Logo weiterlesen.de
Ein Geschenk des Himmels

Über dieses Buch

Als Familienoberhaupt leitete die 91-jährige Connie die Geschicke der Familie. Nun ist Connie verstorben, und die Familie sinniert über ein Leben ohne die energische alte Dame: Sophie, 39, hofft immer noch auf die große Liebe. Warum hat sie nur vor Jahren Connies Neffen Thomas vor dem Traualtar stehen lassen? Die schöne Grace scheint das Glück schon gefunden zu haben, aber etwas quält sie, das sie niemandem anvertrauen kann. Margie, Mitte 50, schließt einen seltsamen Pakt mit einem Fremden. Und Rose geht plötzlich eigene Wege, nachdem ihre Schwester Connie nicht mehr bestimmt, wo es langgeht …

Über die Autorin

Liane Moriarty ist freischaffende Werbetexterin, die für ihre Kampagnen mehrfach ausgezeichnet wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn in Sydney. Für ihren Debütroman »Drei Wünsche frei« erhielt sie den Fred Rush Convocation Prize. Der Roman platzierte sich auf Anhieb in den Top Ten der australischen Bestsellerliste und ist inzwischen in mehreren anderen Ländern erschienen. Auch ihr zweiter Roman »Ein Geschenk des Himmels« wurde ein Bestseller. Nach einer Babypause legt Liane Moriarty nun ihren lange erwarteten dritten Roman vor.

LIANE
MORIARTY

EIN GESCHENK
DES HIMMELS

Roman

Aus dem australischen Englisch
von Sylvia Strasser

BASTEI ENTERTAINMENT

Für meine Eltern
Diane und Bernie Moriarty
in tiefer Liebe

S6.jpg
S7.jpg

KAPITEL 1

S9.jpg

»Und du glaubst, wir kommen damit durch?«

»Sonst würde ich es nicht vorschlagen, oder?«

»Und wenn wir ins Gefängnis kommen? Davor hab ich fast so viel Angst wie vor Trichterspinnen und vorm Kinderkriegen.«

»Wir kommen schon nicht ins Gefängnis, du Angsthase! Eines Tages werden wir liebe alte Omis sein und gar nicht mehr wissen, dass es nicht so passiert ist, wie wir behauptet haben.«

»Ich kann mir uns gar nicht als liebe alte Omis vorstellen.«

»Das ist wirklich nicht leicht, da hast du recht.«

KAPITEL 2

S10.jpg

»Eine Ehe bedeutet harte Arbeit, und manchmal kann sie einem auf die Nerven gehen. Das ist wie mit dem Haushalt: Es gibt immer etwas zu tun! Da hilft nur eins: die Zähne zusammenbeißen und sich an die Arbeit machen, Tag für Tag, immer wieder aufs Neue. Die Männer arbeiten natürlich nicht so hart daran wie wir, aber was kann man schon anderes von ihnen erwarten, nicht wahr? Und im Haushalt sind sie auch keine große Hilfe! Jedenfalls war das zu meiner Zeit so. Heutzutage kochen sie ja und staubsaugen und wechseln Windeln und all so was. Trotzdem bekommt ihr Mädels noch immer nicht den gleichen Lohn für die gleiche Arbeit, hab ich recht? Da habt ihr jungen Frauen noch einen weiten Weg vor euch! Ich finde, ihr könntet euch ruhig ein bisschen mehr anstrengen!«

»Ja, ja, Tante Connie, sicher, aber was mich interessiert, ist nicht die Ehe im Allgemeinen, sondern die von Alice und Jack. Wie würdest du ihre Ehe beschreiben? Als ganz normal? Oder eher außergewöhnlich? Denk bitte nach! Jede noch so kleine Einzelheit wäre hilfreich. Haben sie sich geliebt, was meinst du?«

»Liebe! Pah! Ich werd dir etwas sagen, etwas Wichtiges. Schreib das auf! Bist du so weit?«

»Ja, ja, klar, schieß los.«

»Liebe ist eine Entscheidung.«

»Liebe ist eine Entscheidung?«

»Jawohl, eine Entscheidung! Und kein Gefühl. Das ist es, was ihr jungen Leute nicht begreift! Deshalb lasst ihr euch immerzu scheiden. Nimm’s nicht persönlich, mein Kind. So, und jetzt stell dieses blöde Tonbandgerät ab, und dann mach ich dir einen Zimttoast.«

»Ich bin gestopft voll, Tante Connie. Wirklich! Du bist mir keine große Hilfe, weißt du das? Das Rätsel um das Munro-Baby ist so eine Art Puzzle, verstehst du, und du bist ein Teil dieses Puzzles. Wenn ich alle Teile richtig zusammenfügen würde, könnte ich das Rätsel lösen! Stell dir das bloß mal vor! Nach so langer Zeit! Würde dir das nicht auch gefallen? Wäre das nicht faszinierend

»Ach, Veronika, Schätzchen, warum suchst du dir nicht einen Job? Irgendwas Sicheres in einer Bank vielleicht.«

KAPITEL 3

S12.jpg

Unmittelbar nach den Osterfeiertagen erhält Sophie Honeywell im Büro unverhofft einen Anruf von ihrem Exfreund Thomas Gordon. Er fragt, ob sie sich nicht auf einen Drink treffen könnten. Er müsse etwas mit ihr besprechen, etwas »sehr Ernstes«.

»Hoffentlich ist es nichts allzu Ernstes!« Sophie hört, wie schrill und spröde ihre Stimme klingt. Ihr Herz hämmert, als hätte sie sich gerade furchtbar erschrocken. Und es hat ihr im ersten Moment tatsächlich einen kleinen Schock versetzt, als sie diese einst so vertraute und jetzt fremde Stimme am Telefon vernahm. Seit ihrer reichlich dramatischen Trennung vor ein paar Jahren haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.

»Es ist doch hoffentlich niemand gestorben?«, fährt sie quietschvergnügt fort.

Was für eine dämliche Bemerkung! So etwas passiert ihr doch sonst nicht! Das müssen die Nerven sein.

Nach einer längeren Pause antwortet Thomas: »Also um ehrlich zu sein – doch, es ist jemand gestorben.«

Sophie haut sich mit der flachen Hand an die Stirn. Blöde Kuh! Einen Moment lang hektisches Räuspern, dann fällt ihr – gerade noch rechtzeitig – ein, welche Antwort die Höflichkeit in so einer Situation gebietet: »Mein herzliches Beileid, Thomas«, sagt sie mit leiser und sanfter Stimme.

»Danke«, erwidert er rasch. »Also, können wir uns auf einen Drink treffen?«

»Ja, sicher. Aber sag mal, wer, äh, wer ist eigentlich gestorben?«

»Das erzähl ich dir lieber heute Abend.«

Auf einmal ist es so, als hätten sie nie Schluss gemacht. Warum kann er nicht einfach sagen, was er zu sagen hat? Sie öffnet langsam den Mund zu einem jener stummen, frustrierten Schreie, die für viele ihrer Telefonate mit Thomas bezeichnend waren. »Aber dann werde ich den ganzen Nachmittag darüber nachgrübeln, wer es ist! Wer denn? Sag schon! Wer ist gestorben?«

Er stößt einen tiefen Seufzer aus. »Meine Tante Connie«, antwortet er dann, in einem Ton, als ginge es darum, eine eben geäußerte Ansicht zu untermauern.

