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Ein Hauch von Sterblichkeit

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

EIN HAUCH VON STERBLICHKEIT

Mitchell & Markbys neunter Fall

Ins Deutsche übertragen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Ich möchte mich bei all jenen bedanken, die mir geholfen und mich ermutigt haben, während ich an diesem Buch schrieb (und genau genommen gilt das für all meine Bücher): meinem Ehemann John, meiner Lektorin Anne Williams, meiner Agentin Carole Blake, meinen Freundinnen und Freunden und all den Lesern, die mir geschrieben haben oder die ich persönlich kennen lernen konnte. Was dieses Buch angeht, danke ich insbesondere den Messenger’s Auction Rooms in Bicester für die Einladung in ihre Räumlichkeiten sowie dem Manager und dem Personal des Chipping Norton Postal Sorting Office, weil sie mir erlaubt haben, sie an einem kühlen Morgen um fünf Uhr in der Früh zu belästigen!

 KAPITEL 1 

»MORGEN FRÜH wird es wieder frieren, genau wie heute. Ein Kollege im Pub hat es gesagt«, hatte Libbys Onkel Denis am vergangenen Abend im Kreis der Familie verkündet.

»Sie sind ein steter Quell der Informationen, diese Kollegen, mit denen du in den Pubs verkehrst«, murmelte Mrs. Hancock und stellte die Teekanne unnötig heftig ab.

Libby beeilte sich, die aufkommende schlechte Stimmung im Familienkreis im Keim zu ersticken. »Der Frost hat heute Morgen alles in Weiß getaucht, als hätte es geschneit.«

Onkel Denis nahm die Information genauso leichthin auf wie Bratensoße mit einem Stück Brot und schwadronierte munter weiter: »Das versetzt den Buchmachern bestimmt einen ziemlichen Schock! Weißt du, jedes Jahr wetten die Leute, ob es an Weihnachten schneit oder nicht.« Er rührte geräuschvoll in seinem Tee und fügte in einem plötzlichen Anflug von Generosität hinzu: »Aber wirklich unangenehm für dich, Lib: die ganze Fahrerei auf den Landstraßen.«

»Ich bin in meinem Lieferwagen jedenfalls besser dran als die Kollegen, die durch die Stadt laufen und zu Fuß ausliefern müssen«, antwortete Libby in der Hoffnung, dass er endlich aufhören würde, mit dem Teelöffel in der Tasse zu klimpern.

Wie üblich ging Onkel Denis überhaupt nicht auf ihren Kommentar ein. Seine Konversationen dienten stets ausschließlich seiner eigenen Unterhaltung. »Ja, ja, die Buchmacher! Die kriegen einen Schock verpasst, keine Frage!«

Er musste, noch während er schlürfend von seinem Tee trank, kichern, begann zu husten und musste die Tasse absetzen. Die Spitzen seines Schnurrbarts hatten in der Tasse gehangen und troffen nun von Tee, was ihn noch mehr als gewöhnlich einem Walross auf einer Eisscholle ähneln ließ.

Seine Schwester und seine Nichte zuckten zusammen. »Nun, wenn jemand weiß, was ein Buchmacher denkt, dann sicherlich du«, bemerkte Mrs. Hancock spitz, um in verändertem Tonfall fortzufahren: »Du musst dich warm anziehen, Libby, wenn es so kalt bleibt. Ich wünschte wirklich, du hättest eine Arbeit, bei der du die ganze Zeit ein Dach über dem Kopf hast. Ich mache mir jeden Winter aufs Neue Sorgen, wenn du frühmorgens in der Dunkelheit aus dem Haus gehst und all das.«

Sie warf Denis einen bedeutungsvollen Blick zu, der ihm bedeuten sollte, wie schön sie es fände, wenn er irgendeine Arbeit hätte, ganz gleich welche.

Onkel Denis’ Bekanntschaft mit der Bruderschaft der Wettenden reichte weit zurück. Vor einigen Jahren hatte sie dazu geführt, dass seine Frau sich von ihm hatte scheiden lassen. Als er aus diesem Grund vorübergehend ohne Dach über dem Kopf gewesen war, hatte er sich bei seiner verheirateten Schwester einquartiert. »Nur als Übergangslösung, bis ich eine neue Wohnung für mich gefunden habe.«

Die Übergangslösung dauerte bereits zwei Jahre, als Libbys Vater starb. Onkel Denis hatte sich selbstverständlich großmütig bereit erklärt, weiter bei ihnen zu wohnen, damit er sich um seine verwitwete Schwester und ihr kleines Mädchen kümmern könne.

Das kleine Mädchen war inzwischen vierundzwanzig. Onkel Denis wohnte immer noch bei seiner Schwester. Die beiden Frauen hatten sich an den Anblick seines kahlen Schädels gewöhnt, an sein gerötetes Gesicht, den traurig herabhängenden Schnurrbart und den schwammigen Bauch, ganz zu schweigen von seiner Vorliebe für persönlichen Schmuck und unvorteilhaft jugendliche Bomberjacken aus Leder. Sie fragten nicht, woher er sein Geld nahm. Und wenn sie ehrlich waren, wollte es keine der beiden Frauen wirklich genau wissen. Onkel Denis ging nicht arbeiten. Seine Sozialhilfe wanderte – mit Ausnahme gelegentlicher Zahlungen an seine Schwester für seinen Unterhalt – in die Taschen verschiedener Buchmacher und Kneipiers. Gelegentlich war er – wie er es nannte – »gut bei Kasse«, und dann stets so großzügig, dass es peinlich war. Vielleicht hatte er auf die richtigen Gäule gesetzt, bei irgendwelchen Pferdewetten, doch irgendwie konnte und wollte Libby dies nicht so recht glauben. Und obwohl Onkel Denis fleißig die einschlägige Sportpresse studierte, schien er kaum in der Lage, einen Gewinner zu erkennen, wenn er ihn vor sich hatte.

Libby sann über all diese Dinge nach, während sie vorsichtig den kleinen roten Postwagen über die Nebenstraße in Richtung des Weilers Castle Darcy steuerte. Es wäre schön, Onkel Denis endlich los zu sein. Während ihrer vierzig Kilometer langen Auslieferungstour durch die umliegenden Gemeinden fantasierte Libby häufig über Möglichkeiten, wie sie ihn loswerden könnte. Kein Onkel Denis mehr. Ihre Mutter hätte endlich eine Chance, neue Freunde kennen zu lernen. Sie selbst müsste nicht mehr in ständiger Furcht davor leben, vor ihrer Mutter von ihm in Verlegenheit gebracht zu werden. Und sowohl ihrer Mutter als auch ihr selbst blieben seine Tischmanieren erspart.

Onkel Denis’ Wettervorhersage erwies sich als richtig. Am frühen Morgen hatte es erneut starken Frost gegeben. An geschützten Stellen, wo das Eis vom Vortag nicht geschmolzen war, hatte sich darüber eine dicke weiße Schicht gelegt und die kahle Winterlandschaft verwandelt. Die ersten Sonnenstrahlen fingen sich in dem silbrigen zart gesponnenen Netz der Spinnweben, die sich wie Schleier in den Ästen der Büsche am Wegesrand ausbreiteten. Die ausgestreckten weißen Finger von Eichen und Rosskastanien entlang der Straße glitzerten wie Lametta auf Tannenbäumen in weihnachtlich dekorierten Schaufenstern.

In Libbys Fantasie wurden die Hausdächer und Giebel zu dem Zuckerbäckerhaus der Hexe aus Hänsel und Gretel. Sogar die nackten feuchten Flächen um die Schornsteine herum, die von frühmorgendlichen Feuern in Kaminen und Herden kündeten: Die Hexe traf Vorbereitungen, kleine Kinder in den Backofen zu schieben. Aber nur im Märchenspiel.

»Sie ist nicht echt, Kinder!«, echote eine Stimme aus der Vergangenheit in Libbys Kopf. Kreischende Kinder unter den Zuschauern hatten in ihrem Entsetzen innegehalten, hatten gezögert und sich gefragt, ob sie der guten Fee glauben sollten oder nicht.

Sie hatte so echt ausgesehen. O mein Gott, ja, hatte Libby gedacht. Ein Mann in Verkleidung, natürlich! Das wusste sie heute. Ein Mann, der in seiner eigenen, gewöhnlichen Kleidung wahrscheinlich Onkel Denis ähnlich gesehen hätte. Was für eine unglaubliche Hexe hätte er abgegeben! Mit dem wirren grauen Haar, den gestreiften Strümpfen und dem spitzen Hut! Doch am Ende hatte Hänsel die Hexe in ihren eigenen Ofen gestoßen. Hänsels Tod wäre Mord gewesen, doch der Tod der Hexe war nicht mehr als gerecht. Wie sehr haben wir ihr den Tod gewünscht!, erinnerte sich Libby. Wie sehr haben wir uns gewünscht, dass die böse Frau verschwindet! Am Ende hatte sich alles zum Guten gewandt.

»Weihnachtlich!«, sagte Libby laut zu sich selbst und war glücklich.

Der Streuwagen war am Vortag hier entlanggekommen und hatte die Straße mit Split überzogen – normalerweise wurden die Nebenstraßen vergessen und verwandelten sich nach und nach in spiegelglatte Eisbahnen. Libby war wirklich dankbar. Das ganze Jahr über hatte sich die Verwaltung als unfähig erwiesen, wenn es um die Instandhaltung der Fahrbahnen gegangen war. Das Postauto rumpelte über kleine Schlaglöcher und Risse an den ersten Häusern vorbei und kam schließlich vor zwei niedrigen Cottages zum Halten, die von weitläufigeren Vorgärten geschützt ein wenig abseits der Straße lagen.

Libby stellte den Motor ab, streifte die Wollhandschuhe über, die sie auf Drängen ihrer Mutter mitgenommen hatte, und öffnete die Wagentür. Ihr Atem kondensierte augenblicklich in der eindringenden kalten Morgenluft. Niemand war in der Nähe. Die meisten Leute sitzen wohl beim Frühstück, dachte sie.

