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Ein Held für alle Tage

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. 31. Kapitel
  38. 32. Kapitel
  39. 33. Kapitel
  40. 34. Kapitel
  41. 35. Kapitel
  42. 36. Kapitel
  43. Danksagung

Über die Autorin

Elizabeth Maxwell arbeitete in der IT-Branche, bevor sie den Job fürs Mutter-Dasein an den Nagel hängte. Doch da die Kinderbetreuung sie relativ schnell in den Wahnsinn zu treiben drohte, widmete sie sich wieder einer alten Leidenschaft, dem Schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in Kalifornien.

 

Midlife Crisis
Substantiv

Eine Phase emotionalen Aufruhrs,
die im mittleren Alter auftritt und durch einen
starken Wunsch nach Veränderung
charakterisiert ist

(Merriam-Webster’s Collegiate Dictionary, elfte Ausgabe)

1. Kapitel

Geraubte Geheimnisse

1. Kapitel

Um Punkt acht Uhr fünfundvierzig schob sich Lily Dell durch die Drehtür von Jensen & Richardson Communications in New York und lächelte dem Wachmann zu. Sie war spät dran, aber das war noch lange kein Grund, unfreundlich zu sein.

»Wie geht es Ihnen, Hank?«, fragte sie.

Der ältere Mann tippte sich an die Mütze. »Prima, Miss Dell, danke der Nachfrage.«

»Schönen Tag noch, ja?«

»Hauptsache, die Sonne scheint«, erwiderte er und zwinkerte.

Dieses Gespräch führten sie jeden Morgen; Lily fand die Routine beruhigend. Irgendwo wusste sie, dass es mit ihrer Kindheit zu tun hatte, aber es brachte wenig, alles wieder aufzuwühlen. Es war vorbei. Das reichte ihr.

»Warten Sie!«, rief Lily und eilte zu den Aufzügen. Ihr Büro lag in der achtundfünfzigsten Etage; es konnte ewig dauern, bis der nächste Aufzug im morgendlichen Gewühl im Erdgeschoss ankam. Eine Frau mit blond gefärbten Haaren und langen bonbonrosa Fingernägeln steckte den Arm zwischen die Aufzugtüren und drückte sie auseinander. Lily zwängte sich hinein.

»Danke«, flüsterte sie der Frau zu.

Der Aufzug fuhr ruckartig nach oben, hielt immer wieder an, bis sie den dreißigsten Stock erreicht hatten. Dort war Lily endlich allein. Rasch wühlte sie in ihrer Handtasche nach einem Lippenstift, um sich vor ihrem Treffen mit Mr Hathaway noch rasch die Lippen nachzuziehen.

Bei dem Versuch, den Lippenstift aufzudrehen, ohne dabei Jackett, Laptop oder die schwarze Ledertasche fallen zu lassen, entkam ihr die Hülse und hinterließ dabei auf ihrer frischen weißen Bluse eine pfirsichrosa Spur.

»Mist!«, rief sie.

»Na, so schlimm doch auch nicht«, erklang da eine Stimme, und aus den Schatten des scheinbar leeren Aufzugs trat ein Mann. Er war groß und sehnig, hatte pechschwarzes Haar und unergründliche Augen von moosgrüner Farbe. Seine blasse Haut stand in starkem Kontrast zu dem teuren dunklen Nadelstreifenanzug. An seiner rechten Augenbraue entdeckte sie seitlich eine kleine Narbe. Er lächelte sie an, was ihr einen Blick auf sein makelloses Gebiss erlaubte.

Sie versuchte, das Lächeln zu erwidern, doch plötzlich war der Aufzug viel zu klein.

»Wir sind uns bereits begegnet«, sagte er ruhig und tat einen Schritt auf sie zu. »Erinnern Sie sich?«

Was für eine Frage! Seit dem Empfang konnte sie an nichts anderes mehr denken. Es war auf der Präsentation des Keller-Champagners gewesen, und obwohl Lily es nicht gern zugab, hatte sie ein wenig zu oft an den Kostproben genippt. Kurz darauf war sie dann diesem Mann auf dem Gang begegnet.

Über ein paar Meter leeren Raums hinweg hatten sich ihre Blicke getroffen, die Zeit hatte sich ins Unendliche gedehnt, und Lily hatte sich mit jedem Molekül ihres Körpers zu diesem Fremden hingezogen gefühlt. Sie waren beide nicht stehen geblieben, sondern aneinander vorbeigeschwebt und hatten sich tief in die Augen gesehen.

»Guten Abend«, hatte er gesagt.

»Ja«, hatte Lily gekrächzt.

»Sie sehen wunderschön aus.«

Dann hatte er spöttisch gegrüßt und war um die nächste Ecke verschwunden. Lily hatte beinahe eine ganze Minute gebraucht, um sich zu fassen und ihm nachzueilen. Doch als sie den Saal endlich erreicht hatte, war er nirgends zu sehen gewesen.

»Ich erinnere mich«, sagte Lily jetzt. Ihre Stimme klang merkwürdig, als käme sie von außerhalb ihrer selbst.

Langsam bückte sich der Mann, um den Lippenstift vom Fahrstuhlboden aufzuheben. Seine Bewegungen waren bedacht und geschmeidig; sie sah, wie sich der Anzug über seinen breiten Schultern spannte.

»Das haben Sie fallen lassen.« Er streckte Lily die Hülse hin. Seine Hände waren groß und anmutig, zwei Eigenschaften, die sich ihrer begrenzten Erfahrung nach eigentlich ausschlossen. Sie griff nach dem Lippenstift, ihre Blicke begegneten sich, und die Luft stand in Flammen.

»D … danke«, stammelte sie. Beim Entgegennehmen streifte sie die kühle Haut des Mannes. Sofort raste ein Signal von ihren Fingerspitzen den Arm empor, über ihren Bauch bis hinab zu den Schenkeln. Trotz der steigenden Hitze erschauerte sie. Eine Welle ungekannter Lust überrollte sie, und ihr wurde schwindelig. Sonst reagierte Lily nie so auf Männer. Sie war maßvoll, vorsichtig, vernünftig. Sie hatte gelernt, was passierte, wenn man es nicht war. Ihrem Körper war das anscheinend egal.

