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Ein Hoffnungsstern am Himmel

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Südaustralien, nahe dem Barossa Valley. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig; zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder. Ihre fesselnden Australienromane erfreuen einen immer größer werdenden Kreis von Leserinnen und Lesern. Weitere Romane der Autorin in der Verlagsgruppe Lübbe sind in Vorbereitung.

ELIZABETH HARAN

EIN HOFFNUNGSSTERN
AM HIMMEL

ROMAN

Aus dem Englischen von
Monika Ohletz

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich widme dieses Buch den Frauen in meinem Leben, die mir stets zur Seite stehen und mich unterstützen.

Meiner Mutter, May Eeles, die mich durch all die Höhen und Tiefen meines Lebens hindurch begleitet.

Meiner Schwester, Kate Mezera, deren Freundschaft ich so hoch schätze.

Meiner Agentin Franka Schmid und meiner Lektorin Melanie Blank, die mich mit viel Feingefühl unterstützen und beraten. Mit ihnen ist das Schreiben eines Romans wirklich einfach.

1

London, 1954

Tut mir Leid, dass Sie warten mussten, Estella«, sagte Dr. Blake, als er wieder ins Sprechzimmer kam. »Die Untersuchung hat etwas länger gedauert als üblich. Meine neue Assistentin ist noch ein bisschen unsicher. Ein Glück, dass sie nicht bei jeder Spritze in Ohnmacht fällt …«

»Bitte, Dr. Blake, wie lautet das Ergebnis?«

Arthur Blake spürte Estellas Ungeduld, und so teilte er ihr die Neuigkeit sofort mit.

»Ihre Vermutung war richtig, Estella. Sie sind schwanger. Ich gratuliere!«

Zu Dr. Blakes Erstaunen schien Estella alles andere als glücklich zu sein. Über seinen unordentlichen Schreibtisch hinweg sah er, dass sie auf der vordersten Kante des Stuhles saß, die unruhigen Finger im Schoß ineinander verschlungen. Sie hielt den Kopf gesenkt. Als sie ihn wieder hob, sah er Tränen in ihren großen grünen Augen und auf ihren blassen Wangen glitzern.

»Ich weiß nicht, ob die Neuigkeit wirklich ein Grund für Glückwünsche ist, Dr. Blake.«

Der Arzt war ein älterer Herr und schon vor Estellas Geburt Hausarzt ihrer Familie gewesen. Er hatte sie auf die Welt geholt, und es brach ihm fast das Herz, sie nun so unglücklich zu sehen.

»Was ist denn, Estella? Möchten Sie das Kind nicht?«

Sie nickte, schüttelte dann jedoch den Kopf, um Dr. Blake gleich darauf durch ein erneutes Nicken zu verwirren.

»Es tut mir Leid, dass ich so sentimental reagiere, Dr. Blake. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Normalerweise bin ich eine ruhige, sachliche Frau, aber zurzeit breche ich beim geringsten Anlass in Tränen aus und widerspreche dem armen James in fast allem, was er sagt.«

Der Arzt kam um den Tisch herum und nahm ihre Hand. »Das ist unter diesen Umständen ganz normal, Estella. Ihr Körper macht dramatische Veränderungen durch.«

»Wollen Sie damit sagen, dass diese Empfindlichkeit die ganze Schwangerschaft hindurch anhält?«

»Nein, Ihre Gefühlswelt beruhigt sich schon wieder. Und machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie ab und zu ein bisschen vergesslich sind – das ist völlig normal. Leiden Sie unter morgendlicher Übelkeit?«

»Manchmal fühle ich mich unwohl, ja, aber zu ganz unterschiedlichen Zeiten.«

»Diese Übelkeit muss nicht unbedingt nur am Morgen auftreten. Zu allen Tageszeiten kann Ihnen vorübergehend schlecht sein. Außerdem kann Ihr Geschmacksempfinden sich verändern. Es ist möglich, dass Sie den Geruch von Speisen, die Sie sonst gern gegessen haben, plötzlich nicht mehr ertragen, oder Sie entwickeln eine Vorliebe für Dinge, die Sie vorher nie mochten …«

»Du liebe Zeit, das hört sich ja schrecklich an!«

»Ob Sie’s mir glauben oder nicht, Estella, es wird im Gegenteil wunderschön!«

Die junge Frau schluchzte. »Ich habe Biologie, Anatomie und Physiologie studiert. Da sollte man doch meinen, ich wüsste über alle körperlichen und seelischen Veränderungen in der Schwangerschaft Bescheid …«

Dr. Blake ließ sich auf der Ecke seines Schreibtisches nieder und erwiderte lachend: »Sie haben Tiermedizin studiert, Estella, und alles über Hunde und Katzen, Pferde und Kühe gelernt – aber nicht über Menschen. Deren Gefühlswelt ist schon ein wenig komplizierter als die der Tiere.« Er runzelte die Stirn. »Oder macht Ihnen der Gedanke Sorgen, was James zu der Schwangerschaft sagen wird?«

Estella nickte, und ihre Augen schimmerten schon wieder verdächtig. »Er ist noch nicht bereit, die Rolle eines Vaters zu übernehmen.«

»Ob er bereit ist oder nicht, jetzt muss er sich damit abfinden. Und Sie dürfen sich nicht aufregen, das bekommt weder Ihnen noch dem Kind. Ich bin überzeugt, James wird begeistert sein, wenn er sich erst einmal an den Gedanken gewöhnt hat.« Dr. Blake reichte ihr ein sauberes Taschentuch.

»Da bin ich nicht so sicher«, sagte sie. »Wann immer ich dieses Thema angesprochen habe, wollte er gar nicht erst darüber reden.«

»Aber Ihre Ehe ist doch glücklich?«

»Ja. Nur … James ist im Grunde seines Herzens noch ein großer Junge.«

Arthur Blake lächelte und zwinkerte ihr beruhigend zu. »Ich fürchte, daran wird sich auch nichts ändern, bis er wirklich Verantwortung tragen muss. Ein ganzes Jahr lang waren Sie zu zweit und mussten an niemand anderen denken – also gab es für James keinen zwingenden Grund, erwachsen zu werden. Sicher ist seine Arbeit als Anwalt sehr anstrengend, aber Sie haben zusammen alles genießen können, was London an gesellschaftlichen Ereignissen zu bieten hat.«

»Ja, das stimmt. Und James schätzt das gesellschaftliche Leben sehr. Ich glaube nicht, dass er darauf verzichten will. Aber als Mutter werde ich nicht so viele Partys und Bälle besuchen können, wie wir es jetzt tun, nicht einmal, wenn wir jemanden einstellen.«

»Es ist ein sehr schöner Tag, Estella. Sie sollten einen Picknickkorb packen und James im Büro mit der Nachricht überraschen. Gehen Sie mit ihm in den Hyde Park, und erzählen Sie ihm die große Neuigkeit. Dann werden Sie sehen, dass Ihre Sorgen völlig unbegründet waren.«

Estella stand auf. »Ich nehme an, früher oder später werde ich es ihm sagen müssen.«

»Allerdings. Und was fühlen Sie selbst in dieser Sache? Freuen Sie sich auf Ihr erstes Kind?«

Estella legte eine Hand auf ihren Leib und versuchte sich das Leben vorzustellen, das in ihr heranwuchs. Ein zaghaftes Lächeln legte sich auf ihre schönen Züge, gepaart mit einem Ausdruck des Erstaunens. Dr. Blake liebte diesen Ausdruck auf den Gesichtern von Frauen, die ein Kind erwarteten. Es waren die Momente, in denen er seine Arbeit am liebsten tat.

In Gedanken verloren schlenderte Estella unter dem Glasdach der Burlington-Arkaden entlang. Irgendwann blieb sie stehen, um ein hübsches Tweedkostüm zu bewundern, das ihr ins Auge fiel. Der wadenlange graue Rock und die passende hüftlange Jacke hätten ihre schlanke Figur gut zur Geltung gebracht. Der Gedanke, dass ihre Körperformen sich bald verändern würden, zauberte ein nachdenkliches Lächeln um ihre Mundwinkel. Sie fragte sich, ob sie wirklich bereit war für alles, was mit ihr geschehen würde.

Als sie sich umwandte, sah sie ihr Spiegelbild in der Schaufensterscheibe. Sie trug ein cremefarbenes wadenlanges Kleid, dessen weit schwingender Rock mit roten Rosen bedruckt war; dazu rote Schuhe und einen passenden Hut mit breiter Krempe. Sie versuchte, sich ihren schwangeren Leib vorzustellen, die geschwollenen Füße … Würde James sie unattraktiv finden?

»So ein Unsinn!«, murmelte sie ärgerlich. »James liebt dich, und er wird auch unser Kind lieben.« Obwohl James dazu neigte, seinen Schwächen und Leidenschaften nachzugeben, war Estella sicher, dass er ein wunderbarer Vater sein würde. Sie hoffte, einen Sohn zu bekommen, mit dem James im Park Fußball spielen konnte. Er war immer sehr sportlich gewesen, besonders während seines Studiums; deshalb zweifelte sie nicht daran, dass auch er gern einen Sohn hätte.

Estella öffnete die Tür zu James’ Büro, das er in einem Gebäude am Grosvenor Square gemietet hatte – und blieb verwundert stehen: Statt wie erwartet Miss Frobisher zu sehen, die Sekretärin ihres Mannes, stand sie vor einer Frau mit breiten Schultern, kräftigen Armen und einschüchterndem Blick, die eher für den Posten der Leiterin des Obdachlosenasyls in Ealing geeignet schien. Nach einem Blick auf den Berg von Sandwiches und Kuchen auf dem Tisch, der Estella seltsam fremd vorkam, wurde ihr klar, dass sie die Frau beim Mittagessen störte. »Entschuldigen Sie, wo ist Miss … Frobisher?«

»Wer ist Miss Frobisher?«, fragte die Frau, die eben in ein dickes Sandwich hatte beißen wollen, unfreundlich zurück.

»Die Sekretärin meines Mannes. Ist sie krank?«

»Ich arbeite für Mr. Cook, und Sie sind ganz sicher nicht seine Frau.«

Estella wurde von einem eisblauen Augenpaar mit durchdringendem Blick gemustert. Normalerweise hätte sie sich jetzt kerzengerade aufgerichtet, doch so, wie sie sich im Moment fühlte, hätte sie sich am liebsten umgedreht und die Flucht ergriffen. »Ich bin Mrs. Lawford«, sagte sie leise. »Und ich kenne keinen Mr. Cook.«

»Und ich kenne keinen Mr. Lawford.« Die eisigen blauen Augen wurden schmal, als die Frau ihr Sandwich widerstrebend auf den Tisch legte. Sie erhob sich und kam auf Estella zu. Ihre ganze Haltung drückte aus, dass sie die Besucherin am liebsten auf nicht eben freundliche Art hinauskomplimentiert hätte. »Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Büro sind, Mrs. Lawford?«, fragte sie mit kaum verhohlener Ungeduld.

»Ich weiß doch, wo mein Mann arbeitet!«, entgegnete Estella mit einem Blick auf die Mattglasscheibe in der Tür. Alarmiert stellte sie fest, dass das Schild mit der Aufschrift JAMES LAWFORD RECHTSANWALT verschwunden war, und brach mit einem Mal in Tränen aus. Sie kam sich albern vor, konnte aber nichts dagegen tun. Wie war es möglich, dass sie das Büro ihres Mannes nicht fand?

Sofort entdeckte Edwina McDonald ihre mütterliche Ader. »O je, was ist mit Ihnen, meine Liebe?«

»Ich weiß es selbst nicht«, erwiderte Estella kläglich. »Ich wollte doch nur meinen Mann zu einem Picknick einladen und ihm sagen, dass ich … wir erwarten unser erstes Kind, und … und nun kann ich sein Büro nicht finden. Es tut mir Leid …«

»Schon gut. Mir ist es bei jedem meiner fünf Sprösslinge genauso gegangen. Zum Glück sind sie inzwischen erwachsen!«

Estella versuchte vergeblich, sich ihr Gegenüber als zärtliche Mutter vorzustellen.

In diesem Moment betrat ein Mann in mittleren Jahren das Büro und zog seine Jacke aus. »Ist schon ziemlich warm draußen«, meinte er und wandte sich dem Schreibtisch zu. Als er die schluchzende Estella sah, fragte er seine Sekretärin mit einem verwunderten Blick: »Ist etwas passiert, Edwina?«

»Nein, Mr. Cook. Mrs. Lawford geht es sicher gleich wieder besser. Sie sucht ihren Mann und hat sich in der Tür geirrt.«

»Aber ich war sicher, dass es hier ist«, beharrte Estella. »Ich bin hier doch im Edmund-Foley-Gebäude, nicht wahr?«

»Ja, allerdings.«

»Und an der Tür steht die Nummer sechs, also muss das hier das Büro meines Mannes sein.«

»Wir sind jetzt seit ungefähr einem Monat hier, Mrs. … Lawford, nicht wahr?«, fragte Mr. Cook.

Estella nickte.

»Ah, dann ist Ihr Mann sicher James Lawford, der Anwalt?«

»Genau.« Estellas Miene hellte sich auf. Also war sie doch nicht dabei, den Verstand zu verlieren!

»Das hier war früher sein Büro. Ich hatte meines direkt gegenüber, bevor ich hier eingezogen bin.«

»Oh. Und wo ist mein Mann jetzt, Mr. Cook? Haben Sie die Büros getauscht?«

Mr. Cook schien sich plötzlich nicht mehr wohl in seiner Haut zu fühlen. »Nein, Mrs. Lawford. Ihr Mann hat hier kein Büro mehr.«

Verwirrt fragte Estella: »Wollen Sie damit sagen, er hat sein Büro in ein anderes Gebäude verlegt?«

»Das nehme ich an.«

»Aber warum?«

Brian Cook fühlte sich immer unbehaglicher; außerdem tat Estella ihm Leid. »Ich glaube, es war eine … nun ja, geschäftliche Entscheidung.«

»Oh.« Estella nahm an, dass James ein größeres, besseres Büro gefunden hatte. Er hatte des Öfteren davon gesprochen, dass er gern in größeren und moderneren Räumen arbeiten würde. »Sie wissen nicht zufällig, wo sich sein neues Büro befindet, Mr. Cook?«

»Ich fürchte, er hat keine Adresse hinterlassen, Mrs. Lawford.« Nur unbezahlte Rechnungen, fügte er in Gedanken hinzu. Brian Cook sah Estella ihr Befremden deutlich an. Er warf einen Blick auf den Picknickkorb in ihrer Hand, und seine Haltung wurde freundlicher. »Vielleicht hat er es Ihnen ja erzählt, und Sie haben es bloß vergessen? Auch ich vergesse ständig irgendetwas.«

»Ich glaube kaum, dass ich etwas so Wichtiges vergessen würde, aber Sie haben Recht … mein Arzt hat mir eben erst gesagt, dass so etwas in meinem Zustand normal ist.«

Brian Cook warf Edwina einen fragenden Blick zu, und diese sagte leise: »Sie erwartet ein Kind!«

Estella blickte Mr. Cook an und begriff allmählich, dass er sich bemühte, ihr weitere Peinlichkeiten zu ersparen. Doch es war zu spät – sie hatte sich in ihrem Leben noch nie so gedemütigt gefühlt. »Ich komme mir schrecklich albern vor. Tut mir Leid, dass ich Sie gestört habe.«

»Sie haben uns nicht gestört, Mrs. Lawford«, sagte Mr. Cook und geleitete sie bis auf den Korridor.

