Logo weiterlesen.de
Ein Geschenk der Freundschaft

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38

Über die Autorin

Marcia Willett wurde 1945 als jüngste von fünf Schwestern in Somerset geboren. 1969 heiratete sie einen Marineoffizier, ein Jahr später wurde Sohn Charles geboren. Inzwischen lebt Marcia Willett mit ihrem zweiten Ehemann Rodney und einem Neufundländer in Devon, wo sie sich hauptsächlich dem Schreiben von Romanen widmet.

Kapitel 1

1988

Augusta Merton bestellte sich eine Kanne Tee, lehnte Kuchen mit einem energischen Kopfschütteln ab und machte es sich in dem Gefühl, dass sie sich einen großen Luxus leistete, auf ihrem Stuhl bequem. Sie hatte sich schon sehr lange nichts mehr gegönnt, was nicht absolut notwendig war, sodass es ihr beinahe dekadent vorkam, dass sie hier in der stillen, holzvertäfelten Teestube mit den bequemen Windsor-Stühlen und dem hübschen geblümten Porzellan saß und durchs Fenster beobachtete, wie draußen die Menschen emsig durch den windigen, goldenen Aprilnachmittag eilten. Sie lächelte die Kellnerin an, die das Teegeschirr auf den Tisch stellte, blickte ein wenig ängstlich auf die Rechnung, die unter der Kanne lag, und strich sich über ihr rötlich graues Haar, das sie zu einem lockeren Knoten gebunden hatte. Ihr Blick wanderte immer wieder zu ihren Sachen hinüber, vor allem zu einer bestimmten Tasche. Schließlich gab sie der Versuchung nach, griff danach und spähte hinein. Dann stellte sie sie mit einem Seufzer auf den Stuhl neben sich. Sie bemerkte mit Freude, dass sie ein Teesieb auf einer Tropfschale bekommen hatte – Gussie mochte keine Teebeutel –, und nachdem sie den Inhalt der Kanne umgerührt hatte, sah sie sich um und wartete darauf, dass der Tee zog. Am Nachbartisch trank eine hübsche junge Frau Kaffee. Sie wirkte erschöpft, als sei es schon fast zu viel für sie, die Tasse an die Lippen zu führen. Gussie glaubte, sie vage zu kennen, und als sie ihren Blick auffing, lächelte sie ermutigend.

Gussies Lächeln und das Verstehen, das darin lag, überraschte Nell Woodward so sehr, dass sie ihre Müdigkeit beinahe vergaß. Es schien ihr, als habe diese Fremde verstanden, dass sie im Augenblick außerstande war, mit dem Leben fertig zu werden, und als böte sie ihr Mitgefühl und Stärke an. Nun, sie war gewiss erschöpft. Seit zehn Jahren war sie mit einem Marineoffizier verheiratet, und sie war etliche Male umgezogen, aber jetzt merkte sie, wie viel schwieriger es war, so etwas zu bewältigen, wenn Kopf und Herz sich gegen den Umzug sperrten. Während dieser zehn Jahre war sie von Gosport nach Faslane gezogen, von Faslane nach Chatham und dann wieder zurück nach Gosport. Das gehörte dazu, wenn man mit einem Angehörigen der Marine verheiratet war. Vielleicht wäre man da oder dort gern länger geblieben, vielleicht hasste man die von der Marine zur Verfügung gestellten Quartiere, aber es hatte überall alte Freunde gegeben, die ihre Unterstützung anboten, und das Netzwerk der Marine. Der Umzug nach Bristol war jedoch etwas anderes gewesen. Johns Entscheidung, seinen Abschied von der Marine zu nehmen, war aus Nells Sicht eine große Dummheit. Was war schon dabei, wenn er bei der Beförderung tatsächlich übergangen worden war? Er hatte immer noch einen lohnenden Job mit einem guten Gehalt, er war unter Menschen, die er kannte. Jetzt lebten sie in einer Mietwohnung in Bristol und hatten fast seine gesamte Abfindung aufgebraucht, damit er sich als Partner in die Makleragentur eines Freundes einkaufen konnte. Was wusste John darüber, wie man Häuser verkaufte? Die Angst, die sie beim Gedanken an die Zukunft spürte, war Nell mittlerweile vertraut. Sie trank noch einen Schluck Kaffee, wohl wissend, dass sie sich zusammenreißen und nach Hause gehen musste, um weiter auszupacken. Die Wohnung sah noch immer aus wie ein Möbeldepot, obwohl sie schon seit mehr als zwei Wochen hier waren. Trotzdem blieb Nell sitzen, außerstande, die Energie oder die Willenskraft aufzubringen, um sich zu bewegen.

Gussie schenkte sich Tee ein. Sie war einen Augenblick lang abgelenkt gewesen von Nell, die sie einfach nicht einordnen konnte, aber jetzt kehrten ihre Gedanken zu dem Inhalt der Plastiktasche zurück. Natürlich passte ein Paisley-Muster immer, und wenn man den Saum auslassen würde … Während sie an ihrem Tee nippte, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Wie nett von Henry, sich an seine betagte Cousine zweiten Grades zu erinnern und sie zu seiner Hochzeit einzuladen. Wie freundlich. Und eine Einladung, das Wochenende auf Nethercombe zu verbringen. Es würde wunderbar sein, alles dort wiederzusehen. Es musste Jahre her sein – oh, mindestens fünfzehn –, seit sie dort gewesen war. Henrys Mutter, ihre Cousine Louisa, hatte damals noch gelebt. Jetzt waren beide tot, Louisa und ihr Mann James, und Henry hatte Nethercombe Court mit dem Farmland und den berühmten Devon-Red-Rindern geerbt. Und nun wollte er heiraten.

Gussie stellte ihre Tasse zurück auf die Untertasse, und auf ihrem Gesicht machte sich die gewohnte Sorgenmiene breit: eine Furche zwischen den sandfarbenen Brauen, die geschürzten Lippen. Es wurde immer schwieriger, von ihrer winzigen Pension zu leben, und ihr kleines Vermögen war fast aufgebraucht. Sie war bereits von der großen, luftigen Wohnung in der Nähe der Clifton-Hängebrücke, die nur einen Schritt von den Downs entfernt gewesen war, in ein kleineres Appartement in der Tyndalls Park Road umgezogen. Ihr Herz klopfte ängstlich, und ihre Hand zitterte ein wenig, als sie sich die zweite Tasse Tee einschenkte. Wirklich, sie sollte nicht hier sein. Eine Kanne Tee oder eine Tasse Kaffee in einem Café zu trinken war ein wahrer Luxus, aber die Einladung und das Glück, das Kleid zu finden, waren zusammen mit dem Gedanken an die Hochzeit so aufregend gewesen, dass ihr diese kleine Belohnung angebracht erschienen war. Das Kleid war reine Verschwendung, kein Zweifel, aber ein gewisses Niveau musste gewahrt werden, und sie konnte unmöglich in ihrem alten blauen Kleid zur Hochzeit des lieben Henry gehen. Sie durfte ihn nicht enttäuschen. Wenn sie während der nächsten Wochen dafür ein oder zwei Opfer bringen musste, dann war es die Sache wert.

»Soldatentochter, Soldatenschwester«, rief sie sich ins Gedächtnis, drückte die schmalen Schultern fester durch und lächelte wieder in Nells Richtung.

Etwas an der Art, wie sich die alte Dame bewegte, durchdrang den Nebel von Nells Erschöpfung und berührte ihr Herz. Sie spürte, dass irgendein Gespräch von ihr erwartet wurde, obwohl sie sich danach sehnte, in dem friedlichen Kokon ihrer Isolation eingesponnen zu bleiben.

»Einkaufen ist so ermüdend«, sagte sie einfach so. Sie war zu erschöpft, um sich eine originelle Bemerkung auszudenken. »Es sei denn, man kauft etwas Besonderes.«

»Sich etwas Neues zum Anziehen zu kaufen ist immer ein Vergnügen.« Gussie verspürte den überwältigenden Drang, ihre Aufregung mit einer anderen Frau zu teilen. »Ich bin zur Hochzeit meines Cousins eingeladen, und ich habe mir ein neues Kleid gekauft.«

»Wie wunderbar.« Nell reagierte automatisch auf Gussies mühsam unterdrücktes Glück. »Was für eine Art Kleid?«

»Nun …« Gussie beäugte die Tasche in einer Mischung aus Wonne und Angst. »Ich glaube, es passt ziemlich gut, wenn man mein Alter bedenkt. Paisley-Muster in Marineblau.«

»Das klingt genau richtig«, sagte Nell ermutigend. Sie stellte fest, dass die Tasche keinen Aufdruck eines Ladens trug und schon recht gebraucht aussah. Außerdem fiel ihr auf, ohne dass sie es sich anmerken ließ, dass Gussies Kleidung zwar gepflegt, aber abgetragen war. »Darf ich es sehen?«

Ein wenig verwirrt nahm Gussie das Kleid aus der Tasche und zeigte es scheu vor.

»Nichts Auffälliges, verstehen Sie. Aber elegant.« Sie sah Nell ängstlich an. »Was meinen Sie? Wird es mir stehen?«

»Ich finde, es ist genau richtig.« Nells Verdacht bestätigte sich. Das Kleid war gebraucht, aber es war einmal teuer gewesen, und sein klassischer Schnitt machte es zeitlos. »Die Farbe wird Ihnen gewiss gut stehen. Werden Sie einen Hut tragen?«

Der sorgenvolle Blick kehrte zurück, während Gussie das Kleid sorgfältig faltete und in die Tasche zurückschob.

»Da gibt es ein kleines Problem«, gestand sie. »Mein Filzhut ist ein wenig schwer für eine Hochzeit im Mai, aber ich fürchte, es wird nicht anders gehen.«

»Mir fällt ein«, sagte Nell und lauschte überrascht ihrer eigenen Stimme, »ich habe einen dunkelblauen Strohhut. Den können Sie gern haben …«

Das muss die Erschöpfung sein, dachte sie. Sich auf eine wildfremde Frau einzulassen und ihr anzubieten, ihr einen Hut zu leihen! Ich werde verrückt. Vielleicht lebt sie gar nicht hier in dieser Gegend …

Aber Gussie sah sie voller Freude und Dankbarkeit an, und schon bald tauschte Nell mit ihr Name und Adresse und lud Gussie auf einen Kaffee ein, um den Hut auszuprobieren.

