Logo weiterlesen.de
Ein Haus in Cornwall

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. ERSTER TEIL
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
    14. Kapitel 14
  8. ZWEITER TEIL
    1. Kapitel 15
    2. Kapitel 16
    3. Kapitel 17
    4. Kapitel 18
    5. Kapitel 19
    6. Kapitel 20
    7. Kapitel 21
    8. Kapitel 22
    9. Kapitel 23
    10. Kapitel 24
    11. Kapitel 25
    12. Kapitel 26
    13. Kapitel 27
    14. Kapitel 28
    15. Kapitel 29
    16. Kapitel 30
  9. DRITTER TEIL
    1. Kapitel 31
    2. Kapitel 32
    3. Kapitel 33
    4. Kapitel 34
    5. Kapitel 35
    6. Kapitel 36
    7. Kapitel 37
    8. Kapitel 38
    9. Kapitel 39
    10. Kapitel 40
    11. Kapitel 41

Über die Autorin

Marcia Willett wurde 1945 als jüngste von fünf Schwestern in Somerset geboren. 1969 heiratete sie einen Marineoffizier, ein Jahr später wurde Sohn Charles geboren. Inzwischen lebt Marcia Willett mit ihrem zweiten Ehemann Rodney und einem Neufundländer in Devon, wo sie sich hauptsächlich dem Schreiben von Romanen widmet.

Marcia Willett

Ein Haus in
Cornwall

Roman

Aus dem Englischen von
Sonja Schuhmacher Rita Seuß

Für Rachel

ERSTER TEIL

1

Maudie Todhunter schenkte sich Kaffee ein, köpfte ihr Frühstücksei und legte sich ihre Post zurecht. Heute fand sich eine viel versprechende Kollektion neben ihrem Teller: ein erfreulich dickes Päckchen vom Scotch House, ein blauer Umschlag mit der eigenwilligen Handschrift ihrer Stiefenkelin und ein eher geschäftsmäßiger Brief, auf dem das Logo eines Immobilienmaklers prangte – den verbannte sie im Stapel ganz nach unten. Dann öffnete sie Posys Umschlag mit dem Buttermesser, lehnte die Karte ihrer Enkelin gegen das Marmeladenglas und tauchte den Löffel in den appetitlich goldgelben Dotter ihres weichen Eis. Posys Briefe erforderten Konzentration, da sie ihre Ausführungen stets mit winzigen Zeichnungen verzierte und auch mit Ausrufezeichen und dicken Unterstreichungen nicht sparte.

»Vergiss nicht«, hatte Posy an den Rand geschrieben, sodass Maudie die Karte drehen musste, um es zu entziffern, »dass du mir versprochen hast, über Polonius nachzudenken. Mum sagt, dass er zu den Dacres muss. Bitte, Maudie! ...«

Maudie schauderte. Die Vorstellung, Polonius zu beherbergen, einen großen Mastiff, den Posy in den Osterferien gerettet hatte, versetzte sie in Angst und Schrecken.

»Ich bin kein Hundefreund«, hatte sie Posy streng erklärt. »Das weißt du doch nach all den Jahren ganz genau.«

»Dann wird es höchste Zeit«, hatte Posy erwidert. »Spaziergänge mit Polonius würden deiner Figur gut tun. Du hast mir gerade gesagt, dass dir die Hälfte deiner Kleider nicht mehr passt. Außerdem ist es doch nur während des Semesters. Ich habe Mum das Versprechen abgenommen, dass ich ihn in den Ferien zu Hause haben darf, wenn ich ihn während des Semesters irgendwo unterbringe. Aber nimm dich in Acht, Mum wird Gift und Galle spucken, wenn sie erfährt, dass du bereit bist, ihn zu nehmen ...«

Maudie lachte zufrieden in sich hinein, als sie ihren Toast mit Marmelade bestrich. Selina hatte mit allen Mitteln versucht, ein Bündnis zwischen ihrer Stiefmutter und Posy zu verhindern, aber ihre wechselseitige Zuneigung hatte allen Anfechtungen standgehalten. Sobald Posy alt genug war, eigene Wege zu gehen, hatte sie so viel Zeit wie möglich mit Maudie verbracht. Und wenn ihre Mutter darüber eingeschnappt war, kümmerte Posy sich nicht darum, verbat sich die eifersüchtigen Bemerkungen und fand sich damit ab, dass ihre Mutter es verstand, anderen das Leben schwer zu machen. Posy war klug genug, um zu wissen, dass Maudie Polonius vielleicht allein deshalb aufnehmen würde, um Selina zu ärgern; Posy war jedes Mittel recht, um den Hund behalten zu können.

Maudie öffnete den nächsten Umschlag. Weiche Tartanmuster purzelten auf den Tisch. Vom Frühstück abgelenkt, ließ sie ihren Kaffee in der großen blau-weißen Tasse kalt werden und strich über die feine Wolle. Sie nahm die Stoffquadrate genau in Augenschein und las die Beschreibungen auf den weißen Etiketten, die darauf hafteten: Muted Blue Douglas, Ancient Campbell, Hunting Fraser, Dress Mackenzie. Die Stoffmuster glitten durch ihre Finger und landeten zwischen Toastkrümeln. Miss Grey vom Scotch House hatte ihr wieder einmal eine wunderbare Auswahl zusammengestellt.

»Etwas anderes«, hatte Maudie gebeten. »Nicht das langweilige alte Black Watch. Haben Sie meine Maße noch?«

Maudie war seit vielen Jahren Kundin im Scotch House, ihre Maße waren dort vermerkt, aber sie hatte nun schon eine ganze Weile kein neues Kleid mehr bestellt. Doch man hatte ihr versichert, ihre Kartei sei zur Hand, man werde sich ihrer Bestellung sofort annehmen und umgehend Muster schicken. Die hoch gewachsene Maudie mit dem üppig gerundeten Busen und den langen Beinen dachte voller Wehmut an die guten alten Zeiten zurück, als es noch nicht ein Vermögen gekostet hatte, Kleider nach Maß anfertigen zu lassen. Gewebe und Farben waren ihre Leidenschaft: geschmeidiger Tweed in Erdfarben, cremefarbene Rohseide mit den natürlichen Unregelmäßigkeiten, feine Batisthemden, frische weiße Baumwolle, weiche, schmeichelnde kirschrote Lammwolle.

»Bei dir wirkt alles so ... so dezent«, hatte Hector einmal, nach dem rechten Wort suchend, bemerkt. »Ganz anders als bei Hilda.«

Ja, ganz anders als bei Hilda, die leuchtende Blumenmuster und aufwändige Seidentaftroben mit Schleifchen geliebt hatte. Ganz anders als bei Hilda, die sich zu der Überzeugung bekannte, eine Frau solle stets das Beste aus sich machen, und die es für eine nahezu heilige Pflicht hielt, stets gut gelaunt und duldsam zu sein, koste es, was es wolle. Nach einer Weile, als Patricia und Selina auf schmerzliche Weise klargestellt hatten, dass Maudie ihre tote Mutter niemals würde ersetzen können, hatte sie sich praktisch verpflichtet gefühlt, alles ganz anders als Hilda zu machen.

»Hab Geduld«, hatte Hector sie gebeten. »Sie sind noch so jung. Der Verlust ist noch frisch, und Hilda war so eine wunderbare Mutter.« Alle wollten Maudie das wissen lassen, mit respektvoll gesenkter Stimme und mit wachsamen Augen auf ihre Reaktion lauernd: eine wunderbare Mutter, eine fantastische Köchin, eine hinreißende Ehefrau, eine großartige Freundin. Selbst jetzt noch kämpfte Maudie gegen den Unmut an, der über dreißig Jahre hinweg periodisch wiedergekehrt war, hartnäckig an ihr nagte, das Glück überschattete und den Frieden zerstörte – und jetzt war auch Hector tot.

Maudie sammelte die Stoffquadrate ein und steckte sie wieder in den Umschlag. Draußen vor dem Fenster auf der Veranda pickten Spatzen die Krümel auf, die sie ihnen vor einer Weile hingestreut hatte, während zwei Türkentauben auf dem Vogelhaus balancierten. Sie trank einen Schluck lauwarmen Kaffee, verzog das Gesicht und füllte die Tasse mit heißem Kaffee aus der Kanne auf. Die Regenwolken, die am vergangenen Abend von Westen her aufgezogen waren, hatten sich nach Norden verzogen, und die Sonne schien. Von ihrem Tisch neben der Terrassentür sah Maudie Spinnweben, glitzernd spannten sie sich in den hohen Hecken, die den langen, schmalen Garten umgaben. Goldenes und rostrotes Laub war über den Rasen verstreut. Die Sonne stand noch nicht hoch genug, um bis in die dunklen Winkel unter den Bäumen zu dringen oder die düsteren Wasser der Teiche in ihr Licht zu tauchen, aber das große quadratische Wohnzimmer war hell und freundlich. Bald würde es kalt genug sein, um im großen Holzofen Feuer zu machen.

Maudie nahm Posys Karte wieder zur Hand. Erstaunlich, wie klar sich die Persönlichkeit des Kindes in den schmalen, krakeligen Buchstaben ausdrückte. Sie übermittelten die gewohnte Botschaft der Zuneigung, eingebettet in scharfsinnige Bemerkungen und kleine Sticheleien, eigenartig und tröstlich zugleich. Posy weigerte sich, Zugeständnisse an Maudies fortgeschrittenes Alter zu machen – »Ich bin zweiundsiebzig, Kind!«, pflegte Maudie zu protestieren. »So?«, lautete dann die ungeduldige Antwort –, und jetzt schlug sie vor, Maudie solle nach Winchester fahren, sich Posys neues Zimmer ansehen, ihre Mitstudenten kennen lernen und im Pub um die Ecke ein Bier mit ihr trinken. Sie schrieb:

Wir wohnen in einem alten viktorianischen Haus. Es ist wirklich toll. Jude wird dir gefallen. Er studiert mit mir Theaterwissenschaften, und Jo studiert Kunst und so was. Sie ist cool. Ich habe im obersten Stock ein richtig großes Zimmer ganz für mich. Es ist wunderbar, nicht mehr im Studentenwohnheim zu hausen und unabhängig zu sein. Du musst unbedingt kommen, Maudie ...

Maudie legte die Karte beiseite und betrachtete beinahe gleichgültig den letzten Brief, der den Poststempel von Truro trug. Die Makler hatten bestimmt noch keinen Käufer gefunden, dafür war es zu früh. In Moorgate waren nach wie vor die Handwerker zugange, auch wenn sie im Haus selbst nur noch Aufräumarbeiten zu erledigen hatten. Hector hatte immer darauf bestanden, dass sie Moorgate bekommen sollte. Das Londoner Haus sollte verkauft und der Erlös zwischen Patricia und Selina aufgeteilt werden; Maudie würde eine Rente und Moorgate bekommen – und, natürlich, The Hermitage.

