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Ein Goldfisch räumt auf

Kristan Higgins

Ein Goldfisch räumt auf

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Tess Martin

Liebe Leserinnen,

eigentlich wollte ich niemals über eine milliardenschwere Heldin schreiben, und das habe ich bisher auch nicht. Aber es gibt Charaktere, die mich einfach faszinieren und fesseln … Charaktere, bei denen ich spüre, dass sie mehr zu sagen, mehr zu tun haben. Parker Welles ist einer davon. Vielleicht erinnern Sie sich an Lucys ziemlich direkte, großzügige beste Freundin in Lucy kriegt’s gebacken. Aus irgendeinem Grund konnte ich Parker, die so zufrieden schien, allein zu leben, ihren Sohn großzuziehen und ihre ziemlich albernen Kinderbücher zu schreiben, einfach nicht vergessen.

Genauso erging es mir mit Gideon’s Cove in Maine, die Kleinstadt, in der Fang des Tages spielt. So viele von Ihnen haben mir geschrieben und mich gefragt, was aus Maggie und Malone geworden ist, und ich freue mich sehr, dass Sie die beiden wiedertreffen wollen! Also habe ich überlegt, was wohl geschehen würde, wenn ich Parker sowohl ihr Vermögen als auch ihre Karriere wegnehme und sie an die Küste von Maine schicke, in eine kleine Stadt, in der sie keine Menschenseele kennt? Was würde sie tun? Wie würde sie mit dieser Tatsache umgehen? Wäre sie in der Lage, sich in einem Sommer neu zu erfinden und ihrem Sohn ein gutes Leben zu ermöglichen? Und was wäre, wenn der Mann, der ihr zu Hilfe eilt, der Letzte ist, von dem sie Hilfe annehmen möchte … James Cahill nämlich, der Anwalt ihres Vaters?

James verehrt die „Prinzessin“, wie er sie nennt, bereits seit längerer Zeit. Doch Perfect Parker hat nie etwas von ihm gebraucht … bis jetzt … und James will unbedingt, dass sie ihn endlich in einem anderen Licht sieht.

In Ein Goldfisch räumt auf geht es darum, seinen wahren Wert zu erkennen und herauszufinden, wozu man in schwierigen Situationen in der Lage ist. Es geht darum, wer wir wirklich sind – und zwar unabhängig von äußeren Umständen – und was wir wollen. Ein Zuhause. Liebe. Eine Zukunft. Was sonst zählt im Leben?

Ich hoffe, Sie mögen Parker und James, und falls Sie Fang des Tages gelesen haben, freuen Sie sich bestimmt auf ein Wiedersehen in Gideon’s Cove.

Viel Spaß mit dem Buch!

Kristan

DANKSAGUNG

Wie immer bin ich dankbar für die wunderbare Freundschaft und das unermessliche Engagement meiner Agentin Maria Carvainis, genauso wie für ihren unerschütterlichen Einsatz. Vielen, vielen Dank an mein fantastisches Team bei Harlequin: Keyren Gerlach, Tara Parsons, Margaret O’Neill Marbury und Michelle Renaud. Ich bedanke mich bei der außerordentlichen Marketing- und Digital-Gang, all den liebenswerten Vertriebsmitarbeitern und vor allem bei Donna Hayes, die es so aussehen lässt, als wäre es ein Kinderspiel, ein riesengroßes Unternehmen zu leiten – und dabei unglaubliche Schuhe trägt.

Viel Liebe und großen Dank an die unendlich talentierte Kim Castillo von Author’s Best Friend und an die brillante Sarah Burningham von Little Bird Publicity, die beide immer so fröhlich, hilfsbereit und freundlich sind!

Für ihren Einsatz bedanke ich mich bei Huntely Fitzpatrick, Shaunee Cole, Kelly Morse und Karen Pinco. Ihr alle seid witzig, klug und umwerfend. Außerdem bedanke ich mich bei der vergnügten Autorengruppe, besser bekannt als CTRWA, danke für eure Liebe und Unterstützung. Mein Dank auch an Jackie Decker, meine BBF (best buddy forever!) und Schwägerin (die Holy Rollers und Ark Angels waren ihre Ideen, beschweren Sie sich bei ihr!). Danke meiner Mom dafür, dass sie uns als Kindern so oft die Geschichte von Mickey the Fire Engine erzält hat … den Nervenkitzel habe ich nie vergessen! Ein dickes Dankeschön gilt meinem Schwager Brian Keenan, Esq., wegen seiner Hinweise zu rechtlichen Aspekten (für jeden Fehler bin ausschließlich ich verantwortlich).

Claire Shanahan Bacon hat Parkers Hund getauft (Beauty), dessen Persönlichkeit sich aus diesem Namen entwickelt hat. Maura Fehon war meine wunderbare und schwer arbeitende Sommerpraktikantin – danke, Liebes!

Ich bin sehr froh, so viele Autoren als Freunde zu haben, aber dieses Mal bedanke ich mich vor allem bei Robyn Carr, Susan Andersen, Jill Shalvis, Cindy Gerard, Joan Kayse und Elizabeth Hoyt. Mein besonderer Dank geht an Robyn, von der ich einen bestimmten anzüglichen Ausdruck geklaut habe, den Lavinia benutzt. Wenn Sie ihn lesen, wissen Sie, wovon ich spreche.

Ich bedanke mich bei meinen zwei wundervollen Kindern, die mit jedem Jahr noch entzückender werden, und bei meinem geduldigen Ehemann, der die Liebe meines Lebens ist, auch noch nach all diesen Jahren … vor allem nach all diesen Jahren.

Und bei Ihnen, liebe Leserinnen, für die Briefe und Nachrichten, die mir so viel Freude bereiten … ich danke Ihnen von ganzem Herzen.