Was habe ich getan?, fragte sie sich, während sie ihre Sachen zusammensammelte und auf die Tür zuging. Was hat mich dazu gebracht, etwas so Dummes zu tun? Und in der Wohnung herrscht das reinste Chaos. Oh Himmel!

Gussie sah ihr nach, dann quetschte sie eine dritte Tasse Tee aus der Kanne heraus. Das Gespräch hatte sie aufgemuntert. Sie hatte eine neue Freundin gewonnen. Und eine ausgesprochen schöne obendrein. Gussie runzelte leicht die Stirn. Nells Name war ihr nicht bekannt vorgekommen, aber sie erinnerte sie an jemanden. Doch an wen? Sie nippte nachdenklich und glücklich an ihrem Tee: ein neues Kleid, eine bevorstehende Hochzeit und eine Einladung zum Kaffee. Das Leben konnte immer noch sehr schön sein.

Zurück in ihrer Wohnung, sah Nell sich voller Verzweiflung um. Sie konnte diese schreckliche Mattigkeit nicht abschütteln, dieses Gefühl, dass John einen furchtbaren Fehler gemacht hatte. Und doch war John selbst voller Optimismus und glücklicher, als er es seit vielen Monaten gewesen war. Zu seinem großen Glück war sein alter Freund Martin Amory bereit gewesen, ihn in sein Geschäft aufzunehmen. Seit dem Kurssturz auf dem Aktienmarkt im Jahr zuvor investierten die Leute ihr Geld in Grundbesitz, und die Makler genossen den Boom. Die Tatsache, dass John auf diesem Gebiet überhaupt keine Qualifikationen besaß, war anscheinend unwichtig, und Martin und John waren sich ziemlich sicher, dass sie ein Vermögen verdienen würden.

Nell machte sich an die Arbeit. Der Gedanke, dass Gussie morgen am Vormittag zum Kaffee kommen würde, spornte sie an. Die Wohnung war zwar groß und freundlich, aber nur als vorübergehende Bleibe gedacht, bis sie es sich leisten konnten, etwas zu kaufen. Schließlich hatte John jetzt die besten Möglichkeiten, ein Schnäppchen zu finden, und das hatte Vorrang. Nur sehr widerstrebend und nach einigen unerfreulichen Szenen hatte Nell schließlich akzeptiert, dass der größte Teil von Johns Abfindung in Martins Geschäft fließen sollte. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt: Es musste genug übrig bleiben, um für die nächsten ein oder zwei Jahre die Gebühren für Jacks Internat bezahlen zu können. Nell war entschlossen, für eine gewisse Beständigkeit im Leben ihres achtjährigen Sohns zu sorgen. Er hatte sich schon in seiner Schule in Somerset eingelebt, und sie hatte nicht die Absicht, ihn noch weiter herumzuzerren. Ohne die Abfindung von der Marine und das großzügige Gehalt, das John jetzt bekam, hätte Jacks Ausbildung möglicherweise auf dem Spiel gestanden, und sie war in diesem Punkt unerbittlich gewesen. John war erleichtert, dass sie bereit war einzulenken, und er hatte ihre Bedingung nur allzu gern akzeptiert. Selbst wenn sie die Schulgebühren für zwei Jahre beiseitelegten, würde es ausreichen, um sich in Martins Agentur einzukaufen, die Kaution für die Wohnung zu bezahlen und noch eine kleine Summe übrig zu
behalten.

Zur Teezeit sah die Wohnung schon etwas gemütlicher aus. Noch nie hatte Nell so lange gebraucht, um Ordnung zu machen –
obwohl die Wohnung eigentlich nicht schlechter war als einige der Marinequartiere, in denen sie gewohnt hatten. Die Möbel waren sogar erheblich besser. Die wenigen Möbelstücke, die Nell im Laufe der Jahre liebevoll gesammelt hatte, standen in dem winzigen Cottage in Porlock Weir, das sie und John am Ende eines idyllischen Urlaubs in Exmoor gekauft hatten. Wie sehr Nell dieses bescheidene Refugium liebte! Wenn John monatelang auf See gewesen war, hatten sie und Jack sich oft in einem voll beladenen Wagen auf den Weg zu diesem geliebten Fleckchen Erde gemacht, wo sie am glücklichsten war. Immer war das Wissen um dieses Cottage eine warme Zuflucht vor den Stürmen und Unbilden des Lebens gewesen. Sogar als sie Jacks Schlafzimmer fertig machte, seine Plüschtiere auf den hässlichen Schrank stellte und seine Modellpanzer in das Bücherregal zu seinen oft gelesenen Büchern räumte, fragte sie sich, ob sie nicht in den Ferien einige Tage mit ihm in das Cottage fliehen könnte.

Ein Teil ihres Entsetzens über Johns berufliche Veränderung entsprang, wie sie sehr wohl wusste, dem bevorstehenden Verlust ihrer kostbaren Privatsphäre, ihres eifersüchtig gehüteten Zufluchtsorts. Sie musste sich immer noch daran gewöhnen, John jeden Tag um sich zu haben, ihn am Morgen zu verabschieden und am Abend mit regelmäßigen Mahlzeiten daheim willkommen zu heißen. Viele Frauen von Marinesoldaten hassten die Einsamkeit in ihrem Leben, wenn ihre Ehemänner auf See waren, aber man gewöhnte sich auch an die Unabhängigkeit, die aufzugeben Nell jetzt schwerfallen würde. Ihr hatten die Trennungen nie etwas ausgemacht, im Gegenteil. Nicht die Einsamkeit, sondern die Beziehungen und die anderen Menschen fand sie ermüdend und anstrengend. Und zwar so sehr, dass ihr zu Beginn ihrer Schwangerschaft sogar der Gedanke an die Verantwortung für ein Kind Angst gemacht hatte. Die Vorstellung von einem winzigen, hilflosen menschlichen Wesen, das vollkommen abhängig von ihr war, hatte sie mit Entsetzen erfüllt. Doch als Jack dann auf der Welt war und man ihn ihr zum ersten Mal an die Brust gelegt und er sie mit großen blauen Augen unverwandt angeschaut hatte, waren ihre Befürchtungen von einer Woge der Gefühle davongeschwemmt worden. Sie waren sofort Freunde geworden, nicht nur wie Mutter und Sohn, sondern echte Freunde, und während er größer wurde, hatte sich dieses Gefühl verfestigt. Sie sah in sein Herz und in seine Seele, und sie erahnte seine seelischen Bedürfnisse mit noch größerer Genauigkeit als seine körperlichen. Er seinerseits spürte ihr Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und war in der Lage, ihr eine Kameradschaft zu schenken, die ihre Freiheit nicht einschränkte. Keiner von ihnen dachte über ihre Beziehung nach, sie handelten ganz aus dem Gefühl heraus und gesteuert von ihrer Liebe zueinander. Diese Liebe wurde für Nell doppelt kostbar, nachdem ihre Eltern nach Kanada ausgewandert waren, um bei Nells jüngerer Schwester zu leben, die mehrere Fehlgeburten erlitten hatte und die nach einer schwierigen Geburt zur Halbinvalidin geworden war. Nell war gekränkt gewesen und voller Groll. Schließlich hatte Pauline aus freien Stücken einen Kanadier geheiratet und lebte jetzt im Ausland. Aber beim ersten Hilferuf hatten ihre Eltern alles verkauft und waren zu ihr geeilt, und Nell hatte gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen und ohne sie zurechtzukommen.

Nell sah sich im Schlafzimmer um, schloss die Tür hinter sich und ging durch den langen Flur in die Küche. Es wurde Zeit, über das Abendessen nachzudenken. Die glücklichen Tage einsamer Mahlzeiten mit einem Buch auf dem Tisch gehörten der Vergangenheit an. Gekochte Eier und Käse auf Toast reichten für John am Ende eines langen Arbeitstags einfach nicht aus. Nell seufzte und versuchte, sich auf das Abendessen zu konzentrieren. Sie bemühte sich erfolglos, sich den Inhalt des Kühlschranks ins Gedächtnis zu rufen. Als Erstes, beschloss sie, würde sie sich einen Kaffee machen, und vielleicht würde der ihre kulinarischen Instinkte anregen. Während das Wasser heiß wurde, räumte sie einige Bücher weg, die sich auf dem Küchentisch stapelten. Bei einem Gedichtband von Browning hielt sie inne. Er öffnete sich bei Pippa geht vorüber. Sie blätterte die Seiten um und las ein wenig in dem Buch. Der Kessel begann zu singen. Schließlich ließ sie sich auf einen Stuhl sinken, immer noch in die Lektüre vertieft. Der Kessel schaltete sich aus. Der helle Frühlingsnachmittag dämmerte dem Abend entgegen, aber Nell saß immer noch da und las.

»… also bin ich direkt nach Hause gegangen«, sagte Gussie, »und habe meine Kunst-Enzyklopädie zur Hand genommen, und da war es. Dante Gabriel Rossettis Sibylla Palmifera. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Hat das noch niemand erwähnt? Ihr Haar ist zwar viel dunkler, aber es ist trotzdem unheimlich. Soweit ich weiß, hat er seine Ehefrau häufig als Modell benutzt.«

»Mir gefallen die Gedichte seiner Schwester.« Nell schenkte Tee ein, ignorierte den Schmerz in ihrem Herzen und hoffte, dass Gussie über den indirekten Themenwechsel nicht gekränkt sein würde. Es gab noch jemanden, der sie mit Rossettis Gemälde verglichen hatte.

»Goblin Market«, überlegte Gussie laut, während sie nach ihrer Tasse griff. »Es ist einige Jahre her, dass ich es gelesen habe, aber ich habe es in der Schule gelernt. Kein Freund kommt einer Schwester gleich, in guten wie in schlechten Zeiten. Ich hatte nie eine Schwester. Ich hatte einen Bruder, der im Krieg umkam. Er war in der Armee. Ein Berufssoldat. Genau wie mein Vater. Mein Vater war zu alt, um im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen, aber er war in London im Kriegsministerium. Er und meine Mutter kamen bei den Luftangriffen ums Leben.« Sie nippte an ihrem Tee. »Ich habe sie alle binnen eines Jahres verloren. Ich war damals in Frankreich und habe einen Krankenwagen gefahren.«

Sie schüttelte den Kopf, mehr überrascht über die Tatsache, dass sie dieser fremden Frau so plötzlich ihr Herz ausschüttete, als über die Tragödie, die sie geschildert hatte. Es war nicht ihre Art, anderen Leuten ihre Geschichte zum Geschenk zu machen. Sie missbilligte Unbeherrschtheit und emotionale Ausbrüche. Dasselbe galt für Nell, die sie entsetzt ansah.