»Oh«, murmelte Lily und presste die Schenkel zusammen. Es fühlte sich gut an. Der Mann trat einen Schritt näher. Er verströmte einen warmen, zitronigen Duft, bei dem ihr nur noch schwindeliger wurde. Sein Lächeln war erloschen. Stattdessen betrachtete er sie, als wäre sie seine Beute, als wäre er ein stolzer Adler, der im Begriff war, sich auf eine Feldmaus zu stürzen.

»Ihre Bluse«, flüsterte er. Lily war sich sicher, dass er sehen konnte, wie ihr Herz unter dem dünnen Stoff pochte. Spürte er das auch?

»Die dürfte wohl ruiniert sein«, sagte er. Er war ihr so nahe, dass sie sah, wie makellos und glatt seine Haut war. Sie konnte nur noch daran denken, wie sehr sie sich wünschte, von ihm berührt zu werden. Egal wo.

Quälend langsam strich er ihr mit einem Finger über die Wange und den Hals entlang. In der Halsbeuge übte er leichten Druck aus, und sie keuchte auf. Ihr Körper schien sich von ihrem Geist zu lösen, drängte sich ihm entgegen.

Sein Finger setzte seinen Weg fort, strich ihr über das Schlüsselbein, schob ihre Bluse auseinander und glitt zwischen Spitzen-BH und Haut. Sie zwang sich, ihm in die Augen zu blicken, wo sie nichts als Konzentration sah. Er hob ihren BH an, damit er ihre Brust mit der ganzen Hand umfassen konnte.

Schrei, sagte sie sich. Ruf um Hilfe. Doch der einzige Laut, den sie hervorbrachte, war ein verzweifeltes: »Oh!«

Mit einer ruckartigen Bewegung zog ihr der Mann Bluse und BH-Träger von der Schulter, um die volle Brust freizulegen. Sanft umfasste er sie, beugte sich herab und leckte über den harten Nippel, nahm ihn zwischen die Zähne, zog vorsichtig daran. Blitze durchzuckten Lily, sie hätte am liebsten aufgeheult und um mehr gefleht. Der einsame Ort zwischen ihren Schenkeln pochte erwartungsvoll. Wie lang war es her? Eine Ewigkeit.

»Du schmeckst so … süß«, flüsterte der Mann.

Wie viel Zeit hatten sie? Würde sie ausreichen? Sie konnte nicht fassen, dass sie das dachte! Wer war dieser Mann, der ihren Körper so zum Beben brachte?

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, legte er die Lippen an ihr Ohr. »Schnell«, sagte er und schob ihr eine Hand zwischen die Knie. Eine Hose hätte sie gerettet, der Rock verhieß das sichere Verderben. Seine Hand erreichte ihren schlichten, schon völlig durchnässten Baumwollslip, und einen winzigen Augenblick lang wünschte sie sich, etwas Besonderes zu tragen, irgendetwas mit Spitzen.

Er beugte sich so weit vor, dass sie gezwungen war, ihm in die Augen zu sehen. Dann riss er ihren Slip entzwei und ließ die Finger über …

»Mom!«

Hmmm? Oh, Allison. Verdammt.

»Was ist denn, Schätzchen?« Ein Schweißtropfen rinnt mir über den Rücken. Ist es heiß in meinem Arbeitszimmer?

»Komm her!«

»Okay, Ali, komme schon.«

Es ist Viertel nach elf an einem Donnerstagabend, und ich weiß zwei Dinge. Erstens, dass Lily Dell kurz davorstand, Sex in einem Aufzug zu haben, in dem Zeit keine Bedeutung hat, Baumwolle so leicht reißt wie nasse Küchentücher und ein Stöhnen sexy ist und nicht Anzeichen für eine Geisteskrankheit. Zweitens, dass meine eigenen Chancen, heute Abend Sex im Aufzug oder überhaupt irgendwo zu haben, genau bei null stehen. Und darauf kann man leider Gift nehmen.

2. Kapitel

Geplant hatte ich das nicht. Niemand träumt davon, eine leicht übergewichtige, geschiedene Mutter mittleren Alters zu sein, die dringend ihre Augenbrauen mit Wachs und ihren Körper mit irgendwelchen Pilates-Übungen in Form bringen müsste. Niemand träumt davon, einen blauen Toyota-Minivan mit undefinierbaren Krümeln zwischen den Sitzen zu fahren oder ein Sofa mit Kaffeeringen auf den Armlehnen zu besitzen. Trotzdem passieren diese Dinge. Und dann muss man eben damit leben.

Ich heiße Sadie Fuller. Manchmal sehe ich mein fünfundzwanzigjähriges Selbst, wenn ich in den Spiegel sehe. Es ist jung und frisch und neugierig auf alles, was das Leben bietet. Dann wieder gehe ich an einem Schaufenster vorbei und sehe mich, wie ich jetzt bin, mit sechsundvierzig, und ich frage mich, wer um alles in der Welt mich da anstarrt. Diese Frau mit den Krähenfüßen und Lachfältchen und der sonnenverbrannten Haut kann doch nicht ich sein. Das ist bestimmt meine Mutter.

Neben Minivan und Kaffeeringen habe ich noch eine elfjährige Tochter namens Allison, einen Hund namens Perkins und einen Exmann, der wirklich ganz wunderbar ist, wenn man davon absieht, dass er schwul ist und ich eine Frau bin.

Ich habe braunes Haar, einst glatt und glänzend, jetzt chemisch behandelt, und braune Augen, die nicht mehr so scharf sehen wie einst. Heute bunkere ich Lesebrillen wie früher Zigaretten. Man weiß ja nie, wann ein Notfall eintritt. Ich spende regelmäßig an eine Organisation für Familienplanung und an die Demokraten, und aus irgendeinem Grund habe ich mich dieses Jahr freiwillig für die jährliche Spendengala zugunsten der Schule gemeldet. Ich zahle jedes Jahr fünfundvierzigtausend Dollar, damit Allison die fünfte Klasse der prestigeträchtigen Holt Hall besuchen darf, und hatte eigentlich gedacht, dass die Eltern darüber hinaus nichts mehr zu leisten haben. Da habe ich mich wohl geirrt.