Nur wenige Familien waren bereits bei Einbruch der Dämmerung auf den Beinen, so wie ihre eigene. Die Menschen erwarteten, dass ihre Briefe zusammen mit dem Frühstücksschinken und den Eiern auf dem Tisch waren. Mrs. Hancock hatte einen leichten Schlaf und war froh, wenn sie aufstehen und ihrer Tochter vor der Arbeit helfen konnte, obwohl Libby sie mehr als einmal gebeten hatte, sich keine Umstände zu machen. Doch es gab noch einen anderen Grund, aus dem Mrs. Hancock schon vor der Dämmerung in der Küche war.

Onkel Denis empfand vier Uhr morgens – Gott sei Dank – als eine höchst unchristliche Zeit zum Aufstehen und schlummerte unbekümmert weiter. Libby und ihre Mutter schätzten die frühmorgendliche Tasse Tee und den Toast in der warmen Küche. Die Abwesenheit von Denis fand keinerlei Erwähnung, genauso wenig wie seine Anwesenheit. Hin und wieder jedoch ertönte ein leises Schnarchen aus dem Schlafzimmer im ersten Stock, und die beiden Frauen wechselten dann jedes Mal verstohlene Blicke.

Libby beugte sich zum Beifahrersitz hinüber, wo sie den kleinen Postsack für Castle Darcy deponiert hatte. Die Sendungen für die beiden Cottages lagen zuoberst. Eine davon, ein Paket für das rechte Cottage, war mit einem Rückschein versehen und erforderte die Unterschrift des Empfängers. Ein zweites Paket war mit ein paar Briefen zusammengebunden – die morgendliche Post für das linke Cottage. Libby nahm beide zusammen mit ihrem Klemmbrett unter den Arm und stieg aus dem Lieferwagen.

Während sie sich zum ersten Gartentor aufmachte, knirschte unter den Sohlen ihrer derben Schuhe das von Frost überzogene Gras. Auf dem Weg durch den Vorgarten hörte sie von irgendwo hinter dem Cottage ein leises Blöken. Sie fragte sich, ob Mr. Bodicote mit seinen Ziegen draußen war und sie vielleicht um das Haus herummarschieren musste, um die erforderliche Unterschrift zu bekommen. Sie fuhr nun seit zwei Jahren die Post aus und kannte eine ganze Reihe ihrer regelmäßigen Kunden. Sie klopfte an der Tür.

Am Fenster bewegte sich ein Vorhang. Einen Augenblick später rasselte eine Türkette, und die Tür wurde einen winzigen Spalt geöffnet. Ein hageres, ältliches Gesicht drückte sich von innen dagegen, nicht mehr als ein Auge und ein runzliger Mundwinkel über einem bärtigen Kinn.

»Post!«, rief Libby und fügte weniger laut hinzu: »Ich brauche eine Unterschrift, Mr. Bodicote.«

»Wozu?« Die Frage wurde mit heftiger Stimme hervorgestoßen.

»Paket mit Rückschein. Dieses hier.« Sie hielt es hoch und winkte mit dem Klemmbrett.

Ein Lid sank misstrauisch über das sichtbare Auge herab, und die runzligen Lippen bewegten sich erneut. »Von wem ist es? Steht es drauf?«

Libby seufzte und drehte das Paket um. »Von einer Mrs. Sutton.«

»Ah, das ist meine Nichte, Maureen.« Die Kette wurde entriegelt und die Tür zur Gänze geöffnet. Mr. Bodicote kam zum Vorschein.

Früher einmal musste er ein großer Mann gewesen sein, doch das Alter hatte ihn schrumpfen lassen. Eine Angewohnheit aus jener Zeit jedoch war geblieben: Er bückte sich unter niedrigen Türen. Er trat auch gebückt aus der Tür, obwohl es nicht nötig gewesen wäre. Er trug eine alte Jacke, die sich über zwei Wollpullovern spannte, und wie um ganz sicherzugehen, eine Tweedmütze. Trotzdem konnte die Kleidung nicht verbergen, wie dürr er war. Er streckte habgierige Klauenfinger mit spitzen gelben Nägeln nach dem Päckchen aus.

Die Hexe! Mit erschreckender Plötzlichkeit kehrte ein Echo ihres früheren Tagtraums zurück. Für einen Augenblick stockte Libbys Herz. Dann lächelte sie den alten Mann dümmlich an.

»Das wird Ihr Weihnachtsgeschenk sein.« Mr. Bodicote klang mit einem Mal liebenswürdiger. »Sie vergisst mich nie, nein, das tut sie nicht, meine Maureen. Sie ist ein gutes Mädchen. Und sie schickt die Weihnachtspakete jedes Jahr sehr frühzeitig los, genau wie sie es einem immer sagen.«

»Ich wünschte, das täten alle«, sagte Libby und streckte ihm das Klemmbrett hin, während sie mit der anderen Hand weiter das Päckchen hielt. »Unterschreiben Sie bitte zuerst. Ja, dort. Und Ihren Namen in Druckbuchstaben darunter, bitte, ja.«

»Ich muss zuerst meine Brille holen.« Enttäuscht wegen der Verzögerung tappte er ins Haus davon, in den Blicken von außen verborgene Bereiche. Es dauerte ein paar Minuten, während derer Libby von einem Fuß auf den anderen trat und sich der Tatsache bewusst wurde, dass ihre von der Post gestellte Dienstjacke wohl doch nicht so warm war, wie sie immer geglaubt hatte. Sie konnte durch den engen Flur des Cottages bis in die Küche am Ende des Ganges sehen. Sie entdeckte einen antiken Ofen und darauf eine heiße Pfanne. Eine riesige Pfanne, viel zu groß für eine normale Mahlzeit. Die Hexe, die Hexe … Ein eigenartiger Geruch nach Kleie und Gemüse, der durch die Tür zur ihr hinausdrang, stieg ihr in die Nase.

»Die Ziegen!«, murmelte sie. »Er kocht irgendeinen Brei für die Ziegen! Reiß dich zusammen, Lib! Du siehst überall Gespenster!«

»So, da wären wir.« Mr. Bodicote kehrte zurück und setzte seine Brille auf. Das Schildpattgestell war mit hautfarbenem Heftpflaster repariert. Er studierte das Blatt auf dem Klemmbrett und unterschrieb dann sorgfältig. Seine Handschrift war überraschend deutlich. Er hatte Schreiben gelernt, als Kinder noch »Schlaufen« üben mussten. Das Alter hatte die Schrift ein wenig zittrig werden lassen, doch die Buchstaben besaßen noch heute einen wunderschönen Schwung.

»Sie müssen entschuldigen, meine Liebe«, sagte er schließlich, »dass ich meine Tür im hellen Tageslicht derart verbarrikadiere. Ich hätte nie geglaubt, dass es eines Tages nötig werden würde, aber ich habe Feinde.«

Mr. Bodicote gab derartige, höchst unwahrscheinliche Behauptungen von sich, seit Libby ihn kannte.

»Ich habe die Ziegen gehört, als ich den Weg entlanggekommen bin«, sagte sie, ohne auf die exzentrische Bemerkung einzugehen. Sie tauschte das Päckchen gegen ihr Klemmbrett. »Ziemlich kalt für die Tiere heute Morgen und hier draußen.«

Er war schockiert. »Aber sie sind nicht draußen! Nicht heute!« Er riss ihr das Päckchen fast aus der Hand. »Außer dem alten Jasper, heißt das. Er tritt doch tatsächlich gegen die Tür, wenn ich ihn nicht morgens als Allererstes nach draußen lasse. Ich musste die Tür seines Stalls mit einem Riegel sichern. Eine normale Türklinke kriegt er ohne Probleme auf, der alte Jasper. Ich hab die Ziegen noch nicht rausgelassen, wo denken Sie hin! Sie vertragen das kalte Wetter nicht. Man muss sich um sie kümmern, das muss man sich, wenn man Milch von ihnen haben will. Ich behalte die Tiere drinnen und sorge dafür, dass sie reichlich zu fressen kriegen. Nur der alte Bock schreit Zeter und Mordio, wenn ich ihn nicht raus auf die Koppel lasse, ganz gleich, ob es regnet oder schneit.«

Er beugte sich vor. »Ich muss gut auf sie aufpassen. Man hat versucht, sie zu vergiften, verstehen Sie?«

»Was denn, tatsächlich?«, rief Libby aus, obwohl sie wusste, dass sie sich lieber nicht in ein Gespräch verwickeln lassen sollte. Sie hatte noch ihre ganze Runde vor sich, mehrere Dörfer. Und wenn die Ziegen krank gewesen waren, lag es wohl eher daran, dass sie Lorbeer oder sonst irgendetwas Unverträgliches gefressen hatten.

Glücklicherweise hatte Mr. Bodicote Ablenkung. Er schielte auf die Adresse des Absenders. »Es ist von Maureen«, wiederholte er. »Und sie schickt ihre Pakete immer mit Empfangsbestätigung, um sicherzugehen, dass ich sie auch bekomme!« Mit diesen Worten schlug er Libby die Tür vor der Nase zu. Sie hörte die Sicherheitskette rasseln.

Libby kehrte zur Straße zurück und folgte automatisch den Spuren, die sie auf dem Hinweg im gefrorenen Boden hinterlassen hatte. Der arme alte Bursche wurde von Mal zu Mal eigenartiger. Es war wirklich schade um ihn. Wieder knirschte es bei jedem ihrer Schritte, während sie zum zweiten Cottage hinübermarschierte und, noch im Gehen und mit einem prüfenden Blick auf die Adressen der Umschläge, das elastische Band von dem Briefbündel zog.

Es war nicht zu übersehen, dass hier ein anderer Lebensstil herrschte. Eine angrenzende Scheune war in eine Doppelgarage umgebaut worden. Außerdem hatte das Cottage selbst an der einen Seite einen Anbau erhalten: modern, einstöckig, mit Flachdach und die Symmetrie des alten Gebäudes störend. Die Arbeiter hatten einen Haufen Schutt, Holzbretter und anderen Abfall zurückgelassen, der hinter der Scheunengarage lagerte, in einer der von der Gartenhecke eingesäumten Ecken. Der Schutthaufen war von einer weißen Frostschicht überzogen, wie alles andere auch. Libby musterte ihn missbilligend. Sie dachte daran, wie ungepflegt das normalerweise, ohne die Decke aus Reif, wirken würde, und fragte sich, ob es bis zum Frühling wohl so bliebe. Sie läutete an der Tür.