»Oh.« Sophie bemüht sich, die Erleichterung in ihrer Stimme zu unterdrücken. »Das tut mir leid.« Sie erinnert sich gut an seine Tante Connie. Die alte Dame muss ja mindestens neunzig gewesen sein! Und es ist unwahrscheinlich, dass Sophie sie jemals wieder gesehen hätte. Er will sich doch nach Jahren eisigen Schweigens bestimmt nicht mit ihr auf einen Drink verabreden, nur um ihr zu sagen, dass seine Tante Connie gestorben ist?

»Das wird sicher in der Zeitung kommen«, fährt sie fort. »Sie war doch so was wie eine Berühmtheit, nicht wahr?«

»Ja, ich denk schon, dass die Zeitungen darüber schreiben werden. Okay, also dann bis heut Abend. Ich freu mich schon darauf. Um sechs im Regent? Kannst du dahin kommen?«

Zum Regent sind es von ihrem Büro aus fünf Minuten zu Fuß. »Kein Problem. Dann bis später.«

Sie legt auf und schreibt langsam »Thomas, 18 Uhr« auf eine Haftnotiz, die sie an ihren Computerbildschirm klebt. Als ob sie diese Verabredung vergessen würde! Sie schüttelt den Kopf. Ihr war ganz entfallen, welche Sorgen er sich immer schon darüber gemacht hatte, wie Frauen, diese hilflosen, zarten Geschöpfe, es bewerkstelligen, unversehrt von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Das ist unfair! Sie klopft sich im Geiste zur Strafe auf die Finger, weil sie Thomas als Sexisten hinstellt. In Wirklichkeit ist er ein herzensguter Kerl, der sich stets darum sorgt, ob jemand – egal, ob Mann oder Frau – sicher und bequem zum verabredeten Ort gelangt. Thomas ist nicht glücklich, wenn er sich keine Sorgen machen kann.

Na ja, davon dürfte er mittlerweile genug haben – schließlich ist er inzwischen Vater geworden. Anscheinend hat sich sein Herz wieder erholt, nachdem sie es so grausam »in den Papierschredder gestopft« hatte (so hatte er es in einer dramatischen E-Mail voller schauriger Metaphern formuliert, die er ihr in betrunkenem Zustand geschrieben hatte). Er hat nämlich eine gewisse Deborah geheiratet und ist Vater eines kleinen Mädchens geworden, das Millie oder Lily oder Suzy oder ähnlich schnuckelig heißt.

Sophie tut nur so, als wüsste sie nicht, wie das Baby heißt. Sie weiß ganz genau, dass sein Name Lily ist.

Sie blickt wieder auf ihren PC-Bildschirm. Sie war gerade dabei gewesen, eine Mitteilung an das Komitee für Arbeitsmoral zu schreiben, als Thomas anrief. Die Titelzeile hat sie immerhin schon:

☺☺☺☺☺☺☺

Sie beginnt ihre Nachrichten an das Komitee immer so fröhlich. Sie kann das Komitee für Arbeitsmoral nicht ausstehen, weil es eine lachhafte Einrichtung ist (die es bereits vor ihrem Einstieg in die Firma gab) und weil seine Mitglieder so ätzend gut gelaunt sind. Dieses selbstgerechte Gewinsel über die Notwendigkeit, mehr »Spaß am Arbeitsplatz« zu schaffen! Aber wenn sie als Personalchefin das Komitee auflöste, wäre niemandem geholfen. Die Arbeitsmoral würde garantiert drastisch sinken ohne das Komitee für Arbeitsmoral.

Sie tippt:

MITGLIEDER DES KOMITEES!

SCHALTET ENDLICH EUERN VERSTAND EIN!

Dann tippt sie:

HABT IHR NICHTS BESSERES ZU TUN, IHR VERSAGER?

Einer der Handelsvertreter geht an ihrem Büro vorbei. Er klopft gegen die Glaswand und ruft: »Yo, Soph!«

»Yo, Matt!«, ruft sie zurück und schüttelt in männerbündischer Kameraderie die geballte Faust.

Sie ist eine solche Heuchlerin!

Sie löscht die getippten Wörter und malt sich mit wohligem Entsetzen die Reaktion der Empfänger aus, wenn sie versehentlich auf »Senden« gedrückt hätte. Diese ernsten, tief gekränkten Gesichter!

Was mag Thomas nach all den Jahren von ihr wollen?

Plötzlich erinnert sie sich an einen zuckrig braunen Geruch. Es ist der Duft von Zimttoast, von Pagodenbaumblüten und von Bohnerwachs – der Duft von Tante Connies Haus.

Sophie war damals schon fast ein Jahr mit Thomas zusammen, als sie beschloss, sich von ihm zu trennen. Der Entschluss war das Ergebnis einer wochenlangen qualvollen Selbstanalyse. Sicher, sie liebte Thomas, aber liebte sie ihn aus den richtigen Gründen?

Sie wusste zum Beispiel, dass es richtig war, einen Mann seines guten Herzens wegen zu lieben, nicht aber wegen seines Bankkontos. Es war in Ordnung, ihn seiner wunderschönen blauen Augen wegen zu lieben, aber es war oberflächlich, ihn seiner braun gebrannten Muskeln wegen zu lieben. (Es sei denn, er hatte sich diese Muskeln auf natürliche Weise hart erarbeitet, als Schafscherer etwa oder als Akrobat oder als Rollstuhlfahrer.)

Aber wenn man nun einen Mann seiner Marzipantorte wegen liebte? War das richtig oder falsch? Thomas ist ein begnadeter Koch, und Sophie liebt gutes Essen. Sie bekam weiche Knie vor Erregung, wenn sie ihm beim Zerkleinern einer Knoblauchzehe zusah. Sich einen Bissen seiner Marzipantorte im Mund zergehen zu lassen, kam einem mehrfachen Orgasmus gleich, und sein Meeresfrüchterisotto trieb ihr Freudentränen in die Augen. Aber war Verfressenheit nicht eine reichlich schale Grundlage für eine Beziehung? Zumal wenn man sich manchmal insgeheim und mit schlechtem Gewissen wünschte, er würde die Marzipantorte einfach da lassen und wieder gehen, anstatt zu bleiben und einen mit einer stumpfsinnigen Story über seine Kraftfahrzeugzulassung zu nerven.

Und war es falsch, jemanden zu lieben, weil er der Enkel des Munro-Babys war und einen das Rätsel um das Munro-Baby schon immer fasziniert hatte? War das nicht so, als liebte man jemanden nur deshalb, weil er ein Mitglied des Königshauses war (während man sich eigentlich in den einfachen Bauern verlieben sollte, der sich – welch freudige Überraschung! – als verkleideter Prinz entpuppte)?