Vermutungen bringen uns selten weiter. Sehen Sie zum Beispiel mich an. Man könnte mich für eine Hausfrau halten, die sich hat gehen lassen, und würde nie auf die Idee kommen, dass ich nachts, wenn die restliche Vorstadt schläft, unter dem Pseudonym K. T. Briggs erotische Romane schreibe.

Vielleicht haben Sie schon von mir gehört, wenn Sex in Aufzügen, auf Konferenztischen oder in Flugzeugtoiletten Ihr Ding ist. Anwälte denken an Papiere, Ärzte denken an Untersuchungsergebnisse, ich denke an schöne Leute, die es an den unpassendsten Orten miteinander treiben.

Wenn man mich fragt, was für Bücher ich denn schreibe, sage ich Liebesromane. Es ist zwar nicht so, als wäre ich eine Prostituierte oder so, aber ich befürchte, dass meine wohlhabenden konservativen Nachbarn da keinen großen Unterschied sehen. Schmutz bleibt Schmutz. Niemand will bei unserem monatlichen Elternbeiratstreffen in der Kaffeepause darüber diskutieren, wie man Oralverkehr beschreibt. Herrgott noch mal, wir sind Moms. Wir sind da, um über den Nährwert von Pausenbroten zu reden und darüber, ob es angemessen ist, mit Drittklässlern in eine Broadway-Aufführung von Wicked – Die Hexen von Oz zu gehen. Wer hat schon Zeit, über Sex in einem sonnendurchfluteten Rosengarten mit George Clooney oder, wenn man auf Jüngere steht, Channing Tatum nachzudenken?

Allerdings würde ich die Hypothek, das Schuldgeld, die Autoversicherung oder den Unterhalt nicht bezahlen können, wenn es da draußen nicht eine ganze Menge Moms gäbe, die sich in ihrer Freizeit gern Sex an allen möglichen Orten außerhalb ihres eigenen Betts ausmalen. Und ich bin jeder einzelnen von Herzen dankbar dafür.

Ich stolpere durch den Flur in Richtung Allisons Stimme. Sie sitzt im Bett, hat sich eine Decke um die Schultern gelegt und blinzelt, als ich das Licht anschalte. Ihr Gesicht, das Ebenbild ihres Vaters, ist gerötet.

»Was ist denn los?«, frage ich und setze mich zu ihr. Instinktiv streiche ich ihr eine dunkelblonde Locke aus dem Gesicht und fasse sie an die Stirn. Sie fühlt sich kühl an. Nase und Wangen sind mit ein paar Sommersprossen gesprenkelt.

»Schlecht geträumt«, sagt sie und lehnt sich an mich. Meine Elfjährige steht kurz davor, sich in einen richtigen Teenager zu verwandeln, und muss mich dann hassen, bis sie zwanzig wird. Also genieße ich erst einmal die Augenblicke, in denen sie sich von mir noch in die Arme nehmen lässt. Wenn ich mir davon genügend im Herzen bewahre, komme ich damit vielleicht durch die dürren Jahre, die vor mir liegen.

»Wovon hast du denn geträumt?«, frage ich.

»Von Fusselmonstern mit Reißzähnen.« Allison kuschelt sich dichter an mich. Sie riecht wie Bergluft im Sommer, frisch und sauber, und wie so oft bin ich überwältigt von ihren Möglichkeiten. Die Welt liegt ihr zu Füßen. Unglaublich, in dieser Lage zu sein, selbst wenn man noch zu jung ist, um es wirklich zu kapieren.

»Und?« Ich verkneife mir, ihr vorzuschlagen, doch mal etwas ohne Vampire zu lesen, denn dann würde sie sich zurückziehen, und im Augenblick fühlt sie sich so gut an in meinen Armen.

»Sie haben mich und Perkins verfolgt«, fährt sie fort.

Beim Klang ihres Namens hebt Perkins, eine kunterbunte Promenadenmischung, den Kopf vom Bett. Sie würde bestimmt ihr Leben geben, um uns zu verteidigen, doch da sie nicht größer ist als ein Laib Brot, könnte sie wohl nicht allzu viel ausrichten. Perkins reckt sich ausgiebig, gähnt zahnreich und schläft wieder ein. Sie wird die ganze Nacht dort bleiben und Allisons Füße treu bewachen, egal wie viele Fußtritte sie sich für ihre Mühen einfängt.

»Wohin haben sie dich denn verfolgt?«, frage ich.

»Ich weiß nicht. Irgendwohin.« Allisons Lider flattern. Ich klopfe auf ihr Kissen, und sie legt pflichtbewusst den Kopf darauf. Dann lächelt sie mich an. Was jetzt kommt, weiß ich.

»Bleibst du bei mir?« Ihre Stimme klingt süß, als hätte sie einen Krug Feenstaub geschluckt, aber ich falle immer wieder darauf herein. Hauptsächlich, weil ich es möchte.

»Ja«, sage ich. »Aber nur ein paar Minuten. Ich muss arbeiten.«

»An der neuen Geschichte?«

Ja. Mein Verlag sagt, dass darin irgendwo auch eine Geschichte stecken muss. Es kann nicht nur um Sex gehen, das wäre dann nämlich schlicht Pornografie. Erotik ist aber gehaltvoll. Es gibt einen Plot. Es gibt … was auch immer. Ich weiß. Niemand schaut einen Porno wegen der Schauspielkunst, niemand liest erotische Romane wegen des Plots.

Aber das muss meine Elfjährige noch nicht hören. Ich lege mich neben sie, lege die Arme fester um ihren mageren Körper und knipse das Licht mit dem Zeh aus. Das bringt Allison zum Kichern.