Dieses Buch ist meiner Tochter Flannery gewidmet.
Sie ist mein Schatz, mein Glück und mein Herz.

2. KAPITEL

James Cahill, auch bekannt unter dem Namen Dings eins, schloss die Augen. Sicher, er war nicht gerade ein Fan von Parker Welles, aber trotzdem … Zu hören, wie gefühllos Harry ihr gesagt hatte, dass sie bankrott waren, wie … kalt. Ihre Freundin hatte leise aufgeschrien. Davon abgesehen herrschte Schweigen.

Er betrachtete Parker, die Prinzessin. Sie rührte sich einen Moment lang nicht, dann strich sie sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, das an der Spitze leicht rot zu werden schien. Das Profil ihm zugewandt, saß sie reglos da. Einen Augenblick später schlug sie die Beine übereinander. Besagte Beine waren perfekt – lang, schlank, wohlgeformt. Nicht, dass er überhaupt hinsehen sollte – sie hatte ihn schon einige Zeit zuvor ziemlich eindeutig in seine Schranken gewiesen, und außerdem erfuhr sie gerade von ihrem finanziellen Ruin. Aber Mann, diese Beine waren einfach unglaublich.

„Pleite?“, fragte sie und räusperte sich dann.

„Das ist richtig.“ Harry tätschelte die Schlange. „Du hast das Wort schon einmal gehört, vermute ich?“

James wurde klar, dass Apollo eine Art tröstendes Schmusetier für Harry war. Und dem fiel es offenbar leichter, seiner Tochter die Neuigkeiten zu überbringen, wenn er gleichzeitig etwas anderes ansehen konnte. Die Atmosphäre zwischen den beiden war immer furchtbar angespannt. James hasste es, Familienfeiern der Welles’ besuchen zu müssen, aber wenn Harry ihn einlud, blieb ihm nun einmal nichts anderes übrig. Das war das Mindeste, was er machen konnte, bei allem, was Harry für ihn getan hatte. Angenehm war es deswegen aber noch lange nicht.

Parker holte tief Luft, ihre Brüste hoben sich unter der Seidenbluse. Sehr hübsch. Konzentrier dich, du Idiot! Aber das war nun mal das Problem, wenn ein heterosexueller Mann mit einer schönen Frau in einem Raum saß. Selbst mit einer, die ihn ständig herunterputzte.

„Was ist passiert, Dad?“, fragte sie, ihre Stimme sanfter, als er sie je zuvor gehört hatte. Außerdem glaubte er nicht, dass sie ihren Vater in den vergangenen sechs Jahren jemals „Dad“ genannt hatte.

Harry schob Apollo auf seinen anderen Arm. „Nur ein kleiner Stolperstein auf unserem Weg. Aber im Augenblick haben wir kein Geld mehr.“

„Kein Geld mehr …“

„James, klären Sie sie auf.“

„James, warum klären Sie sie nicht auf?“, echote Vernon wie ein Papagei.

Richtig. Es war Zeit, sich sein Geld zu verdienen. „Okay, na ja, es ist ein wenig kompliziert“, begann er.

Sie warf ihm einen rasiermesserscharfen Blick zu. „Versuch es. Ich habe einen Harvardabschluss.“

So viel zum Thema harte Schale, weicher Kern. Gott bewahre, dass er diese Elite-Uni auch nur eine Sekunde lang nicht zu würdigen wusste. James selbst war auf die Boston University gegangen. Einmal hatte er mit einer Harvardstudentin geflirtet und ihr gesagt, dass er auf der BU wäre. „Wo ist denn das?“, hatte die gefragt. Denn wer in Harvard war, für den existierten andere Hochschulen nicht.

Aber sie war trotzdem mit ihm nach Hause gegangen.

„Magna cum laude“, fügte Parker hinzu.

„Sollte ich mich vielleicht hinknien?“, fragte er sarkastisch. Harry stieß einen verächtlichen Laut aus, und Parkers Lippen wurden ganz schmal. Gar nicht cool. James wollte nicht, dass es zu einer offenen Konfrontation kam. Dafür war jetzt wirklich nicht der richtige Augenblick.

Parkers Freundin räusperte sich. „Ähm, Parks, soll ich vielleicht schon mal, ähm, mit dem Abendessen anfangen?“

„Mir wäre es lieber, wenn du bleibst“, gab Parker entschieden zurück, und ihr Tonfall duldete keinen Widerspruch. „Bitte fahr fort, Dings eins.“

Ja, Majestät. „Wie es scheint, ist Harry ein zu großes geschäftliches Risiko eingegangen.“

Parker sah zu ihrem Vater, der nach wie vor seine Schlange streichelte. „Ach Harry.“

„Lass ihn ausreden“, sagte Harry, ohne den Blick von Apollo zu wenden.

James verlagerte das Gewicht. „Harry hat eine beträchtliche Investition bei einem Unternehmen getätigt, über das er Insider-Informationen hatte …“

„Ich weiß, was Insider-Geschäfte sind“, sagte sie.

„… und das war nicht in Ordnung, aber eher in der Hinsicht, dass die Ergebnisse nicht so waren wie erwartet.“ Okay, jetzt kam der schwierige Teil. „Um die Verluste der Investoren zu decken, musste dein Vater, na ja, bestimmte Aktivposten liquidieren.“

Sie blinzelte, und James verspürte einen Hauch von Mitgefühl, als sie zu begreifen begann. „Welche Aktivposten, Harry?“, fragte sie gefährlich ruhig.

Harry schaute auf den Python. „Deinen Treuhandfonds.“

Mit zusammengekniffenen Lippen betrachtete sie ihre Hände. „Den hat Opa für mich eingerichtet.“

„Ja, und ich habe ihn verwaltet“, entgegnete er bissig. Eine Pause entstand, die Standuhr in der Ecke tickte bedrohlich laut. „Nickys ebenfalls“, fügte Harry etwas sanfter hinzu.

