist es. Und das ist vermutlich auch der Grund für die Funkstille, Mum. Ich hatte einfach so viel um die Ohren.«

Grace betrachtete das alte Herrenhaus auf dem riesigen Grundstück, das ihr begabter, fürsorglicher Junge in ein Altersheim verwandeln würde.

»Das wird so toll werden, Mum. Alle Zimmer mit eigenem Bad … vierzehn, schätzt der Architekt; ein Wintergarten, fünfzig Quadratmeter groß und nach Osten gelegen, als Frühstücksraum; eine Bibliothek, Internet, Webcams, ein Schwimmbad, ein Kino …«

»Vergiss nicht, zwischendurch Luft zu holen«, lachte Grace, aber sie liebte seine Begeisterung.

»Es wird die schönste Seniorenresidenz werden, die ich daraus machen kann. Im Augenblick geht es dort natürlich noch drunter und drüber – deshalb habe ich es ja auch so günstig bekommen – und natürlich wegen der Rezession. Aber du solltest mal sehen, wie viele der ursprünglichen Details noch immer erhalten sind. Und der Garten wird wunderschön werden mit ein bisschen … Entschuldigung, viel Arbeit. Ich kann es mir nicht leisten, damit zu scheitern, so viel steht fest. Oh, Mum, wir können es kaum noch erwarten, damit anzufangen. Gestern wurde alles unter Dach und Fach gebracht, das heißt, jetzt können wir loslegen. Es gehört mir, Mum. Es gehört alles mir. Gott, wir hätten beide mit dem Taxi kommen und Champagner anstatt Tee bestellen sollen!«

Sein Gesicht strahlte vor Aufregung. Seit sie ihn kannte, war sie immer überzeugt gewesen, dass Paul einmal in der Pflege arbeiten würde, und das im großen Stil. Auf dieses Geschäft hatte er jahrelang hingearbeitet. Sie bezweifelte nicht, dass er damit Erfolg haben würde. Er war eine Kämpfernatur, auch wenn ein Teil seiner Energie für einen Kampf draufging, den er gar nicht hätte führen müssen sollen, und das betrübte sie zutiefst.

»Ich werde es Rose Manor nennen, nach Oma«, strahlte er.

Grace nickte. »Das ist eine entzückende Idee. Sie wäre so stolz auf dich, Paul. Und deine Mutter auch.«

»Wirklich? Meinst du nicht, meine sexuellen Neigungen hätten die beiden genauso abgestoßen wie Dad? Das muss ich mich wirklich oft fragen.«

»Sie hätten dich so geliebt, wie du bist, und sie wären mächtig stolz auf dich«, sagte Grace entschieden. Ihr Körper hatte vielleicht keine Kinder austragen können, aber diese Kinder waren ihr dennoch ans Herz gewachsen, und sie hatte sie großgezogen und liebte sie wie eine Mutter. Auch wenn sie Gordons erste Frau, Rita, nie kennen gelernt hatte, hatte Grace doch stets darauf geachtet, ihr nie ihren Platz als leibliche Mutter streitig zu machen. Rose hatte einmal zu ihr gesagt, Rita sei eine tapfere kleine Frau gewesen, die ihre Kinder über alles liebte, und als sie plötzlich durch tragische Umstände ums Leben kam, hatte sie eine Lücke hinterlassen, die Grace voller Stolz ausfüllte, aber mit Hochachtung vor der Frau, die die Kinder zur Welt gebracht hatte, die Grace wie ihre eigenen liebte. Gerahmte Bilder von Rita standen noch immer im Haus, und am Muttertag und an Ritas Geburtstag war sie jedes Jahr mit den Kindern zu ihrem Grab auf dem Friedhof von Maltstone gegangen, um dort Blumen abzulegen. Es war nur richtig, tiefen Respekt vor der Frau zu haben, die ihr das größte Geschenk überhaupt gemacht hatte. Sie hatte das Gefühl, dass Rita ihre Freundin gewesen wäre, wenn sich ihre Lebensläufe überschnitten hätten.

»Deine Oma Rose hätte sich kaputtgelacht, wenn ihr jemand erzählt hätte, dass einmal ein Altersheim nach ihr benannt werden würde«, sagte Grace.

»Meinst du wirklich?«

»I

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