»Schlaf jetzt«, flüstere ich. »Es ist spät, und morgen ist Schule.«

Ich sehe zu, wie sie die Augen schließt. Ihre roten Lippen öffnen sich, im Schlaf atmet sie rhythmisch durch den Mund. Wenn ich könnte, würde ich die Zeit in diesem Augenblick zum Stillstand bringen. Ich würde mein schönes Kind für immer festhalten, nie dieses Zimmer verlassen, nie etwas verändern.

Aber ich habe nicht viel Zeit, vor dem Zubettgehen muss ich noch einige Seiten schaffen. Ich löse mich von Allison und schleiche mich auf Zehenspitzen in mein Arbeitszimmer. Ich nehme ein paar Schluck Rotwein. Nun, wo war ich? Sex im Aufzug. Also dann.

Er schob sich so dicht an sie heran, dass Lily ihm in die Augen sehen musste, riss ihr den Slip herunter und strich ihr mit glatten Fingern über die heißen, pochenden Lippen. Oh, köstlicher Schmerz und gleichzeitig diese Lust! Am liebsten hätte Lily sich die restlichen Kleider vom Leib gerissen, ihre nackten Glieder um ihn geschlungen und ihn angefleht, sie gleich hier im Aufzug zu nehmen.

Ein Handyklingeln stört mich bei meinem Aufzugsex. Soll ich denn schon wieder um meinen Höhepunkt gebracht werden? Vielleicht ist heute einfach nicht mein Abend. Ich habe Pech wie ein Vierzehnjähriger in der Klosterschule.

Natürlich ist mein Exmann Roger am Telefon. Wir reden jeden Tag miteinander. Genauer gesagt, Roger redet, ich höre zu. Ich habe ganze Kapitel verfasst, während er am anderen Ende munter erzählt hat. Er wäre am Boden zerstört, wenn er wüsste, wie erfolgreich ich ihn ausblenden kann. Ich lege die Füße auf den Schreibtisch und nehme den Hörer ab.

»Roger.«

»Sadie.«

»Es ist spät, Roger.«

»Aber ich habe ein Problem, und das kann einfach nicht warten.« Rogers Probleme sind immer dringend.

»Was ist denn?«, frage ich.

»Ich glaube, ich kann Fred nicht heiraten.«

»Hattest du denn vor, Fred zu heiraten?«

»Wir haben gestern darüber geredet, aber dann habe ich darüber meditiert, und nun glaube ich, die Antwort muss Nein lauten.«

»Hat Fred dich gefragt, ob du ihn heiraten willst? Ausdrücklich?«

»Nun ja, nicht direkt.«

»Ist Fred jetzt bei dir?«

»Ja, im Bett.«

Mit dem Bild, wie Roger sich bei geschlossener Badezimmertür auf der Toilette zusammenkauert und in sein Handy flüstert, wende ich mich wieder meinem Laptop zu und überfliege die Seite. Wo war ich stehen geblieben?

»Sadie, hörst du überhaupt zu?«

»Aber ja, Roger.«

»Hast du mir meinen Scheck geschickt?«

»Natürlich, Roger.«

»Gut«, sagt er. »Diesen Monat bin ich ein wenig knapp dran. Im Frühling ist das Studio nicht so gefragt. Die Leute sind lieber draußen. Ich versteh das nicht.«

Laut Roger wollen die Leute im Winter nicht zum Yoga, weil es zu kalt ist, im Sommer, weil es zu heiß ist, und im Herbst, weil sie rausgehen und sich die hübschen bunten Blätter im Central Park ansehen können. Roger ist jeden Monat ein wenig knapp dran. Ich hatte gehofft, dass Fred bei ihm bleibt. Fred ist reich. Aber anscheinend hat Roger sich das voll und ganz aus dem Kopf meditiert.

»Ich auch nicht«, sage ich und füge meinem Manuskript einen Satz hinzu. Lese ihn noch einmal. Lösche ihn. Nippe wieder an meinem Wein.

»Wie geht es meinem kleinen Mädchen?«, fragt Roger.

»Schläft. Es ist Nacht, weißt du.«

»Ach ja.«

»He, was ist im Augenblick die angesagteste Bar in New York?«, frage ich.

»Das Buddha, an der Dreiundzwanzigsten«, erwidert Roger ohne Umschweife.

»Hetero?«

»Kein bisschen.«

»Ich muss meinen Helden in eine hippe New Yorker Bar schicken«, sage ich. »Aber für dieses Buch muss es wohl eine Hetero-Bar sein.«

»Wie wäre es mit dem Hot-Dog-und-Popcorn-Stand im Target?«, sagt Roger und lacht.

»Nicht witzig.«

»Sorry.«

»Hast du sonst noch was auf dem Herzen, Roger? Ich bin bei viertausendzweihundert Worten, und ich möchte noch auf fünftausendfünfhundert kommen, bevor ich zu Bett gehe.«

»Tut mir leid, Sadie«, sagt er. »Ich fühle mich eben nur so einsam jetzt, wo ich beschlossen habe, mit Fred Schluss zu machen. Was, wenn ich nie einen anderen Mann finde?«

»Bisher musstest du noch nicht einmal allein zu Mittag essen«, erinnere ich ihn, was beinahe stimmt. Wenn Roger Fred morgen den Laufpass gibt, wird er bis nächsten Sonntag zum Brunch schon wieder wahnsinnig verliebt sein. Roger verschwendet keine Zeit mit Überlegungen, warum eine Beziehung zerbrochen sein könnte. Augen zu und durch, und dann auf zum Nächsten. Dafür bewundere ich ihn sogar ein bisschen, denn ich habe eine Menge Erfahrung damit, keinen anderen Mann zu finden.

»Ich vermiss dich, Sadie«, sagt er.

»Tust du nicht«, erwidere ich.

»Du weißt schon, was ich meine.«

»Ja. Gute Nacht, Roger.«

Ich lege auf, bevor er mich in eine ausführliche Analyse seiner romantischen Probleme verwickeln kann.