»Es tut mir so leid«, begann Nell. Sie brach ab, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

»Meine Liebe, das ist jetzt fünfundvierzig Jahre her. Ich weiß gar nicht, warum ich es erwähnt habe. Dieser Tee ist köstlich. Der gute alte Earl Grey. Wie erstaunlich, dass Ihr Hut mir so gut steht und auch noch zu dem Kleid passt. Das nenne ich Glück. Es ist wirklich sehr nett von Ihnen. Ich werde gut darauf Acht geben.«

Nell war erleichtert über den Themenwechsel, und sie akzeptierte, dass das Zusammentreffen mit Gussie eine Fügung war. Sie sprachen über die bevorstehende Hochzeit, über die Vorzüge von Wohnungen mit und ohne Garten, und Nell erzählte aus freien Stücken von ihrer Zeit in der Marine und von Johns neuem Geschäft. Als Gussie schließlich ging, waren beide Frauen überrascht, wie weit die Freundschaft sich entwickelt hatte, vor allem, wenn man bedachte, dass beide von Natur aus eher wortkarg waren. Keine der Frauen hatte das Gefühl, dass ihre Privatsphäre verletzt worden war, und jede fühlte sich mit der anderen ein wenig seelenverwandt. Nell begleitete die dünne, knochige Frau zum Tor, versprach, in der nächsten Woche auf einen Kaffee vorbeizukommen, und ging in die Küche zurück, um das Teegeschirr abzuräumen.

»Meine kleine Präraffaelitin … wie geht es Sibylla heute?«

Ruperts Stimme hallte sanft und neckend durch ihre Gedanken, ein Geist, den Gussies Scharfsicht heraufbeschworen hatte. Nell stellte die Tassen in die Spüle und schlang die Arme um die Brust. Rupert, den sie geliebt hatte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, dessen jüngeren Bruder sie geheiratet hatte, als sie begriff, dass Rupert sie niemals ernst nehmen würde. Rupert, der ihr Idol gewesen war und der im Falklandkrieg bei einer Explosion zerrissen wurde. Als er begriffen hatte, dass sie erwachsen geworden war, war es zu spät gewesen. Sie war die Frau seines Bruders geworden. John ähnelte ihm äußerlich sehr. Es war schwer, sie auseinanderzuhalten, außer dass Rupert all das Feuer besessen hatte, all den Charme, während John so still und reserviert war. War es Betrug, dass sie häufig so tat, als sei er Rupert?

Natürlich war es das. Nell schob das volle dunkelrote Haar aus dem Gesicht und ließ Wasser in die Spüle laufen. Aber John würde niemals erfahren, dass sie das tat. Rupert war der Kluge gewesen: brillant in der Schule, Ehrenauszeichnungen in Sandhurst, ein erstklassiges Regiment, immer erfolgreich bei schönen Frauen. John war immer hinter ihm zurückgeblieben und hatte nie das gleiche Niveau erreicht. Schließlich hatte er den Qualifikationskurs zur Laufbahn eines U-Boot-Kommandanten nicht bestanden und war dann natürlich bei der Beförderung übergangen worden. Nur Nell wusste, wie verbittert er war, wie entschlossen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Nell half ihm dabei. Dass er eine solche Schönheit wie sie erobert hatte, war eine auffallende Feder an seinem Hut. Nell fand, dass ihre Hilfe eine schlechte Gegenleistung war für den Betrug, den sie in ihrem Herzen so oft beging. Sie begann abzuwaschen, versuchte, die Geister zum Schweigen zu bringen, die Gussie heraufbeschworen hatte, versuchte, nicht an den toten Rupert zu denken. Sie dachte an andere Zeilen, die Christina Rossetti geschrieben hatte: Remember me when I am gone away, gone far away into the silent land.

Es war jetzt sechs Jahre her, seit er in das silent land, das stille Land, gegangen war, aber er lebte noch immer in ihrer Erinnerung und in John. Und in Jack.

Nell trocknete die Tassen und Untertassen ab und stellte sie weg. Bald würde John zu Hause sein, und heute Abend musste sie sich mit dem Essen wirklich Mühe geben.

Kapitel 2

Henry Morley saß an seinem mit Papieren übersäten Schreibtisch und beschäftigte sich halbherzig mit einigen Rechnungen. Er staunte über das Glück, das ihm Gillian geschenkt hatte, die morgen um diese Zeit seine Frau sein würde. Henry liebte den Besitz Nethercombe, er konzentrierte jeden Gedanken auf dessen Wohlergehen und verwandte sein ganzes Einkommen auf dessen Unterhalt, aber er konnte nicht glauben, dass Gillian ihn um seiner weltlichen Güter willen heiratete. Selbst er, der geblendet war von Liebe und Vertrautheit, konnte sehen, dass das elegante georgianische Haus ungeheure Summen für die Instandhaltung verschlang und dass viel mehr Arbeit in das Land investiert werden musste, als er und Mr Ridley – sein Gärtner und Mann für alles – leisten konnten. Und doch liebte Henry Nethercombe von ganzem Herzen und konzentrierte sich mit aller Willenskraft darauf, es wie ein Gut zu verwalten, wenn auch nur ein sehr kleines. An dem, was davon übrig geblieben war – auch wenn es verfiel –, hielt er entschlossen fest.

Also, was sah sie in ihm? Henry fuhr sich mit den Händen durch das dichte braune Haar, schüttelte den Kopf, verzog kläglich das Gesicht und schaute sich in dem kleinen, recht düsteren Arbeitszimmer um, in dem er sich um den Papierkram und die Belange des Guts kümmerte, und er versuchte, den Raum mit Gillians Augen zu sehen. Was ihn selbst betraf, so störten ihn Feuchtigkeit oder Mäuse nicht allzu sehr. Der Salon war noch immer einigermaßen respektabel – obwohl Henry dazu neigte, in der Bibliothek zu leben, einem gemütlichen vertäfelten und behaglich eingerichteten Raum –, und er nahm seine Mahlzeiten in dem fröhlichen kleinen Frühstückszimmer ein, dessen Fenster einen Blick nach Osten boten und dessen Balkontüren auf die Terrasse führten. Sein Schlafzimmer war so spartanisch eingerichtet und sommers wie winters so kalt, dass Mrs Ridley für die Rückkehr des jungen Paars aus den Flitterwochen das große Zimmer hergerichtet hatte, in dem früher seine Eltern geschlafen hatten.

Die Ridleys wohnten mietfrei in dem Häuschen am Anfang der Allee, die zum Haus führte, und Mrs Ridley kochte und putzte und sorgte für Henry und das ganze Haus. Henry bezahlte ihnen so viel er konnte, und sie lebten zu dritt sehr glücklich und anspruchslos zusammen. Wenn sich die Ridleys bei dem Gedanken an eine neue Herrin Sorgen machten, so behielten sie es für sich.

Henry trank eine Tasse lauwarmen Tee, die Mrs Ridley ihm vor einiger Zeit auf seinen Schreibtisch gestellt hatte, schob den Stuhl zurück und schlenderte zum Fenster hinüber. Er vergrub die Hände in den Taschen seiner nicht mehr gesellschaftsfähigen alten Hose aus Moleskin und blickte hinaus auf die Rasenflächen zu beiden Seiten des Hauses und die jetzt in voller, prächtiger Blüte stehenden Rhododendren.

Es war ein eigenartiges Werben um Gillian gewesen. Er hatte sie auf einer Party im Haus eines Freundes kennengelernt. Sie hatte den jungen Architekten Simon Spaders aus Exeter begleitet, dessentwegen Henry eigens zu der Party gegangen war. Die kleine, schlanke, blonde junge Frau mit dem lebhaften Gemüt und der witzigen Zunge hatte Henry rasch für sich eingenommen. Er hatte mit ihr und dem Architekten über seinen Traum gesprochen, einige der alten Stallungen rings um einen Innenhof auszubauen, und sie hatte einige sehr vernünftige Bemerkungen dazu gemacht. Als Simon sich bereit erklärt hatte, nach Nethercombe zu kommen und sich die Baulichkeiten einmal anzusehen, hatte Henry schüchtern gefragt, ob Gillian, denn so lautete ihr Name, vielleicht Lust habe, ihn zu begleiten. Es war ein zauberhafter Nachmittag gewesen. Henry hatte die beiden herumgeführt und ihnen von seinen Hoffnungen und Plänen erzählt. Mrs Ridley hatte ihnen Tee auf die Terrasse gebracht, und sie hatten in der warmen Septembersonne gesessen und über die Dächer der Stallungen zum Fluss und zum Wäldchen geblickt, das im Süden an Nethercombe grenzte.

»Muss ein Vermögen wert sein«, hatte Simon bemerkt, als er und Gillian wieder wegfuhren. »Zumindest auf dem Papier. Er sollte das Ganze verkaufen. Es ist der Traum jedes Bauunternehmers. Der gute Henry würde über Nacht Millionär werden. Er braucht nur die richtige Person, die ihm einen Schubs gibt.«

Einige Wochen später war Henry überrascht und gleichzeitig geschmeichelt gewesen, als Gillian anrief und fragte, ob er sie zu einem Wohltätigkeitsball begleiten wolle. Henry war verzaubert gewesen und hatte den Abend sehr genossen. Während der folgenden Monate, unauffällig ermutigt von Gillian, hatte er die Initiative ergriffen, sie zum Essen eingeladen, sie auf Partys begleitet und sogar ins Theater in Plymouth ausgeführt. Noch nie war Henry so gesellig gewesen. Selbst jetzt, dachte er, während Mr Ridley – der auf dem Rasenmäher saß – aus seinem Blickfeld verschwand, selbst jetzt konnte er sich nicht recht daran erinnern, wie es zu dem Antrag gekommen war. Irgendwie war irgendetwas gesagt worden, gewiss nicht geplant oder beabsichtigt, und Gillian hatte ihn zu seiner Überraschung umarmt und geküsst und das angenommen, was sie für einen Heiratsantrag gehalten hatte. Er war zu entzückt gewesen, zu verblüfft über sein Glück, um sie zu desillusionieren. Er hätte Jahre gebraucht, um den Mut zu einem förmlichen Antrag aufzubringen. Stattdessen würde er sie nun heiraten, kaum mehr als sieben Monate, nachdem er sie kennengelernt hatte. Henry schüttelte den Kopf, blickte auf seine Armbanduhr und stieß einen leisen Entsetzensschrei aus. Er trank den Rest des inzwischen kalt gewordenen Tees aus, nahm seine Autoschlüssel von dem unordentlichen Schreibtisch und eilte hinaus. Er hatte sich Tagträumen hingegeben, und jetzt würde er sich beeilen müssen, um den Zug noch zu erwischen.