»Wann haben Sie dieses Büro übernommen, sagten Sie?«, fragte Estella leise und versuchte fieberhaft, den Aussagen Mr. Cooks einen Sinn zu entnehmen.

Cook steckte den Kopf ins Büro, um seine Sekretärin zu fragen. »Es ist sogar schon mehr als einen Monat her, nicht wahr, Edwina?«

»Morgen sind es fünf Wochen«, erwiderte die Sekretärin ein wenig ungehalten, da sie sich gerade einen Bissen Cornedbeef-Sandwich in den Mund geschoben hatte.

Verwirrt und ratlos wandte Estella sich zum Gehen.

Draußen, im hellen Sonnenlicht, blieb sie stehen und las die in Stein gemeißelte Inschrift über dem Hauptportal des Gebäudes: EDMUND FOLEY 1785. Sie hatte zwar nicht an den Worten Mr. Cooks gezweifelt, musste sich trotzdem aber noch einmal vergewissern, dass sie keinen Fehler gemacht hatte. James schien wirklich das Büro gewechselt zu haben, aber warum hatte er ihr nichts davon gesagt? Jeden Morgen machte er sich um die gleiche Zeit auf den Weg zur Arbeit, und jeden Abend kam er zwischen sechs und sieben Uhr zurück, je nachdem, wie viele Mandanten er gehabt hatte. Meist war er dann müde und ging nach dem Abendessen schlafen. Estella wusste nicht, was sie denken sollte. Sie konnte unmöglich vergessen haben, dass ihr Mann in ein anderes Büro umgezogen war! Andererseits war sie in letzter Zeit tatsächlich ungewöhnlich erschöpft und vergesslich gewesen und hatte erst an diesem Vormittag den Grund dafür erfahren. Der Gedanke an das Baby zauberte den Hauch eines Lächelns auf ihr Gesicht, das jedoch rasch wieder verblasste.

Estella seufzte tief, als sie daran dachte, dass sie James nun erst am Abend von ihrer Schwangerschaft erzählen konnte. Sie wusste, dass es albern war, doch sie fühlte sich deprimiert und sehr allein, und in ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Wieder begann Estella zu weinen.

»Verflixt!«, rief sie sich dann selbst zur Ordnung und wischte die Tränen mit einer ungeduldigen, zornigen Bewegung fort. »Es geht nicht an, dass du als heulendes Nervenbündel durch die Gegend läufst!« Nach einem Blick auf den Picknickkorb beschloss sie, allein im Park zu Mittag zu essen. Dort würden ihr wenigstens die Tauben Gesellschaft leisten.

Entschlossen ging Estella über die Straße. Sie hörte nicht, wie der Fahrer eines Austin bewundernd hinter ihr her pfiff, noch vernahm sie das Mittagsläuten des Big Ben. Als sie sich dem Grosvenor Hotel näherte, grübelte sie immer noch darüber nach, wie sie wohl vergessen konnte, dass James ein anderes Büro bezogen hatte. Konnte das wirklich sein? Estella musste sich eingestehen, dass sie sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, seit sie vermutete, schwanger zu sein. James hatte sogar Bemerkungen über ihre Vergesslichkeit gemacht, doch sie hatte ihm nichts von ihrem Verdacht erzählt. Ihre Angst vor seiner Reaktion war zu groß gewesen.

Estella erschrak, als sie mit einer hochschwangeren Frau zusammenstieß. Sie entschuldigte sich, aber die Frau lächelte ihr freundlich zu, bevor sie weiterging. Plötzlich sah Estella ihren Mann aus dem Grosvenor Hotel kommen. Erstaunt beobachtete sie, wie er ein Taxi heranwinkte. Sie wunderte sich über sein Äußeres, das nicht so makellos war wie üblich, und fragte sich, wohin er wohl fahren wollte. In dem Moment entdeckte sie ihre Cousine Davinia.

»Na, so was«, murmelte Estella. »James muss ihr zufällig begegnet sein.«

Es musste sich tatsächlich um einen Zufall handeln, denn James hatte nicht erwähnt, dass er sich mit Davinia treffen wollte – oder doch? Wie dem auch war, Estella hatte Mitleid mit James, denn Davinia war ausgesprochen exaltiert. Seit dem Tod ihres dritten Ehemannes zogen sich selbst geduldige und verständnisvolle Menschen von Davinia zurück. Unter dem Vorwand, einen Rat oder Unterstützung zu suchen, nahm sie jeden sofort ganz in Beschlag. Wegen seiner Hilfsbereitschaft war James sicher eine leichte Beute. Er war galant, aufmerksam und sanft, und viele Frauen schwärmten von seinem Charme. Estella vertraute ihm vorbehaltlos; niemals würde James sie betrügen.

Sie ging auf die beiden zu, froh und dankbar, dass sie nie Anlass zur Eifersucht hatte, als James Davinia plötzlich in die Arme schloss.

Estella blieb stehen. Fassungslos beobachtete sie, wie ihr Mann ihre Cousine leidenschaftlich küsste – vor allen Leuten, die um diese Mittagsstunde auf dem Grosvenor Square unterwegs waren. Sie merkte, wie ihr die Knie zitterten. Mit dem Gefühl tiefster Demütigung sah sie die glühenden Blicke, die James und Davinia tauschten, während er sie zärtlich an sich zog und mit dem Handrücken sanft ihre Wange berührte. Offensichtlich waren sie sich der Blicke und des Getuschels der Vorübergehenden nicht bewusst, und keiner von beiden sah Estella, die nicht mehr als zehn Schritte von ihnen entfernt stehen geblieben war. James und Davinia befanden sich in ihrer eigenen Welt – einer Welt, von der Estella bisher geglaubt hatte, sie gehöre ihr ganz allein.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie Davinia ins Taxi steigen sah. Durch das hintere Fenster lächelte sie James liebevoll zu. Ihre blonden, kunstvoll frisierten Haare umrahmten ihr hübsches Gesicht. Tränen stiegen Estella in die Augen, als James dem davonfahrenden Wagen hinterherblickte, als könne er sich nicht von der Frau losreißen, die darin saß. Estella wäre am liebsten geflohen, doch ihre Beine fühlten sich so schwer an, als wären sie aus Blei. Sie wünschte sich sehnlichst, die letzten Minuten aus ihrem Gedächtnis löschen und zu jenen Tagen zurückkehren zu können, als sie noch nichts vom Betrug ihres Mannes geahnt hatte. Es brach ihr fast das Herz, als sie an das Baby dachte. »Wie kannst du mir so etwas antun, James«, flüsterte sie und legte unwillkürlich eine Hand auf ihren Leib. Tränen strömten ihr über die Wangen. »Warum?«, sagte sie leise. »Ich brauche dich doch … Ich brauche dich jetzt mehr als je zuvor.« In diesem Augenblick verwandelte ihre Verzweiflung sich in Wut.

Mit der selbstzufriedenen Miene eines von der Liebe gesättigten Mannes beobachtete James, wie Davinias Taxi sich hinter einem roten Doppeldeckerbus in den Verkehr einfädelte und in Richtung Park Lane fuhr.

Estella ging zu ihm hinüber, zitternd vor Zorn.

Als James spürte, dass jemand neben ihm stand, wandte er sich um. »Estella!« Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Estellas Blick sagte ihm deutlich, dass sie Zeuge des rührenden Abschieds von seiner Geliebten geworden war.

»Du erinnerst dich also noch an mich – Estella Lawford, die seit kaum einem Jahr deine Frau ist?« Sie starrte ihn finster an. »Und bis vor einer Minute habe ich nicht mal geahnt, dass mein geliebter Mann in aller Öffentlichkeit einer Affäre mit meiner lebenslustigen Cousine frönt, die nicht viel intelligenter ist als ein Regenwurm und deren Mann gerade erst unter der Erde liegt!«

James geriet in Panik, denn Estella hatte so laut gesprochen, dass sie die Aufmerksamkeit anderer, ebenfalls auf Taxis wartender Hotelgäste erregte. Er nahm ihren Arm und versuchte sie fortzuziehen, doch Estella rührte sich nicht von der Stelle.

»Können wir nicht irgendwohin gehen und wie zivilisierte Menschen über diese Sache sprechen, Estella?«

»Wieso? Gerade eben hat es dir nichts ausgemacht, deine Affäre öffentlich zur Schau zu stellen.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie konntest du mich so demütigen? Ich komme gerade von deinem Büro und habe mich dort schon schrecklich blamiert, als ich erfahren musste, dass du gar nicht mehr dort arbeitest – und das schon seit fast fünf Wochen!«

Verlegen und schuldbewusst senkte James den Kopf und starrte zu Boden. »Ich hätte es dir ja erzählt …«

»Ach, wirklich? Und ich habe mir schon Vorwürfe gemacht, weil ich glaubte, ich hätte es vergessen! Wolltest du mir vielleicht auch von der Affäre mit meiner Cousine erzählen?«

»Estella, bitte, sprich leiser!«, beschwor James sie.

»Warum sollte ich?«

»Lass uns nach Hause gehen und dort reden!«

»Jetzt sag bitte nicht, dass da noch mehr ist …« Estella bemühte sich verzweifelt, ein Schluchzen zu unterdrücken. Sie war wütend auf sich selbst, dass sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle hatte, denn sie wollte James nicht zeigen, wie es in ihrem Innern aussah; das ließ ihr Stolz nicht zu. Plötzlich fiel ihr ein heller Fleck Lippenstift an James’ Mundwinkel auf, der die Affäre umso wirklicher erscheinen ließ. Estella wurde so zornig, dass sie ihm eine schallende Ohrfeige versetzte. »Hättest du deine leidenschaftlichen Küsse und Umarmungen nicht wenigstens auf das Hotelzimmer beschränken können, in dem du den Vormittag mit diesem Weib verbracht hast? Musstet ihr euch auch noch vor allen Leuten zeigen?« Fast blind vor Tränen wandte Estella sich ab – keinen Augenblick zu früh für James, denn der hatte auf der anderen Seite des Platzes einige ihrer Freunde entdeckt.

Er folgte Estella und ergriff ihren Arm. Sie aber schüttelte James’ Hand ab und starrte ihn feindselig an. »Rühr mich nicht an!«, rief sie und erregte dadurch noch mehr Aufmerksamkeit. »Wage es ja nicht, mich jemals wieder anzufassen!« Sie ging weiter, und James hielt es für das Beste, ein wenig Abstand zu halten. Zwar wusste er, dass es feige war, doch für einen Anwalt – selbst wenn er vorübergehend nicht arbeitete – waren ein guter Ruf und das Ansehen sehr wichtige Dinge.

James folgte Estella in den Hyde Park. Er war besorgt wegen ihres seelischen Zustands, doch Estella war eine kluge und vernünftige Frau. Bestimmt würde sie sich nicht gleich in den See stürzen – hoffte er zumindest. Er hatte kein Verlangen danach, in seinem besten Anzug ins Wasser zu springen, um sie herauszuholen. Aber er musste jetzt über alles mit ihr sprechen; so wie bisher konnte es nicht weitergehen, sonst hatte er weiße Haare, noch bevor er dreißig war.

Kurz nachdem Estella den Park betreten hatte, glaubte sie, sich übergeben zu müssen. Sie wusste nicht, ob es an der morgendlichen Übelkeit lag oder daran, dass James eine Affäre mit ihrer Cousine hatte, und für den Augenblick spielte es auch keine Rolle für sie: Ihr einziger Gedanke galt dem Baby, das sie schützen musste. Sie ging in südlicher Richtung, zur Statue des Achilles, und blieb kurz stehen, um einem Obdachlosen den Picknickkorb zu reichen, den sie mit so viel Liebe gepackt hatte.

Als der alte Mann in den Korb blickte und ein Strahlen auf seinem schmutzigen Gesicht erschien, empfand Estella das als bittere Ironie: Diesen glücklichen Ausdruck hatte sie eigentlich bei ihrem Mann zu sehen erwartet, während sie ihn mit dem Picknick und der Neuigkeit über ihr Baby überraschte. Stattdessen hatte sie nun selbst eine Überraschung erlebt – und die war alles andere als erfreulich.

Estella ließ sich erschöpft auf eine Bank direkt am Seeufer fallen. Um des Babys willen zwang sie sich, einige Male tief ein- und auszuatmen, um sich zu beruhigen. Immer wieder sagte sie sich, dass das Kind jetzt das Wichtigste in ihrem Leben war. Sie war schnell gegangen, und ihr Herz klopfte wie rasend. Doch ihr schlimmster Zorn hatte sich durch die körperliche Anstrengung ein wenig gelegt und war einem Gefühl der Betäubung gewichen. Estella hatte gar nicht bemerkt, wie sehr ihre Beine zitterten; jetzt fühlten sie sich wie Gummi an. Trotz der wärmenden Sonnenstrahlen fröstelte sie und legte die Arme um ihren Körper.

»Estella«, hörte sie James hinter sich sagen. »Ich weiß, dass du jetzt wütend und schockiert bist, aber wir müssen reden.« Er legte ihr sein Jackett um die schmalen Schultern.

Einen Augenblick starrte Estella ihn stumm an, und es brach ihm fast das Herz, als er den verletzten Ausdruck in ihren Augen sah. James mochte zwar selbstsüchtig sein, doch er war nicht herzlos.

»Reden? Ich sollte mich von dir scheiden lassen!«, meinte Estella, deren Herz erneut rasend schnell zu pochen begann. Wieder strömten ihr Tränen über die Wangen. James ließ sich am äußersten Ende der Bank nieder. Als er ihr sein Taschentuch reichte, nahm sie es. Wie jung er aussah für einen Mann von achtundzwanzig Jahren! Und genauso benahm er sich: Wie ein Junge, der bei einer Dummheit ertappt worden war. Da nützte es auch nichts, dass er der attraktivste Mann war, den Estella kannte.