Ich habe Roger nur aus einem Grund geheiratet: Er war der Vater des Kindes, das wir beide nicht geplant hatten. Da ich den Gedanken an Kinder und Liebe schon aufgegeben und mich mit meinem Dasein als alte Jungfer abgefunden hatte, hatte mich die Geschichte ziemlich überrascht. Wir waren kein Traumpaar. Roger hatte keinen Ehrgeiz und brauchte viel Zuwendung. Und ich war noch traumatisiert von einer spektakulär gescheiterten Beziehung. Ich mochte Roger ganz gern, aber bei seinem Anblick klopfte mir weder das Herz bis zum Hals noch raste mein Puls, was mir zu einer Heirat immer dazuzugehören schien. Der Sex war auch nicht so toll, aber bei der Vorstellung, Eltern zu werden, hatten wir all unsere Vernunft fahren lassen und uns rasch eingeredet, dass wir wie geschaffen füreinander waren.

»Lass uns heiraten!«

»Lass uns eine Familie gründen!«

Man musste mich nicht groß überreden. Roger war nett. Er hielt einem die Tür auf und zog Stühle heraus. Er mochte Liebeskomödien, egal wie schlecht sie besetzt waren. Außerdem kochte er gern und empfing gern Gäste. Und vor allem war er außer sich vor Freude, Vater zu werden.

»Ich habe nie gedacht, dass mir das auch mal passieren könnte«, sagte er, den Kopf an meinen schwellenden Bauch gelehnt. Im Nachhinein hätte ich mir den Hintergrund für diese Bemerkung wohl in aller Ausführlichkeit erklären lassen sollen, aber ich war im Rausch der Glückshormone und konnte nicht klar denken.

Ich habe mich von Roger scheiden lassen, weil er sich in einen Mann namens James verliebte. Roger sagte, all das Yoga hätte ihm dabei geholfen, sein wahres Selbst zu entdecken, und sein wahres Selbst stellte sich als schwul heraus. Bei einem teuren Dinner, für das ich bezahlte, breitete er die Stadien seiner Selbstfindung vor mir aus. Darüber wollte ich eigentlich nichts hören. Ich erinnerte ihn dauernd daran, dass wir ein Kind miteinander hatten, als könnte das etwas an seiner sexuellen Orientierung ändern. Am Ende des Essens warf Roger mir ein trauriges Lächeln zu und bat um die Scheidung. Sein Herz musste James umwerben. Und dann Tim, gefolgt von André, Seymour, Jacob, Ian, Oliver, Gavin und so weiter und so fort.

Nachdem sich der vermeintlich sichere Ehehafen als haiverseucht herausgestellt hatte, beschloss ich äußerst vernünftig, dass ich nun alles versucht, alle Möglichkeiten durchgespielt hatte und damit fertig war. Ich war mit den Männern durch und mit der Liebe und allem, was mit einem von beiden zu tun hatte. Dieses neue, vernünftige, sehr allein dastehende Ich würde prima zurechtkommen.

Natürlich dauerte es nur etwa sechs Monate, bis ich erkannte, dass ich nie wieder allein sein würde. In dieser kurzen Zeitspanne machte Rogers Entwicklung eine Kehrtwende, und er fing an, sich wie ein unsicherer Teenager zu benehmen. Nun hatte ich zwei Kinder, um die ich mich kümmern musste. Für eine frisch gebackene alleinerziehende Mutter war das ein ernüchternder Gedanke.

Die Wanduhr sagt, dass es auf Mitternacht zugeht, und dann höre ich immer auf, egal wo ich bin oder wie viel ich geschafft habe. Allison wird morgen früh um sieben auf sein und Dinge von mir wollen, und wenn ich nicht wenigstens sechs Stunden Schlaf bekomme, bin ich erledigt. Der einzige Vorteil, den es hat, im Bett zu liegen, ist, dass man sicher schlafen wird. Ich meine, was zum Teufel sollte man auch sonst tun?

Also, wo war ich stehen geblieben?

Doch bevor Lily richtig begriff, was passierte, richtete dieser intensive und feurige Mann ihre Kleidung, bis sie genau wie vorher aussah. Nein. Nein. Nein!

»Wirklich schade um die Bluse«, sagte er und trat einen Schritt von ihr zurück.

Lily lehnte immer noch an der Aufzugwand und bebte am ganzen Körper. Sie war nichts als ein Gefäß, das nun erfüllt war von Lust und Sehnsucht. Ihr Atem ging hastig und keuchend.

Beruhige dich, sagte sie sich.

In diesem Augenblick kam der Aufzug im achtundfünfzigsten Stock zum Stehen. Die Türen glitten auf und gaben den Blick frei auf einen modernen Empfangsbereich, an dem Peter Jensen sie höchstpersönlich erwartete.

»Lily, wie schön«, sagte Jensen und grinste. »Wie ich sehe, hatten Sie bereits Gelegenheit, sich mit Aidan Hathaway bekannt zu machen.«

Lily wandte sich zu dem Mann um, in dessen intensivem Blick nun leise Belustigung lag.

»Sie sind Hathaway?« Ihre Beine zitterten so sehr, dass sie den Aufzug kaum noch würdevoll verlassen konnte.

Als Antwort schenkte Aidan Hathaway ihr ein Lächeln, das nur Gefahr bedeuten konnte.

3. Kapitel

Freitagmorgen um zehn vor sieben steht Allison am Fußende meines Bettes und räuspert sich. Im Hintergrund summt die Klimaanlage. Zwar haben wir erst April, aber wir erleben den zweiten Tag einer Hitzewelle, welche die Meteorologen vor Ort hysterisch stimmt. Sie werfen nur so um sich mit Worten wie Weltuntergang und Apokalypse. Ja, es ist heiß, sogar verdammt heiß, aber der Theorie vom Weltuntergang kann ich nicht so ganz zustimmen, zumindest nicht an diesem Morgen.

