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Ein Heiratsantrag zum Desssert

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Jessica Hart

Ein Heiratsantrag zum Desssert

Eine verrückte Idee – aber zugleich die perfekte Lösung! Wenn der mächtige Unternehmer Patrick Farr seine tüchtige Assistentin Louisa heiratet, dann hat er die charmante, gebildete Ehefrau, die er für seine Position braucht. Und Louisa, alleinerziehende Mutter mit finanziellen Problemen, hat keine Sorgen mehr! Alles spricht für eine freundschaftliche Vernunftehe. Doch kaum trägt Louisa seinen goldenen Ring, entdeckt Patrick überraschend: Er will mehr von ihr, als sie vereinbart haben ...

1. KAPITEL

Die Aufzugstüren öffneten sich, und heraus trat Louisa Dennison, auf die Minute pünktlich. Wie immer.

Patrick sah ihr entgegen, als sie durch die Hotelhalle auf ihn zuging. Ein schon fast vertrautes Gefühl leichter Gereiztheit beschlich ihn bei ihrem Anblick. Irritiert zog er die Brauen zusammen. Mein Gott, konnte sich diese Frau nicht wenigstens ein Mal um ein paar Sekunden verspäten?

Offenbar nicht! Da war sie, in ihrem adretten klassischen grauen Businesskostüm mit korrektem kniebedecktem Rocksaum, das dunkle Haar tadellos frisiert, sodass nicht die kleinste lose Strähne eine Chance hatte, das perfekte Bild ihrer eleganten, gepflegten Erscheinung zu stören.

Patrick wusste, dass seine Gefühle irrational waren. Er hätte sich keine kompetentere persönliche Assistentin wünschen können. Mit Louisa Dennison hatte er das große Los gezogen, als er vor einiger Zeit bei Schola Systems eingestiegen und die Geschäftsführung übernommen hatte. Sie war die ideale Chefsekretärin. Tüchtig, gebildet, diskret, pünktlich, zuverlässig … Die Liste der guten Eigenschaften schien endlos. Beängstigend endlos! Nur ihr Rufname, sie wollte Lou genannt werden, deutete an, dass sich hinter der untadeligen, professionellen Haltung möglicherweise doch ein weibliches Wesen mit ganz normalen menschlichen Schwächen verbarg!

Wie auch immer, Patrick hatte keinen Grund, unzufrieden zu sein. Ohne Lou an seiner Seite hätte er das marode Unternehmen nicht so schnell sanieren können.

Und dennoch … Heimlich wünschte er sich den Tag herbei, an dem er Gelegenheit haben würde, Lou bei einem Fehler oder einer Nachlässigkeit zu ertappen. Ein paar Kratzer an ihrer perfekten Politur hätten ihn mit leiser Schadenfreude erfüllt!

Doch bisher hoffte er vergebens. Lou lieferte ihm einfach keinen Grund zur Klage. Ihre Briefe waren fehlerlos. Sie verlegte keine Akten und führte keine Privatgespräche während der Dienstzeit. Auch gegen die üblichen Missgeschicke schien sie gefeit. Es gab keine Laufmaschen an ihren Strümpfen oder Kaffeeflecken auf den weißen Blusen.

Patrick machte sich nichts vor. Er kannte den Grund seiner Unsicherheit. Lou Dennison brachte es fertig, ihn, Patrick Farr, den Chef des Unternehmens, auf unerklärliche Art einzuschüchtern.

Eine empörende Tatsache! Normalerweise war er es, der Kollegen und Mitarbeiter zum Zittern brachte. In Insiderkreisen galt er als beinharter Verhandlungspartner mit einem Hang zur Rücksichtslosigkeit, wenn er glaubte, seinen Willen durchsetzen zu müssen. Es gab durchaus Leute, die ihn fürchteten.

Nicht so Lou Dennison. Sie blieb ruhig, wenn ihm sein Temperament durchging, blieb sachlich, kühl und schien immun gegen Ausbrüche oder Launen jedweder Art. Nur manchmal entdeckte er in ihren dunklen Augen so etwas wie leisen Spott, der ihn innerlich zur Raserei brachte.

