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Ein Geschenk von Bob

James Bowen

Ein Geschenk von Bob

Ein Wintermärchen mit dem Streuner

Aus dem Englischen von
Ursula Mensah

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»Vielleicht«, dachte der Grinch, »ist Weihnachten doch keine Erfindung der Kaufhäuser.«

Dr. Seuss

»Zeit, die man mit Katzen verbringt, ist niemals verschwendet.«

Sidonie-Gabrielle Colette

Für Penny & Mark

Ich werde euch immer lieben

Für den Winters-Clan

In Momenten ohne Hoffnung schenkten mir TMB & A Sonnenlicht und Wärme

Inhalt

Vorwort

1 Goldene Pfoten

2 Der Junge hinter dem Vorhang

3 Piep, piep, piep

4 Das Wunder auf der Upper Street

5 Katzen-Smileys

6 Die Weihnachtsparty

7 Der Geist der vergangenen Weihnacht

8 Ein Geschenk von Bob

Dank

Vorwort

London, Dezember 2013

Es war zwar erst Anfang Dezember, aber auf der Weihnachtsparty in dem noblen Hotel am Trafalgar Square ging es bereits hoch her. In dem großen, verspiegelten Ballsaal hatten sich um die zweihundert Leute versammelt, und mir schlug fröhliches Stimmengewirr und Lachen entgegen. Ein Heer von schwarz-weiß gekleidetem Service-Personal verteilte Champagner, Wein und sehr appetitliche Kanapees an die Gäste. Es herrschte eine festliche Stimmung.

Einer der größten Verlage Londons hatte zu diesem Mittagsempfang geladen, und viele berühmte Autoren waren gekommen. Verwundert stellte ich fest, dass mir das eine oder andere Gesicht unter den Gästen vertraut vorkam, bis mir klar wurde, dass ich sie im Fernsehen oder in der Zeitung gesehen hatte.

Die meisten schienen sich gut zu kennen, denn sie umarmten und küssten sich bei der Begrüßung sehr herzlich. Nur ich kannte niemanden auf dieser noblen Party.

Ich fühlte mich etwas fehl am Platz unter all diesen eleganten Menschen, aber ich war wirklich eingeladen. In der Innentasche meiner Lederjacke steckte die elegante goldgeprägte Einladungskarte mit meinem Namen »plus 1«. Sie war der Beweis, und ich wollte sie mir auf jeden Fall zur Erinnerung aufheben. Außerdem hatte sich die Gastgeberin, die Geschäftsführerin des Verlags, vor ein paar Minuten, als alle Gäste eingetroffen waren, bei einigen Autoren namentlich bedankt, dass sie trotz der Kälte den Weg hierher auf sich genommen hatten. Dabei war auch mein Name gefallen. Das heißt, mein Name und der meiner »Plus 1«-Begleitung an diesem Tag.

»Und wir freuen uns besonders, James Bowen begrüßen zu dürfen, der natürlich von seinem besten Freund Bob begleitet wird«, versuchte sie den lauten Applaus zu übertönen.

Alle Köpfe schienen sich in diesem Moment nach uns umzudrehen. Wenn die Leute mich angestarrt hätten, wäre ich wohl völlig verschüchtert im Boden versunken. Aber wie so oft in diesen Tagen blieben ihre Blicke an einem Punkt irgendwo über meiner Schulter an dem schönen roten Kater hängen, der dort oben thronte und wie der Kapitän eines Piratenschiffes wohlwollend sein Reich überblickte. Er war die Hauptattraktion, wie immer.

Bob hat mein Leben gerettet, und das ist keine Übertreibung. Als wir uns sechs Jahre zuvor getroffen hatten, war er ein Streuner. Er lag verletzt im Hausflur meines Mietshauses in Nordlondon. Unsere Begegnung war der Wendepunkt in meinem bis dahin schwierigen Leben. Ich war ein Ex-Junkie, der mühsam versuchte, mit Hilfe von Methadon von den Drogen wegzukommen. Ich war achtundzwanzig Jahre alt und hatte den größten Teil der letzten zehn Jahre als Obdachloser auf der Straße oder in Obdachlosenunterkünften verbracht. Mein Leben war grau und leer. Die Verantwortung für Bob gab mir die Kraft und den Willen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Anfangs arbeitete ich noch als Straßenmusiker, später verkaufte ich die Obdachlosenzeitschrift The Big Issue, aber vor allem schaffte ich es mit Bobs Hilfe, ein drogenfreies Leben zu führen.

Bob ist die intelligenteste und einfallsreichste Katze, die mir je begegnet ist. Unsere gemeinsame Zeit, in der ich als Straßenmusiker und Zeitungsverkäufer auf den Straßen von London arbeitete, war voller Abenteuer und neuer Erfahrungen für mich. Jeden Tag lernte ich dank ihm dazu; er wies mir den richtigen Weg, gab mir einen Grund, morgens aufzustehen, wich mir nicht von der Seite – und er brachte mich wieder zum Lachen.

Sein Einfluss auf mein Leben war so groß, dass mir eine Literatur-Agentin den Vorschlag machte, ein Buch über unsere gemeinsamen Abenteuer zu schreiben. Als es im März 2012 in England herauskam, waren meine Erwartungen gering. Mit ein bisschen Glück würden sich vielleicht ein paar Hundert Bücher verkaufen. Aber zu meinem grenzenlosen Erstaunen wurde das Buch ein Bestseller, nicht nur in England, sondern auf der ganzen Welt. Allein in Großbritannien wurden über eine Million Exemplare davon verkauft. Also schrieb ich ein zweites Buch über mein Leben auf der Straße mit Bob und ein Bilderbuch für Kinder über Bobs Leben, wie es ausgesehen haben könnte, bevor wir uns trafen. Der Erfolg der Bücher war der Grund für die Einladung zu diesem besonderen Fest.

Nach den diversen Ansprachen kam die Party richtig in Schwung. Die hilfsbereiten Kellner besorgten mir zwei kleine Schüsseln, damit ich Bob etwas Futter und Katzenmilch hinstellen konnte, die ich extra für ihn mitgebracht hatte. Bob war ein Publikumsmagnet, und auch an diesem Tag war er der Liebling aller Partygäste. Laufend kamen Leute auf uns zu, um ein Foto von Bob zu machen und sich kurz mit mir zu unterhalten. Sie gratulierten mir zu meinem Erfolg und wollten wissen, wie meine Pläne für die Zukunft aussähen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich tatsächlich Pläne und war glücklich, davon erzählen zu dürfen. Besonders stolz war ich darauf, einige Obdachlosen- und Tierschutz-Organisationen unterstützen zu können. Dabei hatte ich das gute Gefühl, etwas an diejenigen zurückzugeben, die mir in schlechten Tagen geholfen hatten. Ich freute mich auch auf Weihnachten – was vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre. Ich erzählte allen, die es wissen wollten, dass ich Bob und meine beste Freundin Belle in eine Show im Westend einladen und die beiden an den Weihnachtstagen in das eine oder andere gute Restaurant zum Essen ausführen wollte.

»Dieses Weihnachtsfest wird bestimmt ganz anders als die vergangenen, oder?«, meinte eine Frau.

Ich lächelte nur und nickte. »Ein bisschen schon.«

Mit der Zeit hatte sich vor uns eine beachtliche Schlange gebildet, weil so viele Partygäste Bob streicheln wollten. Ich hatte mich immer noch nicht an diese geballte Ladung Aufmerksamkeit gewöhnt, auch wenn sie inzwischen zu unserem Alltag gehörte. Wie bei den Dreharbeiten für das japanische Fernsehen. Die hatten tatsächlich nur unseretwegen für einen Tag die Lobby eines teuren Londoner Hotels gemietet, um ungestört mit uns drehen zu können. Erst später fand ich heraus, dass das japanische Team anschließend in Japan mit Schauspielern mein Leben mit Bob nachspielen ließ, auch das war Teil der Fernsehsendung. Ich kann das bis heute immer noch nicht fassen.

Vor ein paar Monaten waren wir bei der Preisverleihung der »National Animal Awards« zu Gast gewesen, die zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlt wurde und Millionen Zuschauer hatte. Auch Bob hatte dort einen Preis bekommen. Mein neues Leben war wie ein Traum. Tag für Tag durfte ich Dinge tun, die ich mir früher niemals hätte vorstellen können. Eigentlich hätte ich permanent jemanden gebraucht, der mich in den Arm kniff, um sicherzugehen, dass ich nicht doch träumte.

Auch gegen Ende dieser Weihnachtsparty kam so ein unwirklicher Moment. Bob sah müde aus, und ich wollte gerade gehen. Als ich mich bückte, um ihm die Leine anzulegen, die er immer trug, wenn wir draußen unterwegs waren, vernahm ich hinter uns eine weibliche Stimme: »Ich wollte schon die ganze Zeit herüberkommen. Glauben Sie, er hat etwas dagegen, wenn ich ihn kurz streichle?«, fragte sie.

»Einen Moment bitte, ich will ihn nur noch anleinen«, gab ich zur Antwort. Als ich hochblickte, erkannte ich sie sofort. Es war die Kinderbuchautorin Jacqueline Wilson, eine nationale Berühmtheit in England, die Dutzende bekannter Kinderbücher geschrieben hat.

Normalerweise bin ich nicht auf den Mund gefallen, aber in diesem Moment verschlug es mir die Sprache, so verblüfft war ich, sie hier leibhaftig vor mir zu sehen. Als ich nach einem tiefen Atemzug meine Sprache wiederfand, stotterte ich, wie sehr ich sie bewunderte und dass Belle ein großer Fan von Tracy Beaker, ihrer bekanntesten Romanfigur, war.

»Ich habe eure Geschichte verfolgt und finde es einfach fantastisch, was ihr beide erreicht habt«, strahlte sie mich an. Wir unterhielten uns kurz und verließen dann gemeinsam den Saal, um im Foyer unsere Mäntel zu holen. Neben ihr gehen zu dürfen, war eine Ehre für mich. Anfangs war ich mir wie ein Außenseiter vorgekommen, aber sie gab mir das Gefühl, dazuzugehören.

Wie immer trug Bob auch an diesem Abend einen der vielen Schals, die er von seinen Fans geschenkt bekommen hatte. Als wir in den düsteren Spätnachmittag hinaustraten, rückte ich ihm den Schal zurecht, um ihn vor der eisigen Kälte zu schützen.

»Na, das hat doch Spaß gemacht, nicht wahr Bob?«, fragte ich ihn. Ich war ziemlich aufgedreht, weil ich auf der Party so viele interessante Leute kennengelernt hatte.

Aber wie schon so oft in der Vergangenheit holten mich die Straßen von London schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Es dämmerte, und ein eisiger Wind blies uns vom Trafalgar Square entgegen. Die Lichter des riesigen traditionellen Weihnachtsbaums auf dem Platz waren schon angegangen und kündigten den baldigen Abend an.

»Los, Bob, wir nehmen ein Taxi«, sagte ich und lief mit ihm zum Trafalgar Square.

Auch das war ein bisschen wie im Traum. Es ist noch nicht lange her, da wäre ein Taxi für mich vollkommen undenkbar gewesen. An manchen Tagen hatte ich mir kaum eine Busfahrkarte leisten können. Nach wie vor erlaubte ich mir diesen Luxus nur sehr selten. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich dafür Geld ausgab, auch wenn es, wie in dieser Situation, gerechtfertigt schien. Wir hatten einen harten Tag hinter uns, Bob war müde, und ihm war kalt. Außerdem wollten wir gleich noch Belle am Oxford Circus treffen.

Aber es war gar nicht so einfach, am Trafalgar Square ein freies Taxi zu finden. Es waren viele Leute unterwegs, die vom Einkaufen oder von der Arbeit kamen. Gerade war wieder ein Wagen an mir vorbeigebraust, als mir die rote Weste eines Big Issue-Verkäufers an der nächsten Straßenecke auffiel.

Auch die rote Pudelmütze, die Handschuhe und der Schal kamen mir bekannt vor. Die Big Issue-Stiftung verteilt jedes Jahr ein solches Winterpaket an ihre Verkäufer.

Sein bärtiges, vom kalten Wind rot angelaufenes Gesicht hatte ich allerdings noch nie gesehen. Er hatte langes, strähniges graues Haar und war bestimmt schon in seinen Fünfzigern.

Vor ihm lag ein hoher Stapel Magazine, und ich schloss daraus, dass er entweder gerade erst angefangen hatte oder ziemliche Mühe hatte, sie loszuwerden. Aus Erfahrung tippte ich auf Letzteres. Außerdem konnte ich mir vorstellen, dass ihm kalt war, denn er trat ständig von einem Bein aufs andere, um in Bewegung zu bleiben. Dabei blies er sich in die Hände, um die eisigen Finger zu wärmen.

Ich ging zu ihm hinüber und gab ihm 20 Pfund.

»Danke, Mann«, grinste er verhalten, denn es kam nicht oft vor, dass man als Big Issue-Verkäufer von einem Zufallskunden so viel Geld zugesteckt bekam. Er wollte Wechselgeld hervorkramen, aber ich schüttelte den Kopf. Er sah mich und Bob forschend an, seine Miene war ein einziges Fragezeichen.

»Lass stecken, Kumpel«, sagte ich. »Glaub mir, ich weiß, wie hart dieser Job bei dieser Kälte ist. Nimm es ruhig, ich weiß, was ein paar Pfund mehr in der Tasche ausmachen können.«

Er hatte keine Ahnung, wer ich war. Wie auch, ich war ja kein TV-Star. Er war immer noch skeptisch, doch er lächelte.

»Glaub mir, ich weiß es wirklich«, wiederholte ich.

»Okay, wenn du meinst.«

Als ich gehen wollte, hielt er mich zurück: »Oh, warte kurz, ich habe auch etwas für dich.« Er bückte sich und kramte in seinem Rucksack. Dann zog er eine Weihnachtskarte mit einer Krippenszene hervor, wahrscheinlich aus einem Ein-Pfund- oder Charity-Laden. Ich klappte sie auf und las die einfache Botschaft: Frohe Weihnachten! Danke für Ihre Unterstützung, Brian.

»Vielen Dank«, lächelte ich. »Hoffe, du hast auch ein paar schöne Tage.«

Ich wäre gern noch geblieben, um mich mit ihm zu unterhalten, aber ich entdeckte ein freies Taxi, das auf uns zukam. Bob wurde schon unruhig auf meiner Schulter, und ich musste wirklich los. Kaum hatte ich die Wagentür aufgerissen, sprang Bob hinein, dankbar für die Wärme im Inneren des Wagens. Er rollte sich neben mir zusammen und gönnte sich ein wohlverdientes Nickerchen.

Als das Taxi losfuhr, blickte ich mich noch einmal um und sah, wie Brian mit der Londoner Abenddämmerung verschmolz. Seine rot-graue Gestalt war kaum noch von den vielen bunten Lichtern am Trafalgar Square zu unterscheiden. Aber sein Anblick und die nette Geste, mit der er sich bei mir bedankt hatte, ließen mich nicht mehr los. Er hatte eine ganze Flut an Gefühlen und Erinnerungen in mir ausgelöst – prägende, glückliche, aber auch sehr traurige.

Es war noch nicht lange her, dass ich im selben Boot gesessen hatte wie er. Über zehn Jahre gehörte ich zu den vielen unsichtbaren Gesichtern Londons, die auf die Freundlichkeit von Fremden angewiesen waren. 2010 war die letzte Adventszeit, die ich täglich von morgens bis abends auf der Straße verbracht hatte. Das war gerade mal drei Jahre her.

Während sich das Taxi auf der Regent Street mit ihren protzig geschmückten Schaufenstern und der knallbunten Weihnachtsbeleuchtung durch den Feierabendverkehr nach Norden kämpfte, überschwemmten mich die Erinnerungen an diese Zeit. Das Leben auf der Straße war immer beschwerlich gewesen, aber das Weihnachtsfest 2010 hatte mir eine extrem harte Prüfung beschert. Wenn ich heute darüber nachdenke, hat mir das Leben damals eine wichtige Lektion erteilt. Eine, die heute noch viel wertvoller ist als damals, wenn man bedenkt, welche Wendung mein Leben seither genommen hat. Solche Erfahrungen kann man weder mit Geld noch mit Erfolg kaufen. Und inmitten meiner Vorbereitung auf ein weiteres, ganz anderes Weihnachtsfest wusste ich, dass ich niemals vergessen durfte, was ich damals erlebt hatte.

Drei Jahre zuvor
London, Weihnachten 2010

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1

Goldene Pfoten

Der Heimweg war langsam und beschwerlich.

Dieser Dezember war der kälteste aller Zeiten, und am Vortag hatten wir den schlimmsten Schneesturm der letzten zwanzig Jahre erlebt. In nur zwei Stunden waren fünfzehn Zentimeter Schnee gefallen. Der Gehweg hatte sich in eine spiegelglatte, tückische Eisplatte verwandelt. Jeder Schritt musste vorsichtig aufgesetzt werden. Die Gefahr, auszurutschen und auf dem Hinterteil zu landen, war trotzdem groß. Der stechende Schmerz in meinem rechten Bein erleichterte mir den Balanceakt nicht wirklich.

Das schmerzende Bein war schuld daran, dass ich an diesem Tag das Haus verlassen musste. Ich hatte schon seit einem Monat Schmerzen, und Anfang der Woche hatte mir der Arzt meinen Verdacht bestätigt: eine tiefe Venenthrombose im Oberschenkel. Schon vor einem Jahr hatte ich mit derselben Diagnose im Krankenhaus gelegen. Diesmal hatte mir der Arzt Schmerztabletten verschrieben und geraten, im Warmen zu bleiben, bis die arktischen Temperaturen vorbei waren.

»Die Kälte verlangsamt die Blutzirkulation«, erklärte er mir. »Also wäre es hilfreich, wenn Sie zu Hause bleiben würden.«

Als ob ich das könnte, hatte ich mir gesagt. Weihnachten steht vor der Tür, und wir haben mehr Schnee in London als in Sibirien. Wie soll ich Essen kaufen und meine Wohnung heizen, wenn ich nicht hinausgehe, um zu arbeiten?

Aber für ein paar Tage befolgte ich seinen Rat. Das Wetter war so schlecht, dass an Arbeiten im Freien ohnehin nicht zu denken war. An diesem Nachmittag jedoch waren die Schmerzen in meinem Bein so stark geworden, dass ich mich zur nächsten Apotheke schleppen musste, um mir eine neue Packung Tabletten zu besorgen. Es war ein Sonntag, und ich musste zu einer weiter entfernt gelegenen Notapotheke humpeln.

Unter normalen Umständen waren es bis dorthin nur fünf Minuten zu Fuß, aber der vereiste Boden behinderte mich erheblich. Unsicher schlitterte ich über den Gehweg und versuchte, mich an Hauswänden abzustützen oder an Geländern festzuhalten. Als ich endlich die Haustür des Mietshauses, in dem ich seit vier Jahren lebte, unbeschadet erreicht hatte, atmete ich erleichtert auf. Nicht nur, weil ich diese Schlittschuhbahn, die sonst meine Straße war, gemeistert hatte. Der Wind war so eisig, dass er bis zu den Knochen durchdrang. Die Wärme im Hausflur tat unheimlich gut.

Und der Aufzug funktionierte! Wir hatten im Sommer einen neuen mit elektronischer Datenanzeige eingebaut bekommen. Das war ein Riesenfortschritt im Vergleich zu dem alten hydraulischen Gruselkabinett, das öfter kaputt war, als dass es fuhr. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste doch mal wieder die fünf Stockwerke bis ganz nach oben zu meiner Wohnung laufen, zumal mein Bein immer noch übel schmerzte.

Im fünften Stock angekommen, war meine schlechte Laune bereits wie weggeblasen. Und als ich meine kleine Wohnung betrat, erwartete mich ein so komischer Anblick, dass ich wieder lachen konnte.

Belle war zu Besuch. Auch sie war früher drogenabhängig wie ich. Wenn sie nicht, wie ich, auf die schiefe Bahn geraten wäre, hätte sie Künstlerin oder Designerin werden können. Sie konnte aus scheinbar nutzlosem Zeug wahre Kunstwerke zaubern. Wie jedes Jahr wollte sie auch diesmal wieder ihre eigene Weihnachtsdekoration und Karten basteln. Sie war ganz vertieft in ihre Arbeit, und neben ihr stapelten sich schon ein paar interessante Eigenkreationen. Bastelpapier, Klebstoff, Glitzerstaub, Bänder und Schnüre aller Breiten und Farben türmten sich auf meinem kleinen Wohnzimmertisch. Für Bob war dies ein Schlaraffenland; Spielzeug überall, und mein Wohnzimmer war der Beweis für den Spaß, den er offensichtlich hatte.

Als Erstes fielen mir die Geschenkbändchen auf, die überall herumlagen. Belle hatte auf einigen Karten kleine Schleifen befestigt, und offenbar hatte Bob die Reste geklaut, ohne dass sie es bemerkt hatte. Es sah aus, als hätte er versucht, eine Schleife um meine ganze Wohnung zu ziehen; bunte Bänder waren auf dem Teppich, auf dem Sofa, ja sogar rund um den Fernseher drapiert. Er war vollkommen Amok gelaufen.

Als wäre das noch nicht genug Chaos, prangten gold-glitzernde Pfotenabdrücke auf dem Teppich und quer über das Sofa. Sie führten sogar bis in die Küche, wo er wohl einen kurzen Zwischenstopp eingelegt hatte, um Wasser zu trinken. Auf dem Tisch lag offen ein großes goldenes Stempelkissen. Da war er wohl mit seinen Pfoten durchgelatscht. Ich hatte zwar schon von Goldfinger gehört, aber Goldpfote war neu.

Belle war so in ihre Bastelarbeit vertieft, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie kreativ Bob in der Zwischenzeit gewesen war – fast so sehr wie sie.

»Wie ich sehe, hatte Bob wirklich Spaß, während ich weg war«, sagte ich mit einer Geste auf das Durcheinander und zog dabei meinen Mantel aus.

Belle sah mich entgeistert an. »Was meinst du?«

»Die Pfotenabdrücke. Die Bänder.«

»Was für Pfotenabdrücke und Bänder?«, fragte sie und sah sich endlich um. »Oh!« Ihr schuldbewusster Gesichtsausdruck wich schnell einem breiten Grinsen. Dann bog sie sich vor Lachen, und es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder gefangen hatte.

»Ach, das musst du ihm schon verzeihen! Du weißt doch, dass er immer überall mitmachen will«, verteidigte sie ihn.

Belle liebt Weihnachten und freut sich jedes Jahr darauf wie ein Kind. Als der Baum fertig geschmückt dastand, nahm sie Bob zur Feier des ersten Adventssonntags ganz fest in den Arm. Das Durcheinander aus Bändern und Glitzerstaub störte sie überhaupt nicht, es gehörte für sie einfach dazu. Ich schüttelte nur den Kopf, weil ich ihre Aufregung so gar nicht nachvollziehen konnte.

Nach seinem Benehmen an diesem Tag und in der ganzen vergangenen Woche zu urteilen, war Bob ebenfalls ein großer Weihnachtsfan. Er war damals schon drei Jahre bei mir, aber so aufgedreht und übermütig hatte ich ihn noch nie erlebt.

Weihnachtsbäume fand er besonders faszinierend. Im ersten Jahr hatte ich nur einen künstlichen Mini-Baum, den man über einen USB-Stick mit dem Computer verbinden konnte. Aber Bob liebte die bunten, blinkenden Lichter und verbrachte Stunden damit, ihn wie gebannt anzustarren. In den Jahren darauf hatte ich extra für Bob einen etwas größeren Baum besorgt. Nichts Besonderes, nur ein billiger Plastikbaum aus dem Supermarkt. Aber er war einen Meter hoch und machte sich gut auf der kleinen Hausbar, die ich vor Jahren mal in einem ...

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