»Mom? Bist du wach?«

»Nein«, brumme ich und ziehe mir die Decken über den Kopf. »Nicht mal annähernd.«

»Welche Jeans?« Allison reißt mir die Decke weg und hält mir zwei dunkelblaue, unglaublich kleine Jeans unter die Nase. Wie kann ein Körper dermaßen spindeldürr sein und trotzdem allen notwendigen inneren Organen genügend Platz bieten? Vielleicht liegt es an dem makrobiotischen Naturreis, den ihr Vater ihr immer gibt. Er schwört, dass er mein Leben verändern würde. Worauf ich sage, dass Nudelauflauf das auch tun würde, wobei ich allerdings bezweifle, dass wir über dieselbe Sorte Veränderung reden.

»Mom, wach doch auf! Welche Jeans?«

»Die sehen doch genau gleich aus«, sage ich.

»Nein«, erwidert meine Tochter mit Nachdruck. »Sie sehen nicht gleich aus. Du schaust ja gar nicht richtig hin.«

»Stimmt«, sage ich. »Ich schlafe noch.«

Das trägt mir eine typische Teenagergrimasse ein. Allison schiebt die Unterlippe so weit vor, dass die Finken, die ich draußen vor dem Fenster höre, bequem darauf landen könnten. Aber ich bin so klug, dies nicht zu erwähnen. Mit einem Schmollen komme ich klar. Einen ausgewachsenen Tobsuchtsanfall kann ich vor meiner ersten Tasse Kaffee nicht gebrauchen.

»Die da.« Ich deute auf die Jeans, die sie in der linken Hand hält.

»Die gefällt mir nicht.«

»Okay, dann eben die andere.«

»Danke, Mom«, sagt Allison und springt in ihr Zimmer davon, wo sie bestimmt anfängt, sich mit der Frage zu quälen, welches Shirt sie dazu anziehen soll. Wenn ich jetzt aufstehe, kann ich sicher im Badezimmer eingeschlossen sein, ehe sie wiederkommt.

Unten höre ich die Tür zufallen, was bedeutet, dass es jetzt genau sieben Uhr ist. Kennen Sie diese Atomuhren, die so genau sind, dass sie in dreißig Millionen Jahren nur eine Sekunde nachgehen? Na, gegen Greta sind sie gar nichts. Meine deutsche Haushälterin, irgendwas zwischen sechzig und uralt, betritt das Haus jeden Morgen um Punkt sieben. In den zehn Jahren, die wir nun zusammen sind, hat sie sich nicht ein einziges Mal verspätet – es ist die längste, erfüllteste Beziehung meines ganzen Erwachsenenlebens. Ich meine, Greta kriegt die Dinge gebacken. Sie kocht. Sie legt zusammen. Sie bügelt. Wenn sie wütend ist, ignoriert sie mich ein paar Stunden und beruhigt sich dann wieder. Sie ist weder hinterhältig noch betrügt sie mich. Ich vertraue ihr vollkommen. Dass sie die einzige Person ist, von der ich das sagen kann, beunruhigt mich nur, wenn ich länger darüber nachdenke.

Außerdem haben sich Greta und Allison bei ihrer allerersten Begegnung – Allison war gerade einmal zwölf Monate alt – ineinander verliebt. Sie haben sich in die Augen geblickt, und dann war es um beide geschehen. Wenn ich den beiden so zusehe, habe ich manchmal das Gefühl, als wäre ich draußen und sähe hinein.

Eine Minute nachdem die Tür zugeknallt ist, höre ich, wie Sachen aus dem Geschirrspüler geholt und eingeräumt werden. Dann weht kräftiger Kaffeegeruch die Treppe herauf und lockt mich aus dem Bett. Unten reicht Greta mir eine Tasse mit warmer, schaumiger Milch obendrauf. Am liebsten hätte ich sie geküsst, aber sie steht nicht auf Körperkontakt. Nicht mit mir. Niemals.

»Danke und guten Morgen«, sage ich. Sie nickt wortlos und wendet sich Allison zu, die zu uns in die Küche getreten ist. Allison hält zwei Shirts hoch.

»Welches?«, fragt sie. Ich hätte das mit dem Badezimmer durchziehen sollen.

»Pfannkuchen oder Waffeln?«, schießt Greta zurück.

»Pfannkuchen«, sagt Allison.

»Das gestreifte.« Greta deutet auf ein Shirt. Ich verfolge den Austausch, als wäre ich ein Schiedsrichter bei den U. S. Open.

»Prima!«, sage ich. »Damit wäre das ja geklärt.« Keine von beiden schenkt mir Beachtung. Ich nehme den Kaffee mit zum Tisch und verstecke mich hinter der Lokalzeitung.

Ich koche nicht viel. Allison sagt, dass mein Essen deswegen so schrecklich schmeckt, weil ich nicht aufpasse und normalerweise ein, zwei wichtige Zutaten vergesse. Was auch stimmt. Darüber nachzudenken, auf wie viele Arten Aidan Hathaway und Lily Dell es auf zweihundertfünfzig Seiten miteinander treiben können, lenkt schon ab. Es geht nicht um den Weltfrieden, das ist mir klar, aber man muss sich trotzdem konzentrieren.

Während Allison und Greta sich auf Deutsch unterhalten, starre ich, die ich nicht mit einer deutschen Haushälterin aufgewachsen bin und in dieser Sprache wenig mehr sagen kann als Ich bin ein Berliner, blicklos auf die Schlagzeilen und versuche, meinen Tag so zu planen, dass die Bedürfnisse aller befriedigt werden können. Es wird nicht klappen. Irgendetwas wird mir durch die Lappen gehen. Meine To-do-Liste betrachte ich inzwischen als ständig im Werden begriffen. Ein Epos, das viele Jahre umspannen wird. Es wird niemals enden! Wenn ich sie interessanter gestalte, könnte ich meinen Verleger vielleicht dazu überreden, sie als elektronischen Fortsetzungsroman herauszubringen.

»Braucht einer was von Target?«, frage ich.

»Rosa Nagellack!«, ruft Allison.

»Waschmittel«, sagt Greta.

Greta erledigt den Großteil unserer Einkäufe. Unserer Markteinkäufe, wie sie es nennt. Aber Megamärkte wie Target oder Home Depot würde sie niemals betreten. Die riesigen Hallen, die überwältigende Masse der dort angebotenen Billigwaren haben etwas an sich, was ihr Zartgefühl verletzt, und ich bin mir im Klaren darüber, dass dieser Aspekt unserer Beziehung nicht verhandelbar ist.