Als Frau war sie nicht sein Typ. Okay, sie war weder hässlich noch unattraktiv, aber sie hatte nichts Besonderes, fand er. Er bevorzugte Frauen mit mädchenhafter, erotischer Ausstrahlung. Verrückt, sexy und jung mussten sie sein, ihn ablenken vom anstrengenden Alltag. Vor allem jung! Das war ihm wichtig. Lou Dennison hingegen hatte die Vierzig überschritten. So viel war sicher.

„Ich bin doch pünktlich, oder?“, unterbrach Lou seine Überlegungen.

„Sicher.“ Patrick zwang sich zu einem verbindlichen Lächeln, während er innerlich die schlechten Wetterbedingungen verfluchte, die eine Rückkehr nach London an diesem Abend vereitelt hatten. Alle Zugverbindungen waren aufgrund einer Sturmwarnung kurzfristig eingestellt worden. Konkret bedeutete das für ihn, dass er seine Assistentin zum Essen einladen und einen Teil des Abends in ihrer Gesellschaft verbringen musste. Keine angenehme Vorstellung.

„Möchten Sie vorher noch einen Drink?“, fragte er lustlos und deutete in Richtung Bar. „Oder wollen Sie gleich ins Restaurant?“

Lou machte sich nichts vor. Patricks angestrengte Haltung sprach Bände. Sie wusste, dass er dem gemeinsamen Essen mit derselben lauwarmen Begeisterung entgegensah wie sie. Sie kannte seine Erwartungen. Er hoffte, dass sie die Einladung in die Bar ablehnte.

Einen Augenblick lang war sie versucht, seinem heimlichen Wunsch zu entsprechen und auf den Barbesuch zu verzichten. Aber dann dachte sie an den langen, anstrengenden Tag, der hinter ihr lag.

Der Wecker hatte um fünf geklingelt und sie aus einem zu kurzen Schlaf gerissen. Auch ihre beiden Kinder hatten früher als gewöhnlich aufstehen und zur Schule fahren müssen. Dazu kam die übliche Verspätung der U-Bahn, sodass sie in allerletzter Minute gerade noch den Zug nach Newcastle erreichte, um ihren Chef auf einer Dienstreise zu begleiten. Es ging um einen schwierigen Vertragsabschluss, und Patrick hatte auf ihrer Anwesenheit bei den Verhandlungen bestanden.

Okay, die Reise, der Stress hatten sich gelohnt. Nach zähen Unterredungen war der Vertrag unter Dach und Fach.

Sie hatte sich auf einen ruhigen, entspannten Abend in ihrem Heim gefreut, ohne ihre lebhaften Kinder, die sie ständig mit den unterschiedlichsten Wünschen und Bedürfnissen heranwachsender Jugendlicher auf Trab hielten. Sie hatte ein langes, heißes Bad nehmen wollen und ein Glas Rotwein zum Abschalten, um sich in aller Ruhe von den Strapazen des Tages zu erholen.

Aber das Wetter hatte ihre schönen Pläne zunichte gemacht und sie gezwungen, die Nacht in diesem Hotel zu verbringen. Das wäre nicht weiter schlimm gewesen, hätte sie über den Abend frei verfügen können. Stattdessen hatte Patrick sich verpflichtet gefühlt, sie zum Abendessen einzuladen, was sie ohne triftigen Grund kaum ablehnen konnte. So waren sie beide Opfer ihrer guten Erziehung. Die Aussicht auf ein steifes, anstrengendes, verkrampftes Abendessen gab den Ausschlag, Patricks Vorschlag anzunehmen. Sie konnte wahrlich einen Drink vertragen!

„Ein Drink wäre nett, danke“, sagte sie leichthin.

„Wie Sie wünschen. Probieren wir die Bar aus.“ Patrick presste die Lippen aufeinander, als müsste er sich mit Mühe eine unhöfliche Bemerkung verkneifen.

Lou ignorierte seine schlechte Laune. Sie kannte Patrick Farr seit drei Monaten, und in dieser ganzen Zeit hatte er keinerlei persönliches Interesse an ihrer Person gezeigt. Sie wusste, warum. Sie war ihm nicht jung und nicht hübsch genug. Innerlich zuckte sie die Schultern. Sein Problem, dachte sie, wenn ich schon meine Freizeit mit ihm verbringen muss, kann es nicht nur nach seinen Bedürfnissen gehen. Ich habe Durst und Lust auf einen Drink, nicht zuletzt, um meinen langweiligen Tischgenossen besser ertragen zu können!