Sophie hatte das Gefühl, dass sie Thomas nicht so liebte, wie er es verdient hätte. Er hatte eine Frau verdient, die sich für seinen besorgten, verkniffenen Gesichtsausdruck beim schwierigen Rückwärtseinparken begeisterte. Er hatte eine Frau verdient, die es niedlich fand, wie er auf jedem Flug immer wieder aufs Neue Wort für Wort die Sicherheitshinweise für die Passagiere studierte und seine Pflichten so ernst nahm, dass er, wenn er einen Sitzplatz neben einem Notausgang hatte, den verdutzten Flugbegleiter zehn Minuten lang um exakte Instruktionen bat, was er im unwahrscheinlichen Fall eines Notfalls mit dieser Tür zu tun habe.

Vor allem aber hatte Thomas es verdient, so ernsthaft geliebt zu werden, wie er Sophie liebte. Einmal hatte sie auf seinem PC eine Datei namens »Sophie« entdeckt, die sie natürlich geöffnet hatte. Sie enthielt eine Liste mit Verhaltensregeln, die er offenbar selbst aufgestellt hatte mit dem Zweck, ihr ein guter Partner zu sein. Als wäre sie ein Rätsel, das zu lösen er imstande sei, wenn er sich nur an die Regeln hielt. Da stand zum Beispiel: »Wenn S. Outdooraktivitäten vorschlägt, kein Wort darüber, dass es vielleicht regnen könnte. Zu pessimistisch.« Oder: »Antworte nie: ›Ich richte mich nach dir‹, wenn S. nach den Plänen fürs Wochenende fragt. Das nervt!«

Sophie musste weinen, als sie das las.

Thomas sah gut aus, er war intelligent, sehr lieb und gelegentlich – wenn er sich entspannte – richtig geistreich. Dennoch hatte Sophie Angst bekommen, sie könnte ihn betrügen. Einmal, als sie essen gewesen waren, hatte ein Kellner Sophie gefragt: »Möchten Sie zerstoßene Pfefferkörner dazu?« Ihre Blicke hatten sich getroffen, und Sophie hatte ein so heißes sexuelles Verlangen durchzuckt, dass sie wegschauen musste.

Nicht, dass sie keinen Spaß an ihrem Sexleben gehabt hätte. Der Sex mit Thomas war nur immer so brav und … sauber. Während er sie großzügig mit einem langen Vorspiel verwöhnte, ertappte sie sich hin und wieder dabei, dass sie sich wünschte, er würde sie aufs Bett werfen und über sie herfallen. Hätte sie ihm gegenüber diesen Wunsch geäußert, hätte er sie natürlich pflichtschuldigst aufs Bett geworfen und dabei sorgsam darauf geachtet, dass sie sich ja nicht den Kopf anschlug. Vermutlich hätte er dabei das gleiche sorgenvolle Gesicht gemacht wie beim Rückwärtseinparken.

War Liebe nicht mehr als diese freundschaftliche, leicht ungeduldige Zuneigung? War es nicht moralisch falsch, mit jemandem zusammenzubleiben, für den man nicht in glühender Leidenschaft entbrannt war? War es nicht ein irgendwie edler Zug, aus einer unkomplizierten, bequemen Beziehung auszubrechen, damit man sich auf die Suche nach »dem einen wahren Mann fürs Leben« machen konnte?

Diese abwegigen Gedankengänge führten dazu, dass Sophie sich ohne mit der Wimper zu zucken von dem nettesten Mann trennte, mit dem sie jemals ausgegangen war.

Und sie hatte sich einen denkbar ungünstigen Zeitpunkt dafür ausgesucht. Um nicht zu sagen einen geradezu sensationell ungünstigen Zeitpunkt. Sie hatte absichtlich einen Freitag ausgewählt, weil sie dachte, das gebe ihm Zeit, sich übers Wochenende von dem Schock zu erholen. Er war Pathologe von Beruf, und sie wollte nicht für einen falschen medizinischen Befund verantwortlich sein.

Ein grauenvoller Zufall wollte es, dass Thomas seine eigenen Pläne für jenen Freitag hatte.

Sie konnte wirklich nichts dafür. Woher hätte sie wissen sollen, dass er für denselben Nachmittag einen Flug zu den Fidschi-Inseln für sie beide gebucht hatte? Dass er sie mit einem Urlaub überraschen wollte, der mit einem Heiratsantrag an einem sandigen, mondbeschienenen Traumstrand beginnen sollte, zu den romantischen Klängen einer einheimischen Streichkapelle in traditioneller Kleidung? Woher hätte sie wissen sollen, dass er ihr einen Verlobungsring für 15.425 Australische Dollar gekauft hatte? Woher hätte sie wissen sollen, dass mindestens ein Dutzend aufgeregte Freunde und Verwandte in die heimlich, aber nicht gerade verdeckt durchgeführte Operation eingeweiht waren? Ihre Freundinnen zum Beispiel, die eine Reisetasche mit ihren verführerischsten Dessous gepackt hatten; oder die Leute, die sich bereit erklärt hatten, ihre Zimmerpflanzen zu gießen; oder ihr Chef, der ihr freigegeben hatte.

Natürlich hatten all diese Leute, die zur Geheimhaltung verpflichtet worden waren, ihrerseits mindestens drei weitere Personen eingeweiht und ebenfalls zur Geheimhaltung verpflichtet. Es war höchst ärgerlich, dass so viele Menschen von dem bevorstehenden Heiratsantrag wussten, bevor sie selbst davon erfuhr.

»Ich muss mit dir reden«, hatte Sophie im Auto tapfer zu ihm gesagt. Statt zu dem neuen Fischrestaurant in Brighton zu fahren, wie sie annahm, waren sie auf dem Weg zu Thomas’ Schwester Veronika, die bereits auf sie wartete, um das vermeintlich glückliche Liebespaar zum Flughafen zu bringen.

»Ja? Ich muss dir auch etwas sagen«, antwortete Thomas – ziemlich aufgekratzt, was ihr damals allerdings nicht aufgefallen war. »Du zuerst!«, fügte er großzügig hinzu.

Sie fing also an, und während sie sprach, war sein erwartungsvolles Gesicht versteinert wie das eines Sechsjährigen, der sich das Knie aufgeschlagen hat und verzweifelt die Tränen zurückzuhalten versucht. Sophie hatte sich abwenden müssen und aus dem Fenster auf den Verkehr gestarrt und schuldbewusst eine Faust auf den Bauch gepresst.

Was wäre passiert, wenn er zuerst geredet hätte?

Sie hätte ihre Rede natürlich nicht gehalten – und geplant, zu einem passenderen späteren Zeitpunkt Schluss zu machen – und wäre mit ihm auf die Fidschi-Inseln geflogen. Und wenn er ihr einen Heiratsantrag gemacht hätte, hätte sie Ja gesagt (und ihren Plan ganz fallen lassen). Wie hätte sie Nein sagen können? Hätte sie zulassen sollen, dass Thomas sich niedergeschmettert mit der Hand den weißen Sand vom Knie bürstete und der Kapelle bedeutete, sie könne aufhören zu spielen, indem er sich mit dem Finger über die Kehle fuhr? Das wäre ja wie in einer schlechten Komödie gewesen! Davon ganz abgesehen liebte Sophie nichts so sehr wie einen romantischen Heiratsantrag!