Gerade als ich abklären will, welchen Rosaton ich besorgen soll, welche Waschmittelmarke, überkommt mich plötzlich ein stechendes, kaltes Gefühl, als hätte sich der Geist der zukünftigen Weihnacht um mich gewunden und presste mir die Luft ab.

Panik. Ich stütze mich mit beiden Händen auf der Marmoroberfläche der Kücheninsel ab und schließe die Augen, um den Schwindel zu überwinden. Ein dünner Schweißfilm steht mir auf der Stirn, und ich schaudere unter der Kälte. Ich keuche auf, ein scharfes, schreckliches Geräusch. Meine Lungen fühlen sich klein und nutzlos an.

»Mom?«

Ich öffne die Augen und begegne Allisons Blick. Ihr hübsches Gesicht ist ganz erschrocken.

»Alles in Ordnung, Sadie?« Greta sieht mich an, während sie gleichzeitig einen Pfannkuchen in die Luft wirbelt und genau in der Mitte der Pfanne wieder auffängt.

Langsam lässt die Enge in meiner Brust nach. Das hier ist nicht meine erste Panikattacke. Es ist vielmehr Panikattacke 342 oder so. Wir sind quasi alte Freunde. Ich sauge die köstliche, süße Luft in tiefen Zügen ein und bemühe mich, nicht allzu verrückt auszusehen.

»Alles in Ordnung«, sage ich, die Hände immer noch auf der Arbeitsfläche. »Mir war nur kurz schwindelig. Liegt wohl an der Hitze.«

Ich lächele. Dann esse ich eine Scheibe Toast und nippe an meinem Kaffee. Wenn die Panik nachlässt, empfinde ich normalerweise Erleichterung und Dankbarkeit, dass dies kein Dauerzustand ist. Aber jetzt fühle ich mich äußerst merkwürdig, als hätte sich ein Teil von mir abgespalten und wäre anderswo hingegangen, als befände ich mich in einem Schwebezustand. Greta wendet sich wieder ihren Pfannkuchen zu, doch Allison betrachtet mich weiterhin mit gerunzelter Stirn. Ich küsse sie auf den Scheitel.

»Mir geht es gut«, sage ich. »Iss dein Frühstück. Wir müssen los, zur Schule.«

Ich ziehe mich zurück, vorgeblich, um zu duschen, doch ich gehe nicht ins Bad. Stattdessen zieht es mich in mein Arbeitszimmer, obwohl ich mir nicht erklären kann warum. Mein Herz schlägt unregelmäßig, das Gefühl, losgelöst zu sein, folgt mir. Ich möchte duschen, mich anziehen und Allison in die Schule bringen. Ich will nicht in mein Arbeitszimmer. Doch was ich will, spielt anscheinend keine Rolle.

Ich stehe vor der geschlossenen Tür, schiere Panik steigt in mir auf bei der Aussicht, sie zu öffnen.

»Hör auf, Sadie«, flüstere ich. »Reiß dich zusammen.«

Ich lege eine Hand auf den Türknauf. Mir klappern die Zähne. Der Rücken des grauen T-Shirts, das ich letzte Nacht im Bett getragen habe, ist schweißnass. Die Ärztin sagte, Panikattacken seien bei Frauen in meinem Alter nicht ungewöhnlich und könnten jederzeit auftreten, ohne Vorwarnung.

»Manchmal gibt es einen konkreten Anlass, manchmal nicht«, sagte sie mit abwesendem Lächeln. Dann erzählte sie mir von einer Frau, die etwa im selben Alter war wie ich und jedes Mal panische Angst verspürte, wenn sie den Kofferraumdeckel ihres Wagens öffnen sollte.

»Sie war sich sicher, dass sie dort einen Pfau vorfinden würde«, sagte die Ärztin.

Einen Pfau? Die Ärztin nickte ernst. Das war ihre Art, mir zu sagen, dass es noch schlimmer kommen könnte. Zumindest hatte ich keine Angst vor einem Pfau im Kofferraum. Aber in gewisser Weise war ein Pfau besser als unbestimmte Panik. Dann könnte ich nämlich einfach Kofferräume meiden. Die Ärztin hat mir Xanax verschrieben und gesagt, ich solle in zwei Wochen wiederkommen.

Inzwischen habe ich Xanax immer dabei, egal, wohin ich gehe, als wäre es ein Talisman gegen das Panikmonster. Ich trinke auch Wein und sage mir, dass mich das beruhigt, was es für einen kurzen Augenblick auch tut. Aber diese Mittel sind alle nur Notlösungen, und ich frage mich, was passiert, wenn ihre Wirkung nachlässt.

Ich stehe immer noch vor meinem Arbeitszimmer, zähle von zehn rückwärts und drücke die Tür auf. Der Raum ist leer. Keine Pfauen. Schwer lasse ich mich am Schreibtisch nieder und streiche an seinem Rand entlang. Ich liebe meinen Schreibtisch, die modernen Linien, die klare Form. Er ist ganz geschäftsmäßig, und wenn ich daran sitze, bin ich es auch.

Ich entspanne mich allmählich, sage mir, dass alles vollkommen in Ordnung ist. Mein Laptop steht aufgeklappt auf dem Tisch, genau wie ich ihn letzten Abend zurückgelassen habe. Auf dem Bildschirm ist das Manuskript von Geraubte Geheimnisse, in den Hauptrollen Aidan Hathaway und Lily Dell. Ich richte den Blick auf den Cursor, der auf halber Höhe steht und rhythmisch und beruhigend blinkt. Dann schweift mein Blick zur Wortzahl unten auf der Seite. Sechstausendzweihundert Worte.