Gillian stand am Schlafzimmerfenster und beobachtete, wie ihre Mutter und ihre Patentante über den Rasen schlenderten. Sie war ihrer Patentante dankbar, dass sie ihr erlaubte, in ihrem Haus zu heiraten, und dass sie die Kosten übernahm. Es war schon viele Jahre her, dass ihr Vater ihre Mutter verlassen und eine neue Familie gegründet hatte. Ihre verschwenderische, extravagante Mutter – die nie in ihrem Leben gespart hatte und sich weigerte, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, sie könne sich eine Arbeitsstelle suchen, um die Zahlungen ihres Ex-Manns aufzustocken – war gänzlich außerstande, die Art Hochzeit zu bezahlen, die Gillian vorschwebte. Ihr Vater, der zu lange unter Gillians freimütigen Verunglimpfungen seines Charakters und seines Benehmens gelitten hatte, ignorierte die recht schroffe Bemerkung seiner Tochter, dass es seine Pflicht sei zu zahlen, setzte sie davon in Kenntnis, dass er am Tag der Hochzeit außer Landes sein werde, und schickte ihr einen Scheck über zweihundert Pfund. Gillian zahlte den Scheck auf ihr Konto ein und malte den Charakter ihres Vaters noch schwärzer, indem sie überall erzählte, dass er sich nicht nur geweigert habe, an der Hochzeit seiner Tochter teilzunehmen, sondern dass er ihr auch finanziell in keiner Weise unter die Arme greife. Ihre Mutter hatte sofort ihre älteste Freundin angerufen und über ihre Probleme geklagt. Wie, fragte Lydia, könne Angus nur so unväterlich sein und sich weigern, seine Tochter zum Altar zu führen, und wie könne sie in einer kleinen Wohnung in Exeter und mit dem jämmerlichen bisschen Geld, das Angus ihr gab, etwas Gescheites ausrichten? Und sei es auch nur, um den oft gehörten Beschwerden über die verschwenderischen und unnötigen Summen Geld, die seine neue Frau und seine Sprösslinge ausgaben, ein Ende zu bereiten, übernahm Elizabeth Merrick die ganze Verantwortung und verfluchte im Stillen den Tag vor dreiundzwanzig Jahren, als sie mit der kleinen Gillian in den Armen in der Kirche gestanden und die Gelegenheit versäumt hatte, den Säugling in der steinernen Schüssel des Taufbeckens zu ertränken. Dies würde jetzt ihr letzter Akt von Pflichterfüllung sein, und sie hatte die Absicht, es großzügig und mit Stil zu tun, ja, sie ging sogar so weit, ihren alten Freund und Steuerberater, den Gillian ihr Leben lang kannte, zu überreden, Angus’ Rolle bei der Zeremonie zu übernehmen.

Gillian wandte sich vom Fenster ab und wandte sich wieder der vergnüglichen Aufgabe zu, ihre neue Garderobe durchzusehen, die sie zu einem kleinen Teil dem Scheck ihres Vaters verdankte. Sie hatte ihren Job in einer Weinbar ebenso aufgegeben wie ihr Zimmer in einer Wohnung, die sie sich mit zwei anderen Mädchen geteilt hatte, und war mit Lydia zu Elizabeth gefahren, um dort die letzten beiden Wochen ihres Junggesellinnendaseins zu verbringen. Sie amüsierte sich gut. Obwohl sie mit Freuden bei Henry eingezogen wäre, bevor sie ihn heiratete – es war Henry nie in den Sinn gekommen, dies vorzuschlagen –, war sie doch entzückt über diesen großzügigen Abschied, für den an nichts gespart worden war. Sie fand, dass sie das Nethercombe schuldig war und dass auf diese Weise keiner von Henrys Freunden würde sagen können, sie habe ihn seines Geldes oder seiner Ländereien wegen geheiratet. Denn in diesem Punkt irrte Henry sich gänzlich. Gillian gehörte zu den Menschen, die trotz sichtbarer Beweise glaubten, jemand, der auf einem Gut wie Nethercombe lebte, müsse eo ipso irgendwo Geld versteckt haben. Simons Bemerkungen waren mehr als deutlich gewesen und weckten in ihr das Gefühl, dass es sich lohnte, sich immer wieder um Henry zu bemühen, auch wenn sie manchmal schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, dass er jemals zur Sache kommen würde. Jetzt aber hatte sie das Gefühl, die Zügel in der Hand zu halten und das, wonach sie sich sehnte, in Reichweite zu haben. Sie liebte Henry nicht und war scharfsichtig genug, auch seine Gefühle für sie nicht mit dem großen Feuer der Liebe zu verwechseln. Henry war ganz und gar nicht der Typ Mann, der einer großen Leidenschaft zum Opfer fiel, aber er würde fürsorglich, liebevoll und treu sein – und ihm gehörte Nethercombe. Gillian war zufrieden damit, und sie wusste, dass sie erfahren genug war, um zu verhindern, dass Henry jemals Verdacht schöpfte, sie würde ihn vielleicht nicht lieben. Sie beabsichtigte, nach ihren eigenen Regeln fair zu spielen.

Ihre Mutter rief sie zum Tee, und mit einem kleinen, zufriedenen Nicken in Richtung ihrer hübschen neuen Kleider ging Gillian hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Gussie, die vorsichtig aus dem Zug stieg, sah Henry, bevor er sie sah. Sie lächelte, während sie beobachtete, wie er ängstlich die sich öffnenden Türen absuchte, und sie kam, wie sie es immer tat, zu dem Schluss, dass er genauso aussah wie sein Vater damals: untersetzt, breitschultrig und mit glattem Haar. Sie hatte ihn fast erreicht, als er sich umdrehte. Sofort malte sich ein entzücktes Lächeln auf sein Gesicht, das Herzlichkeit und Erleichterung verriet. Er nahm ihren Koffer, und sie musste sich ein wenig bücken –
denn Gussie war eine hochgewachsene Frau, und Henry war nur durchschnittlich groß –, um ihm einen förmlichen Kuss zu geben.

»Henry, mein Lieber. Das ist ja so aufregend. Ich freue mich so sehr darauf, Gillian kennenzulernen. Meinen herzlichsten Glückwunsch.«

Sie folgte ihm hinaus zu dem zerbeulten Peugeot Kombi, dessen Rücksitze heruntergeklappt waren, um Platz für verschiedene landwirtschaftliche Gerätschaften zu bieten, und er öffnete ihr die Tür.

»Ich freue mich so sehr, dass du kommen konntest«, sagte er, als er hinter dem Steuerrad Platz genommen hatte. »Es wird ein schönes Gefühl sein, dich hinter mir zu wissen. In der Kirche. Von meiner Familie sind nicht mehr viele übrig, wie du weißt.«

Sie tauschten Neuigkeiten aus, während er aus dem Bahnhof in Totnes fuhr, an der Ampel wartete und nach links abbog, den Hügel hinauf.

»Es ist schön, wieder hier zu sein«, sagte Gussie, blickte zur Burg hinauf und bemerkte einige neue Gebäude am Stadtrand. »Ich freue mich so darauf, Nethercombe zu sehen.«

Henry bedachte sie mit einem ängstlichen Seitenblick. Die Worte schienen ihr direkt aus dem Herzen zu kommen. Sie sah dünner und abgezehrter aus als bei ihrer letzten Begegnung. Natürlich wurde sie älter … Henry spürte das schmerzhafte Stechen von Gewissensbissen. Er sollte sie häufiger hierher einladen. Er erinnerte sich daran, dass Gussie Nethercombe stets geliebt hatte, und sein Herz flog ihr von Neuem zu. Jetzt, wo er eine Frau hatte, die das Haus behaglicher machen würde, sollte sie öfter zu Besuch kommen. Er würde sie einladen, hier Urlaub zu machen. Vielleicht über Weihnachten …

Gussie, die keine Ahnung von Henrys Plänen hatte, stieß einen wohligen Seufzer aus und lehnte sich zurück, um die vertraute Landschaft zu betrachten. Es war wunderbar, wieder auf dem Land zu sein, und das Wochenende dehnte sich herrlich lang vor ihr aus. Während sie durch Avonwick fuhren und die A38 querten, konnte Gussie in der Ferne die hohen Tors von Dartmoor sehen. Nethercombe lag innerhalb des Nationalparks, und seine Felder, die von Henrys beiden Pächtern bewirtschaftet wurden, zogen sich an den Ausläufern des Moorgebirges hoch. Das Haus selbst lag jedoch im Schutz des bewaldeten Tals. Gussie richtete sich auf, als sie in eine schmale Straße einbogen, von der die Auffahrt von Nethercombe abzweigte. Henry benutzte den von Bäumen gesäumten Hauptweg zum Haus nicht mehr, sondern fuhr an den Stallungen vorbei, die er auszubauen hoffte, zwischen Rasenflächen und Rhododendren hindurch und um das Haus herum. Er schaltete den Motor aus und lächelte Gussie an.

»Zu Hause«, sagte er. »Willkommen zurück.«

Der Morgen der Hochzeit dämmerte trocken und mild, wenn auch bewölkt, herauf, und Gussie und Henry fuhren zur Kirche, zusammen mit den Ridleys, die schüchtern – aber auch sehr stolz – auf der Rückbank des frisch polierten Kombis saßen, den Mr Ridley
nach Nethercombe zurückfahren würde, wenn der Trauzeuge Henry und Gillian zum Flughafen brachte. Gussie strich sich den Rock ihres Kleids mit dem Paisley-Muster glatt, rückte Nells Strohhut zurecht und warf einen Seitenblick auf Henry, der, bemüht, seine Nerven zu beruhigen, Time was, when Love and I were well acquainted vor sich hin summte.

