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Ein Frauenheld wird schwach

1. KAPITEL

Es war ein ödes, sich endlos lang hinziehendes Semester gewesen, und nun hatte Tellie Maddox ihren Bachelor-Abschluss im Fach Geschichte in der Tasche. Trotzdem fühlte sie sich um den Lohn ihrer Mühen betrogen, denn J.B. Hammock war nicht zur Abschlussfeier erschienen. Marge war natürlich da, zusammen mit ihren Töchtern Dawn und Brandi. Für Tellie waren die zwei wie Schwestern. Deshalb war es auch klar, dass sie Tellies Abschlussfeier nicht versäumen würden. Aber dass J.B. es nicht für nötig befunden hatte, sich blicken zu lassen, war eine herbe Enttäuschung – eine von unendlich vielen, die er ihr schon bereitet hatte.

Tellie sah sich traurig in ihrem Zimmer im Studentenwohnheim um, das sie jetzt vier Jahre lang mit ihrer Kommilitonin geteilt hatte. Sandy war bereits abgereist. Tellie fuhr sich durch ihre dunklen Locken und stieß einen Seufzer aus. Sie musste ihre restlichen Bücher zusammenpacken und zum Buchladen auf dem Campus bringen. Das Geld, das sie dafür bekam, wenn sie sie dem Antiquariat verkaufte, brauchte sie dringend, um über den Sommer zu kommen. Wenn das Herbstsemester im August begann, musste sie die Semestergebühren bezahlen. Denn mit ihrem jetzigen Abschluss konnte sie allenfalls aushilfsweise in der Erwachsenenfortbildung Kurse geben. Das war aber nicht ihr Ziel. Sie wollte an der Hochschule Geschichte lehren.

Und nur darauf sollte sie sich jetzt konzentrieren. Lange genug hatte sie ihrem Traum nachgehangen, dass sich J.B. eines Tages doch in sie verlieben könnte. Aber ihrem Verstand folgend, hatte sie diesen Traum aufgegeben. Und dass J.B. heute nicht erschienen war, war ein weiterer Beweis dafür, dass ihr Verstand recht hatte.

J.B. war Marges Bruder. Der Beginn seiner und Tellies Beziehung war dramatisch, fast konnte man sagen romantisch gewesen, denn J.B. war als ihr Retter erschienen. Er hatte sie aus einer Pflegefamilie herausgeholt, in der sie den Nachstellungen eines Jungen ausgesetzt war, der sie fast vergewaltigt hatte. In die Pflegefamilie war Tellie nach dem Tod ihrer Mutter gekommen, der Frau eines Arbeiters auf J.B.s Ranch, der sich schon kurz nach Tellies Geburt aus dem Staub gemacht hatte. Marge war von vorneherein dagegen gewesen, Tellie zu Pflegeeltern zu geben, aber J.B. vertrat die Ansicht, als Witwe mit zwei halbwüchsigen Töchtern habe Marge genug Belastungen und könne sich nicht leisten, noch ein Kind aufzunehmen.

Als J.B. durch einen befreundeten Polizisten von den Übergriffen gegen Tellie erfuhr, änderte sich die Situation schlagartig. J.B. holte das damals vierzehnjährige Mädchen kurzerhand aus der Familie. Dass der Junge Tellie nicht vergewaltigt hatte, war allein dem Umstand zu verdanken, dass sie sich schon in jungen Jahren zu wehren wusste. Also kam sie nun doch zu Marge, wo sie vom ersten Tag an mit offenen Armen aufgenommen wurde.

Tellie trug allerdings ihren Teil dazu bei, dass sich das Zusammenleben angenehm gestaltete. Sie war ein liebenswertes, offenherziges Mädchen, das harte Arbeit nicht scheute. Schon damals übernahm sie es bereitwillig, den Haushalt und Dawn und Brandi zu versorgen, die damals neun und zehn Jahre alt waren und sie, Tellie, von Beginn an liebten. Marge konnte wieder ihrem Beruf als Immobilienmaklerin nachgehen. Tellie war das perfekte Kindermädchen und kümmerte sich rührend um die Mädchen.