»Ja, eine Scheidung wäre wahrscheinlich das Beste«, sagte er ruhig und fuhr sich mit den Fingern durch die dunklen Haare.

Seine Worte kamen für Estella völlig überraschend. Sie konnte nicht fassen, dass James nicht einmal um ihre Ehe kämpfen wollte! Kurz fragte sie sich, ob er vielleicht anders darüber denken würde, wenn er von dem Baby wüsste, doch sie wollte nicht, dass er nur aus Pflichtgefühl bei ihr blieb. Sie wollte sicher sein, dass er sie liebte.

»Ich gehe gleich morgen früh zu einem Anwalt«, sagte sie in der Hoffnung, ihn auf diese Weise zur Vernunft zu bringen oder zumindest seine Reue zu wecken.

Doch zu ihrer Verwirrung erwiderte er: »Ja, eine Scheidung ist eine reine Formsache.«

»Was geht hier eigentlich vor sich, James? Du willst doch nicht behaupten, dass du Davinia wirklich liebst! Sie gehört zur Familie, deshalb bin ich verpflichtet, mich um sie zu kümmern. Aber diese Frau macht einen schwindlig wie ein Karussell! Sie ist neurotisch – und davon abgesehen fast zehn Jahre älter als du!«

»Der Altersunterschied spielt für uns keine Rolle«, erwiderte James trotzig.

»Für uns?«, stieß Estella hervor. »Du sprichst von dir und Davinia als uns?« Verzweifelt schüttelte sie den Kopf. Dass James überhaupt mit ihrer Cousine ein Verhältnis hatte, war schon schlimm genug, aber dass er anscheinend echte Gefühle für sie hegte, brach ihr fast das Herz. »Muss ich dich wirklich daran erinnern, dass Warwick schon ihr dritter Mann war? Ich bin sicher, dass er sich mittlerweile auch von ihr hätte scheiden lassen, wäre er nicht vorher an Herzversagen gestorben!« Die ersten beiden Ehemänner Davinias waren ältere Herren gewesen, sodass ihr Ableben nicht allzu unerwartet gekommen war, doch Warwick war erst in den späten Vierzigern gewesen. Anscheinend hatte Davinia eine Vorliebe für wohlhabende Männer mit schwachen Herzen. Wenn es stimmte, was James sagte, passte er nicht in dieses Schema.

»Warwick hat Davinia viel Geld hinterlassen«, sagte James.

»Das mag sein, aber …«

James blickte sie an, und zum ersten Mal bemerkte Estella den kühlen, fast berechnenden Ausdruck auf seinem Gesicht. Er war ihr vorher nicht aufgefallen. Ihre Augen weiteten sich, als ihr klar wurde, was seine Anspielung bedeuten musste.

»Ich bin ruiniert, Estella«, sagte James, als könne er ihre Gedanken lesen.

Sie starrte ihn offenen Mundes an. James war finanziell am Ende und warf sich deshalb Davinia an den Hals? Damit hätte Estella am allerwenigsten gerechnet. Das konnte nicht wahr sein! Verblüfft fragte sie sich, was James vorhaben mochte.

»Du glaubst mir nicht, aber es stimmt. Wir haben kein Geld mehr. Wenn du mit dem Gedanken spielst, dir einen teuren Anwalt zu nehmen – das würde uns nur noch tiefer in Schulden stürzen, und davon haben wir weiß Gott schon genug.«

»Du erwartest doch nicht, dass ich dir diesen Unsinn glaube! Du arbeitest lange und viel, und deine Kanzlei läuft sehr gut!«

»Warum bin ich dann aus dem Foley-Gebäude ausgezogen?«

»Weil du ein größeres und schöneres Büro haben wolltest …«

James’ Wangen überzogen sich mit dunklem Rot. »Ich bin ausgezogen, weil ich mir die hohe Miete fürs Büro nicht mehr leisten konnte. Und ich verdiene ganz sicher nicht genug, um ein Haus in Mayfair zu bezahlen und für das Leben aufzukommen, das wir führen. Es kostet viel Geld, reiche Freunde zu bewirten.«

»Warum hast du das nicht schon eher gesagt? Ich brauche nicht wie die Wexford-Smiths oder die Wynstan-Powers zu leben. Ich kann auf die bessere Gesellschaft verzichten. Ich wäre auch mit einem ruhigen Leben zufrieden.«

»Aber ich brauche diesen Luxus, Estella.« James senkte den Kopf. Er wirkte plötzlich wieder sehr verlegen. »Und ich könnte das Leben führen, von dem ich träume … an Davinias Seite.«

Estella starrte ihn sprachlos an. Wie hatte sie ein ganzes Jahr mit ihm verheiratet sein können, ohne ihn richtig zu kennen? »Willst du damit sagen, du möchtest dich scheiden lassen, um Davinia zu heiraten?« Sie war sicher, dass James’ Antwort Nein lauten würde; allein der Gedanke war absurd. Aber sie sollte sich gründlich irren.

»Ja. Das wird das Beste sein«, sagte er völlig emotionslos.

Estella zuckte zusammen. »Das Beste für wen? Ich liebe dich, James! Wir haben sogar darüber gesprochen, ein Kind zu bekommen!« Es lag ihr auf der Zunge, ihm zu sagen, dass sie bald ein Baby haben würden.

»Du hast darüber gesprochen, Estella. Ein Kind würde aber nicht in das Leben passen, das ich mir vorstelle. Deshalb bin ich immer vorsichtig gewesen.«

Für einen Moment verschlug es Estella die Sprache. James wollte das Kind nicht, das sie unter dem Herzen trug! Sie konnte es kaum glauben. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien: »Du warst nicht vorsichtig genug!« Ihr Beschützerinstinkt war geweckt, und sie legte eine Hand auf ihren Leib.

»Warum hast du mich dann geheiratet, James?«

»Weil ich dich geliebt habe.«

»Geliebt habe

»Ich liebe dich immer noch, aber nicht so sehr, dass ich dafür ein Leben ohne Glanz und Luxus in Kauf nehmen würde. Du weißt, wie sehr ich die gesellschaftlichen Empfänge mag. Dort knüpft man die wichtigsten beruflichen Kontakte. Es tut mir Leid, aber so bin ich nun mal, und Davinia kennt die richtigen Leute …«

Estella konnte ihm nicht folgen. Nichts von dem, was er sagte, ergab einen Sinn. James war immer noch ihr Ehemann und der Vater des Kindes, das sie erwartete, auch wenn ihm weder an ihr noch an dem Baby etwas zu liegen schien. »Warum hast du mir nicht gesagt, dass wir in finanziellen Schwierigkeiten sind? Du hättest Davinia nicht deine Seele verkaufen müssen. Ich hätte arbeiten können. Hast du vergessen, dass ich Tierärztin bin?« Zwar hatte Estella diesen Beruf seit ihrem Examen an der Universität von Edinburgh keinen Tag ausgeübt, aber nur, weil James es so gewollt hatte.

»Das würde nicht viel helfen. Du würdest nicht genug verdienen. Und wenn du gearbeitet hättest, Estella, wären unsere Freunde zu der Ansicht gelangt, dass ich nicht erfolgreich bin.«

Plötzlich hatte Estella genug von seiner Eitelkeit. »Das wäre sicherlich besser gewesen, als sich zu ruinieren. Was werden deine so genannten Freunde denn jetzt von dir halten?«

James antwortete nicht. Er musste an sich selbst und seine Zukunft denken und konnte keine Rücksicht auf Estellas Meinung nehmen.

Estella war klar gewesen, warum er nicht gewollt hatte, dass sie arbeitete – es hätte so ausgesehen, als könne er nicht allein für eine Frau aufkommen. Geblendet durch seinen Charme hatte sie seinen Hunger nach Ansehen zu verstehen versucht und ihren eigenen Ehrgeiz begraben, in der stillen Hoffnung, bald ein Kind zu haben. Doch das meiste von dem, was James sagte, blieb ihr ein Rätsel. »Was ist mit deinem Erbe?«

»Es ist fort.«

Estella starrte ihn an. »Was? Das ganze Geld?«

»Ich habe die Aktien, die mein Vater mir hinterlassen hat, zu Bargeld gemacht und das Haus belastet. Jetzt kann ich mir die Rückzahlung nicht mehr leisten. Deshalb wird die Bank das Haus bekommen.«

Estella tupfte die Tränen mit seinem Taschentuch ab. Ihre ganze Welt fiel in Trümmer, und in ihrem verletzlichen Zustand konnte sie das alles kaum verkraften.

»Bitte, nicht weinen, Estella. Ich dachte, ich könnte genug verdienen, um das Haus und ein Leben in Luxus zu bezahlen, aber um meine Ansprüche erfüllen zu können, habe ich zu wenig Mandanten.«

»Deine Ansprüche! Ich höre immer nur, was du willst. Findest du das nicht selbstsüchtig?« Plötzlich konnte Estella sich James nicht mehr als Vater vorstellen. Er war zu unreif. »Ich nehme an, es würde auch nichts nützen, wenn wir in ein kleineres Haus in einem preiswerteren Viertel umzögen?«

»Ich fürchte, nein.«

Estella schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht fassen. »Und was soll ich nun tun? Oder interessiert dich auch das nicht mehr, jetzt, wo ich nicht in deine sorgfältig geplante Zukunft passe?«

»Natürlich interessiert es mich, Estella, und ich habe eingehend darüber nachgedacht. Du könntest zu deinen Eltern nach Südrhodesien gehen. Sie behaupten doch, das Leben dort sei wundervoll. Oder du könntest bei deiner Tante Flo in Chelsea wohnen. Ich bin sicher, als Tierärztin würdest du dein Auskommen haben.«

Aber ich müsste nicht nur für mich allein sorgen, James, sondern auch für unser Baby, ging es Estella durch den Kopf. Und ohne dich bin ich allein und mittellos.

»Und wo wirst du wohnen und arbeiten?« Sie fragte es nicht, weil es sie allzu sehr interessierte – dazu war es zu spät. Sie wollte nur wissen, wie weit seine Zukunftspläne für das Leben mit ihrer Cousine bereits gediehen waren.

»Warwick hat ihr einen modernen Bürokomplex am Belgrave Square hinterlassen, in sehr guter Lage und erst nach dem Krieg gebaut. Außerdem hat sie das große Haus am Eaton Square.«

Estellas Unterlippe zitterte vor unterdrückter Wut. »Ich hätte dich nie für einen solchen Mistkerl gehalten!«

»Jetzt weißt du’s. Ich bin oberflächlich und selbstsüchtig, und ich gebe es zu. Außerdem hat Davinia mir schon seit Wochen Geld geliehen. Sie will nichts davon zurückhaben – falls ich sie heirate, sobald ich frei bin. Deshalb, fürchte ich, müssen wir sofort die Scheidung einreichen. Ich hoffe, du siehst es ein und machst es mir leicht, Estella. Es gibt keinen Grund, die Sache auf die lange Bank zu schieben, nicht wahr?«

Estella blickte ihn an. Nur unser Baby, James. Aber du bist ohnehin nicht gut genug, sein Vater zu sein. Langsam schüttelte sie den Kopf.

Es gab nichts mehr zu sagen. Sie wandte sich von James ab und blickte über den See nach Rotten Row hinüber, wo Reiter den wunderschönen Tag nutzten und in vollem Galopp dahinritten. In England konnte man die Tage im Jahr, an denen der Himmel blau und wolkenlos war, an einer Hand abzählen. Und ausgerechnet dieser Tag, an dem Estellas Leben in Trümmer fiel, war wunderschön. Es hätte regenverhangen sein müssen, passend zu ihrer trüben Stimmung und ihrer verzweifelten Lage. Wieder musste sie an das Kind denken. Der heutige Tag hätte einer der glücklichsten ihrer Ehe sein sollen …

Durch einen Schleier aus Tränen sah sie den See im Sonnenlicht funkeln. Kindermädchen und junge Mütter schoben Babys in ihren Kinderwagen spazieren. Hundebesitzer oder deren Bedienstete führten die gepflegten Tiere an der Leine. Verliebte Paare schlenderten Hand in Hand über den Rasen; Enten und Schwäne glitten übers Wasser. Für einen so schönen Tag eine ganz normale Szene – doch Estella kam es vor, als wäre in ihrer scheinbar so hellen und behüteten Welt plötzlich die Nacht hereingebrochen. Wieder dachte sie an das Kind, das in ihrem Leib heranwuchs … vielleicht ein süßes kleines Mädchen.

Jetzt sind wir zwei allein, mein Kleines, ging es ihr durch den Kopf. Aber ich verspreche dir, alles wird gut!

Sie stand auf und reichte James sein Jackett, ohne ihn anzusehen. »Ich gehe nach Hause und packe zusammen. Wenn ich irgendwelche Papiere unterschreiben muss, schick sie an Tante Flos Adresse.« Tapfer schluckte sie den Kloß hinunter, der in ihrer Kehle saß, und bedachte ihren Mann mit einem kühlen Blick. »Lebwohl«, sagte sie, wandte sich um und ging davon.

James war bewusst, dass er sich kalt, gefühllos und berechnend verhalten hatte, meinte jedoch, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Womit er nicht gerechnet hatte, war sein schlechtes Gewissen. »Bitte, warte noch, Estella!«

Sie blieb stehen und wandte sich zu dem Fremden um, in den ihr Mann sich plötzlich verwandelt zu haben schien.

»Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe«, sagte James. »Es tut mir ehrlich Leid.«

Seine Entschuldigung erschien Estella unpassend und klang obendrein unecht. »Mir tut es auch Leid, James. Es tut mir Leid, dass du so kurzsichtig bist und so wenig Charakter besitzt. Ich weiß nicht, wie ich je denken konnte, du hättest menschliche Qualitäten.« Sie hegte beinahe Mitgefühl für ihn, denn sein Egoismus würde ihn um etwas sehr viel Wertvolleres als Geld und gesellschaftliches Ansehen bringen.

Ohne einen Blick zurück ging Estella davon. Es kostete sie ihre ganze Willenskraft, nicht erneut in Tränen auszubrechen. Stattdessen richtete sie sich kerzengerade auf und hob stolz den Kopf. Sie war überzeugt, dass sie James Lawford nie wiedersehen würde – und dass es ihrem Kind ohne diesen Mann besser ging.

2

Als Estella bei ihrer Tante in Chelsea eintraf, war es mit ihrer Selbstbeherrschung vorbei; sie brach in haltloses Schluchzen aus. Sie war zum letzten Mal in ihrem Haus gewesen, einer stilvollen Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert in Belgravia, um ihre Sachen zu packen. Dabei hatten die Erinnerungen an das vergangene Jahr mit James sie überwältigt, und sie hatte um ihre enttäuschten Hoffnungen und Träume getrauert. Die anfängliche Benommenheit war gewichen, und nun erkannte sie voller Bitterkeit, dass ihre persönliche Lage nicht viel schlechter hätte sein können: Sie war heimatlos, mittellos – und erwartete ein Kind.