James konnte nicht verhindern, dass er zusammenzuckte. Es musste wehtun, zu hören, dass der eigene Vater einen verraten und verkauft hatte. Und sein Enkelkind noch dazu.

„Du hast deinem Enkel das Treuhandvermögen gestohlen, Harry?“ Ihre Stimme klang jetzt etwas schriller.

Harry presste die Lippen aufeinander. „Ich bin der Vermögensverwalter der Welles-Familie, Parker, wie du sehr gut weißt. Ich habe das Vermögen nur kurzfristig liquidiert.“

„Kurzfristig liquidiert“, wiederholte Vernon und grinste dabei wie ein Idiot. James hatte beinahe vergessen, dass der andere Mann anwesend war.

Wie kurzfristig?“

„Yo!“, erklang eine Stimme. Ein Typ in Overall und mit struppigem Haar stand in der Tür. „Hallo, Leute, sorry. Ist das hier das Welles-Anwesen?“

„Ist es“, antwortete Harry.

„Ist ja der Hammer, Mann! Wirklich nett! Also, wir sind sozusagen die Möbelpacker. Ich fang mal im Spielzimmer an, okay?“

„Billardraum“, murmelte Harry.

Der Möbelpacker lachte. „Klar, total! Colonel Mustard im Billardraum mit dem Kerzenständer wie bei Cluedo! Hey, Kumpel, ist das eine Schlange? Nett! Okay, ich geh mal besser. Das Haus ist verdammt riesig! Bis später!“

Mit offenem Mund starrte Parker ihm hinterher. „Die holen schon die Sachen ab? Ich … wow, Harry. Du fackelst wirklich nicht lange.“

Ihr Gesicht war kreideweiß geworden, und James wünschte, er könnte es für sie irgendwie – nun – leichter machen. „Parker, alles, was du für dich oder Nicky oder dieses Haus gekauft hast, gehört dir. Alles andere fällt, wie ich fürchte, unter Harrys Güter, die das FBI beschlagnahmt hat. Der Investor weiß, dass ihr hier wohnt, und gibt dir etwas Zeit, um zu … äh … packen.“

„Mein Gott.“ Sie massierte ihren kleinen Finger und sah ihre Freundin an, die zu Eis erstarrt schien.

„Es wird alles gut“, murmelte Lucy automatisch.

Harry räusperte sich. „Wie du dir denken kannst, gefällt es mir auch nicht gerade, dass diese Geier über mein Hab und Gut herfallen. Ich werde mir alles zurückholen.“

„Wirklich“, sagte sie schwach.

„Irgendwann. Meine Handlungsfähigkeit ist ein wenig … eingeschränkt in der nächsten Zukunft.“

„Ein wenig eingeschränkt, in der Tat“, wiederholte Vernon.

So konnte man es auch ausdrücken. James rieb sich die Stirn. Da brauten sich böse Kopfschmerzen zusammen.

„Also.“ Parker schüttelte den Kopf. „Was mein und Nickys Treuhandvermögen anbelangt, brauchst du da nicht meine Unterschrift, um es … einfach aufzulösen? Es muss doch noch etwas übrig sein.“

Nein. Da war nichts mehr, und Harry hatte nur James gebraucht, um die entsprechenden Papiere aufzusetzen. Ziemlich blauäugig von Parker, so viel stand fest. Seit ihrem achtzehnten Geburtstag hätte sie jederzeit die volle Kontrolle über ihr Geld haben können. Und als ihr Sohn geboren wurde ebenfalls.

Doch sie hatte nie etwas in dieser Richtung unternommen.

„Deine Unterschrift wurde nicht benötigt“, sagte Harry. „Genauso wenig deine Zustimmung.“

„Ihre Zustimmung wurde nicht benötigt“, sagte Vernon und nickte fröhlich. Irgendwo im Haus hörte man einen lauten Schlag und ein Fluchen.

Parker holte tief Luft. „Wow, Harry. Also ist alles weg? Das war eine Menge Geld.“

„Ja, Parker!“, blaffte Harry sie an. „Ich sage es nur ungern, aber du wirst eine Zeit lang selbst zurechtkommen müssen. Bis ich einige der Verluste wieder hereingeholt habe.“

„Und was denkst du, wie lange das dauern wird?“

Wieder sah Harry den Anwalt an.

„Das ist im Moment noch nicht klar“, erklärte James. „Dein Vater wird am Montag verurteilt.“

Entsetzt schlug Parker sich die Hand vor den Mund. „Oh, Dad. Kann ich irgendwas tun?“

„Was denn zum Beispiel, Parker?“, fragte er.

„Ich … ich weiß nicht.“

„Ich komme zurecht. Ich habe eine großartige Mannschaft.“

„Eine großartige Mannschaft!“, stimmte Vernon ihm zu.

Lucy erhob sich von ihrem Stuhl am Fenster, um sich neben Parker zu stellen, und nahm ihre Hand. Gutes Mädchen, dachte James. Parker würde ihre Freunde brauchen, und soweit er das beurteilen konnte, standen Lucy und diese Ausgeburt an Perfektion namens Ethan Mirabelli ihr am nächsten. Zumindest war es ihm bei diesen gefürchteten Familienfeiern immer so vorgekommen.

„Ach, das ist wirklich nichts Großes“, sagte Harry. „Ich bin nicht mal sicher, dass ich wirklich ins Gefängnis muss.“

James war davon allerdings felsenfest überzeugt. Oh ja. Harry musste mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren rechnen. Sein Fall war nicht ganz so schlimm wie einige andere Wall-Street-Desaster in der letzten Zeit, aber die Sache war eindeutig. Und nach Bernie Madoff und der Occupy-Bewegung war kein Richter mehr dumm genug, einen Fall wie diesen mit Nachsicht zu behandeln.

„Wie ich schon sagte, du musst ausziehen“, fügte Harry hinzu. „Ich hoffe, du nimmst Apollo mit.“

Manchmal fragte James sich wirklich, was, zum Teufel, eigentlich mit Harry los war. Er mochte diesen Typen, ja. Aber in Gegenwart seiner Tochter führte er sich immer wie ein Riesenidiot auf. So wie jetzt.

Parkers Stimme klang hart. „Ich soll Apollo mitnehmen? Du machst dir Sorgen um deine Schlange, Harry? Was ist mit deinem Enkel? Dem Enkel, den du bestohlen hast? Wo soll ich deinen Enkel unterbringen, Harry?“

„Sein Vater würde ihn sicher nehmen.“

„Ich werde mich nicht von meinem Sohn trennen!“, rief sie aus. Ihre Ohren waren inzwischen feuerrot.

„Ihr könnt beide bei uns wohnen, Parker“, sagte Lucy. „Wir bekommen das schon hin.“

„Nein! Danke, Lucy, aber nein. Harry, Ethan und Lucy haben gerade erst geheiratet. Ich werde nicht bei ihnen einziehen! Was ist mit deinem Apartment? Du könntest es verkaufen und …“

„Parker“, sagte James, so sanft er konnte. „Die Börsenaufsichtsbehörde hat das komplette Vermögen deines Vaters konfisziert. Das Apartment, dieses Haus, das Haus in Vermont … alles.“

Sie sah aus dem Fenster. „Das war’s dann mit dem Steinway. Heilige Scheiße.“ Sie schluckte, dann sah sie James ausdruckslos an. „Wann muss ich ausziehen?“

„Eure Privatzimmer kommen zum Schluss dran“, sagte er. „Du hast Zeit bis Ende des Monats.“

„Dieses Monats?“

„Dieses Monats“, bestätigte Vernon.

Wieder knetete sie ihren kleinen Finger. „Okay. Na ja, das ist … ich hatte sowieso darüber nachgedacht, in eine kleinere Wohnung zu ziehen.“

„Kleinere Wohnung. Keine schlechte Idee“, murmelte Vernon, und James hätte ihm am liebsten den Mund zugeklebt.

„Ich ruf mal eben Ethan an, okay, Parker?“, fragte Lucy.

„Okay“, antwortete Parker leise.

„Hör mal“, meinte Lucy jetzt etwas entschlossener. „Du musst da nicht allein durch. Okay? Ich hab etwas Geld auf die Seite gelegt, und du würdest dasselbe für mich tun. Wir sind eine Familie.“

Harry stieß einen verächtlichen Laut aus.

„Halten Sie die Klappe, Harry“, zischte Lucy. „Sie sollten dankbar sein, dass Parker Freunde hat, nachdem ihr eigener Vater ihr so etwas antut.“

Eins zu null für Team Lucy.

„Danke, Luce“, sagte Parker. „Ist schon gut. Ich krieg das hin. Aber klar, ruf Ethan an. Sag ihm Bescheid.“

Woraufhin der Tugendbold wahrscheinlich auf seinem weißen Hengst die Auffahrt hinaufgaloppieren und die Mutter seines Kindes retten würde. Was Parker wiederum zweifellos toll finden würde. James seufzte.

Harry starrte den Python an, und James dachte nicht zum ersten Mal, um wie viel angenehmer es in der Welles-Familie zugehen würde, wenn Harry seiner Tochter nur ein Mal dieselbe Aufmerksamkeit schenken würde wie dieser Schlange.

„Mein Treuhandvermögen ist also weg“, sagte sie. „Aber am Aktienmarkt sieht es momentan gar nicht so schlecht aus. Wie steht’s um mein Portfolio?“

Harry sah sie nach wie vor nicht an. „Dein gesamter Besitz bei Welles Financial ist im Augenblick nicht verfügbar.“

„Nicht verfügbar?“

„Ich hole es mir zurück, Parker“, stieß Harry wütend hervor. „Im Moment hast du noch dein Bankkonto. Irgendwelche sonstigen Ersparnisse?“

„Nein! Du hast mir doch gesagt, dass an der Börse spekulieren besser ist als … ach, was rede ich da? Du bist ein Verbrecher. Ich habe auf den Rat eines Verbrechers gehört. Guter Gott. Hätte ich mal besser Bargeld unter die Matratze gestopft.“ Parker lachte verzweifelt auf.

Offensichtlich wurde ihr so langsam die ganze Tragweite bewusst. Sie fuhr sich mit einer Hand durch das lange Haar.

„Ich kann mir ja noch vorstellen, dass du mein Geld genommen hast“, sagte sie. „Aber Nicky zu bestehlen! Das ist wirklich unterste Schublade, Harry. Selbst für dich.“

„Es war nötig“, fuhr er sie an.

„Wofür? Um deinen Hintern zu retten?“

James hob die Hände. „Okay, okay, lass uns einfach … wir sollten uns alle erst mal beruhigen. Das war jetzt ganz schön viel auf einmal. Dein Vater hat einen Fehler gemacht …“

„Wie viel hat er verloren, Dings eins?“, fragte sie unvermittelt.

James zögerte.

„Oh, verstehe.“ Wenn Blicke töten könnten, würde James jetzt in einer Blutlache auf dem Boden liegen. „Du wusstest es die ganze Zeit. Nun. Ich höre.“

„Du hast sechstausend Dollar auf deinem Girokonto. Und da es auf deinen Namen läuft, kannst du frei darüber verfügen.“

„Ich muss mal telefonieren“, sagte Harry, nahm die Schlange vom Arm und legte sie zurück ins Terrarium. „Vernon, bitte kommen Sie mit. Ich brauche die Informationen über den Kurs des Arzneimittelunternehmens. James, bitte klär Parker über den Rest auf.“

„Da gibt es noch mehr? Willst du mich jetzt vielleicht mit einem Gummischlauch verprügeln, Dings eins? Kann’s kaum erwarten.“

Die Bürotür wurde geschlossen, und nun war James allein mit Parker. Und Apollo.

Nein, nicht allein. Der Möbelpacker kam zurück. „Ist es okay, wenn wir mit dem Esszimmer beginnen? Das ganze Porzellan einzupacken wird eine Weile dauern. Es ist wirklich hübsch! Teuer, würde ich wetten.“

„Ja, machen Sie nur“, sagte Parker. Als er wieder gegangen war, sah sie James an. „Wandert Harry wirklich ins Gefängnis?“

James musste gestehen, dass er mit dieser Frage nicht gerechnet hatte.

„Ja. Er war heute Morgen beim Staatsanwalt und hat ein Geständnis abgelegt, deswegen ist es bisher auch noch nicht in den Nachrichten gekommen. Montagmorgen jedoch …“

Sie warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. „Er hat gestanden? Das klingt gar nicht nach ihm.“

James betrachtete seine Hände. „Ja.“ Wieder hörte er die Uhr ticken.

Parker seufzte. „Also, all das Zeug … Opas Boot und die Gemälde und Omas Porzellan … gehört uns denn gar nichts mehr?“

Er drehte sich zu ihr. „Alles in diesem Haus, was du selbst gekauft hast, gehört weiterhin dir. Deine Kleider, Bilder, dein Auto und alles, was du für deinen Sohn gekauft hast. Doch mit dem Rest werden die Verluste von Harrys Investoren gedeckt.“

„Also auf den Punkt gebracht: Ich habe keine Ersparnisse, kein Portfolio, kein Treuhandvermögen, und wir müssen ausziehen.“

„Harry konnte weitere fünftausend Dollar für dich zurückbehalten.“ James öffnete seine Aktentasche – ein Geschenk von Harry – und reichte ihr einen Umschlag, den sie automatisch entgegennahm. „Du hast auch etwas eigenen Schmuck, richtig?“

„Ich schätze schon“, murmelte sie. James wusste ganz genau, was sie besaß, denn alles war ordentlich für die Versicherungen aufgelistet. Nichts Spektakuläres – ein paar alte Perlenketten, ein paar Anstecknadeln von ihrer Großmutter. Alles in allem waren die Stücke vielleicht noch ein paar Tausend Dollar wert. Parker war nicht der Typ, der sich mit Diamanten behängte oder teure Möbel oder einen Sportwagen kaufte – sie fuhr einen Volvo Cross Country, der bereits fünf oder sechs Jahre alt war. Auch reiste sie nicht viel. Sie kam da mehr nach den ehemaligen Welles-Generationen, die ihr Vermögen still und ohne viel Aufheben genossen hatten.

Harry war ganz anders – er wollte die Welt wissen lassen, wie viel er besaß, indem er jeden Cent ausgab.

Und obwohl sie ihm vor Jahren einmal sozusagen seine Eier auf einem Silbertablett serviert hatte, tat sie ihm wirklich leid. „Ich weiß, das alles ist ein bisschen viel auf einmal“, sagte er sanft, doch sie brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

„Und ich schätze, du hättest mich nicht vorwarnen können, Dings eins.“

„Nein. Tut mir leid. Anwaltliche Schweigepflicht.“

„Hoffe, dass du nachts gut schlafen kannst.“

„Fahren wir fort“, sagte James. „Dir gehört das Haus in Maine.“

„Welches Haus in Maine?“

Diese Reichen, also ehrlich. „Deine Großtante Julia Harrington hat dir vor sechs Jahren ein Haus hinterlassen. Klingelt’s jetzt?“

Sie runzelte die Stirn. „Ach du liebe Zeit, richtig. Ich war gerade mit Nicky schwanger, als sie starb. Wo ist es? Ich habe es nie geschafft, einmal hinzufahren.“

James setzte ein neutrales Gesicht auf. Wie konnte man vergessen, ein Haus geerbt zu haben? „Das Haus liegt in Gideon’s Cove.“ Er reichte Parker den Aktenordner. „Nördlich von Bar Harbor.“ Er kannte die Stadt … oder hatte sie einmal gekannt. Sein alleinstehender Onkel besaß dort eine Bar, und James hatte als Jugendlicher ab und zu die Sommerferien bei ihm verbracht.

„Das könnte ich also verkaufen, richtig?“ Parkers Gesicht hellte sich ein wenig auf. „Ich könnte es verkaufen und mir dadurch ein finanzielles Polster schaffen?“

„Ja, das könntest du“, antwortete James. Er wusste nicht, welches Haus ihr gehörte, obwohl er eine Kopie der Besitzurkunde hatte. Wenn er sich richtig erinnerte, gab es auf dem Shoreline Drive ein paar ganz nette Häuser.

„Gut.“ Sie schwieg einen Moment. „Dann sehe ich es mir an, wenn Ethan und Lucy mit Nicky in Urlaub fahren. Bisschen frische Farbe drauf, und dann kann ein Immobilienmakler es anbieten.“

„Klingt nach einem Plan.“ Aus eigener Erfahrung wusste er, dass das Leben selten so einfach verlief, aber er wünschte es ihr.

„Du hast sie an das Haus erinnert?“, fragte Harry, als er ins Büro zurückgeschlendert kam.

„Ja, Sir“, bestätigte er.

„Gut. Parker, James kennt die Gegend. Er wird mit dir fahren und sich das Grundstück ansehen.“ Bitte nicht, dachte James. Und sie wird auch nicht scharf darauf sein.

„Nein, wird er nicht“, gab Parker zurück. „Aber trotzdem danke, Dings eins.“

„Sei nicht albern“, zischte Harry. „Du brauchst Hilfe.“

Parker wandte sich an James, ihr Blick in etwa so freundlich wie der von Apollo. „Dings eins, es ist unglaublich freundlich von meinem Vater, mir deine Hilfe anzubieten, aber danke, nein.“

„Schön“, sagte Harry. „Mach, was du willst. Das machst du ja immer. Wir hören voneinander.“

„Harry“, begann sie, stand auf und knetete erneut ihren kleinen Finger. „Bist du sicher, dass ich nichts für dich tun kann?“

„Ich komme schon klar.“ Er warf ihr ein breites Grinsen zu, das so unecht wirkte, dass James innerlich zusammenzuckte. Dann spazierte Harry wieder aus dem Büro und wirkte dabei wie der Herrscher über die Wall Street, der er einmal gewesen war. Vernon klebte an seinen Fersen.

Und von James wurde erwartet, dass er ihnen folgte. Daher stand er auf und sah Parker an, die gerade die Schlange anstarrte. „Das alles tut mir wirklich leid, Parker“, sagte er. „Ich werde dir helfen, so gut ich kann.“

Sie schenkte ihm einen Blick, den sie in ihrem todschicken Internat gelernt haben musste. Tut mir leid, wer waren Sie noch mal …? „Spar dir das Geschleime für meinen Vater, Dings eins.“

Manche Menschen änderten sich einfach nie. „Ich habe es ernst gemeint.“

„Ich auch.“

Okay, genug von diesem Prinzessinen-Theater! „In manchen Dingen bin ich wirklich gut“, sagte er. „Wie du dich vielleicht erinnerst. Bauarbeiten gehören auch dazu.“

„Wirklich. Wie faszinierend. Auf Wiedersehen, Dings eins. Und sag meinem Vater, dass ich die Schlange nicht mitnehmen werde.“

James verharrte noch einen Moment, hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen – sein liebster Zeitvertreib – und dem Wunsch, ihr irgendwie zu helfen. Ganz davon abgesehen, dass er aus diesem Winkel einen recht guten Blick auf ihren Ausschnitt hatte. Eine fantastische Aussicht.

Für dich ist alles nur ein Spiel, oder?, hörte er die Stimme seines Vaters fragen.

Das war schwer zu leugnen. „Übrigens, mir gefällt dein letztes Holy-Rollers-Buch“, fügte er hinzu.

„Dann ist dein IQ sogar noch niedriger, als ich dachte.“

Er musste lächeln. Parker sah weg. „Ruf mich am Montag an, und sag mir, was mit ihm geschieht.“

„Mach ich.“ Er nahm seine Aktentasche. „Wir sehen uns in Maine.“

Sie warf ihm einen eisigen Blick zu. „Nicht wenn ich dich zuerst sehe. Das Waffenrecht ist ziemlich eindeutig in Bezug auf Eindringlinge auf privaten Grundstücken.“ Dazu sagte er nichts. „Geh, Dings eins. Dein Herr und Meister wartet.“

James gehorchte. Etwas anderes konnte er auch gar nicht tun.

Zumindest im Moment nicht.

3. KAPITEL

In den folgenden zwei Wochen hatte Parker sich, wie sie fand, ziemlich gut gehalten. Sie war immerhin Mutter … und da lief man nicht fluchend und heulend durch die Gegend. Außerdem war Lucy an diesem ersten Wochenende einfach unglaublich gewesen, hatte ihr über den ersten Schock hinweggeholfen und war mit ihr durchs Haus gelaufen, um festzulegen, was genau ihr eigentlich gehörte. Alles andere schafften die Möbelpacker weg.

Viel blieb ihr nicht. Ihr Mac natürlich. Ein paar Möbelstücke, einige Bilder und ansonsten – eine Vase, einige Kissen, nichts besonders Wertvolles.

„Du weißt, dass ich dir mit Geld aushelfen kann“, meinte Lucy mindestens zum fünfzehnten Mal. „Da ist Jimmys Lebensversicherung und …“

„Vielen Dank, wirklich“, sagte Parker. „Aber weißt du was? Es ist schon okay. Schockierend zwar, aber Ethan hat ja ziemlich viel Geld für Nickys College zur Seite gelegt, und ich werde das Haus in Maine renovieren. Dann habe ich etwas Geld und kann neue Bücher schreiben. Oder mir irgendeinen Job besorgen.“

Sie lächelte entschlossen und versuchte nicht daran zu denken, dass sie a) den Rat ihres Vaters, Wirtschaft zu studieren, ignoriert und stattdessen zwei lächerliche und auf dem Arbeitsmarkt unbrauchbare Abschlüsse gemacht hatte – Literatur war schon schlimm genug, aber Ethik? Ethik? – und dass sie b) seit den Holy Rollers überhaupt keine Idee für eine neue Buchserie gehabt hatte. Sie hatte wirklich den schlechtesten Zeitpunkt gewählt, um den kleinen Mistkröten ihre Flügel und Heiligenscheine zu verpassen. Stattdessen hätte sie die Kleinen noch unendlich lange melken können.

Aber ganz ehrlich, nach dem ersten Schock war sie einfach nicht in der Lage, sich zu beklagen. Fünfunddreißig Jahre lang hatte sie mehr Privilegien und Reichtum genossen als achtundneunzig Prozent der Menschheit. Wenn sie Berichte über die Occupy-Bewegung im Fernsehen sah, fand sie, dass die Leute irgendwie recht hatten.

Und nun war es eben an der Zeit, das Leben einmal von einer weniger rosigen Seite kennenzulernen. Jetzt ging es ihr wie jedem normalen Mensch auch. Laut Lucy sogar besser, denn sie hatte etwas mehr als elftausend Dollar auf dem Bankkonto, keine Schulden und ein Haus an der Küste von Maine. Wenn man die Maßstäbe von Paris Hilton anlegte, dann war sie bettelarm. In Wahrheit aber ging es ihr recht gut.

„Ich werde es vermissen, dich hier zu besuchen“, sagte Lucy, die gerade einen Pulli zusammenlegte. „Schätze, ich muss mir jetzt eine andere Freundin mit Villa suchen.“

Parker lächelte, dankbar für Lucys Versuche, die ganze Sache nicht zu ernst werden zu lassen, ganz zu schweigen davon, dass sie ihr beim Packen half. Lucy war sehr ordentlich. „Viel Glück dabei.“

„Wie kommt Nicky damit zurecht?“

„Na ja, du weißt ja, wie er ist. In der einen Minute findet er es toll, dass wir umziehen, und am nächsten Tag weiß er schon nicht mehr, warum wir packen. Ich glaube nicht, dass er wirklich verstanden hat, dass wir nicht mehr zurückkommen. Aber ich hatte mir sowieso schon überlegt, auszuziehen. Jedenfalls kann ich ihm das leichter erklären als die Tatsache, dass mein Vater ins Gefängnis muss.“

„Zu Ethan hat er gesagt, dass sein Opa sich eine Auszeit nimmt.“

„Ja, so habe ich es ihm erklärt. Dass er verreist, um darüber nachzudenken, dass man nach den Regeln spielen muss und nicht habgierig sein darf.“ Sie erschauderte. „Nicky hat es trotzdem ziemlich schwer genommen. Aber Harry wird bestimmt wegen guter Führung oder so was in ein paar Jahren wieder draußen sein.“ In ein paar Jahren. Oh, Mann.

„Und wie geht es dir damit, Parker? Ich weiß zwar, dass du mit deinem Vater nicht wirklich gut auskommst, aber trotzdem.“

„Ja. Aber trotzdem.“ Sie warf Lucy einen schnellen Blick zu. „Ich weiß nicht. Auf der einen Seite tut er mir leid. Andererseits hat er es wirklich verdient. Und außerdem habe ich mein Leben lang vom Familienvermögen gelebt und nie wirklich darauf geachtet, wo es eigentlich herstammt. Wie auch immer, jetzt ist alles weg.“

„Das muss ziemlich hart sein.“

Parker schluckte. Es war tatsächlich hart. Die Leute von der Börsenaufsicht waren in der vergangenen Woche gekommen und hatten ihr zugestanden, ein paar persönliche Dinge zu behalten – die Ente, die ihr Großvater geschnitzt hatte, die kleine weiße Vase ihrer Großmutter, für die sie früher immer im Garten Blumen gepflückt hatte. „Ich habe ein paar Weinflaschen aus dem Keller geklaut.“

„Man muss Prioritäten setzen.“

„Ganz genau. Und sie waren nicht wirklich teuer.“

„Also, erzähl mir von diesem Haus in Maine. Ich stelle es mir so ein bisschen vor wie das Sommerhaus von Präsident Bush im Süden. Also ein wenig wie dieses Grundstück hier nur mit grauen Schindeln?“

Parker stieß einen unwilligen Laut aus. „Ich weiß es nicht. Ich habe meine Großtante nur ein paar Mal getroffen. Du weißt ja, dass meine Mutter mich ständig zu einem neuen Stiefvater gezerrt hat. Wenn wir mal ein Familienfest hatten, bekam immer irgendjemand einen Nervenzusammenbruch. Es gab keine Picknicks, keine Lagerfeuer, keine Onkel, die sich als Weihnachtsmann verkleidet haben. Eine meiner wenigen Erinnerungen an Tante Julia ist, wie sie mich aufforderte, zu rauchen, damit ich nicht fett werde. Zu der Zeit war ich ungefähr dreizehn.“ Sie lächelte Lucy kläglich an.

„Himmel, Parks! Wie kommt es, dass du so normal bist?“

„Bin ich wahrscheinlich nicht“, gestand sie und warf ein Paar Strümpfe in den Koffer.

„Du triffst deine Verwandten also fast nie, erbst aber ihre Sommerhäuser.“

„Ja. Das ist unsere Art, mit Schuldgefühlen und Familienverpflichtungen umzugehen. Sozusagen als Ausgleich für generationenlangen Streit, Alkoholismus und Vernachlässigung.“

„Warst du nie neugierig auf das Haus?“

Parker zuckte die Achseln. „Na ja, als Julia starb, war ich im neunten Monat schwanger. Und dann diese Koliken – erinnerst du dich? Ich konnte ein halbes Jahr lang praktisch nicht mal meinen eigenen Namen aussprechen. Also, die Wahrheit ist, dass ich das Haus sozusagen vergessen hatte.“ Parker zog den Reißverschluss des Koffers zu. „Ich habe bei Google nach der Adresse gesucht, aber nicht viel mehr als einen Fleck auf der Landkarte gefunden. Es sind keine Satellitenfotos verfügbar. Offenbar habe ich dort noch Cousinen und Cousins dritten Grades, das meinte jedenfalls meine Mom. Ich habe ihnen eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.“

„Es ist doch großartig, dass du da jemanden in der Nähe hast.“

„Ich weiß. Ich habe Bilder von der Stadt gesehen, die ist wirklich hübsch, Lucy. Wie auf einer Postkarte. Und ich weiß, dass das Haus Meerblick hat, also kann es so schlimm ja nicht sein.“

„Richtig. Es ist bestimmt wunderschön.“

„Also fahre ich da mal schnell hin, gebe etwas Geld für die Renovierung aus, komme wieder zurück, suche uns eine Wohnung, und dann sollte alles erledigt sein, bevor Nicky in die Schule kommt.“ Sie legte einen Kaschmirpulli zusammen. „Das wird witzig. Und es wird mir bestimmt guttun.“

„Und was ist mit deiner neuen Buchserie? Meinst du, du kommst dort zum Schreiben?“

Die Eine-Million-Dollar-Frage. „Das hoffe ich. Ich dachte, der Prozess meines Vaters würde den Verkäufen schaden. Aber nein. Ganz im Gegenteil, und jetzt ist mein Verleger ganz wild darauf, dass ich schnell mit einer Idee komme, bevor unsere traurige Berühmtheit wieder verblasst. Kannst du dir das vorstellen?“

„Na ja, das ist doch gut, schätze ich. Dass du gefragt bist.“

„Ja.“ Das war gut. Aber schade, dass sie über eine weitere kitschig-süße Serie nachdenken musste, statt ein außergewöhnliches, großartiges und berührendes Wilbur-und-Charlotte-artiges Meisterstück zu verfassen. Auf die richtige Einstellung kommt es an, schimpften die Holy Rollers. „Ich freue mich darauf, endlich wieder loszulegen.“

Schon besser!, jubelten die Holy Rollers. Dieser Tage waren sie ungefähr zwölf Jahre alt und kicherten ziemlich viel.

„Also, ich habe darüber nachgedacht.“ Lucy warf ihr ein Lächeln zu. „Drei Wochen lang kinderlos … du solltest dir eine kleine Affäre gönnen.“

Parker winkte ab.

„Nein, nein! Das wäre doch toll! Eine Sommerromanze mit irgendeinem heißen Segler oder einem Fischer. Ich denke da an George Clooney in Der Sturm …“

„Der stirbt am Ende.“

„Du könntest schwimmen, Hummer essen und tun, was man halt in Maine so tut. Aber gönn dir mal was, Parker. Such dir einen heißen Sommerflirt, Mädchen! Was sagst du?“

„Ich kann nicht glauben, dass ausgerechnet du so was vorschlägst.“

„Hör mal, du hast doch selbst zugegeben, acht Mal Neil Patrick Harris’ Rede bei den Emmy Awards angeschaut zu haben.“

„Inzwischen schon elf Mal, um genau zu sein. Und ich bin sicher, er würde meinetwegen heterosexuell werden.“

„Ja, okay, wir alle haben unsere Träume. Aber eine Affäre wäre wirklich toll. Parks! Jetzt komm schon. Wer war der letzte Typ, mit dem du geschlafen hast, Parker?“

„Kein Kommentar.“

„Ach, verdammt. Etwa Ethan?“

Parker zuckte zusammen. „Nein. Nicht Ethan.“

„Doch, es war Ethan. Oh, mein Gott. Ethan, der jetzt mit deiner besten Freundin verheiratet ist.“ Lucy schnappte sich einen anderen Pulli und legte ihn zusammen. „Das ist gleichzeitig krank und sehr traurig.“

„Bitte hör auf, mich verkuppeln zu wollen. Das passt gar nicht zu dir.“

„Richtig. Erinnerst du dich noch an diese komische Single-Veranstaltung, zu der ich letztes Jahr mit dir gehen musste? Wer hat da wen verkuppeln wollen?“

„Was bedeutet verkuppeln?“, wollte Nicky wissen, der gerade ins Zimmer stürzte.

„Ja, meine Damen, was bedeutet das?“, fragte Ethan mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Das ist so eine Erwachsenensache“, antwortete Parker. „Hat auch etwas damit zu tun … ähm … Babys zu machen.“

„Krass“, sagte Nicky.

„Ganz genau.“ Lächelnd sah Parker Lucy an.

Affäre, formte Lucy mit den Lippen.

„Daddy hat mich nicht gefunden“, verkündete Nicky, sprang aufs Bett und wälzte sich auf Parkers Kleidern wie ein kleines Hündchen. „Ich war in der Speisekammer, und er hat mich nicht gefunden.“

„Ich wusste überhaupt nicht, dass wir spielen, Nicky“, meinte Ethan. „Du solltest mir eigentlich antworten, wenn ich dich rufe.“

„Okay. Tut mir leid.“ Ihr Sohn begann jetzt wie auf einem Trampolin zu hüpfen. „Rate mal, Mom?“ Hüpf. „Daddy sagt …“ Hüpf. „Unser Flugzeug startet …“ Hüpf. „… in vier …“ Hüpf „… Stunden!“ Er sprang vom Bett und landete mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden. „Ich bekomme vielleicht Erdnüsse von der Kellnerin.“

Parker spürte einen Kloß im Hals und strich Nicky durchs Haar, das noch immer babyweich war. Verändere dich nicht zu sehr, während du weg bist. „Du wirst unglaublich viel Spaß haben, Schätzchen.“

„Ich weiß. Du sollst auch mitkommen.“

„Na ja, ich fahre nach Maine, das ist auch Urlaub. Und Daddy wird dich dort hinbringen, wenn ihr zurück seid. Es ist wirklich schön da. Wir können Hummer essen. Und vielleicht segeln gehen.“

„Okay. Gib Elefant einen Kuss.“ Er hielt ihr das Stofftier unter die Nase. Parker gehorchte, dann zog sie ihren Sohn in die Arme und atmete seinen Kleinjungenduft ein.

„Ich hab dich lieb, Nicky“, wisperte sie.

„Ich dich auch, Mommy“, sagte er, wand sich aus ihrer Umarmung und schien zum ersten Mal ihren Koffer wahrzunehmen. „Werden wir nie mehr hier wohnen?“, fragte er, und seine Stimme zitterte.

„Nein, Schatz, tut mir leid.“

„Aber dann will ich genau so ein Haus.“

„Wir werden in ein etwas kleineres Haus haben.“

„Ich will aber das Haus hier! Ich will hierher zurück!“

„Nicky, Kumpel“, mischte Ethan sich ein. „Dieses Haus ist wirklich groß. Hier sollten ganz, ganz viele Menschen wohnen.

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