Im Innern des Cottages verschloss Sally Caswell eine Thermoskanne mit heißem Kaffee. Sie blickte aus dem Fenster und registrierte, dass der alte Bodicote eine von seinen Ziegen aus dem Stall gelassen hatte, den großen braun-weißen Bock mit den krummen Hörnern. Trotz wiederholter Bitten an den Alten, das Tier an die Leine zu legen, streunte es auf seiner Koppel frei umher. Sally hoffte, dass es sich nicht wieder durch die Hecke fraß und einen Weg in ihren Garten fand. Nicht noch einmal. Liam würde durchdrehen, wenn das noch einmal passieren würde. Er hatte bereits gedroht, die Angelegenheit dem Anwalt zu übergeben, und sie hielt ihn ohne weiteres für dazu im Stande.

Erst vor zwei Tagen war der Ziegenbock durch die Hecke gekommen, indem er an einer der geflickten Stellen ein Wellblechpaneel gelockert hatte. Von dort aus war er geradewegs zu dem neuen Anbau gewandert, wo Liam sein Arbeitszimmer hatte, und hatte neugierig durch das Fenster gespäht. Liam hatte von seinem Bildschirm aufgeblickt und nur wenige Zentimeter entfernt ein bärtiges, gehörntes, böses Gesicht gesehen, das ihn aus geschlitzten, milchig blauen Augen beobachtete.

»Jeder wäre zu Tode erschrocken, wirklich!«, hatte er hinterher bekräftigt. Schließlich hatte er, als er sich so unvermittelt dem Ziegenbock gegenübergesehen hatte, geschrien wie jemand, der von einem Dämonen besessen ist. Er war sogar zu dem Schutthaufen hinter der Garage gerannt, hatte einen großen Stein aufgehoben und ihn nach der vermeintlichen Bestie geschleudert.

Unglücklicherweise hatte Mr. Bodicote das Geschehen beobachtet, und eine sehr hässliche Szene hatte sich angeschlossen. Am Ende des Wortwechsels hatte Liam seinem älteren Nachbarn schließlich mit dem Gesetz gedroht.

Ohne das geringste Anzeichen von Einsicht und ungebeugt hatte Mr. Bodicote lediglich zur Antwort gegeben, dass Stadtleute wie Liam auf dem Land einfach nichts zu suchen hätten und dass er sich gefälligst nach London zurückscheren solle.

Wie dankbar ich für eine Gelegenheit wäre!, dachte Sally ein wenig säuerlich.

Nach London oder auch nur in die Nähe von London zurückzukehren, stand nicht länger zur Debatte, nicht mehr, seit sie ihr kleines Reihenhaus in Fulham verkauft hatten und erst recht nicht mehr, seit Tante Emilys verwinkelte Pseudo-Tudor-Villa in Englefield Green verkauft war. Sally hatte die Villa nach Tante Emilys Tod vor achtzehn Monaten geerbt, und inzwischen tat es ihr Leid, dass sie das Haus verkauft hatten. Doch Liam hatte es unbedingt loswerden wollen. Sie hatten ein faires Angebot erhalten, und nach Liams Worten wäre sie als die Erbin dumm gewesen, dieses Angebot abzulehnen. Die Villa war renovierungsbedürftig gewesen und hätte dringend modernisiert werden müssen. Der gegenwärtige Immobilienmarkt sah schlecht aus, so dass sie möglicherweise so bald kein Angebot mehr erhalten hätten. Sicher, es war schön gewesen, das Geld zu bekommen, doch Sally war in diesem Haus aufgewachsen. Es war ein Ort gewesen, an dem sie sich sicher gefühlt hatte, geliebt und glücklich. Heute war sie überzeugt davon, dass Liam sie zu sehr zum Verkauf gedrängt hatte.

Doch es war vorbei und erledigt, und es hatte keinen Sinn, deswegen den Kopf hängen zu lassen. Sie nahm die Thermoskanne und machte sich auf den Weg zu Liams Arbeitszimmer, als die Türglocke ging.

»Guten Morgen, Mrs. Caswell!«, grüßte Libby und reichte ihr die beiden Briefe und den gefütterten Umschlag. »Es sieht aus, als sei das hier überfrankiert. Irgendjemand scheint das Gewicht geschätzt zu haben, anstatt damit zum Postamt zu gehen und es wiegen zu lassen. Es ist immer besser, zur Post zu gehen und die Sachen wiegen zu lassen. Man kann eine Menge Geld damit sparen.«

Sally nahm Umschlag und Briefe entgegen. Sie erkannte die Handschrift nicht. Auch sie hatte schon hin und wieder Sendungen in einen Briefkasten gestopft, auf denen zu viel Porto klebte, um auf der sicheren Seite zu sein, wenn sie keine Möglichkeit gehabt hatte, zum nächsten Postamt zu kommen; das war nämlich in Cherton.

»Sie haben heute Morgen nicht zufällig Mr. Bodicote gesehen, oder?«, fragte sie Libby. Als diese nickte, fügte Sally nervös hinzu: »Wie war seine Stimmung denn so?«

»Ganz gut!«, antwortete Libby. »Er war recht fröhlich. Nicht schlimmer als sonst jedenfalls.«

Sally marschierte weiter in Richtung Arbeitszimmer, die Thermoskanne unter dem Arm, und studierte die Post.

Liam saß an seinem Computer und funkelte den Monitor an.

»Ich bring dir hier Kaffee«, meinte sie. »Es hat wieder Frost gegeben, und es ist gut, dass du gestern nicht nach Norwich gefahren bist. Ich habe eben im Radio gehört, dass es an der ganzen Ostküste Nebel und Glatteis gibt. Wenigstens haben wir keinen Nebel. Stell dir vor, du müsstest durch dieses Wetter zurückfahren!«

»Ich bin nicht wegen des Wetters nicht nach Norwich gefahren«, murmelte Liam und hämmerte auf seine Tastatur. »Ich bin nicht gefahren, weil Jefferson angerufen und gesagt hat, dass er seinen Terminplan ändern muss. Die Russen haben sich verspätet. Deswegen wäre es sinnlos gewesen zu fahren.«

»Dann ist gut, dass du nicht schon unterwegs gewesen warst! Ich meine, er hat doch schließlich erst in allerletzter Minute angerufen!« Sie hielt ihm die Post hin. »Das hier sieht aus wie Weihnachtskarten. Ich habe meine noch nicht einmal gekauft. Der gefütterte Umschlag ist an ›Caswell‹ adressiert, sonst nichts. Ich nehme an, er ist für dich. Ich erwarte jedenfalls keine Sendung. Mit Londoner Poststempel.«

»Ich hab jetzt keine Zeit für so was«, sagte er unwirsch.

Meine Güte, dachte sie. Was ist ihm denn nun wieder über die Leber gelaufen? Wahrscheinlich liegt es daran, dass er seine wissenschaftlichen Blähungen in Norwich nicht hat loswerden können. Sie ließ sich nicht das Geringste anmerken, als sie mit freundlicher Stimme nachfragte: »Soll ich den Umschlag hier lassen? Neben der Thermoskanne?«

»Nein!« Er wirbelte herum. »Nimm ihn mit! Ich hab doch gesagt, ich hab jetzt keine Zeit für so was! Hab ich da vorhin nicht eine Ziege gehört? Hat er sie schon wieder rausgelassen?«

»Nun ja …«, gestand sie, »… nur eine.« Zögernd fügte sie hinzu: »Ich schätze, er hat ein Recht darauf, sie auf seinem Grundstück frei herumlaufen zu lassen.«

»Aber nicht in meinem Garten!«, murmelte Liam zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

Einen Augenblick lang war sie versucht, ihn zu verbessern. Es war schließlich ihr Garten. Sie hatte dieses Cottage gekauft. Doch stattdessen sagte sie: »Er hat die Hecke wieder repariert.«

»Sicher! Diesmal mit einem alten Bettgestell! Es sieht schrecklich aus, schlimmer noch als das Wellblech, und die verdammten Ziegen fressen sich einfach woanders durch die Hecke!«

»Soll ich dir einen Kaffee einschenken?«, fragte sie beschwichtigend.

»Nein! Lass ihn da stehen! Ich nehme mir selbst welchen, sobald ich so weit bin.«

»Hast du ein Problem?« Sie bemühte sich, verständnisvoll zu klingen.

Er grunzte. »Ich muss nach Oxford, ins Labor, morgen. Vielleicht fahre ich auch heute Nachmittag schon rüber. Wir müssen alles zeitlich neu planen, was mit dem Besuch der Russen zu tun hat.« Er warf einen Seitenblick auf die Thermoskanne. »Lass sie einfach dort stehen. Und nimm die Post wieder mit! Kümmer du dich doch einfach darum!«

»Aber es ist ein Video.« Sie hielt ihm den gefütterten Umschlag hin. »Auch wenn mir das Paket ein wenig schwer vorkommt für ein Videoband. Aber es steht vorne drauf. Hast du ein Video bestellt?«

»Nein! Wahrscheinlich irgend so ein bescheuertes Weihnachtsgeschenk! Und ich werde jetzt ganz bestimmt nicht mit meiner Arbeit aufhören, um mir ein Video anzusehen! Nimm es einfach mit!«

Sie nahm die Zurückweisung hin. Es war am einfachsten so, wenn er in dieser Stimmung war. »Also schön. Ich mache mir noch etwas Warmes zu trinken, und dann fahre ich zur Arbeit. Ich komme heute wahrscheinlich spät zurück. Es ist Vorbesichtigung für den Verkauf morgen. Ich will außerdem mit Austin reden, wegen der Sachen von Tante Emily. Er hat gesagt, er würde diese Woche vorbeikommen und eine Schätzung machen, aber wahrscheinlich hatte er zu viel zu tun.«

Er grunzte nur und beugte sich wieder über seinen Computer.