Die kleine Granitkirche war düster und kühl, und die Blumen schufen leuchtende Seen aus Farbe. Die Ridleys schlüpften entschlossen in die hinterste Reihe, aber Gussie folgte, das Kinn erhoben, die Schultern durchgedrückt – »Soldatentochter, Soldatenschwester« –, dem Zeremonienmeister zu der Reihe direkt hinter der, in der Henry und sein Trauzeuge sitzen würden, nachdem sie in der Vorhalle fotografiert worden waren. Henry hatte ihr erzählt, dass er es gern hätte, wenn sie in der Kirche hinter ihm saß, und dort wollte sie auch sein. Sie nickte der Familie der Braut zu und ließ sich zum Gebet auf die Knie nieder, wobei sie sich des Geraschels und der Aufregung um sie herum sehr wohl bewusst war.

»Liebe Gemeinde, liebe Freunde, wir sind hier im Angesicht Gottes zusammengekommen …«

Sie hat es geschafft, dachte Simon Spaders, der beschlossen hatte, sich als Freund des Bräutigams zu betrachten, jetzt, wo Henry ihn gebeten hatte, die Pläne für den Umbau zu zeichnen. Er betrachtete Henrys festes Kinn, das sich vor dem weißen Chorhemd des Pfarrers markant abzeichnete, und fragte sich, ob die Sache so leicht zu bewältigen sein würde, wie Gillian es sich vorstellte. Er schürzte nachdenklich die Lippen und ließ den Blick über die beiden erwachsenen Brautjungfern gleiten. Lucy wirkte sehr ernst. Diese eigenartige grünblaue Farbe stand ihr gut. Ich finde sie sympathisch, dachte er. Jetzt, wo Gillian anderweitig gebunden ist, könnte ich vielleicht an Lucy Gefallen finden …

»… um die menschliche Fleischeslust zu befriedigen …«

Das klingt gar nicht nach Henry, dachte Lydia, die ihren künftigen Schwiegersohn im Lauf der vergangenen Wochen liebgewonnen hatte. Er ist ganz und gar nicht dieser Typ. Ich denke, Gillian wird, was das angeht, ziemlich enttäuscht sein. Ich hoffe doch, dass sie weiß, was sie tut. Oje … Ihre Gedanken schweiften ab, und neidisch musterte sie Elizabeth’ wunderschön geschnittenes Kleid. Vielleicht hätte ich das Blauseidene anziehen sollen …

»… zuerst eingesetzt für die Zeugung von Kindern …«

Das kann er vergessen, dachte Gillian, wobei sie den Ausdruck sanfter Süße auf ihrem Gesicht beließ und Gott für die Pille dankte. Verdammt will ich sein, wenn ich mich so binde …

»… damit sie sich gegenseitig Gesellschaft, Hilfe und Trost seien in guten …«

Wie hübsch das klingt, dachte Henry. Wie wunderbar, jemanden zu haben, mit dem ich Nethercombe teilen kann. Er stellte sich vor, wie er und Gillian es sich an einem Winterabend in der Bibliothek gemütlich machten, seine alten Platten hörten und über die Dinge des Tages sprachen. Er warf einen Seitenblick auf seine Braut, und das Strahlen auf ihrem Gesicht entzückte ihn …

»… Wenn irgendjemand etwas gegen diese Ehe einzuwenden …«

Das Problem ist, lieber Gott, dachte Gussie, die regelmäßig mit dem Allmächtigen plauderte, den sie als stets gegenwärtigen spirituellen Freund und Ratgeber betrachtete, wenn ich jetzt vortreten und sagen würde: »Das ist alles falsch«, würde niemand es verstehen. Aber es ist völlig falsch, gerade so, als wäre Henry ein
Mr Rochester und hätte eine Ehefrau auf dem Dachboden von Nethercombe versteckt. Ich kann nicht genau sagen, warum, aber es ist einfach falsch …

»… Ich, Henry, nehme dich, Gillian …«

Aber wirst du in der Lage sein, sie zu halten, fragte Elizabeth sich und betrachtete den schmalen, geraden Rücken ihrer Patentochter. Gillian ist noch nie lange bei einer Sache geblieben, und, offen gesagt, ich kann sie mir nicht als Ehefrau eines Landbesitzers vorstellen. Nun, es ist nicht mein Problem. Während Lydia ein zartes, spitzengesäumtes Taschentuch hervorholte und begann, mütterliche Gefühle zur Schau zu stellen, versteifte Elizabeth sich ein wenig und tauschte ein winziges Lächeln mit dem hochgewachsenen, distinguierten Mann rechts von ihr. Wie nett von Richard, sich bereit zu erklären, Gillian zum Altar zu führen. Ich bin froh, dass er mit zum Empfang geht. Wie schön die Blumen sind …

»Mit diesem Ring nehme ich dich zur Frau …«

Und viel Glück, dachte Lucy, die erste Brautjungfer, Gillians alte Schulfreundin und ehemalige Mitbewohnerin. Und jetzt kann sie verflixt noch mal die Miete zahlen, die sie mir noch schuldet. Er ist ganz süß, auf eine brüderliche Art und Weise. Ganz und gar nicht Gillians Typ, selbst mit dem großen Haus. Ich hätte gedacht, dass eher Simon ihr Typ ist, und sie war so versessen auf ihn. Der Trauzeuge wirkt ziemlich locker …

»… erkläre ich euch hiermit zu Mann und Frau …«

Kapitel 3

Nell legte ihr Buch zur Seite, schaute auf die Uhr und schob die Fischpastete in den Ofen. Sie war sehr stolz auf ihre Fischpastete. Gussie hatte ihr das Rezept gegeben und neben ihr gestanden, als sie die Pastete zum ersten Mal zubereitete, und sie war entzückt gewesen zu hören, dass John das Essen in höchsten Tönen gelobt hatte. Nell, erstaunt darüber, dass sie etwas auf den Tisch brachte, das John wirklich gern aß, hatte die Pastete danach in regelmäßigen Abständen serviert, und falls John der Fischpastete müde war, so hatte er nichts gesagt. Überhaupt fragte Nell sich, ob John je bemerken würde, was er aß. Den Sommer über war er so aufgeregt über den Erfolg seiner Partnerschaft mit Martin gewesen, dass alles andere daneben zur Bedeutungslosigkeit verblasst war. Endlich entwickelten sich die Dinge zu seinen Gunsten, und Nell hatte ihm recht gegeben, dass ihr Schicksal sich anscheinend gewendet hatte. Die Leute investierten ihr Geld immer noch in Immobilien, und seit John sich mit Martin zusammengetan hatte, waren die Preise für Häuser um dreißig Prozent gestiegen.

John frohlockte, und Nell begann zu glauben, dass er vielleicht recht gehabt hatte, die Marine zu verlassen und eine neue Laufbahn zu beginnen. Schon bald, versprach er ihr, würden sie sich ein eigenes Haus kaufen können. Nell hoffte es. So geräumig die Wohnung war, sie hatte doch klein gewirkt, als Jack die Sommerferien über zu Hause gewesen war. Sie war mit ihm in den Zoo gegangen, sie hatten Spaziergänge über die Downs gemacht und – als Höhepunkt – Porlock Weir und das Cottage besucht. John war zu beschäftigt gewesen, um mit ihnen zu fahren, aber Nell war daran gewöhnt, die Reise ohne ihn zu machen, und es war wunderbar gewesen, aus der Stadt herauszukommen und stattdessen von den Gerüchen und Geräuschen dieses Landstrichs umgeben zu sein und zuzusehen, wie die Wellen sich an der Küste von Somerset brachen. John war über ein langes Wochenende gekommen und hatte sie gedrängt, so lange zu bleiben, wie sie wollte. Obwohl ihre Zukunft gesichert zu sein schien, wurde John noch immer von einem schlechten Gewissen geplagt, weil sein Abschied von der Marine zumindest vorübergehend dazu geführt hatte, dass ihr Lebensstandard sank. Er wusste um ihr Bedürfnis nach Abgeschiedenheit und Frieden, wusste, wie viel ihr das kleine Cottage bedeutete. Obwohl er sie vermisste, beruhigte es sein Gewissen, dass sie mit Jack dort glücklich war, und schließlich hatte er wirklich sehr viel zu tun. Martin war immer bereit, am Abend ein Glas Bier mit ihm zu trinken oder sich etwas vom Chinesen zu holen, das sie sich in der Wohnung teilten. Er hatte sich seiner Frau und seiner kleinen Tochter entfremdet, die ihn beide verzweifelt vermissten, und er war nur allzu froh, John dabei zu helfen, einen einsamen Abend totzuschlagen. Im Allgemeinen arbeiteten sie jedoch abends ziemlich lange. Das galt auch für die meisten Wochenenden, und so verging der Sommer schnell.

Für Nell verging er zu schnell. Allzu bald kam der September, und Jack ging in die Schule zurück. Er freute sich auf die Rugby-Saison, das Feuerwerk und all die Aufregungen zu Weihnachten am Ende des Trimesters. Vielleicht, dachte Nell, würde Weihnachten in einer großen Stadt mit all den Geschäften, Lichtern und Dekorationen durchaus Spaß machen. Sie hatte vor, Eintrittskarten für die Pantomime im Hippodrome zu kaufen, und hoffte, in der Kathedrale zu einem Weihnachtskonzert gehen zu können. Sie fragte sich noch immer, ob das für Jack, der nicht besonders musikalisch war, nicht vielleicht zu viel sein würde, als sie Johns Schlüssel im Schloss hörte und er ihr wie üblich aus dem Flur einen Gruß zurief. Sie ging zur Tür, und er umarmte sie.

»Wir hatten einen wunderbaren Tag«, sagte er, während er ihr in die Küche folgte. »Wir haben die Verträge für das Haus in Sneyd Park abgeschlossen. Und wir haben zwei neue Immobilien angenommen. Ich habe Martin versprochen, dass wir uns später auf einen Drink mit ihm treffen. Der arme alte Knabe. Es kam mir ein wenig schäbig vor, ihn jetzt allein zu lassen. Nach all der Aufregung wird das furchtbar langweilig für ihn sein. Du hast doch nichts dagegen, oder, Liebling? Ich bin halb verhungert. Können wir bald essen?«

Nell schenkte ihm einen Drink ein und dachte darüber nach, wie viel selbstbewusster er geworden war, seit die Dinge sich so gut für ihn entwickelt hatten. Es war schön, ihn so ausgelassen und glücklich zu sehen, und sie lächelte ihm zu, während sie ihm sein Glas gab.

»Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie. »Lass uns darauf anstoßen. Du hättest Martin gleich mit herbringen sollen. Er hat eine Vorliebe für meine Fischpastete entwickelt.«

»Genau wie ich!«, erklärte John begeistert, zog sie mit seinem freien Arm an sich und küsste sie auf den Hals.

Sein Glück und seine Erleichterung darüber, dass er in seinem neuen Beruf Erfolg hatte, waren so überwältigend, dass sie sogar auf die Fischpastete ausstrahlten. Zum ersten Mal seit jenen frühen Tagen im Britannia Royal Naval College, als er so entschlossen gewesen war, genauso gut abzuschneiden wie Rupert in Sandhurst, hatte er das Gefühl, sein Leben und seine Zukunft unter Kontrolle zu haben. Er sah Nell an, und sein Herz floss über von den verschiedensten Gefühlen – Dankbarkeit, Liebe, Erstaunen –, während er ihre Schönheit bewunderte. Sein Wunsch, Rupert könnte ihn jetzt sehen, wurde gemildert durch die Woge der Erleichterung, dass Rupert tot war und dass der lebenslange Wettbewerb der Vergangenheit angehörte. Er schämte sich für dieses Gefühl der Erleichterung, denn er wusste, dass der Wettbewerb stets nur von ihm bestritten worden war, nie von Rupert. Rupert war viel zu selbstbewusst, erfolgreich und beliebt gewesen, als dass er je das Bedürfnis verspürt hätte, mit irgendjemandem zu wetteifern. Alles war ihm mühelos in den Schoß gefallen. Ihre Mutter hatte Rupert angebetet, aber um John hatte sie sich gesorgt. Wie demütigend, wie niederschmetternd diese Sorge gewesen war, die noch offensichtlicher geworden war durch ihr Vertrauen in Rupert, als ihr Vater starb. Wie erleichtert war John gewesen, als er bei der Marine angefangen hatte und damit der erdrückenden Fürsorge entkommen konnte, die ihm das Gefühl gab, noch ein Kind zu sein, und die sein Selbstbewusstsein untergrub. Die Marine und Nell hatten ihn zu einem Mann gemacht, und er hatte die Gelegenheit dankbar ergriffen. Die Ehrenabzeichen in Dartmouth hatte er nie bekommen, aber er hatte immerhin einen Sohn – Rupert hatte nicht geheiratet –, und dann war plötzlich alles vorbei, und Rupert war tot. Seine verwitwete Mutter war außer sich vor Trauer. John versuchte, sie zu trösten, obwohl er gleichzeitig verwirrt und beschämt war, denn er fühlte in erster Linie eine große Erleichterung darüber, weil Rupert nun nicht erfahren würde, dass er am Qualifizierungslehrgang für U-Boot-Kommandanten gescheitert war. Jetzt, wo sowohl Rupert als auch sein Vater tot waren, würde er endlich auf eigenen Füßen stehen können. Er würde das Oberhaupt der Familie sein, und seine Mutter konnte sich an ihn wenden, wenn sie Hilfe oder Trost brauchte, so wie sie sich zuerst an Vater und später an Rupert gewandt hatte.

»Oh John«, hatte sie gesagt, ihr Gesicht formlos von Tränen und ihre Augenlider geschwollen, »was sollen wir ohne ihn nur tun?« Und wieder hatte sie geweint. Schließlich hatte sie sich zusammengerissen und seine Hand getätschelt. »Doch sei es, wie es ist«, hatte sie gesagt, wie jemand, der das Beste daraus machen will und die Absicht hat, tapfer zu sein, »ich habe ja immer noch dich.« Aber ihr Blick war zu Ruperts Foto hinübergewandert, und unbewusst hatte sie geseufzt. John hatte seine Unzulänglichkeit erkannt und begriffen, dass sein Verlangen, als seinem Bruder gleichwertig akzeptiert zu werden, unerfüllt bleiben würde.

Jetzt, sechs Jahre später, riss John seine Gedanken von der Vergangenheit los, leerte abrupt sein Glas und lächelte Nell an.

»Lass uns essen«, sagte er.

Gussie war überrascht und begeistert, als sie für Weihnachten eine Einladung nach Nethercombe bekam. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Jetzt, wo die letzten ihrer Freundinnen in einem Altersheim untergebracht worden waren, das zu weit entfernt lag, um sie zu besuchen, begann Gussie die Einsamkeit des Alters zu spüren. Der Tag hatte einfach zu viele Stunden, seit sie ihre Arbeit in der Universitätsbibliothek aufgegeben hatte und in den Ruhestand gegangen war. Ihre Freundschaft mit Nell war ein Segen, aber Gussie konnte wohl kaum davon ausgehen, dass sie Weihnachten mit ihr verbrachte, und selbst wenn Nell ihr dieses Angebot gemacht hätte, wäre sie zu stolz gewesen, um die Einladung anzunehmen. Nethercombe war etwas anderes. Nethercombe war in gewisser Weise ihr Zuhause, und Henry war ihr Cousin. Für Gussie waren Blutsbande etwas Starkes, Festes, und sie waren mit Verpflichtungen verbunden. Sie würde nicht das Gefühl haben, auf Nethercombe jemandem zur Last zu fallen. Trotzdem war sie Henry dankbar, dass er an sie gedacht hatte.

Sein Brief war typisch für die Art von Schreiben, die sie während der vergangenen Jahre von ihm erhalten hatte: kurz, ein wenig planlos und immer mit der Tendenz, vom Thema abzuschweifen. Er schrieb, wie er dachte und sprach, und seine Briefe beschworen ein lebhaftes Bild von Henry in ihr herauf. Es klang zumindest so, als sei er zufrieden mit dem Eheleben, aber Gussie war nicht überzeugt. Ihr erster Eindruck trog für gewöhnlich nicht, und die Hochzeit lag noch nicht lange zurück. Sie freute sich darauf, beobachten zu können, was Gillian aus ihrer Stellung als Herrin von Nethercombe machte, und sie fragte sich, wie sie auf Henrys Vorschlag – Gussie glaubte keine Sekunde lang, dass es Gillians Idee gewesen war –, dass Gussie Weihnachten bei ihnen verbringen solle, reagiert hatte. Wie lieb von ihm, an sie zu denken. Sie setzte sich sofort hin, um auf den Brief zu antworten, und nahm sich vor, sich anschließend den Luxus eines Telefongesprächs zu gönnen, um Nell von der Neuigkeit zu erzählen.

Gillian, die plante, Nethercombe zu Weihnachten mit so vielen Freunden wie möglich zu füllen, war überrascht, wenn auch nicht bestürzt gewesen, als Henry ihr erzählte, Gussie habe seine Einladung angenommen. Sie sah ihn mit hochgezogenen Augen-
brauen an.

»Wird sie sich nicht deplatziert fühlen?«, fragte sie. »Ich meine, sie ist ein bisschen alt, nicht wahr? Um zu unseren Freunden zu passen?«

»Gussie ist auch eine Freundin«, sagte Henry, der sich fragte, wer all diese Freunde sein mochten. »Ich habe Gussie sehr gern. Sie hatte immer ein Geschenk für mich parat, wenn ich zur Schule zurückfuhr. Und es waren schöne Geschenke.«

»Das freut mich für dich.« Gillian tat das Thema mit einem Achselzucken ab und verdrehte die Augen. Rührende Ausflüge in die Vergangenheit waren ihre Sache nicht, aber sie hatte beschlossen, Henrys Leidenschaft für alles Alte und Verfallende mit Toleranz zu begegnen, selbst wenn sich diese Leidenschaft auf seine Verwandten erstreckte.

»Nun, es war wirklich schön«, erwiderte Henry, der vor seinem inneren Auge Schlafsäle sah, erste Nächte im Internat, das Elend, weit weg von Nethercombe sein zu müssen. »Das macht den Unterschied aus. Menschen, die an dich denken.«

»Wenn du es sagst.« Gillian strich großzügig Marmelade auf ihren Toast und biss hinein.

Henry, den das Knuspern in die Gegenwart zurückholte, lächelte seine Frau an.

»Heute Morgen war ein Grünspecht am Futterhäuschen«, sagte er. »Wunderbare Vögel. Und ein Kleiber. Das kalte Wetter treibt sie her.«

Gillian schluckte ihren Bissen Toast hinunter und schenkte sich Kaffee ein. Wenn es nicht Antiquitäten waren oder alte Schallplatten, dann war es die Natur. Sie seufzte, rührte in ihrem Kaffee und fragte sich, ob sie Lucy überreden konnte, sich zum Mittagessen mit ihr in Exeter zu treffen. Das Leben auf Nethercombe war nicht so aufregend, wie sie gehofft hatte. Henry hatte einen kleinen Freundeskreis, größtenteils Landbesitzer, die ganz und gar nicht ihr Typ waren, und abgesehen von gelegentlichen Abendessen mit ihnen ging er nie irgendwohin oder tat irgendetwas. Er arbeitete auf dem Gut, das akzeptierte sie, aber er war vollkommen zufrieden damit, die Abende mit Büchern, vor dem Fernseher oder mit Musikhören zu verbringen. Gillian wartete ab. Sie hatte große Pläne für den Umbau des Hauses, und dann wollte sie im großen Stil Gäste empfangen: Es hatte keinen Sinn, ein Haus von der Größe Nethercombes zu haben, wenn man es nicht benutzte. Im Sommer würde sie Partys am Pool feiern, der auf einem natürlichen kleinen Plateau unterhalb des Hauses gebaut worden war. Er war auf drei Seiten von hohen Rhododendronbüschen umgeben und grenzte mit der vierten an eine abschüssige Wiese – ein zauberhaftes Fleckchen. Es musste nur ein bisschen was geändert werden, dann war der Pool perfekt für Partys. Bisher waren ihre Vorschläge auf taube Ohren gestoßen, aber es war nur eine Frage der Zeit. Sie war viel zu clever, als dass sie versucht hätte, Henry zur Eile anzutreiben. Als er seine Lobesrede auf die langschwänzigen Meisen beendet hatte, lächelte sie ihn an und schob ihren Stuhl zurück.