Vom ersten Augenblick an hatte Tellie sich in J.B. verliebt. Er war ein Bild von einem Mann, reich, temperamentvoll, attraktiv. Ihm gehörten einige Hundert Hektar des besten Weidelands in der Umgebung von Jacobsville, auf denen er eine Herde von ausgesuchten Zuchtrindern hielt. Darüber hinaus war die hundert Jahre alte Ranch auch Treffpunkt der Reichen und Berühmten aus dem ganzen Umkreis, denn J.B. hatte sich in seiner Zeit als aktiver Rodeo-Champion einen ziemlich illustren Bekanntenkreis zugelegt. Albert, sein französischer Koch, sorgte für das leibliche Wohl. Und dann gab es noch die Haushälterin Nell, eine ältere Dame, die Haare auf den Zähnen hatte und – vielleicht mit Ausnahme von Tellie – die Einzige war, die es wagen durfte, J.B. offen zu widersprechen.

J.B. war ebenso gefürchtet wie geachtet. Und trotz seiner Partys und der prominenten Gäste, die sich auf seiner Ranch hin und wieder einfanden, war er eher ein Einzelgänger, der nur selten jemanden nah an sich heranließ. Es gab zwar immer wieder schöne Frauen, mit denen er sich umgab und die ihn auch gelegentlich auf seinen Flügen mit seinem Privatjet begleiteten. Aber er behandelte die meisten dieser Frauen mit einer typischen Arroganz, die sich aus seinem gesellschaftlichen Status und seinem Reichtum herleitete.

Außer Marge stand ihm Tellie am nächsten. Dass es dazu gekommen war, ging auf eine schlimme Phase zurück, die J.B. vor Jahren durchgemacht hatte. Als sein Vater gestorben war, hatte er sich sinnlos betrunken. Nell rief vollkommen aufgelöst bei Marge an und berichtete, dass J.B. dabei sei, die Möbel zu zertrümmern. Sogar mit einem Revolver würde er herumfuchteln. Tellie drängte Marge, zu ihm zu fahren, und sie, Tellie, war es auch, die es schließlich schaffte, ihm die Waffe abzunehmen, ihn zu beruhigen, indem sie ihm gut zuredete und ihm starken Kaffee einflößte, sodass er allmählich wieder zur Besinnung kam.

Er hatte ihr das nie vergessen, und so kam es, dass Tellie eine Sonderstellung bei ihm einnahm. Insgeheim betrachtete Tellie J.B. als ihr persönliches Eigentum, was aber selbst sie nicht offen zeigen durfte. Die Situation spitzte sich zu, als sie älter wurde und auf all die Frauen, die J.B. anschleppte, eifersüchtig wurde. Sie versuchte, es so gut es ging zu verbergen, aber auf die Dauer war das nicht durchzuhalten.

Zum Eklat kam es, als eine von J.B.s Freundinnen eines Tages – Tellie war gerade achtzehn geworden – eine abfällige Bemerkung zu Tellie machte. Die erwiderte wutentbrannt, J.B. werde sie hinauswerfen, wenn sie es wage, die Familie zu beleidigen. Nachdem die Freundin gegangen war, knöpfte sich J.B. Tellie vor. Seine grünen Augen sprühten Funken, als er ihr unmissverständlich klarmachte, dass er sich solche Eskapaden von ihr nicht bieten lasse. Sie könne sich hier nicht aufspielen wie der Herr im Haus. J.B. war grausam genug hinzuzufügen, dass sie, Tellie, nicht zur Familie gehöre.

Ein Wort gab das andere. Tellie entgegnete, dass seine Freundinnen alle gleich seien: lange Beine, große Oberweite, kleines Hirn. J.B. sah sie einen Augenblick lang schweigend von oben bis unten an und entgegnete dann kalt: „Das alles kann man von dir ja nicht behaupten.“

Daraufhin hatte sie ihm eine schallende Ohrfeige gegeben. Es war ein plötzlicher, unkontrollierter Impuls gewesen, und schon im selben Augenblick tat es ihr leid. Aber J.B.s Reaktion darauf war genauso unerwartet. Er riss Tellie an sich und küsste sie auf eine Weise, dass ihr bei dem Gedanken daran heute noch die Knie weich wurden. Er drängte sie zum Sofa, warf sie auf die Polster und legte sich auf sie, während sein Kuss noch fordernder wurde. Als er ihr dann unter die Bluse griff und ihre Brüste umfasste, bekam sie Panik. Entschlossen befreite sie sich aus seinen Armen und sprang auf, viel zu verwirrt, um zu begreifen, was mit ihr passierte.