Hier, in diesem Bungalow im Kolonialstil, erbaut Ende des neunzehnten Jahrhunderts und einige Meilen nordwestlich von Bovey Tracey am Waldrand gelegen, hatten Maudie und Hector den Sommer verbracht, seit er aus dem diplomatischen Dienst ausgeschieden war. Maudies Vater, ein früh verwitweter, eher einzelgängerischer Mann, hatte das Haus für seinen Ruhestand nach dem Abschied von Whitehall gekauft, und Maudie hatte stets erklärt, sie werde hier einziehen, sollte Hector etwas zustoßen. Ihre Freunde hatten ihr das nicht geglaubt. »Erstaunlich«, meinten sie nun. »Hast du schon gehört? Maudie lebt jetzt unter den Einheimischen in einem Holzbungalow unten in der Wildnis von Devon ...« – »Ich weiß. Ich konnte es auch nicht glauben. Sie war aber schon immer ein bisschen merkwürdig, findest du nicht? Einen wunderbaren Humor hat sie ja, man kann wirklich Spaß mit ihr haben, aber wenn man an der Oberfläche kratzt ...« – »Nicht gerade der mütterliche Typ, und ich frage mich, ob es der liebe Hector nicht ein bisschen schwer mit ihr hatte. Von Hector kann man ja nur schwärmen, nicht wahr? Hilda hast du ja nicht mehr gekannt, oder? Sie war ein Schatz, meine Liebe. Ein richtiger Schatz ...«

Maudie konnte sich vorstellen, was sie redeten, und sie genoss es, sich das auszumalen. Seit ihrer Heirat mit Hector warf man ihr vor, taktlos zu sein und im falschen Augenblick zu lachen. Außerdem hatte sie eine verstörende Respektlosigkeit gegenüber der herrschenden Hackordnung an den Tag gelegt, während sie sich an der Haushaltsfront als erstaunlich unbedarft erwies. Sie gab weder Dinnerpartys für zwanzig Diplomaten samt Ehefrauen noch organisierte sie Wohltätigkeitsbasare und Weihnachtsfeste für Kinder. Die Männer mochten sie trotzdem – manche fürchteten sie sogar. Die Jahre, die Maudie während des Krieges in Bletchley Park verbracht hatte, und ihre anschließende Tätigkeit als Assistentin eines bekannten Physikers in Amerika verliehen ihr einen eigentümlichen Glanz, was ihr einige der Ehefrauen verübelten.

»Und gerade das war es, was Hector faszinierte«, murmelte Maudie und nahm den länglichen weißen Umschlag zur Hand. »Nach Hilda, der perfekten Hausfrau, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, einfach nur Spaß zu haben. Und wir hatten unseren Spaß, wenn die Mädchen nicht da waren und ihm Schuldgefühle einflößten.«

Noch mehr Missbilligung – vor allem von Selina – hatten sie geerntet, als bekannt wurde, dass Maudie Moorgate erben sollte.

»Meine ganze Kindheit ist mit diesem Haus verbunden«, hatte Selina pathetisch erklärt. »Wir haben den Sommer immer mit Mama in Moorgate verbracht.«

»Aber was willst du denn damit anfangen?«, hatte Selinas Mann peinlich berührt gefragt. »Es wurde doch vereinbart, dass Maudie das Haus in der Arlington Road verkaufen soll. Was willst du mehr?«

Maudie hatte sich gefreut, dass er für sie Partei ergriff, wollte aber auch nicht als Märtyrerin dastehen.

»Ohne Hector würde ich nicht in London leben wollen«, hatte sie knapp erwidert. »Aber du und Patricia, ihr werdet für das Haus einen wesentlich besseren Preis bekommen als für ein altes Bauernhaus am Rande des Bodmin-Moors.« Sie hatte grimmig gelächelt. »Oder bist du der Meinung, dass dir beide Häuser zustehen, Selina?«

»Natürlich nicht.« Patrick war entsetzt gewesen. »Um Himmels willen! Hector hat sich um größte Fairness bemüht ...«

»Mir gegenüber? Oder gegenüber den Mädchen?«, hatte Maudie mit Unschuldsmiene gefragt.

»Ich meine, na ja, in Anbetracht der Umstände ...« Patrick hatte mit seiner Verwirrung gerungen, bis Maudie ihn von seiner Qual erlöste.

»Ich habe ja noch das Haus meines Vaters in Devon und eine Rente. Moorgate ist meine Absicherung für schlechte Zeiten. Hector weiß, dass weder Patricia noch Selina das Haus nutzen oder ohne Mieter in Stand halten könnten. Er glaubt, dass das Geld, das ihr durch den Verkauf des Hauses in der Arlington Road bekommt, euch ausreichende Rücklagen verschafft. Nun«, meinte sie mit einem Schulterzucken, bevor sie ging, »soll ich eurem Vater mitteilen, dass ihr mit seinen Plänen nicht einverstanden seid?« Sie wehrte Patricks Beteuerungen ab und bedachte die schmollende Selina mit einem strahlenden Lächeln. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. »Natürlich ist nicht auszuschließen, dass du früher stirbst, und dann bist du all deine Sorgen los. Ziemlich anstrengend zu entscheiden, was andere Leute mit ihrem Eigentum anstellen sollen, nicht wahr?«

Bei der Erinnerung an diese Szene kicherte Maudie in sich hinein, doch dann wurde sie wieder ernst. Was würde Selina sagen, wenn sie entdeckte, dass sie Moorgate tatsächlich verkaufen wollte? Die bereits betagten Mieter waren verstorben, und Maudie hatte sich lange den Kopf zerbrochen, ob sie es wieder vermieten oder veräußern sollte. Schließlich hatten praktische Überlegungen den Ausschlag gegeben. Der Bungalow brauchte ein neues Dach, und auch ein neuer Wagen war längst fällig. Wenn sie Moorgate verkaufte, blieb ihr ein größerer finanzieller Spielraum. Ein Polster, das sie vor den harten Tatsachen des Lebens abschirmte, erschien ihr als ein angenehmer Luxus.

Während sie den Umschlag aufschlitzte und den Briefbogen herauszog, überlegte Maudie wieder einmal, was wohl aus den Geldanlagen geworden war, von denen Hector ihr vor Jahren erzählt hatte. Damals hatte sie sich nicht besonders dafür interessiert, aber er ließ es sich nicht nehmen, ihr den Umfang seines Vermögens genau zu erläutern. Er war kein reicher Mann gewesen, aber sie wusste, dass auch nach dem Kauf ihres Pensionsfonds noch einige Aktien und festverzinsliche Papiere vorhanden sein mussten, die in seinem Testament schließlich unerwähnt geblieben waren. Hatte er womöglich seine Meinung geändert und sie den Mädchen schon viel früher überlassen? Sie verwarf diese Vermutung. Selbst wenn er seine Töchter zu Stillschweigen verpflichtet hätte – Selina hätte doch gewiss nicht der Versuchung widerstehen können, vor ihrer Stiefmutter mit diesem Triumph zu prahlen? Aber Maudie konnte sich andererseits auch nicht vorstellen, dass Hector ihr finanzielle Probleme verheimlicht hatte. Sie schob diese unangenehme Frage beiseite und widmete sich dem Brief der Immobilienmakler in Truro.

... die Arbeiten im Haus sind beinahe abgeschlossen, und wir haben ein Schild aufgestellt, um Passanten aufmerksam zu machen. Da Moorgate jedoch so abgelegen ist, wollen wir vor allem mit Anzeigen arbeiten und Interessenten nähere Informationen zuschicken ... Es gibt ein Problem wegen eines Schlüssels zu dem Büro, dem Vorratsraum und der Toilette. Dieser Bereich ist sowohl durch die Küche als auch von draußen zugänglich; er stellt zwar kein besonders wichtiges Verkaufsmerkmal dar, sollte aber von potenziellen Käufern besichtigt werden können. Mr. Abbot wird sich deshalb an Sie wenden, da er diesen Teil des Hauses nicht renovieren kann ... Vielleicht wären Sie so freundlich, mit mir Kontakt aufzunehmen?

Maudie runzelte die Stirn. Sie hatte Rob Abbot doch den vollständigen Schlüsselbund gegeben und lediglich zwei Ersatzschlüssel für die Eingangstür behalten – einen für sich und einen weiteren für den Makler. Rob war nicht der Typ, der Schlüssel verlegte. Mitte dreißig, groß, drahtig, mit beißendem Humor – er hatte ihr sofort gefallen. Er hatte Moorgate in Augenschein genommen, sich Notizen gemacht, Witze gerissen und ihr erzählt, er habe seinen Job als Ingenieur in London an den Nagel gehängt, weil er nach einer Beförderung mehr mit Verwaltungsaufgaben zu tun hatte als mit seinem eigentlichen Metier.

»Auf Sitzungen und Konferenzen fühle ich mich nicht wohl«, hatte er gut gelaunt gemeint. »Ich mache mir lieber die Hände schmutzig. Also bin ich in den Westen gezogen, um reich zu werden.«

»Auf meine Kosten wird Ihnen das aber nicht gelingen«, hatte sie sarkastisch entgegnet. »Ich kann mir keine größeren Ausgaben leisten.«

»Sie wären schlecht beraten, wenn Sie es nicht anständig renovieren«, hatte er mit ernster Miene erwidert. »Die Leute sparen am falschen Platz. Sie weigern sich, ein paar Pennys in ein heruntergekommenes Cottage zu stecken, und verkaufen es an einen Bauunternehmer, der es auf Vordermann bringt und sich eine goldene Nase verdient. Das alte Haus ist es wert, ordentlich hergerichtet zu werden. Sie bekommen Ihr Geld doppelt zurück, das verspreche ich Ihnen.«

Sie hatte ihn angehört und unterdessen mit dem alten Kessel in der riesigen, kahlen Küche Tee gekocht. Dann waren sie von Raum zu Raum gegangen, und er hatte ihr gezeigt, was man daraus machen konnte. Seine Vorschläge waren einfach, aber gut, und sie beschloss, ihm den Auftrag mit ein paar Einschränkungen zu erteilen, wenn er einen vernünftigen Preis forderte. Er lud sie ein, sich zwei andere Anwesen anzusehen, die er renoviert hatte, und sie war insgeheim beeindruckt.

Er lächelte sie an. »Warten Sie ab. Wenn ich fertig bin, werden Sie Ihr Haus nicht mehr verkaufen wollen.«

»Dann müssen Sie aber auf Ihr Geld verzichten«, entgegnete sie. »Schicken Sie mir ein Angebot, und ich werde es mir überlegen.«

Das war zu Anfang des Sommers gewesen. Vielleicht war es an der Zeit, Moorgate erneut einen Besuch abzustatten, mit Rob zu sprechen und seine Arbeit zu begutachten. Sie war schon einmal dort gewesen und hatte wieder hinfahren wollen, aber der rechte Augenblick war nie gekommen.

Maudie fand, dass es nun so weit war. Sie würde nach Cornwall fahren, Moorgate besichtigen, Rob treffen und das Problem mit dem Schlüssel lösen. Sie setzte die Brille ab, sammelte ihre Post ein und stand vom Frühstückstisch auf, um ein Telefongespräch zu führen.

2

Als Maudie die aufgeweckte Stimme des jungen Maklers in Truro hörte, konnte sie sich ihn recht gut vorstellen, auch wenn sie ihn noch nie gesehen hatte.