„Was möchten Sie trinken?“, fragte Patrick mürrisch und maß seine Umgebung mit missmutigen Blicken. Er war ein anderes Ambiente gewöhnt, aber alle besseren Hotels der Stadt waren belegt, nachdem Straßen und Schienen für den Verkehr gesperrt worden waren.

„Ein Glas Sekt.“ Lou setzte sich und fuhr glättend über den Rocksaum.

Ihr Wunsch überraschte ihn. Er hatte mit einem trockenen Sherry, höchstens mit einem Martini, gerechnet, etwas Solides für eine solide Person. Sekt, das bedeutete prickelnde Spritzigkeit, Temperament; Eigenschaften, die er mit Lou Dennison nicht in Verbindung brachte.

Lou hob fragend die geschwungenen Brauen. „Stimmt etwas nicht? Ich denke, wir haben Grund zum Feiern. Wir haben den Vertrag bekommen. Schon vergessen?“

„Natürlich nicht!“ Patrick winkte den Barkeeper heran. „Eine Flasche Champagner, bitte!“, rief er gereizt und ärgerte sich, dass er nicht selbst auf diese Idee gekommen war. Unter keinen Umständen wollte er aussehen wie ein Geizkragen!

„Natürlich, Sir, kommt sofort, Sir.“ Der Kellner entfernte sich diskret.

Lou lehnte sich bequem zurück und sah sich um. Sie waren die einzigen Gäste in dem schummrigen Raum.

Patrick warf ihr einen heimlichen Blick zu. Sie ist ganz anders als die Frauen, mit denen ich sonst in einer Bar sitze, dachte er. Ariel, zum Beispiel. Sie ist total glücklich, wenn ich mit ihr ausgehe. Sie unterhält mich, lenkt mich ab und versichert mir ständig, dass ich der interessanteste Mann bin, den sie sich vorstellen kann, und dass alle anderen Männer neben mir verblassen.

Lou hingegen saß einfach da, unbeeindruckt von seiner Gesellschaft, nur mit diesem ekelhaften ironischen Glitzern in den Augen! Was müsste man tun, um dieser Frau zu imponieren, überlegte er. Irgendjemand musste es einmal geschafft haben. Sie ist verheiratet, trägt aber keinen Ehering. Vermutlich geschieden. Klar, welcher normale Mann hält es auf Dauer mit einer Perfektionistin aus?

Patrick fühlte sich unwohl. Der Abend würde sich ausdehnen wie Kaugummi. Frustriert begann er nun, mit den Fingern die Tischplatte zu bearbeiten und nervtötende trommelnde Geräusche zu verursachen.

Lou fühlte sich auch nicht besser. Patricks Getrommel war mehr, als sie ertragen konnte! Am liebsten hätte sie ihm auf die Finger geklopft und befohlen, mit dem Krach aufzuhören. Tom hatte dieselbe Angewohnheit. Aber Tom war ihr elfjähriger Sohn, während Patrick Farr Mitte vierzig und ihr Boss war! So blieb ihr nichts anderes übrig, als die Nerven zu behalten und an ihren Job zu denken, den sie unter keinen Umständen aufs Spiel setzen durfte.

Ein Glas Champagner würde jetzt helfen. Wo blieb nur der Kellner? Sie sah sich diskret um. Endlich! Da tauchte er auf, aus der Dämmerung des Raums, das Tablett mit der Flasche und den Gläsern in den Händen. Erleichtert lächelte sie ihm zu wie einem Retter in der Not.

Patricks Getrommel endete abrupt. So sehr überraschte ihn Lous charmantes Lächeln. Er hatte keine Ahnung, dass sie so lächeln konnte!

Ihn hatte sie noch nie so angelächelt. Das Lächeln, das er von ihr kannte, war kurz, kühl und höflich. Es passte exakt zu ihrem Outfit. Zu den klassischen Kostümen, der perfekten Frisur und der stets professionellen Haltung. Es war Lichtjahre entfernt von dem herzlichen, strahlenden Lächeln, das sie dem Barkeeper schenkte, ein Lächeln, das ihr Gesicht veränderte und sie in eine attraktive, begehrenswerte Frau verwandelte, eine Frau, mit der man gern eine Flasche Champagner leerte …

Instinktiv rückte er ein Stück näher heran und betrachtete Lou mit neuem Interesse, während der Barkeeper sich langsam und umständlich mit dem Öffnen der Flasche beschäftigte.

Der Typ will ihr imponieren, dachte er ärgerlich. Dabei hat sie ihn nur angelächelt. Er muss doch sehen, dass sie mindestens doppelt so alt ist wie er. Ein Kellner mit Mutterkomplex. Das hat noch gefehlt!

Der junge Mann ahnte nichts von Patricks Gedanken. Er ließ sich Zeit, füllte die Gläser und stellte die Flasche zurück in den Eiskühler. Ehe er sich zurückzog, lächelte er liebenswürdig und wünschte Lou einen angenehmen Aufenthalt in seiner Bar. Für Patrick hatte er nur ein leichtes, höfliches Kopfnicken übrig.

„Vielen Dank“, sagte Lou und lächelte noch einmal.

Überflüssigerweise, wie Patrick fand. „Endlich! Ich fürchtete schon, dass er vorhatte, Wurzeln zu schlagen“, bemerkte er gereizt.

„Ich fand ihn sehr nett.“ Lou griff nach ihrem Glas.

„Erzählen Sie mir nicht, dass Sie auf kleine Jungs stehen!“

„Das tue ich nicht. Aber wenn es so wäre, würde es Sie nichts angehen.“

Und wieder war Patrick mehr als überrascht. So direkt und offen hatte sie noch nie mit ihm gesprochen. Normalerweise war sie reserviert und zurückhaltend.

„Fänden Sie das nicht selbst etwas unpassend?“, fragte er provozierend.

Lou sah ihn an, während sie an ihrem Glas nippte.

„Dass ausgerechnet Sie diese Frage stellen. Sie sind doch auf den Umgang mit jungen Mädchen spezialisiert, oder irre ich mich?“

„Woher wissen Sie das?“, fragte Patrick verwundert.

Sie zuckte die Schultern. „Aus den Klatschspalten der Regenbogenpresse. Ab und zu kann man Sie dort bewundern. Meistens mit einer Blondine am Arm, die gut und gern Ihre Tochter sein könnte.“

Sie hatte recht. Aber Patrick sah keinen Grund, sich zu verteidigen. Im Gegenteil. „Ich liebe schöne Frauen, und was ich noch mehr liebe, sind schöne Frauen, die jung genug sind, ihr Leben zu genießen, anstatt sich auf die Pirsch nach einem Ehemann zu machen.“

Ein Playboy mit Bindungsangst, dachte Lou zynisch. Das passte ins Bild. Den Typ kannte sie zur Genüge. Auch Lawrence war nie scharf auf eine feste Bindung gewesen, aber sein gewinnender Charme hatte vieles aufgewogen. Lawrence hatte nichts von Patricks kühler Arroganz gehabt.

Sie betrachtete ihn über den Rand ihres Glases hinweg. Er sieht gut aus, dachte sie, ein attraktiver Mann, um ehrlich zu sein. Groß, breitschultrig, sportliche Figur, männliche Ausstrahlung. Auch sein Gesicht gefiel ihr. Er hatte harmonische Züge, helle graugrüne Augen, dunkelbraune dichte Haare. Aber er hatte auch etwas, das sie abstieß und das nichts mit seinem Aussehen zu tun hatte. Es war die Art, wie er seine Mitmenschen behandelte. Bei den jungen, willigen Blondinen schien er damit anzukommen. Vielleicht verwechselten sie sogar sein herrisches Auftreten mit weltmännischer Gewandtheit.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie sich so sehr für mein Privatleben interessieren“, unterbrach Patrick Lous Gedanken.

„Sie irren sich. Mich interessiert Ihr Privatleben herzlich wenig.“

„Aber Sie wissen eine Menge darüber.“

„Nein. Die Mädels aus der Buchhaltung haben die Zeitungsausschnitte herumgereicht. Wir kennen Sie erst seit drei Monaten und wissen eigentlich nichts über Sie. Aber Ihnen geht ein gewisser Ruf voraus.“

„Berichten Sie mir mehr darüber. Was wissen Sie? Was für einen Ruf habe ich?“

Lou lächelte flüchtig. „Nun …“ Sie stärkte sich mit einem großen Schluck Champagner. Das Getränk tat ihr mehr als gut. Es lockerte auf angenehme Art und Weise die Anspannung des langen Tages. „Man sagt über Sie, dass Sie knallhart und rücksichtslos sein können. Dass Sie erfolgreich sind. Ein Workaholic. Ein Siegertyp. Und man zählt Sie zur Gattung der Playboys. Mehr weiß ich nicht.“ Sie zuckte bedauernd die Schultern. „Sind Sie mit dieser Charakterisierung einverstanden?“

Er runzelte die Stirn. „Ich halte mich schon für erfolgreich, und ich weiß, dass ich hart arbeite. Auch weiß ich, was ich will, und ich bekomme, was ich will. Ja, man kann mich einen Siegertypen nennen. Was ich nicht mag, sind faule Kompromisse oder das Zweitbeste, wenn man das Beste haben kann. Wer das mit Rücksichtslosigkeit verwechselt, versteht meine Motive nicht. Ich sehe das anders.“

„Und das Playboy-Image?“

„Ach das …“ Er leerte sein Glas und stellte es zurück auf die Tischplatte. „Wissen Sie, das sagen die Leute von Männern, die wohlhabend sind und von Ehe und Familie nichts halten. Natürlich bin ich gern in Gesellschaft schöner Frauen, und ich habe zahlreiche Gelegenheiten, schöne Frauen kennenzulernen. Ich werde oft eingeladen. Dinnerpartys, Empfänge und dergleichen mehr. Aber am liebsten ist mir immer noch meine Arbeit. Ich bin nicht der Typ, der auf Segelyachten herumschaukelt oder sich in Spielcasinos das sauer verdiente Geld aus der Tasche ziehen lässt. Das tun doch Playboys im Allgemeinen, oder?“

„Okay. Ich werde die Mädels aus der Buchhaltung informieren und ihnen sagen, dass Sie eher ein Langweiler sind.“

„Hey!“ Patrick sah auf, direkt in Lous Augen. Was er entdeckte, war ein freundliches, amüsiertes Lächeln, und zu seinem Erstaunen begriff er, dass sie ihn aufzog!

Das war eine ganz andere Lou Dennison, die er heute Abend kennenlernte. Und er hatte keine Ahnung, wie er mit ihr umgehen sollte. Kannte er doch nur die perfekte, sachliche, effiziente Mrs. Dennison aus seinem Vorzimmer. Als Frau hatte er sie bis jetzt nicht wahrgenommen.

Ihm war, als sähe er sie heute Abend zum ersten Mal, den Glanz in ihren dunklen Augen, die vibrierende Lebendigkeit, die von ihr ausging. Sein Interesse war geweckt. Diese Frau war ein Rätsel. Was mochte noch in ihr stecken?

Ihm wurde klar, dass er nichts von ihr wusste. Er hatte nie darüber nachgedacht, was sie nach den Bürostunden tat. Im Grunde genommen hatte er keinen einzigen Gedanken an sie verschwendet. Für ihn hatte sie nur eine einzige Existenzberechtigung gehabt, und das war ihre Funktion als seine persönliche Assistentin.

Er spürte so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Er hätte sich mehr für Lou Dennison interessieren müssen. Er hätte ein Minimum an Interesse zeigen können, sich wenigstens nach ihren Wohn- und Familienverhältnissen erkundigen müssen. Seit drei Monaten saß sie täglich in seinem Vorzimmer und arbeitete für und mit ihm.

Es waren anstrengende Wochen gewesen. Harte Arbeit lag hinter ihnen. Aber sie hatten es geschafft, die Firma aus den roten Zahlen herauszuholen und vor dem drohenden Konkurs zu retten. Da war wenig Zeit für anderes gewesen. Außerdem hatte Lou niemals den leisesten Versuch gemacht, über private Dinge zu sprechen. Ob er zu schroff, zu verbissen in die Arbeit gewesen war, sodass sie nicht wagte, ihn abzulenken?

Patrick wippte nervös mit den Füßen. Er hätte den ersten Schritt machen müssen. Schließlich war sie seine engste Mitarbeiterin. Er hatte es nicht getan, weil Lou Dennison nicht sein Typ war. Mit einer kessen, charmanten Sekretärin, die ihn offen bewundert hätte, wäre er anders in Kontakt gekommen, selbst wenn sie nicht mehr die Jüngste gewesen wäre. Das war die Wahrheit.

Aber noch war es nicht zu spät, das Versäumte nachzuholen. Er räusperte sich. „Okay, kommen wir jetzt zu Ihnen“, begann er mit neuem Schwung. „Auch Sie haben einen Ruf zu verteidigen! Sind Sie so, wie man sagt?“

Lou war überrascht. „Ich habe keinen Ruf“, wehrte sie ab.

„Aber gewiss doch! Man hat mich über alles informiert, bevor ich Schola Systems übernommen habe. Ich hörte unter anderem, dass Sie die Firma geleitet haben, und nicht Bill Sheeran.“

„Unsinn!“ Lou schüttelte heftig den Kopf.

„Ich weiß. Ich habe es auch nicht geglaubt. Wenn Sie die Firma gemanagt hätten, wäre sie nicht untergegangen. Dafür sind Sie viel zu tüchtig.“

Lou verzog das Gesicht. „Tüchtig …? Das klingt ziemlich langweilig.“

„Tüchtig, kompetent, praktisch … Ja, diese Eigenschaften kleben an Ihnen wie ein Label. Sie sind Ihr Markenzeichen.“ Er nahm ihr leeres Glas und füllte es nach.

Lou seufzte. „Man hat nicht allzu viele Möglichkeiten als alleinerziehende Mutter von zwei Kindern.“ Sie griff nach dem Glas und gönnte sich einen großen Schluck. „Da muss man funktionieren. Für Extravaganzen ist kein Platz. Das Leben besteht aus Arbeit, Pflicht und Verantwortung. Das muss man irgendwie hinkriegen. Die Kinder haben ein Recht darauf. Leicht ist es nicht, gelassen und heiter zu bleiben, wenn sich die Rechnungen stapeln, die Miete fällig wird und die Kids morgens nicht einsehen wollen, warum sie in die Schule müssen, obwohl sie noch müde sind.“ Sie zuckte die Schultern. „Ohne straffe Organisation geht gar nichts. Das können Sie mir glauben. Ja, und dazu gehören wohl diese Eigenschaften, die meinen Ruf besiegelt haben.“

Patrick war mehr als überrascht. „Sie haben Kinder?“, fragte er fassungslos. Kinder bedeuteten Chaos, Unruhe, Krankheiten. Zustände, die er nicht mit Lou Dennison in Verbindung brachte.

Lou hob irritiert die Brauen. „Nur zwei. Grace ist vierzehn und Tom elf.“

„Sie haben Ihre Kinder nie erwähnt“, bemerkte Patrick vorwurfsvoll.

„Sie haben mich nie gefragt, abgesehen davon hatte ich nicht den Eindruck, dass Sie sich für mein Privatleben interessieren. Oder irre ich mich?“

„Warum haben Sie die Kids verschwiegen?“, wiederholte Patrick eigensinnig.

„Das habe ich nicht“, verteidigte sich Lou. „Auf meinem Schreibtisch stehen zwei gerahmte Fotos. Wenn Sie wollen, kann ich sie Ihnen morgen zeigen.“

„Ich glaube es Ihnen auch so“, wehrte Patrick rasch ab. Er hatte kein Interesse an Fotos fremder Kinder. „Ich bin nur sehr überrascht. In der Vergangenheit hatte ich immer mal wieder Sekretärinnen mit Kindern. Sie haben ständig gefehlt oder um zusätzliche freie Zeit gebeten. Kids bedeuten Krisen, die sich immer dann einstellen, wenn man sie am wenigsten brauchen kann. Eines Tages hatte ich die Nase voll. Ich schwor, nie wieder eine Mutter als persönliche Assistentin einzustellen.“

„Sehr familienfreundlich“, meinte Lou sarkastisch.

„Ich habe nichts gegen Familien. Das muss jeder selbst wissen. Aber ich sehe nicht ein, warum ich auf diese persönlichen Entscheidungen Rücksicht nehmen und fremder Kinder wegen mein eigenes Leben einschränken soll. Ich könnte Ihnen ein paar eindrucksvolle Geschichten zu diesem Thema liefern.“

Lou schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Ich weiß auch so, was Sie meinen. Aber manchmal muss man die Kinder vor die Arbeit stellen, insbesondere, wenn sie noch sehr klein sind.“ Sie griff wie Hilfe suchend nach dem Sektglas und stellte fest, dass es schon wieder leer war. „Meine Kids sind glücklicherweise schon größer und selbstständiger, aber wenn sie krank werden oder etwas Unvorhergesehenes eintreten sollte, dann werde auch ich Sie um freie Zeit bitten müssen.“

Patrick sah aus, als ob er gerade eben gefährlich bedroht worden wäre. „Was erwarten Sie von mir?“

„Ich habe Ihnen nur gesagt, was eventuell einmal eintreten könnte“, erklärte Lou geduldig. „Haben Sie ein Problem damit, dass ich Mutter von zwei Kindern bin?“

„Nicht, solange Sie unsere Arbeit in gewohnter Weise erledigen.“

„Meine Kinder sind keine Störenfriede. Wären sie es, hätten Sie sie längst bemerkt. Aber sie sind Kinder, und niemand weiß, wann und ob sie ihre Mutter brauchen werden. Nur in diesen Fällen würde ich Sie um Verständnis bitten, sollte ich kurzfristig meinen Arbeitsplatz verlassen müssen.“

„Das sind ja tolle Aussichten.“ Patrick konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.

„Schola Systems hat immer eine familienfreundliche Politik betrieben“, sagte Lou. „Ich hatte großes Glück mit Bill Sheeran. Er hat mich eingestellt, obwohl die Kids noch klein waren. Ich brauchte den Job. Das hat Bill verstanden. Er war sehr flexibel, was diese Dinge betraf. Die Leute haben es ihm gedankt. Sie haben sich immer sehr loyal verhalten. Daran sollten Sie denken, wenn Sie vorhaben, Änderungen auf diesem Gebiet einzuführen. Es könnte sein, dass Sie dann ohne Belegschaft dastehen.“

Patricks Laune sank. Er hatte keine Lust, weitere Lobeshymnen auf Bill Sheeran anhören zu müssen. Man sieht ja, wohin ihn seine Großzügigkeit gebracht hat, dachte er. In den Ruin. Wäre ich nicht eingesprungen, dann säßen seine treuen Angestellten jetzt arbeitslos zu Hause. Sie hätten zwar alle Zeit der Welt, aber kein ordentliches Gehalt.

„Trotzdem wäre es mir lieber gewesen, wenn Sie mir von Ihren Kindern erzählt hätten“, sagte er mürrisch.

„Mit nur etwas mehr Interesse an meiner Existenz als Frau und Mensch hätten Sie es gewusst.“

„Ich bin dabei, Versäumtes nachzuholen. Gibt es noch etwas, das ich wissen muss?“

„Gibt es etwas, das Sie wissen wollen?“

„Sie tragen keinen Ehering“, bemerkte Patrick nach einer Weile des Schweigens.

„Ich bin geschieden. Bitte sagen Sie jetzt nicht, dass Sie damit auch ein Problem haben!“

„Natürlich nicht. Ich bin selbst geschieden.“

„Wirklich?“

„Warum überrascht Sie das? Heutzutage ist eine Scheidung nichts Ungewöhnliches mehr. Das müssen Sie doch auch festgestellt haben.“

„Sie haben recht. Ich denke, ich bin überrascht, weil ich nicht annahm, dass Sie einmal verheiratet waren. Ich hielt Sie eher für einen Singletyp.“

„Da liegen Sie richtig. Und deshalb bin ich auch geschieden. Meine Ehe dauerte nur ein paar Jahre. Wir waren beide noch sehr jung.“

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