»Ich muss nach Exeter«, sagte sie. »Ausgesprochen langweilig. Die arme Lucy ist in irgendein Drama verstrickt, und sie hat mich gebeten, mich mit ihr zu treffen. Ich darf sie nicht enttäuschen. Ich werde also zum Mittagessen nicht hier sein.«

»In Ordnung.« Auch Henry stand auf. »Arme Lucy. Grüß sie von mir. Und fahr vorsichtig.«

Sie gab ihm einen schnellen Kuss, und er sah ihr nach, immer noch verwirrt von der Schnelligkeit, mit der sie alles erledigte. Sie huschte von einem Ort zum anderen, lachte über Dinge, die ihre Freunde sagten und die er nicht verstehen konnte, und sie gab ihm das Gefühl, langsam und stumpf neben ihr zu wirken. Das machte ihm aber nicht das Geringste aus. Henry verschwendete keine Zeit damit, sich selbst zu beobachten, und er verwandte auch keine Energie darauf, sich um Talente zu kümmern, die er nicht besaß. Es musste Menschen jeder Art geben, um ein Gleichgewicht zu schaffen, und er sah keinen Grund, warum er und Gillian nicht glücklich sein sollten. Er fand, dass sie beide sich sehr gut an die Lebensweise des anderen gewöhnten und dass sie mit der Zeit behaglich zusammenleben würden.

Vor sich hin lächelnd machte Henry sich auf den Weg zu
Mrs Ridley, um ihr mitzuteilen, dass Gillian zum Mittagessen nicht zu Hause sein würde. Er dachte an Gussies Brief: präzise, informativ, sachlich. Er war genau wie all die anderen Briefe, die er im Lauf der Jahre von ihr erhalten hatte, und das allein war schon tröstlich. Sie hatte sich über die Einladung gefreut, und er freute sich darüber, dass sie sie angenommen hatte. Weihnachten war eine Zeit, die der Familie gehörte, die das Gefühl von Beständigkeit unterstrich, und jetzt, wo er verheiratet war und es richtige Festtage geben würde, hatte er das Gefühl, dass Gussie auf Nethercombe eine ebenso schöne Zeit verleben würde, wie sie es mit ihren Freunden in Bristol getan hätte. Henry wusste nichts von Gussies einsamem Leben oder von ihren finanziellen Nöten, und keinen Augenblick lang hätte sie ihn ahnen lassen, dass nicht alles zum Besten bei ihr stand. Für ihn war es ganz einfach. Gussie liebte Nethercombe, und jetzt, wo er kein Junggeselle mehr war, der in einem behaglichen Chaos lebte, würde es sehr schön sein, sie häufiger einzuladen. Sie liebte es, auf dem Grundstück spazieren zu gehen, und sie hegte die gleiche Leidenschaft für die Natur wie Henry.

Während Henry den langen Flur zur Küche entlangging, summte er eine Zeile aus Princess Ida vor sich hin.

Gillian, der es nicht gelungen war, ihre Freundin zu mobilisieren, stürmte in die Wohnung ihrer Mutter in Southernhay und lud sie zum Mittagessen ein. Lydia, die sich von dieser Geste töchterlicher Großzügigkeit nicht blenden ließ, akzeptierte dennoch. Ein kostenloses Mittagessen war nun mal ein kostenloses Mittagessen.

»Hast du Elizabeth in letzter Zeit gesehen?«, fragte sie, während sie sich fertig machte.

Gillian ging rastlos im Raum umher, denn sie erwartete einen Tadel, falls ihre Antwort negativ ausfiel.

»Ich habe ein- oder zweimal mit ihr telefoniert, aber sie ist immer so beschäftigt«, sagte sie unaufrichtig und hoffte, damit eine Kritik abzuwehren.

»Oh, beschäftigt!« Lydia rümpfte die Nase und war sofort vom eigentlichen Thema abgelenkt, wie Gillian es gehofft hatte. »Sie hat es absolut nicht nötig zu arbeiten. Ihre Eltern haben ihr dieses entzückende kleine Haus und ein entsprechendes Einkommen vererbt. Innenarchitektur! Das ist ihre Art, sich überlegen zu fühlen.«

»Aber sie macht ihre Sache gut.« Gillian goss noch ein bisschen Öl ins Feuer der Eifersucht und der Unzufriedenheit. »Sie sagt, sie arbeite heutzutage nur noch für neues Geld. Sie richtet den Leuten ihre georgianischen Häuser her und zieht durch sämtliche Antiquitätenläden, um ihnen eine Vergangenheit zu kaufen. So nennt sie es jedenfalls.«

»Ich finde es herablassend«, sagte Lydia, die sich wieder an ihr Unvermögen erinnerte, Elizabeth beim Hochzeitsempfang den hochgewachsenen, gut aussehenden Richard abspenstig zu machen.

»Ich kann nicht verstehen, warum sie nie geheiratet hat«, überlegte Gillian laut, während sie die Garderobe ihrer Mutter durchging, um nachzuprüfen, ob sie sich etwas Neues gekauft hatte und, wenn ja, ob es sich vielleicht lohnte, sich das Stück auszuborgen. »Sie ist wirklich umwerfend. Und dieser schnuckelige Richard ist offenbar verrückt nach ihr.«

Lydia zog den Reißverschluss ihres Rocks mit einem grimmigen Ruck hoch.

»Sie behauptet immer, ihr sei noch nie ein Mann begegnet, der den Ärger wert sei, darauf zu warten, dass das Badezimmer frei ist. Wie affektiert. Außerdem hat sie zwei Badezimmer.«

Gillian grinste in den Kleiderschrank.

»Aber sie war wunderbar, was die Hochzeit betrifft …«

»Sie ist schließlich deine Patentante.« Lydia zog den Bauch ein und betrachtete ihr Profil im Spiegel. »Und sie kann es sich leisten.«

»Trotzdem. Du hast völlig recht. Ich muss mich unbedingt bei ihr melden …«

»Hm. Sie läuft dir nicht weg. Du hast dich doch bei ihr bedankt?«

»Natürlich habe ich das getan.« Gillian, die ihrer Mutter die Treppe hinunter folgte, gestattete sich einen Anflug von Selbstgefälligkeit in der Stimme. »Ich habe ihr aus den Flitterwochen geschrieben. Wirklich, Mum!«

»Tut mir leid, Liebling. Lass uns Elizabeth vergessen, ja? Wohin gehen wir?«

»Ich dachte an Coolings. Und ich möchte mich bei Russell and Bromley umsehen.«

Als Lydia einige Stunden später wieder allein in ihrer Wohnung war, ließ sie sich mit einer Tasse Tee aufs Sofa sinken und fragte sich, wie es Gillian gelungen war, ihr ein ziemlich teures Paar Slipper abzuluchsen. Schon als Kind hatte ihre einzige Tochter es vermocht, sie um den kleinen Finger zu wickeln und ihr Dinge abzuschwatzen, und als Angus sie verlassen hatte, war Lydia erst recht versucht gewesen, Gillian zu verwöhnen, denn sie war immer ängstlich darauf bedacht, sich die Zuneigung ihres Kindes zu erhalten. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich daran erinnerte, dass sie nicht gezögert hatte, Gillian ihr Herz auszuschütten und ihrem Groll und ihrer Kränkung freien Lauf zu lassen, wohl wissend, dass sie sie damit gegen ihren Vater einnehmen würde.

Lydia verzog das Gesicht. Schließlich hatte Angus jetzt eine neue Familie und brauchte Gillian nicht so wie sie. Mutter und Tochter konnten Freundinnen sein, und sie und Gillian standen sich so nahe. Wie oft kam sie nach Exeter, um mit ihrer Mutter einkaufen zu gehen und sie zum Mittagessen oder auf eine Tasse Kaffee einzuladen! Natürlich überredete Gillian sie bisweilen, ihr die eine oder andere Kleinigkeit zu kaufen – so wie die Schuhe heute –,
und während Lydia an ihrem Tee nippte und über ihre Leichtgläubigkeit nachgrübelte, kam ihr ein Sprichwort in den Sinn, das sie jüngst gehört hatte:

»Von nichts kommt nichts.«

Kapitel 4

Als Gussie von Nethercombe zurückfuhr, war sie ganz eingenommen von Henrys Plänen für den Ausbau des Stallhofs. Wenn es jedoch um Gillian ging, nahm Nell einen gewissen Mangel an Begeisterung bei Gussie wahr, der sich stärker in ihrem Widerstreben zeigte, überhaupt über Gillian zu sprechen, als darin, was sie tatsächlich über sie sagte. Nell hatte keine Ahnung, wie schwer Gussie nach der Weite von Nethercombe die Rückkehr in ihre beengte Wohnung und zu ihren eingeschränkten finanziellen Verhältnissen fiel oder wie schmerzlich für sie die Entscheidungen waren, ob sie Nells Großzügigkeiten annahm oder ablehnte.

Jack war im Internat, und Nell gehörte nicht zu den Menschen, die sich Clubs oder Gesellschaften anschließen, und so fehlten ihr die gewohnten Situationen, in denen man Bekanntschaften oder Freundschaften schloss. Das machte ihr jedoch nicht besonders viel aus, denn Nell hatte ein inneres Leben, das genährt wurde von Büchern und von ihrer Fantasie. Trotzdem genoss sie Gussies Gesellschaft, und sie hatten die Gewohnheit entwickelt, sich einmal in der Woche zum Kaffee oder zum Tee zu treffen. Nell entdeckte schon bald, dass Gussie nicht aufdringlich war. Auch Gussie liebte es nicht, wenn man sie unvorbereitet aufsuchte, und Nell respektierte Gussies Gefühle. Sie war genauso veranlagt, wenn auch vielleicht nicht in gleichem Maße. Sie waren beide Menschen, die ihre Privatsphäre liebten, aber Gussie hatte mehr zu verbergen. Sie konnte sich die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens nicht länger leisten, und wenn Nell unerwartet erschienen wäre und sie dick vermummt angetroffen hätte, weil sie es sich nicht leisten konnte, die Wohnung zu heizen, hätte Gussie das zutiefst gedemütigt.