»Wie steh ich denn jetzt da! Wie ein Vollidiot!«, hatte er gejammert, während er mit gesenktem Kopf das Lenkrad umklammerte. Er war an den Straßenrand gefahren und hielt im absoluten Halteverbot (dass er das ignorierte, war ein untrügliches Zeichen für seine völlige Fassungslosigkeit). Dann erzählte er ihr von seinen schönen, vereitelten Plänen; mit triumphierender Bitterkeit sprudelte er alles hervor. Er zeigte ihr sogar das Schächtelchen mit dem Ring. Es war herzzerreißend in Luftpolsterverpackungsfolie eingewickelt und in einem Paar schwarzer Socken versteckt, das er in die Reißverschlusstasche seines Bordgepäcks gestopft hatte.

»Du wirst überhaupt nicht wie ein Vollidiot dastehen. Aber mich werden alle für ein ausgemachtes Miststück halten«, hatte sie geantwortet, während sie ihm zerknirscht die Hand tätschelte und dabei einen Blick auf den (leider traumhaft schönen) Ring riskierte, der um Haaresbreite ihrer geworden wäre. Sie überlegte, ob es wohl sehr geschmacklos wäre, Thomas zu bitten, ihn ihr probehalber über den Finger zu streifen, nur um zu sehen, wie er ausgesehen hätte.

»Dich mögen doch alle, Sophie«, hatte er bitter erwidert. »Ganz egal, was du machst.«

Sie hatte sich geschmeichelt gefühlt, als sie hörte, dass alle sie so sehr mochten, und war im nächsten Moment erschrocken über ihre Selbstsucht. Wie konnte sie nur an sich denken, wo sie dem armen Thomas gerade das Herz gebrochen hatte!

Die Leute waren dann doch ziemlich sauer auf sie gewesen, vor allem jene, die an den heimlichen Vorbereitungen für den Heiratsantrag beteiligt gewesen waren. Als fühlten sie sich persönlich zurückgewiesen! Thomas’ Schwester Veronika, durch die Sophie Thomas kennengelernt hatte, sprach elf Monate lang kein Wort mit ihr. (Eigentlich war sie ganz froh darüber gewesen – Veronika konnte nämlich ganz schön nerven. Als Veronika ihr zu guter Letzt großmütig verzieh, hatte Sophie alle Mühe gehabt, sich auch angemessen dankbar zu zeigen.)

Sophie war allem Anschein nach zu gierig und gleichzeitig zu verschwenderisch gewesen. Gierig, weil ihr ein ausgesprochen netter, intelligenter, gut aussehender Mann nicht genügte – und das, obwohl sie bereits Mitte dreißig war und in der Schwulen-Metropole Sydney lebte. Und verschwenderisch, weil sie einen sorgfältig geplanten, teuren, romantischen Heiratsantrag vergeudet hatte.

Die Strafe war natürlich auf dem Fuß gefolgt.

Eine andere hatte sich Thomas »geschnappt«, genau wie seine Mutter ihr fröhlich prophezeit hatte: »Keine Sorge, Sophie. Ein anderes nettes Mädchen wird kommen und ihn sich schnappen!« Von der mitfühlenden Angestellten des Reisebüros bekam er das Geld für den Urlaub zurückerstattet. Ihr Name war Deborah, und sie hatte so viel Mitleid mit ihm, dass sie ein paar Monate später seinen Heiratsantrag vernünftigerweise annahm. (Dieser hatte, was die Durchführung betraf, eine frappierende Ähnlichkeit mit dem ersten, nur dass Fidschi durch Vanuatu und die Streichkapelle durch ein Streichquartett ersetzt wurden.)

Sophie dagegen ist seitdem ärgerlicherweise Single.

In den letzten Jahren hat sie drei erste Verabredungen gehabt, zwei zweite Verabredungen und keine einzige dritte. Sie hat einen betrunkenen One-Night-Stand nach einem Wohltätigkeitsball gehabt, einen betrunkenen Kuss nach einem Kostümfest aus Anlass eines vierzigsten Geburtstags und einen reichlich merkwürdigen nüchternen Kuss mit einem dicken Mann im Hausflur bei einer Taufe. (Nicht mal angerufen hat er danach! So eine Demütigung!) Seit zwei Jahren ist sie sexuell abstinent, und Sex zu haben, kommt ihr allmählich als so unwahrscheinlich vor wie damals in der zweiten Klasse, als Ann-Marie Morton ihr anhand einer beunruhigend plastischen Zeichnung erklärte, was das war – Sex.

Obwohl sie gewissenhaft jede gesellschaftliche Einladung annimmt, auf Partys geht, auf denen sie außer dem Gastgeber niemanden kennt, in Vereine eintritt und an mühseligen sportlichen Aktivitäten teilnimmt, nur weil diese sich bei geeigneten Männern offenbar großer Beliebtheit erfreuen, ist sie nach wie vor meilenweit von einer neuen Beziehung entfernt. Und sie hatte Angst gehabt, sie könnte Thomas betrügen? Lachhaft! Mit wem denn?

Letzten Monat war sie erschreckenderweise neununddreißig geworden. Anscheinend spielt es überhaupt keine Rolle, dass sie sich noch genauso fühlt wie mit fünfundzwanzig – ein Geburtstag folgt unerbittlich auf den nächsten. Jetzt wird sie als Nächstes vierzig – vierzig: wie nüchtern und erwachsen das klingt! –, und dennoch bleibt sie Sophie.

Ihre biologische Uhr, die ihr bisher nie irgendwelche Probleme gemacht hat, tickt seit Neuestem mit zunehmender Nervosität: »Äh, entschuldige, aber findest du nicht, du solltest dich ein bisschen beeilen, beeilen, beeilen?« Sie hat sich dabei ertappt, wie sie Babys in Kinderwagen mit den gleichen missgünstigen, sehnsüchtigen Blicken betrachtet, die midlife-crisis-geschüttelte Männer für blutjunge Mädchen übrig haben. Als sie erfuhr, dass Thomas Vater geworden war, sagte sie: »Oh, das ist aber schön!« Stunden später dann, als sie in der Wanne saß, brach sie in Tränen aus und schalt sich laut: »Du blöde Kuh!«

Doch bereits am nächsten Tag hatte ihr angeborener Optimismus wieder die Oberhand gewonnen. Sie hat Erfolg im Beruf, einen großen Bekanntenkreis und ein ausgefülltes gesellschaftliches Leben. Sie ist weiß Gott keine einsame alte Jungfer, die nichts hat außer ihrer Katze. Sie ist kaum einen Abend zu Hause, und Katzen mag sie sowieso nicht. Alles wird gut werden. Er wartet bestimmt irgendwo auf sie. Er wird aufkreuzen, wenn sie am wenigsten damit rechnet.

Wer weiß, vielleicht hat sich Thomas mit ihr verabredet, um sie mit einem großen, dunkelhaarigen, gut aussehenden Freund zu verkuppeln? Ha ha. Sehr witzig. Falls sie für immer Single bleiben sollte, kann sie wenigstens über ihre eigenen Witze lachen, während sie gebackene Bohnen auf Toast mampft.

Ob Thomas wohl selbstgefällig sein wird? Selbst ein herzensguter Mensch wie er muss doch ein wenig Genugtuung darüber empfinden, wie alles gekommen ist. Na schön, soll er ruhig selbstgefällig sein, denkt Sophie, während sie sich wieder ihrer noch zu tippenden fröhlichen Nachricht an das Komitee für Arbeitsmoral zuwendet. Du hast sein Herz geschreddert. Sei großzügig. Lass ihn selbstgefällig sein.

KAPITEL 4

S24.jpg

SCRIBBLY GUM ISLAND, 1932

Als sie sagten, sie würden einen Reporter schicken, hatte sich Connie jemand viel Älteres vorgestellt: einen Furcht einflößenden Kerl mit einem abgestumpften »Kenn-ich-alles-schon«-Blick und Händen mit diesen grässlichen gelb verfärbten Fingerspitzen. Sie hatte sich vorgestellt, wie er »Prima Kekse, Mädel« sagen und ungeduldig werden und sie von oben herab behandeln würde, wenn sie sich mit den Antworten auf seine Fragen zu viel Zeit ließ. Sie hatte beschlossen, ihm resolut und kurz und bündig zu antworten, und einen zweiten Keks würde sie ihm vermutlich nicht anbieten.

Aber da war nichts Abgestumpftes an Jimmy Thrum. Sogar sein Name hatte etwas Energiegeladenes. Er konnte höchstens einundzwanzig sein und war damit nur wenig älter als sie selbst. Er war hager und hatte lange Gliedmaßen und auf der Nase Sommersprossen wie ein kleiner Junge. Und seine Augen, die eine ungewöhnliche Farbe hatten, grinsten und funkelten sie unter der Krempe seines zerbeulten braunen Huts hervor an.

In Jimmy Thrum pulsierte die Kraft des Lebens.

Als Connie ihn am Bahnhof abholte, sprang er, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf auf sie zu – wie ein großer, freundlicher Labrador. Ganz Kavalier bestand er darauf, sie beide zur Insel hinüberzurudern; dabei bezweifelte Connie, dass er jemals auch nur einen Fuß in ein Ruderboot gesetzt hatte. Aber da er so viel Spaß hatte und die Luft tief in die Lunge einsog wie am ersten Ferientag und den Kopf in den Nacken legte, um sich die Wintersonne aufs Gesicht scheinen zu lassen, ließ sie ihn gewähren. Sie nahm ihm weder die Riemen ab, mit denen er wild herumfuchtelte, noch beklagte sie sich über das eiskalte Wasser, mit dem sie immer wieder nass gespritzt wurde. Er hatte etwas an sich, das in ihr die Lust weckte zu kichern wie ein kleines Mädchen. Sie musste wegschauen; sie wandte den Kopf ab und tat so, als sei sie ganz fasziniert von einem fliegenden Pelikan.

Jetzt saß Jimmy Thrum, der Reporter, am Küchentisch im Haus der Doughtys, stürzte seine zweite Tasse Tee hinunter und biss so herzhaft in seinen dritten Keks, dass die Krümel nach allen Seiten flogen. Rasch befeuchtete er einen Finger, um sie aufzutupfen.

Gebannt, als habe er selten eine fesselndere Geschichte gehört, lauschte er ihren Worten. Hoffentlich nimmt er mich nicht auf den Arm, schoss es Connie in plötzlichem Misstrauen durch den Kopf. Sollte ein Zeitungsreporter nicht abgeklärter sein?

Falls er seine Begeisterung nur vortäuschte, war er jedenfalls ein hervorragender Schauspieler. Ein paarmal schlug er sich sogar auf die Schenkel.

Connie musterte ihn verstohlen, als er sich über seinen Schreibblock beugte und eifrig Notizen machte. Er hatte erstaunlich haarige Unterarme. Sein Haar lag angeklatscht am Kopf an; einzelne Locken lösten sich und standen empor. Er schrieb in einer Mischung aus, wie sie vermutete, Kürzeln und Wörtern. Sie konnte »Scribbly Gum Island« und ihren ausgeschriebenen Namen entziffern: »Constance (Connie) Doughty. Alter: 19«.

»Das ist eine großartige Story.« Er blickte auf und sah sie an. Sie konnte immer noch nicht sagen, was für eine Farbe seine Augen hatten.

»Freut mich«, antwortete Connie und dachte: Großer Gott, das hört sich ja an, als ob du geschmeichelt wärst!

Es war nicht überraschend, dass sie ein bisschen … nun ja, um ehrlich zu sein, ein bisschen empfänglich für seine Ausstrahlung war. Es war so erfrischend, jemanden im Haus zu haben, der ein wenig Temperament hatte, wo sie nur Dad um sich hatte – den man nehmen musste, wie er war – und Rose, die ein wenig seltsam wurde. Sie liefen beide ständig mit einem so benommenen, todunglücklichen Gesicht herum, dass Connie sie manchmal am liebsten am Kragen packen und ihre Köpfe zusammenschlagen würde. Dad hatte allerdings allen Grund, so ein Gesicht zu machen. Sein Einsatz in Frankreich war nicht gerade ein Spaziergang im Park gewesen, wie Mum immer geseufzt hatte. Bei Rose dagegen lag die Sache anders: Es wurde verdammt noch mal höchste Zeit, dass sie sich endlich am Riemen riss. Vor allem jetzt, wo ein Baby im Haus war. Ein armes, wehrloses Kind, das nichts dafür konnte, dass es ausgerechnet zu diesem ungünstigen Zeitpunkt geboren worden war.

Jimmy hörte zu schreiben auf, schüttelte verwundert den Kopf und fragte: »Und Sie sagen, das Wasser im Kessel hat gekocht?«

»Ja, und der Kuchen war noch richtig warm. Er konnte höchstens ein paar Minuten aus dem Ofen sein.«

»Was für ein Kuchen war es denn?«

»Ein Marmorkuchen.«

»Das ist der mit den verschiedenfarbigen Teigschichten, nicht wahr?«

Er sah hungrig aus, als er das fragte. Die Kekse hatte er alle gegessen, und sonst konnte sie ihm nichts anbieten. Sie wünschte, sie könnte ihm einen riesigen Braten vorsetzen, wie es ihn früher, als Mum noch am Leben war, oft gegeben hatte. Was für ein ungemein befriedigendes Gefühl wäre es doch – ein beinah diabolisch befriedigendes Gefühl –, einen hungrigen, dankbaren Mann wie Jimmy Thrum zu bekochen, ihm immer wieder den Teller mit großen, dampfenden Portionen zu füllen, bis er eine Hand auf den Bauch legen und protestieren würde: »Stopp, ich krieg keinen Bissen mehr runter!« Eines Tages würde Connie in einem Haus mit einer gut gefüllten Speisekammer wohnen. Es war einfach nicht richtig! Magere (und hübsche!) Jungs wie Jimmy Thrum sollten nicht hungrig herumlaufen müssen.

»Genau. Der mit den verschiedenfarbigen Teigschichten.«

»Und das Baby lag einfach da? Es hat bestimmt geschrien, oder?«

»Ach was!«, antwortete Connie leicht verärgert. »Gelächelt hat es! Die Kleine ist aufgewacht, als wir hereinkamen, und hat uns angelächelt.«

»Armes Würmchen.« Jimmy Thrum schüttelte traurig den Kopf. »So ganz allein, die Eltern wie vom Erdboden verschluckt! Ob die Kleine sie wohl vermisst?«

»Dafür ist sie noch viel zu klein«, erwiderte Connie mit Nachdruck. Es musste ganz klar sein, dass das Baby in guten Händen war. Sie wollte nicht, dass irgendwelche reichen Wohltäter den Artikel lasen und hier aufkreuzten, um sich des armen Babys anzunehmen. »Sie entwickelt sich prächtig. Wir werden gut für sie sorgen, bis ihre Eltern zurückkommen.«

»Falls sie zurückkommen«, gab Jimmy zu bedenken. »Kommt mir irgendwie unwahrscheinlich vor, Ihnen nicht? Haben Sie nicht das Gefühl, an der Sache ist was faul?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Connie. »Das Ganze ist wirklich ein Rätsel.«

»Ein Rätsel, hm? Ein ungelöstes Rätsel.« Was war das für ein Blick? Durchdringend und scharf? Hatte er ihr eine Sekunde zu lang in die Augen geschaut? Durchschaute er sie?

Seine Augen hatten die warme Farbe von Zimt. Connie schätzte Zimt sehr. Nach einem guten Braten würde sie ihm Apfelkuchen mit Schlagsahne servieren. Und später, zum Abendessen (vor dem Zu-Bett-Gehen!), würde sie ihm ein paar dicke Scheiben süßen Zimttoast und eine Tasse starken Tee vorsetzen.

Deutete sie seinen Blick falsch? War er gar nicht scharf und durchdringend, sondern neugierig? Ihr Kleid hatte einen hübschen Ausschnitt, und als sie sich am Morgen gekämmt hatte, war ihr Pony ihr in die Stirn gefallen, wie es sich gehörte. Allerdings schien ihr Ausschnitt ihn mehr zu interessieren als ihr Pony.

»Wissen Sie, woran mich das erinnert?«, sagte Jimmy. »An die Mary Celeste. Haben Sie schon mal von der Mary Celeste gehört?«

Wunderbar, dass er von selbst darauf kam! Dann brauchte sie ihn schon nicht darauf zu stoßen. Dieser Vergleich gab ihrer Geschichte den letzten Schliff.

Sie tat, als müsse sie überlegen. »Ja, ich glaub schon«, erwiderte sie zögernd. »War das nicht ein Schiff?«

»Richtig! Vor ungefähr sechzig Jahren war es von New York nach Italien unterwegs, als man es auf hoher See treibend entdeckte, und die zehn Personen, die sich an Bord befunden hatten, waren spurlos verschwunden. Es gibt zahlreiche Spekulationen darüber, was passiert sein könnte, aber keine zufriedenstellende Erklärung.«

Elf, dachte Connie. Elf Personen waren an Bord gewesen. Zehn Erwachsene und ein kleines Mädchen.

»Aber dieses Mal handelt es sich nicht um ein Segelschiff, sondern um ein Haus«, fügte er hinzu.

Was du nicht sagst!, dachte Connie. Doch sie verzieh ihm diese überflüssige Bemerkung um seiner zimtfarbenen Augen willen, die sie aufgeregt anstrahlten.

»Und es gibt einen Überlebenden«, fuhr er fort. »Nämlich das Baby. Das uns leider nicht sagen kann, was passiert ist.«

»Leider«, bekräftigte Connie.

»Das Geheimnis um das verlassene Haus von Alice und Jack Munro. Das Rätsel um das Munro-Baby! Jetzt haben wir unsere eigene Mary Celeste

Connie lächelte ihm aufmunternd zu. »Würden Sie sagen, dass das ein Knüller ist?«, fragte sie in gespielter Arglosigkeit.

»Und ob das ein Knüller ist! Das ist der Knüller des Jahres 1932!« Jimmy machte ein hochzufriedenes Gesicht, beugte sich aufs Neue über seinen Notizblock und kritzelte noch ein paar Sätze.

»Sind Sie schon lange Reporter?«, wollte Connie wissen.

Er straffte sich ein wenig, wie ihr schien, und ihr wurde bewusst, dass sie ihn verletzt hatte. Unwillkürlich regte sich ein Gefühl der Zärtlichkeit in ihr. »Ich bin noch in der Ausbildung«, antwortete er abweisend und fuhr sich mit der Hand über den Kopf, als sei ihm gerade eingefallen, dass seine Haare sich vermutlich weigerten, flach liegen zu bleiben.

Die Zeitung hielt das also nicht für eine große Geschichte, sonst hätten sie keinen Anfänger geschickt. Aber vielleicht würde Jimmy Thrums Begeisterung ansteckend sein.

»Was sagt die Polizei eigentlich dazu?«, fragte er, und seine Stimme klang kühler als bisher. »Ich nehme doch an, Sie haben sie verständigt, als Sie das Baby fanden?«

In vertraulichem Ton, um ihn versöhnlich zu stimmen, antwortete sie: »Zuerst haben sie sich nicht groß dafür interessiert. Sie fanden das Ganze überhaupt nicht rätselhaft. Die Munros waren mit der Miete im Rückstand. Und in Zeiten wie diesen gibt es immer Leute, die ihr Zuhause ganz plötzlich verlassen, sich oft bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen. Sogar ihre Babys lassen sie zurück.«

»Aber normalerweise wird ein Baby vor einer Kirche oder vor jemandes Haustür abgelegt. Man lässt es nicht einfach schlafend im Haus zurück.«

»Alice hatte Rose und mich zu einer Tasse Tee eingeladen«, erklärte Connie. »Sie war sich offenbar sicher, dass wir ihr Baby finden würden.«

»Aber der aufgesetzte Kessel mit dem kochenden Wasser! Und der Kuchen, der für die Glasur vorbereitet war!« Jimmys Eifer flammte wieder auf, als er seinen Knüller verteidigte. »Und Sie sagten, ein Stuhl sei umgeworfen gewesen und auf dem Fußboden hätten Sie Blutflecken entdeckt!«

»Der Sergeant vom Revier in Glass Bay meinte, interessieren würde ihn das Ganze nur, wenn ich eine Leiche auf dem Fußboden entdeckt hätte. Wissen Sie, was ich glaube? Hätte mein Vater den Vorfall gemeldet, hätte der Beamte ganz anders reagiert. Aber Dad verlässt die Insel kaum noch. Es geht ihm nicht besonders. Er hat in Frankreich zwei Gasangriffe überlebt. Seitdem ist er ein bisschen … na ja, jedenfalls bleibt er die meiste Zeit auf der Insel.«

Sie hatte sagen wollen, dass ihr Vater ein bisschen verrückt war, doch erstens tat das nichts zur Sache, und zweitens ging es Jimmy Thrum nichts an. Und dennoch drängte es sie sonderbarerweise, ihm zu erzählen, dass ihr Vater seit dem Tod ihrer Mutter noch seltsamer geworden war und dass sie sich um Rose sorgte, weil auch sie nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein schien.

»Zu guter Letzt ist der Sergeant dann aber doch hergekommen«, fuhr sie fort. »Er hat sich im Haus umgesehen und dabei am Kopf gekratzt und dann gemeint, das da auf dem Fußboden müssten nicht unbedingt Blutflecken sein. Sie müssen es sich selbst ansehen, wenn wir nachher rübergehen. Also für mich sieht es ganz klar nach Blut aus. Dann sagte er, er würde irgendwann kommende Woche noch mal einen Blick ins Haus werfen, falls die Munros bis dahin nicht wieder aufgetaucht wären. Anscheinend denkt er, sie würden zurückkommen und ihr Kind holen. Er hat wohl ziemlich viel um die Ohren, und wahrscheinlich hält er mich für ein einfältiges junges Ding. Außerdem ist es den meisten Leuten furchtbar lästig, auf die Insel kommen zu müssen. Man könnte meinen, wir lebten auf dem Mond, so umständlich ist der Weg hierher.«

»Ich halte Sie nicht für ein einfältiges junges Ding.«

»Danke.«

Ihre Blicke trafen sich, und beide schauten weg und rutschten verlegen auf ihren Stühlen hin und her.

»Ich finde, die Insel ist es wert«, sagte Jimmy unvermittelt. »Den langen Weg auf sich zu nehmen, meine ich. Es ist wunderschön hier. Ich beneide Sie, dass Sie hier leben dürfen. Ich frage mich, warum die Leute nicht zum Picknicken herkommen.«

Klar, warum nicht?, dachte Connie. Mit Picknicks wird es anfangen, und als Nächstes folgen Teepartys.

Aus einem Zimmer am Ende des Flurs war ein leises Maunzen wie von einem Kätzchen zu hören.

»Ist das das Munro-Baby?«, fragte Jimmy. Es klang erstaunt, als hielte er es für einen unglaublichen Zufall, dass sie sich gerade über das Baby unterhielten und sich nun herausstellte, dass es tatsächlich existierte.

»Ja«, antwortete Connie. »Meine Schwester kümmert sich schon um die Kleine.«

Aber das Baby weinte und schrie immer lauter. Jimmy und Connie sahen sich an, und nach einer Weile stand Connie auf und ging den Flur hinunter. Rose saß an der Nähmaschine, die ihrer Mutter gehört hatte, und starrte mit reglosem, leerem Gesichtsausdruck aus dem Fenster. Connie zischte: »Hörst du denn nicht, dass das Baby schreit?« Rose fuhr zusammen. »Oh, entschuldige, ich war so mit Nähen beschäftigt.«

»Dann solltest du dir vielleicht ein Stück Stoff dazunehmen«, erwiderte Connie und dachte: Irgendetwas stimmt nicht mit ihr.

Connie nahm das Baby aus seinem Bettchen. Es hörte sofort zu weinen auf und machte saugende Bewegungen mit dem Mund, in der Hoffnung, etwas zu trinken zu bekommen. Ein Baby zu versorgen ist wirklich ein Kinderspiel, dachte Connie, als sie mit der Kleinen im Arm in die Küche zurückkehrte. Jeder Idiot kann das.

»Jimmy, ich möchte Ihnen unsere kleine Enigma vorstellen.«

Aber Jimmy würdigte das Baby keines Blickes. Stattdessen guckte er unverwandt Connies Stirn an und stotterte: »Ich hab mir gerade überlegt, ob … na ja, ich hab mich gefragt, ob Sie vielleicht einen festen Freund haben?«

Nein, hab ich nicht, dachte Connie Doughty und vergrub das Gesicht im süßen runzligen Hals des Babys, um ihr Lächeln zu verbergen.

KAPITEL 5

S10.jpg

(Auszug aus »Das Rätsel um das Munro-Baby«, einer laminierten Broschüre im Vierfarbdruck auf extrakräftigem Papier im DIN-Lang-Format, die an die Besucher im Haus von Alice und Jack auf Scribbly Gum Island, Sydney, Australien, verteilt wird.)

Herzlich willkommen im geheimnisvollen Haus von Alice und Jack Munro, in dem die Zeit scheinbar stillsteht! Sehen Sie sich um, seien Sie neugierig, aber fassen Sie bitte nichts an! Die historische Authentizität muss unbedingt gewahrt bleiben. In diesem 1901 erbauten Haus ist alles so geblieben, wie die beiden Teenager Connie und Rose Doughty es am 15. Juli 1932 vorfanden, als sie ihre Nachbarn auf eine Tasse Tee besuchen wollten. Das Wasser im Teekessel war heiß, dem frisch gebackenen Marmorkuchen auf dem Tisch fehlte nur noch die Glasur, und ein Säugling wachte auf, weil er Hunger hatte – doch von den Eltern des Kindes, Alice und Jack Munro, fehlte jede Spur.

Die einzigen Hinweise auf eine mögliche Gewalttat waren ein paar getrocknete Blutflecken auf dem Küchenfußboden und ein umgeworfener Stuhl. (Bitte versuchen Sie nicht, einen Blick unter den Stuhl zu werfen.) Die Leichen von Alice und Jack sind nie gefunden worden, und selbst heute, mehr als siebzig Jahre danach, gilt ihr Verschwinden noch immer als eines der berühmtesten ungelösten Rätsel Australiens.

Die Schwestern Connie und Rose nahmen den Säugling mit nach Hause und zogen das Mädchen wie ihr eigenes Kind auf. Sie gaben ihm den Namen Enigma – das »Rätsel«. Connie, Rose und ihre Enigma (inzwischen eine Großmutter!) leben heute noch auf Scribbly Gum Island, wo auch Enigmas Töchter Margaret und Laura mit ihren Familien zu Hause sind.

Achtung: Aus gesundheitlichen und hygienischen Gründen handelt es sich bei dem Marmorkuchen, den Sie bei der Führung durch das Haus auf dem Tisch sehen werden, natürlich nicht um den ursprünglichen Kuchen von damals, sondern um einen frisch gebackenen nach Alice’ köstlichem Originalrezept! Bitte greifen Sie zu! Sie sind herzlich eingeladen!

KAPITEL 6

S9.jpg

Grace Tidyman träumt. Ihre Lider zucken ärgerlich. Sie hat einen dieser frustrierenden, verworrenen Träume:

Tante Connie ist ganz schön sauer auf sie. Sie schenkt Grace Tee aus ihrer blauen Porzellankanne ein und faucht: »Natürlich bin ich nicht tot! Wo hast du denn diesen Unsinn her?« Grace windet sich verlegen, während sie sich den Kopf zerbricht, wie sie nur auf diese Idee gekommen ist. Plötzlich stellt Tante Connie die Teekanne ab, wirft den Kopf zurück und fängt zu Grace’ unsäglichem Entsetzen an, laut und mit babyhaft zusammengekniffenem Gesicht zu plärren. Grace hält sich die Ohren zu. Sie weiß, dass das sehr unhöflich ist, aber sie erträgt dieses schauerliche Babygeschrei aus Tante Connies Mund einfach nicht. Ihr Geheule hört gar nicht mehr auf, und Grace kreischt: »Es tut mir leid, es tut mir leid!« Sie ist wütend, überraschend wütend auf Connie. »Ich wollte dich nicht verletzen! Ich dachte, du wärst tot!«

»Grace? Der Kleine weint. Soll ich ihn dir bringen?«, dringt eine Stimme an ihr Ohr.

»Mmmm … Was? Oh. Ja. Ja, sicher.«

Grace hört, wie ihr Mann das für ihren Mittagsschlaf verdunkelte Zimmer verlässt. Sie presst die Finger mit aller Kraft auf ihre geschlossenen Lider und stemmt sich dann in eine sitzende Position hoch.

Tante Connie ist tot. Jetzt fällt es ihr wieder ein. Sie ist gestern gestorben.

Sie hört das penetrante Weinen ihres Sohnes und Callums sanfte Stimme: »Na, hast du Hunger, Kleiner?«

Sie knipst die Lampe an und verzieht schmerzlich das Gesicht, als der gelbe Lichtstrahl sie blendet. Sie hat ihre Arme vor sich auf der Decke ausgestreckt. Im Licht sehen sie seltsam aus, als ob sie gar nicht zu ihr gehörten. Sie muss an diesen amerikanischen Bergsteiger denken, der mit dem Arm in eine Felsspalte geraten war und sich nur dadurch befreien und überleben konnte, dass er ihn sich absäbelte. Sie stellt sich vor, wie das wäre, penibel das Messer anzusetzen, ihre Muskeln zu durchschneiden, den harten, weißen, blutverschmierten Knochen zu brechen – zu entkommen.

Das Baby auf dem Arm haltend, tritt Callum an das Bett heran.

Grace denkt: Bitte geh doch weg!, und sagt: »Komm her zu mir, mein Schatz.«

KAPITEL 7

S12.jpg

»Ich weiß ganz genau, dass sie sagte, sie wolle in dem hübschen burgunderroten Kostüm beerdigt werden, das sie zu Grace’ Hochzeit getragen hat.«

»Was erzählst du denn da für Märchen, Enigma!«

»Aber ich erinnere mich genau daran! Es war an dem Tag, als wir zu dieser Opernpremiere gingen. Ich sagte ihr, das Kostüm stehe ihr ausgezeichnet, und da meinte sie, sie wolle es zu ihrer Beerdigung tragen.«

»Sie hat gesagt, sie will es zu Molly Traskers Beerdigung tragen, nicht zu ihrer eigenen! Ich weiß noch, wie sie meinte, es sei doch Unsinn, angezogen im Sarg zu liegen. Das sei nur eine Verschwendung von gutem Stoff, hat sie gesagt. ›Ich bin nackt auf diese Welt gekommen, und nackt will ich sie wieder verlassen‹, hat sie gesagt.«

»Das hat sie doch nicht ernst gemeint, Rose! Du kannst doch deine eigene Schwester nicht nackt unter die Erde bringen!«

»Warum denn nicht? Sie würde sich bestimmt köstlich darüber amüsieren.«

Während ihre Mutter und Tante Rose sich kabbeln, schneidet Margie Gordon einen Mandelkuchen zum Tee auf. Sie nimmt sich selbst auch ein Stück. Es ist schwer, Diät zu halten, wenn man eine große, komplizierte Beerdigung vorbereiten muss. Bei dem Gedanken an die tausend Dinge, die in den nächsten Tagen zu erledigen sind, wird es Margie ganz anders. Sie braucht jetzt etwas Süßes, als Trost und als Gute-Laune-Macher.

»Connie hat bestimmt irgendwo aufgeschrieben, was sie tragen möchte«, sagt sie zu den beiden, als sie ihnen Tee einschenkt. »Ihr wisst doch, wie gut organisiert sie ist.«

Wie gut organisiert sie war. O Gott, man stelle sich eine Welt ohne Connie vor! Margie hat das Gefühl, ohne Connies unerschütterliche Gewissheit, ihre unwiderlegbaren Ansichten, ihre blitzschnellen Entscheidungen müsse die Insel im Chaos versinken. In Margies Kopf dreht sich alles, als sei sie seekrank. Wie sollen sie ohne Connie zurechtkommen?

Es war ein ganz schöner Schock gewesen, als sie Connie gestern Morgen tot aufgefunden hatte. Ihre Haut hob sich gräulich vom Kissen ab, ihre Augen waren glasige Schlitze, und ihre Stirn fühlte sich eiskalt unter Margies Hand an. Einen Moment lang kämpfte sie gegen das kindliche Verlangen an, einfach wegzulaufen und einen Erwachsenen zu holen. Aber da sie die Erwachsene war – schließlich war sie über fünfzig und obendrein Großmutter –, hatte sie in den sauren Apfel beißen müssen, wie man so schön sagt, und die Sache selbst in die Hand genommen.

»Hellblau hat Connie immer gut gestanden.« Rose’ altersfleckige Hand zittert fürchterlich, als sie ihre Teetasse hochhebt. »Es darf natürlich nicht zu hell sein.«

Rose gefällt mir gar nicht, denkt Margie beunruhigt. Sie wirkt richtig tattrig heute. Sogar ihren wunderschönen pfirsichfarbenen Cardigan hat sie verkehrt zugeknöpft. So etwas sieht ihr gar nicht ähnlich.

»Dass Connie aber auch mit keinem Wort erwähnt hat, was sie tragen möchte, als sie die Minestrone rüberbrachte«, klagt Margies Mutter Enigma. Ihre Augen schimmern tränenfeucht, aber mit ihren grauen Haaren, die so voller Spannkraft sind, und den roten Wangen sieht sie aus wie das blühende Leben, sodass es Connie gegenüber fast respektlos erscheint. »›Frier die Suppe gleich ein, Enigma‹, hat sie gesagt, und ich sage: ›Du meine Güte, Connie, warum hast du denn so viel auf Vorrat gekocht? Fährst du weg?‹ Ich konnte doch nicht ahnen, dass sie vorgesorgt hat, weil sie sterben würde!«

Schweigen senkt sich über die drei Frauen, und Margie spürt, wie der Kummer seine lethargischen Arme um alle drei legt und sie bedrückt in sich zusammensinken.

»Thomas wird sich heute Abend mit Sophie treffen«, sagt sie unvermittelt.

»Das ist gut«, erwidert Rose. »Was sie wohl dazu sagen wird?«

»Vielleicht versöhnen sie sich ja wieder!«, ruft Enigma aufgeregt, wobei sie Thomas’ Frau und sein Baby praktischerweise vergisst.

»Mach dich doch nicht lächerlich, Mum!«, faucht Margie ärgerlich, weil sie genau den gleichen Gedanken hatte.

KAPITEL 8