Auch J.B. war aufgesprungen. Wenn seine Laune vorher schon schlecht gewesen war, so war sie jetzt katastrophal. Er warf Tellie einen Blick zu, der ihr das Gefühl gab, etwas Unverzeihliches getan zu haben. Es war nur gut, dass sie dieselbe Woche noch zurück ins College musste. Bis zu ihrer Abreise war Tellie Luft für ihn. Er war auch nicht gekommen, um ihr Auf Wiedersehen zu sagen.

Nach einiger Zeit löste sich die Spannung zwischen ihnen ein wenig. Allerdings achtete J.B. darauf, dass er nie wieder mit Tellie allein war. Sie beschenkten sich gegenseitig zu Weihnachten und den Geburtstagen. Tellie merkte schnell, dass er sich über seine Geschenke für sie wenig Gedanken machte. Es waren unpersönliche Dinge – Musik-CDs, die sie nicht mochte, oder Software für den PC, mit der sie nichts anfangen konnte.

Tellie rächte sich auf ihre Weise. Sie schenkte ihm zu jeder Gelegenheit einen Schlips. Nicht jedes Mal einen anderen, sondern immer den gleichen. Durch einen Zufall hatte sie für einen Spottpreis bei einem Räumungsverkauf zwei Kartons mit je einem Dutzend dieser Krawatten entdeckt, die an Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen waren. Das Muster auf quietschgelbem Grund war ein scheußlicher grüner Drache mit roten Augen. J.B. verlor kein Wort über diese wenig abwechslungsreiche Bescherung. Tellie hatte nie gesehen, dass er einen dieser Schlipse jemals getragen hätte, hatte dafür allerdings auch Verständnis. Sie sah den künftigen Feiertagen gelassen entgegen. Ihr Vorrat reichte noch ein paar Jahre.

„Bist du fertig, Tellie?“ Marge stand in der Tür.

Tellie riss sich von ihren Erinnerungen los.

Marge sah ihrem Bruder äußerlich ähnlich. Auch sie war groß, schlank und hatte dichtes dunkles Haar, allerdings nicht grüne, sondern braune Augen. Ansonsten unterschied sie sich deutlich von J.B. Sie war von gutmütiger Natur und hatte ein sanftes, einfühlsames Wesen. Sie war ein offener Mensch, und alle mochten sie. Schon seit vielen Jahren war Marge verwitwet, hatte aber seit dem Tod ihres Mannes keinen anderen auch nur angesehen. „Liebe“, pflegte sie zu sagen, „überdauert alles, auch den Tod.“ Es war ihr nicht einmal in den Sinn gekommen, sich wieder mit einem Mann zu verabreden.

„Ich muss nur noch ein paar Sachen zusammensuchen. Ich bin gleich fertig“, antwortete Tellie.

Inzwischen waren Dawn und Brandi hinzugekommen und sahen sich neugierig in dem Zimmer um.

„Gar nicht mehr lange, dann zieht ihr auch in ein solches Zimmer“, bemerkte Tellie.

„Ich nicht“, meinte Dawn bestimmt, die jüngere der beiden Schwestern. „Ich gehe auf die Landwirtschaftshochschule und werde ein reicher Viehzüchter wie Onkel J.B.“

„Und ich werde Rechtsanwältin“, erklärte Brandi, „weil ich den Armen helfen will, zu ihrem Recht zu kommen.“

„Talent dazu hast du jedenfalls“, warf Marge ein und fuhr, zu Tellie gewandt, fort: „Bei ihr muss man aufpassen, sonst schwatzt sie einem wer weiß was ab.“

„Ich weiß“, antwortete Tellie. „Auf diese Weise bin ich schon meine Lieblingsjacke losgeworden. Ich habe sie, glaube ich, zwei Mal getragen.“

„Ach komm, sei nicht so. Außerdem steht mir Rot viel besser als dir“, verteidigte sich Brandi.