Nell tat ihr Bestes, um Gussies Stolz zu schützen. Als sie herausfand, dass Gussie Shakespeare liebte, kaufte sie Eintrittskarten für das Old Vic und erzählte Gussie dann, dass John arbeiten müsse und dass es ein Jammer wäre, die Karte verfallen zu lassen. Es gab natürlich Grenzen, und nicht einmal Nell konnte ahnen, welche Opfer Gussie bringen musste, wenn sie Nell, um sich für deren Freundlichkeiten erkenntlich zu zeigen, zum Mittagessen einlud, wenn sie Eintrittskarten für das Ballett kaufte oder darauf bestand, den Tee zu bezahlen, wenn sie kleine Ausflüge mit Nells Wagen unternahmen. Gussie, die zitternd vor ihrem kalten Kamin saß und versuchte, den Hunger zu ignorieren, fragte sich, wie lange sie sich noch den Luxus eines Telefons leisten konnte, und sie plante, die letzten wertvollen Stücke zu verkaufen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

Unterdessen beobachtete Nell John noch eingehender, als sie Gussie beobachtete. Irgendwann im Lauf des Jahres 1989 spürte sie, dass seine Überschwänglichkeit in Prahlerei überging, dass er versuchte, sich selbst ebenso zu überzeugen, wie er sie überzeugen wollte. Natürlich, so sagte er, hätte niemand erwartet, dass der Immobilienboom so lange anhalten würde. Natürlich würden die Dinge sich wieder normalisieren, aber bisher stehe alles immer noch gut. Nell bemerkte jedoch, dass der Kauf eines eigenen Hauses längst kein regelmäßiges Gesprächsthema mehr war, und ihre alten Ängste kehrten zurück.

Auch Gillian begriff allmählich, dass ihr Traum von einem von Grund auf renovierten Nethercombe nicht Wirklichkeit werden würde. Nachdem er vom Nationalpark eine Planungserlaubnis für den Umbau des Stallhofs erhalten hatte, widmete Henry seine ganze Aufmerksamkeit und jeden verfügbaren Penny diesem Projekt. Außerdem lernte sie, dass Henry keineswegs der simple, lenkbare Tölpel war, für den sie ihn gehalten hatte. Bei allem, was das Gut betraf, ließ er sich nicht beeinflussen.

»Um Himmels willen!«, wütete sie, als ihre Enttäuschung zu groß wurde. »Wenn du niemals Geld für das Haus ausgibst, wird es verkommen. Welchen Sinn hat es, neue Cottages zu bauen, wenn du dieses Haus verfallen lässt?«

Henry lächelte sie an. Er wusste ganz genau, dass Gillians Vorstellung davon, Geld für Nethercombe auszugeben, nur neue Möbel und Wandbehänge bedeutete und nichts mit der Substanz des Gebäudes zu tun hatte.

»Das Haus steht erst seit zweihundert Jahren«, sagte er ohne jede Spur von Aufregung. »Ich glaube nicht, dass es schon verfällt.«

Gillian knirschte mit den Zähnen und fragte sich, ob sie seine Selbstgefälligkeit mit dem Inhalt ihres Weinglases löschen sollte.

»Es ist ein Wunder, dass du dich nicht schämst, deine Freunde hierher einzuladen«, sagte sie, aber ihrem Ton fehlte es an Überzeugungskraft. Henrys Freunde schienen allesamt in einer ähnlich heruntergekommenen Pracht zu leben. »Zumindest solltest du mal über eine Zentralheizung nachdenken. Es ist so demütigend, wenn man seine Freunde zum Dinner einlädt und sie Angst haben, die Mäntel auszuziehen.«

»Ich habe darüber nachgedacht«, erwiderte Henry überraschenderweise. »Ich habe es mit Simon besprochen. Man muss bei einem Haus dieses Alters natürlich vorsichtig sein. Wir werden sehen, welchen Ertrag der Stallhof abwirft. Wir könnten es schaffen, einige der Räume zu beheizen. Natürlich nicht alle. Den Salon und die Bibliothek vielleicht. Und unser Schlafzimmer.«

Gillian atmete durch die Nase ein. »Wie aufregend«, sagte sie schneidend. »Ich kann es kaum erwarten.«

Er ging zu ihr und legte ihr den Arm um die Schultern. »Arme Gillian«, sagte er. »Die Sache ist die, dass ich daran gewöhnt bin. Ich weiß, dass das Haus schäbig ist, aber so ist es schon, seit ich denken kann, und es ist … nun ja, es ist mein Zuhause.«

»Aber jetzt ist es auch mein Zuhause!«, rief Gillian und rückte von ihm ab. »Du gibst mir das Gefühl, ein Dauergast ohne Mitspracherecht zu sein. Wie kann ich mich hier zu Hause fühlen, wenn du und Mrs Ridley in allem das letzte Wort habt?«

Henry sah sie bestürzt an. Er hatte nicht gemerkt, dass sie das so stark empfand.

»Ich bin davon überzeugt, dass Mrs Ridley dich nur allzu gern an der Führung des Hauses beteiligen würde«, sagte er und pickte mit untrüglicher Sicherheit den einzigen Aspekt aus Gillians Klagen heraus, in dem kein Körnchen Wahrheit steckte. »Es ist so ein großes Haus, und sie ist nicht mehr so jung wie früher.«

Gillian biss sich auf die Unterlippe und drehte sich hastig zu ihm um. »Also ehrlich, Henry. Du hast keinen blassen Schimmer. Sie würde es hassen, wenn ich mich einmischen würde. Sie hat all die Jahre das Kommando geführt, und es wäre ihr zuwider, wenn ich anfangen würde, ihr zu sagen, wie sie die Dinge handhaben soll. Sie würde ein bisschen so wie du reagieren und nichts ändern wollen. Es ist nicht meine Schuld, wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht dazugehöre.«

Henry stand unentschlossen da. Es war durchaus möglich, dass Mrs Ridley es nicht guthieß, wenn Gillian sich einmischen würde, und um ganz ehrlich zu sein, er konnte sich nicht wirklich vorstellen, dass Gillian die Verantwortung für den Haushalt übernehmen wollte. Dennoch …

Gillian beobachtete ihn. »Ich möchte einfach das Gefühl haben, dass es auch mein Zuhause ist«, sagte sie mit genau dem richtigen Maß an Pathos in der Stimme. »Du weißt schon, ein paar eigene Sachen, zusätzlich zu all den hübschen Dingen, die deiner Familie gehört haben.« Sie zuckte die Achseln. »Ich verlange schließlich nicht viel. Ein paar neue Gardinen im Schlafzimmer …« Ihre Stimme verlor sich. Sie ließ den blonden Kopf ein wenig sinken.

»Oh Liebling.« Henry ging zu ihr und nahm sie in die Arme. »Ich bin davon überzeugt, dass wir uns neue Vorhänge leisten könnten.« Konnten sie das wirklich? Trotzdem, es war ein wenig unfair ihr gegenüber. »Ich sage dir was. Wie wär’s, wenn du nach Exeter fahren und dir einiges anschauen würdest? Such nach Dingen, die dir helfen würden, dich hier ein wenig heimischer zu fühlen. Ich möchte, dass du glücklich bist.« Er sah sie ängstlich an.

»Oh Henry.« Sie schenkte ihm ein tränenfeuchtes Lächeln. »Wie lieb von dir. Es würde mir so viel bedeuten.« Sie umarmte ihn, und er legte seinen Kopf auf ihren.

»Das Dinner ist fertig! Es wird kalt!« Mrs Ridley stand in der Tür und beobachtete sie.

»Wir kommen, Mrs Ridley.« Gillian hielt Henry entschlossen fest, als er versuchte, sich von ihr zu lösen.

Die Blicke der beiden Frauen trafen sich, und sie sahen sich einen Augenblick lang an. Dann rauschte Mrs Ridley aus dem Raum. Gillian gab Henry noch einen Kuss, dann gingen sie Arm in Arm ins Frühstückszimmer.

John saß in der Ecke der Bar, und sein Bier stand fast unberührt vor ihm auf dem Tisch. Trotz Martins Beteuerungen, dass kein Grund zur Panik bestehe, konnte John spüren, wie sein neu gefundenes Selbstbewusstsein langsam verebbte. Der Boom war vorüber, der Wind der Veränderung wehte, und außerhalb der bequemen Strukturen der Marine fühlte John sich verwundbar. Selbst innerhalb der sicheren Partnerschaft mit Martin, inmitten der Aufregung über steigende Preise und große Profite, hatte er gesehen, dass das Leben außerhalb der Marine sich sehr von allem unterschied, was er gekannt hatte. Als er direkt von der Schule nach Dartmouth gegangen war, hatte er letztlich nur ein das Leben bis in jede Einzelheit bestimmendes Regelwerk gegen ein anderes ausgetauscht. Das zivile Leben dagegen verlief vollkommen anders. John hatte keine Ringe mehr auf dem Ärmel, die den Menschen auf den ersten Blick zeigten, wo er hingehörte und welches Verhalten sie ihm gegenüber zeigen sollten. Und er konnte die anderen erst recht nicht einschätzen. Es hatte ihm eine Menge Ärger eingebracht, dass er die Menschen weiterhin in Mannschaft und Offiziere, Untergebene und Vorgesetzte einzuteilen pflegte. Wäre er nicht in der Lage gewesen, sofort eine Partnerschaft mit Martin einzugehen, hätte er die Marine wahrscheinlich nie verlassen. Gleich nachdem er seinen Abschied genommen hatte, begriff er, dass eine Partnerschaft etwas ganz anderes war als seine Stellung als Kapitän eines U-Boots. Niemand war ungeheuer beeindruckt: Die unscheinbarsten Leute schienen Firmen zu besitzen oder Unternehmen zu leiten. Der Ruhm, der sich ihm innerhalb der Marine entzogen hatte, schien auch im zivilen Leben außer Reichweite zu sein, und John vermisste die Privilegien seines Rangs, die gemeinsame Sprache, das Gefühl der Kameradschaft. Er konnte gut mit Klienten umgehen, tat sich aber schwer, von Martin abgesehen, Freundschaften zu schließen. Nichts von alledem hätte eine Rolle gespielt, wenn das Geschäft weiter so aufregend und einträglich gewesen wäre.

Aber angenommen, die Dinge gingen schief? John nahm einen großen Schluck von seinem Bier und versuchte, sich auf seinen gesunden Menschenverstand zu besinnen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Geschenk der Freundschaft" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen