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Ein Festival der Liebe

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1. KAPITEL

„Zum allerletzten Mal, Teddy, mir reicht es!“

Die Atmosphäre im Fond der von einem livrierten Chauffeur gelenkten Limousine war, gelinde gesagt, angespannt. Die schöne Jessica Christhanson kuschelte sich trotz der auf höchster Stufe laufenden Heizung fröstelnd in ihren dicken Pelzmantel, während Edward G. Thirsten sich redlich bemühte, locker zu wirken – in der ebenso verzweifelten wie vergeblichen Hoffnung, seine Lässigkeit möge die überreizte Schauspielerin an seiner Seite besänftigen.

„Ich will nach Hause, ein Bad nehmen und mir das schmutzige Gefühl vom Körper waschen.“ Jessica schauderte. „Um ein Haar hätte er mich …“ Sie brachte das widerwärtige Wort nicht über die Lippen. „Mehr ertrage ich heute nicht“, fügte sie leise hinzu.

„Nur noch einen kleinen Zwischenstopp, Schätzchen.“ Teddy klang so affektiert wie immer. Eine Beinahe-Vergewaltigung war offenbar seiner Meinung nach kein hinlänglicher Grund, den Terminplan zu ändern. „Lass den netten Alec Stedman seine hübschen Fotos schießen, dann kannst du nach Hause und in deine Wanne steigen – und uns für einen ganzen Monat vergessen. Überleg es dir“, drängte er schmeichelnd. „Du brauchst nur eine winzige Stunde lang dein strahlendes Jessie-Lächeln zu zeigen, und die Bilder sind im Kasten – klick, klick, klick! Sonst, mein Schätzchen“, setzte er schlau hinzu, „müsstest du es morgen über dich ergehen lassen.“

Seine Trumpfkarte, dachte Jessica bitter. Teddy hatte immer ein As im Ärmel. Er mochte zwar neunundneunzig Prozent seines Lebens damit verbringen, den Trottel zu spielen, aber das war nur eine Fassade, hinter der sich ein eiskalt kalkulierender Geschäftsmann verbarg. Nicht umsonst war Teddy der erfolgreichste Theateragent der Branche.

Im Moment war Jessica Christhanson viel zu wütend, um sich darum zu kümmern, wer oder was Teddy war. „Begreifst du es denn nicht?“ In ihren tiefblauen Augen schimmerten Tränen. „Ich kann nicht mehr! Mir juckt die Haut bei dem bloßen Gedanken an die Berührungen dieses … dieses Tiers. Den Kontakt mit einem weiteren Mann verkrafte ich heute auf gar keinen Fall.“

„Aber Stedman ist cool“, beteuerte Teddy rasch. „Cool, absolut cool. Er belästigt keine Frauen wie Blake, er fasst sie nicht einmal an, wenn es sich vermeiden lässt. Er ist total cool, Jess“, wiederholte er nachdrücklich. „Obwohl er auf seinem Gebiet ein Genie ist, verabscheut er Models aus tiefstem Herzen.“ Teddy schüttelte sich, als er theatralisch die Reaktion des Künstlers auf Frauen imitierte. „Brr … Er hasst sie. Er wird garantiert nicht versuchen, deine arme, geschundene Haut auch nur zu streifen.“

„Ich bin kein Model“, wandte sie ein.

„Himmel, nein, du bist eine wunderschöne Schauspielerin“, bestätigte er eifrig. „Für ihn ist das allerdings das Gleiche, Liebes. Eine Lady mit einem Gesicht. Mit einer Ausstrahlung, die die Fantasie beflügelt.“ Er zuckte die Schultern. „Stedman kann sie nicht ausstehen. Macht super Fotos von ihnen, aber er kann sie nicht leiden.“

„Was hat er gegen sie?“, fragte sie seufzend.

„Seine Exfrau ist daran schuld. Ein Model – La bella!“ Er küsste seine makellos manikürten Fingerspitzen. „Erinnerst du dich noch an Tracy Lopez? Der Meister des Objektivs hat sie entdeckt. Er hat sie ausgebildet, geformt und geheiratet. Seine atemberaubenden Porträts von ihr haben sie an die Spitze katapultiert, und dann durfte er mit ansehen, wie sie ihn wegen eines großen fetten Mannes mit einer großen fetten Zigarre verließ, der aus ihr einen Filmstar machen wollte. Stedman hat ihr nie verziehen, hat es keiner Frau je verziehen – insbesondere keiner attraktiven. Trotzdem ist er der Beste seines Fachs“, beteuerte er. „Er hat das Talent, seine Modelle außergewöhnlich wirken zu lassen – besser als in Wirklichkeit. Dich natürlich nicht, Süße“, setzte er eilig hinzu und schenkte ihr eines seiner einfältigen Lächeln. „Perfektion kann man nicht steigern. Es ist …“

„Ach, halt den Mund, Teddy“, unterbrach ihn Jessica genervt. „Ich mag vielleicht wütend, angewidert und erschöpft sein, aber ich bin nicht schwachsinnig! Ich habe es längst begriffen.“

„Oh. Nun ja …“ Er besaß tatsächlich die Dreistigkeit, sie beleidigt anzusehen. Der raffinierte Teufel zog wieder einmal alle Register und appellierte schamlos an ihr Mitgefühl. Jeder, der ihn kannte, kannte auch das beklemmende Gefühl, den armen, harmlosen Teddy gekränkt zu haben.

„Sagtest du Tracy Lopez?“

Teddy nickte mit Unschuldsmiene, die Lippen gehorsam fest geschlossen.

Jessica hatte von ihr gehört – wer hatte das nicht? Einst hatte Tracys Gesicht fast jede Anzeige für Schönheitsprodukte geschmückt. In letzter Zeit waren ihre Fotos seltener geworden. Stirnrunzelnd versuchte Jessica sich zu erinnern, wann es zu dem Karriereknick gekommen sein mochte. Die Frau besaß eine dunkle, sinnliche Ausstrahlung, der Männer kaum widerstehen konnten … Kein Wunder, dass Alec Stedman den Frauen abgeschworen hat, überlegte Jessica bitter. Wer könnte sich mit Tracy Lopez messen?

„Wage es nicht, mich auch nur eine Sekunde allein zu lassen, Teddy“, warnte sie.

Es kostete ihn sichtlich Überwindung, nicht laut aufzujubeln. „Nicht mal, um aufs Klo zu gehen“, versprach er.

Trotz ihrer Niedergeschlagenheit musste Jessica lächeln. Diese Antwort war typisch für Teddy, niemand sonst hätte den Mut zu solcher Unverblümtheit aufgebracht.

An diesem Punkt endete das Gespräch. Teddy schwieg, weil er wusste, wann er gewonnen hatte, und Jessica, weil sie das Erlebnis mit Joel Blakes gierigen Händen zutiefst aufgewühlt hatte.

In den fünf Jahren, seit sie die Schauspielschule verlassen und ihre erste Rolle ergattert hatte, war sie noch nie Opfer einer sexuellen Belästigung geworden. Sie hatte nur eingewilligt, für Blakes neuesten Film vorzusprechen, um Teddy einen Gefallen zu tun. Der berühmte amerikanische Regisseur hatte ausdrücklich auf ihr bestanden, und Teddy hatte sie darauf hingewiesen, dass sie es sich nicht leisten könne, einen so einflussreichen Mann zu verärgern. Erst als der alternde Wüstling sie auf die Couch gezerrt und angefangen hatte, sie zu betatschen, hatte sie seine wahren Absichten durchschaut. Im Nachhinein hätte sie über ihre Naivität fast lachen können. Seine lüsterne Miene hätte sie bereits warnen müssen, als sie seine Suite betreten hatte. Körperliche und geistige Erschöpfung hatten ihre Instinkte offenbar beeinträchtigt. Dass ich einmal auf der sprichwörtlichen Besetzungscouch landen würde, hätte ich mir nie träumen lassen, dachte sie selbstironisch. Glücklicherweise war Teddy in der Nähe gewesen und hatte sie vor einer hässlichen Situation gerettet. Was sich vor seinem Eingreifen abgespielt hatte, war allerdings unangenehm genug gewesen!

„Vergiss Blake.“ Wie immer erriet Teddy ihre Gedanken. „Er ist völlig verkommen. Hält sich für Gottes Geschenk an die Frauen … Hat damit ein echtes Problem“, überlegte er laut. „Sollte sich einmal darum kümmern. Man kann nicht durch die Welt laufen und sich einbilden, Peter Pan zu sein, wenn man die besten Jahre längst hinter sich hat. Er …“

„Halt den Mund, Teddy.“

„Oh …“ Sie hatte ihn schon wieder beleidigt. „Ja, natürlich. Habe nicht daran gedacht … Wollte nicht …“

„Halt den Mund“, wiederholte sie nachdrücklich.

Diesmal funktionierte es. Er machte den Mund zu und schwieg. Jessica warf ihm einen zufriedenen Blick zu und konzentrierte sich erneut darauf, ihr erschüttertes Selbstvertrauen wieder aufzubauen, um sich für die nächste Prüfung, die stundenlange Fotosession, vorzubereiten.

„Wir sind da.“

Jäh wurde sie sich ihrer Umgebung bewusst. Der Wagen bog gerade durch ein hohes Holztor in eine kiesbestreute Auffahrt ein, die zu einem stattlichen Herrenhaus führte.

Das rote Backsteingebäude stammte eindeutig aus viktorianischer Zeit. Es hatte unzählige Erkerfenster und spitze Giebel. Die Mauern waren von grünem, gelbem und silbern schimmerndem Efeu überwuchert. Für einen Arbeitsplatz machte Alec Stedmans Haus einen ziemlich bewohnten Eindruck, wie Jessica fand. Sie hatte sogar eine Schaukel am knorrigen Birnbaum im hinteren Teil des Gartens entdeckt, bevor die Limousine vor dem überdachten Eingang stoppte.

Der Chauffeur öffnete den Schlag und trat respektvoll beiseite, um ihr das Aussteigen zu ermöglichen. Jessica atmete tief durch und hüllte sich tiefer in den weichen Pelz, dessen hochgeschlagener Kragen ihr langes hellblondes Haar verbarg. Dank ihres hellen Teints fielen ihre blutleeren Wangen nicht auf. Sie sah genauso aus wie immer – außergewöhnlich, erfolgreich und wunderschön. Nur wer sie genau kannte, bemerkte den angespannten Zug um ihren Mund und den traurigen Ausdruck in ihren sonst so leuchtenden blauen Augen.

Teddy war sofort neben ihr und nahm aufmunternd ihren Arm. Groß, von beinahe mädchenhafter Statur, war er ein Mann, der jeden Trick anwandte, um als eitler, unbedeutender Narr zu wirken – der er in Wirklichkeit nicht war. Er trug einen makellosen schiefergrauen Anzug, ein schneeweißes Seidenhemd und eine dunkelrote Krawatte mit einer Diamantnadel. Seine Schuhe waren grau und hatten weiße Applikationen, sein breitrandiger Hut passte perfekt zu dem hellgrauen Mantel, den er lässig über die Schultern geworfen hatte. Lediglich die grauen, von schweren Lidern halb verdeckten Augen verrieten den cleveren, unerbittlichen Geschäftsmann, der in ihm steckte.

Jessica war froh, dass er jetzt bei ihr war. Sie war zwar Schauspielerin und würde ihre Rolle, so gut es ging, verkörpern, doch innerlich befand sie sich in hellem Aufruhr. Ein falsches Wort, und sie würde unweigerlich die Beherrschung verlieren.

Teddy drückte auf die Klingel. Hinter der massiven Holztür ertönte ein gedämpftes „Wuff“, gefolgt von Schritten und einem kurzen Verweis, dann schwang die Tür auf. Es erschien eine kleine alte Frau mit silbergrauem Haar und einem Gesicht, das Jessica sofort an eine liebe alte Tante erinnerte.

„Miss Christhanson?“ Die Frau lächelte sie herzlich an. Als Jessica ebenfalls lächelnd nickte, wandte die Frau ihre Aufmerksamkeit Teddy zu, und sogleich änderte sich ihre Haltung. Mit einer von Gicht entstellten Hand umklammerte sie den Türknauf, mit der anderen packte sie das Halsband eines riesigen Schäferhundes. „Und ich hatte geglaubt, ich hätte schon alles durch diese Tür kommen sehen“, meinte sie kopfschüttelnd, als sie ihn von Kopf bis Fuß betrachtete. „Aber Sie schießen wirklich den Vogel ab, junger Mann.“

Jessica unterdrückte nur mit Mühe ein Lachen, während Teddy die alte Frau so dümmlich anlächelte, als hätte sie ihm ein höchst schmeichelhaftes Kompliment gemacht. „Danke.“ Angewidert betrachtete sie den mächtigen Hund und zog Jessica ins Haus.

Der Hund schüttelte sein zottiges Fell, starrte Teddy geringschätzig an und stieß einen Laut aus, der für Jessica wie ein höhnisches Knurren klang. Dann trottete er zur Treppe und ließ sich vor der untersten Stufe nieder.

„Das Studio ist oben“, erklärte die Frau.

Jessica schaute sich in der behaglich eingerichteten Halle um.

„Samson!“ Die Frau klopfte befehlend auf ihren Schenkel.

Der Hund hob kurz den Kopf, gab ein eher gelangweiltes „Wuff“ von sich und rührte sich nicht von der Stelle.

Die alte Dame blickte ihn vorwurfsvoll an. „Aus dem Weg mit dir, du dummer Köter.“

Als er jedoch weiterhin keine Anstalten machte, sich zu bewegen, trippelte sie ungeduldig zu ihm hinüber, wobei sie halblaut über riesige faule Biester schimpfte, die ständig den Weg versperrten und ihre Fellhaare im ganzen Haus verteilten. Der Hund beobachtete sie interessiert und begann, leicht mit dem Schwanz zu wedeln. Ein weiteres trotziges „Wuff“ brachte ihm einen Klaps aufs Hinterteil ein. Gemächlich erhob er sich gähnend. Nachdem er sich ausgiebig gestreckt hatte, leckte er liebevoll die Hand, die ihn geschlagen hatte, und tappte von dannen.

Die Zuneigung der alten Frau für ihren Hund war unverkennbar. „Die Treppe hinauf in den ersten Stock, dann links die Galerie entlang“, wies sie sie an. „Es ist die Doppeltür am Ende des Ganges. Klopfen Sie an, und warten Sie, bis man Sie hereinruft, sonst wird Alec wütend. Ich würde Sie ja selbst hochbegleiten, aber dann würde er mit mir schimpfen, weil ich die Stufen hinaufgestiegen bin.“ Mit einem schalkhaften Lächeln verschwand sie in der gleichen Richtung wie der Hund.

Erst jetzt bemerkte Jessica die steifen Bewegungen und das leichte Hinken der alten Dame. Vermutlich hatte sie Arthritis.

„Hübsches Haus“, meinte Teddy und bedeutete ihr, vor ihm die Treppe hinaufzugehen.

Jessica nickte schweigend und hielt ihren Mantel fest geschlossen. Innerlich war ihr noch immer eiskalt vor Schock, während ihre Haut bei der bloßen Erinnerung an Joel Blakes feuchte Finger brannte. Egal, wie anheimelnd Alec Stedmans Zuhause auch sein mochte, sie wünschte sich meilenweit fort.

Die Galerie war lang und eindrucksvoll. Alte Meister schmückten die Wände – goldgerahmte Porträts von ernsten, würdevollen Gesichtern, die missbilligend auf sie herabblickten. Alec Stedmans Vorfahren? Keine besonders ermutigende Vorstellung, denn die meisten sahen aus, als wären sie zu allen Schandtaten fähig. Der Gedanke rief ihr das Bild eines lüsternen Joel Blake ins Gedächtnis, und es gelang ihr nur mit Mühe, diese Schreckensvision zu verdrängen.

Teddy klopfte an, und Jessica kuschelte sich fröstelnd in den bodenlangen Pelz, obwohl es im Haus wohlig warm war. Nach einer kleinen Ewigkeit wurde eine der Türen aufgerissen, und sie sahen sich einem wahren Riesen mit faszinierenden topasfarbenen Augen gegenüber.

Gütiger Himmel, dachte sie, der Sonnengott Helios in Fleisch und Blut!

Er maß knapp zwei Meter, sein dunkelblondes Haar war von goldfarbenen Strähnen durchzogen und schmiegte sich seidig um seinen wohlgeformten Kopf. Seine markanten Züge verrieten unerschütterliche Charakterstärke und warnten Fremde, ihn herauszufordern. Die ungewöhnlichen Augen wurden von langen, dichten Wimpern umrahmt, und sein Mund verriet eine Sensibilität, die tief in ihm verborgen sein musste – sonst wäre er kaum ein so berühmter Fotograf geworden. Seine Lippen waren voll und hatten die Tendenz, sich leicht nach oben zu ziehen, selbst wenn er so wie jetzt verärgert war.

Seine Haut schimmerte ebenfalls golden. Das lässig zugeknöpfte Hemd enthüllte seine Brust, auf der sich goldblonde Locken kräuselten. Alec Stedman war groß und schlank und verfügte dennoch über die nötigen Muskeln, um seiner beeindruckenden Gestalt Nachdruck zu verleihen.

Er musterte Jessica kühl von Kopf bis Fuß, bevor er geringschätzig die Lippen verzog und seine Aufmerksamkeit Teddy zuwandte. Seine unverhohlene Verachtung ließ Jessica zusammenzucken. Sekundenlang wusste sie nicht, was niederschmetternder war – die Beinahe-Vergewaltigung oder die Begegnung mit Alec Stedman.

„Sie kommen spät“, bemerkte er gereizt.

„Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung.“ Teddy hob beschwichtigend die Hände, seine Miene war von mitleiderregender Einfalt. „Wurden aufgehalten. Hässlicher Zwischenfall beim letzten Termin. Jessica ist wütend, ich bin wütend, Sie sind wütend! Mieser Tag heute“, fügte er hinzu und zuckte die Schultern.

Alec – vorausgesetzt, es war Alec Stedman, denn bislang hatte er sich noch nicht vorgestellt – betrachtete verblüfft Teddys kummervoll-unschuldiges Gesicht. Zweifellos fragte er sich wie jeder, der Edward G. Thirsten zum ersten Mal begegnete, wie, zum Teufel, man mit einem solchen Trottel umgehen solle.

Hinter der vermeintlichen Dummheit verbarg sich allerdings ein messerscharfer Verstand, wie Alec Stedman sehr schnell herausfinden würde, falls er es darauf anlegte. Teddy konnte in Sekundenbruchteilen von einem Kuschelbären zum Tiger werden. Diese Eigenschaft machte ihn zum idealen Manager im Showbusiness. Seine ungeahnte Wandlungsfähigkeit hatte auch Joel Blake überrumpelt. In einer Minute hatte er albern gelächelt, als man ihn hinausgeschickt hatte, um ungestört das Vorsprechen zu absolvieren, in der nächsten war er wieder im Zimmer gewesen, hatte Joel Blake von ihr gezerrt und dessen berühmtes Profil mit einem einzigen Faustschlag ruiniert. Während Teddy Jessica aufgeholfen, ihre Kleidung gerichtet und ihr das zerzauste Haar geglättet hatte, war er mit ziemlich drastischen Ausdrücken über das ohnehin bereits ramponierte Ego des liebestollen Regisseurs hergefallen. Als sie gegangen waren, hatte Blake sich noch immer am Boden gekrümmt und vermutlich gefragt, was aus dem reizenden, bescheidenen, wenngleich unerträglich zerstreuten Teddy geworden war.

„Frieren Sie, Lady?“ Jessica zuckte zusammen, als sie Alec Stedmans abfälligen Blick bemerkte, mit dem er den Pelzmantel fixierte. „Oder hüllen Sie sich nur in die tote Katze, weil Sie nichts darunter tragen? Falls dem so ist“, fuhr er fort, bevor sie empört protestieren konnte, „muss ich Sie warnen. Ich mache keine Aktfotos, selbst dann nicht, wenn sie so verführerisch verpackt sind wie Sie.“

„Böse, böse!“ Teddy fuchtelte mit dem Finger unter der arroganten Nase des anderen Mannes herum. Der stählerne Unterton strafte sein strahlendes Lächeln Lügen. „Leute mit teuren Kameras sollten nicht mit Beleidigungen um sich werfen. Ist schlecht für sie, schlecht für die anderen, schlecht für ihre Umgebung …“

„Lass uns gehen, Teddy.“ Jessica nahm seinen Arm und machte auf dem Absatz kehrt. Sie würde keine Sekunde länger bleiben. Mochte Teddy schmeicheln, soviel er wollte, ihr reichte es!

Teddy hatte jedoch andere Pläne. Mit gefährlich funkelnden Augen hielt er sie zurück und zwang sie, sich zu dem verabscheuungswürdigen Alec Stedman umzudrehen. „Wollen wir nicht hineingehen?“, flötete er scheinbar unbekümmert. Gleichzeitig legte er seine Hand auf Jessicas kalte Finger, um ihr zu zeigen, dass er sie verstand und unterstützte.

Das Atelier war riesig, mit weißen Wänden und hohen Erkern an den Stirnseiten. Der Fußboden war übersät mit teuren Fotoapparaten und dem unterschiedlichsten Zubehör. An den Wänden standen oder hingen Requisiten, teils altmodisch, teils hochmodern, die Decke glich der einer Theaterbühne mit Strahlern und Scheinwerfen in allen nur erdenklichen Größen, Formen und Farben. Nur eine Fläche des Raums war vom Chaos völlig unberührt. Dort war eine Plattform aufgebaut, die von mehreren Lampen ausgeleuchtet wurde. Vor ihr standen drei Personen und hantierten eifrig mit technischen Gerätschaften.

Als die Türen sich hinter ihr schlossen, spürte Jessica, wie ihre Nervosität zurückkehrte.

„Zieht die Vorhänge zu.“

Kaum war der Befehl ausgesprochen, eilte ein junger Mann mit langem Haar und dicken Brillengläsern zu den Fenstern.

„Legen Sie den Mantel ab, Lady.“ Diese Aufforderung galt Jessica. „Sandra, schaff Big Bessie beiseite.“

Big Bessie war eine auf eine Art Kran montierte Kamera, die nun von einem schlanken Mädchen mithilfe einer Fernbedienung durchs Zimmer bewegt wurde.

„Sie …“, er deutete auf Teddy, „verschwinden Sie aus meinem Blickfeld, und vergessen Sie, dass Sie überhaupt hier sind, bis ich Sie wieder daran erinnere. Der Mantel, Lady“, verlangte er erneut.

„Miss Christhanson“, korrigierte sie ihn. Ohne sich von der Stelle zu rühren, begegnete sie kühl seinem Blick, was ihn offenbar ein wenig zur Vernunft brachte. Er schien sie zum ersten Mal als lebendiges, atmendes Wesen wahrzunehmen. „Miss Christhanson“, wiederholte sie nachdrücklich. „Ich bin ein Mensch, kein Gegenstand.“

Plötzlich herrschte Totenstille. Alec Stedman betrachtete Jessica herausfordernd. Das Schweigen zog sich in die Länge, bis Jessica das Blut in ihren Ohren rauschen zu hören meinte und eine sanfte Röte ihre Wangen überzog.

Die Atmosphäre zwischen ihnen knisterte förmlich vor Spannung, die Schwingungen waren so eindeutig sexueller Natur, dass Jessica unwillkürlich die Schultern straffte. Ein sonderbarer Ausdruck spiegelte sich in seinen Augen, als er ebenfalls die unterschwelligen Signale bemerkte.

Spöttisch verbeugte er sich in ihre Richtung. „Miss Christhanson“, sagte er trügerisch sanft, „hätten Sie die Güte, Ihren Mantel auszuziehen?“ Sein leichter Akzent verriet, dass er aus Amerika stammte. „Da er, wie wir alle sehen, wunderschön ist, fällt es Ihnen sicher schwer, sich von ihm zu trennen, aber Sandra wird ihn gewiss mit ihrem Leben verteidigen.“ Das Mädchen trat gehorsam vor. „Schwörst du mir das, liebe Sandra?“ Sandra nickte eifrig. „Sie wird dem guten Stück kein Haar krümmen und es Ihnen unbeschädigt zurückgeben, Miss Christhanson …“

Sein herablassender Tonfall war beinahe zu viel für Jessicas Nerven. Sie warf Teddy einen um Hilfe heischenden Blick zu in der Hoffnung, er möge sie retten, bevor sie sich blamierte, indem sie entweder einen Wutanfall bekam oder in Tränen ausbrach.

Teddy lächelte. Auf einen unbeteiligten Beobachter musste es wie eines seiner dümmlichen Lächeln wirken, aber Jessica las die Botschaft in seinen Augen. Du bist Schauspielerin, signalisierte er ihr ohne Worte, also geh an die Arbeit und zeig dem arroganten Scheusal, aus welchem Holz du geschnitzt bist!

Anmutig ließ sie den Mantel von den Schultern gleiten. Sandra fing ihn auf, bevor er den Boden berührte, und trug ihn so behutsam fort, als wäre sie entschlossen, die Anordnung ihres Chefs buchstabengetreu zu befolgen. Jessica stand kerzengerade da und schaute ihrem Gegenüber unverwandt in die goldbraunen Augen. Lediglich das leichte Beben ihrer Lippen verriet, wie viel Überwindung sie diese Haltung kostete.

Ihr langärmeliges Kleid war aus dunkelroter Seide und umschmeichelte ihre schlanke, aber dennoch sanft gerundete Figur. Trotz des schlichten Schnitts besaß es zeitlosen Chic. Ohne den Mantel kam auch ihr langes hellblondes Haar zum Vorschein.

„Donnerwetter“, meinte der Hüne leise und verzog die Lippen.

Er ließ den Blick langsam und ausgiebig über sie gleiten, und Jessica erstarrte. Sie hatte diesen Ausdruck schon einmal gesehen, und zwar auf Joel Blakes hochrotem Gesicht, bevor er sich auf sie gestürzt hatte. Teddy räusperte sich geräuschvoll, um sie sowohl zu warnen als auch daran zu erinnern, dass er bei ihr war.

„Einen Stuhl für Miss Christhanson.“

Beim Klang der lässigen Stimme begann ihr Puls zu rasen.

Schlagartig brach Hektik aus, als die Assistenten sich beeilten, den Wunsch des großen Meisters zu erfüllen. Jessica und er blieben allerdings völlig regungslos. Es war etwas passiert, etwas Starkes und Gefährliches bahnte sich zwischen ihnen an. Sie fochten mit ihren Blicken einen stummen Kampf aus, den keiner von ihnen gewollt hatte. Alec Stedman war kein Mann, zu dem sie sich hingezogen fühlen wollte. Außerdem berührten die sinnlichen Schwingungen frische Wunden, die ein anderer ihrer Seele zugefügt hatte.

Der junge Mann mit der Brille rollte eine breite Bahn weißen Papiers von der Wand über den Boden bis zur Plattform. Dann trat er beiseite, damit sein Kollege einen verzierten Messingstuhl aufs Podium stellen konnte.

„Den nicht!“, rief Alec ungeduldig. „Hast du denn gar nichts in den zwei Jahren bei mir gelernt, Hal? Man erschlägt echte Schönheit, indem man sie auf einen glänzenden Thron setzt. Geschmack und Bescheidenheit, Mann“, fuhr er eindringlich fort. „Überlass den Rest der Beleuchtung. Beleuchtung!“, wiederholte er lautstark.

„Ja, Alec“, flüsterte Hal zerknirscht.

„Das Licht ist wichtiger als die Kulisse, natürliche Schönheit braucht keine aufwendige Kosmetik – vergiss das nicht, Sandra.“ Trotz seiner hünenhaften Gestalt bewegte er sich mit erstaunlicher Geschmeidigkeit. „Leg die Katze weg, und such etwas, um ihr das Haar zu bürsten.“ Besagte „Katze“

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