Als das Taxi vorfuhr, saß Tante Florence am Erkerfenster und war damit beschäftigt, ein Spitzendeckchen zu häkeln, während sie den Klängen aus ihrem alten Grammofon lauschte, das sie den modernen Plattenspielern vorzog. Sie genoss ihre nachmittägliche Ruhestunde, wenn sie ihr Korsett lockerte und die Beine hochlegte. Ihre Hausarbeit hatte sie erledigt, das Abendessen war vorbereitet. Früher hatte Flo diese Stunde meist mit ihrer Mutter verbracht und über vergangene Zeiten geplaudert, doch die alte Dame war im vergangenen Winter an einer schweren Lungenentzündung gestorben. Jetzt gab es nur noch drei Pensionsgäste, um die sie sich kümmern musste, zwei Studenten der Londoner Schauspielschule und einen pensionierten Schornsteinfeger.

Als sie Estella aus dem Taxi steigen sah, ging sie hinaus, um sie auf den Stufen vor der Haustür zu erwarten. Estella wischte sich die Tränen ab. Der verwirrte Taxifahrer folgte ihr mit ihrem Koffer und einer Reisetasche, die er im Vestibül abstellte, bevor er wieder davoneilte.

»Estella, um Himmels willen. Was ist geschehen?«, fragte Flo mit einem Blick auf das Gepäck und nahm ihre Nichte in den Arm.

»Meine Ehe ist in die Brüche gegangen«, stieß Estella hervor und versuchte vergeblich, sich gegen die Tränen zu wehren.

Flo traute ihren Ohren nicht. »Komm erst mal in die Küche«, sagte sie. »Ich mache uns einen Kakao.«

Nach zwei Tassen heißer Schokolade mit Marshmallows hatte Estella sich so weit beruhigt, dass sie ihrer Tante berichten konnte, was geschehen war. Sie erzählte, wie sie James und Davinia zusammen gesehen hatte, und wie James ihr anschließend eröffnet hatte, dass er die Scheidung wolle, um ihre reiche Cousine zu heiraten.

»Das ist nicht zu fassen!«, meinte Tante Flo. »Ich habe Davinia nie gemocht, aber das passt zu ihr! Ihre Mutter Anthea ist Marcus gar nicht ähnlich!«

Anthea und Marcus waren Geschwister, und Marcus war Estellas Stiefvater. Dass die Geschwister so verschieden waren, erklärte nach Florences Meinung auch, warum den Cousinen – Estella und Davinia – so völlig unterschiedliche Werte vermittelt worden waren.

Flo blickte ihre verzweifelte Nichte an. »Es tut mir Leid, dass gerade dir das passieren musste, Estella – aber besser jetzt als in zehn Jahren, wenn du dir vielleicht noch Sorgen um Kinder hättest machen müssen. James ist ein Trottel, der nicht mit dem bisschen Hirn denkt, das der Herrgott ihm gegeben hat, sondern mit seinen unteren Körperteilen. Aber du bist jung und schön und kannst einen neuen Anfang machen.«

»Ich erwarte ein Kind, Tante Flo.«

Florence erschrak. »Gütiger Himmel!« Sie beugte sich über den Tisch und blickte auf Estellas schmale Taille. »Bist du sicher?«

Estella nickte. »Ich war heute Morgen beim Arzt. Anschließend bin ich zu James’ Büro gegangen und habe dabei festgestellt, dass er gar nicht mehr dort ist. In meiner Verwirrung wollte ich zum Hyde Park, um dort mein Picknick zu essen, das ich für James und mich zur Feier des Tages vorbereitet hatte, als ich ihn plötzlich sah, wie er Davinia küsste …«

»Was?«, stieß Tante Flo empört hervor. »Und was hat er gesagt, als du ihm von dem Baby erzählt hast?«

»Ich habe es ihm nicht erzählt. Und das werde ich auch nicht – niemals!«

Eine Geschichte, die sich wiederholt, dachte Flo. Sechsundzwanzig Jahre zuvor hatte sie genau dasselbe Gespräch mit Estellas Mutter geführt, als diese aus Australien zurückgekehrt war – schwanger mit Estella. Sie hatte es Ross auch nicht erzählen wollen, erst recht nicht, nachdem sie Marcus Wordsworth begegnet war. Doch Ross war Flos Bruder, und damals hatte Flo darauf bestanden, dass er es erfuhr. Nicht dass sich dadurch viel geändert hätte: Marcus hatte Estella wie ein eigenes Kind aufgezogen, und Ross hatte seine schöne Tochter nie kennen gelernt.

Flo richtete sich auf. »Estella, du kannst dich nicht vor James verstecken. London ist zwar eine Großstadt, aber er wird es trotzdem früher oder später erfahren.«

»Nicht unbedingt.«

»Willst du nach Rhodesien gehen?«

»Nein. Mutter und Vater kommen ja schon bald her, um Barnaby an der Universität einzuschreiben.«

»Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Caroline schrieb mir, dass dein Bruder mit der Highschool fertig ist und Ingenieurwissenschaften studieren will. Er wird Marcus immer ähnlicher. Aber gerade jetzt, wo das Baugewerbe in Rhodesien boomt, wundert es mich, dass Marcus herkommen will.«

»Sie wollen nur so lange bleiben, bis Barnaby einen Studienplatz gefunden hat. Dann gehen sie zurück nach Rhodesien.«

»Du solltest in deinem Zustand bei deiner Mutter sein, Estella – warum gehst du nicht einfach mit ihnen?«

»Sie kommen erst in einigen Wochen und bleiben dann mindestens zwei Monate. So lange kann ich nicht warten. Bis dahin wird man mir die Schwangerschaft ansehen. Wenn James die Scheidung so schnell hinter sich bringen will, wie ich annehme, wird er bis dahin entweder mit Davinia verheiratet sein oder zumindest die Hochzeit planen. Und ich habe nicht vor, zum Gespött der Londoner Gesellschaft zu werden.«

»Ich glaube, eines Morgens wird James die Augen aufschlagen und sich beim Anblick dessen, was neben ihm liegt, selbst zur Hölle wünschen!«

»Tja, dann wird es zu spät sein. Ich habe seinen wahren Charakter kennen gelernt, und deshalb muss ich fort von hier, Tante Flo, und zwar schnell. James darf niemals etwas von unserem Kind erfahren!« Sie sah den Kummer im Blick ihrer Tante und fügte hinzu: »Schau mich nicht so an, Tante Flo. James hat mir gesagt, dass ein Kind nicht in sein Leben passen würde – also verdient er es auch nicht, von der Existenz des Babys zu erfahren.«

»Er ist selbstsüchtig!«, schimpfte Tante Flo und nahm sich noch eines von den Plätzchen mit Sahne und Marmelade, die Estella gar nicht erst probierte. Auch den köstlichen Duft gebratenen Fleisches, der die Küche erfüllte, nahm sie nicht wahr. »Wo soll ich hin, Tante Flo? Wie soll ich für mein Kind sorgen?« Wieder liefen ihr Tränen über die Wangen.

»Na, na, Liebes. Du hast gesagt, James sei nicht mehr in seinem Büro, also nehme ich an, dass er in ein größeres, standesgemäßeres Bürohaus umgezogen ist. Er muss also gut verdienen, Estella, und er ist verpflichtet, für deinen Unterhalt zu sorgen. Also brauchst du dir über Geld doch keine Sorgen zu machen.«

»Aber James sagt, er ist aus seinem alten Büro ausgezogen, weil er sich die Miete nicht mehr leisten kann, und wenn ich ihn recht verstanden habe, übernimmt die Bank unsere Villa. Wir sind finanziell am Ende, Tante Flo. James hat sogar behauptet, er habe sich schon große Summen bei Davinia geliehen.«

Flo starrte ihre Nichte entsetzt an. Dann sagte sie: »Du weißt doch, dass du hier bleiben kannst, solange du willst. Ich habe Mutters Zimmer nie vermietet …« Estellas Großmutter hatte bis zu ihrem Tod bei Flo gelebt. Danach hatte Flo mit dem Gedanken gespielt, ihr Haus zu verkaufen und in Devon oder anderswo eine kleine Pension zu eröffnen. Doch sie hatte diesen Plan erst einmal aufgeschoben für den Fall, dass Estella ihre Hilfe brauchte.

»Ich kann nicht bleiben, Tante Flo. James’ Großeltern wohnen gleich um die Ecke, in der Fulham Road, und seine jüngste Schwester lebt in der Oakley Street.«

»Vielleicht könntest du irgendwo auf dem Land eine Anstellung als Tierärztin finden.«

»Ich glaube nicht, dass es auf den Britischen Inseln irgendeinen Ort gibt, an dem ich sicher wäre. James’ Familie ist weit verzweigt. Er hat Vettern in Liverpool, Leeds, Newcastle … sogar in Schottland. Ich muss weiter fort, aber wohin? Wo könnte ich mit meinem Kind ein neues Leben beginnen?« Estella senkte den Kopf.

Flo stand auf und trug die schmutzigen Tassen zum Spülstein. Sie verfluchte die Schmerzen in ihren Ellbogen und Knien. Stets war sie von einem leichten Geruch nach Paraffin umgeben, mit dem sie ihre Gelenke gegen das Rheuma einrieb. Im Sommer war es nicht ganz so schlimm, doch wenn der Herbst kam, kam auch der Schmerz, und in diesem Jahr kündigte er sich früh an. Flo blickte zum Himmel, an dem im Westen Wolken aufzogen. Wenigstens wusste sie immer, wann es regnete: sobald die Schmerzen stärker wurden.

Während sie auf ihren Garten und das Gemüsebeet blickte, dachte Flo an Estellas Mutter Caroline. Sie waren seit ihrer Kindheit Freundinnen, und Flo hatte Caroline schrecklich vermisst, als sie mit Marcus nach Afrika gegangen war. Die beiden hatten England nach dem Krieg verlassen, als Estella an der Universität von Edinburgh studierte. Zu ihrer Examensfeier im Jahr zuvor waren sie für kurze Zeit nach England gekommen und eine Weile geblieben, um Estellas Hochzeit mitzuerleben. Flo dachte an das Versprechen, das sie Caroline nach Estellas Geburt gegeben hatte. All diese Jahre hatte sie Wort gehalten, doch jetzt …

»Estella«, begann sie behutsam und setzte sich der jungen Frau gegenüber an den Tisch, »hör mir jetzt bitte mal gut zu.«

Estella hob den Kopf. Ihre Wangen glänzten von Tränen, und ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Ihr Anblick erinnerte Flo an das kleine Mädchen, das sie einst gewesen war. Estella hatte Flo immer schon »Tante« genannt, noch bevor sie gewusst hatte, dass Flo ihre richtige Tante war. Keine andere Freundin ihrer Mutter hatte dieses Privileg genossen. Und Flo, die nie geheiratet hatte und kinderlos war, liebte Estella wie eine Tochter.

»Was ist?«, fragte Estella. Sie fand, dass ihre Tante bekümmert wirkte.

»Vor langer Zeit … du warst noch ein Baby … habe ich deiner Mutter ein feierliches Versprechen gegeben. Wie du weißt, sind wir von Kindheit an Freundinnen gewesen, und ich habe ihr damals versprochen, nie über deinen Vater mit dir zu sprechen.«

Estella blickte sie verwirrt an.

»Ich spreche von deinem richtigen Vater, von meinem Bruder Ross. Ich musste deiner Mutter schwören, darüber zu schweigen, wenn ich weiter an ihrem Leben – und damit auch an deinem – teilhaben wollte.«

Estella konnte kaum glauben, dass ihre Mutter so etwas verlangt haben sollte. Sie hatte mit ungefähr zehn Jahren erfahren, dass Marcus Woodsworth nicht ihr richtiger Vater war. Damals hatte sie die Heiratsurkunde ihrer Eltern entdeckt und gesehen, dass diese nur wenige Wochen vor ihrer Geburt getraut worden waren. Caroline hatte daraufhin zugegeben, schon einmal verheiratet gewesen zu sein, doch über Estellas richtigen Vater hatte sie nie sprechen wollen, und auch Flo hatte ihn selten erwähnt. Nun kannte Estella den Grund dafür.

»Ich begreife nicht, warum Mutter dir diesen Schwur abgenommen hat, Tante Flo.«

»Ich kann es dir erklären, Estella. Sie befürchtete, du könntest neugierig genug sein, deinen richtigen Vater kennen lernen zu wollen, und hatte Angst, Marcus würde sich dadurch verletzt fühlen. Sie war schwanger mit dir, als sie Marcus begegnete, und überwältigt von seinem Versprechen, dich wie sein eigenes Kind aufzuziehen. Und das hat er getan. Doch ich finde, es war ein großer Fehler von Marcus, dass er dir die Möglichkeit nahm, deinen richtigen Vater kennen zu lernen, und so wunderbar Marcus sein mag – auch Ross war ein Mann, der es wert gewesen wäre, ihn kennen zu lernen. Ich weiß, dass es ihm sehr wehgetan hat, dich nie gesehen zu haben.«

»Warum ist er nie gekommen, um mich zu sehen?«

Florences gutmütige Züge spiegelten tiefe Traurigkeit wider. »Das hätte er gern getan, aber er wollte dich nicht verunsichern oder deine Mutter verletzen. Um ehrlich zu sein – er hat nie verwunden, dass Caroline ihm fortgelaufen ist. Er glaubte, sie würde zu ihm zurückkehren. Als sie ihn stattdessen um die Scheidung bat, damit sie Marcus heiraten konnte, hat es ihm das Herz gebrochen. Ich mache deiner Mutter keinen Vorwurf, Estella. Sie konnte nicht in Australien leben. Die Einsamkeit und Abgeschiedenheit im Outback ist nicht jedermanns Sache. Aber ich werde jetzt den Schwur brechen, den ich bei deiner Geburt geleistet habe. Du bist eine erwachsene Frau, und es gibt Dinge, die du wissen solltest, weil sie dir in deiner Lage eine Hilfe sein könnten.«

»Was für Dinge, Tante Flo?«

»Am besten, ich fang ganz von vorne an und erzähle dir, wie deine Eltern sich begegnet sind. Wie schon gesagt, bin ich mein Leben lang mit deiner Mutter befreundet. Wir wohnten in benachbarten Häusern in der Whitehall Street, nicht weit von hier, und gingen in dieselbe Schule. Ross war ein paar Jahre älter als ich, aber als Kinder haben deine Mutter und er sich überhaupt nicht verstanden. Daran hat sich bis zum ersten Weltkrieg nichts geändert. Ross war gerade mit der Schule fertig, als der Krieg ausbrach. Er war ein intelligenter Bursche, und Vater wollte, dass er studierte, aber daraus wurde nichts. Zuerst hat er in einer Munitionsfabrik gearbeitet, dann meldete er sich zur Armee, wo er sein wahres Alter verschwieg, weil sie ihn sonst nicht genommen hätten. Er wurde nach Frankreich geschickt. Als Ross wiederkam, war er zu einem sehr gut aussehenden jungen Mann herangewachsen, und deine Mutter und er verliebten sich ineinander. Ross hatte bei der Armee viel mit Pferden zu tun gehabt; deshalb beschloss er, Tiermedizin zu studieren. Gleich nach seinem Examen 1924 haben er und Caroline dann geheiratet. Bald darauf bewarb er sich um eine Stelle in Australien. Wusstest du, dass er Tierarzt gewesen ist?«

»Ich wusste es erst, als Mutter eine Bemerkung darüber machte, nachdem ich selbst gerade meinen Abschluss in Tiermedizin gemacht hatte. Sie hat sonst nie über ihn gesprochen, deshalb ist es mir so aufgefallen.«

»Deine Mutter hat sich sehr gefreut, dass du Medizin studieren wolltest«, meinte Flo.

