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Ein Kapitän von 15 Jahren

Erster Theil.

Erstes Capitel.
Die Brigg-Goëlette »Pilgrim«.

Am 2. Februar 1873 befand sich die Brigg-Goëlette »Pilgrim« unter 43°57' südlicher Breite und 165°19' westlicher Länge von Greenwich.

Dieses vier hundert Tonnen große, in San-Francisco für die Großfischerei in den australischen Meeren ausgerüstete Fahrzeug gehörte James W. Weldon, einem reichen, kalifornischen Rheder, der das Commando desselben schon seit mehreren Jahren dem Kapitän Hull anvertraut hatte.

Der »Pilgrim« war eines der kleinsten, aber auch eines der besten Schiffe der Flottille, welche James W. Weldon Jahr für Jahr sowohl hinauf durch die Behringsstraße in das nördliche Eismeer, als auch nach den Meeren von Tasmanien und des Cap Horn bis hinab in den Antarktischen Ocean aussendete. Kapitän Hull wußte sich schon »durchzuschlagen«, wie die Matrosen sagten, wenn er zwischen das Eis gerieth, das während des Sommers an Neu-Seeland oder am Cap der Guten Hoffnung vorüber bis in weit niedrigere Breiten hinaustreibt, als in den nördlichen Meeren der Erdkugel. Allerdings handelte es sich hier nur um Eisberge von geringerem Umfange, welche schon durch wiederholten Anprall zerklüftet, sowie vom warmen Wasser angenagt waren und von denen die größte Menge im Pacifischen oder Atlantischen Ocean zum schmelzen kommt.

Unter dem Befehle des Kapitäns Hull, eines ausgezeichneten Seemannes und dazu eines der gewandtesten Harpuniere der Flottille, stand eine Bedienung von fünf Matrosen und einem Leichtmatrosen. Das mag für den Walfischfang, der zahlreiche Hände sowohl beim Fange als bei der Ausweidung dieser Meeresriesen verlangt, etwas zu wenig sein. James W. Weldon fand es aber, nach dem Beispiel mancher anderer Rheder in San-Francisco, für vortheilhafter, nur die zur eigentlichen Führung des Schiffes nothwendigen Matrosen im Heimatshafen an Bord zu nehmen. In Neu-Seeland braucht man keinen Mangel zu fürchten an Harpunieren und Seeleuten aller Nationen, Deserteuren und Anderen, welche sich für die Dauer der Saison zu vermiethen suchen und als Fischer recht brauchbar sind. Nach Schluß der Fangzeit zahlt man ihnen den bedungenen Lohn, schifft sie wieder aus und Jene warten dann, bis die Walfischfahrer im nächsten Jahre ihre Dienste wieder in Anspruch nehmen. Dieses Verfahren gestattet eine bessere Ausnutzung disponibler Seeleute und sichert bei geordneter Zusammenwirkung mit jenen einen höheren Nutzen.

In dieser Weise ward es also auch an Bord des »Pilgrim« gehalten.

Die Brigg-Goëlette hatte sich während der Fangzeit an der Grenze des südlichen Polarkreises aufgehalten. Noch ermangelte sie jedoch ihrer vollen Ladung an Oel und rohen und verarbeiteten Vorräthen. Zur Zeit wurde der Fang schon schwieriger. Die Cetaceen erschienen in Folge der hartnäckigen Jagd auf sie merklich seltener. Der gewöhnliche Walfisch, im nördlichen Ocean der »Nordkaper«, im südlichen »Sulpherboltone« genannt, schien gänzlich verschwinden zu wollen. Die Fischer mußten sich nothgedrungen auf den »Finnback« oder Schnabelfisch, ein gigantisches Wassersäugethier, dessen Angriffe nicht ohne Gefahr sind, beschränken.

Auch Kapitän Hull hatte das im Laufe dieser Campagne gethan, rechnete aber darauf, sich bei der nächsten Reise nach höheren Breiten zu begeben, wenn es sein müßte bis nach Clavie- und Adelie-Land, deren durch den Amerikaner Wilkes bestätigte Entdeckung dem berühmten Commandanten der »Astrolabe« und der »Zélée«, dem Franzosen Dumont d'Urville, zu danken ist.

Kurz, die Saison war für den »Pilgrim« keine gewinnreiche, glückliche gewesen. Schon Anfangs Januar, zur Zeit, wo die Walfischfahrer noch nicht an die Heimkehr zu denken pflegen, sah sich Kapitän Hull genöthigt, die Fischgründe zu verlassen. Seine Mannschaft – ein zusammengewürfelter Hause zweifelhafter Subjecte – machte »Schwierigkeiten«, wie man sagt, und er mußte daran denken, sie an's Land zu setzen.

Der »Pilgrim« drehte also nach Nordwesten bei, in der Richtung auf Neu-Seeland, das er am 15. Januar in Sicht bekam. Er lief glücklich in Waitemata, dem Hafen von Auckland, der am Grunde des Golfes von Chouraki, an der Ostküste der nördlichen Insel liegt, ein und schiffte die für die Saison engagirten Fischer aus.

Die Mannschaft war nicht besonders zufrieden. An der vollen Ladung des »Pilgrim« fehlten etwa zweihundert Baril Leberthran. Nie hatte der Fischfang einen so geringen Ertrag geliefert. Der Kapitän Hull kehrte wirklich fast mit der verdrießlichen Enttäuschung zurück wie etwa ein Jäger, der zum ersten Male »Schneider« geworden ist. Seine reizbare Eigenliebe kam hier in's Spiel und er konnte jenen Schurken nicht verzeihen, deren Insubordination ihn um den Erfolg der Campagne gebracht hatte.

Der Versuch, in Auckland eine andere Mannschaft zu heuern, wäre gewiß vergeblich gewesen. Alle disponiblen Seeleute waren auf anderen Walfischfahrern gedungen. Er mußte also auf die Vervollständigung der Ladung des »Pilgrim« verzichten, und so beschloß Kapitän Hull denn, Auckland definitiv zu verlassen, als an ihn ein Gesuch um einen Platz auf dem Schiffe erging, welches abzulehnen er außer Stande war.

Mistreß Weldon, die Gattin des Rheders des »Pilgrim«, ihr fünfjähriger Sohn Jack und ein Anverwandter der Familie, den man nur den Vetter Benedict nannte, befanden sich derzeit in Auckland. James W. Weldon, den seine Handelsverbindungen öfters nach Neu-Seeland führten, hatte diese drei Personen mit dorthin genommen und auch die Absicht gehabt, sie wieder nach San-Francisco zurückzugeleiten.

Gerade als die ganze Familie abreisen wollte, erkrankte der kleine Jack ziemlich ernstlich, und sein Vater, den unabweisliche Geschäfte abriefen, mußte Auckland verlassen, wo er seine Frau, sein Kind und den Vetter Benedict zurückließ.

So verflossen drei Monate – drei lange Monate der Trennung, welche Mistreß Weldon im höchsten Grade peinlich waren. Indeß ihr Kind erholte sich wieder und sie stand im Begriff abzureisen, als ihr die Ankunft des »Pilgrim« gemeldet wurde.

Um zu dieser Jahreszeit nach San-Francisco zurückzukehren, hätte Mistreß Weldon nothwendiger Weise erst nach Australien gehen und dort eines der Dampfboote der Transoceanischen Gesellschaft des »Golden Age« benützen müssen, welche den Dienst zwischen Melbourne und Panama über Papaïti versehen. In Panama mußte sie dann wiederum erst einen amerikanischen Steamer abwarten, wie solche die regelmäßige Verbindung zwischen der Landenge und Kalifornien unterhalten. Hiermit waren nothwendiger Weise Zeitverluste und mehrfaches Umhertransportiren der Effecten verbunden, was für eine Dame und ein Kind stets verdrießlich ist. Als ihr Entschluß schon gefaßt war, warf der »Pilgrim« auf der Rhede von Auckland Anker. Sie zögerte keinen Augenblick, sich beim Kapitän Hull zur Ueberfahrt zu melden, sich selbst, ihren Sohn, den Vetter Benedict und Nan, eine bejahrte Negerin, welche ihr schon seit ihrer Kindheit diente. Dreitausend Seemeilen auf einem Segelschiffe!

Dieser Wissenschaft opferte er alle Stunden.

Doch Kapitän Hull's Schiff erschien ja im besten Zustande und noch währte die schöne Jahreszeit zu beiden Seiten der Linie an. Kapitän Hull kam dem Gesuche entgegen und stellte der Dame sofort sein eigenes Zimmer zur Disposition. Er wünschte Mistreß Weldon für eine Ueberfahrt, welche vierzig bis fünfzig Tage beanspruchen konnte, so gut untergebracht zu sehen, als das auf einem Walfischfahrer eben möglich war.

Der Mistreß Weldon bot die Ueberfahrt unter diesen Bedingungen also gewiß mehrfache Vortheile. Die einzige Unbequemlichkeit lag allein darin, daß die Fahrt deshalb eine etwas lange werden mußte, weil der »Pilgrim« seinen Cargo erst im Hafen von Valparaiso in Chili zu löschen hatte. Nachher brauchte er nur längs der Küste Amerikas hinauszusegeln, was bei den dort vorherrschenden Landwinden meist sehr angenehm ist.

Mistreß Weldon gehörte übrigens zu den muthigen Frauen, welche das Meer nicht erschreckt. Sie stand jetzt im Alter von dreißig Jahren, strotzte von Gesundheit und war lange Reisen schon gewöhnt, da sie ihren Gatten bei seinen Fahrten über das Meer wiederholt begleitet hatte – ihr kostete es demnach keine lange Ueberlegung, sich zu einer von Zufälligkeiten aller Art viel mehr abhängigen Reise auf einem Segler von mäßigem Tonnengehalt zu entschließen. Dazu kannte sie ja Kapitän Hull als ausgezeichneten Seemann, zu dem James W. Weldon selbst das beste Zutrauen hatte. Der »Pilgrim« war ein solides Schiff, ein guter Segler und wegen dieser Eigenschaften auch in der ganzen Flottille der amerikanischen Walfischfahrer anerkannt. Die Gelegenheit bot sich – jetzt galt es, sie zu benutzen. Mistreß Weldon that es.

Vetter Benedict – das verstand sich ganz allein – sollte sie begleiten.

Dieser Vetter war ein braver Mann von etwa fünfzig Jahren. Doch trotz seiner halbhundert Jahre hätte man ihn nimmermehr allein reisen lassen können. Mehr lang als groß, mehr schwach als mager, mit knochigem Gesicht, einem gewaltigen Schädel voller buschiger Haare, erkannte man in dieser halb räthselhaften Persönlichkeit doch sogleich einen jener würdigen Gelehrten mit goldener Brille und dem besten Herzen von der Welt, welche bestimmt zu sein scheinen, ihr Lebenlang große Kinder zu bleiben, und dereinst, vielleicht selbst mit hundert Jahren, als gealterte Säuglinge zu sterben.

»Vetter Benedict« – so nannte ihn Jedermann regelmäßig sowohl in und außerhalb der Familie, und er hatte in Wahrheit das Aussehen der Leute, welche als Vettern für die ganze Welt geboren scheinen – der Vetter Benedict, den seine langen Arme und seine noch längeren Beine überall belästigten, war absolut nicht im Stande, sich allein fortzuhelfen, und wäre das auch unter den einfachsten Umständen gewesen, wie sie so häufig eintreten. Er belästigte im Grunde Niemand – o nein, im Gegentheil, er schien eben so besorgt für Andere wie für sich selbst. Leicht zu befriedigen und sich in Alles schickend, vergaß er Essen und Trinken, wenn man ihm nicht Speise und Trank vorsetzte, war unempfindlich gegen Frost und Hitze und schien weit mehr dem Pflanzen als dem Thierreiche anzugehören. Stelle man sich einen völlig unnützen Baum vor, ohne Früchte und fast ohne Laub, der Niemand ernähren, kaum Jemand schützen könnte, aber – der doch ein gutes Herz hätte, und man gewinnt ein Bild von diesem Manne.