»Es ist ein super Anwesen, Lady Todhunter, absolut – wirklich mein Lieblingsobjekt. Ich kann es gar nicht erwarten, es auf den Markt zu bringen. Da ist nur die Sache mit den Schlüsseln zum Büro ...« Ziemlich atemlos plapperte er weiter, während sie sich die sauberen, glatt in die Stirn fallenden Haare und das frische Gesicht vorstellte, das ledergebundene Ringbuch vor sich sah, dessen Seiten raschelten, als er darin blätterte, und sich ausmalte, wie er den Telefonhörer zwischen Kopf und Schulter klemmte. Vor ihrem geistigen Auge erschien auch seine Krawatte, aus Seide natürlich, mit einer Comicfigur dekoriert: Daffy Duck vielleicht? Natürlich besaß er auch ein Handy, einen Laptop und einen sportlichen Wagen: das unerlässliche Spielzeug für Leute seines Metiers.

»Ich verstehe, Mister ...?« Sie spähte auf den getippten Namen unter der hingekritzelten Unterschrift auf dem Brief, den sie in der Hand hielt. »Mr. Cruikshank, oder ...? Oh, na gut, Ned.« Sie hasste die moderne Zwanglosigkeit, konnte der Jugend aber nicht widerstehen. »Ich habe verstanden, dass die Schlüssel verloren gegangen sind, aber ich habe keine Ersatzschlüssel für das Büro und den Seiteneingang. Was sagt Mr. Abbot dazu?«

»Nun, das ist es ja gerade.« Neds Stimme nahm einen vertraulichen Ton an und lud sie ein, seine Verwunderung zu teilen. »Er kann sich nicht erinnern, dass er sie je gehabt hätte.«

Maudie runzelte die Stirn und strengte ihr Gedächtnis an. »Ich bin ganz sicher, dass ich ihm den ganzen Schlüsselbund überlassen habe«, entgegnete sie mit fester Stimme. »Soweit ich mich erinnere, gab es nur einen vollständigen Satz, und ich hielt es für vernünftig, wenn Mr. Abbot ihn hat, bis er fertig ist. Einen Schlüssel für die Vordertür habe ich für den Notfall selbst behalten, und Ihnen habe ich den anderen gegeben. Wie unangenehm.«

»Ist es nicht möglich«, sagte er zögernd, »dass es noch einen zweiten Schlüsselbund gibt? Vielleicht ganz hinten in einer Schublade oder auf dem Boden einer alten Vase?«

»Das ist nicht auszuschließen. Die Mieter haben mir den Bund zurückgegeben, den ich Mr. Abbot überlassen habe. Möglicherweise hat mein Mann irgendwo einen zweiten Satz aufbewahrt.«

»Vielleicht könnten Sie ihn ja fragen«, regte Ned hoffnungsvoll an.

»Unter den gegebenen Umständen ist das nicht ganz einfach«, erwiderte Maudie ironisch. »Er ist tot, und ich halte nichts von spiritistischen Sitzungen ... Nein, nein. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Woher sollten Sie es denn wissen?« Sie bereute ihre schroffe Bemerkung, die einen Schwall verlegener Entschuldigungen ausgelöst hatte. »Meine Schuld. Verzeihen Sie meine Taktlosigkeit. Ich werde nach den Schlüsseln suchen, aber ich bin nicht sehr optimistisch. Als ich von London aufs Land gezogen bin, habe ich alles geordnet, aber ich werde auf Nummer sicher gehen. Nein, es macht keine Umstände ... Denken Sie sich nichts dabei ... Ja, ich melde mich wieder.«

Sie legte auf und ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie die Frühstückssachen auf das große Holztablett stapelte, um sie in die Küche zu tragen. Ihr Blick fiel auf das Vogelhäuschen im Garten, und für einen Augenblick ließ sie sich von einer Spechtmeise ablenken, die an dem Meisenknödel pickte. Sie liebte diese beiden großen sonnigen Räume, die auf die Veranda und in den Garten hinausführten. Sie waren von den übrigen Zimmern durch einen breiten Korridor getrennt, der an einem Ende zur Vordertür, am anderen zu einer Abstellkammer führte. Eine geräumige Küche, ein erstaunlich großes Badezimmer, eine kleine Toilette und ein Gästezimmer bildeten den Rest des Hauses, aber für Maudie war es groß genug. In den Ferien hatte Hector sich immer über den Platzmangel beklagt, da es unmöglich war, Partys zu geben oder Freunde übers Wochenende einzuladen.

»Du meine Güte«, hatte sie ungeduldig ausgerufen, »wir sind nur für ein paar Wochen hier. Die wirst du doch gewiss ohne Freunde überstehen? Ist es nicht auch nett, wenn wir für eine Weile unter uns sind?«

Er lächelte reumütig. »Das Ruhestandssyndrom«, sagte er dann. »Lass mir ein paar Tage Zeit ...« Aber er hatte nie seine Vorfreude verbergen können, wenn der Tag der Abreise nach London näher rückte.

Maudie trug das Tablett in die Küche und stellte die Sachen neben der Spüle ab. Hector war immer in Hochform gewesen, wenn er von Menschen umgeben war – einem ausgewählten Kreis vorzugsweise, aber er hätte nahezu jede Gesellschaft dem Alleinsein vorgezogen. Maudie fühlte sich in einer intimeren Atmosphäre wohler; ein Freund oder eine Freundin, auf die sie sich konzentrieren konnte, waren ihr lieber als das rege Treiben und der Lärm einer großen Party. Dennoch waren sie ganz gut zurechtgekommen, wenn man bedachte, dass Maudie, bevor sie Hector kennen lernte, nie mehr als sechs Gäste auf einmal um sich versammelt hatte. Selbstverständlich war Hilda die perfekte Gastgeberin gewesen ...

Der Strahl heißen Wassers prallte gegen einen Löffel und bespritzte Maudies Jerseykleid. Laut fluchend drehte sie den Hahn ab. Wie albern, wie vollkommen sinnlos war es doch, solche Feindseligkeit gegen eine Frau zu hegen, die vor über dreißig Jahren das Zeitliche gesegnet hatte! Jung Verstorbene – nun ja, vierundvierzig war halbwegs jung – hatten die ärgerliche Eigenschaft, dass sie eine Art Heiligenschein der Unfehlbarkeit umgab. Sie hatten immer einen Vorsprung, waren eine Nasenlänge voraus, es war kein faires Spiel.

Maudie fuhrwerkte herrlich unbekümmert im heißen Spülwasser herum, ohne im Geringsten auf das gute Geschirr zu achten. Selbst jetzt noch, da Hilda und Hector beide tot waren, litt sie unter dem »Syndrom der zweiten Frau«, wie sie es nannte. Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn Patricia und Selina ihr ein Stück weit entgegengekommen wären. Der Gerechtigkeit halber – wollte sie eigentlich gerecht sein? – musste gesagt werden, dass Patricia halbwegs tolerant gewesen war: Sie hatte sich für ihre Stiefmutter einfach nicht interessiert. Mit sechzehn war sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, als dass sie Maudie das Gefühl hätte geben können, zur Familie zu gehören. Selina aber hatte die Unterstützung ihrer Schwester eingefordert, und Patricia hatte sie – ob aus Loyalität oder aus Gleichgültigkeit – in ihrem Widerstand unterstützt.

Während Maudie abtrocknete und Marmelade und Butter wegräumte, zwang sie sich zur Vernunft. Hector war es nicht leicht gefallen, von der Feindseligkeit seiner Töchter unbeeindruckt zu bleiben. Patricia, abgelenkt durch Freunde und Partys, hatte Maudie nur gelegentlich attackiert, während Selina ihr den Krieg erklärte und hartnäckig kämpfte. Mit zwölf vermisste sie ihre Mutter schrecklich und hatte nicht die Absicht, ihren Vater mit dieser fremden Frau zu teilen. Vielleicht war es ein unglücklicher Zufall, dass sie im Herbst nach der Hochzeit ins Internat kam. Daher konnte sie, obwohl es seit Jahren so geplant gewesen war, Maudie stets den Vorwurf machen, sie habe sie – typisch für die böse Stiefmutter – einfach ins Internat abgeschoben.

»Vollkommener Unsinn!«, hatte Hector ärgerlich gerufen. Selinas Tränen und Anschuldigungen hatten ihn zur Verzweiflung getrieben. »Du hast ganz genau gewusst, dass du im nächsten Schuljahr ins Internat kommst. Patricia ist mit dreizehn gegangen, und du warst vollkommen zufrieden bis ... bis jetzt. Du weißt genau, dass ich nach Genf versetzt worden bin, und es wäre Mamas Wunsch gewesen, dass du dich mit Patricia im Internat eingelebt hast, bevor ich abreise. Mit Maudie hat das rein gar nichts zu tun!«

Er schlug die Tür seines Arbeitszimmers zu und ließ die wütende Selina draußen stehen.

»Sieh mal«, sagte Maudie unbeholfen, »ich weiß, es ist schwer zu begreifen, aber er leidet auch darunter.«

Selinas Miene war hart wie Granit. »Ich hasse dich«, sagte sie leise, damit Hector es nicht hörte und herausgestürmt kam, »und ich wünschte, du wärst tot.«

»Das kann ich mir vorstellen«, hatte Maudie fröhlich entgegnet. »Aber während wir auf dieses freudige Ereignis warten, könnten wir doch versuchen, miteinander auszukommen?«

Selina hatte sich nicht die Mühe gemacht zu antworten, sondern war auf ihr Zimmer gegangen, hatte sich eingeschlossen und sich geweigert, zum Mittagessen herunterzukommen. Bis zum Beginn des Schuljahres hatte im Haus eine gespannte Atmosphäre geherrscht. Wie schön war es dann gewesen, allein mit Hector zu sein, die bösen Geister und Schuldgefühle waren gebannt – wenn auch nur vorübergehend. Denn in den Ferien tauchten sie mit ermüdender Regelmäßigkeit wieder auf.

»Wir müssen Geduld haben«, erklärte Hector mit ebenso ermüdender Regelmäßigkeit. »Schließlich haben wir wenigstens die Schulzeit für uns.«

Als Maudie das Geschirrtuch aufhängte, lächelte sie in sich hinein. Wie viel Spaß sie miteinander gehabt hatten, sorglosen, egoistischen, wunderbaren Spaß!