»Aber nur, bis sie herausfand, dass ich Tiermedizin belegt hatte«, erwiderte Estella.

»Das hätte sie nicht überraschen dürfen. Im Krieg hast du alle streunenden Tiere, die dir über den Weg liefen, mit in den Bunker genommen.«

Estella lächelte zum ersten Mal, seit sie gekommen war.

Stockend fuhr Flo fort: »Es tut mir Leid, dir sagen zu müssen, dass dein Vater … Ross … vor ein paar Monaten gestorben ist.«

Estella blickte ihre Tante verwirrt an. Sie wusste nicht, was sie denken und empfinden sollte. »Er … ist tot?«

»Ja. Ein Wildpferd hat ihn gegen einen Zaun gedrückt. Dabei hat er sich schwer an Armen und Schulter verletzt, aber gestorben ist er an einer Embolie, einem Blutgerinnsel im Herzen.«

Estella ergriff die Hand ihrer Tante. »Ich habe ihn ja nicht gekannt, Tante Flo, aber für dich tut es mir sehr Leid.«

»Danke, Liebes. Er hat nicht oft geschrieben, weißt du, und wir hatten uns schon seit Jahren nicht mehr gesehen, aber ich vermisse ihn trotzdem, seit ich weiß, dass er nicht mehr da ist. Er war ein kluger, netter Mensch, der gern lachte. Und er besaß einen besonderen Sinn für Humor, der ihn allerdings immer wieder in Schwierigkeiten brachte.«

»Weiß Mutter schon, dass er tot ist?«

»Nein. Ich wollte warten, bis sie zurückkommt, und den geeigneten Zeitpunkt abpassen, um es ihr unter vier Augen zu sagen.«

Estella war nie sonderlich neugierig auf ihren richtigen Vater gewesen, doch sie sah, dass es Flo gut tat, über ihren Verlust zu sprechen. »Du hast doch noch einen zweiten Bruder, nicht wahr, Tante Flo?«

»Ja, meinen jüngsten Bruder, deinen Onkel Charlie. Er ist so verrückt wie ein Känguru im Schnee.« Flo musste daran denken, dass Charlie als junger Mann dem Alkohol und den Frauen verfallen gewesen war. Jetzt war er fast fünfzig Jahre alt, anscheinend aber immer noch nicht gefestigt genug, um zu heiraten. Charlie hatte zwar von einer Frau in seinem Leben gesprochen, doch es musste sich um eine Eingeborene handeln, denn er hatte sie als »Abo« bezeichnet.

»Wo wohnt er?«

»Er lebt noch immer in Kangaroo Crossing, wo auch dein Vater zu Hause war.«

»Ja, Mutter hat mir erzählt, dass mein … dass Ross in Australien lebte. Sie sprach davon wie von einem schrecklichen Ort am Ende der Welt.«

Florence verstand sehr gut, dass es ihrer Nichte schwer fiel, Ross ihren Vater zu nennen. »Deine Mutter hat es dort nicht ausgehalten. Wahrscheinlich nannte sie es deshalb einen schrecklichen Ort. Der Sprung in die Einsamkeit des Outback war für sie als junge Braut, die sich in der Londoner Gesellschaft zu Hause fühlte, viel zu groß. Charlie ist dort glücklich, und ich weiß, dass auch Ross die Gegend sehr geliebt hat – also kann es nicht allzu schlimm sein.«

»Wie kommt es, dass Onkel Charlie auch dort lebt?«

»Er hat in England viel Pech mit seiner Arbeit gehabt und ist deshalb Ross und Caroline nach Australien gefolgt. Ich glaube, er hat dort zuerst eine Zeit lang in dem Hotel gearbeitet, das er später selbst übernommen hat. Nach dem, was Ross und Charlie mir erzählt haben, muss Kangaroo Crossing mitten in Australien liegen, zwölftausend Meilen von hier entfernt. Genau deshalb habe ich überhaupt davon angefangen.«

»Wie meinst du das?«, fragte Estella und blickte ihre Tante verständnislos an.

»Wie ich schon sagte, ist dein Vater vor ein paar Monaten gestorben. Nach seinem Tod hat dein Onkel Charlie mir geschrieben und gefragt, ob du dir vorstellen könntest, die Stelle deines Vaters als Tierarzt zu übernehmen.«

Estella riss verwundert die Augen auf.

»Ich hatte Charlie und Ross erzählt, dass du Tiermedizin studiert hast. Dein Vater war sehr stolz auf dich, genau wie Charlie. Ross besaß ein Haus, das jetzt leer steht, und Charlie hat bestimmt keine Verwendung dafür und für all die ärztlichen Instrumente, die auch noch da sein müssen. Unter diesen Umständen wäre das eine große Chance für dich.«

»Du sagtest, Ross sei schon einige Monate tot. Warum hast du mir nicht eher davon erzählt, Tante Flo?«

»Ich hab daran gedacht, aber ich hatte deiner Mutter ein Versprechen gegeben und es all die Jahre gehalten. Außerdem wusste ich, dass James seine Kanzlei niemals aufgegeben hätte. Vor allem dachte ich, du und James wärt glücklich miteinander.«

Estella brach wieder in Tränen aus. »Das dachte ich auch …«

Florence reichte ihr ein Taschentuch. »Was hältst du davon, nach Australien zu gehen?«

Estella schnäuzte sich und tupfte sich die Tränen von den Wangen. »Ich weiß nicht, Tante Flo. Du sagtest, der Brief sei schon vor Monaten gekommen. Vielleicht haben die Einwohner von Kangaroo Crossing jetzt längst einen anderen Tierarzt.«

»Die Möglichkeit besteht natürlich.« Flo hielt inne und schien nachzudenken; dann sagte sie: »Warum legst du dich nicht ein wenig hin? Du siehst müde aus.«

Estella nickte. »Ich bin so müde, dass ich kaum noch klar denken kann.«

»Dann geh nach oben. Wenn du in ein paar Stunden nicht von selbst wach wirst, rufe ich dich.«

Florence hatte den Entschluss gefasst, Charlie anzurufen, sobald Estella schlief. In Kangaroo Crossing war es jetzt früher Abend, und Charlie stand wahrscheinlich in der Bar hinter der Theke.

Als Estella zwei Stunden später die Treppe herunterkam, schnitt ihre Tante gerade den Braten auf.

»Da bist du ja wieder! Ich habe Charlie angerufen«, sagte sie und schob sich ein kleines Stück Fleisch in den Mund.

»Wirklich?«

»Ja, und er sagte, sie haben noch keinen Ersatz für deinen Vater gefunden. Er würde sich sehr freuen, wenn du die Stelle übernehmen würdest!«

Die Verbindung nach Australien war so schlecht gewesen, dass Flo ihren Bruder kaum verstanden hatte – und das Lachen und Grölen seiner Gäste hatte die Verständigung noch schwieriger gemacht. Doch Flo war sicher, das Wichtigste mitbekommen zu haben, und nahm sich die Freiheit, hier und da Fehlendes zu ergänzen.

»Hast du ihm auch erzählt, dass ich schwanger bin?«

»Ja. Er meinte, das sei wahrscheinlich kein Problem.« In Wirklichkeit hatte Charlie erklärt, er würde es bis zu Estellas Ankunft niemandem sagen. Flo wusste von Charlie, dass die Leute in der Stadt es Caroline sehr übel genommen hatten, als sie Ross damals verließ, und dass sie ihren Zorn vermutlich auf Estella übertragen würden.

»Du hättest ein vollständig eingerichtetes Haus mit einem Praxisraum«, fuhr Flo fort, verschwieg jedoch, dass Charlie erklärt hatte, das Haus müsse erst gründlich in Stand gesetzt werden, und dass er sich darum kümmern wollte. »Du brauchst nur dorthin zu fahren.«

Estella sah ihre Tante verzweifelt an. »Ich … ich habe kein Geld für die Reise …«

»Ich habe eine kleine Summe beiseite gelegt«, sagte Flo. »Genug, um deine Überfahrt zu bezahlen.«

»Ich könnte niemals Geld von dir annehmen, Tante Flo …«

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Charlie sagte, er werde es mir zurückerstatten«, schwindelte Flo.

Benommen von all dem, was auf sie einstürmte, ließ Estella sich auf einen der Stühle am Küchentisch sinken.

»Und? Was meinst du?«, fragte ihre Tante. »Klingt doch ideal, nicht wahr?« Florence hatte immer gehofft, Estella werde ihren richtigen Vater eines Tages kennen lernen. Dazu war es nun zu spät, doch wenn Estella in dem Haus wohnte, das Ross so sehr geliebt hatte, und mit den Menschen arbeitete, die ihm so viel bedeutet hatten, würde sie zumindest erfahren, wie ihr Vater gewesen war. Flo hoffte nur, dass Caroline ihr verzieh.

»Das hört sich wirklich sehr verlockend an, Tante Flo, aber ich habe meinen Beruf seit meiner Prüfung nicht einen Tag ausgeübt. Ich müsste sehr viel lesen, um mein Wissen aufzufrischen.«

»Du warst eine hervorragende Studentin, Estella, und hast dein Examen mit Auszeichnung bestanden, wenn ich mich recht entsinne. Ich bin sicher, das alles wird dir keine Mühe machen!«

»Vielleicht hast du Recht. Und wenn Kangaroo Crossing keine so große Stadt ist, würde ich wahrscheinlich nicht von Anfang an hart gefordert.« Estella stellte sich vor, dass die Kinder des Ortes ihre Kuscheltiere zu ihr bringen würden, und dass man sie ab und zu vielleicht zu einem kranken Pferd oder Rind rief.

»Ja, so wird es sein.« Auch Flo hatte keine Vorstellung, wie Ross’ Arbeit ausgesehen hatte, denn er hatte selten darüber berichtet. In seinen wenigen Briefen hatte er eher von der Stadt, von ihren Menschen und von den Tieren im Busch erzählt und immer wieder geschrieben, wie sehr er die weite Landschaft Australiens liebte.

»Und wenn mein Baby kommt, hätte ich wahrscheinlich alles schon ganz gut im Griff und könnte das Kind später während der Arbeit bei mir behalten, weil die Praxis ja im Haus ist.« Estella blickte in die strahlenden Augen ihrer Tante. »Das alles hört sich beinahe perfekt an. Also gut, ich werde es versuchen!«

3

Michael Murphy blinzelte ins gleißend helle Sonnenlicht. Er stand neben seinem Flugzeug auf dem Rollfeld des Flughafens Parafield in Südaustralien und beobachtete, wie in ungefähr fünfzig Metern Entfernung Passagiere aus einer anderen Maschine ausstiegen. Es war Hochsommer, und die Temperaturen lagen schon seit mehr als einer Woche bei über vierzig Grad Celsius. Trotz der frühen Morgenstunde flimmerte die Luft über dem Asphalt bereits vor Hitze, und der Wind, der am Nachmittag die Gegend in einen Glutofen verwandeln würde, wehte in Böen über die trockenen Felder ringsum und wirbelte Staubfontänen auf.

Michael war von dem abgelegenen Ort Kangaroo Crossing, etwa sieben Meilen jenseits der Grenze zu Queensland, nach Parafield geflogen, um die neue Tierärztin abzuholen. Charlie Cooper war ungewöhnlich wortkarg gewesen, was Ross’ Nachfolgerin betraf, sodass Michael nicht genau wusste, was er zu erwarten hatte. Er kannte bloß den Namen und hatte eine ungefähre Beschreibung: eine Frau Mitte zwanzig mit dunklen Haaren. Er wusste außerdem, dass sie den langen Weg von London nach Australien gekommen war, und dass sie ihren Abschluss genau wie Ross Cooper an der Universität von Edinburgh erworben hatte. Aber darüber hinaus lag alles, was diese Frau betraf, im Dunkeln.

Der Flug von Kangaroo Crossing hatte bei Gegenwind und mit einer Zwischenlandung zum Tanken etwas mehr als acht Stunden gedauert. Michael war in der Abenddämmerung des vergangenen Tages in Parafield eingetroffen, hatte ein paar Sandwiches gegessen, die er mitgenommen hatte, und hatte sich dann in seinem Flugzeug zum Schlafen ausgestreckt. Bei Tagesanbruch war er aufgestanden, hatte getankt und die Maschine startklar gemacht. Jetzt musste er nur noch seine Passagierin aufnehmen, doch ihr Flugzeug hatte mehr als eine Stunde Verspätung.

Als die meisten Insassen der gerade gelandeten Maschine über das Rollfeld zum Empfangsraum gegangen waren und keiner unter ihnen der Frau glich, auf die er wartete, stieß Michael einen leisen Fluch aus. Gerade wollte er zum Ticketschalter gehen, um die Passagierliste mit den Daten auf dem zerknitterten Zettel zu vergleichen, den Charlie ihm gegeben hatte, als eine Stewardess mit einer jungen Frau erschien, auf die Charlies vage Beschreibung von Estella Lawford am ehesten zu passen schien.

Michael fand, dass die Frau krank aussah. Sie stützte sich schwer auf das Geländer, als sie die Treppe hinunterstieg, und die Stewardess wirkte besorgt. Michael beobachtete sie, während er zu der großen Passagiermaschine ging. Die junge Frau bemühte sich, die Sorgen der Stewardess zu zerstreuen. Hastig griff sie nach ihrem Hut, den ihr ein plötzlicher Windstoß beinahe vom Kopf gerissen hätte.