So war der Vetter Benedict. Er hätte Jedermann so gern alle möglichen Dienste erwiesen, wenn er, wie Prudhomme sagen würde, dazu nur überhaupt fähig gewesen wäre.

Gerade seiner Schwäche wegen liebte man ihn sogar. Mistreß Weldon betrachtete ihn schon mehr als ein Kind – etwa als den älteren erwachsenen Bruder des kleinen Jack.

Hierzu muß jedoch bemerkt werden, daß Vetter Benedict niemals weder unthätig noch unbeschäftigt blieb. Im Gegentheil, er war fleißig wie nur Wenige; seine einzige Leidenschaft, die Naturgeschichte, nahm ihn eben ganz und gar ein.

Die »Naturgeschichte!« Das ist freilich viel mit wenig Worten gesagt.

Bekanntlich setzt sich diese Wissenschaft aus Zoologie, Botanik, Mineralogie und Geologie zusammen.

Vetter Benedict gehörte nun weder zu den Botanikern, noch zu den Geologen oder Mineralogen.

War er also Zoolog in der vollen Bedeutung dieses Wortes, so etwas wie eine Art Cuvier der neuen Welt, der die Thiere analytisch zergliederte und synthetisch wieder zusammensetzte, einer jener gründlichen Weisen, die sich in das Studium jener vier Typen vertieft haben, unter welche die moderne Wissenschaft das ganze Thierreich, die Wirbelthiere, Mollusken, Glieder- und Strahlenthiere, untergebracht hat? Hatte der naive, aber eifrige Gelehrte von diesen vier Hauptabtheilungen die verschiedenen Klassen durchstudirt und sich mit deren Ordnungen, Familien, Tribus, Geschlechtern, Arten und Varietäten beschäftigt?

Hatte Vetter Benedict seinen Fleiß auf die Wirbelthiere, Säugethiere, Vögel, Reptilien und Fische verwendet?

Nein!

Hatte er den Mollusken, von den Kephalopoden bis zu den Bryoarien den Vorzug gegeben und barg die Malökologie keine Geheimnisse mehr vor ihm?

Auch das nicht.

So waren es also die Strahlenthiere, die Echinodermen, Akalephen, Polypen, Entozoen, Spongiarien und Infusorien, um deretwillen seine Studirlampe so viel Oel verbraucht hatte?

Nein, auch die Strahlenthiere hatten das nicht verschuldet.

Da von der ganzen Zoologie nun blos noch die Abtheilung der Gliederthiere übrig bleibt, so kann es also nur diese Abtheilung gewesen sein, welche die Leidenschaft des Vetter Benedict entflammt hatte.

Ja, doch auch das verlangt noch eine nähere Bestimmung.

Die gesammten Gliederthiere zerfallen nämlich in sechs Klassen: die Insecten, Myriapoden (Tausendfüßler), Arachniden (Spinnen), Krustaceen (Schalenthiere), Cirrhopoden und Anneliden.

Vetter Benedict wäre nämlich, wissenschaftlich gesprochen, nicht im Stande gewesen, einen Regenwurm von einem Blutegel, einen Bohrfüßler von einer Seeeichel, eine gewöhnliche Hausspinne von einem falschen Scorpion oder eine Krabbe von einem Frosche zu unterscheiden.

Was in aller Welt war dann aber Vetter Benedict?

Nun, ein einfacher Entomolog – nichts weiter.

Hierauf dürfte man wohl erwidern, daß die Entomologie der gebräuchlichen etymologischen Auffassung nach ein Theil der Naturkunde ist, welche alle Gliederthiere umfaßt. Das ist zwar im Allgemeinen richtig, aber andererseits hat man sich gewöhnt, diese Bezeichnung in weit eingeschränkterem Sinne zu gebrauchen. Man verwendet sie nämlich nur mit Bezug auf die Insecten, d.h. alle diejenigen Gliederthiere, deren Körper aus drei rundlichen Abtheilungen besteht, welche an ihren Enden zusammenhängen, und welche drei Paar Füße besitzen, weshalb sie auch den Namen »Hexapoden« (Sechsfüßler) erhalten haben.

Da sich Vetter Benedict also speciell auf das Studium der Gliederthiere dieser Klasse geworfen hatte, war er im eigentlichen Sinne des Wortes ein simpler Entomolog.

Doch man mache sich hierbei keine falschen Vorstellungen. Die Klasse der Insecten zählt nicht weniger als zehn Ordnungen: Orthopteren[1], Neuropteren[2], Hymenopteren[3], Lepidopteren[4], Hemipteren[5], Coleopteren[6], Dipteren[7], Rhipipteren[8], Parasiten[9], und Thysanuren[10].

Von manchen dieser Ordnungen, z.B. von den Coleopteren, unterscheidet man 30.000, von den Dipteren gar 60.000 Arten; an Objecten für das Studium fehlt es hier also gewiß nicht und der Leser wird zugestehen, daß ein Einzelner hierin schon eine genügende Befriedigung seiner Arbeitslust finden kann.

Das Leben Vetter Benedict's war auch wirklich einzig und allein der Entomologie gewidmet.

Dieser Wissenschaft opferte er alle, alle Stunden – alle ohne Ausnahme, selbst die des Schlafes, denn er träumte unabänderlich nur von »Hexapoden«. Wieviel er Stecknadeln an den Aermeln und den Aufschlägen seines Rockes, dem Futter seines Hutes und an der Weste trug, wäre gar nicht zu zählen gewesen. Kehrte Vetter Benedict von einem Spaziergange zurück, so bildete seine kostbare Kopfbedeckung vorzüglich einen vollen naturhistorischen Schaukasten, so sehr erschien sie äußerlich und im Innern mit durchbohrten Insecten gespickt.

Der Leser weiß nun so ziemlich Alles über dieses Original, wenn wir höchstens noch hinzufügen, daß ihn eben jene entomologische Leidenschaft veranlaßt hatte, Mr. und Mrs. Weldon nach Neu-Seeland zu begleiten. Dort hatte sich seine Sammlung nun mit einigen seltenen Exemplaren bereichert und man wird es erklärlich finden, daß er so viel als möglich eilte, zurückzukehren, um dieselben in den Kästen seines Cabinets zu San-Francisco geordnet unterzubringen.

Da Mrs. Weldon und ihr Sohn jetzt mit dem »Pilgrim« nach Amerika zurückkehrten, war also nichts natürlicher, als daß Vetter Benedict sie auf dieser Ueberfahrt begleitete.

Auf ihn durfte Mrs. Weldon freilich am wenigsten zählen, wenn sie jemals in eine kritische Lage kam. Zum Glück handelte es sich hier ja auch nur um eine Reise, welche während der schönen Jahreszeit keine Schwierigkeiten bietet, und das am Bord eines Schiffes, dessen Kapitän alles Zutrauen verdiente.

Während der drei Tage, die der »Pilgrim« in Waitemata vor Anker lag, traf Mrs. Weldon ihre Vorbereitungen in größter Eile, da sie die Abfahrt der Brigg-Goëlette nicht verzögern wollte. Die eingebornen Diener, welche sie in ihrer Wohnung in Auckland gehabt, wurden verabschiedet und am 22. Januar schon schiffte sie sich mit ihrem Sohne Jack, dem Vetter Benedict und Nan, der alten Negerin, auf dem »Pilgrim« ein.

In einer besonderen Kiste schleppte Vetter Benedict seine ganze Sammlung von Insecten mit. In dieser Sammlung figurirten unter Anderem einige Exemplare neuer Staphylinen, das sind gewisse fleischfressende Raubkäfer, welche die Augen über dem Kopfe haben und bis jetzt nur in Neu-Caledonien vorzukommen schienen. Gleichzeitig hatte man ihn auch auf eine gewisse giftige Spinne aufmerksam gemacht, auf den »Katipo« der Maoris, deren Biß für die Eingebornen oft tödtlich ist. Eine Spinne gehört jedoch nicht unter die Ordnung der eigentlichen Insecten, sie zählt zu den Arachniden und erschien demnach in den Augen Vetter Benedict's werthlos. Er hatte sich also um diese gar nicht gekümmert und als bester Edelstein seiner Sammlung glänzte ein sehenswerther neuseeländischer Staphyline.

Selbstverständlich hatte Vetter Benedict seine Ladung unter Zeichnung einer starken Prämie sehr hoch versichert, denn ihm dünkte diese werthvoller als der ganze Cargo des »Pilgrim« an Oel und Walfischbarten.

Als die Anker gelichtet werden sollten und Mrs. Weldon nebst ihren Begleitern sich auf dem Verdeck des »Pilgrim« befand, trat Kapitän Hull an die Dame heran:

»Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, Mistreß Weldon, sagte er zu ihr, daß Sie es auf eigene Verantwortlichkeit thun, wenn Sie sich zur Ueberfahrt des »Pilgrim« bedienen.

– Weshalb sagen Sie mir das, Herr Hull? fragte Mrs. Weldon.

– Weil ich von Ihrem Gemahl hierüber keinen Befehl erhalten habe und eine Brigg-Goëlette Alles in Allem nicht die Garantien einer angenehmen Ueberfahrt bieten kann, wie ein für Passagiere speciell eingerichteter Dampfer.

– Und wenn mein Mann jetzt hier wäre, erwiderte Mrs. Weldon, glauben Sie, daß er Anstand nehmen würde, sich mit seiner Frau und seinem Kinde auf dem »Pilgrim« einzuschiffen?

– Nein, Mistreß Weldon, antwortete Kapitän Hull, das glaube ich sicher nicht! So wenig wie ich selbst zögern würde, es zu thun! Der »Pilgrim« ist ein gutes Schiff, wenn er auch heut' einen traurigen Fischzug hinter sich hat, und ich verlasse mich auf ihn, so gut wie ein Seemann sich auf ein Fahrzeug verlassen kann, das er seit mehreren Jahren selbst commandirt.

Durch meine vorigen Worte, Mistreß Weldon, wollte ich mich nur von meiner Verantwortlichkeit befreien und Ihnen wiederholen, daß Sie an Bord nicht denjenigen Comfort finden werden, den Sie gewöhnt sind.

– Wenn es sich nur um etwas Bequemlichkeit mehr oder weniger handelt, Herr Kapitän, entgegnete Mrs. Weldon, so machen Sie sich keine weitere Sorge. Ich gehöre nicht zu den. Passagieren, welche sich unausgesetzt über die Enge der Cabinen und über die Mangelhaftigkeit der Tafel beklagen.«

Mrs. Weldon's Augen ruhten einige Augenblicke auf dem kleinen Jack und dann sagte sie:

»Reisen wir in Gottes Namen ab, Herr Hull!«

Sofort erging der Befehl zur Lichtung der Anker, die Segel wurden gerichtet und der »Pilgrim« drehte so bei, daß er möglichst schnell offenes Wasser erreichte, und steuerte dann in der Richtung auf Amerika zu.

Drei Tage nach der Abfahrt aber wurde die Brigg-Goëlette durch starke Ostwinde gezwungen, Backbordhalsen zu setzen, um gegen den Wind aufzukommen.

So befand sich Kapitän Hull am 2. Februar unter einer höheren Breite, als er beabsichtigt hatte, und etwa in der Lage eines Seemannes, der weit eher das Cap Horn zu umschiffen, als die neue Welt auf der kürzesten Linie zu erreichen sucht.

Zweites Capitel.
Dick Sand.

Das Meer hielt sich im Ganzen freundlich und die Reise ging, von der unausbleiblichen Verzögerung abgesehen, unter recht leidlichen Verhältnissen von statten.

Mrs. Weldon war am Bord des »Pilgrim« so gut und bequem als möglich untergebracht worden. Weder Oberdeck noch Ruff (auf Segelschiffen häufig ein auf Deck errichtetes Wohnhäuschen für die Mannschaft) befanden sich auf dem Achterdeck. Eine eigentliche Cabine konnte ihr daselbst also nicht angewiesen werden. Sie mußte sich mit dem am Stern des Schiffes gelegenen Zimmerchen des Kapitäns Hull, einer höchst bescheidenen Seemannswohnung, begnügen. Aber es hatte der dringendsten Vorstellungen seitens des Kapitäns bedurft, sie zur Annahme derselben zu bewegen. In diesem engen Raume also hatte sich jetzt Mrs. Weldon mit ihrem Kinde und der alten Nan eingerichtet. Hier nahm sie ihre Mahlzeiten ein in Gesellschaft mit Kapitän Hull und Vetter Benedict, für welch' Letzteren ein besonderes Zimmerchen vorgerichtet worden war.

Der Commandant des »Pilgrim« selbst hatte sich in einer Cabine des Wohnraumes für die Mannschaft eingerichtet, eine Cabine, welche von dem zweiten Officier bewohnt gewesen wäre, wenn es einen solchen am Bord des »Pilgrim« gegeben hätte. Die Brigg-Goëlette machte ihre Fahrten aber, wie wir wissen, unter Umständen, welche die Dienstleistung eines zweiten Officiers überflüssig erscheinen ließen.

Die Mannschaft des »Pilgrim«, lauter gute und solide Seeleute, vereinigte die Gemeinsamkeit der Anschauungen und Gewohnheiten; dieses Jahr machten sie schon die vierte Fischerei-Saison mit einander durch. Als lauter Amerikaner aus dem Westen kannten sie sich schon seit langer Zeit und stammten auch Alle von derselben Küste Kaliforniens her.

Diese guten Leute benahmen sich sehr zuvorkommend gegen Mrs. Weldon, die Gattin ihres Rheders, für den sie eine unbegrenzte Ergebenheit an den Tag legten. Es erklärte sich das auch durch den Umstand, daß sie an den Erträgnissen des Schiffes selbst in hohem Maße betheiligt und bisher stets mit gutem Erfolge gefahren waren. Wenn ihre geringe Anzahl auch für jeden Einzelnen eine erhöhte Arbeit mit sich brachte, so steigerte sich eben dadurch auch der Antheil eines Jeden bei Abschluß der Rechnung nach vollendeter Saison. Für diesmal freilich stand ihnen so gut wie gar kein Ueberschuß in Aussicht, weshalb sie gewiß mit Recht den Spitzbuben aus Neu-Seeland gründlich zürnten.

Ein einziger Mann unter Allen an Bord war nicht von amerikanischer Herkunft. Portugiese von Geburt, doch der englischen Sprache vollkommen mächtig, nannte er sich Negoro und versah die bescheidene Function eines Kochs der Brigg-Goëlette.

Es war ein schweigsamer Mann.

Es war ein schweigsamer Mann.

Da der frühere Koch des »Pilgrim« in Auckland desertirte und jener Negoro gerade ohne Stellung war, so bot er sich zu diesem Dienste an. Von Natur schweigsam und wenig mittheilsam, hielt er sich meist sehr zurückgezogen, that in seinem Fache jedoch seine Schuldigkeit. Mit seinem Engagement schien Kapitän Hull einen glücklichen Griff gethan zu haben, und seit seiner Einschiffung hatte der Küchenvorstand wirklich noch niemals Ursache zum Tadel gegeben.

Immerhin bedauerte Kapitän Hull, sich vorher aus Mangel an Zeit nicht näher nach seiner Vergangenheit erkundigt zu haben. Sein Gesicht oder vielmehr sein Blick sagte ihm gar nicht besonders zu, und wenn es sich darum handelt, einen völlig Unbekannten in den so beschränkten und sich stets nahe berührenden Kreis an Bord eines Schiffes aufzunehmen, sollte man niemals versäumen, sich über dessen Antecedentien möglichst eingehend zu unterrichten.

Negoro mochte vierzig Jahre zählen. Mager, nervös, von mittlerer Statur, tiefbrünett von Haar und stark sonnenverbrannt schien er sehr kräftiger Constitution zu sein. Handelte er nach irgend welchen Instructionen? Ja, wenigstens deuteten darauf wiederholt einzelne abgerissene Aeußerungen hin, welche er wohl aus Versehen fallen ließ. Uebrigens sprach er nie von seiner Vergangenheit und erwähnte von seiner Familie keine Silbe. Woher er kam, wo er gelebt – Niemand konnte das errathen. Welche Zukunft ihm bevorstand, vermochte man ebensowenig zu muthmaßen. Er gab nur seine Absicht kund, in Valparaiso an's Land zu gehen. Unzweifelhaft hatte man es mit einem eigenthümlichen Menschen zu thun. Seemann schien er auf keinen Fall zu sein, denn Alles, was zur Marine in Bezug stand, erschien ihm fremder, als man es sich von einem Schiffskoch versieht, der ja zu nicht geringem Theile sein Leben auf dem Meere zubringt.

Im Ganzen sah man ihn sehr wenig. Tagsüber hielt er sich in der kleinen Küche auf, deren gußeiserne Kochmaschine den größten Theil des Raumes daselbst einnahm. Löschte er mit einbrechender Nacht sein Feuer, so suchte Negoro die ihm angewiesene Lagerstätte in dem Schlafraume der Schiffsbesatzung auf, legte sich sofort nieder und schlief ein.

Wir erwähnten schon oben, daß die Mannschaft des »Pilgrim« aus fünf Matrosen und einem Leichtmatrosen bestand.

Dieser junge Mann von beiläufig fünfzehn Jahren war von gänzlich unbekannter Herkunft. Von seiner Geburt an verlassen, war das arme Wesen durch öffentliche Mildthätigkeit erhalten und erzogen worden.

Dick Sand – so hieß er – stammte offenbar aus dem Staate New-York und jedenfalls aus der Hauptstadt desselben.

Den Vornamen Dick – eine Abkürzung von Richard – hatte man der armen Waise beigelegt, weil das der Name des mitleidigen Fremden war, der ihn zwei bis drei Stunden nach seiner Geburt aufnahm. Den Zunamen Sand erhielt er zur Erinnerung an die Stelle, auf der er gefunden ward, nämlich an die Spitze von Sandy-Hook[11], welche an der Hudson-Mündung den Eingang zum Hafen von New-York bildet.

Auch nach dem vollendeten Wachsthum konnte Dick Sand wohl kaum die mittlere Größe überschreiten, doch schien er von kräftiger Constitution zu sein. Seine Erscheinung verrieth deutlich den angelsächsischen Ursprung. Braun von Haar, besaß er doch herrliche blaue Augen, deren Krystall in hellem Feuer leuchtete. Seine intelligente Physiognomie athmete Lebenslust und Thatkraft. Es war nicht die eines Tollkühnen, wohl aber die eines »Wagenden«. Man citirt so häufig jene drei Worte aus einem Verse Virgil's:

Audaces fortuna juvat!

– doch man citirt sie falsch. Der Dichter hat richtiger gesagt:

Audentes fortuna juvat!

Die mit Vorbedacht »Wagenden«, nicht die »Wagehälse«, unterstützt das Glück. Der Tollkühne handelt unüberlegt. Der Wagende denkt zuerst und handelt dann. Hierin liegt der Unterschied.

Dick Sand war ein audens. Schon mit fünfzehn Jahren wußte er, wie man zu sagen pflegt, was er wollte, und führte unentwegt aus, was er einmal beschlossen hatte. Sein lebhaftes und doch ernstes Antlitz erregte unwillkürlich Jedermanns Aufmerksamkeit. Haushälterisch in Worten und Bewegungen, unterschied er sich dadurch merklich von den anderen Knaben seines Alters. In sehr jungen Jahren, wo man sonst an die Fragen des Lebens noch nicht heranzutreten pflegt, begriff er schon seine elende Lage und gelobte, »aus sich selbst heraus« etwas Ordentliches zu werden.

Er hatte Wort gehalten – er reiste schon zum Manne, wo Andere gewöhnlich noch Kinder sind. Gleichzeitig geschickt und eifrig in allen körperlichen Uebungen, gehörte Dick zu den bevorzugten Wesen, von denen man sagen kann, daß sie mit zwei linken Füßen und zwei rechten Händen geboren sind, so daß sie Alles mit der rechten Hand erfassen und nie mit dem unrechten Fuße aufstehen.

Durch öffentliche Mildthätigkeit war der kleine Waisenknabe also erzogen worden. Man hatte ihn erst in einem jener Rettungshäuser für Kinder untergebracht, in denen sich in Amerika stets ein Platz für die verlassenen Kleinen findet. Mit vier Jahren schon lernte Dick dann lesen, schreiben und rechnen in einer jener Freischulen des Staates New-York, welche durch freiwillige Beiträge so freigebig ausgestattet sind.

Mit acht Jahren trieb Dick seine von Anfang an ausgesprochene Vorliebe für das Meer hinaus; er trat als Schiffsjunge auf einem Oceanfahrer, der nach den südlichen Meeren segelte, ein. Dort bestand er seine erste Lehrzeit als Seemann, wie das eigentlich immer sein sollte, von frühestem Alter an. Nach und nach unterrichtete er sich unter der Anleitung von Officieren, die sich für den kleinen Kerl interessirten; der Schiffsjunge avancirte denn auch bald, jedenfalls in Erwartung weiterer Fortschritte, zum Leichtmatrosen. Ein Kind, welches von klein auf begreift, daß die Arbeit das Grundgesetz des Lebens ist, daß es sein Brot nur im Schweiße seines Angesichts verdienen kann – eine Lehre der Bibel, welche für die Menschheit zur Regel geworden ist – ein solches ist voraussichtlich zu großen Dingen ausersehen, denn ihm wird gegebenen Falles neben dem Willen zu solchen auch die Kraft der Ausführung nicht fehlen.

So befand sich Dick also als Leichtmatrose an Bord eines Kauffahrers, als Kapitän Hull auf ihn aufmerksam wurde. Der wackere Seemann faßte sofort eine aufrichtige Zuneigung zu dem guten Knaben und machte ihn später auch seinem Rheder James W. Weldon bekannt. Dieser empfand jedenfalls ein lebhaftes Interesse für die Waise, sorgte für Vollendung seiner Bildung in San-Francisco und ließ ihn in der katholischen Religion, der seine Familie angehörte, erziehen.

Im Laufe dieser Studien entwickelte sich in Dick Sand eine hervorragende Leidenschaft für die Geologie und Reisen, bis er das nöthige Alter erreichte, um den auf die Navigationslehre bezüglichen Theil der Mathematik betreiben zu können. Bei diesem theoretischen Theile seiner Ausbildung versäumte er auch nicht, sich praktisch zu vervollkommnen. Er schiffte sich also zum ersten Male als Leichtmatrose auf dem »Pilgrim« ein. Ein tüchtiger Seemann muß die Großfischerei eben so gut kennen wie die Schifffahrt auf offenem Meere. Es gewährt das eine gute Vorbereitung für alle Zufälligkeiten, welche die Seecarrière mit sich führt; dazu diente Dick Sand ja auf einem Fahrzeuge James W. Weldon's, seines Wohlthäters, welches sein Beschützer, Kapitän Hull, befehligte. Die Verhältnisse gestalteten sich also für ihn so günstig wie möglich. Es wäre überflüssig, hier besonders hervorzuheben, wie weit seine dankbare Ergebenheit für die Familie Weldon ging; es wird das besser aus seinen Thaten hervorgehen. Der Leser begreift aber, wie glücklich er darüber war, zu hören, daß Mrs. Weldon den »Pilgrim« zur Heimreise benützen werde. Mrs. Weldon war ihm mehrere Jahre lang eine zweite Mutter, der kleine Jack ein jüngerer Bruder gewesen, was ihn trotzdem aber nie seine eigenen Verhältnisse gegenüber dem Sohne des reichen Rheders außer Augen setzen ließ. Indeß seine Beschützer wußten das recht wohl – das gute Samenkorn, welches sie gelegt, war auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Dankbarkeit schwellte das Herz des verwaisten Knaben und hätte er selbst sein Leben für Diejenigen lassen sollen, denen er es verdankte, etwas Tüchtiges für das Leben und auch Gott lieben gelernt zu haben, er hätte gewiß keinen Augenblick gezögert. Mit einem Wort, in einem Alter von fünfzehn Jahren zu handeln wie ein Mann von Dreißig, das war alles in allem der kleine Dick Sand.

Mrs. Weldon kannte den Werth ihres Schützlings recht gut; ihm konnte sie ohne Unruhe den kleinen Jack anvertrauen. Dick Sand liebte dieses Kind, welches sich in der Empfindung der Zuneigung seines »größeren Bruders« Letzterem gern anschloß. Während jener häufigen Mußestunden unter einer längeren Reise bei gutem Wetter, wo die einmal gestellten Segel keiner Aufsicht und Veränderung bedürfen, sah man Dick und Jack fast stets beisammen. Der junge Leichtmatrose zeigte dem Knaben Alles, von dem er glaubte, daß es für ihn von Interesse sein könne.

Mrs. Weldon sah es ohne Furcht, wenn Jack in Begleitung Dick Sand's die Wanten (Strickleitern) hinaufkletterte, auf der Mars (Mastkorb) des Fockmastes stand oder auf der Bramstenge ritt und zuletzt an den Pardunen oder Stagen wie ein Pfeil herabglitt. Dick Sand hielt sich dabei immer dicht vor oder hinter ihm, bereit, ihn zu halten oder zu unterstützen, wenn seine fünfjährigen Aermchen bei solchen Uebungen erlahmten. Dem kleinen Jack bekamen diese Anstrengungen recht gut; hatte die Krankheit ihm die Rosen von den Wangen gestohlen, so erblühten ihm diese, Dank dieser täglichen Gymnastik und den stärkenden Brisen des Oceans, an Bord des »Pilgrim« von Neuem; so lagen also die Verhältnisse. Die Ueberfahrt ging im Ganzen recht leidlich von Statten, und wäre die Windrichtung ein wenig günstiger gewesen, so hätten weder die Passagiere noch die Mannschaft des »Pilgrim« Grund zu irgend welcher Klage gehabt.

Immerhin machte der stetig anhaltende Westwind dem Kapitän doch einige Sorge, da er ihn verhinderte, den richtigen kürzesten Weg einzuhalten. Nahe dem Wendekreise des Steinbockes, fürchtete er, ganz auf hemmende Windstillen zu kommen, ohne von dem Aequatorstrome zu reden, der ihn unwiderstehlich nach Westen verschlagen mußte. Er beunruhigte sich also, vorzüglich um Mrs. Weldon's Willen, nicht wenig wegen dieser Verzögerungen, an denen er doch völlig unschuldig war. Auch dachte er schon daran, für den Fall des Begegnens eines Transatlantischen Dampfers nach Amerika der reisenden Dame den Rath zu ertheilen, sich auf diesem einzuschiffen. Zum Unglück wurde er aber in viel zu hohen Breiten zurückgehalten, um einen jener Steamer nach Panama zu kreuzen, und übrigens waren die Verbindungen über den Pacifischen Ocean zwischen Australien und der neuen Welt damals noch nicht so häufig wie heutzutage.

Man mußte also Alles der Gnade des Höchsten anheimstellen und es gewann schon den Anschein, als sollte nichts diese eintönige, lange Ueberfahrt unterbrechen, als sich, eben an jenem 2. Februar und unter der zu Anfang dieser Erzählung angegebenen Länge und Breite, ein erster Zwischenfall ereignete.

Dick Sand und Jack hatten gegen neun Uhr Morgens bei herrlichem klaren Wetter sich auf dem Fockmast ein Plätzchen gesucht. Von hier aus übersahen sie sowohl das ganze Schiff als auch den Ocean in weitem Umkreise. Nach rückwärts war der Horizont ihren Blicken nur durch den Großmast, der eine Brigantine und Oberbramsegel trug, verdeckt. Nach vorn sahen sie das Bugspriet, mit seinen drei scharf beigehaltenen Focksegeln, die sich drei großen, ungleichen Flügeln ähnlich vor ihnen ausspannten. Unter ihnen ragte die Bramraae nach beiden Seiten weit hinaus, über ihnen das Unter- und Obermarssegel, deren Saum mit den Seisingen bei dem frischen Wind gegen die Raaen schlug. Die Brigg-Goëlette lief also mit Backbordhalsen und segelte so dicht als möglich am Winde.

Dick Sand erklärte Jack, wie der gut geladene und sorgsam im Gleichgewicht gehaltene »Pilgrim« trotz der jetzt ziemlich starken Neigung nach Steuerbord nicht kentern könne, als der kleine Knabe ihn unterbrach.

»Was sehe ich doch dort draußen? sagte er.

– Du siehst etwas, Jack? fragte Dick Sand, indem er sich auf der Raae kerzengerade erhob.

– Ja wohl, dort!« bestätigte Jack und zeigte nach einer Stelle des Meeres, wo zwischen den Stagen des Fockmastes und neben dem Klüverfocksegel die Aussicht offen war.

Dick Sand blickte aufmerksam nach dem bezeichneten Punkte und rief bald mit lauter Stimme:

»Eine Seetrift, vor Steuerbord unter dem Winde!«

Drittes Capitel.
Die Seetrift.

Auf den Ruf Dick Sand's war sofort die ganze Besatzung auf den Füßen; die Mannschaften, welche gerade keine Wache hatten, kamen nach dem Verdeck. Kapitän Hull verließ seine Cabine und begab sich nach dem Vordertheil.

Mrs. Weldon, Nan, selbst der sonst so indifferente Vetter Benedict lehnten auf dem Barkholz des Steuerbords, um die durch den jungen Leichtmatrosen signalisirte Seetrift aufzusuchen.

Nur Negoro verblieb in der ihm als Küche dienenden Cabane und schien von der ganzen Besatzung der Einzige zu sein, für den eine Seetrift kein besonderes Interesse hatte.

Alle schauten mit Aufmerksamkeit nach dem schwimmenden Gegenstande, den die Wellen etwa drei (englische) Meilen vor dem Pilgrim auf und ab schaukelten.

»He, was könnte das wohl sein? fragte einer der Matrosen.

– Gewiß ein verlassenes Floß! antwortete ein Anderer.

– Vielleicht befinden sich auf diesem Floß noch unglückliche Schiffbrüchige? bemerkte Mrs. Weldon.

– Das werden wir bald wissen, erwiderte Kapitän Hull, doch jene Seetrift ist kein Floß, das ist ein auf der Seite liegender Schiffsrumpf...

Dick und Jack sah man fast stets beisammen.

Dick und Jack sah man fast stets beisammen.

– O, sollte es nicht vielmehr ein Seethier sein, etwa ein Wassersängethier von gewaltigem Umfange? ließ sich Vetter Benedict vernehmen.

– Das glaube ich nicht, erwiderte der Leichtmatro se.

– Und wofür hältst Du es denn, Dick? fragte Mrs. Weldon.

– Für ein gekentertes Schiff, wie der Kapitän, Mistreß. Ich glaube sogar die Verkupferung in der Sonne glänzen zu sehen.

– Wahrhaftig... das scheint so...« bestätigte Kapitän Hull. Dann wandte er sich an den Untersteuermann.

»Das Steuer in den Wind, Bolton; laß um ein Viertel abfallen, um nach dem Wrack zuzutreiben.

– Ja, Herr Kapitän, antwortete der Mann am Ruder.

– Ich bleibe aber doch bei meiner Ansicht, wiederholte Vetter Benedict; das ist ohne Zweifel ein Seethier.

– Das müßte ein kupferbeschlagener Walfisch sein, entgegnete Kapitän Hull, denn ich sehe ihn deutlich die Sonne widerspiegeln.

– Jedenfalls werden Sie zugeben, Vetter Benedict, meinte Mrs. Weldon, daß diese Catacee todt wäre, denn sie macht augenscheinlich nicht die geringste Bewegung.

– Ei, Cousine Weldon, widersprach ihr der starrsinnige Vetter Benedict, das wäre auch nicht das erste Mal, daß man einen Walfisch auf der Meeresoberfläche schlafend anträfe.

– Ganz richtig, sagte Kapitän Hull, doch in unserem Falle handelt es sich nicht um einen Walfisch, sondern um ein Fahrzeug.

– Das werden wir erst sehen, meinte Vetter Benedict, der übrigens alle Wassersäugethiere der arktischen und antarktischen Meere für ein einziges seltenes Insect gern hingegeben hätte.

– Steuere scharf darauf zu, Bolton! rief der Kapitän nochmals, doch laufe die Trift nicht an, sondern eine Kabellänge daran vorbei. Können wir jenem Rumpfe auch keinen großen Schaden thun, so könnten wir dabei doch eine Havarie erleiden und ich möchte die Flanken des »Pilgrim« keinem solchen Stoße aussetzen. Luv' etwas an, Bolton, luv' an!«

Der »Pilgrim«, der bis jetzt direct auf das Wrack zuhielt, ward durch eine leichte Bewegung des Steuers ein wenig abgelenkt.

Die Brigg-Goëlette befand sich jetzt etwa noch eine Meile von der Trift entfernt. Neugierig betrachteten sie alle Matrosen. Vielleicht barg sie eine werthvolle Ladung, welche man auf den »Pilgrim« herüber schaffen konnte? Bekanntlich gehört der dritte Theil solch' geborgener Güter den Rettern derselben, und im Falle, daß jene Ladung nicht havarirt war, hätten die Mannschaften noch zuletzt, wie man sagt, eine »gute Hochfluth« gemacht. Das wäre doch noch ein Trost gewesen nach dem kläglichen Fischzuge.

Eine Viertelstunde später tanzte die Seetrift kaum eine halbe Meile von dem »Pilgrim« auf und ab.

Es war wirklich ein Fahrzeug, dessen Steuerbord nach außen und oben lag. Gekentert bis zur niederen Schanzkleidung, hätte man sich auf seinem Deck schwerlich zu halten vermocht. Von seiner Bemastung sah man so gut wie nichts mehr. An den Jungfern hingen noch einige gesprengte Taue und die zerrissenen Pardunen der Eselsköpfe. An der Steuerbordwand gähnte eine weite Oeffnung zwischen dem Rippenwerk und den eingestoßenen Planken.

»Dieses Schiff ist angesegelt worden, rief Dick Sand.

– Das ist nicht zu bezweifeln, entgegnete Kapitän Hull, doch bleibt es ein Wunder, daß es nicht sofort gesunken ist.

– Wenn hier ein Zusammenstoß stattfand, bemerkte Mrs. Weldon, so darf man wohl hoffen, daß die Mannschaften dieses Schiffes von dem anderen, welches dasselbe übersegelte, aufgenommen wurden.

– Ja, wir wollen das hoffen, Mistreß Weldon, belehrte sie der Kapitän Hull, wenn die Leute nicht auf ihren eigenen Booten Rettung gesucht haben, im Falle das andere Schiff nach der Collision seinen Kurs sogleich fortsetzte – was leider dann und wann vorkommt!

– Wäre es möglich! Ein solcher Beweis grausamster Unmenschlichkeit, Herr Hull!

– Ja, Mistreß Weldon, – es ist, Gott sei es geklagt, so wie ich Ihnen sage!

– Bezüglich der Besatzung des Schiffes wird meine Ansicht, daß sie dasselbe verlassen, noch dadurch bestärkt, daß ich kein einziges Boot mehr sehe, und wenn die Leute nicht doch etwa aufgenommen wurden, so möchte ich eher glauben, daß sie den Versuch gemacht haben, irgendwo an Land zu kommen. Freilich ist bei der ungeheuren Entfernung Amerikas und der Oceanischen Inseln kaum anzunehmen, daß ein solcher Versuch gelingen könne.

– Vielleicht, sagte Mrs. Weldon, wird der Schleier nie von diesem Geheimnisse gehoben! Immerhin wäre es möglich, daß sich noch Einer oder der Andere der Mannschaft an Bord befände.

– Das ist nicht wohl anzunehmen, Mistreß Weldon, erwiderte Kapitän Hull; unsere Annäherung wäre sicher schon bemerkt worden und man würde uns ein Signal geben. Doch wir wollen uns selbst überzeugen. Luv' an, Bolton, luv' an!« rief er dem Mann am Steuer zu, und wies mit der Hand nach der einzuschlagenden Richtung.

Nur drei Kabellängen von dem Wrack befand sich jetzt der »Pilgrim« und man konnte kaum noch zweifeln, daß dasselbe vollständig verlassen sei.

Eben da machte Dick Sand aber ein Zeichen mit der Hand, die Anderen zum Stillschweigen aufzufordern.

»Hört! Hört!« sagte er.

Jeder horchte gespannt.

»Mir schien, ich hörte ein Gebell!« rief Dick Sand.

Wirklich erscholl aus dem Innern des Schiffsrumpfes ein entferntes Bellen. Darin befand sich also ohne Zweifel ein noch lebender Hund, der wohl eingesperrt sein mochte, denn möglicher Weise waren die Luken hermetisch geschlossen. Letztere konnte man noch nicht sehen, weil das Verdeck des verunglückten Fahrzeuges nach der anderen Seite gewendet lag.

»Und wäre auch nur ein Hund darauf, Herr Hull, erklärte Mrs. Weldon, so werden wir diesen retten!

– Ja.... ei ja!.... rief der kleine Jack erfreut.... den wollen wir retten!.... Ich werde ihm zu fressen geben.... ach, er wird uns so lieb haben.... Mama, wart', ich will ihm ein Stückchen Zucker holen!...

– Bleib' nur hier, mein Kind, antwortete Mrs. Weldon lächelnd. Ich glaube eher, das arme Thier wird dem Hungertode nahe sein und eine gute Pastete Deinem Stückchen Zucker vorziehen.

– Nun wohl, so gebe man ihm meine Suppe, rief der kleine Jack schnell entschlossen, ich werde sie entbehren können!«

Jetzt ließ sich das Bellen deutlicher vernehmen. Nur dreihundert Schritte trennte die beiden Fahrzeuge. Fast gleichzeitig erschien ein großer Hund über der Schanzkleidung des Steuerbords, an der er sich anklammerte, während er heftiger bellte als je zuvor.

»Howik, wandte sich Kapitän Hull an den Quartiermeister des »Pilgrim«, laß beilegen und das kleine Boot aussetzen.

– Halt aus, mein Hund, halt aus!« rief der kleine Jack dem Thiere zu, das ihm durch halbgedämpftes Bellen zu antworten schien.

Das Segelwerk des »Pilgrim« wurde sofort so gerichtet, daß das Schiff auf eine halbe Kabellänge von dem Wrack ziemlich unbeweglich stehen blieb.

Das Boot ward klar gemacht und Kapitän Hull, Dick Sand nebst zwei Mann nahmen darin Platz.

Noch immer bellte der Hund. Er versuchte sich am Barkholz festzuhalten, kletterte aber immer wieder auf das Verdeck herab. Man konnte glauben, daß sein Gebell sich nicht allein an Diejenigen richte, welche er auf sich herankommen sah. Galt es also vielleicht doch etwaigen Passagieren und Matrosen in dem gekenterten Rumpfe?

»Sollte sich an Bord doch noch ein überlebender Schiffbrüchiger vorfinden?« fragte sich Mrs. Weldon.

Nach wenigen Ruderschlägen langte das Boot an dem auf der Seite liegenden Rumpfe an.

Plötzlich aber veränderte sich das ganze Benehmen des Hundes.

Auf sein erstes Anschlagen, welches Rettung und Hilfe anzulocken schien, folgte ein wüthendes Bellen. Offenbar schäumte das Thier in heftigem Zorn.

»Was mag der Hund nur haben!« sagte Kapitän Hull, während das Boot um das Hintertheil des Schiffes herumfuhr, um an dem unter Wasser liegenden Theil des Verdeckes anzulaufen.

Kapitän Hull sowohl konnte bemerken, wie man es auch an Bord des »Pilgrim« selbst gewahr wurde, daß die Wuth des Hundes plötzlich ausbrach, als Negoro seine Küche verließ und sich nach dem Verdeck begab.

Kannte der Hund den Koch schon und erkannte er ihn etwa wieder? Das war doch kaum anzunehmen.

Inzwischen hatte das Boot den Stern des Fahrzeugs passirt. Letzteres trug an demselben nur den Namen: »Waldeck«.

»Waldeck«, aber keinen Namen eines Heimathafens. Aus der Bauart des Rumpfes und anderer gewissen Details, welche das Auge eines Seemannes sogleich wahrnimmt, hatte Kapitän Hull mit Sicherheit erkannt, daß das Schiff von amerikanischer Construction war. Sein Name bestätigte übrigens diese Voraussetzung. Und jetzt – war dieser unbehilfliche Rumpf das Einzige, was von einer großen Brigg von fünfhundert Tonnen übrig war.

Am Vordertheil des »Waldeck« bezeichnete ein großes Leck die Stelle, an der ein Zusammenstoß stattgefunden hatte. In Folge des Umschlagens des Rumpfes blieb diese Oeffnung fünf bis sechs Fuß über Wasser, wodurch es sich erklärte, daß die Brigg nicht weiter sank.

Auf dem Verdeck, welches der Kapitän nun vollständig übersehen konnte, befand sich Niemand.

Der Hund hatte die Schanzkleidung verlassen und glitt bis nach der offenstehenden großen Luke, von wo er bald nach außen, bald nach dem inneren Schiffsraume hin bellte.

»Das Thier ist sicher nicht allein an Bord! meinte Dick Sand.

– Nein, gewiß nicht!« bemerkte auch der Kapitän.

Das Boot fuhr nun längs dem fast halb versenkten Barkholze des Backbords hin. Bei einem einigermaßen starken Seegange wäre der »Waldeck« unzweifelhaft binnen wenig Augenblicken versunken.

Das Verdeck der Brigg erschien wie abgefegt von einem Ende zum anderen. Vom Großmast und dem Fockmast standen nur noch Stümpfe, da beide etwa zwei Fuß unter der Mars abgebrochen waren und bei ihrem Sturze die Wanten, die Puddings und überhaupt die Takellage mit sich gerissen hatten. Soweit indeß das Auge reichte, konnte man keinerlei Seetrift weiter in der Nähe des »Pilgrim« entdecken, was darauf hinzudeuten schien, daß die Katastrophe sich schon vor mehreren Tagen ereignet haben mußte.

»Sind bei dieser Katastrophe wirklich einige Unglückliche mit dem Leben davon gekommen, so dürfte sie der Hunger oder der Durst schon getödtet haben, denn in der Kambüse kann kein Wasser mehr sein. Wir werden an Bord also kaum etwas Anderes als Leichname antreffen!

– Nein, widersprach ihm lebhaft Dick Sand, der Hund würde nicht in dieser Weise bellen; hier sind noch lebende Wesen!«

Wie als Antwort auf die Behauptung des Leichtmatrosen glitt der Hund in's Meer hinab und schwamm mühsam auf das Boot zu, denn er schien völlig erschöpft zu sein.

Man nahm ihn auf und er stürzte sich nicht auf ein Stück Brot, das Dick Sand ihm zunächst anbot, sondern auf einen Eimer, der ein wenig Süßwasser enthielt.

»Das arme Thier stirbt fast vor Durst!« rief Dick Sand.

Das Boot suchte nun eine geeignete Stelle, um bequem am »Waldeck« anlegen zu können, und entfernte sich zu diesem Zwecke auf einige Faden. Der Hund schien jedenfalls anzunehmen, daß seine Retter nicht an Bord gehen wollten, denn er packte Dick an der Jacke und sein klägliches Bellen erscholl von Neuem mit gewachsener Kraft.

Man verstand ihn. Seine Pantomime, seine Sprache waren eben so deutlich, wie es die eines Menschen nur hätten sein können. Das Boot glitt noch bis zu den Ankerbalken des Backbords. Dort legten es die beiden Matrosen fest an, während Kapitän Hull und Dick Sand gleichzeitig mit dem Hunde das Verdeck bestiegen und sich nicht ohne Mühe bis zu der Luke zwischen Fock- und Großmast hinarbeiteten.

Durch diese Luke drangen Beide in den Raum ein.

Der mit Wasser halb gefüllte Raum des »Waldeck« enthielt keinerlei Waaren. Die Brigg segelte also unter Ballast – ein Ballast von Sand, der sich nach Backbord hin gesenkt hatte und dazu beitrug, das Schiff auf der Seite zu halten. Hier war demnach nichts zu bergen und zu retten.

»Niemand hier! rief Kapitän Hull.

– Niemand!« antwortete der Leichtmatrose, der bis zum Vordertheil des Raumes gegangen war.

»So steigen wir wieder hinauf!« sagte der Kapitän.

Beide erschienen wieder auf dem Deck.

Da lief der Hund auf sie zu und suchte sie nach dem Oberdeck zu locken.

Sie folgten ihm.

Dort am Carré lagen fünf Körper – ohne Zweifel fünf Leichname – auf dem Fußboden.

Kapitän Hull erkannte bei der Beleuchtung, welche die kleine Lichtöffnung gewährte, die Körper von fünf Negern.

Dick Sand lief von dem Einem zu dem Anderen und glaubte zu bemerken, daß sie noch athmeten.

»An Bord! An Bord mit ihnen!« befahl Kapitän Hull. Die beiden im Boote zurückgebliebenen Matrosen wurden herbeigerufen und halfen die Schiffbrüchigen aus dem Oberdeck herausschaffen.

Das ging zwar nicht ohne Mühe, doch zwei Minuten später lagen die fünf Schwarzen schon im Boote, ohne daß sie das Geringste von ihrer Rettung bemerkten. Eine kleine Herzstärkung und etwas vorsichtig eingeflößtes Wasser konnte sie vielleicht in's Leben zurückrufen.

Der »Pilgrim« hielt sich in einer halben Kabellänge von dem Wrack und bald stieß das Boot wieder an das Schiff. Von der großen Raae ward ein Jölltau herabgelassen, mit dem man die leblosen Schwarzen emporhißte und sie auf dem Verdeck des »Pilgrim« bequem niederlegte.

Der Hund hatte sie begleitet.

»Ach, diese Unglücklichen! rief Mrs. Weldon aus, als sie die armen Menschen sah, welche als bewegungslose Körper vor ihr lagen.

– Sie leben, Mistreß Weldon! Wir retten sie! Ja, wir werden sie retten, jubelte Dick Sand.

– Was ist ihnen denn zugestoßen? fragte Vetter Benedict.

– Warten Sie, bis sie sprechen können, erwiderte Kapitän Hull, sie werden dann ihre Geschichte erzählen. Vor Allem wollen wir versuchen, ihnen etwas Wasser beizubringen, dem einige Tropfen Rum zugesetzt werden können.«

Dann wendete er sich um:

»Negoro!« rief er.

Bei diesem Namen sprang der Hund mit sich sträubendem Haar und halb offener Schnauze in die Höhe.

Der Küchenmeister erschien auf den ersten Anruf nicht.

»Negoro!« wiederholte Kapitän Hull.

Der Hund gab von Neuem Zeichen der Wuth.

Negoro trat aus der Küche heraus.

Kaum erschien er auf dem Deck, als der Hund sich auf ihn stürzte und ihn an der Kehle zu packen suchte.

Nur durch einen Schlag mit dem Schüreisen, das er schon deshalb mitgenommen zu haben schien, konnte er sich des Thieres erwehren, das einige Matrosen zu bändigen sich bemühten.

»Kennt Ihr diesen Hund? fragte Kapitän Hull den Küchenmeister.

– Ich? erwiderte Negoro, ich hab ihn noch nie gesehen.

– Das sieht wirklich eigenthümlich aus!« murmelte Dick Sand.

Viertes Capitel.
Die Ueberlebenden des »Waldeck«.

Noch immer blüht in großem Maßstabe der Menschenhandel an den äquinoctialen Küsten Afrikas.

Kannte der Hund den Koch?

Kannte der Hund den Koch?

Trotz der englischen und französischen Kreuzer verlassen noch jährlich mit Sklaven befrachtete Schiffe den Strand von Angola und von Mozambique, um die Neger nach verschiedenen Punkten der Erde, leider muß man genauer sagen, der civilisirten Welt zu schaffen.

Der Hund schwamm mühsam auf das Boot zu.

Der Hund schwamm mühsam auf das Boot zu.

Dem Kapitän Hull war das recht wohl bekannt.

Obwohl diese Gegenden des Oceans weit seltener von Menschenschacherern besucht werden, legte er sich doch die Frage vor, ob die Schwarzen, welche zu retten ihm soeben vergönnt gewesen, nicht zu einer »Ladung Sklaven« gehört hätten, die der »Waldeck« nach irgend einer Ansiedelung am Stillen Oceane überzuführen im Begriff war. Selbst in diesem Falle erlangten die Schwarzen jedoch allein schon dadurch ihre Freiheit, daß sie den Fuß auf sein Schiff gesetzt hatten, und es drängte ihn wirklich, jenen diese Mittheilung zu machen.

Inzwischen ließ man den armen Schiffbrüchigen vom »Waldeck« die sorgfältigste Pflege zu Theil werden. Mrs. Weldon flößte ihnen, unterstützt von Nan und Dick Sand, ein bischen erquickendes, frisches Wasser ein, das denselben gewiß schon manche Tage fehlte, und in Verbindung mit einer Kleinigkeit Nahrung genügte dieses, sie in's Leben zurückzurufen.

Der älteste der Neger – er mochte gegen sechzig Jahre zählen – war bald im Stande zu sprechen und antwortete in englischer Sprache auf die an ihn gerichteten Fragen.

»Euer Schiff ist in Collision mit einem anderen gewesen? fragte zuerst Kapitän Hull.

– Ja, erwiderte der alte Neger. Vor zehn Tagen erlitt unser Segler in tief dunkler Nacht einen Zusammenstoß. Wir schliefen...

– Aber die Leute vom »Waldeck«? Was ward aus ihnen?

– Sie waren nicht mehr da, Herr, als wir auf das Deck des Schiffes kamen.

– Die Besatzung hat sich also wohl an Bord des Fahrzeugs retten können, das an den »Waldeck« stieß? fragte Kapitän Hull weiter.

– Vielleicht, wir möchten das wenigstens hoffen.

– Und nach dem Zusammenstoß kehrte das andere Schiff nicht zurück, Euch aufzunehmen?

– Nein.

– Ist es etwa selbst gesunken?

– Gesunken ist es nicht, entgegnete der alte Neger, denn wir sahen es noch durch die Nacht dahinsegeln.«

Diese von allen Ueberlebenden des »Waldeck« bestätigte Thatsache könnte fast unglaublich erscheinen. Doch ist es leider nur zu wahr, daß manche Kapitäne nach einer durch ihre Unvorsichtigkeit herbeigeführten Collision entflohen sind, ohne sich um die Unglücklichen zu kümmern, welche sie dem Verderben preisgaben, ohne einen Versuch zu deren Rettung zu unternehmen!

Mögen es die Kutscher so machen, die Sorge für Jemand, den sie auf offener Straße beschädigten, Anderen zu überlassen, obwohl auch schon das verdammenswerth genug ist. Wenigstens sind ihre Opfer doch einer meist augenblicklichen Hilfe sicher. Daß aber Menschen andere Menschen auf offenem Meere ebenso herzlos verlassen, das ist nicht zu glauben, das ist eine Schande!

Kapitän Hull kannte indessen mehrfache Beispiele solcher grausamen Unmenschlichkeit und mußte Mrs. Weldon belehren, daß solche Vorkommnisse, so entsetzlich sie auch seien, leider doch nicht allzu selten wären.

Dann fuhr er fort:

»Woher kam der »Waldeck«?

– Von Melbourne.

– Ihr seid also keine Sklaven?...

– O nein, Herr, erwiderte schnell der alte Neger, indem er sich seiner ganzen Größe nach aufrichtete. Wir sind Einwohner von Pennsylvanien und freie Bürger Amerikas!

– Glaubt nicht, Ihr guten Leute, beruhigte ihn Kapitän Hull, daß Eure Freiheit gefährdet sein könne, wenn Ihr an Bord der amerikanischen Brigg »Pilgrim« tretet!«

Die fünf Neger aus dem »Waldeck« gehörten in der That nach Pennsylvanien. Der älteste von ihnen, der in Afrika im Alter von sechs Jahren verkauft und nach den Vereinigten Staaten geschafft worden war, hatte schon seit vielen Jahren, seit der Emancipationsacte, seine Freiheit erlangt. Die Anderen, alle noch weit jüngere Genossen desselben, waren als Söhne von befreiten Sklaven schon von Kindheit an frei geworden oder frei geboren und kein Weißer hatte jemals irgend ein Anrecht auf sie gehabt. Sie sprachen nicht einmal jenes »Neger-Idiom«, welches keinen Artikel und das Zeitwort nur im Infinitiv anwendet – ein Dialect, welcher mehr und mehr, vorzüglich seit dem letzten Bürgerkriege, verschwindet. Die Schwarzen hatten also die Vereinigten Staaten freiwillig verlassen und kehrten freiwillig dahin zurück.

Wie sie dem Kapitän Hull ferner mittheilten, waren sie bei einem Engländer, der in der Nähe von Melbourne, im südlichen Australien, eine große Besitzung bewirthschaftete, als Arbeiter engagirt gewesen. Durch dreijährige Dienste erwarben sie sich dort einen hübschen Nothpfennig und wollten jetzt, nach Ablauf ihres Engagements, nach Amerika zurückkehren.

Sie hatten sich zu dem Zwecke auf dem »Waldeck« eingeschifft und ihre Ueberfahrt so gut wie jeder andere Passagier bezahlt. Am 5. December verließen sie Melbourne und siebzehn Tage später wurde der »Waldeck« in stockfinsterer Nacht von einem großen Steamer umgefahren.

Die Neger lagen damals im Schlafe. Wenige Secunden nach dieser fürchterlichen Collision stürzten sie schon auf das Deck.

Die Masten waren abgebrochen und der »Waldeck« legte sich mehr und mehr auf die Seite; doch er sollte nicht versinken, denn das Wasser drang nur in mäßiger Menge in dessen Raum ein.

Kapitän und Mannschaft des »Waldeck« waren Alle verschwunden, mochten sie nun in's Meer gestürzt sein oder sich an der Takelage des anstoßenden Schiffes angehalten haben, welches nach der Collision entfloh, um nie wiederzukehren.

So blieben die fünf Schwarzen auf einem halb umgeschlagenen Schiff, eintausendzweihundert Meilen von jedem Land entfernt, zurück.

Der älteste dieser Neger nannte sich Tom. Bei seinem Alter war sowohl sein energischer Charakter, als auch seine Erfahrung während eines langen Lebens voller Arbeit auf die Probe gestellt worden, was ihn zum natürlichen Bormann der mit ihm zugleich engagirten Leute machte.

Die anderen Schwarzen, welche Alle nur fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zählten, hießen Bat (abgekürzt von Bartholomäus), der Sohn des alten Tom, Austin, Acteon und Herkules, erfreuten sich eines kräftigen Körperbaues und guter Constitution und hätten auf den Märkten des centralen Afrikas gewiß einen hohen Preis erzielt. Obwohl sie entsetzlich zu leiden gehabt hatten, erkannte man sie doch mit Leichtigkeit als Angehörige jener lebenskräftigen Race, denen eine liberale Erziehung in den Schulen von Nord-Amerika schon ihren sichtbaren Stempel aufgedrückt hatte.

Tom und seine Begleiter hatten sich also auf dem »Waldeck« nach dem Zusammenstoß allein befunden, ohne die Möglichkeit, den schwerfälligen Rumpf wieder aufzurichten oder diesen verlassen zu können, da die beiden Rettungsboote zertrümmert und über Bord gespült waren. Sie mußten also die zufällige Begegnung eines anderen Schiffes abwarten, obwohl das Wrack durch die Trift, der es folgte, immer weiter verschlagen wurde. Dieser Umstand erklärte es, daß man ihm außerhalb seines Kurses begegnet war, denn auf der Fahrt von Melbourne hätte der »Waldeck« eigentlich unter weit höheren Breiten treiben müssen.

Während der zehn Tage zwischen der Collision und dem Erscheinen des »Pilgrim« in Sicht des verunglückten Schiffes hatten sich die fünf Schwarzen von einigen Vorräthen ernährt, die sie in der Speisekammer des Vorderdecks fanden. Da sie jedoch nicht zur Kambüse gelangen konnten, welche das Wasser vollkommen erfüllte, so fehlte ihnen jedes Mittel, ihren Durst zu stillen; so daß sie fürchterlich litten, da die Wassertonnen an Deck zerschlagen und weggerissen waren. Seit dem vorigen Tage hatten Tom und seine Begleiter vor brennendem Durst das Bewußtsein verloren, und es war wirklich die höchste Zeit, daß der »Pilgrim« zu ihrer Erlösung kam.

So lautete mit kurzen Worten Tom's Bericht an den Kapitän Hull. An der Wahrheitsliebe des alten Schwarzen durfte man wohl nicht zweifeln. Seine Genossen bestätigten übrigens Alles, was er gesagt, und die Umstände selbst sprachen ja schon genügend für die armen Leute.

Ein anderes auf dem Wrack befindliches lebendes Wesen hätte wohl mit derselben Aufrichtigkeit gesprochen, wenn ihm das Wort verliehen gewesen wäre.

Es war das der Hund, den der Anblick Negoro's auf so auffallende Weise erregt hatte. Hier lag eine wirklich unerklärliche Antipathie eines Thieres vor.

Dingo – so hieß der Hund – gehörte jener großen Race an, welche Neu-Holland eigenthümlich ist. Dennoch war er nicht in Australien in Besitz des Kapitäns vom »Waldeck« gekommen. Letzterer fand Dingo vor etwa zwei Jahren, vor Hunger dem Tode nahe, an der Westküste Afrikas, in der Nähe der Mündungen des Congo. Der Kapitän des »Waldeck« hatte das schöne Thier aufgenommen, welches sich nicht besonders anschloß und immer vielleicht einen früheren Herrn zu betrauern schien, von dem man es gewaltsam getrennt haben mochte, und den es unmöglich in dieser wüsten Gegend wieder finden konnte. – S V – diese beiden auf dem Halsbande eingravirten Buchstaben waren Alles, was auf die Vergangenheit des Thieres hinwies, die man wohl vergeblich zu entschleiern versucht hätte.

Dingo, ein kräftiges herrliches Thier, war größer als die Pyrenäenhunde, aber ein prächtiges Exemplar jener neuholländischen Race. Wenn er sich mit zurückgelegtem Kopfe aufrichtete, erreichte er die Höhe eines Menschen. Seine Gewandtheit und Kraft ließen es glauben, daß er Jaguare und Panther wohl ohne Zögern angegriffen hätte und auch selbst vor einem Bären nicht zurückgeschreckt wäre. Mit dichtem Felle versehen, den Schweif wohl ausgebildet mit einer Quaste, ähnlich der des Löwen, und im Allgemeinen von dunkelgelber Farbe, war Dingo nur an der Schnauze durch einige weiße Flecken gezeichnet. In der Wuth konnte das Thier fürchterlich werden, und es erscheint erklärlich, daß Negoro von dem ihm zu Theil gewordenen Empfange dieses respectablen Vertreters des Hundegeschlechts nicht besonders entzückt war.

Wenn sich Dingo auch nicht so sehr den Menschen anschloß, so konnte man ihn doch nicht bösartig nennen. Er schien vielmehr nur traurig zu sein. Der alte Tom hatte schon an Bord des »Waldeck« die Bemerkung gemacht, daß der Hund vorzüglich Schwarze nicht gern leiden mochte. Er suchte ihnen zwar nichts Böses zuzufügen, aber er floh sie, wo er konnte. Vielleicht hatte er an der afrikanischen Küste, an welcher er umherirrte, von den dortigen Eingebornen eine schlechte Behandlung erlitten. Trotzdem daß Tom und dessen Genossen ganz brave Leute waren, hatte er sich ihnen doch so gut wie nie genähert. Auch während der letzten zwölf auf dem »Waldeck« verbrachten Tage hielt er sich stets abseits, nährte sich, Keiner wußte wie, litt jedoch, ebenso wie die Anderen, schrecklich an Durst.

Das waren also alle überlebenden Wesen von jenem Wrack, welches der erste starke Wellenschlag sofort versenkt hätte. Ohne die unerwartete Ankunft des »Pilgrim«, den Windstillen und Gegenwinde in seinem Laufe gehindert hatten, so daß es Kapitän Hull möglich wurde, dieses Werk der Barmherzigkeit zu üben, hätte das Meer freilich nur noch Leichen verschlungen.

Jetzt galt es noch, die Schiffbrüchigen vom »Waldeck« nach ihrer Heimat zurückzuführen, sie, welche durch dieses Unglück den ganzen Ertrag eines dreijährigen Fleißes eingebüßt hatten. Das sollte denn auch geschehen. Der »Pilgrim« war ja nach Löschung seiner Ladung in Valparaiso bestimmt, längs der Küste Amerikas nach Kalifornien hinauszusegeln. Dort stand Tom und seinen Begleitern seitens James W. Weldon's gewiß ein herzlicher Empfang bevor – das versicherte wenigstens dessen edelmüthige Gattin – und sie durften hoffen, mit dem Nothwendigsten versehen zu werden, um nach Pennsylvanien zurückzugelangen.

Ueber ihre Zukunft außer Sorge, fühlten sich die wackeren Leute gegen Mrs. Weldon und Kapitän Hull zu größtem Dank verpflichtet. Gewiß schuldeten sie diesen Beiden viel, verzweifelten aber scheinbar nicht daran, sich dereinst dafür erkenntlich erweisen zu können.

Fünftes Capitel.
S. V.

Inzwischen setzte der »Pilgrim« seinen Kurs fort und suchte so weit als möglich nach Osten vorzudringen.

Dieses fast unwandelbare Fortdauern der Calmen erregte in Kapitän Hull doch allerlei Gedanken – nicht, daß er sich bei einer Fahrt nach Valparaiso wegen einer Verzögerung von einer oder zwei Wochen beunruhigt hatte, wohl aber wegen der größeren Anstrengungen, welche eine solche Verzögerung für die reisende Dame mit sich brachte.

Mrs. Weldon selbst beklagte sich indessen keineswegs, sondern faßte sich solchen Unbequemlichkeiten gegenüber in philosophischer Geduld.

Noch an demselben Tage, am 2. Februar, verlor man das Wrack aus dem Gesicht.

Kapitän Hull sorgte vor allen Dingen dafür, Tom und dessen Begleiter, so bequem als möglich unterzubringen. Die Schlafräume der Mannschaft, welche sich als Ruff auf dem Deck befanden, wären für Alle zu beschränkt gewesen. Man richtete für jene also einen Platz unter dem Vorderkastell ein. Die an harte Arbeit gewöhnten Leute konnten ja nicht besonders wählerisch sein und bei dem schönen Wetter, der milden Luft und dem heilsamen Seewinde erschien eine solche Wohnung auch als genügend, selbst für eine lange Ueberfahrt.

Das durch diese Zwischenfälle unterbrochene monotone Leben an Bord ging bald wieder seinen gewohnten Gang.

Inzwischen pflegte man die armen Schiffbrüchigen.

Inzwischen pflegte man die armen Schiffbrüchigen.

Tom, Austin, Bat, Acteon und Herkules hätten sich gewiß gern nützlich gemacht. Bei den stets gleich bleibenden Winden bedurften die Segel jedoch kaum einer besonderen Aufmerksamkeit und Bedienung.

Der kräftige Neger...

Der kräftige Neger...

Kam es jedoch darauf an, die Segelstellung zu ändern, so beeilten sich der alte Neger und seine Begleiter, der Mannschaft hilfreiche Hand zu leisten, und man muß gestehen, daß es sich recht fühlbar machte, wenn der kolossale Herkules bei einem solchen Manöver mithalf. Der kräftige, sechs Fuß hohe Neger wog allein eine ganze Rotte Seeleute auf.

Der kleine Jack sah diesen Riesen stets mit größtem Wohlgefallen. Er fürchtete sich vor ihm nicht im Geringsten, und wenn ihn Herkules wie eine Puppe auf seinen Armen schaukelte, so jubelte er immer hoch auf.

»Heb' mich recht hoch! rief der kleine Jack.

– So, nicht wahr, Herr Jack? erwiderte Herkules.

– Bin ich recht schwer?

– Ich fühle Dich ja gar nicht.

– Nun, also noch höher, so hoch Du kannst!«

Dann faßte Herkules mit seinen beiden Händen das Kind an den Beinen und spazierte mit demselben wie ein Akrobat im Circus umher. Jack fühlte sich groß, groß, und das war sein größtes Vergnügen. Er versuchte sogar, »sich schwer zu machen« – und doch wollte der Koloß ihn immer noch nicht fühlen.

Dick Sand und Herkules, das ergab also zwei Freunde des kleinen Jack. Er wußte sich aber bald auch noch einen Dritten zu erwerben.

Das war Dingo.

Wie erwähnt, gehörte Dingo zu den Hunden, welche sich nicht leicht an Jemand anschließen. Es mochte das daher rühren, daß die Gesellschaft auf dem »Waldeck« ihm nicht zusagte. Am Bord des »Pilgrim« lag die Sache anders. Jack vorzüglich wußte sich schnell mit ihm zu befreunden. Auch dieser schien eben so gern mit dem Knaben, wie letzterer mit dem Hunde zu spielen.

Dingo erwies sich bald, wie man es öfters bei großen Hunden findet, als Kinderfreund. Jack andererseits that ihm auch bestimmt nichts zu Leide. Sein größtes Vergnügen bestand darin, aus Dingo einen flotten Renner zu machen, und man muß wohl zugestehen, daß ein Pferd dieser Art doch einem solchen aus Leder, und wenn es auch Rollen an den Füßen hätte, weit vorzuziehen war. Jack galoppirte also mit dem Hunde umher, der sich das ruhig gefallen ließ, und in der That hatte Jack für ihn kein größeres Gewicht als ein Jockey für ein Rennpferd.

Doch welche Bresche legte er auch täglich in den Zuckervorrath der Kambüse!

Dingo war gar bald der Liebling der ganzen Mannschaft. Nur Negoro vermied nach wie vor mit demselben zusammenzutreffen, da das Thier ihm gegenüber noch immer dieselbe Antipathie bewahrte.

Der kleine Jack vernachlässigte inzwischen Dick Sand, den früheren Freund, keineswegs. Jede Stunde, welche der Dienst ihm freiließ, verbrachte der Leichtmatrose in Gesellschaft des kleinen Knaben.

Mrs. Weldon sah diese herzlichen Beziehungen zwischen Beiden mit größter Genugthuung.

Eines Tages, es war am 6. Februar, sprach sie über Dick Sand mit Kapitän Hull und dieser ertheilte dem jungen Leichtmatrosen das beste Lob.

»Jener Knabe, äußerte der Kapitän, wird einmal ein tüchtiger Seemann, dafür stehe ich ein! Er hat so die richtige Anlage für das Meer, und bei diesem Instincte, wenn ich so sagen darf, bemüht er sich auch noch, die theoretischen Kenntnisse für seinen Beruf nach Kräften zu vermehren. Der Reichthum seines Wissens ist für die kurze Zeit, die er darauf verwenden konnte, wahrhaft überraschend.

– Und ich füge aus Ueberzeugung hinzu, bemerkte Mrs. Weldon, daß er auch sonst ein ausgezeichneter junger Mensch ist, der seines Zieles bewußt und seinen Altersgenossen weit voraus ist, auch noch niemals, so lange wir ihn kennen, einen Vorwurf verdient hat.

– Gewiß, es ist ein prächtiges Kerlchen, bestätigte Kapitän Hull, der von Allen geachtet und geliebt wird.

– Ich weiß, fuhr Mrs. Weldon fort, daß es in der Absicht meines Mannes liegt, ihn nach Beendigung der diesjährigen Schifffahrt an einem Cursus für Hydrographie theilnehmen zu lassen, so daß er sich dereinst ein Kapitänspatent erwerben kann.

– Woran Herr Weldon nur recht thut, antwortete der Kapitän, Dick wird noch der amerikanischen Marine Ehre machen.

– Der arme Waisenjunge hat seinen Lebenslauf unter sehr unglücklichen Verhältnissen begonnen, bemerkte Mrs. Weldon; er hat eine harte Schule durchgemacht.

– Gewiß, Mistreß Weldon, doch diese Prüfungen sind nicht ohne Nutzen an ihm vorübergegangen. Er hat eher gelernt, sich in der Welt durchzufinden, und hat dabei den besten Weg gewählt.

– Ja, den Weg der Pflicht.

– Sehen Sie nur, fuhr Kapitän Hull fort, wie er dort am Steuer steht, das Auge auf die Spitze des Bugspriets gerichtet. Unsern jungen Leichtmatrosen vermag nichts zu zerstreuen, er hält das Schiff ohne Wanken im rechten Kurs. Dick Sand besitzt schon die Sicherheit eines bewährten Steuermannes! Ein guter Anfang für einen Seemann! Unser Geschäft, Mistreß Weldon, gehört zu denen, in welchem man von der Pieke auf dienen muß. Wer niemals Schiffsjunge war, wird es nie dahin bringen, ein großer Seemann zu werden, mindestens nicht in der Handelsmarine. Hier muß ihm Alles zur Lehre dienen und er muß – da bei ihm Alles ebenso instinctiv wie mit Vorbedacht geschehen muß – sich ebenso schnell zu entschließen, wie richtig zu handeln wissen.

– Ich dächte aber, Herr Kapitän, in der Kriegsmarine fehlte es an guten Officieren eben auch nicht?

– Gewiß nicht, doch meines Wissens haben die Meisten ihre Laufbahn in früher Kindheit begonnen, und ohne gerade von Nelson und einigen Anderen zu sprechen, so sind auch sonst die Schlechtesten niemals Die, welche als Schiffsjungen angefangen haben.«

Eben sah man Vetter Benedict auf dem Hinterdeck erscheinen, doch ebenso mit sich beschäftigt und so wenig mit der Welt, wie vielleicht der Prophet Elias, wenn er einmal auf die Erde zurückkehrte.

Cousin Benedict begann seine Wanderung auf dem Verdeck wie eine arme Seele, er suchte jede Spalte in der Schanzkleidung ab, durchstöberte den Raum unter den Hühnerkäsigen und strich mit der Hand durch die Fugen des Decks, überall wo der Theer herausgequollen war.

»Nun, Vetter Benedict, fragte Mrs. Weldon, Sie befinden sich doch noch immer wohl?

– Ja, ... Cousine Weldon... ja, ich befinde mich wohl, aber ich sehne mich doch etwas nach dem Lande.

– Was suchen Sie denn da unter der Bank, Herr Benedict? wandte sich Kapitän Hull an den Genannten.

– Natürlich Insecten, mein Herr, erwiderte Vetter Benedict, was soll ich denn anders suchen?

– Insecten? Nun, wahrhaftig, das durfte man von Ihnen erwarten, doch auf dem Meere werden Sie Ihre Sammlungen schwerlich bereichern.

– Und warum nicht, mein Herr? Wäre es nicht möglich, an Bord ein seltenes Exemplar von...

– Vetter Benedict, unterbrach ihn Mrs. Weldon, zanken Sie doch auf Kapitän Hull! Sein Schiff ist leider so sauber, daß Sie als Schneider von der Jagd zurückkehren werden!«

Kapitän Hull lachte auf.

»Mistreß Weldon übertreibt, antwortete er. Indessen glaube auch ich, Herr Benedict, daß Sie unsere Cabinen doch vergeblich durchsuchen würden.

– Ach, ich weiß es wohl, rief Vetter Benedict, all meine Mühe war umsonst!...

– Aber unten im Raume des »Pilgrim«, fuhr der Kapitän fort, da könnten Sie vielleicht einige Kackerlacken finden, nur sind es keine besonders interessanten Exemplare.

– Wahrhaftig, sehr wenig interessant, diese nächtlichen Orthopteren denen Virgil und Horaz schon geflucht haben; wenig interessant, diese nahen Verwandten des Periploneta orientalis und der amerikanischen Kackerlacken, welche jedes Schiff bewohnen...

– Es unsicher machen, fiel Kapitän Hull ein.

– Es beherrschen... fuhr Vetter Benedict mit Stolz fort.

– Eine liebenswürdige Herrschaft!...

– Und Sie sind nicht Entomolog, mein Herr?

– Nur so viel als nöthig.

– Und Sie, Vetter Benedict, bemerkte Mrs. Weldon lächelnd, Sie wünschten sich wohl, aus purer Liebe zur Wissenschaft, von jenen Schwaben verzehrt zu werden?

– Ich wünsche nichts weiter, Cousine Weldon, antwortete der unverbesserliche Entomolog, als meiner Sammlung einige seltene Exemplare, die ihr Ehre machen könnten, hinzuzufügen.

– Sind Sie denn mit Ihren Erwerbungen in Neu-Seeland nicht zufriedengestellt?

– O doch, Cousine Weldon; ich war schon vollkommen zufrieden, eine jener neuen Staphilinen zu erhaschen, welche bisher nur tausend Meilen weiter, in Neu-Caledonien, gefunden wurden.«

Eben kam Dingo, der mit Jack spielte, schweifwedelnd dem Vetter Benedict nahe.

»Marsch! Marsch fort! rief dieser und trieb das Thier von sich.

– Die Kackerlacken lieben und die Hunde verabscheuen. Aber Herr Benedict!...

– Und noch dazu einen so guten Hund, sagte der kleine Jack, und nahm Dingo's großen Kopf zwischen seine Händchen.

– Ja... das sage ich ja gar nicht!... stammelte Vetter Benedict wie zur Entschuldigung. Und doch, das verdammte Thier hat die schönsten Hoffnungen betrogen, die ich auf ihn setzte.

– O, großer Gott, rief Mrs. Weldon, glaubten Sie ihn etwa in der Ordnung der Dipteren oder Hymenopteren unterzubringen?

– Nein, das nicht, antwortete Vetter Benedict ganz ernsthaft. Doch irre ich mich nicht, so wurde dieser Dingo, trotzdem er von neuseeländischer Race ist, auf der Westküste Afrikas angetroffen?

– Ganz recht, bestätigte Mrs. Weldon, Tom hat das von dem Kapitän des »Waldeck« oft genug aussprechen hören.

– Nun also, eben deshalb dachte ich... hoffte ich... daß der Hund vielleicht einige Exemplare der Afrika eigenthümlichen Arten von Hemipteren mitgebracht haben könne...

– Gütiger Himmel! rief Mrs. Weldon.

– Und vielleicht, setzte Vetter Benedict hinzu, gar einen Sandfloh von unbekannter Art...

– Hörst du wohl, Dingo, fragte Kapitän Hull, hörst du mein Hund? Du hast deine Pflichten jämmerlich vernachlässigt.

– Ich konnte aber suchen so viel ich wollte... fuhr der Entomolog mit dem Ausdrucke tiefsten Bedauerns fort, nicht ein einziges Insect habe ich entdeckt!...

– Und Sie hätten es doch sofort und ohne Erbarmen gemordet und aufgespießt, hoffe ich! meinte Kapitän Hull.

– Mein Herr, entgegnete Vetter Benedict trocken, denken Sie daran, daß Sir John Franklin sich ein Gewissen daraus machte, das geringste Insect, und wäre es eine Stechmücke gewesen, deren Angriffe weit empfindlicher sind als die eines Flohes, zu tödten, und Sie werden mir wohl zugestehen, daß Sir John Franklin ein Seemann war, der sich mit jedem Anderen messen konntet

– Ohne Zweifel, erwiderte Kapitän Hull mit einer leichten Verbeugung.

– Und einst, als er von einer Diptere tüchtig gepeinigt worden war, blies er sie fort und sagte, ohne ihr etwas zu Leide zu thun: »Geh! die Welt ist groß genug für dich und mich!«

– Ah! rief der Kapitän Hull.

– Ja wohl, mein Herr!

– Nun, Herr Benedict, entgegnete Kapitän Hull, das hat auch noch ein Anderer lange vor John Franklin ausgesprochen.

– Ein Anderer!

– Gewiß, und dieser Andere war der Onkel Tobias.

– Ohne Zweifel ein Entomolog? fragte Vetter Benedict sehr schnell.

– O nein, der Onkel Tobias von Sterne, und dieser würdige Onkel bediente sich fast genau derselben Worte, indem er einer Fliege, die ihn immer belästigte, aber die er doch schonen zu sollen glaubte, die Freiheit gab: »Geh', armer Teufel, sagte er, die Welt ist groß genug für dich und für mich!«

– Ein braver Mann, dieser Onkel Tobias! rief Vetter Benedict entzückt. Ist er todt?

– Das glaub' ich wohl, erwiderte Kapitän Hull möglichst ernsthaft, weil er ja niemals gelebt hat!«

Alle schauten Vetter Benedict lächelnd an.

Mit solchen Unterhaltungen und vielen ähnlichen, die sich allemal um die Entomologie drehten, sobald Vetter Benedict an denselben Theil nahm, verflossen die langen Stunden dieser Seefahrt mit Hindernissen. Das Meer blieb stets freundlich, aber der Wind hielt sich immer in einer Richtung, welche die Brigg-Goëlette nöthigte, dicht an demselben zu segeln. Der »Pilgrim« kam bei der schwachen Brise sehr wenig nach Osten vorwärts und Alle sehnten sich darnach, nach den Meerestheilen zu kommen, wo der herrschende Wind voraussichtlich günstiger sein mußte.

Vetter Benedict machte inzwischen auch den Versuch, den jungen Leichtmatrosen in die Geheimnisse der Entomologie einzuweihen. Dick Sand schien jedoch seinen Lehren wenig Geschmack abzugewinnen. In Ermangelung eines Besseren, widmete der Gelehrte seine Sorgfalt nun den Negern, welche gleich gar nichts davon verstanden. Tom, Acteon, Bat, Austin verließen sogar heimlich den Unterricht, und der Professor sah sich allein auf Herkules beschränkt, der ihm wenigstens einige natürliche Anlagen zu haben schien, einen Parasiten von einem Thysanuren zu unterscheiden.

Jack fühlte sich groß.

Jack fühlte sich groß.

Der riesenhafte Neger lebte nur in einer Welt von Coleopteren, Carnassiern, Jägern, Kanonieren, Gräbern, Cicindellen, Sylphen, Weißwürmern, Hirschkäfern, Coccionellen und ich weiß nicht, was sonst noch, und studirte die ganzen Sammlungen des Vetter Benedict durch, der nicht ohne Erzittern seine todten Lieblinge unter Herkules gewaltigen Fingern sah, welche die Härte und Kraft eines Meißels hatten Doch der kolossale Schüler lauschte den Lectionen seines Lehrers mit solcher Aufmerksamkeit, daß es sich schon der Mühe lohnte, etwas daran zu riskiren.

Während Vetter Benedict so auf seine Weise arbeitete, ließ Mrs. Weldon den kleinen Jack auch keineswegs ohne Beschäftigung. Sie lehrte ihn lesen und schreiben. Von der Rechenkunst brachte ihm Dick Sand die ersten Anfangsgründe bei.

Im Alter von fünf Jahren ist man eben noch ein kleines Kind und lernt als solches besser durch praktische Spiele als durch theoretische, nothgedrungen etwas anstrengende Lectionen.

So lernte auch Jack das Lesen nicht aus einem ABC-Buche, sondern mittels beweglicher Buchstaben, welche in rother Schrift auf einzelne Holzwürfel gedruckt waren, und die er halb spielend so zusammenzusetzen suchte, daß sie ein Wort bildeten. Manchmal nahm nun Mrs. Weldon diese Würfel und stellte sie zu einem Wort zusammen, dann warf sie dieselben durcheinander und Jack mußte sie wieder in die gewünschte Ordnung bringen.

Er legte den Buchstaben auf das Deck nieder.

Er legte den Buchstaben auf das Deck nieder.

Der kleine Knabe liebte diese Methode, lesen zu lernen, ganz besonders. Jeden Tag verbrachte er in der Cabine oder auf dem Deck einige Stunden damit, die Buchstaben seines Alphabets zu ordnen und untereinander zu würfeln.

Diese Spielerei führte nun eines Tages zu einer so außerordentlichen, so unerwarteten Beobachtung, daß wir sie hier nach allen Einzelheiten mittheilen zu müssen glauben.

Es war am Morgen des 9. Februar. Jack kauerte auf dem Verdeck und belustigte sich damit, ein Wort zusammenzusetzen, das der alte Tom wieder herstellen sollte, nachdem die Würfel in Unordnung gebracht worden waren. Tom mußte dabei die Hand vor die Augen halten, um nicht zu blinzen, wie sich das so gehört, denn er durfte nicht sehen, was der Knabe mit den Würfeln vornahm.

Unter diesen Lettern, der Zahl nach etwa fünfzig, stellten die einen große, die anderen kleine Buchstaben vor. Einige der Würfel trugen auch Ziffern, so daß man mit denselben also ebenso gut eine beliebige Zahl wie ein Wort bilden konnte.

Die Würfel standen auf dem Deck und der kleine Jack nahm bald diesen, bald jenen, um ein Wort zusammenzusetzen – in der That eine wichtige und schwierige Arbeit.

Seit einigen Augenblicken lief nun Dingo um das Kind herum, als der Hund plötzlich stehen blieb.

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