Unmöglich. Ich schaue weg. Ich schaue wieder hin. Immer noch sechstausendzweihundert Worte. Fragen Sie jeden beliebigen Autor: Wir erinnern uns an die Wortzahl. Die Wortzahl misst unser Fortschreiten, die einzige Rückmeldung, die wir bekommen, ehe wir das Manuskript einem Lektor oder einem Freund zeigen, den wir angewiesen haben, die erste Fassung nicht zu heftig zu kritisieren. Genau wie ich weiß, dass meine Nase ein wenig schief ist, weiß ich auch, dass ich lang vor meinem Ziel von fünftausendfünfhundert Worten aufgehört habe, nämlich bei viertausendzweihundert Worten, um genau zu sein. Noch als ich ins Bett schlüpfte, habe ich mir geschworen, das Versäumte heute Abend nachzuholen. Woher stammen also die überzähligen fünfzehnhundert Worte? Ein Schleier des Grauens senkt sich über mich wie eine Burka. Gedächtnisverlust mit sechsundvierzig? Verfrühter Ausbruch von Alzheimer? Was passiert dann mit Allison und Greta und Perkins? Bevor ich wieder zu hyperventilieren anfange, werde ich von unten gerufen.

»Mom, Schule! Bist du schon fertig mit Duschen?«

Wie lange sitze ich schon hier und starre auf meinen Laptop? Ich fasse mir ins Haar, das wie üblich zerzaust ist. Nein. Hab’s nicht unter die Dusche geschafft, und jetzt kann ich es vergessen. Ich werde heute Vormittag aussehen, als wäre ich gerade erst aus dem Bett gerollt, was ja auch der Wahrheit entspricht.

»Wir kommen zu spät, Mom. Da bin jetzt aber nicht ich schuld!«

Ich springe auf und laufe in mein Zimmer. Unterwegs reiße ich mir die karierte Pyjamahose und das graue T-Shirt vom Leib, Dinge, die eine Singlefrau nur dann im Bett tragen würde, wenn sie auch Single bleiben möchte, und die nun panikverschwitzt sind.

4. Kapitel

Geraubte Geheimnisse

2. Kapitel

Lily saß in der Gramercy Tavern an der Bar und bemühte sich, vor Demütigung und Zorn nicht rot anzulaufen. An diesem Morgen, direkt nach dem Vorfall im Aufzug, hatte Hathaways Sekretär sie angerufen und aufgefordert, abends um sieben in dem renommierten Restaurant zu erscheinen.

»Nennen Sie dem Restaurantleiter Ihren Namen, er wird Sie richtig positionieren«, sagte der Sekretär mit knappem britischem Akzent. »Und kommen Sie pünktlich. Mr. Hathaway mag es nicht, wenn man sich verspätet.«

Richtig positionieren? Doch der Sekretär hatte schon aufgelegt, ehe Lily klarstellen konnte, was genau das bedeuten sollte.

»Ich gehe nicht hin«, erklärte sie den drei hohen Raumteilern, die ihren Arbeitsplatz umgaben. »Kommt nicht in Frage.« Aber nun saß sie doch hier.

Der Restaurantleiter hatte ihren Namen entgegengenommen und sie auf einem bestimmten Barhocker platziert.

»Er hat es gern, wenn seine Mädchen nach Süden blicken«, hatte der Mann gesagt und sie ein wenig gedreht. »Auf die Art kann er Sie sehen, wenn er hereinkommt, aber Sie können ihn nicht sehen.« Der Restaurantleiter hatte ihr diese Information gegeben, als wäre sie ganz normal. Da sie nicht gewusst hatte, was sie sonst hätte tun sollen, hatte sie sich bedankt und ihren Platz an der Bar eingenommen. Sie kochte vor Zorn.

Nach einem Augenblick hatte Lily sich so gedreht, dass sie die Tür zur Bar im Auge hatte. Sie hatte nicht die Absicht, bei Hathaways Spielchen mitzumachen.

Im Lauf des Tages hatte Lily sich eingeredet, dass sie nur deswegen hingehen würde, um mit Hathaway zu klären, was im Aufzug eigentlich passiert war. So etwas war sonst gar nicht ihre Art, und sie hatte das Gefühl, dass sie dies sehr deutlich zum Ausdruck bringen müsste. Ihr ging es darum, ihren guten Ruf wiederherzustellen.

Vor ihr erschien plötzlich ein Drink. Der Barkeeper, ein süßer blonder Typ, zwinkerte ihr zu. »So eine hübsche Lady sollte nicht allein hier sitzen und zur Tür starren«, sagte er mit warmem Lächeln. »Auf wen Sie auch warten, wenn er nicht pünktlich sein kann, vergessen Sie ihn lieber.«

»Danke.« Lily hob das Glas an die Lippen. Der Drink war violett und roch nach Veilchen. »Das ist ja köstlich. Was ist das?«

»Wie heißen Sie?«, fragte der Barkeeper.

»Lily.«

»Dann ist das ab sofort ein Lily.«

Sie senkte den Blick. Eine warme Röte trat ihr anstelle des flammenden Zorns von vorhin ins Gesicht. Sie wusste nicht, ob der Alkohol oder der Flirt daran schuld war.

»Wie süß von Ihnen.« Sie nahm noch einen Schluck.

Plötzlich wurde die Miene des Barkeepers lang. Er griff sich einen Lappen und machte sich eilig daran, den Tresen mit kreisförmigen Bewegungen zu wischen, obwohl er so sauber war, dass Lily sich darin spiegeln konnte.

»Entschuldigen Sie«, sagte er und hastete davon.

In genau diesem Augenblick legte sich auf eine kalte Hand auf Lilys Nacken. Sie keuchte auf. Aidan Hathaway.

»Sie sehen wieder wunderschön aus, Lily«, sagte er und hielt dabei ihren Nacken weiter in leichtem Griff. Etwas an der Art, wie er ihren Namen aussprach, ließ ihr die Knie weich werden. Was sie da empfand, war Sehnsucht.

Doch dann brachte sie sich in Erinnerung, dass sie den Typen nicht einmal sonderlich mochte. Wer ließ sich denn von seinem Sekretär die Verabredungen treffen?

»Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen«, fuhr er fort und zog den Barhocker so nah heran, dass sich ihre Knie berührten.

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