»Oh, und Meredith hat gesagt, sie würde mich im Verkaufsraum besuchen. Sie möchte sich alles ansehen. Ich habe ihr gesagt, wir hätten ein paar sehr hübsche viktorianische Weingläser. Vielleicht gibt sie ein verdecktes Gebot ab. Und wir gehen vielleicht zusammen essen.«

Liam schlug die Hände über den Kopf. »Herrgott noch mal! Wirst du wohl endlich gehen und tun, was auch immer du willst und mich in Frieden lassen?!«

Sie kehrte in die Küche zurück und schaltete den Wasserkocher ein, um sich selbst eine Thermoskanne Tee für die Arbeit zu machen. Ihr rundes, stupsnasiges Gesicht war, so gar nicht charakteristisch für sie, mutlos. Sally war eine in gesundem Maße attraktive junge Frau mit langem blonden Haar, das sie gerne hinten zusammengebunden trug und die bequeme Kleidung bevorzugte: heute Faltenrock und Bluse, über die sie einen Pullover gezogen hatte, dicke Winterstrümpfe und flache Schuhe. Das Landleben gefiel ihr. Sie hatte Liam davon überzeugt, dass ein Cottage auf dem Land ideal wäre. Hier würde er sich darauf konzentrieren können, sein Buch zu schreiben, indem er es so einrichtete, dass er nur einen Teil der Woche im Labor verbrachte und die restliche Zeit zu Hause. Und sie würde in ihrer Freizeit gärtnern können.

Doch es war nicht ganz so gekommen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Liam kam nicht mit dem Land zurecht. Es machte ihm zu schaffen. Die Ziegen waren nur ein Beispiel. Sie hatte nichts gegen die Ziegen, auch wenn es zutraf, dass der alte Bodicote nichts unternahm, um zu verhindern, dass sie in den Garten der Caswells einbrachen. Sie vermutete, dass es Teil einer systematischen Schikane war, mit der er seine neuen Nachbarn vertreiben wollte. Und sie hatte einmal geglaubt, dass der alte Mann sie mochte, wenn auch nicht Liam, dann doch wenigstens sie. Doch das war vor der unglückseligen Geschichte mit den Rüben gewesen.

»Gott sei Dank kann ich arbeiten gehen!«, beglückwünschte sich Sally selbst – und spürte im gleichen Augenblick Schuldgefühle. Sie liebte ihren Mann, doch an manchen Tagen war er einfach unmöglich. Liam hasste das Cottage, und nichts hatte sich so entwickelt, wie Liam und sie es geplant hatten – kein Wunder, dass sie in letzter Zeit unter Stress litt. Nur ihre Arbeit in Bamford, ihre Flucht aus dem Haus, hatte verhindert, dass sie durchgedreht hatte.

Es gab gelegentlich auch anderes, was ihr Luft verschaffte, etwa wenn Liam in Norwich war. Obwohl er sich ganz und gar dem Buch widmete, behielt er das studentische Austauschprogramm seines Oxforder Forschungslabors im Auge ebenso wie das eines weiteren Labors in Norfolk, das sich mit ähnlichen Arbeiten befasste. Jetzt hatten die Ereignisse einen Strich durch seine Pläne und die Fahrt nach Norfolk gemacht – wahrscheinlich die Ursache für seine schlechte Laune – und ihr genommen, was sie inzwischen beinahe als Liam-freie Erholungspause zu schätzen gelernt hatte.

Sie trat an eine Arbeitsfläche, auf der eine Reihe zugestöpselter Krüge aus glasiertem Steingut standen, jeder einzelne davon sorgfältig beschriftet. Sie trank keinen Kaffee und keinen gewöhnlichen Tee, sondern besaß eine Vorliebe für Kräutertees. Hier auf dem Land konnte sie ihren Tee sogar selbst herstellen. Im Sommer nahm sie geeignete frische Blätter oder Blüten, die sie im eigenen Garten pflückte, um sie mit kochendem Wasser zu übergießen, ziehen zu lassen und schließlich mit einem guten Teelöffel Honig zu süßen, bevor sie das entstandene Gebräu durch ein Sieb goss. Zugleich trocknete sie im Sommer in ihrem Küchenspind Kräutersträuße, so dass sie im Winter über einen hübschen Vorrat verfügte, auch wenn der Tee nicht das Aroma von frischen Zutaten entwickeln konnte. Man musste schon genau wissen, was man da tat – und man musste sorgfältig darauf achten, geeignete Pflanzen auszuwählen.

Liam missbilligte ihre selbst gemachten Tees. Andererseits schien Liam die meisten Dinge zu missbilligen, die sie tat. »Du weißt doch überhaupt nicht, was du da trinkst!«, pflegte er manchmal zu sagen. Und sie antwortete jedes Mal: »Und ob ich das weiß. Besser als du!«

An den Tagen, an denen sie nach Bamford zu ihrer Teilzeitarbeit fuhr, nahm sie ihren »Tee« in einer Thermoskanne mit, nachdem sie Liam eine Thermoskanne Kaffee gekocht hatte. Sie machte sich nun daran, diesen Tee zuzubereiten, und während der Wasserkocher heiß wurde, setzte sie sich an den Tisch und öffnete die beiden Briefumschläge. Wie sie erwartet hatte, enthielten sie frühe Weihnachtsgrüße. Sie durfte nicht vergessen, in Bamford zwei dicke Packen Weihnachtskarten zu kaufen. Dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf den gefütterten Umschlag.

Die Adresse war in Druckbuchstaben geschrieben: »Caswell«. Dann stand da noch das Wort »Video«, ebenfalls in Druckschrift. Sie hatte keine Ahnung, wer es ihnen geschickt haben könnte. Es gab keinerlei Hinweis, bis auf den Poststempel von Central London. Sie nahm den gefütterten Umschlag zur Hand und schüttelte ihn probehalber. Das Wasser im Kocher begann zu sprudeln. Sie starrte zum Kocher, dann wieder auf den Umschlag in ihrer Hand und zögerte. Der Wasserkocher klickte laut. Sally legte den gefütterten Umschlag beiseite, stand auf und ging in Richtung Arbeitsplatte hinüber, wo der Wasserkocher stand.

Rums! Hinter ihr gab es eine Explosion, eine wie die, an die sie sich aus ihrer Kindheit erinnerte, wenn Kohle in einem nicht gefegten Schornstein unversehens Feuer fängt. Es begann als wütend kehliges Fauchen und endete in einem triumphalen, zerfetzenden Geräusch, als hätte sich eine eingesperrte Kreatur endlich den Weg freigesprengt, hinaus in die Freiheit. Gleichzeitig mit dem vertrauten Geräusch erhöhte sich der Druck in ihren Ohren. Eine geballte Faust traf sie im Rücken und schleuderte sie nach vorn, wo sie mit dem Kopf gegen die Kante des Hängeschranks prallte. Ein heller Blitz zuckte durch die winterlich düstere Küche. Das alles um sie herum geschah im selben Moment, und doch nahm sie alles, jedes einzelne Ereignis deutlich und wie in Zeitlupe wahr. Teller krachten von einem Regal. Kleine Splitter zischten durch die Luft. Einer wurde ins Fenster geschleudert und ließ die Scheibe bersten. Glas regnete zu Boden, zum Teil in den Garten hinein, zum Teil in die Küche selbst. Der Tisch war in eine undurchdringliche Rauchwolke gehüllt, die bald die ganze Küche erfüllte, begleitet vom beißenden Gestank geschmolzenen Plastiks und versengten Holzlacks.

Verwirrt und für den Augenblick orientierungslos lag sie schlaff über der Arbeitsplatte, und ihre Finger umklammerten noch immer den Griff des elektrischen Wasserkochers. Wie durch ein Wunder war das Gerät an seinem Platz geblieben, sein Inhalt hatte sie nicht schlimm verbrüht. Der Brandgeruch wurde stärker. Rauch drang in ihre Lungen und ließ sie husten und würgen. Sie ließ den Wasserkocher los und presste die Hände vor Mund und Nase. Sie bemerkte – und aus irgendeinem Grund machte ihr das mehr aus als alles andere –, dass die getrockneten Teekräuter aus den Steinzeugkrügen verschüttet waren. Während sie hinsah, rollte ein Krug über die Tischkante und zerschellte am Boden in ein halbes Dutzend Teile. Und über allem hörte sie die Stimme ihres Mannes. Sie kam aus Richtung der Küchentür.

»Was um alles in der Welt hast du nun wieder angestellt?! Kriege ich denn überhaupt keine Ruhe?!«

Sally richtete sich auf und wandte sich zu ihm um. Sie musste sich auf die Arbeitsplatte stützen. Sie blutete aus einer Wunde an der Stirn. Das Blut rann über ihre Nase und tropfte rot auf ihren Pullover. Durch den Rauch hindurch sah sie seine Umrisse nur undeutlich in der Tür.

Empört stellte sie richtig: »Ich hab überhaupt nichts angestellt!«

»Was ist denn passiert?« Er kam in die Küche, trat auf den Tisch zu, die Hände vorgestreckt.

Sie erwachte plötzlich zum Leben. »Nicht! Fass das nicht an!« Sie stieß sich von der Arbeitsplatte ab und sprang vor. »Nicht anfassen!«

Beim schrillen, panikerfüllten Klang ihrer Stimme hielt er inne und starrte perplex auf den Weichholztisch vor sich.

»Das Päckchen«, krächzte sie. »Es war dieses Päckchen …«

»Was für ein Päckchen? Wovon redest du denn?«

So war Liam eben. Wenn er damit beschäftigt war zu schreiben, drang nichts zu ihm durch. Andererseits war die Frage vielleicht verzeihlich, denn es war kaum noch etwas von dem Päckchen übrig. Und wo es gelegen hatte, war nun ein fürchterlicher Brandfleck im Holz.

Sie verlor die Fassung. Furcht, Angst und Bestürzung übermannten sie. »Das Päckchen, in dem angeblich ein Video war! Ich hab es dir erst vor zehn Minuten gezeigt! Es ist zum Schreien! Vergiss doch mal für eine Weile dieses elende Buch! Es war kein Video! Es war eine Briefbombe, verstehst du nicht? Diese Tierschützer-Extremisten haben dir eine Briefbombe geschickt! Wahrscheinlich dieselben, die letztes Jahr in dein Labor eingedrungen sind! Bestimmt waren es dieselben!«

Er öffnete den Mund zu einer Erwiderung, und sie war sicher, dass er »Unsinn!« sagen würde. Doch er konnte nicht abstreiten, dass der Tisch einen großen schwarzen Brandfleck hatte und immer noch überall glimmende Papierfetzen und Plastikreste herumlagen.

Und erst jetzt schien er wahrzunehmen, wie sie aussah. »Alles in Ordnung mit dir?«

»Ich denke schon. Ich hab mir den Kopf gestoßen.« Sie betastete vorsichtig ihre Stirn. »Ich hatte ein unglaubliches Glück, Liam! Ich war dabei, das Päckchen zu öffnen! Ich hab es sogar geschüttelt, Herrgott! Dann hat sich der Wasserkocher abgeschaltet, und ich bin aufgestanden. Sonst wäre ich …« Sie verstummte.

Er stand mit herabhängenden Armen da, und in seinem jungenhaften Gesicht, das ihn stets jünger als seine tatsächlichen achtunddreißig Jahre wirken ließ, spiegelte sich seine Verwirrung.

»Das kann nicht sein!«, meinte er ohne jede Überzeugung.

»Und ob es das kann! Wer auch immer es geschickt hat, er hätte dich blenden können, Liam! Du wärst grauenhaft entstellt gewesen! Wir müssen die Polizei rufen!«

 KAPITEL 2 

MEREDITH MITCHELL war in den vergangenen beiden Wochen krankgeschrieben und nicht in ihrem Büro im Foreign Office gewesen. Sie war von einer besonders virulenten Grippe heimgesucht worden, die sie Mitte November ins Bett gezwungen hatte. Meredith hatte seit Jahren keine richtige Virusgrippe mehr gehabt und völlig vergessen, wie verheerend die Krankheit sein konnte. Es stand überhaupt nicht zur Debatte, wieder zur Arbeit zurückzukehren. Unnötig zu erwähnen, dass sie sich im Sommer nicht zu einer Grippeimpfung gemeldet hatte.

»Nicht, dass es in Ihrem Fall einen Unterschied gemacht hätte«, tröstete Dr. Pringle sie freundlich. »Das ist ein neuer Stamm von Viren. Alle paar Jahre tritt ein neuer Stamm auf.«

Im Bett bleiben, jede Menge Flüssigkeit trinken und es ausschwitzen, hatte sein Ratschlag gelautet. Er hatte ihr ein paar Medikamente verschrieben, die die Glieder- und Kopfschmerzen linderten, und das war es mehr oder weniger gewesen.

Sie hatte seinen Ratschlag befolgt, weil sie sowieso nicht zu sehr viel mehr im Stande gewesen wäre. Von ihrem Bett aus hatte sie die Risse an der Decke angestarrt, bis sie jeden einzelnen auswendig kannte, und rudimentäre Pläne geschmiedet, etwas dagegen zu unternehmen. Die Ecken waren auch voller Spinnweben, die sich sanft im Zug bewegten. Auch dagegen musste man etwas unternehmen. Und so hatte sie während ihrer Bettlägerigkeit angefangen, eine intensive Abneigung gegen die Zimmerdecke zu entwickeln. Sie war wie ein Notizzettel voll mit häuslichen Aufgaben. Keinerlei inspirierende Ideen entsprangen ihr, keine Ermutigung zu tiefer gehenden Reflexionen über den Sinn des Lebens. Kein geisterhafter Finger, der entgegenkommenderweise Vorzeichen skizzierte. Kein mene, mene Tekel, Upharsin. Nur eine von Rissen durchzogene viktorianische Zimmerdecke und vermutlich sehr wirr verlegte elektrische Leitungen für das Deckenlicht, alles nur, um ihr Gewissen ausgerechnet dann zu quälen, wenn sie am wenigsten im Stande war dem etwas entgegenzusetzen.

Das, was ihr den letzten Nerv geraubt hatte, war Mrs. Harmers Verpflegung gewesen. Mrs. Harmer war die Haushälterin des Vikars James Holland. James war gegenwärtig nicht in der Stadt und so freundlich gewesen, seine Haushälterin an die Kranke »auszuleihen«, und einmal mehr war Meredith zu entkräftet gewesen, um energischen Widerstand zu leisten.

Was bedeutete, dass Mrs. Harmer jeden Morgen um acht Uhr krachend die Haustür ins Schloss warf, in Winterstiefeln durch den schmalen Flur in die Küche stampfte und »Keine Sorge, alles in Ordnung, Mrs. Mitchell, ich bin’s nur!« durch das Haus brüllte.

Um anschließend Tee aufzubrühen und Porridge für Merediths Frühstück zuzubereiten.

»Ein gutes Frühstück macht einen bereit für den Tag! Ganz besonders jemanden, der isst wie ein Vögelchen, so wie Sie das tun, meine Liebe. So haben Sie jetzt wenigstens etwas Solides im Magen.«

Und, alles, was recht war: Das Porridge war solide – wahrscheinlich genau das Richtige, um die Risse in der Decke zu spachteln. Doch es war immerhin auch essbar und bei weitem das Beste an Mrs. Harmers Krankendiät. Die Diät war schlimmer gewesen als sämtliche Symptome der Grippe zusammengenommen.

Und Mrs. Harmer hatte es auch nicht mit den jüngsten Erkenntnissen über richtige Ernährung. »Modetorheiten!«, nannte sie sie verächtlich. Wenn man krank sei, dann brauchte man nach Mrs. Harmers Auffassung reichlich gekochten Fisch. Gekochter Fisch sei gut für das Gehirn. Reispudding war wohl ebenfalls gut, wie es schien. Pochierte Eier, grauenhaft roh und glasig und auf viel zu weichem Toast, mussten sogar ausgezeichnet sein. Im Gegensatz zu gekochten Eiern. »Bindung!«, verkündete Mrs. Harmer geheimnisvoll.

Kaffee galt als schlecht für die Nerven. »Oxo!«, erläuterte sie und knallte Meredith große Becher nahrhafter Brühe aus dem gleichnamigen aromatisierten Fleischextrakt hin.

Während Mrs. Harmers wohlgemeinter Krankenpflege stank das Haus nach gekochtem Kabeljau, gebackenem Milchreis und Oxo. Ein positives Resultat von alledem war, dass es Meredith ermunterte, so schnell wie nur irgend möglich wieder auf die Beine zu kommen. Als der Tag kam, an dem sie Mrs. Harmer wieder in das Vikariat entlassen konnte, war Meredith – kaum ein Ausbund von Dankbarkeit – nach lautem Jubeln zumute.

Die Symptome der Grippe waren verschwunden – doch Meredith fühlte sich beunruhigend schwach auf den Beinen und hatte – wenig überraschend infolge all diesen gekochten Fischs und Fleischextrakts – eine Abneigung gegen Essen allgemein entwickelt. Trotz alledem jedoch war Meredith an diesem Tag früh aus dem Bett und auf den Beinen. Sally Caswell, die bei Bailey and Bailey arbeitete, den ortsansässigen Auktionatoren, hatte ihr erzählt, dass sich unter den Gegenständen, die bei der morgen stattfindenden Auktion versteigert würden, ein Satz viktorianischer Gläser befand. Wie üblich wurde die Auktionsware einen Tag vorher ausgestellt. Heute.

»Genau das, was du suchst, Meredith!«

Sie hatte tatsächlich vor einiger Zeit erwähnt, dass sie viktorianische Gläser suche, und Sally hatte versprochen, die Augen offen zu halten. Im Allgemeinen bot sich Merediths beengtes Reihenendhäuschen nicht gerade zum Sammeln von Antiquitäten an. Bis zum heutigen Tag war denn auch ihr einziger Vorstoß in dieser Richtung der Kauf eines walisischen Küchenschranks gewesen, und wahrscheinlich hatten sie die damit verbundenen Abenteuer von weiteren Unternehmungen dieser Art abgehalten. Doch heute würde sie zur Auktionshalle gehen und einen Blick auf die Gläser werfen, und anschließend würde sie mit Sally eine Kleinigkeit essen gehen. Nicht, dass ihr Appetit schon wieder zurückgekehrt wäre, doch eine Schüssel Suppe oder eine andere Kleinigkeit wäre nicht schlecht.

Meredith machte sich eilig und geräuschvoll auf, die Stufen zur Küche hinunter. Sie fühlte sich einigermaßen munter. Sie füllte Wasser in den Kessel und spähte durch das Küchenfenster hinaus in den kleinen Hinterhof. Es sah kalt aus dort draußen, aber das Wetter war hell und freundlich. Eine Bewegung hinter dem nicht mehr genutzten Kohlenbunker, wo sich der Frost immer noch hielt, ein Schatten in der gegenüberliegenden Ecke erweckte ihre Aufmerksamkeit. Es war die Katze.

Die Katze hatte ein getigertes Fell und kam seit ungefähr zwei Wochen, wenn auch mit Unterbrechungen. Sie war mager und von Kämpfen gezeichnet, doch sie war noch sehr jung. Meredith mochte getigerte Katzen.

Vielleicht kam sie schon länger, und Meredith hatte sie einfach deswegen nie bemerkt, weil sie normalerweise den ganzen Tag im Büro war. Erst während der durch die Krankheit erzwungenen Arbeitspause hatte sie das Tier entdeckt. Sie wusste nicht, ob die Katze ausgesetzt worden und nun auf der Suche nach einem neuen und behaglichen Zuhause war oder ob sie ein wild lebendes Tier war, doch sie vermutete, dass ein liebloser Vorbesitzer die Katze hinausgeworfen hatte. Sie wirkte nervös. Sie reagierte nicht auf freundliches Zureden. Andererseits gefiel es Meredith überhaupt nicht, ein dermaßen abgemagertes Tier zu sehen. Und nachdem Mrs. Harmer den Gefrierschrank entgegenkommenderweise mit Fischfilets gefüllt hatte, war Meredith dazu übergegangen, sie aufzutauen und Stück für Stück an die Katze zu verfüttern. Das war nur möglich, indem sie das Futter auslegte und sich dann wieder zurückzog. Die Katze weigerte sich, jemanden in ihre Nähe zu lassen; nicht einmal der verlockende Duft von Kabeljau vermochte ihre Meinung zu ändern. Meredith musste den Hof verlassen. Wenn sie wiederkam, war das ausgelegte Futter jedoch immer verschwunden. Es war eine ausgezeichnete Möglichkeit, den Fisch loszuwerden, ohne ihn einfach wegzuwerfen. So gaben Katze und Gefrierfisch ihr Gelegenheit, ein gutes Werk zu tun.

Meredith nahm eine Plastikdose mit dem fertig vorbereiteten Kabeljau aus dem Kühlschrank, öffnete die Hintertür und trat in einen beißenden Wind hinaus. Sie kratzte den Fisch auf einen Unterteller und rief nach der Katze. Natürlich folgte diese nicht, stattdessen brachte sie sich mit einem Satz über die Mauer in Sicherheit. Meredith zog sich ins Haus zurück. Der Fisch blieb auf dem Teller. Gewiss würde die Katze, wie schon zuvor, in den Hof zurückkommen. Und nicht nur diese Katze, sondern auch jede andere in der gesamten Nachbarschaft.

Eine halbe Stunde später steuerte sie ihren Wagen auf den Parkplatz der städtischen Auktionshalle. Sie schloss den Wagen ab und ging über den unregelmäßig geformten Platz in Richtung der offenen Türen eines verschachtelten Gebäudes aus verwittertem Stein. Es machte den Eindruck, als sei es früher einmal ein Mietstall gewesen, doch befand sich ein Schild über dem eichenen Türsturz – ein Schild, das wohl auch schon wenigstens zwei Generationen alt war – mit der Aufschrift:

BAILEY AND BAILEY

Schätzer und Auktionatoren

Haushaltsauflösungen

Antikes Mobiliar und Memorabilien

Ein Plakat an einem schwarzen Brett kündigte die bevorstehende Weihnachtsversteigerung an. Die Vorbereitungen waren unübersehbar im Gange. Der Weg in die Auktionsräume war blockiert von einer halbrunden Schubladenkommode aus Walnussholz. Auf Merediths Seite der Kommode, außerhalb des Gebäudes, stand ein stämmiger Mann in einer Schürze aus grünem gewalkten Wollfries, die Arme in die Seiten gestemmt. Auf der anderen Seite der Kommode, schon im Innern der Halle, stand, nur bis zum Bauch sichtbar, ein blasser jüngerer Bursche mit einer Baseballkappe.

»Wir müssen sie seitwärts nehmen, Ronnie!«, meinte der stämmige Mann.

»Oder die Schubladen raus«, entgegnete die Baseballkappe.

»Nicht nötig. Bind einfach dieses Stück Seil herum, dann fallen die Schubladen nicht raus.«

»Herr im Himmel!«, brüllte eine Stimme von irgendwo drinnen. »Nehmt die verdammten Schubladen raus! Und passt auf die Ecken auf! Das ist ein frühviktorianisches Stück!«

»Keine Sorge, Mr. Bailey«, gab der erste Mann nicht weniger laut zurück. »Überlassen Sie nur alles Ronnie und mir!«

Die Walnusskommode begann zu schaukeln und zu schwanken, als sie angehoben wurde.

»Gut so. Heb dein Ende hoch, Ted!«, rief die Baseballmütze.

»Passt auf die Schubladen auf!«, heulte die unsichtbare Stimme im Innern der Halle.

»Wir legen ein Seil um sie!«, brüllte die Baseballmütze zurück.

»Nicht um Sie, meine Liebe«, fügte er an Meredith gewandt hinzu, die das Geschehen interessiert beobachtete. Er nahm seine Mütze ab und kratzte sich am Kopf. Meredith stellte fest, dass er älter war, als sein Aussehen vermuten ließ. Die Baseballkappe war weniger ein jugendlicher Spleen als eine Methode, das dünner werdende Haar zu verbergen.

Das Möbelstück war endlich gesichert und wurde nun Zentimeter um Zentimeter durch die Lücke geschoben. Meredith folgte den Männern mit der Kommode nach drinnen.

Sie fand sich in einem großen, niedrigen Saal wieder. Sie blinzelte, und als ihre Augen sich an das Halbdunkel gewöhnt hatten, sah sie, dass ringsum alles Mögliche an Mobiliar, Kitsch, Bildern, Büchern und geheimnisvollen Kisten unbekannten Inhalts aufgestapelt stand. Ronnie und Ted hatten inzwischen ihre Last auf der anderen Seite der Halle abgesetzt, wo sie vom Besitzer der dritten Stimme misstrauisch untersucht wurde.

Er war ein großer, dünner Mann, dessen Goldrandbrille und kragenlanges ergrauendes Haar ihm ein gelehrtes Aussehen verliehen. Er trug einen karierten Prince-of-Wales-Anzug von altmodischem Schnitt und im Kontrast dazu eine recht poppig wirkende Fliege. Meredith wusste, dass dies Austin Bailey war und dass er, trotz des Schildes über der Tür, gegenwärtig der einzige Bailey war, der das Auktionshaus führte. Offensichtlich war er im Augenblick beschäftigt.

Sie ließ ihn mit der Kommode allein und wanderte durch das Gewirr von Möbeln, an Gestellen voller Porzellan und Glas vorbei, wobei sie immer wieder neugierige Blicke auf vergilbte Ölgemälde und stockfleckige Drucke warf, bis sie schließlich im hinteren Teil der Halle ein winziges Büro erreichte.

Das Büro war leer. Sie hatte erwartet, Sally Caswell anzutreffen. Vermutlich war Sally für ein paar Minuten nach draußen gegangen, obwohl der winzige Raum so sehr die Aura von Verlassenheit ausstrahlte, als hätte noch niemand an diesem Morgen einen Fuß in ihn gesetzt. Keine Spur von irgendwelchen Habseligkeiten, die einer bestimmten Person sich hätten zuordnen lassen, kein Mantel am Haken, nicht einmal Sallys Thermoskanne. Der Computer war ausgeschaltet, der Bildschirm kalt. Es war schon sehr eigenartig.

Zwei Stapel bedrucktes Papier lagen auf dem Schreibtisch. Meredith nahm ein Blatt vom ersten Stapel und las.

Wie das Plakat vor dem Eingang kündigte es die große Weihnachtsauktion an und listete die Besonderheiten auf, angefangen bei Möbeln über Bücher bis hin zu Gartenstatuen. Auch die Walnusskommode war dabei, die bei Merediths Eintreffen hereingetragen worden war. Meredith blätterte um. Sämtliche Gegenstände, die am nächsten Tag zur Versteigerung gelangen würden, waren in Sachgruppen aufgeteilt. Sie fuhr mit dem Finger über die Seite, bis sie die Gläser gefunden hatte, für die sie sich interessierte. Nummer 124. Sechs viktorianische Weingläser. Meredith kehrte in die Halle zurück.

Austin Bailey war jetzt allein. Er wischte sich mit einem großen, fleckigen Stofftaschentuch über die Stirn. Die Walnusskommode hatte offensichtlich keinen Schaden genommen. Ronnie und Ted waren nicht mehr zu sehen. Austin blickte auf und entdeckte Meredith.

»Hallo Meredith! Tut mir Leid, dass ich Sie nicht vorher gesehen habe! Wie geht es Ihnen?« Er steckte das Taschentuch in die Hosentasche und streckte ihr eine sichtlich schmutzige Hand hin. Dann wurde ihm bewusst, wie er aussah, und er zog sie hastig zurück, bevor Meredith sie ergreifen konnte.

»Verzeihung!«, sagte er. »Wir haben Möbel gerückt.«

»Ist inzwischen alles da?«, fragte Meredith und deutete in die Runde. Es sah nicht danach aus, als würde noch ein einziges Möbel in die Halle passen.

»Ich glaube schon. Ich hatte eigentlich noch mit einer Stuhlgarnitur gerechnet …« Er runzelte die Stirn. »Die Dame meinte, sie würde sie heute vorbeibringen. Und ich habe ihr gesagt, wenn sie die Stühle in der Versteigerung haben will, dann …« Er bedachte Meredith mit einem strengen Blick. »Sie sind da drin gelistet!«

Ihr wurde klar, dass er den Handzettel meinte, den sie immer noch hielt. »Ich interessiere mich für die Weingläser«, sagte sie. »Wo kann ich sie finden, um sie mir anzusehen?«

Austin Bailey führte Meredith an einem großen indischen Messinggong vorbei zu einem Tisch, der mit allen möglichen Glaswaren und Trinkgefäßen überladen war. Zinnbecher, Steinkrüge, ein paar bayrische Maßkrüge mit Deckel, ein Weinkühler aus Holz.

Zwei, drei Leute waren gekommen, wanderten durch die Halle und betrachteten die ausgestellten Waren. Unter ihnen befand sich ein bärtiger Mann in einer Schaffelljacke, der einen kleinen Schreibtisch mit den Augen eines Experten im Finden kleinerer und größerer Mängel musterte. Austin Bailey bedachte ihn mit einem misstrauischen Blick.

»Haben Sie ein grünes Formular?«, fragte er Meredith geistesabwesend. »Sie können schon heute ein Gebot auf einem grünen Formular abgeben, dann brauchen Sie morgen nicht zu kommen. Es sei denn natürlich, Sie wollen sich den Spaß nicht entgehen lassen. Sie riskieren damit natürlich, dass man Sie überbietet, ohne dass Sie reagieren können. Bei Zuschlag werden zehn Prozent Aufgeld fällig, vergessen Sie das nicht.«

»Ich werde eins ausfüllen, bevor ich gehe. Eigentlich hatte ich gehofft, Sally zu sehen. Ist sie heute nicht hier?«

Der Mann in der Schaffelljacke war zu einem Esstisch weitergegangen. Die anderen Leute, ein Ehepaar, betrachteten zweifelnd eins der Gemälde, Nymphen in einer Lichtung, vergilbt von altem Firnis und gehalten von einem kunstvoll geschnitzten Holzrahmen.

»Es ist ein wenig zu groß für das Esszimmer, Frank«, sagte die Frau.