»Ich brauche nur ein bisschen Ruhe, dann geht es mir wieder gut«, hörte Michael die junge Frau sagen. Er erwartete sie unten am Fuß der Treppe und starrte auf das von der langen Reise zerknitterte Leinenkostüm, wahrscheinlich die neueste Mode in London. Die junge Frau war schlank und sehr attraktiv – viel zu hübsch für eine kleine Stadt am Ende der Welt! Die wenigen Frauen, die dort lebten, waren viel zu sehr mit dem täglichen Kampf ums Überleben beschäftigt, als dass sie sich Gedanken um Mode und Frisuren machen konnten. Michael versuchte sich vorzustellen, wie diese zierliche Person die Arbeit tat, die Ross getan hatte, doch es war unmöglich. Er gab ihr höchstens sechs Wochen.

»Sind Sie Estella Lawford?«, fragte er, denn er hatte es eilig, den Rückflug anzutreten.

»Ja«, erwiderte Estella mit einem Blick auf den großen, schlanken Mann am Fuß der Treppe. Man hatte ihr gesagt, dass jemand sie abholen würde, hatte ihr jedoch keinen Namen genannt. Der Mann lüftete seinen abgetragenen Hut. Darunter kamen lockige blonde Haare und sehr dunkle Augen zum Vorschein. Sein fremder, australischer Akzent hatte einen irischen Einschlag, doch sein Tonfall war eher geschäftsmäßig als freundlich. Er sah aus, als hätte er in seiner Kleidung geschlafen. »In diesem Fall können Sie leider nicht mehr als ein paar Minuten ausruhen«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. »Wir müssen starten, sobald Sie Ihr Gepäck haben, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit in Kangaroo Crossing sind.«

Estella stöhnte. »Es wäre doch keine Katastrophe, wenn wir erst im Dunkeln ankämen, oder?«

Michael starrte sie an, als hätte sie soeben behauptet, ohne Flugzeug fliegen zu können. »Ohne Beleuchtung auf der Rollbahn könnte es leicht in einer Katastrophe enden, besonders, wenn wir mit einem Känguru zusammenstoßen.« Estella verzog das Gesicht, und Michael blickte sie eindringlich an. »Was ist mit Ihnen? Sie sind ja ganz blass!«

Estellas Teint hatte allein bei dem Gedanken, schon so bald wieder fliegen zu müssen, alle Farbe verloren. Sie brachte kein Wort hervor, sodass die Stewardess schließlich für sie antwortete: »Ihr war furchtbar schlecht.«

Estella hatte der Stewardess anvertraut, dass sie schwanger war, als diese ihr Medikamente gegen die Übelkeit anbot, von denen Estella befürchtete, sie könnten dem Kind schaden. Damit die Stewardess jetzt nicht zu viel sagte, erklärte Estella rasch: »Es geht mir gut … es gibt wirklich keinen Grund zur Aufregung.«

Michael Murphy stöhnte innerlich auf. Im Outback war ein Tierarzt, der nicht fliegen konnte, ungefähr so nützlich wie ein Kanu auf dem Lake Eyre – eine Salzmulde, die sich im Durchschnitt ungefähr alle fünfzig Jahre einmal mit Regenwasser füllte. Und das sagte er ihr jetzt auch. Estella fand Michaels Bemerkung wenig schmeichelhaft und sagte verlegen: »Es war das erste Mal, dass ich geflogen bin, wissen Sie …«

»Dann sollten Sie sich lieber schnell daran gewöhnen«, gab Michael ungeduldig zurück.

Seine Worte kränkten Estella, und sie befürchtete, in Tränen auszubrechen. Deshalb senkte sie den Blick auf die Stufen, die vor ihr lagen, und stieg vorsichtig die Treppe hinunter auf die Rollbahn. Sie würde vor diesem unfreundlichen Kerl nicht weinen, egal, wie elend sie sich fühlte.

Michael blickte auf Estellas hohe Absätze und schüttelte wieder den Kopf. Offensichtlich hatte diese Frau keine Vorstellung davon, wohin sie reiste.

»Ich glaube, ich habe noch ein paar Eukalyptusblätter im Flugzeug«, sagte der Mann. »Sie helfen ziemlich gut bei Übelkeit. Man zerdrückt die Blätter einfach in der Hand und atmet ihren Duft ein. Übrigens – ich bin Michael Murphy.« Er streckte eine tief gebräunte Hand aus.

»Estella …« Sie verstummte, starrte auf Michaels ölverschmierte Finger und konnte sich nicht überwinden, ihm die Hand zu schütteln.

»Nun, wer Sie sind, hatten wir ja schon festgestellt«, meinte Michael, blickte auf seine Hand und erkannte, warum Estella sie nicht nehmen wollte. »Na, großartig«, sagte er und warf lachend den Kopf zurück. »Eine Tierärztin, die sich nicht gern die Hände schmutzig macht. Ich sehe schon, Sie werden uns sehr von Nutzen sein!« Er setzte seinen Hut wieder auf und zog einen Lappen aus der Tasche, mit dem er versuchte, das Öl abzuwischen. Gleichzeitig versuchte er, sich Estella auf einer Wiese voller Kuhfladen vorzustellen.

Sie hätte ihm liebend gern gesagt, dass sie nur ihres Zustands wegen so empfindlich war, aber das durfte sie auf keinen Fall!

»Ich lasse Ihnen Ihr Gepäck hinausschicken«, sagte die Stewardess und eilte davon.

»Vielen Dank«, rief Estella ihr nach und stellte fest, dass Michael Murphy schon ohne sie das Rollfeld entlangging. »Wo ist denn Ihr Flugzeug?«, erkundigte sie sich, während sie versuchte, zu ihm aufzuschließen.

Michael blieb stehen und deutete auf eine kleine, einmotorige Maschine, die ein Stück abseits von den anderen stand. Sie war über und über mit Staub bedeckt.

Auch Estella hielt inne und starrte entsetzt auf das, was da vor ihr stand: Das traurigste Exemplar eines Flugzeugs, das sie je gesehen hatte. »Das kann nicht Ihr Ernst sein!«

»Wie meinen Sie das?« Michaels Blick ruhte mit Stolz auf seiner Maschine, die in der Morgenhitze flimmerte.

»Ist das ein … Mähdrescher?« Estella war sicher, dass er sich nur einen Scherz mit ihr erlaubte.

»Natürlich nicht

»Ich weiß nicht viel über Flugzeuge, Mr. Murphy, aber offen gesagt sieht dieses … dieses Gerät mir nicht sehr flugtauglich aus.« Sie deutete in Richtung der Maschine.

»Ich kann Ihnen versichern, dass es mehr als flugtauglich ist. Ich bin gerade über siebenhundert Meilen geflogen, um herzukommen, und sie hat nicht einmal gemuckt!«

Wenig überzeugt trat Estella näher an die staubbedeckte Maschine heran, um sie einer genaueren Inspektion zu unterziehen. »Sind Sie ganz sicher, dass sie nicht nur vom Staub zusammengehalten wird?«

»Sie erwarten doch wohl nicht von einem Flugzeug aus dem Outback, dass es vor Sauberkeit blitzt und funkelt?« Insgeheim fragte er sich, was für andere unrealistische Erwartungen Estella sonst noch hegte. Wahrscheinlich würde der Anblick von Kangaroo Crossing der Schock ihres Lebens sein.

Estella spürte, dass ihre Bemerkung ihn gekränkt hatte, doch sie verstand nicht, warum.

»Glauben Sie mir – wichtig ist nur, was sich unter dem Staub befindet. Und das ist eine Cessna 195, Baujahr 1947. Sie verfügt über einen Sternmotor mit 300 PS und hat eine Höchstgeschwindigkeit von mehr als hundertsechzig Sachen. Der Tank fasst dreihundert Liter Treibstoff, genug für tausend Flugkilometer. Glauben Sie mir, sie ist so verlässlich wie ein Kutschengaul.«

Estellas Miene drückte Erstaunen und Skepsis zugleich aus.

»Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben«, fuhr Murphy fort, »Sie sind sehr jung und attraktiv, wie ich meine, zu attraktiv, um Ihren Arm in den Hintern einer Kuh zu stecken.«

Estella zuckte zusammen und fühlte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. »Solche Untersuchungen sind erforderlich, um festzustellen, ob eine Kuh trächtig ist, und um gewisse Krankheiten zu diagnostizieren.«

»Das weiß ich, ich hab Ross oft dabei zugesehen. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Sie so was schaffen.«

Estella schnappte nach Luft. Sie konnte kaum glauben, wie direkt und vulgär er sich ausdrückte. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich es schon sehr oft getan habe!« Das war leicht übertrieben, denn sie hatte eine solche Untersuchung während des praktischen Teils ihres Studiums genau zwei Mal vorgenommen und sich beide Male sehr unwohl dabei gefühlt.

»Wenn meine Offenheit sie erschreckt, gewöhnen Sie sich besser daran«, meinte Michael Murphy. »Im Outback sagen die Leute, was sie denken. Da ist kein Platz für Diplomatie und übertriebene Rücksicht.«

Estella schluckte schwer. »Ich nehme es mir zu Herzen, Mr. Murphy. Aber ich bin durchaus an Männer mit schlechten Manieren gewöhnt. Um Tierärztin zu werden, habe ich sechs Jahre an der Universität verbracht und war eine von nur zwei Frauen in einem Kurs von zwanzig Personen. Das allerdings war schnell vergessen. Ich habe jeden Fluch und jedes schmutzige Wort gehört, das Sie sich vorstellen können. Wahrscheinlich könnte ich sogar Sie verlegen machen. Und nun, Mr. Murphy«, sie stemmte eine Hand in die Hüfte, »wüsste ich gern, wie weit es bis nach Kangaroo Crossing ist.« Sie hatte kaum ausgesprochen, als ihr einfiel, was er gesagt hatte: Er war mehr als siebenhundert Meilen geflogen, um nach Parafield zu kommen. Und der Gedanke, während des Fluges stundenlang in seiner Gesellschaft zu sein, gefiel Estella mit jeder Minute weniger. »Himmel, nun hören Sie schon mit dem ›Mister‹ auf. Hier in Australien gehen wir nicht so förmlich miteinander um. Ich heiße einfach ›Murphy‹, es sei denn, Ihnen fällt was Lustigeres ein. Mit Rückenwind brauchen wir acht Stunden bis Kangaroo Crossing. Wir werden nur einmal zwischenlanden, um an der Versorgungsstation Mungerannie zu tanken. Wenn Sie vorher noch einmal verschwinden müssen … Sie wissen schon … schlage ich vor, dass Sie es jetzt tun. Aber beeilen Sie sich.«

Dankbar für die Gelegenheit, Michael Murphy für ein paar Minuten zu entkommen, ging Estella in Richtung des Hauptgebäudes davon.

Michael sah ihr nach, ohne einen Blick für ihre wohl geformten Beine und ihre schlanke, weibliche Figur zu haben. Er schüttelte den Kopf. »Was hat Charlie sich nur dabei gedacht, eine Londoner Modepuppe als Nachfolger für einen Mann wie Ross Cooper einzustellen?«, murmelte er vor sich hin und wandte sich wieder seiner Maschine zu.

Erleichtert stellte Estella fest, dass ihr in der kleinen Cessna nicht übel wurde. Trotz Michaels Gesellschaft begann sie den Flug sogar zu genießen, obwohl die Landschaft unter ihnen öde und braun war und die Sonne heiß in die Fenster schien. Zuerst war sie sehr nervös gewesen, doch nach ungefähr einer Stunde entspannte sie sich, während die Maschine am weiten, tiefblauen Himmel ihre Bahn zog.

»Südaustralien ist der trockenste Teil des Kontinents«, sagte Michael, als Estella das fehlende Grün ansprach. »England würde größenmäßig viele Male hier hineinpassen.«

»Wirklich?« Estella konnte kaum fassen, wie gewaltig dieses einsame Land war.

Nach einigen Stunden sah man am Boden statt der flachen Ebene die Flinders Ranges, eine Hügelkette. Michael zeigte Estella die Blinmann-Kupfermine und den Wilpena Pound, eine riesige kraterähnliche Vertiefung in der Landschaft. »Der Krater hat eine Fläche von fast neuntausend Hektar«, erklärte er. »Früher hat man Pferde darin gezüchtet.«

Estella musste zugeben, dass der Anblick von oben beeindruckend war.

»Einige Hügel in den Flinders Ranges sind mehr als dreihundert Meter hoch«, fügte Michael hinzu. »Sie sind nach einem Landsmann von Ihnen benannt, Matthew Flinders. Er war ein englischer Entdeckungsreisender und hat diese Hügel im Jahre 1802 entdeckt.«

Als sie um die Gipfel herum flogen, sah Michael Estella an, wie beeindruckt sie war.

Hinter den Ranges wurde das Land eben; meilenweit erstreckte sich flaches Weideland. Estella hätte am liebsten einfach nur die Aussicht genossen, doch Michael wollte mehr über sie erfahren.

»Sie hatten nicht viel Gepäck. Lassen Sie sich Ihre ärztlichen Instrumente auf dem Seeweg nachschicken?«

»Man sagte mir, ich könne Ross Coopers Instrumente benutzen.«

Michael Murphy bedachte sie mit einem tadelnden Seitenblick.

»Er kann schließlich nichts mehr damit anfangen!«, sagte sie.

»Oh, wir sind heute ja so schrecklich zart fühlend«, meinte Michael spöttisch.

Estella war gekränkt, konnte es sich aber nicht leisten, empfindlich zu sein. »Es gibt Dinge, da bin auch ich zart fühlend, aber manchmal muss man praktisch denken.« Zumal ihre verzweifelte Situation sie dazu zwang, doch das verschwieg sie natürlich.

Murphy sagte nichts, doch insgeheim fragte er sich, wer oder was sie so hart hatte werden lassen.

»Was für ein Mensch war Ross Cooper eigentlich?«, wollte Estella wissen.

»Er war ein großartiger Bursche.«

»Ein guter Tierarzt?«

»Ja, und ein guter Freund.«

Estella spürte deutlich, was Michael Murphy ihr damit zu verstehen geben wollte: Dass sie niemals an Ross Cooper heranreichen würde.

»Dann vermissen Sie ihn wohl sehr?« Ein Fluggast, mit dem sie sich in der großen Passagiermaschine unterhalten hatte, hatte ihr erklärt, dass in Australien Männerfreundschaften sehr wichtig genommen wurden.

»Alle in Kangaroo Crossing vermissen ihn sehr.« Michael wandte sich ab, die Lippen zusammengepresst. Estella erkannte, dass es besser war, das Thema zu wechseln. Sie schaute aus dem Fenster zu ihrer Rechten.

Ein wenig später überraschte Michael sie wieder mit einer sehr direkten Frage. »Warum wollten Sie ausgerechnet im Outback arbeiten?«

Estella musste sofort an James und seine Affäre mit ihrer Cousine denken, und ihr wurde übel. Stattdessen dachte sie an das Kind, das in ihr heranwuchs, und den neuen Anfang, den sie sich für sie beide erhoffte. »Ich brauchte … nun ja, Luftveränderung, und als Florence Cooper erwähnte, dass in Kangaroo Crossing ein Tierarzt gesucht wird, hielt ich es für eine gute Möglichkeit. Ich freue mich auf die Arbeit in einem kleinen Ort.« Solange niemand in meiner Vergangenheit herumschnüffelt, fügte sie in Gedanken hinzu. Während des langen Fluges von England hatte sie Antworten auf all die Fragen geübt, von denen sie wusste, dass man sie ihr stellen würde. Und sie hatte beschlossen, niemandem zu sagen, dass sie Ross Coopers Tochter war – zumindest vorerst nicht. Ross war für sie ein Fremder, und es wäre ihr unrecht erschienen, sich auf ihn zu berufen.

Michael fragte sich, ob Estella wohl wusste, wie klein Kangaroo Crossing wirklich war. »Aber dann wäre eine Praxis in einem englischen Dorf doch genau das Richtige für Sie gewesen.«

»Nein. Ich wollte eine grundlegende Veränderung. Außerdem interessiere ich mich sehr für die australische Tierwelt.«

Estella hatte noch nie so viel gelesen wie während der Vorbereitungen auf diese Reise. Sie hatte sämtliche Bücher aus ihrer Studienzeit wieder ausgegraben und sich in der Bücherei Literatur über Rinder- und Schafzucht in Australien ausgeliehen, außerdem Bände über das Tierleben generell auf diesem Kontinent – alles, was sie bekommen konnte.

»Sie hatten also genug von Igeln und Eichhörnchen?«

Zum ersten Mal lächelte Estella. »Ja, und ich würde gern mehr über dieses seltsame Wesen erfahren, das es nur in Australien gibt – den Platypus.«

»Dann werden Sie leider enttäuscht sein.«

»Warum?«

»Weil es in Kangaroo Crossing für den Platypus zu trocken ist. Diese Tiere leben in Bächen und Flüssen, die stets Wasser führen, und haben ganz bestimmte Ansprüche an ihre Umgebung. – Wie viel Erfahrung haben Sie in Ihrem Beruf?«

»Ich habe viel Erfahrung mit Tieren, aber das hier wird meine erste richtige Stelle sein.« Eine Spur von Trotz schwang in Estellas Worten mit.

Wie sie erwartet hatte, wirkte Michael nicht sehr beeindruckt. »Ich hoffe, Sie meinen damit nicht, dass Sie als Kind ein Kaninchen, eine Katze oder ein Hündchen als Haustier gehalten haben?«

Zorn stieg in Estella auf. »Hören Sie, Mr. Murphy …«

Er stöhnte, als er das Wort »Mister« hörte.

»Hören Sie, Murphy, Ross Cooper ist schon seit Monaten nicht mehr am Leben, und mir scheint, dass sich nicht gerade Scharen von Tierärzten um seine Stelle bei Ihnen beworben haben. Es sieht eher so aus, als wären Sie und die Einwohner von Kangaroo Crossing auf mich angewiesen. Also sollten Sie sich langsam an den Gedanken gewöhnen.«

Murphy warf ihr einen Seitenblick zu und murmelte kopfschüttelnd: »Sie werden mich in vier Wochen auf Knien anflehen, Sie zurückzufliegen!«

»Das werde ich nicht«, gab Estella zuversichtlich zurück.

Es war nicht der Glaube an sich selbst, der ihr diese Sicherheit gab; es war das Wissen, dass sie niemals nach England würde zurückkehren können. Der Abschied von Tante Flo – in dem Bewusstsein, sie wahrscheinlich nie mehr wiederzusehen – war sehr schwer gewesen, doch Estella hatte versprochen, Briefe und Fotos zu schicken. Allein der Gedanke an diesen traurigen Abschied ließ ihr die Tränen in die Augen steigen. Rasch wandte sie sich zum Fenster und wischte sie mit einem Handrücken ab.

Michael Murphy sah sie an und spürte, wie aufgewühlt sie war. Sicher hatte sie jemanden zurückgelassen, der ihr viel bedeutete. Er wäre jede Wette eingegangen, dass entweder Estella selbst ein Herz gebrochen oder jemand sie tief verletzt hatte. Die meisten Menschen, die sich in das Outback zurückzogen, liefen vor irgendetwas davon. Michael selbst machte da keine Ausnahme.

Als sie schon sechs Stunden geflogen waren, ging Michael mit der Maschine in eine Linkskurve und ließ sie einige hundert Meter sinken.

»Die kleine Stadt da unten ist Marree«, erklärte er Estella. »Sie hieß früher Hergot Springs und war ein Verpflegungsposten für Kamelkarawanen, die Waren vom Ende der Eisenbahnstrecke nach Alice Springs transportierten. Alice ist die größte Stadt im Outback. Seit der Ghan durch die Stadt und weiter nach Alice Springs fährt, werden Kamele nur noch selten eingesetzt.«

»Der Ghan?«

»Der Afghan Express, der Zug aus Adelaide.«

»Fährt er auch durch Kangaroo Crossing?«

Michael entging nicht der Beiklang von Hoffnung, der in ihrer Stimme mitschwang. »Nein. Von Marree aus führt die Strecke nach Westen, den Oodnadatta-Track entlang. Wir fliegen in nordöstliche Richtung.«

»Es scheint keine große Stadt zu sein«, meinte Estella, als sie Marree hinter sich ließen.

»Es gibt dort immerhin ein Hotel, ein paar Läden, ein kleines Krankenhaus, ein Postamt, eine Polizeistation und eine kleine Gemeinschaft ständiger Einwohner, darunter auch Afghanen und Aborigines.« Er sah Estella an. »Kangaroo Crossing ist nur halb so groß wie Marree.«

Estella bemühte sich, ihren Schrecken nicht zu deutlich zu zeigen.

»Soll ich umkehren?«, fragte Michael mit spöttischem Lächeln.

»Nein.«

»Ganz sicher nicht?«

»Ganz sicher nicht.«

Murphy lachte. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!«

Zwanzig Meilen nördlich von Marree deutete Michael auf den Lake Harry, der nicht viel mehr war als ein Wasserloch.

»Am Lake Harry hat die Regierung den ersten Brunnen für die Viehtriebe gebohrt. Die Siedlung ist seit 1951 verlassen. Aber früher war der Lake Harry ein geschäftiger Handelsplatz für die Kamelkarawanen.«

»Sind das Palmen, was ich da sehe?«

»Ja, Dattelpalmen. Baron von Mueller, ein berühmter Botaniker, erkannte in diesen Palmen eine gute Futterquelle und obendrein einen Schattenspender für die Wasserlöcher im Outback. Deshalb wurden sie an vielen Wasserstellen angepflanzt.«

Am Boden sahen sie eine Rinderherde inmitten einer riesigen Staubwolke. Berittene Treiber hielten die Tiere mithilfe von Hütehunden zusammen und trieben sie voran. Estella hatte noch nie eine so große Herde gesehen – sie schätzte sie auf mindestens tausend Stück. »Sie sind sicher unterwegs nach Marree, wo die Tiere in den Zug verladen und zu den Märkten im Süden transportiert werden«, erklärte Michael. »Die Herden sind hier so groß, dass sie aus der Luft überwacht werden müssen.«

»Und das tun Sie?«

»Ja – wenn ich nicht gerade den Tierarzt oder den Doktor zu irgendwelchen Farmen fliege.«

»Den Tierarzt? Sie meinen … mich?«

Er hob eine Braue. »Genau.«

Estella war verwirrt, bemühte sich jedoch, es zu verbergen. Sie hatte nicht gewusst, dass sie so gewaltige Entfernungen würde zurücklegen müssen, um zu den Tieren zu gelangen, die sie behandeln sollte. Wie sollte sie das in hochschwangerem Zustand schaffen? Wenn es erst so weit war, waren weite Flugreisen unmöglich.

Etwas weiter nördlich passierten sie den so genannten »Dog Fence«, den Michael ihr ebenfalls zeigte. »Er ist fast sechstausend Meilen lang und erstreckt sich von der Grenze zu New South Wales bis zur Great Australian Bight. Man hat ihn gebaut, um wandernde Dingos daran zu hindern, an seiner Südseite grasende Schafe zu reißen.«

»Und hat es funktioniert?«

»Die Dingos versuchen immer wieder, sich unter dem Zaun durchzugraben. Aber alles in allem funktioniert es so gut wie erhofft. Allerdings muss alles gut in Stand gehalten werden. Wir überfliegen gerade den Clayton River. Dieser Punkt dort unten ist die kleine Siedlung an der Clayton Station. Übrigens ist eine station eine Riesenfarm, auf der Schafe oder Rinder gezüchtet werden. Manche stations sind so groß wie ein europäischer Kleinstaat.«

Estella sah nur ein von nichts als rotem Staub umgebenes Haus. Sie fragte sich, was für Menschen an einem so einsamen Ort leben mochten und wie die Herden von Rindern und Schafen hier überlebten.

Zwanzig Meilen weiter deutete Michael auf den Dulkannina Creek. »Die Dulkannina Station wurde Ende des neunzehnten Jahrhunderts gegründet«, sagte er.

Estella versuchte ohne Erfolg, den Namen auszusprechen.

»Viele Bezeichnungen im Outback stammen von den Aborigines«, sagte Michael als Erklärung für die Fremdartigkeit des Namens.

»Das Flussbett sieht trocken aus«, stellte Estella fest.

»Das Vieh trinkt an einem artesischen Brunnen«, erwiderte Michael. »Hier draußen würde ohne unterirdische Wasservorkommen niemand überleben. Die jährliche Regenmenge liegt bei weniger als drei Zentimetern. Wenn es im südwestlichen Queensland regnet, schießt das Wasser den Warburton hinunter und in den Cooper Creek, aber es muss schon regelrecht schütten, bevor in diesem Teil des Landes noch etwas von dem Wasser ankommt.«

»Ist das Wasser aus dem Untergrund nicht heiß, wenn es an die Oberfläche dringt?«

»Ja, sehr sogar. Am Cannuwaukannina-Brunnen muss es erst zwei Kilometer durch offene Leitungen fließen, bis es sich so weit abgekühlt hat, dass die Tiere es trinken können. Wir fliegen bald über die Etadunna-Siedlung. Dort gibt es eine Gedenktafel für die lutherischen Missionare, die fünfzehn Meilen weiter nördlich die Aborigine-Siedlung in Killalpannina gegründet und geleitet haben. Sie wurde 1866 gebaut und bot Platz für ungefähr zweihundert einheimische Siedler, bis sie wegen einer schlimmen Dürre 1915 aufgegeben werden musste.«

»Ist das da vorn ein Fluss?«, fragte Estella, die beeindruckt auf eine gewundene braune Schlucht in der Landschaft starrte.

»Ja, das ist der Cooper River. Wenn es in Queensland heftig regnet, führt er Wasser und speist den Lake Eyre, der, wie ich schon erwähnte, aber die meiste Zeit des Jahres bloß eine riesige trockene Salzmulde ist.«

»Ja, ich habe Ihre Bemerkung, ich sei so nützlich wie ein Kanu auf dem Lake Eyre, nicht vergessen.«

Murphy wirkte nicht im Mindesten schuldbewusst. »Wir werden sehen«, sagte er.

Die kleine Cessna flog weiter, scheinbar ins Unendliche, und Estellas Mut sank. Sie fragte sich, wohin sie ihr ungeborenes Kind mitnahm und ob es nicht unverantwortlich war, es so weit entfernt von jeder Zivilisation zur Welt zu bringen. Schreckensvisionen geisterten durch ihren Kopf, und sie schauderte.

Das hier wird entweder das Schlimmste, was ich je getan habe – oder das Beste, dachte sie und legte, wie so oft in den letzten Tagen, eine Hand schützend auf ihren Leib. Und ich hoffe um deinetwillen, mein Kleines, dass es das Beste wird.

4

Die Cessna begann den Landeanflug. »Das da unten ist die Versorgungsstation Mungerannie«, erklärte Murphy. »Sie liegt genau in der Mitte zwischen vier verschiedenen Wüsten: der Tirari, der Strzelecki, der Simpson und der Sturt’s Stony Desert. Wir landen in ein paar Minuten.«

Estella blickte aus dem Fenster. »Es hört sich vielleicht dumm an, aber … wo wollen Sie landen? Ich sehe keine Spur von einer Rollbahn.« Sie erblickte nur ein Gebäude, das in der weiten, von rotem Staub bedeckten Landschaft nicht viel größer aussah als ein Kieselstein. Als sie tiefer hinuntergingen, erkannte sie auf dem Dach des Hauses das in riesigen weißen Lettern gemalte Wort Mungerannie. Estella nahm an, dass es den Flugzeugen die Orientierung erleichtern sollte, denn die Versorgungsstation war in dieser unendlichen Wüste, wo alles mit der Umgebung zu verschmelzen schien, leicht zu verfehlen. Hinter dem Haus erkannte sie ein altersschwaches Vehikel, das aussah, als würde es bis zu den Achsen im Staub stehen; es erschien Estella irgendwie symbolisch für alles Fremde in der lebensfeindlichen Umgebung des Outback. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie versuchte, sich die Landung vorzustellen, und bei dem Gedanken daran, die Räder von Murphys Maschine könnten im Staub versinken, geriet sie regelrecht in Panik.

Murphy sah es ihr an und grinste schadenfroh. »Hier draußen braucht man keine richtige Landebahn, die Straße tut’s auch!«

Estella starrte ihn an. »Welche Straße

»Für Londoner Begriffe ist sie wahrscheinlich ein bisschen dürftig, aber für uns hier erfüllt sie ihren Zweck.« Seine dunklen Augen funkelten, doch Estella war zu verschreckt, um seinen seltsamen Sinn für Humor zu würdigen.

»Halten Sie sich fest!«, befahl er.

»O Gott!«, stieß sie hervor und barg ihr Gesicht in den Händen, während sie auf den Moment des Aufsetzens wartete.

Sie fühlte, wie die Räder des Fahrwerks die so genannte Straße berührten und wie die Maschine über Unebenheiten und durch Schlaglöcher holperte, bis sie schließlich vor dem Gebäude inmitten einer Wolke aus rotem Staub zum Stehen kam, der vom Wind rasch davongetragen wurde.

Von ein paar heftigen Stößen abgesehen, war die Landung gar nicht so schlimm gewesen, wie Estella befürchtet hatte; trotzdem schlug ihr Herz rasend schnell, und sie fühlte, dass ihre Handflächen feucht vor Schweiß waren. Sie gab Murphy die Hauptschuld an ihrer Angst, denn er hatte absichtlich darauf verzichtet, sie zu beruhigen.

Als er den Motor abstellte, warf er ihr einen herausfordernden Blick zu, der ausdrückte: Na, was habe ich Ihnen gesagt? Estella beschloss, ihn zu ignorieren, und stieg aus der Maschine.

Es tat ihr gut, sich die Beine zu vertreten, doch die Hitze machte ihr das Atmen schwer. Und was noch schlimmer war: Als der Staub sich langsam verzog, wurde sie von unzähligen Buschfliegen überfallen.

»O Gott«, rief sie und wedelte heftig mit den Armen, um die Fliegen zu vertreiben.

»Sie gewöhnen sich schnell daran«, meinte Michael Murphy. »Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin kurz vorm Verhungern. Wenn wir mehr Zeit hätten, würde ich Hattie bitten, mir ein paar Kängurusteaks zu braten.«

Estella war entsetzt. Sie hatte die Tiere aus dem Flugzeugfenster gesehen und es possierlich gefunden, wie sie durch die weite Landschaft hüpften. »Kängurusteaks? Das kann nicht Ihr Ernst sein!«

»O doch, so wahr ich hier stehe! Da draußen sind sie die reinste Plage, aber ihr Fleisch ist sehr gut.«

»Ich habe keinen Hunger, aber ich könnte etwas zu trinken gebrauchen«, meinte Estella und verbannte den Gedanken an Kängurufleisch, damit die Übelkeit sie nicht übermannte.

Michael wandte sich in Richtung der Versorgungsstation. »Ich hätte auch nichts gegen ein Bier, aber das muss warten, bis wir in Kangaroo Crossing sind.« Dann blieb er stehen und drehte sich zu Estella um, als wäre ihm gerade ein Gedanke gekommen. »Sie sind doch wohl keiner von diesen seltsamen Menschen, die kein Fleisch essen, oder?«

»Ein Vegetarier? Nein, aber ich esse kein Wild …«

»Kängurufleisch ist eine nette Abwechslung von Rind und Lamm. Es ist erstaunlich, wie schnell man es satt haben kann, immer das Gleiche zu essen.«

»Ich mag gern Gemüse.«

Murphy lachte. »Hier draußen gibt es leider nicht allzu viel davon. Aber Grog ist immer genug da.«

»Grog?«

»Bier. So nennen wir das hier bei uns.«

»Ich habe kein Bier gemeint, als ich sagte, dass ich Durst habe …« Estella verstummte, denn Michael strebte bereits eilig der Versorgungsstation zu. Sie folgte ihm, so schnell sie es auf ihren hohen Absätzen vermochte. Der staubige Boden war steinig, und sie dachte mit Schrecken daran, wie die Sohlen ihrer teuren Schuhe bald aussehen würden. Um die Mietrückstände für sein Büro im Edmund-Foley-Gebäude bezahlen zu können, hatte James die Pelzmäntel und den Schmuck versetzt, den er ihr gekauft hatte. Wenigstens hatte sie einige gute Schuhe und etwas Kleidung behalten können.

Die Versorgungsstation Mungerannie war nicht viel mehr als eine baufällige Hütte mit einer Veranda, die die ganze Vorderseite einnahm und auf der drei Mischlingshunde ihren Mittagsschlaf hielten. Die Tiere hoben nicht einmal den Kopf, um zu sehen, wer da kam, und die Fliegenschwärme, die auf ihnen herumkrabbelten, schienen sie nicht im Mindesten zu stören. Das große Fenster, das fast die gesamte Vorderfront einnahm, sah aus, als wäre es seit Jahren nicht geputzt worden, und auf der Scheibe klebten unzählige verschiedene Werbeschilder: Nestlé-Milchpulver, Rosella-Tomatensoße, Amscol-Eiscreme, Carters Lebertabletten und Bushell-Tee.

In einem Zeitungsständer sah Estella ein völlig vergilbtes Don-Bradman-Cricket-Poster – ein weiterer Beweis dafür, wie selten Neuigkeiten ihren Weg in diese Versorgungsstation am Ende der Welt fanden. Es gab auch Werbung für Touren ins Outback und zu den Picknick-Pferderennen in Kangaroo Crossing. Estella fragte sich ängstlich, ob sie sich je daran gewöhnen würde, so weitab von jeder Zivilisation zu leben.

Als Michael gerade die Fliegengittertür öffnen wollte, hörten sie schrille Schreie. Gleich darauf stürmten ein etwa fünfjähriges Mädchen und ein ungefähr sieben Jahre alter Junge aus dem Haus. Augenblicke später sah Estella, warum das kleine Mädchen so schrie: Der Junge hatte eine Schlange in der Hand, und ebenso entsetzt wie erleichtert sah Estella, dass die Schlange keinen Kopf mehr hatte. Die Kinder rannten über die Veranda, wo sie eine Spur aus Blutstropfen hinterließen, und verschwanden um die Ecke des Gebäudes.

»Vorsicht, ihr zwei!«, rief Michael, weil die Kinder beinahe Estella umgerannt hätten.

»Wer mag die Schlange getötet haben?«, fragte Estella.

»Nun, die Hunde schlafen, also nehme ich an, dass es der kleine Errol war«, erklärte Michael. »Für ihn ist das nichts Besonderes – er hat schon als kleines Kind Tigerschlangen und King Browns getötet.«

Estella erschrak. Sie hatte gelesen, dass diese Schlangen tödlich giftig waren.

»Machen Sie sich keine Gedanken wegen der Watson-Kinder«, meinte Michael. »Sie sind ziemlich wild.«

»Das habe ich gehört«, erklang plötzlich eine Frauenstimme aus dem Innern des Hauses.

Estella errötete vor Verlegenheit, doch Michael lachte nur.

»Tag, Hattie!«, sagte er, wobei er Estella durch die Tür schob. »Du hast nicht zufällig etwas auf dem Herd stehen?«

»Nicht einen einzigen verdammten Topf! Der verflixte Generator ist nicht in Ordnung.« Hattie kam mit einem sehr kleinen Baby auf dem Arm um eine Ecke. Es war nackt bis auf eine Windel, und Estella sah rote Pusteln auf dem kleinen Gesicht und dem zarten Körper.

In der freien Hand hielt Hattie einen Besen. Sie sah sehr müde und zerzaust aus. Zwischen ihren schlaffen Brüsten liefen Schweißtropfen hinunter, ein Kleinkind klammerte sich daumenlutschend an ihre Röcke. Hattie starrte Estella an, als käme diese vom Mars, und wollte gerade etwas sagen, als ein ungefähr zehnjähriger Junge mit sommersprossigem Gesicht an ihr vorbei zur Tür flitzte. Auch er trug kein Hemd, nur eine kurze Hose, und rief im Vorübereilen: »Tag, Murphy!«

Michael wollte ihm antworten, doch Hattie war schneller. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst deine Hausaufgaben fertig machen, Barry! Und zieh dir gefälligst ein Hemd an!« Zu Estellas Verwunderung wurde das Baby von dem Geschrei nicht wach.

»Bin schon fertig, Ma!«, rief Barry zurück und folgte seinen Geschwistern.

»Du kannst noch gar nicht fertig sein«, rief Hattie hinter ihm her, doch er war längst über alle Berge. Sie schüttelte den Kopf. »Er weiß genau, dass er ohne Hemd wie ein Holzscheit im Feuer verbrennt, aber er will nicht hören«, murmelte sie. »Du hast Recht, Murphy – meine Kinder sind wild. Und ihr Vater, dieser Faulpelz, ist keine große Hilfe.«

»Wo ist Bluey eigentlich?«

»Was für eine Frage. Da, wo er immer ist! Hält hinten im Schaukelstuhl sein Schläfchen, während ich mich um fünf Kinder und alles andere kümmere. Gott weiß, woher er überhaupt die Energie nimmt, mich zu schwängern!«

Murphy lachte, doch Estella wurde rot.

»Hattie, das hier ist Estella Lawford, die neue Tierärztin.« Seiner Stimme war deutlich anzuhören, dass sie nicht ganz das war, was er erwartet hatte. Hattie musterte Estella von oben bis unten, von der langärmligen Bluse über den teuren, mit Seide gesäumten Rock bis zu den hohen Absätzen. »Himmel, solche Sachen hab ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Sie sehen nicht gerade wie ’ne Tierärztin aus, Lady!«, fügte Hattie wenig taktvoll hinzu.

»Nun, ich trage im Moment nicht meine Arbeitskleidung – aber glauben Sie mir, ich verstehe mein Fach«, erwiderte Estella verlegen.

Hattie schwieg, doch ihre Miene sagte: Das glaube ich erst, wenn ich es sehe.

»Ich nehme an, du willst was essen?«, fragte sie Murphy.

»Ja, aber die Zeit reicht nicht. Es langt gerade, um die Maschine aufzutanken – ich werde also Bluey wecken müssen. Aber ein paar Gläser kaltes Bier würden mir sicher gut tun.« Er ging eilig zur Hintertür.

»Vielleicht hätten Sie gern eine Tasse Tee, wo Sie doch gerade aus England kommen?«, wandte Hattie sich an Estella und stellte den Besen in eine Ecke.

Estella war nicht sicher, ob sie es ernst meinte oder ob es ein Scherz sein sollte. Ihr fiel die Werbung für Milchpulver am vorderen Fenster ein, und alles in ihr sträubte sich gegen den Gedanken an Tee ohne frische Milch. Während des Krieges hatten sie Milchpulver genommen, und sie hatte es stets gehasst. »Normalerweise würde ich gern eine Tasse trinken, aber es ist zu heiß für Tee. Ich hätte auch gern etwas Kaltes.«

»Haben Sie gesehen, wie die junge Queen Elizabeth gekrönt wurde?«

Diese Frage überraschte Estella, doch Hattie schien wirklich an einer Antwort interessiert zu sein. »Ich habe sie in ihrer Kutsche vorbeifahren sehen.«

»Ist sie wirklich so hübsch? Was hätte ich dafür gegeben, sie zu sehen! Könnten Sie Lily einen Augenblick halten, während ich versuche, den Generator anzuwerfen? Murphy braucht mindestens zehn Minuten, um Bluey wach zu bekommen – der hat sich gestern betrunken. Das ist so ziemlich das Einzige, wofür er Energie aufbringt.«

Bevor Estella protestieren konnte, lag die kleine Lily in ihren Armen. Hattie nahm den Kleinen, der sich an ihre Röcke klammerte, und verschwand durch die Hintertür.

Estella blickte auf das schlafende Baby hinunter, das sich jetzt zu regen begann. Es kam ihr seltsam vor, den kleinen, warmen, weichen Körper in den Armen zu halten, doch Lily schien ganz zufrieden. Sie schlug die Augen auf und sah Estella an. Diese erschrak und fürchtete, das Baby werde seine Mutter vermissen und zu weinen anfangen. »Hallo, kleine Lily«, flüsterte Estella und wiegte sie hin und her. Lily sah sie nur an. »Was für ein liebes Kind du bist«, sagte Estella und entspannte sich allmählich. Sanft fuhr sie mit dem Finger über einen der harten roten Pusteln auf dem Ärmchen, der wie ein Stich aussah. Dann nahm sie eines der winzigen Händchen und bewunderte die perfekt geformten kleinen Finger. Lilys Wimpern waren lang und dunkel und passten zu ihren feuchten dunklen Locken, die das hübsche Köpfchen bedeckten. Ihre Nase war wie ein kleiner Knopf, ihre rosafarbenen Lippen schienen zu einem Schmollmund verzogen. Ihr Anblick ließ Estella an ihr eigenes Baby denken und weckte ihre Neugier und ihre mütterlichen Instinkte. Trotz ihrer unsicheren Zukunft wusste sie schon jetzt, dass sie gern Mutter sein würde.

Draußen sprang der Generator mit lautem Knattern an, und Estella hörte jemanden sehr undamenhaft fluchen, doch ihre Aufmerksamkeit gehörte dem Kind in ihren Armen.

Hattie kam durch den alten, ausgefransten Fliegenvorhang, der im Rahmen der Hintertür hing. Der kleine Junge folgte ihr schluchzend.

»Himmel nochmal, Henry«, schimpfte Hattie, »du machst jetzt sofort deinen Mittagsschlaf, bevor du mich noch in den Wahnsinn treibst!« Sie nahm den Jungen auf den Arm – er konnte nicht viel älter als ein Jahr sein. »Kommen Sie noch einen Moment mit dem Baby zurecht, Estella? Ich leg Lily hin, sobald Henry versorgt ist.«

»Ich komme sehr gut zurecht. Sie ist ein sehr zufriedenes Baby, nicht wahr?«

»Sie ist ein Prachtexemplar. Ich stille sie, und dann schläft sie stundenlang, falls die verdammten Mücken sie in Ruhe lassen.«

Mücken! Natürlich – die Stiche stammten von den Moskitos! Ob Hattie wohl ein Netz über die Wiege gehängt hatte? Estella blickte sich in der Versorgungsstation um und sah die Stühle mit dem verblichenen Polster, die Salz- und Pfefferstreuer aus Plastik auf den alten Tischen und die Zuckerschälchen, die Fliegen anlockten. Hinter der Theke stand ein großer Herd, über dem Kellen und andere Kochwerkzeuge hingen. Alles war voller Staub. Der einzige Wandschmuck bestand aus zwei eintönigen Landschaftsgemälden und einigen klebrigen Streifen Fliegenpapier, die aussahen, als hingen sie schon seit Monaten dort.

Estella stellte fest, dass sie den ganzen Tag über noch nichts gegessen hatte, doch sie war nicht hungrig. Es war einfach zu heiß, um an Essen zu denken.

Als Hattie zurückkam, reichte Estella ihr das Baby, dem die Augen wieder zugefallen waren. »Haben Sie die Versorgungsstation auch geführt, während Sie schwanger waren, Hattie?«

»Darauf können Sie Ihren Hintern verwetten, verdammt«, gab Hattie zurück.

Estella war entsetzt über ihre Ausdrucksweise, doch Hattie bemerkte es nicht. »Als Lily sich sagte, dass es Zeit ist, auf die Welt zu kommen, hab ich gerade Steaks für eine Horde Schafscherer gebraten.

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