Marge setzte sich auf die Bettkante und sah Tellie, deren Miene wieder ernst geworden war, beim Packen zu. „J.B. kann nichts dafür, dass er nicht kommen konnte. Es hat ein Feuer in seiner großen Scheune gegeben, habe ich gehört. Die Feuerwehr musste sogar anrücken.“

„Er wäre bestimmt gekommen, wenn er gekonnt hätte.“ Tellie glaubte allerdings selbst nicht, was sie da sagte. J.B. war ihr die letzten Jahre immer aus dem Weg gegangen. „Wer ist denn die Auserwählte des Monats?“

Marge zog die Brauen hoch und sah sie an. So leicht konnte man Tellie nichts vormachen. Das wusste sie. „Es ist eine von den Kingstons-Cousinen aus Fort Worth. Ich glaube, sie war mal Zweite bei der Wahl zur Miss Texas.“

Tellie fühlte sich bestätigt. Wieder so ein blondes Luxusgeschöpf. Genau J.B.s Geschmack. Da konnte sie natürlich nicht mithalten.

„Wenn du mich fragst“, sagte Marge mit gesenkter Stimme, weil sie nicht wollte, dass die Mädchen sie hörten, „sieht eine aus wie die andere.“ Sie hielt die Hand an den Mund und flüsterte: „Die kommen doch alle aus der Retorte.“

Tellie musste kichern. Sie legte einen Arm um Marge und erwiderte: „Oh Marge, was würde ich bloß ohne dich machen?“

Marge zuckte die Achseln. „Wir Frauen müssen eben gegen die Männer zusammenhalten.“ Sie verstummte und schien nachzudenken. „Sag mal, bekommt ihr nicht eine DVD mit einer Aufzeichnung der Abschlussfeier?“

„Sicher. Die wird uns zusammen mit dem Diplom ausgehändigt. Warum?“

„Wir bringen ein paar Männer von der Ranch dazu, J.B. an seinen Schaukelstuhl im Wohnzimmer zu fesseln. Dann muss er sich zur Strafe vierundzwanzig Stunden lang die Abschlussfeier anschauen.“

Tellie winkte ab. „Der schläft doch schon beim Grußwort des Bürgermeisters ein. Das könnte ich ihm nicht einmal verdenken. Mir wäre es auch fast passiert.“

„Schäm dich! Spricht man so über den Bürgermeister?“, tadelte Marge sie lachend.

„Das ist wahrscheinlich der ödeste Bürgermeister der ganzen Vereinigten Staaten“, schaltete Brandi sich ein.

„Die Leute haben auch nur deshalb geklatscht, weil er endlich aufgehört hat zu labern“, fügte Dawn hinzu.

„Ihr zwei seid schon viel zu lange mit mir zusammen“, bemerkte Tellie mit gespielter Empörung. „Ihr habt schon all meine Unarten angenommen.“

Die beiden Mädchen kamen zu ihr und nahmen sie in die Arme. „Wir lieben dich, Tellie.“

„Dich und deine Unarten“, ergänzte Brandi. „Wir haben dir noch gar nicht richtig zu deinem Abschluss gratuliert. Herzlichen Glückwunsch!“

„Da haben die Mädchen recht. Dem kann ich mich nur anschließen“, sagte Marge. „Du hast es großartig gemacht. Magna cum laude – Donnerwetter! Besser geht’s wirklich nicht. Ich bin stolz auf dich. Wann willst du denn anfangen, dich aufs Magister-Examen vorzubereiten?“

„Nicht vor dem Herbstsemester“, erwiderte Tellie. „Ich dachte, wenn es euch recht ist, verbringe ich die Zeit bis dahin mit euch. Außerdem muss ich ein bisschen Geld verdienen. Ich habe auch schon einen Job bei den Ballenger-Brüdern in ihrem Rindermastbetrieb. Jetzt zahlt sich doch aus, dass ich so oft mit J.B. und dem Tierarzt auf der Ranch unterwegs war. Ich glaube jedenfalls, dass ich dadurch genug über Fütterung gelernt habe, dass ich im Büro eine Urlaubsvertretung übernehmen kann.“

„Warum willst du denn nicht Lehrerin werden und Kinder unterrichten?“, fragte Brandi. „Da bräuchtest du auch nicht mehr so lange zu lernen.“

„Weil ihr beiden Rabauken mir alle Illusionen über Kinder geraubt habt“, lachte Tellie und musste sich gleich darauf ducken, weil ein Kissen in ihre Richtung geflogen kam.

Aber im Grunde war ihr nicht zum Scherzen zumute. Die Enttäuschung darüber, dass J.B. zu ihrem großen Tag nicht erschienen war, schmerzte zu sehr. Dieser Stachel saß tief.

Marges Haus lag ein wenig außerhalb von Jacobsville, sechs Meilen von der elterlichen Ranch entfernt, auf der sie und J.B. aufgewachsen waren. Es war ein freundliches Haus mit einem Erkerfenster und einer kleinen Veranda. Jetzt im Mai grünte und blühte alles, was Marge voller Hingabe angepflanzt hatte. Ihr ganzer Stolz war ihr Rosengarten mit seinem wunderschönen Spalier.

„Ich hatte schon ganz vergessen, wie schön es hier ist“, sagte Tellie und sog genießerisch den Rosenduft ein.

„Ja, Howard hat es auch so sehr geliebt“, antwortete Marge und ließ versonnen den Blick über den gepflegten Rasen schweifen.

„Ich habe ihn leider nicht kennengelernt. Aber er muss ein wunderbarer Mensch gewesen sein.“

„Das war er.“

„Schaut mal, da kommt Onkel J.B.“, rief Dawn aufgeregt und zeigte auf den Feldweg, der zum Haus führte.

Tellie merkte, wie sich jeder Muskel in ihr anspannte. Zögernd drehte sie sich um, und tatsächlich näherte sich ein rotes Jaguar-Coupé, eine dichte Staubwolke hinter sich lassend, und hielt vor dem Haus.

Im nächsten Augenblick stieg J.B. aus dem Wagen. Er war groß, schlank und durchtrainiert, hatte pechschwarzes Haar, große grüne Augen, ausgeprägte Wangenknochen und schmale Lippen. Dass seine Ohren eigentlich ein wenig zu groß waren, beeinträchtigte seine attraktive Gesamterscheinung nicht im Geringsten. Er strahlte so viel Männlichkeit aus, dass er auf Frauen wie ein Magnet wirkte. Sein Gang unterstrich diesen Eindruck noch. Tellies Herz klopfte wie wild.

„Wo zum Teufel habt ihr gesteckt?“, beschwerte er sich, als er bei ihnen angelangt war. „Ich habe euch überall gesucht. Dann wurde es mir zu dumm, und ich bin nach Hause gefahren.“

„Was soll das heißen: Du hast uns gesucht?“, fuhr Marge ihren Bruder an. „Wo sollen wir schon gewesen sein? Wir waren auf Tellies Abschlussfeier. Wenn du es schon nicht nötig hattest zu kommen, solltest du dich daran wenigstens erinnern.“

„Ich kann gar nicht weit von euch entfernt gewesen sein. Aber es war ja überall so voll, und ich kam aus diesem Gedränge nicht mehr heraus. Und als ich es endlich geschafft hatte, wart ihr schon weg.“

„Soll das heißen, du warst tatsächlich auf meiner Abschlussfeier?“, fragte Tellie mit plötzlich leicht unsicherer Stimme.

Er drehte den Kopf zu ihr und sah sie durchdringend an. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde eine so wichtige Sache vergessen? Dass ich zu spät gekommen bin, lag daran, dass wir ein Feuer in der Scheune hatten.“ Es klang fast beleidigt, wie er das sagte.

Tellie konnte nicht verhindern, dass sie leicht errötete.

J.B. nahm sie bei der Hand. „Komm mal eben mit.“ Ehe sie wusste, wie ihr geschah, führte er sie zu seinem Auto und ließ sie auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Dann setzte er sich hinters Steuer, öffnete ein Fach in der Konsole zwischen den Sitzen und holte ein kleines, in goldenes Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen hervor und überreichte es ihr.

Tellie riss erstaunt die Augen auf. „Für mich?“, fragte sie ungläubig.

„Für wen sonst?“, sage er gedehnt. „Los, pack es aus.“

Sie riss das Papier auf und förderte das längliche Etui eines Juweliers zutage. Zögernd klappte sie den Deckel auf und blickte fassungslos auf den Inhalt, unfähig, ein Wort zu sprechen.

„Was ist? Gefällt es dir nicht?“

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. In dem Etui lag eine Armbanduhr mit einem großen Zifferblatt, auf dem eine Micky-Maus-Figur abgebildet war. Die Zeiger waren leuchtend rote Micky-Maus-Hände. Tellie wusste augenblicklich, wie das zustande gekommen war. J.B. hatte seine Sekretärin, Miss Jarrett, die sie alle nur kurz Jarrett nannten, losgeschickt, ein Geschenk zu besorgen. Und die, in der Annahme, dass es sich wieder um eine seiner zahlreichen Eroberungen handelte, hatte ihm dieses Mal eins auswischen wollen, indem sie die albernste Uhr ausgesucht hatte, die sie finden konnte. Sie war es schon lange leid, solche Botengänge erledigen zu müssen. Außerdem war sie der Überzeugung, dass Schmuckstücke dieser Art genau zu den Frauen passten, mit denen J.B. sich einzulassen pflegte. Eine sehr subtile Rache, das muss man zugeben, dachte Tellie.

Es gab ihr einen Stich. Nie würde es J.B. einfallen, Marge oder Brandi oder Dawn etwas zu schenken, was er nicht selbst gekauft hatte. Dieses Geschenk war ein deutliches Zeichen seiner Missachtung.

„Oh … ja, … sehr hübsch“, stammelte sie.

J.B. schwor sich, Miss Jarrett bei nächster Gelegenheit kaltblütig zu erdrosseln. Zu allem Überfluss konnte er seinem Zorn nicht einmal Luft machen, denn er konnte ja nicht gut zugeben, dass er das Geschenk nicht selbst besorgt hatte. „Das ist der allerletzte Schrei“, erklärte er im Brustton der Überzeugung.

„Im Ernst? Ich mag sie.“ Tellie band sich die Uhr ums Handgelenk. Sie hätte sie tatsächlich gemocht. Wenn es ein persönliches Geschenk von J.B. gewesen wäre, hätte sie auch eine tote Ratte in einem Schuhkarton gemocht. Tellie hatte einfach keinen Stolz diesem Mann gegenüber.

J.B. verzog das Gesicht. So verzwickt die ganze Situation war, er konnte sich ihrer Komik nicht entziehen. „Ich wette, du bist die Einzige aus deinem Jahrgang, die so eine trägt. Alle anderen werden platzen vor Neid“, behauptete er kühn.

Jetzt musste auch Tellie lachen. „Jedenfalls danke ich dir, J.B.“

Er beugte sich zu ihr herüber, legte einen Arm um sie, zog sie so weit zu sich heran, wie es die Sitze im Wagen erlaubten, und drückte seine Lippen auf ihren Mund. Tellie erwiderte den Kuss nicht, ihre Lippen waren fest zusammengepresst.

J.B. hielt inne. „Das kannst du doch besser“, bemerkte er mit spöttischem Unterton, umfasste ihr Kinn und küsste sie so fordernd, dass sie seufzte und nachgab.

Als er den Kuss beendete, wich Tellie benommen zurück.

J.B. sah sie an. „Jetzt sind wir wieder beim selben Punkt angelangt“, stellte er fest.

„J.B. …“, begann sie.

Er legte einen Finger auf ihre Lippen. „Ich hab dir doch gesagt, die Sache hat keine Zukunft.“ Er stieg aus und öffnete ihr die Tür.

„Aber ich habe gar nichts gesagt“, protestierte Tellie.

Zusammen gingen sie zu Marge und den Mädchen zurück.

„So eine will ich auch“, platzte Brandi heraus, als sie die neue Uhr an Tellies Handgelenk entdeckte.

„Dann musst du aber auch erst einmal etwas leisten wie Tellie“, wandte Marge ein.

„Nächstes Jahr zu meinem Schulabschluss“, beharrte Brandi.

„Ich werde es mir merken“, versprach J.B. schmunzelnd. Dann wandte er sich zum Gehen. „Ich muss jetzt los. Ich habe heute Abend noch eine Verabredung. Nochmals herzlichen Glückwunsch zum Bachelor, Tellie.“

Sie hatte bei seiner Bemerkung über seine Verabredung nicht mit der Wimper gezuckt. Pflichtbewusst bedankte sie sich noch einmal für die Uhr. Wenig später war der rote Jaguar außer Sichtweite.

Noch immer hatte Brandi sich wegen der Uhr nicht beruhigt. Marge konnte diese Begeisterung nicht teilen. „Eine Frechheit ist das“, schimpfte sie leise.

Tellie zuckte mit den Schultern. „Er hat Jarrett losgeschickt, etwas zu kaufen. Und sie hat vermutlich gedacht, das sei wieder ein Geschenk für eine von seinen Verehrerinnen. Ich finde, sie hat ihre Sache ganz gut gemacht.“

„Es tut mir trotzdem weh, dass es wieder einmal dich getroffen hat.“

„Jarrett wird es auch noch treffen, sobald J.B. sie zu fassen bekommt.“

„Ach, die kann sich schon wehren“, erwiderte Marge. „Und ich hoffe, sie gibt es ihm so richtig.“

„Ist das nicht eigentlich merkwürdig“, meinte Tellie, während sie zurück ins Haus gingen. „Auf der einen Seite all seine geistig unterbelichteten Blondinen. Auf der anderen Seite scheint er eine Schwäche für resolute ältere Damen zu haben. Sieh dir zum Beispiel mal Nell an.“

Marge lächelte. Nell, seine Haushälterin, war so etwas wie lebendes Inventar im Hause Hammock. „Nell ist ein Fall für sich. Ich weiß nicht, was wir als Kinder ohne sie gemacht hätten, nachdem Mom so früh von uns gegangen war. Dad war ein guter Mann und ein wunderbarer Mensch. Aber es fehlte ihm an Herzlichkeit.“

„Ob das der Grund ist, dass J.B. nur so oberflächliche Beziehungen zu Frauen hat?“

Tellie merkte, wie Marge der Frage auswich, so wie immer, wenn die Rede auf J.B.s Vergangenheit kam. „Das ist eine andere Geschichte – und keine besonders schöne.“

„Erzähl sie doch.“

„Nein, das muss J.B. dir schon selbst erzählen.“

„Oh, darauf kann ich lange warten.“

„Da wirst du wohl recht haben.“

Als Marge, Tellie und die beiden Mädchen an diesem Abend zusammensaßen und sich einen Film im Fernsehen anschauten, klingelte das Telefon.

Marge ging an den Apparat, kam aber gleich zurück. „Es ist für dich. Jarrett möchte dich sprechen.“

„Oje! Das muss ja schlimm gewesen sein.“ Tellie ging zum Telefon.

„Hier ist Nan Jarrett“, meldete sich die ältere Dame. „Ich wollte mich bei Ihnen wegen der Uhr entschuldigen …“

„Aber das ist doch nicht nötig …“

„Doch, doch“, widersprach J.B.s Sekretärin. „Es hätte ein besonderes Geschenk sein müssen zu Ihrem Abschluss. Aber ich hatte ja keine Ahnung, für wen das Geschenk sein sollte. Ich dachte, es wäre wieder etwas für eine von seinen Freundinnen. Ehrlich gesagt, ich hasse diese Botengänge. Ich finde, wenigstens bei Ihnen hätte er sich selbst um ein Geschenk kümmern müssen.“ Sie hielt inne und räusperte sich. „Ich weiß gar nicht, ob ich das überhaupt so sagen darf.“

„Das ist schon ganz in Ordnung, Miss Jarrett.“

„Na, jedenfalls hat er es wohl selbst gemerkt. Sie hätten ihn einmal hören sollen, als er heute ins Büro zurückkam. Solche Flüche habe ich in meinem Leben noch nicht gehört, und das will wirklich etwas heißen.“

„Ich glaube, am meisten ärgert es ihn, dass er sich ertappt gefühlt hat.“

„Ach, Miss Tellie, das würde ich nicht sagen. Er hat ein solches Theater gemacht.“

„Dann hätte er ja auch zur Abschlussfeier kommen können.“

„Ach, wissen Sie“,

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