»Umso beeindruckender sieht es aus, meinst du nicht?«, widersprach Frank.

»Ich weiß nicht, ob ich nackte Frauen über meinem Kamin hängen haben möchte, Frank. Der Gedanke gefällt mir irgendwie nicht. Genau wie das Bild.«

»Das ist Kunst«, meinte Frank, der Connaisseur.

Austin Bailey seufzte. Er rieb seine schmutzigen Hände aneinander und starrte sie dann verwirrt an, als frage er sich, wieso der Schmutz noch immer an ihnen haftete.

»Sally und ich waren eigentlich zum Mittagessen miteinander verabredet«, blieb Meredith hartnäckig. »Ich dachte, ich würde sie hier treffen.«

»Meine Güte.« Austins besorgter Gesichtsausdruck wurde noch ernster. »Ich glaube nicht, dass sie heute noch kommt. Es ist sehr ärgerlich, Sie sehen ja selbst, wie viel wir hier zu tun haben … Die Besichtigungen dauern noch bis halb fünf heute Nachmittag, und wir könnten wirklich jede helfende Hand brauchen! Die Leute kommen und gehen, verstehen Sie? Wir brauchen so viel Verstärkung zum Aufpassen, wie wir nur kriegen können!«

Sie hatte Verständnis für sein Sicherheitsproblem und sagte ihm das auch. »Und wo steckt Sally?«

»Oh. Sie hat angerufen. Das heißt, nicht sie, sondern ihr Ehemann. Vor ungefähr einer halben Stunde. Wie es scheint, hatten sie und ihr Mann heute Morgen Probleme in ihrem Cottage.«

»Oh?« Das klang ominös, insbesondere, wenn Liam der Anrufer war und nicht Sally selbst. Liam gab sich für gewöhnlich nicht mit derart profanen Alltagsdingen ab. Außerdem hatte Sally sich trotz ihrer Verabredung nicht bei Meredith gemeldet – und Sally gehörte zu den gewissenhaften, höflichen Menschen.

»Ich glaube, sie hatten eine Gasexplosion oder etwas in der Art«, sagte Austin Bailey vage. Er starrte erneut auf seine Hände. »Ich glaube, ich muss mir jetzt zuerst einmal die Hände waschen. Wenn Sie mich solange entschuldigen würden, Meredith?«

»Austin!« Meredith schlüpfte an dem indischen Messinggong vorbei, umrundete einen sitzenden Greyhound aus Stein und ein wirklich schräg zu nennendes, sperriges Möbelstück, das dazu bestimmt war, edwardianische Umhänge, Hüte, Schirme und Gehstöcke aufzunehmen. »Eine Gasexplosion? Wurde jemand verletzt? Ich meine, war es eine schlimme Explosion?«

Sie hatte schon häufiger in den Nachrichten gesehen, wie ganze Häuser durch eine Explosion wegen undichter Gasboiler oder Gasleitungen eingestürzt waren.

»Niemand wurde verletzt. Nur geschockt, verstehen Sie? Sally bekam einen Heidenschreck, die Ärmste. Aber es ist nichts passiert«, versicherte Austin ernst. »Ich habe Liam gefragt. Es ist in der Küche passiert, mehr wollte er nicht sagen. Vermutlich warten sie jetzt darauf, dass die Männer vom Gaswerk eintreffen und alles klären.«

Sie kamen an Sallys Büro vorbei, und Austin sprang hinein und kam mit einem grünen Formular wieder zum Vorschein, das er von einem Stapel auf Sallys Schreibtisch gefischt hatte. »Hier, schreiben Sie Ihr Gebot auf und geben Sie es mir – oder, wenn ich nicht in der Nähe sein sollte, Ronnie oder Ted. Nein! Nein, Madam! Das geht nicht! Nicht dort!« Er eilte davon, um sich um einen Notfall zu kümmern.

Meredith hatte nicht nach einem eventuellen Mindestgebot für die Gläser gefragt. Sie kritzelte den Höchstbetrag auf das Blatt, den sie auszugeben bereit war, dazu die Gebotsnummer, ihren Namen, ihre Anschrift und die Telefonnummer und reichte das gefaltete Formular Ronnie, der in diesem Augenblick wieder auftauchte. Austin und Ted starrten auf ein schrilles buntes Gemälde der Brücken von Paris, das eine große Frau in die Höhe hielt.

»Sie verkaufen doch Gemälde für andere Leute, oder etwa nicht?«, insistierte die große Frau.

»Im Prinzip schon«, antwortete Austin und betrachtete das Bild missbilligend.

»Ich muss gehen«, wandte sich Meredith an Ronnie, denn Austin hatte offensichtlich zu tun. »Würden Sie das hier bitte Mr. Bailey geben? Danke sehr. Sie, äh, Sie haben noch nichts von Mrs. Caswell gehört heute Morgen, oder?« Sie drückte Ronnie das grüne Formular in die Hand.

»Der Küchenherd«, sagte Ronnie, während er das Formular nahm und auseinander faltete. Er schob seine kleine Baseballmütze in den Nacken und las, was sie geschrieben hatte. Aus der Nähe und ohne Mütze wirkte er wie um die fünfzig.

»Ist es nicht genug?«, fragte sie nervös. »Oder ist es zu viel? Ich weiß außerdem nicht, ob es vielleicht ein Mindestgebot gibt.«

»Das weiß ich auch nicht. Ob es zu wenig ist, kann man nie wissen. Kommt darauf an, ob jemand anderes die Gläser will. Ich würde sagen, es kommt ungefähr hin.«

»Und Sie sind sicher, dass es der Küchenherd war?« Das klang ernst.

»Entweder der Herd oder der Boiler«, überlegte Ronnie.

Ted hatte sich von Austin und der großen Frau abgesetzt. Er kam mit einem Karton herbei, in dem verschiedene Porzellanfiguren lagerten.

»Mrs. Caswell?«, ächzte er. »War das nicht der Durchlauferhitzer im Badezimmer? Hier, die Frau hat die Stühle gebracht. Wo sollen wir sie hinstellen?«

Es war klar, dass Meredith hier keine Einzelheiten mehr erfahren würde. Wenn sie wissen wollte, was geschehen war, musste sie selbst raus zu den Caswells fahren. Sie kehrte zu ihrem Wagen zurück und hoffte, dass wirklich alle so wohlauf waren, wie sie sagten.

Es war weder der Herd noch der Boiler noch der Durchlauferhitzer.

»Es war eine Briefbombe!«, flüsterte Sally Caswell.

»Teufel auch!«, entfuhr es Meredith, die sich gleich darauf wunderte, keinen stärkeren Kraftausdruck benutzt zu haben.

Allerdings hatte sie auch etwas Dramatischeres erwartet. Das Erste, das sie bei ihrer Ankunft beim Cottage zu Gesicht bekommen hatte, war ein Polizeiwagen draußen vor der Tür und ein zweiter ein Stück weit die Straße hinab gewesen. Ein weißer Lieferwagen, in dem Meredith zuerst einen Servicewagen der Gaswerke vermutet hatte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Einsatzfahrzeug des Bombenentschärfungskommandos. In sicherer Entfernung vom Schauplatz hatte sich eine kleine Gruppe Dorfbewohner versammelt und aufgeregt unterhalten.

Aufgeschreckt war Meredith eilig zum Tor hinübergelaufen und hatte den Zugang von einem Polizeibeamten versperrt gefunden. Doch genau in diesem Augenblick war Liam in der Tür erschienen, und auf seine Intervention hin hatte man Meredith den Zutritt gestartet.

Liam hatte seine Gründe, warum er Meredith bei sich haben wollte. »Sally hat einen Schock«, hatte er Meredith berichtet. »Vielleicht kannst du ihr ein wenig helfen, ja?«

Meredith hatte Sally Caswell auf einem Sofa in dem winzigen Wohnzimmer angetroffen, zusammengekauert vor einem kleinen elektrischen Ofen. Eine Platzwunde an ihrer Stirn war provisorisch mit einem Heftpflaster versorgt worden. Sally hielt ein Glas Brandy in der Hand, und Liam ging mürrisch in einiger Entfernung vom Sofa im Zimmer auf und ab. Aus der Küche drangen Stimmen und Geräusche.

»Die Polizei!«, fuhr Sally mit der gleichen leisen Stimme fort. »Und Sprengstoffexperten! Spurensicherung außerdem! Einfach alles! Sie nehmen jedes noch so kleine Stückchen mit. Von dem Paket war nicht mehr viel übrig, aber ich glaube, sie können sagen, was für ein Sprengstoff benutzt wurde … wegen der Art und Weise, wie er explodiert ist.« Sie fuchtelte wild mit den Händen, um zu zeigen, was sie meinte. Der Brandy schwappte in dem großen Schwenker. »Sie haben Photos vom T-T-Tisch und von der restlichen K-Kü-Küche gemacht …«

»Bist du sicher, dass dir nichts fehlt, Sally?«, fragte Meredith besorgt. Sie sah Liam an, während sie sprach, doch Liam brütete gedankenverloren und düster über seinen eigenen Problemen.

»Mir fehlt nichts, ehrlich nicht«, krächzte Sally. »Liam hat mir ein Pflaster auf die Stirn geklebt. Es hat aufgehört zu bluten. Ich hatte wirklich Glück. Überall Glassplitter! Ich bin immer noch ein wenig zittrig und irgendwie friere ich erbärmlich.« Sie erschauerte.

»Das ist nur der Schock«, tröstete Meredith sie. »Versuch dich einfach ein bisschen zu entspannen. Haben sie Fragen gestellt?«

»Sie haben es versucht. Ich war ihnen keine große Hilfe. Ich konnte ihnen nichts sagen. Es kam alles so plötzlich, und ich hatte mich gerade umgedreht … Es war ein Päckchen wie jedes andere, nur dass es einfach an ›Caswell‹ adressiert war, nicht an ›Liam Caswell‹ oder ›Sally Caswell‹. Und weil Liam so beschäftigt war, hab ich es aufgemacht.«

Als Liam seinen Namen hörte, verkündete er laut: »Ich weiß überhaupt nicht, wie ich heute mit meiner Arbeit zu Rande kommen soll, wenn es hier vor fremden Leuten nur so wimmelt!«

Meredith schob eine Locke dunkelbrauner Haare aus dem Gesicht und funkelte ihn ärgerlich an. Sie kannte die Caswells seit einigen Jahren. Sie hatten für eine Weile keinen Kontakt zueinander gehabt, in der Zeit, die Meredith als britische Konsulin im Ausland verbracht hatte, doch seit sie wieder und endgültig zurück in England war (und es sah nicht danach aus, als würde das Foreign Office es sich anders überlegen), hatte sich die Bekanntschaft erneuert.

Meredith mochte Sally sehr gern. Liam hingegen hatte sie stets irritiert. Und ausgelöst durch die heutigen Ereignisse ärgerte sie sich noch mehr über ihn als gewöhnlich. Selbst wenn man ihm einen Schock zugute hielte, war es schwer, Mitleid für ihn zu empfinden. Seine Frau hätte schwer verletzt werden, das Augenlicht verlieren oder Verbrennungen davontragen können, doch er schien sich nur darüber zu sorgen, dass er mit seiner Arbeit in Verzug kam!

»Ich habe Liam gebeten, dich anzurufen, Meredith.« Sallys Stimme klang eine Spur lauter. »Aber in all der Aufregung hat er es wohl vergessen. Es tut mir so Leid, dass ich unsere Verabredung habe platzen lassen.«

»Mach dir deswegen keine Gedanken. Ich habe dieser Tage sowieso nicht allzu viel Appetit. Ich war bei der Auktionshalle und habe Austin gesehen. Er erzählte mir, es hätte sich um eine Gasexplosion gehandelt. Ich hatte erwartet, euer Cottage als einen einzigen großen Trümmerhaufen vorzufinden.«

Nach und nach schien Sally wieder Lebenszeichen zu zeigen. »Ich sollte zur Arbeit fahren! Morgen findet die Auktion statt!«

»Unsinn. Austin rechnet nicht mit dir. Er hat alles unter Kontrolle. Entspann dich.«

»Außerdem müssen wir so oder so hier warten!«, grollte Liam Caswell. »Irgendein Polizist kommt noch vorbei, irgendjemand mit einem höheren Dienstgrad. Ich vermute, die Constables gehen uns noch tagelang auf die Nerven!« Er marschierte nach draußen.

»Er kommt nur schlecht mit seinem Buch voran«, erklärte Sally. Meredith blieb nicht verborgen, dass sie sich entspannte und ihre Stimme fester klang, sobald ihr Mann den Raum verlassen hatte. »Der arme Liam! Es ist wirklich das Letzte, was er jetzt gebrauchen kann. In letzter Zeit läuft rein gar nichts mehr so, wie es soll. Das Leben auf dem Land bekommt ihm nicht. Ich dachte, es wäre ruhig und er könnte in Frieden arbeiten. Wir beide haben das gedacht. Aber er muss näher bei seinem Labor sein; jedes Mal, wenn er irgendetwas überprüfen will, muss er den ganzen Weg bis nach Oxford fahren. Dann die anderen Aufregungen. Es zehrt an seinen Nerven. Bitte, sieh ihm sein Verhalten nach! Er meint es nicht böse.«

»Ich verstehe.« Soweit Meredith es beurteilen konnte, benahm sich Liam jetzt nur einen Tick schroffer, als sie es von ihm kannte.

Sally hob ihr Glas. »Möchtest du vielleicht auch einen Brandy? Tut mir Leid, dass ich dich nicht schon vorher gefragt habe. Ich bin heute eine schrecklich schlechte Gastgeberin.«

»Nein danke. Soll ich dir noch einen einschenken?«

»Ich trau mich nicht. Ich muss einen klaren Kopf behalten für diesen Superintendent, der gleich noch vorbeikommen will. Normalerweise rühre ich dieses starke Zeug nicht an! Ich kriege immer einen Schluckauf davon!«

»Aus Bamford?«, fragte Meredith. Soweit sie wusste, gab es momentan niemanden mehr in Bamford, der vom Rang höher als Inspector gewesen wäre, nicht mehr, seit Alan weggegangen war.

Sally war so unvorsichtig, den Kopf zu schütteln. Sie zuckte zusammen, betastete das Heftpflaster und sagte: »Nein. Anscheinend aus dem Bezirkspräsidium.«

Meredith erschauerte. Es würde doch wohl nicht Alan sein? Und was, wenn doch? Er wäre sicher nicht erfreut, sie hier zu sehen. Er würde ihr einmal mehr einen Vortrag darüber halten, dass sie sich nicht in polizeiliche Ermittlungen einmischen sollte. Aber Meredith hatte ein Recht darauf, hier zu sein, schließlich war sie Sally Caswells Freundin!

»Haben sie seinen Namen genannt?«, fragte Meredith so beiläufig, wie sie konnte.

»Nein, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern. Ich hoffe nur, Liam ist nicht unhöflich zu ihm. Ich habe Liam gesagt, dass wir alles erzählen müssen.«

Meredith beugte sich vor. »Du hast gerade andere Aufregungen erwähnt – welcher Art waren sie?«

Sally blickte elend drein. »Schwierigkeiten mit einem Nachbarn. Und andere hässliche Dinge mit der Post. Keine explodierenden Päckchen oder etwas in der Art, sondern Briefe. Ich weiß nichts darüber. Liam hat es mir eben erst erzählt, nach der … nach der Explosion. Offensichtlich hat er ein paar sehr böse Briefe bekommen. Drohbriefe. Er hat mir nichts gesagt, um mich nicht unnötig aufzuregen. Irgendjemand scheint einiges gegen den armen Liam zu haben, wie es aussieht.«

Wahrscheinlich hat sich Liam im Verlauf der Jahre so viel Feinde geschaffen, dass er sie gar nicht mehr zählen kann, dachte Meredith. Aber jemanden so zu verärgern, dass dieser Jemand, wer auch immer es sein mochte, Liam eine Briefbombe schickte, deutete auf einen Groll hin, der nicht durch Liams gewöhnliche Grobheit hervorgerufen worden sein konnte.

»Ich schätze, das alles hat mit den Beagles zu tun«, sagte Sally ominös.

Draußen hörte man das Motorengeräusch eines weiteren Wagens. Der Motor wurde abgeschaltet und die Tür zugeschlagen. Schritte knirschten über den Kies, und dann waren in der Küche Stimmen zu hören. Schließlich kehrte Liam ins Wohnzimmer zurück, gefolgt von einer weiteren Person.

»Das hier ist der Bursche vom Bezirkspräsidium«, kündigte Liam den Besucher mit einem entschiedenen Mangel an Höflichkeit an. »Superintendent Maltby.«

Ein schlanker, blonder Mann in Barbourjacke trat hinter Liam Caswell hervor und in den Raum.

»Markby«, korrigierte er Liam. »Guten Tag, Mrs. Caswell.«

Sein Blick fiel auf die zweite Frau im Zimmer. Eine Augenbraue zuckte, und der Blick in seinen blauen Augen wurde scharf. »Meredith?«

»Hallo Alan«, sagte Meredith.

 KAPITEL 3 

MEREDITH ERBOT sich zu gehen, doch Sally widersprach. »Ich möchte, dass Meredith bleibt. Sie beruhigt mich ein wenig.«

Alan hatte es unter den gegebenen Umständen hingenommen. Die Leute von der Spurensicherung hatten das Cottage mit zahlreichen Plastiktüten voller Fetzen und Resten des Sprengstoffbriefs verlassen, und nun saßen sie zu viert in der Stille, die sich über die Szenerie gelegt hatte. Meredith hatte für alle Tee gekocht, indem sie den Wasserkocher ins Wohnzimmer geholt und in eine freie Steckdose gestöpselt hatte. Sally wurde offensichtlich schon wieder nervös, und der Anblick von Liam, der vor sich hin brütend in einem chintzbezogenen Ohrensessel saß, war alles andere als ermutigend.

»Brauchen Sie medizinische Hilfe wegen der Platzwunde auf Ihrer Stirn, Mrs. Caswell?«, erkundigte sich Alan.

»Liam hat sich die Wunde angesehen und mich verarztet«, wiederholte Sally das, was sie vorhin schon Meredith gesagt hatte. »Ich hatte eine Menge Glück.«

Meredith überlegte mit einem Anflug von Verlegenheit, dass Liam ein qualifizierter Arzt war, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er inzwischen seit Jahren zwischen Teströhrchen und Laborgeräten arbeitete und keine Patienten mehr behandelte.

Doch nachdem sie beim Wasserholen mit eigenen Augen das Chaos in der Küche gesehen hatte, nahm sie an Sallys letzter Bemerkung Anstoß. »Das war mehr als bloßes Glück!

Das war ein Wunder! Wer auch immer diesen Brief geschickt hat, es war ein heimtückischer Anschlag!«

Liam murmelte etwas Unverständliches und sank tiefer in seinen Sessel. Markby bedachte ihn mit einem fragenden Blick, doch Liam schwieg.

»Mrs. Caswell, fühlen Sie sich im Stande, mit mir zu reden?«, wandte sich Markby an Sally. Das »Sie« war kaum merklich betont.

»Ja, aber ich kann Ihnen nicht viel sagen. Es war ein ganz normaler wattierter Brief.«

»An Sie beide adressiert, wenn ich richtig verstanden habe.« Erneut ein Seitenblick zu Liam Caswell, der ihn geflissentlich ignorierte.

Sally nickte, verzog erneut schmerzlich das Gesicht und fuhr fort: »Da stand kein Mr. und Mrs., nur der Familienname und die Adresse und in Großbuchstaben das Wort ›VIDEO‹.«

»Hatten Sie denn ein Video bestellt? Haben Sie eine Sendung erwartet?«

»Nein. Aber Liam dachte, dass es sich vielleicht um ein Weihnachtsgeschenk handeln könnte.«

»Was ist mit der Handschrift?«

»Es waren Druckbuchstaben. Ich hab sie nicht erkannt. Der Stempel war aus London, Central London, glaube ich. Ich hab den Umschlag auf den Tisch gelegt und wollte ihn öffnen …« Ihre Stimme brach.

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