»Eins muss ich sagen«, hatte er immerhin ein- oder zweimal eingeräumt – nach einem Nachmittag im Bett oder beim zweiten Brandy nach einer besonders gelungenen Dinnerparty. »Ich muss zugeben, dass es ganz schön ist, sich nicht ständig Sorgen um die Mädchen zu machen. Wenn Hilda einen Fehler hatte, dann war es das Theater, das sie ständig der Kinder wegen veranstaltet hat. Weißt du, was ich meine? Ich hatte das Gefühl, in erster Linie Vater und Ernährer zu sein und erst in zweiter Linie Ehemann und Liebhaber ...«

Sie hatte feststellen müssen, dass es nicht angebracht war, auf solche Kritik mit einem kleinen Scherz einzugehen. »Was ist das für eine Gotteslästerung?«, hatte sie einmal lachend gefragt. »Habe ich recht gehört? Hilda war also doch nicht vollkommen?« Das war nun wirklich harmlos gewesen, aber er hatte sich sofort Asche aufs Haupt gestreut, eine Liste von Hildas Vorzügen heruntergebetet, sie in höchsten Tönen gelobt und ihr Ableben beklagt. Nein, es war völlig verfehlt, auch nur spaßeshalber anzudeuten, dass sie sich angesichts solcher Perfektion ein klein wenig unzulänglich fühlte. Stattdessen hatte Maudie das getan, was sie gut konnte: Sie hatte ihn zum Lachen gebracht und ihm das Gefühl gegeben, jung, sexy und stark zu sein. Die Last der Verantwortung, Trauer und Sorge fielen dann von ihm ab, und er reagierte in einer Weise, dass ihr Selbstwertgefühl wieder in die Höhe schnellte und sie sich begehrt, witzig und lebendig fühlte. Schließlich war es nicht leicht gewesen, ihren Beruf aufzugeben, um die Frau eines Diplomaten und die Stiefmutter seiner undankbaren, anstrengenden Töchter zu werden.

Obwohl sie sich hatte eingestehen müssen, dass es anfangs allzu leicht gewesen war.

Sie befand sich auf dem Heimweg nach England, beurlaubt nach der Pensionierung des Physikers, für den sie fünfzehn Jahre lang gearbeitet hatte. Ein Lebensabschnitt war für sie zu Ende gegangen, es war Weihnachten, und der Flughafen war wegen Schneesturm geschlossen. Verstimmte Passagiere fanden sich in Grüppchen zusammen und jammerten, während Hector »das Kommando übernahm«, wie Maudie es später ausdrückte. »Du hast das Kommando übernommen und das Personal dazu verdonnert, uns eine Unterkunft zu besorgen.«

»Das war nur vernünftig«, erwiderte er. »Du hattest nichts gegen ein schönes warmes Bett einzuwenden, wenn ich mich recht erinnere ...«

Seltsam war es gewesen – seltsam und wunderbar –, wie rasch sie und Hector zusammengefunden hatten. Sie hatten gemeinsam gelacht, aus seinem Flachmann getrunken, die Probleme von der heiteren Seite betrachtet – die kurze Episode war romantisch, irreal, fantastisch gewesen, aber danach hatten sie sich geweigert, wieder auseinander zu gehen. Maudie hatte ihren Beruf an den Nagel gehängt, und Hector hatte die Irritation und Missbilligung von Freunden und Verwandten in Kauf genommen, als er Maudie zwölf Monate nach dem Tod seiner Frau heiratete.

»Es könnte heikel werden«, hatte er besorgt eingeräumt, als sie im Auto saßen, unterwegs zum ersten Treffen mit Hildas Mutter und den Mädchen. »Womöglich wird es ein kleiner Schock für sie sein. Alle waren so begeistert von Hilda ...«

Erst dann war ihr klar geworden, dass ihr gemeinsames Leben ein Balanceakt, ein Auf und Ab der Gefühle werden würde. Hier war der Hector, den sie kannte, der Liebhaber und Gefährte, und dort der Hector, der als ältester Sohn Verantwortung trug, der als Vater geliebt, als Freund bewundert und als Kollege geachtet wurde.

»Ich habe das Gefühl, dass mich niemand als Hectors Frau ansieht«, hatte Maudie einmal zu Daphne gesagt. »Ein merkwürdiges Gefühl – so als hätten wir eine außereheliche Beziehung, als wäre Hilda seine offizielle, rechtmäßige Frau und ich seine Geliebte.«

»Hört sich gut an«, hatte Daphne erwidert. »So macht es bestimmt viel mehr Spaß.«

Daphne hatte sie willkommen geheißen, ihr Bestes getan, damit sie sich zu Hause fühlte, und ihr den Weg geebnet: Daphne, Hildas beste Freundin und Patricias Patin.

»Es könnte Schwierigkeiten mit Daphne geben«, hatte Hector sie gewarnt, als sie bei einem Empfang ihre Gäste erwarteten. »Sie und Hilda haben einander seit der Schulzeit gekannt. Sie waren wie Schwestern.«

Ihm war bei dieser ersten Begegnung unverkennbar mulmig zu Mute gewesen. Als er sie mit Daphne bekannt machte, wirkte er ziemlich unbeholfen, seine gewohnte Weltläufigkeit war wie weggeblasen, aber Daphne hatte Maudies Hände bereitwillig ergriffen und gelächelt, auch wenn ihr Blick sehr direkt und forschend gewesen war.

»Wie klug von dir, Hector«, hatte sie gemurmelt. »Wirklich klug.« Und sie hatte Maudie auf die Wange geküsst.

Selbst jetzt noch, dreißig Jahre später, erinnerte sich Maudie an die Wärme, die sie bei Daphnes kurzer Umarmung empfunden hatte. Sie hatten sich auf Anhieb gemocht, das war sogar in dieser steifen Atmosphäre spürbar gewesen: diese Wärme, in der Maudies Zurückhaltung geschmolzen war wie Eis in der Sonne.

»Ich mag Daphne«, sagte sie später beim Schlummertrunk, und Hector, der vor dem Kaminfeuer stand und sich reckte, atmete spürbar erleichtert auf.

»Es ist alles sehr gut gelaufen«, meinte er. »Wirklich sehr gut.«

Daphne war Maudies engste Freundin geworden, ihre Verbündete im Krieg gegen Selina, ihre Verteidigerin gegen die Flüsterpropaganda von Hildas Anhängerinnen.

»Schließlich«, rief Maudie einmal, empört über eine verletzende Bemerkung, »hat sich Hector ja nicht von dieser verdammten Frau scheiden lassen! Er hat sie doch nicht meinetwegen verlassen! Er war Witwer, in Gottes Namen!«

»Du meine Güte.« Daphne betrachtete sie mitfühlend. »Siehst du denn nicht, welche Bedrohung du für uns alte Ehefrauen darstellst? Hector hat die ungeschriebenen Gesetze missachtet, die in unserem kleinen Kreis gelten. Er hat sich eine attraktive jüngere Frau gesucht, die nicht kochen kann, keine Kinder will und Seine Exzellenz nicht vom Gärtner unterscheiden kann, und ihm ist es schnurzegal. Offensichtlich geht es ihm blendend. Er sieht zehn Jahre jünger aus und stellt alle unsere lieb gewonnenen Vorurteile infrage.«

»Aber warum?«, fragte Maudie. »Warum können uns die Leute nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Forschungslabore müssen wirklich außergewöhnliche Orte sein.« Daphne schüttelte den Kopf. »Kapierst du denn erst jetzt, dass einer, der aus der Herde ausschert, mit Vorliebe in Stücke gerissen wird? Wir sind doch alle so unsicher. Wenn du dich anders verhältst als ich, muss ich entweder meine eigenen Grundsätze und Gewohnheiten infrage stellen oder beweisen, dass du Unrecht hast. Irregeleitet, dumm, schlecht erzogen, es spielt keine Rolle, wie ich dich bezeichne, solange ich meine selbstgefällige Lebenseinstellung nicht aufgeben muss. Du bist in unseren Kreis gekommen und hast alles über den Haufen geworfen. Aber du musst ein bisschen Geduld mit uns haben, Maudie. Ehefrauen mittleren Alters sind ziemlich verletzlich. Und Männer mittleren Alters sind leicht zu beeindrucken.«

»Ich will für niemanden eine Bedrohung sein«, rief Maudie. »Ich will nur meine Ruhe haben. Ich kritisiere keine von euch. Mir ist es gleich, was ihr macht und wie ihr es macht.«

»Das ist ja gerade das Problem«, seufzte Daphne. »Du bist so selbstbewusst, so sicher, so gar nicht zu beeindrucken. Du wirst feststellen, dass manche Leute damit einfach nicht zurechtkommen.«

»Das klingt, als wäre mein Leben nur eitel Sonnenschein«, erwiderte Maudie mürrisch. »Aber ich kann dir versichern, das ist es nicht. Das Dasein als zweite Frau und Stiefmutter kann die Hölle sein. Ich bin nicht annähernd so selbstbewusst, wie du glaubst.«

»Mag sein, aber du gibst es nicht zu. Du denkst gar nicht daran, dich all den Ehefrauen anzuvertrauen, die dir so gern mit Rat und Tat ...«

»Und sich hinterher vor Schadenfreude nicht halten können.«

»Genau, da hast du’s. Aber warum vertraust du dich dann mir an?«

»Weil du anders bist«, antwortete Maudie nach einer kleinen Weile. »Dir vertraue ich.« Und dann lachte Daphne, sie lachte so lange, bis sich Maudie beinahe unbehaglich fühlte.

»Ich weiß, es ist seltsam, dass ich ausgerechnet dir vertraue«, sagte sie, wie um sich zu verteidigen, »obwohl du Hildas beste Freundin warst und so weiter. Aber ich vertraue dir. Und jetzt kannst du dich deiner heimlichen Schadenfreude hingeben.«

»Nein, das mache ich nicht. Aber ich muss zugeben, dass es seltsam ist. Ich habe Hilda wirklich gern gehabt. Wir waren gemeinsam im Internat, und ich habe die Ferien oft bei ihrer Familie verbracht, wenn meine Eltern im Ausland waren. Wir hatten viel Spaß miteinander. Aber im Grunde war sie immer ein ernstes Mädchen, ein bisschen etepetete, und als sie älter wurde, hat sich dieser Charakterzug zu einer Selbstgefälligkeit entwickelt, die, ehrlich gesagt, ziemlich enervierend sein konnte. Und, was sagst du zu meiner Treulosigkeit?«

»Nicht schlecht für den Anfang«, erwiderte Maudie grinsend, »aber ich bin mir sicher, du kannst es noch besser, wenn du dran arbeitest.«

Daphne zögerte, dann lachte sie. »Du böses Mädchen!«, sagte sie. »Hector hat das große Los gezogen. Und offensichtlich ist er noch dazu ziemlich glücklich.«

War er wirklich glücklich gewesen? Maudie nahm ihre Jacke vom Haken an der Tür und suchte in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel. Und was war mit diesem endlosen Streit wegen Selina? Den Anschuldigungen, die er ihr an den Kopf geworfen hatte: Sie sei mitleidlos, kalt, egoistisch? Und dann die Male, als er seine Tochter und deren Kinder allein besucht hatte, weil Selina geklagt hatte, Maudie sei so kritisch, so lieblos, dass die Jungs Angst vor ihr hätten? Der Schmerz, als sie feststellen musste, dass Hector Selina inzwischen fast mehr Glauben schenkte als ihr?

»Vorbei«, sagte Maudie laut, als sie hinausging und die Tür hinter sich zuschlug. »Vorbei, vorbei, vorbei

Warum, fragte eine leise, hartnäckige Stimme in ihrem Kopf, warum bist du dann immer noch wütend?

»Halt den Mund«, sagte Maudie. »Darauf lasse ich mich nicht ein. Ich werde mir jetzt eine schöne Zeit machen. Hau ab, und lass mich in Ruhe!«

Sie öffnete die Tür des großen Schuppens, in dem das Auto stand, fuhr langsam die moosbewachsene Auffahrt entlang und wandte sich nach Westen, Richtung Bodmin-Moor.

3

Das Farmhaus stand in einer kleinen Senke neben dem schmalen Feldweg. Am Ende des Gartens, bei der Natursteinmauer, erhoben sich zu beiden Seiten eines Viehgitters, hinter dem der Weg steil ins offene Moor hinaufführte, zwei Granitpfosten – das Tor zum Moor. Maudie stellte den Wagen am Hoftor ab und stieg aus. In der vorne offenen Scheune parkte ein Lieferwagen, und ein Unkrautfeuer schwelte vor sich hin. Es war ein milder grauer Tag, die fernen Wiesen hüllten sich in Nebel, und über dem Land lag eine brütende Stille. Das Anwesen wirkte verlassen, das Haus abweisend und leer. Von der Baumgruppe im Westen jenseits des Feldwegs erhob sich lärmend ein Krähenschwarm in die feuchte Luft, und leiser Hufschlag drang an Maudies Ohr.

Sie betrachtete anerkennend das kräftige kleine Pferd, das nun an der Wegbiegung auftauchte. Der Reiter hob grüßend die kurze Reitpeitsche an den Hut, und als er zum Viehgitter gelangte, beugte er sich hinunter, um das niedrige Tor daneben zu öffnen. Pferd und Reiter passierten den Durchgang, das Tier wartete geduldig, bis er wieder geschlossen war, und begann dann den Aufstieg über die Moorstraße. Sobald sie außer Sicht waren, wandte sich Maudie wieder dem Haus zu. In diesem Land voll Granit und Schiefer wirkten die beige verputzten Mauern anheimelnd und freundlich. Das alte Farmhaus mit dem Dach aus Delabole-Schiefer und der Eingangstür aus massiver Eiche strahlte Beständigkeit und Sicherheit aus, ein Zufluchtsort in unwirtlicher Landschaft.

An einem heißen Sommertag, wenn die hohe Escalloniahecke in voller Blüte stand und die Lerchen hoch oben in den Lüften trillerten, war es ein idyllischer Ort, aber im Winter peitschten oft Stürme über das Hochland, der Westwind heulte, und es war rau und düster. Wenn das Farmhaus leer stand, war es dort feucht, eisig und unbehaglich. Es musste warm und trocken gehalten, als Daueraufenthalt und nicht nur als Ferienhaus genutzt werden.

»Mama hat Moorgate geliebt«, betonte Selina immer wieder. »Es hat ihrer Familie gehört, als sie klein war, und sie hat den Farmer und seine Frau oft besucht. Als sie dann die Landwirtschaft aufgaben, haben wir das Cottage jahrelang als Ferienhaus genutzt. Mama, Patricia und ich haben jeden Sommer dort verbracht, und Daddy ist mitgekommen, wenn er Zeit hatte. Wir dürfen uns niemals von Moorgate trennen, es sind so viele Erinnerungen damit verbunden.«

Selbst nach dem Verkauf des Londoner Hauses hatte Selina aus der Ferne ein wachsames Auge auf Moorgate gehabt.

»Typisch, selbst braucht sie es nicht, aber sie gönnt es keinem anderen!« Nach einem Treffen mit ihrer ständig in Erinnerungen schwelgenden Stieftochter hatte Maudie einmal im Gespräch mit Daphne ihrem Ärger Luft gemacht. »Sie war schon seit Jahren nicht mehr dort. Sentimentales Gewäsch. Als das Haus in der Arlington Road verkauft wurde, hatte sie keine Probleme. Dabei hat sie dort wesentlich mehr Zeit mit Hilda verbracht als in Moorgate.«

»Die Sommer der Kindheit haben wohl immer einen besonderen Zauber«, hatte Daphne nachdenklich erwidert. »Weißt du, was ich meine? Immer hat die Sonne geschienen. Das Meer war warm, und um die nächste Ecke hat uns ein Abenteuer erwartet.«

»Herzlichen Dank, Enid Blyton«, gab Maudie sarkastisch zurück. »Sollen wir noch gemeinsam Jesus wants me for a sunbeam singen, bevor du gehst?«

Dennoch hatte Maudie Selina noch nicht mitgeteilt, dass sie vorhatte, Moorgate zu verkaufen. Als sie nun den Hof betrat und sich umsah, fand sie es ziemlich traurig, dass das alte Farmhaus nicht in der Familie bleiben sollte. Posy hing auch daran, und Posy zuliebe hätte sie es gern behalten. Aber auch ihre Enkelin hatte nichts von einem Anwesen, das keiner von ihnen nutzen konnte. Wenn sie Moorgate nicht verkaufte, musste sie das Haus vermieten – was hätte das für einen Sinn gehabt? Besser, sie verkaufte es, um später Posy finanziell unter die Arme greifen zu können.

In diesem Augenblick bog Rob Abbot um die Ecke, und Maudie schnappte überrascht nach Luft. Offensichtlich war er genauso verblüfft wie sie. Er runzelte die Stirn und kam dann mit einem leisen Lächeln auf den Lippen auf sie zu.

»Sie wollen mir wohl ein bisschen auf die Finger schauen?«, fragte er vergnügt.

Maudie erwiderte sein Lächeln. »Ich dachte mir schon, dass ich sie beim Herumtrödeln ertappe«, scherzte sie. »Mr. Cruikshank hat sich gemeldet und ein Theater wegen der Schlüssel gemacht. Ich habe Sie auf Ihrem Handy nicht erreicht, also bin ich selbst hergefahren, um die Sache zu klären.«

»Er war hier«, erklärte Rob düster, »hat herumgeschnüffelt, an den Türen gerüttelt, durch die Fenster gespäht. Ich habe ihm klar gemacht, dass ich ohne Ihre Erlaubnis keine Türen aufbrechen darf. Ich bin mir nämlich sicher, dass ich diese Schlüssel nie bekommen habe.«

»Das ist mir ein Rätsel.« Maudie zuckte die Schultern. »Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern, was ich damit angestellt habe. Wenn sie nicht an dem großen Bund waren, den ich Ihnen gegeben habe, dann bin ich ratlos. Wir müssen wohl die Schlösser aufbrechen. Soweit ich mich erinnere, gibt es eine Tür, die von der Küche aus in einen Gang zum Büro führt. Da war auch noch eine Gästetoilette und eine Art Abstellkammer mit einer Tür nach draußen.«

»Beide Türen sind fest verschlossen«, sagte Rob. »Und das Fenster ist durch ein Rollo oder einen Vorhang abgeschirmt, sodass man nicht hineinsehen kann.«

»Wie dumm von uns!«, rief Maudie. »Wir könnten doch einfach das Fenster aufbrechen und auf dem Weg hineinkommen. Warum ist uns das nicht eher eingefallen?«

Rob machte ein zweifelndes Gesicht. »Das wird nicht gehen. Daran habe ich auch schon gedacht, aber es ist zu klein, um hineinzuklettern. Auf jeden Fall müssen wir uns etwas einfallen lassen, wo Sie schon mal hier sind.« Er zögerte. »Sie sollten den Wagen lieber nicht auf dem Feldweg stehen lassen. Es ist da ziemlich eng, und wahrscheinlich kommt gleich ein Traktor. Stellen Sie ihn doch in den Hof.«

Er öffnete ihr das Tor und ging ins Haus, um Teewasser aufzusetzen. Maudie setzte ihr Auto vorsichtig zurück und parkte neben dem Lieferwagen. Als sie in die Küche kam, kochte das Wasser bereits, und Rob legte Teebeutel in die großen Tassen. Sie blieb in der Tür stehen und sah sich um. Von der Küche, die fast die ganze Breite des Hauses einnahm, blickte man nach Nordwesten aufs Moor hinaus; dort lag jenseits der fernen Felder das Meer. Der leere Raum, in dem sich nur ein paar Einbauschränke, die Spüle und der Esse-Herd befanden, wirkte riesig.

»In diese Küche gehören richtig große, altmodische Bauernmöbel«, bemerkte Maudie, als sie ihre Tasse entgegennahm. »Hohe Schränke und ein massiver, ausladender Esstisch. Das Merkwürdige ist, dass es gar nicht so kalt ist, wie ich gedacht hätte. Es ist richtig angenehm.« Sie schnupperte. »Und es riecht ... Wonach? Speck?« Sie schüttelte den Kopf. »Das muss ich mir einbilden.«

Rob warf ihr einen seltsamen Blick zu. »Komisch, dass Sie das sagen. Ich hatte auch schon den Eindruck. Jetzt bin nur noch ich hier und räume auf, die Männer sind schon mit dem nächsten Projekt beschäftigt, aber manchmal habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein.« Er lachte beinahe verlegen. »Wie sieht’s aus mit Geister- und Gespenstergeschichten?«

Sie blickte ihn an und sah, wie er sich abwandte, einen Schluck Tee trank und aufs Moor hinausblickte. Ihr wurde ein wenig beklommen zu Mute. Rob Abbot war gewiss der Letzte, der sich in Fantastereien verlor, aber heute wirkte er ziemlich unnahbar, und von seinem gewohnten Humor war wenig zu spüren.

»Mir sind keine bekannt«, erwiderte sie energisch. »Auf alle Fälle braten Geister keinen Speck. Sind Sie ganz sicher, dass keiner Ihrer Leute die Schlüssel genommen hat, Rob? Ich habe das Gefühl, dass mehrere Schlüssel an einem kleineren Ring an dem großen Schlüsselbund hingen. Kann es nicht sein, dass Sie ihn heruntergenommen und irgendwo hingelegt haben?«

Er drehte sich zu ihr um und runzelte die Stirn. »Bitte glauben Sie nicht, ich hätte mir keine Gedanken darüber gemacht. Das ist natürlich möglich. Viele Schlüssel gehen durch meine Hände, und in der Regel passe ich auf, aber natürlich ist es nicht auszuschließen, dass ich sie abgenommen und irgendwo habe herumliegen lassen. Aber warum hätte sie jemand nehmen sollen? Ich habe die Jungs selbstverständlich gefragt, und sie sind genauso ratlos wie ich. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, was sie damit anfangen sollten. Das Haus ist leer, man kann nichts mitgehen lassen, und offensichtlich hat auch niemand hier sein Quartier aufgeschlagen. Und trotzdem ...«

»Merkwürdig, nicht wahr?« Sie verzog das Gesicht. »Ziemlich unheimlich. Aber zeigen Sie mir doch das Wohnzimmer – ich habe es nicht mehr gesehen, seit es fertig ist –, und dann entscheiden wir, was mit dem Büro passieren soll. Wie ärgerlich. Obwohl die Renovierung ja sicher nicht mehr lange dauern wird. Ich hoffe, Sie lassen mich nicht im Stich, bevor alles abgeschlossen ist.«

»Nein, ganz bestimmt nicht.« Er stellte seine Tasse auf dem Abtropfbrett ab. »Es ist immer gut, wenn man für den Winter Innenarbeiten hat, und ich möchte selbstverständlich jeden Auftrag zu Ende führen.«

»Es hat länger gedauert, als Sie dachten, nicht wahr?«, erkundigte sich Maudie, als sie mit Rob in den Hausflur trat und zufrieden den Blick über die Eichentreppe schweifen ließ, die sich jetzt wieder in ihrem ursprünglichen Zustand befand. »Das haben Sie gut gemacht, Rob. Es sieht perfekt aus. Nicht wie ein protziger Umbau. Es hat seine Würde zurückerlangt.«

Er sah sich um. »Dieses Haus ist wie eine alte Landfrau«, bemerkte er zärtlich. »Stark, freundlich, beschützend. Sie taugt nicht für die vorübergehende Laune eines Stadtmenschen, der mit dem einfachen Leben kokettiert.«

Seine Warmherzigkeit berührte Maudie. »Das Problem ist nur, dass Moorgate kein richtiges Farmhaus mehr ist, seit das Land verkauft ist. Und es ist ziemlich abgelegen. Ich frage mich, wer es eigentlich kaufen soll.«

»Noch keine Angebote?« Er ging voraus ins Wohnzimmer. »Mr. Cruikshank wirkt doch recht engagiert.«

Sie lachte. »Er ist jung«, meinte sie nachsichtig. »Bestimmt findet er viele Interessenten von dem Schlag, den Sie gerade beschrieben haben. Aber als Zweitwohnsitz ist das Haus zu groß, und der Weg nach London ist weit. Heutzutage arbeiten viele Leute zu Hause, also finden wir vielleicht eine junge Familie, die es sich leisten kann, ihre Kinder herumzukutschieren und die Heizkosten zu bezahlen. Dieses feuchtwarme Klima kann so viel Schaden anrichten.« Sie hielt inne. »Haben Sie hier den Kamin angeheizt, Rob?«

Das quadratische Wohnzimmer blickte nach Südosten, die Natursteinwände waren cremefarben gestrichen. In einer Nische rechts von der Kaminecke stand ein Schrank mit Glastüren, die eichenen Dielenbretter waren abgezogen und eingelassen, und die originalen Holzläden zu beiden Seiten der Schiebefenster waren aufgeklappt. Auf der großen zentralen Schieferplatte im Kamin lagen in einem Häufchen weicher grauer Asche die Überreste verkohlter Zweige und ein paar halb verbrannte Scheite.

Er warf einen gleichgültigen Blick darauf. »Ich habe versuchshalber Feuer gemacht, nachdem der Kaminkehrer da war. In den anderen Zimmern habe ich das auch getan, nur um zu sehen, ob der Kamin richtig zieht. Draußen in der Scheune liegt noch ein ganzer Stapel Holz, also dachte ich mir, es kann nicht schaden, ein wenig durchzuheizen. Ich wollte sogar vorschlagen, dass wir den Esse-Herd anmachen, damit eine gewisse Grundwärme erhalten bleibt, wenn das Haus in ein, zwei Monaten noch nicht verkauft ist. Ich kann gelegentlich vorbeikommen und nach dem Rechten sehen, bis Sie einen Käufer haben.« Zögernd zuckte er mit den Schultern. »Wenn es Ihnen recht ist.«

»Das wäre sehr nett von Ihnen«, antwortete Maudie. »Wenn es keine Umstände macht. Keine schlechte Idee, den Esse-Herd anzuheizen. Lieber gibt man ein bisschen Geld für Öl aus, als dass das Haus feucht wird. Hätten wir nicht doch eine richtige Zentralheizung einbauen sollen, was meinen Sie?«

»Jetzt ist es zu spät«, erwiderte Rob entschieden. »Und es wäre sehr teuer gekommen, die Schieferböden aufzureißen. Kaminfeuer ist in den Räumen im Erdgeschoss ohnehin am besten, und der Esse-Herd versorgt zwei Heizkörper im ersten Stock und die Küche. In den übrigen Schlafzimmern sind Nachtspeicheröfen, die vollkommen ausreichen. Sie brauchen sich wirklich keine Gedanken zu machen.«

Sie lächelte ihn an. »Sind Sie verheiratet?«

»Nein«, gab er knapp zurück. »Was hat das mit der Zentralheizung zu tun?«

»Nichts«, entgegnete sie, und erneut überkam sie ein Gefühl der Beklommenheit. Gewöhnlich wirkte Rob nicht so – sie versuchte seine Stimmung zu erfassen –, so geistesabwesend. Sie hatte den Eindruck, dass er nur halb da war. Vielleicht hatte er Liebeskummer, und ihre Frage hatte einen wunden Punkt berührt. Jedenfalls war von seiner gewohnten guten Laune nichts zu merken. »Gar nichts. Ich sollte mir jetzt lieber diese verschlossenen Türen ansehen. Alles in Ordnung, Rob? Viel Arbeit in nächster Zeit?«

»Zu viel.« Er ging voraus in die Küche. »Ich bin hier leider ein wenig im Rückstand. Um die Wahrheit zu sagen, es war ein ungewöhnlich trockener Sommer, und deshalb habe ich meine Leute auf einer anderen Baustelle mit Außenarbeiten beschäftigt und hier einiges selbst gemacht.«

»Kein Problem«, erwiderte sie hastig, damit er nicht das Gefühl hatte, sie wolle ihn kritisieren. »Die Leute können schließlich jederzeit kommen und sich das Haus ansehen. Sie haben großartige Arbeit geleistet.« Sie sah, wie er auf die Tür zum Büro wies, den Knauf drehte und mit seinem ganzen Gewicht dagegen drückte. »Das führt zu nichts, oder?«

»Eine hübsche alte Eichentür, die würde ich lieber nicht beschädigen«, meinte er. »Kommen Sie nach draußen und sehen Sie sich die andere Tür an. Sie ist zwar stabil, aber nicht besonders erhaltenswert. Am ehesten würde ich wohl diese aufbrechen. Fenster einzuschlagen hat keinen Sinn.«

Draußen auf dem Weg, der um das Haus herumführte, versuchte Maudie die widerspenstige Tür zu öffnen und durch das schmutzige Fenster zu spähen. Ein Vorhang versperrte die Sicht. Kopfschüttelnd trat sie zurück und staubte sich die Hände ab.

»Ich verstehe, was Sie meinen. Was sollen wir tun?«

»Überlassen Sie das einfach mir«, sagte er. »Jetzt, wo ich Ihre Erlaubnis habe, bekomme ich sie schon auf. Wir werden so wenig Schaden wie möglich anrichten, aber ich brauche ein wenig Zeit, um drinnen alles in Ordnung zu bringen.«

»Schon gut«, erwiderte sie. »Ich werde Mr. Cruikshank Bescheid sagen. Aber da wäre noch eine Sache. Wenn der Raum seit dem Auszug der Mieter abgeschlossen ist, könnten da ein paar Dinge sein, die man durchsehen müsste. Ich nehme an, Sie könnten die Tür aufbrechen, solange ich noch hier bin. Wenn wir ohnehin eine neue Tür besorgen müssen, macht das doch keinen großen Unterschied, oder?«

Er runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich würde das Haus lieber nicht mit kaputter Tür zurücklassen«, sagte er. »Da könnte dann jeder rein. Ich möchte nur ungern morgen früh eine Horde Touristen hier vorfinden. Soviel ich gehört habe, sind droben in Davidstow einige unterwegs. Lassen Sie mich noch ein Weilchen darüber nachdenken. Ich möchte auf alle Fälle dafür sorgen, dass das Haus gut gesichert ist.«

»Das klingt einleuchtend. Rufen Sie mich an, wenn Sie die nötigen Schritte unternommen haben und mich hier brauchen.«

»Abgemacht.« Er lächelte sie an. »Ich verspreche auch, mich nicht mit den Schätzen, die ich hier finde, aus dem Staub zu machen.«

Sie freute sich, dass er wieder lockerer und weniger empfindlich wirkte. »Wenn das so ist«, sagte sie, »könnten wir doch auf ein Bier und ein Sandwich ins Pub gehen, bevor ich heimfahre?«

Er lachte. »Das ist ein Angebot, zu dem ich nicht Nein sage. Ich sperre noch rasch ab und bin gleich wieder da.«

4

Auf dem Rückweg nach Launceston ertappte sich Maudie bei Überlegungen, wie sie Selina beibringen konnte, dass Moorgate verkauft werden sollte. Ihre größte Sorge war, dass sich ihre Stieftochter in einem Anfall von Sentimentalität in den Kopf setzen könnte, es selbst zu erwerben. Maudie wusste sehr wohl, dass sich Selina und Patrick trotz der Finanzspritze durch den Verkauf des Londoner Hauses einen so unsinnigen Kauf gar nicht leisten konnten – es sei denn, sie beabsichtigten, ihr Hab und Gut zu veräußern und nach Cornwall zu übersiedeln. Bei der Vorstellung, dass Selina am Rande des Bodmin-Moors leben könnte, lachte Maudie laut auf. Ferienerinnerungen aus Kindertagen waren eine Sache, wirklich dort zu leben war etwas ganz anderes. Selinas elegant beschuhte Füße benötigten Straßenpflaster, als leidenschaftliche Gastgeberin und Genießerin konnte sie auf Feinkostläden, Theater und Restaurants nicht verzichten. Nein, es schien unwahrscheinlich, dass Selina und Patrick zu so einem Opfer bereit wären. Das eigentliche Problem war, dass Selina es sich womöglich in den Kopf setzen würde, Moorgate als Ferienhaus zu behalten. Dann würde sie versuchen, Patrick einzureden, dass es ihre Pflicht sei, das Haus zu retten.

Als Maudie auf die öde Moorlandschaft hinausblickte, die schwarzen, verkrümmten Weißdornbüsche, die welken, rostbraunen Farne, empfand sie plötzlich die ganze Tristesse der Jahreszeit. Sie wusste, dass man sie wieder einmal in die Rolle der bösen Stiefmutter drängen würde. Patricia und Simon, die glücklicherweise in Australien lebten, würden durch Briefe und Anrufe von der neuesten Verleumdungskampagne erfahren, und Selinas Söhne – Chris und Paul – würden bearbeitet werden, damit auch sie ihr Missfallen zum Ausdruck brachten. Als sie vom Gas ging, damit ein Schaf im Zickzackkurs die Straße überqueren konnte, zuckte sie die Schultern. Patricia am anderen Ende der Welt konnte höchstens symbolische Schützenhilfe leisten, und den Jungen war Moorgate egal, sie waren viel zu sehr mit dem eigenen Leben beschäftigt, um deshalb einen Finger zu rühren. Aber möglicherweise würde Posy diesmal Partei für ihre Mutter ergreifen.

Feiner Regen zog vom Meer in dichten Dunstschwaden herüber und behinderte die Sicht auf die Straße.

»Verdammt!«, fluchte Maudie, schaltete die Nebelscheinwerfer ein und stellte den Scheibenwischer auf Intervall.

Während sie vorsichtig weiterfuhr, lenkte sie die Gedanken auf sonnigere Tage: auf die wunderbaren Sommerferien vor zwanzig Jahren, die sie mit Daphne in Moorgate verbracht hatten. Daphnes Tochter Emily erholte sich von einer Krankheit, und Selina, die die Jungen auf einer Klassenfahrt nach Venedig begleitete, war vom Au-pair-Mädchen im Stich gelassen worden, das sich um Posy hätte kümmern sollen. Daraufhin hatte Hector vorgeschlagen, sie sollten alle nach Moorgate hinausfahren – Maudie und Posy, Daphne und Emily. Die Meerluft und die Spaziergänge im Moor würden ihnen gut tun, hatte er gesagt, und irgendwie hatte der Plan Gestalt angenommen, obwohl Selina offenkundig nicht glücklich darüber war. Hector und Philip, Daphnes Mann, ließen sich von Zeit zu Zeit sehen – das waren die einzigen hervorstechenden Ereignisse während dieser langen, trägen heißen Tage. Tagsüber war das Haus von Sonne erfüllt, die kühlen gefliesten Böden wirkten wie ein Schock auf nackte, heiße Füße, und nachts strömten Mondlicht und Moorluft in die Schlafzimmer.

Als Maudie, in den Nebel spähend, die Geschwindigkeit drosselte, fiel ihr die alte Holzschaukel im Schatten der Escalloniahecke wieder ein, auf der Emily oft saß, langsam hin- und herschwang und von ihrer bevorstehenden Hochzeit träumte, während Posy im Planschbecken spielte und vor Freude jauchzte. Daphne lag unterdessen auf der alten karierten Decke, ein aufgeschlagenes Buch auf der Brust, die Augen geschlossen, während Maudie Limonade mit Eis aus dem hohen, beschlagenen Krug einschenkte und die Sonne auf ihre nackten Arme brannte. Später nahmen sie dann in der riesigen, kühlen Küche ein frühes Abendessen ein, während die Badeanzüge auf dem Gestell über dem Aga-Herd trockneten. Posy döste frisch gebadet in ihrem Hochstuhl, Emily, das Kinn auf die Hände gestützt, schilderte mit leuchtenden Augen ihr Hochzeitskleid, während Daphne lautlos zwischen Tisch und Herd hin und her ging, frisches braunes Brot aufschnitt und eine Schüssel mit süßen weinroten Himbeeren neben eine Schale mit dickem gelben Rahm stellte.

Die süße Emily: Was für eine bezaubernde Braut war sie doch gewesen am Ende dieses märchenhaften Sommers! In eine Wolke aus Weiß gehüllt, war sie durch den Mittelgang geschwebt, während die kleine Posy hinter ihr herstolperte, die Schleppe entschlossen mit heißen Händen umklammernd, den Blumenkranz schief auf der Stirn. Die süße Emily, schlank und zerbrechlich neben dem großen, breitschultrigen Tim. Auch den nächsten Sommer hatten sie in Moorgate verbracht: Emily war schwanger, und Tim hatte sich überzeugen lassen, dass ihr die Moorluft gut tun würde. Diesmal jedoch sollten auch Selina und die Jungen mit von der Partie sein, und Maudie und Daphne hatten Spannungen befürchtet. Aber ein glücklicher Zufall wollte es, dass Freunde Selinas ein Cottage in Rock gemietet hatten, worauf die Jungen lautstark erklärten, es wäre doch ein viel größerer Spaß, mit ihren Kumpeln am Strand zu spielen, als von zwei alten Frauen, einer jungen Schwangeren und ihrer kleinen lästigen Schwester gebremst zu werden. Widerstrebend hatte Selina dem Drängen nachgegeben, und noch einmal konnten die vier ihr Glück in Ruhe genießen. Ein paar Jahre lang war es nach diesem Muster gelaufen, bis Hector entschied, Moorgate langfristig zu vermieten.

Obwohl Posy damals klein gewesen war, behauptete sie beharrlich, sie könne sich noch an jene Sommer erinnern. Während eines Besuchs bei Freunden hatte sie sogar darauf bestanden, sich hinfahren zu lassen und Moorgate einen Besuch abzustatten. Die geduldigen Mieter hatten ihnen Tee serviert und Posy erlaubt, ihren Freunden das Haus zu zeigen. Sie liebte Moorgate aufrichtiger als Selina, und Maudie scheute sich, sie in ihre Pläne einzuweihen. Sie hoffte, Posy würde so sehr mit ihren Freunden und ihrem Studium beschäftigt sein, dass sie sich nicht lange grämte, aber angenehm war die Aufgabe nicht. Posy war ihr Liebling, das Baby, das ihre Abwehrhaltung aufgebrochen, ihren Stolz zunichte und sie verletzlich gemacht hatte.

»Wir haben alle unsere Lieblinge«, hatte Daphne einmal bemerkt, die Augen auf die schlafende, friedliche Emily gerichtet. »Das ist ganz normal, glaube ich. Wir dürfen es nur vor anderen nicht zugeben.«

Emily war zur Welt gekommen, als Daphne und Philip ihren Kinderwunsch längst begraben hatten. Man musste sie einfach gern haben. Sie hatte Daphnes Stupsnase und ihr kleines energisches Kinn, ihre kornblumenblauen Augen und ihr blondes Haar. Sie war bei Alt und Jung gleichermaßen beliebt, besaß ein sonniges Gemüt, dachte mehr an andere als an sich und hatte Humor.

»Sie ist so ein Schatz!«, riefen die Leute – und sie hatten Recht. Daphne wachte über sie mit einer seltsamen Mischung aus Freude, Erleichterung und Dankbarkeit, die Maudie rührend fand.

»Du bist völlig vernarrt in das Kind«, hatte sie einmal bemerkt – und Daphne machte ein schuldbewusstes Gesicht.

»Sie hätte auch ein Junge werden können«, antwortete sie.

»Den hättest du doch genauso geliebt«, meinte Maudie überrascht.

»Ja«, erwiderte Daphne rasch. »Ja, natürlich. Nur habe ich mir immer so sehr ein kleines Mädchen gewünscht, verstehst du.«

Wie besorgt Daphne gewesen war, als Emily ihre Kinder bekam, wie erleichtert, als alles überstanden war.

»Ein Mädchen, Maudie«, hatte sie ins Telefon gerufen. »Sie sieht genauso aus wie Emily. Beide sind wohlauf. Oh, Gott sei Dank! Gott sei Dank!«

Vor Freude und Erleichterung war sie vollkommen hysterisch gewesen. Auch beim zweiten Mal war es ein Mädchen, das seiner schönen Mutter glich, aber Daphne hatte genauso reagiert. Maudie hatte sie deshalb aufgezogen, doch Daphne ließ sich nicht beirren.

»Du hast keine Vorstellung, wie glücklich ich bin«, sagte sie. »Die liebe Emily ...«, und sie brach in Tränen aus.

Bei der dritten Geburt war alles ganz anders gewesen. Tim war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und Emily stand mit drei Kindern allein da. Zu der Zeit lebten sie schon seit zehn Jahren in Kanada, und Daphne nahm den nächsten Flug, um bei ihr zu sein. Dieses Baby war kein Wunschkind, die beiden anderen waren bereits Teenager, und Daphnes Stimme klang nicht glücklich, als sie von der Frühgeburt berichtete. Die Verbindung bei dem Ferngespräch war schlecht, und Maudie vermutete, dass Daphne weinte.

»Daphne. Ach, Daphne, es tut mir so Leid.« Sie schrie fast in den Hörer. »Wenn du doch nur nicht so weit weg wärst!«

Hector stand mit sorgenvoller Miene neben ihr, und sie schüttelte den Kopf, um anzudeuten, dass sie Daphne kaum verstand. Er nahm ihr den Hörer aus der Hand.

»Daphne«, sagte er. »Hier ist Hector. Weine nicht, meine Liebe. Versuch ruhig zu bleiben, und schildere uns genau die Situation, damit wir dir helfen können ...« Und Maudie hatte sich einen Drink eingeschenkt, getröstet durch seine Ruhe und innere Kraft, die gewiss auch Daphne trotz der bedrückenden Lage aufmuntern würde.

Emily und der kleine Tim hatten überlebt, doch Maudie hatte ihn noch nie gesehen. Für Reisen nach England war kein Geld da. Daphne und Philip flogen jedes Jahr hinüber, um ihre Tochter und die Enkel zu besuchen.

»Warum kommt sie denn nicht nach Hause?«, hatte Maudie gefragt, aber Daphne hatte nur den Kopf geschüttelt.

Die älteren Kinder hatten sich an ihrer Schule gut eingelebt, und Emily befürchtete, dass sie eine weitere einschneidende Veränderung so kurz nach Tims Tod nicht verkraften würden. Vielleicht später ... Dann war Philip gestorben, und Daphne hatte Maudie eröffnet, dass sie zu Emily nach Kanada übersiedeln wolle.

Als die Moorlandschaft nun Wiesen, Feldern und kleinen Dörfern wich und sich die Wolken verzogen, dachte Maudie daran, wie traurig sie gewesen war, als Daphne ihr von ihrem Vorhaben erzählte.

»Ich weiß, es ist egoistisch von mir«, hatte sie später zu Hector gesagt, »aber ich ertrage es nicht. Sie wird mir so fehlen. Es war schlimm genug, als Emily weggezogen ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich ohne Daphne zurechtkommen soll. Wir müssen sie drüben besuchen.«

Aber nicht lange danach war Hector krank geworden, und der Besuch in Kanada fand nie statt. Daphne war zur Beerdigung gekommen, und sie hatten gemeinsam geweint. Sie trauerten nicht nur um Hector, sondern auch um die eigene Vergangenheit, um ihre Jugend, ihre Freundschaften und Hoffnungen. Der Strom der Erinnerungen riss nicht ab, und sie hatten bis tief in die Nacht geredet.

»Der gute Hector«, hatte Daphne schließlich gesagt. Ihre Augen waren von Tränen und Müdigkeit geschwollen. »Mit ihm hatte man immer Spaß. Ich bin so froh, dass er dich gefunden hat, Maudie. Du hast ihn zum Lachen gebracht, und er hat so gern gelacht.«

»Wir hatten auch schwierige Zeiten wegen der Mädchen«, seufzte Maudie. »Ich wünschte jetzt, ich hätte toleranter sein können, aber es hat wehgetan, wenn er für Selina Partei ergriff.«

»Wenigstens hast du Posy«, lächelte Daphne, die sich an Posys fast schon aggressive Fürsorglichkeit auf der Beerdigung erinnerte. »Sie ist ein Schatz.«

»Sie ist wie Hector. Schwarze Haare, braune Augen. Mit ihren Brüdern hat sie keine Ähnlichkeit, die sind Patrick wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich glaube, Selina ärgert sich, weil keines der Kinder ihr gleicht. Es ist schon eine merkwürdige Sache mit den Genen.«

Als Daphne dann nach Kanada zurückgekehrt war, hatte sich Maudie wirklich einsam gefühlt – aber andererseits auch merkwürdig befreit. In den achtzehn Monaten seiner Krankheit hatte sich Hector verändert, er war wortkarg, schwierig, verdrießlich geworden. In den letzten Monaten war er verwirrt gewesen, sein Gedächtnis spielte nicht mehr mit, und am Ende hatte er sie nicht mehr erkannt. Anscheinend durchlebte er noch einmal die Jahre, in denen er und Hilda jung und die Mädchen Kinder gewesen waren. Sie hatte sich alle Mühe gegeben, fröhlich und aufmunternd zu wirken, aber schließlich war sie mit den Nerven am Ende. Er nörgelte viel, war reizbar und brach gelegentlich in Tränen aus. Wenn Selina kam, hielt er sie für Hilda und murmelte immer wieder: »Verzeih mir, Liebes. Verzeih mir«, bis Maudie es nicht mehr ertrug und hinunter in die Küche ging, um Tee zu machen.

Dann kam Selina mit selbstgefälliger Miene die Treppe herunter. »Der arme Daddy«, sagte sie. »Natürlich war Mama seine erste, wahre Liebe. Ich glaube, er hat sich tatsächlich oft schuldig gefühlt, weil er ihr Andenken verraten hat.« Und Maudie, übernächtigt, enttäuscht und unglücklich, hatte die Beherrschung verloren und sie angeschrien: »Mach nicht so ein Theater!« Und Selina hatte die Augenbrauen hochgezogen und war gegangen, ohne Tee zu trinken.

»Achte nicht darauf«, riet Daphne, als Maudie ihr davon erzählte. »Er ist im Feenreich. Es hat nichts zu bedeuten. Er ist so verwirrt und krank, dass ihn sein Gedächtnis völlig im Stich lässt. Du darfst dich davon nicht aus der Fassung bringen lassen, Maudie. Selina wird das natürlich weidlich ausschlachten. Wie schlimm das alles für dich sein muss! Wenn ich doch nur bei dir sein könnte.«

»Er spricht von dir«, sagte Maudie, »auch von Emily. Er erinnert sich an alle, nur nicht an mich.«

»Ach, Liebes.« Daphne klang, als wäre sie den Tränen nahe. »Ach, Maudie, sei nicht traurig. Ich kann es einfach nicht ertragen. Nicht wenn ich so weit weg bin. Bitte nicht.«

»Nein, nein, ist schon gut.« Maudie versuchte, ihre Gefühle im Zaum zu halten. »Es ist nur, dass die niederträchtige Selina es in vollen Zügen genießt. Mir geht es gut, ehrlich ...«

Wie tröstlich war das Gespräch mit Daphne gewesen, auch wenn sie dreitausend Meilen entfernt war! Aber sie konnte nicht leugnen, dass es ihr schwer fiel, diese schrecklichen Monate zu vergessen und an die ersten Jahre mit Hector zurückzudenken.

»Ich darf nicht verbittert werden«, murmelte sie und bog auf die Straße nach Moretonhampstead ab. »Ich muss versuchen, die Dinge ausgewogen zu beurteilen. Wenn ich doch nur seine Schuldgefühle verstehen könnte! Warum fühlte er sich schuldig, weil er nach Hildas Tod wieder geheiratet hatte? Natürlich war Selina das eigentliche Problem. Sie beherrschte die emotionale Erpressung aus dem Effeff. Sie hielt seine Schuldgefühle lebendig. Und was war mit diesem Geld passiert? Verdammt! Damit will ich nicht wieder anfangen.«

Ganz bewusst lenkte sie ihre Gedanken auf die glücklichen Zeiten vor seiner Krankheit: Dinnerpartys, auf denen Hector seinen ganzen Charme entfaltet hatte, harmonische Urlaube mit Daphne und Philip, stille Tage in The Hermitage. Sie tauchte noch tiefer in die Vergangenheit ein: Liebesnächte, gemeinsame Wochenenden fern vom Trubel, Dinner für zwei in ihrem Lieblingsrestaurant. Es war so leicht gewesen, ihn abzulenken, ihn zum Lachen zu bringen, eine Atmosphäre der Intimität herzustellen. Sie hatte darauf vertraut, dass sie ihn halten konnte, dass seine Liebe Selinas Sabotageversuchen standhalten würde, und die Risse zeigten sich erst, als die Jungen zur Welt kamen. Da Patricia so weit weg war, hatte Selina im Enkelspiel alle Trümpfe in der Hand – und Hector mochte Kinder. Selina tat alles, um daraus Gewinn zu schlagen.

»Schätzchen, fass Maudies Rock nicht mit deinen klebrigen Fingern an, du weißt doch, sie mag das nicht.« »Könntest du Chris halten, Daddy? Er wird gleich einschlafen, und ich weiß, dass Babys Maudie nervös machen.« »Paul hat leider seinen Saft auf dem Sofa verschüttet, Maudie. Er kann nichts dafür, er ist ja erst drei. Weine nicht, Paul, Maudie ist nicht wirklich böse. Sie hat nur kein Verständnis für kleine Jungs.«

Das alles hätte sie nicht gestört, wenn Hector es durchschaut und erkannt hätte, dass es sich nur um die neueste Kriegslist handelte. Doch ihre harmlosesten Bemerkungen wurden mit kühlem Schweigen aufgenommen, und die Jungen, laut, verzogen und fordernd, wurden ermuntert, Maudie als Spielverderberin zu behandeln. Sie konnte sich kaum wehren, fand schwer Zugang zu Kindern, hatte keinen Mutterinstinkt – bis Posy kam.

Es war Patrick gewesen, der Posy an einem Samstagnachmittag mitgebracht hatte, als Selina und die Jungen auf einem Kinderfest waren. Er hatte sie Maudie auf den Schoß gesetzt und sich mit Hector verzogen, um irgendein Gemälde oder ein Buch anzusehen. Posy hatte zufrieden vor sich hin gegurrt und Maudie aus großen honigfarbenen Augen angeblickt: Hectors Augen. Ihr dunkles Haar kräuselte sich wie Hectors, wenn er gerade aus der Dusche kam. Posy gab unverständliche Laute von sich und lächelte zufrieden.

Als Maudie mit dem schweren Kind im Arm dasaß, hatte sie etwas Außerordentliches verspürt: Wärme, die von ihrem Herzen ausstrahlte, atemlose Verwunderung, namenlose Sehnsucht. Behutsam zog sie das Kind enger an sich und küsste es auf die Wange. Posy gluckste vergnügt, sodass zwei winzige weiße Zähne zum Vorschein kamen.

»Hallo«, sagte Maudie und kam sich ziemlich albern vor. »Ich bin Maudie. Hallo, Posy. Du bist schön, und ich wünschte, du wärst mein Kind.«

»Wie sieht’s aus, bekommen wir Tee, Schatz?« Hector war plötzlich aufgetaucht, Patrick folgte ihm auf dem Fuß. »Ich kümmere mich um Posy, nicht wahr, mein Püppchen?«

»Nein«, protestierte Maudie und hielt das Kind fest. »Ich kümmere mich um Posy, und du machst den Tee.« So hatte alles angefangen.

Maudie streckte sich, schüttelte die Gedanken an die Vergangenheit ab, entspannte die Schultern, sah auf die Uhr; fast halb fünf. Sie hatte es in relativ kurzer Zeit geschafft und freute sich auf eine Tasse Tee. Die lange Fahrt nach Moorgate, sie hatte sich gelohnt. Rob hatte das alte Haus hervorragend in Stand gesetzt. Sie suchte eine etwas bequemere Haltung, schaltete das Radio ein und überlegte, was wohl mit diesen Schlüsseln geschehen sein mochte.

Rob beendete seine Aufräumarbeiten im Hof und sah sich um. Auf den milden Vormittag war ein nasskalter Nachmittag gefolgt, aus dem Nieseln war ein handfester Regen geworden. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war es nicht mehr lange. Er ging ins Haus und inspizierte noch einmal in aller Ruhe jeden Raum. Im Wohnzimmer hielt er sich eine Weile auf, betrachtete den offenen Kamin und runzelte nachdenklich die Stirn. Einem Impuls folgend trat er ans Fenster, schloss die schweren Holzläden und verriegelte sie. Dann ging er durch den Flur in das zweite, kleinere Wohnzimmer. Bis auf den Holzofen in dem aus Granit gemauerten Kamin war dieser Raum leer. Auch hier schloss er die Fensterläden, bevor er wieder in die Küche ging. Er werkelte noch etwas herum, räumte die Teesachen weg und spülte die großen Tassen. Kurz darauf schloss er die Hintertür ab und fuhr mit dem Lieferwagen weg.

Nebel zog über das Moor, füllte die Täler, kroch zwischen die Bäume. Er dämpfte jeden Laut und hüllte das tiefer gelegene Land in eine dicke graue Decke. Niemand sah die Gestalt, die sich aus dem Schatten der Weißdornhecke unterhalb des Hauses löste, zur Seitentür huschte und im Haus verschwand.

5

Patrick Stone saß mit verschränkten Armen am Küchentisch, starrte auf den Becher mit dem schon nicht mehr ganz heißen Kaffee und lauschte. Seine Frau telefonierte im Nebenzimmer hinter dem offenen Türbogen, und er erriet sofort, dass sie mit Maudie sprach. Nur ihr gegenüber schlug sie diesen schneidenden, beinahe unverschämt kühlen Ton an, bei dem ihm seltsam unbehaglich zu Mute wurde. Es war ihm schon vor vielen Jahren aufgegangen, dass Maudie nicht die grausame, egoistische Stiefmutter und Intrigantin war, die Selina ihm geschildert hatte. Damals war er eben jung gewesen, jung und wahnsinnig verliebt. Sie hatten sich in Winchester kennen gelernt, Selina war damals neunzehn gewesen und besuchte Miss Sprules’ Sekretärinnenschule, und er hatte mit vierundzwanzig gerade seine erste Stelle als Lehrer angetreten. Zum ersten Mal war sie ihm beim Abendgottesdienst in der Kathedrale aufgefallen, und ein paar Tage später hatte er sie im Wykeham Arms wiedergetroffen. Selina war mit ein paar jungen Leuten dort, einen aus der Gruppe kannte er flüchtig, und so wurde er rasch in die fröhliche Runde aufgenommen. Er und Selina hatten bald zusammengefunden, und nach kurzer Zeit schüttete sie ihm ihr Herz aus: wie unglücklich sie sei, wie sehr sie unter dem Tod ihrer Mutter litt, und sie erzählte ihm auch von Maudie. Wie gerührt war er von ihrem Unglück, wie ging ihm ihr Kummer zu Herzen!

Patrick lachte verächtlich und griff nach seiner Kaffeetasse. Wie leicht war es gewesen, sich unter dem verblendenden Einfluss der Leidenschaft von ihren Geschichten rühren oder gar schockieren zu lassen! Wie hatte er sich danach gesehnt, sie zu retten! Voller Überzeugung hatte er ihr versichert, dass sie füreinander geschaffen seien. Und unter Aufbietung seiner ganzen Redekunst hatte er ihren Vater überzeugt, er könne Selina glücklich machen. So mancher junge Liebhaber hätte sich aus seinen Briefen noch den ein oder anderen Trick abschauen können, kein Zweifel. Wie lange hatte es gedauert, bis er merkte, dass Selina so zart und sensibel wie eine Schlupfwespe war? Ein Jahr? Oder zwei? Er zuckte die Schultern und trank einen Schluck lauwarmen Kaffee. Was spielte das für eine Rolle?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Haus in Cornwall" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen