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Ein Fall von Liebe

1. KAPITEL

Dan Armstrong hatte auf dem Ausritt seinen handgefertigten Revolver mitgenommen, obwohl er nicht glaubte, dass er ihn brauchen würde.

Normalerweise war er ohne Waffe unterwegs, aber sein Onkel hatte ihm geraten, sie mitzunehmen, wenn er allein unterwegs war. Es hatte Jahre gedauert, bis Dans Onkel sich um das Wohlergehen seines Neffen scherte. Doch Dan hörte auf ihn, denn jetzt war er froh darüber.

Etwas an diesem Wald schien aus einer anderen Zeit zu stammen. Aus dem Dakota des Wilden Westens vielleicht. Dans Anwesen in der Nähe von Fort Worth war ein Juwel, aber in Nordtexas gab es weder solche Pinien noch solche verwitterten Sandsteinfelsen, die sich mit diesen hier am Dakota vergleichen ließen.

Es war traurig, wie sehr sich das alles verändern würde, wenn die Pläne der Gesellschaft erst verwirklicht wurden. Dans Onkel Cecil Armstrong, der an Dans Geschäften zur Hälfte beteiligt war, plante, eine Schneise durch den Wald zu schlagen, bevor er ein Stück weiter von hier einen Damm bauen wollte. Warum sollte man auf das Recht verzichten, Holz zu schlagen, hatte Cecil gesagt. Das klang irgendwie einleuchtend, und Dan hatte keine Lust, mit Cecil zu streiten. Dennoch fand er es schade, dass es diesen Wald bald nicht mehr geben würde.

Er war sicher, dass die Gegend hundert Jahre zuvor, als Indianer und Cowboys hier durchgezogen waren, genauso ausgesehen hatte. Wenn er die Augen schloss, konnte er das Kriegsgeheul und das Hufgeklapper regelrecht hören.

Er drehte sich im Sattel um und kniff die Augen zusammen, als er in die Nachmittagssonne blickte. Er hörte tatsächlich das Geklapper sich nähernder Hufe.

Das Geräusch verklang, als er sich bewegte, und nachdem er den Stetson heruntergezogen hatte, um besser sehen zu können, erblickte er nichts weiter als eine Staubwolke ein paar Hundert Meter weit entfernt.

Dan griff nach seinem Revolver. Die vernickelte Waffe konnte zwar nur sechs Schüsse abgeben, aber er hatte damals genau dieses Modell haben wollen.

Mit der Hand am Revolver wartete Dan gespannt. Inmitten der Staubwolke war ein Umriss zu erkennen. Dan blinzelte. Aber das änderte nichts an dem, was er sah. Also schüttelte er den Kopf. Was auch nichts änderte.

Eine Häuptlingstocher saß auf einem gescheckten Pferd. Ihr Haar war offen und wehte im Wind. Was, um Himmels willen, war das?

Ihr Pferd kam einen Schritt näher. Sie trug ein altmodisches, schlichtes Kleid aus Rehhaut. Offenbar beherrschte sie ihr Pferd auch ohne Sattel und Steigbügel perfekt. Sie hatte einfache Mokassins an. Der Kopf ihres Pferdes war mit roter Farbe beschmiert. War das etwa Kriegsbemalung?

Geschah das hier gerade wirklich? Sie wirkte wie aus einer anderen Zeit. In den vergangenen drei Tagen hatte Dan einige Lakota-Indianer getroffen, aber keiner von ihnen hatte so ausgesehen.

Und keiner von ihnen hatte ihn so angeschaut, wie sie es tat.

Eine Hand hielt die Zügel, die andere lag entspannt auf einem ihrer Beine. Sie neigte den Kopf und ließ ihr schwarzes Haar zur Seite gleiten. Sie sah atemberaubend aus.

Dans Herz schlug langsamer. Er nahm die Hand vom Revolver. Diese Frau war ganz und gar nicht das, was er erwartet hatte. Cecil hatte ihn vor den Lakota gewarnt. Sie seien faul und ständig betrunken. Auf diese Frau traf das nicht zu. Ihre stolze Haltung und die Art, wie sie ihn musterte, sprachen Bände. Er hatte noch nie eine so schöne Frau gesehen. Als sie sich nach vorn lehnte, konnte er einen Blick auf ihre Brüste werfen. Sein Puls stieg. Was war bloß los mit ihm?

Die Häuptlingstochter lächelte ihm zu. Er konnte den Ausdruck ihres Gesichts auf die Entfernung nicht erkennen, er sah nur das breite Lächeln und die weißen Zähne. Im selben Moment begann sie sich zu bewegen. Ihr Pferd schoss nach vorn, während sie eine Hand hob. Im selben Moment ließ eine Explosion seinen Stetson davonfliegen.

Sein Pferd machte einen Satz zur Seite und buckelte. Dan verlor die Frau aus den Augen, während er überlegte, ob er ihr hinterherreiten oder in Deckung gehen sollte. Die Explosion hatte wie ein Schuss geklungen.

Als er seinen Hengst wieder unter Kontrolle hatte, war die Frau verschwunden. Dan dachte nicht nach, sondern handelte instinktiv. Er stieß seinem Pferd die Sporen in die Seiten und folgte dem Pfad, den er heraufgekommen war. Vollgepumpt mit Adrenalin, ritt er in den Wald. Schön oder hässlich, niemand schoss ungestraft auf ihn. Niemand.

Er hörte das Geräusch eines Körpers, der links von ihm durch das Unterholz brach. Offenbar mied die Indianerin den Pfad. Dan blinzelte, um seine Augen an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Ein Stück vor sich sah er etwas Weißes.

Je schneller er vorankam, desto wütender wurde er. Im Ölgeschäft, in dem er tätig war, gab es eine Menge zwielichtiger Gestalten, aber noch nie hatte jemand auf ihn geschossen. Er hatte keine Feinde, weil er sich keine machte. Dan war ein erfolgreicher Geschäftsmann, kein Revolverheld. Sein Wort zählte, für den Rest hatte er einen Anwalt.

Wieder sah er etwas Weißes aufblitzen.

Ein Tier mit einem weißen Schwanz floh vor ihm.

Fluchend hielt Dan seinen Hengst Smokey an und dachte über das nach, was geschehen war. Vielleicht war gar nichts passiert. Menschen hörten manchmal Geräusche, die gar nicht existierten, oder? Aber dann erinnerte er sich an seinen Hut. In dem Durcheinander war er verschwunden. Egal, was eben passiert war, er würde seinen Hut nicht zurücklassen. Er mochte seinen Hut. Er saß perfekt. Langsam ritt er zurück, bis er den Stetson sah. Dan stieg ab, um ihn aufzuheben.

Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Der Hut hatte ein Loch in der Stirnseite.

Sie hatte auf ihn geschossen. Diese wunderschöne Frau hatte auf ihn gezielt.

Jemand schuldete ihm eine Erklärung.

Dan war noch immer wütend, als er bei der Ranch ankam. Aus irgendwelchen verrückten Gründen hatte Dans Onkel beschlossen, die Wasserversorgung von Armstrong Holdings in einem dieser großen Häuser unterzubringen, die irgendein Rinderbaron in den 1880er-Jahren hatte bauen lassen.

Es war ein schönes dreistöckiges Haus voller Schnitzereien und Buntglasfenstern auf einem riesigen Gelände, aber als Hauptquartier nicht besonders gut geeignet. Warum Cecil irgendwo im Niemandsland zwischen der Hauptstadt und der Grenze nach Iowa kampierte statt in seinem kleinen Büro in Sioux Falls, war Dan schleierhaft. Es schien, als wolle sich der alte Mann verstecken.

Als leitender Geschäftsführer von Armstrong Holdings, dem Familienbetrieb, den Dans Vater vierzig Jahre zuvor gemeinsam mit seinem Bruder Cecil gegründet hatte, gehörte Dan die Hälfte dieses Hauses. Ihm gehörten auch die Hälfte der Wasserrechte am Dakota und die Hälfte des Tales, in dem jemand versucht hatte, ihn zu erschießen. Theoretisch war er ein gleichberechtigter Partner in diesem Unternehmen, seit er mit einundzwanzig Jahren die Ölabteilung in Texas von seiner Mutter übernommen hatte.

Er würde nicht zulassen, dass Cecil das Unternehmen kaputtmachte, für das er, Dan, so hart gearbeitet hatte.

In der vergangenen Woche hatte Cecil ihn angerufen und angeordnet, er solle alles in Texas stehen und liegen lassen und sofort nach South Dakota kommen. Cecil hatte Probleme mit dem Damm, den er seit fünf Jahren zu bauen versuchte. Er hatte damit gedroht, dass Armstrong Holdings nicht nur Milliarden von Dollar verlieren würde, sondern auch die Verträge mit der Regierung, wenn Dan seinen Hintern nicht sofort ins nächste Flugzeug bewegte.

Dan hasste es, dass andere glaubten, er ließe sich von Cecil herumschubsen. Aber Cecils Problem mit dem Damm war eine perfekte Gelegenheit, sich umzusehen und herauszufinden, woher die finanziellen Unregelmäßigkeiten in Cecils Berichten stammten. Er wusste zwar nicht, wonach er suchen sollte, aber ihm war klar, dass er es nicht in Texas finden würde. Er musste seinen Onkel noch so lange ertragen, bis er ihn als Hauptgeschäftsführer absetzen konnte.

Dan erinnerte sich, dass Cecil ihn vor den örtlichen Indianern gewarnt hatte. Es gab irgendwelche Probleme mit ihnen. Allerdings hatte Dan nicht geahnt, dass diese Probleme eine kugelsichere Weste erforderten.

Das Ranchhaus sah im Licht des Spätnachmittages noch Unheil verkündender aus als sonst. Der eiserne Zaun wirkte, als solle er bewaffnete Angreifer aufhalten. Dan stürmte so forsch zur Tür herein, dass die Haushälterin aufsprang.

„Ist alles in Ordnung, Señor Armstrong?“ Marias mexikanischer Akzent war das Einzige in diesem Haus, das ihn an Texas erinnerte.

Dan verlangsamte seine Schritte. Soweit er wusste, behandelte Cecil die Frau schlecht. Grund genug, freundlich zu ihr zu sein. Seine Angestellten nett zu behandeln hatte sich in der Vergangenheit als nützlich erwiesen, vor allem wenn man Informationen brauchte. Dans Mutter hatte immer gesagt, man brauche Honig, um Fliegen zu fangen, und gerade jetzt gab es eine Menge Fliegen, die ihn nervten. „Maria“, sagte er und nahm seinen Hut ab. Sie errötete. „Habt ihr hier Ärger?“

Das Rot ihrer Wangen wurde noch intensiver, als sie auf den Boden schaute. Dan nahm an, dass Maria dreißig Jahre zuvor ein echter Hingucker gewesen war. Er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen, aber Frauen zu schmeicheln war seine zweite Natur. „Ärger, Señor?“

„Ärger mit den Eingeborenen?“ Maria sah ratlos aus, deshalb versuchte es Dan noch einmal. „Ärger mit den Indianern?“ Es hörte sich irgendwie falsch an, so als lebten sie im Jahr 1880. Er räusperte sich und zeigte ihr den Hut.

Maria schaut auf das Loch und auf Dans Kopf. „Dios mi! Nein, Señor! Diese Art von Ärger haben wir nicht.“

Verdammt. Dan konnte sich gut in Menschen hineinversetzen, vor allem in Frauen. Maria sagte die Wahrheit.

„Sie werden mir sagen, wenn Sie von so etwas hören, nicht wahr?“ Aufmunternd lächelte er sie an.

Sie nickte, während sie sich in Richtung Küche bewegte. „Si, Señor.“

Zufrieden ging er zum Büro seines Onkels. Früher war der Raum wohl das Esszimmer gewesen. Jetzt war es mit allem vollgestopft, was man brauchte, um ein Unternehmen am Laufen zu halten. In Texas war Cecil ein skrupelloser Geschäftsmann gewesen, zeitweise hatte er fast das Monopol an texanischem Öl gehalten.

Cecil war schlau. Als die Rede davon war, dass die fossilen Energievorräte begrenzt waren, hatte er schon in alternative Energieformen wie Wasserkraft zu investieren begonnen. Deshalb war er nach South Dakota gekommen. Die Wasserrechte waren hier billig, und das Potenzial war groß. Armstrong Hydro war nach und nach nicht nur der größte, sondern auch der einzige Anbieter auf diesem Gebiet geworden.

Dan hatte Cecil noch nie gemocht. Aber Familie war nun mal Familie. Cecil und Dan waren durch ihr Blut und durch gemeinsame Geschäfte aneinander gebunden. Dan konnte den alten Mann nur loswerden, wenn er etwas fand, das den Vorstand überzeugte, ihn an die Luft zu setzen. Ohne anzuklopfen, platzte er in Cecils Büro.

„Was gibt’s?“, fragte Cecil. Er blickte nicht von dem Bericht auf, den er las. Der alte Mann trug noch denselben Schnurrbart wie in den Fünfzigern. Das Einzige, was sich in den vergangenen fünf Jahren geändert hatte, war, dass Cecil sich nun auch einen Backenbart stehen ließ, der ihn irgendwie wie das Böse selbst aussehen ließ. Der einzige Beleg, dass Cecil lachen konnte, war ein Foto, das ihn und Dans Vater vor ihrem ersten Ölbohrturm zeigte. Seinen Neffen Dan hatte er noch kein einziges Mal angelächelt.

Dan warf seinen Hut auf den Schreibtisch. Er landete direkt vor Cecils Nase. „Eine Frau hat auf mich geschossen.“

Cecil schien den Hut und das Loch darin einen Moment lang zu studieren. „Hast du sie gekriegt?“ Er schien nicht besonders beunruhigt zu sein.

„Nein. Sie ist mir entwischt.“

Cecil zog einen Mundwinkel hoch. „Du hast ein Mädchen entwischen lassen?“

Er musste sich nicht rechtfertigen. Cecil hatte ihm gesagt, er solle den Revolver mitnehmen. „Danke für die Warnung.“

„Bist du sicher, dass es ein Mädchen war?“

Dan dachte an die langen Beine, das schwarze Haar und das Lächeln. Mädchen? Nein. Frau? Ja, zum Teufel. „Ganz sicher.“

„Niemand hat sie bisher draußen gesehen.“ Cecil hatte nicht gewusst, dass diese Frau da draußen war? „Wenn es diese Querulantin ist, dann hat sie mehr als ein Mal die Arbeit der Ingenieure sabotiert.“

Er hatte von den Schwierigkeiten auf dem Gelände gehört. Cecil hielt es offenbar für überflüssig, dem Vorstand etwas über die Angriffe einer Ökoaktivistin zu erzählen. Noch etwas, das er vor ihnen verbarg. Was hielt er wohl sonst noch geheim?

Dan hatte schon früher mit Ökoaktivisten zu tun gehabt. Die „Befreier der Erde“ – kurz „BdE“ – hatten mehrere von Dans Bohrtürmen niedergebrannt, bevor Dan sie stoppen konnte. Aber nicht mal die BdE hatten ihre Aktionen bei Tageslicht durchgezogen. Sie agierten nachts und zerstörten Sachen. Menschen hatten sie nie angegriffen. Er wusste also, wie er mit Ökoaktivisten umzugehen hatte. Allerdings hatte er keine Ahnung, was er mit einer indianischen Prinzessin tun sollte.

Ohne zu zögern, warf Cecil den Hut zu Dan herüber und nahm ein Blatt Papier von einem Stapel. „Ich habe einen neuen Auftrag für dich.“

Dan biss die Zähne zusammen. Ein Auftrag. Cecil behandelte Dan so, als sei er sein Untergebener und nicht ein gleichberechtigter Partner. Als gäbe dieser kleine Selbstbetrug dem alten Mann die alleinige Kontrolle über das Unternehmen. „Wird dabei wieder jemand auf mich schießen?“

Cecil überhörte den Kommentar. „Ich schicke dich zu einem Treffen mit den Indianern. Du bist besser im Reden.“

Das ist maßlos untertrieben, dachte Dan. Cecil redete nicht, Cecil befahl.

„Es ist eine Horde von Idioten. Sie glauben, sie bekommen eine gerichtliche Anordnung durch wegen des Damms und der Wasserrechte, die mir gehören.“

„Die uns gehören. Hast du keine Anwälte? Wozu brauchst du mich?“

„Die Anwältin des Stamms ist eine echte Granate. Rosebud Donnelly. Sie hat drei von meinen Anwälten zum Frühstück verspeist.“ Cecil spuckte die Worte verächtlich aus.

Rosebud? Wie in dem Film, den seine Mutter so sehr geliebt hatte? Das konnte nicht sein. Trotzdem empfand Dan ein wenig Bewunderung für sie. Wer in der Lage war, seinen Onkel festzunageln, den sollte man ernst nehmen. „Und?“

Cecil musterte Dan mit den Augen eines knallharten Geschäftsmanns. „Du bist attraktiv, Junge. Du kannst gut mit Frauen umgehen.“

Dan erstarrte. Junge. Er hasste es, wenn Cecil ihn so nannte. Er war ganz gewiss nicht Cecils Junge!

„Du bist auch mit diesen Verrückten von BdE in Texas klargekommen. Das hier ist dasselbe. Nur dass sie eine Frau ist.“

Dan räusperte sich. „Was soll ich tun? Sie so heiß machen, dass sie vergisst, uns zu verklagen?“ Jetzt erstarrte Cecil. Wir, dachte Dan. Das ist auch meine Firma.

„Ich will nur, dass du sie ein bisschen ablenkst. Falls du zufälligerweise ihre Akten in die Finger bekommst …“ Er sprach den Satz nicht zu Ende, aber es war klar, was er wollte: Dan als männliches Flittchen benutzen.

Dan griff sich die Papiere. Je früher er hier herauskam, desto besser. Sogar die Luft in Cecils Nähe war vergiftet. „Wo?“

„Im Reservat. Morgen um zehn.“ Cecil winkte ihn hinaus.

Zum zweiten Mal an diesem Tag sah Dan rot. Cecil hatte billigend in Kauf genommen, dass da draußen jemand auf seinen Neffen wartete. Wenn Dan es nicht besser gewusst hätte, hätte er geglaubt, Cecil würde ihn gern tot sehen.

Er blickte auf die Papiere in seiner Hand. Es war ein Ausdruck, der den Hauptsitz des Stammes zeigte und ein paar Namen. Dan wollte einerseits, dass sein Onkel glaubte, dass er seine Anweisungen befolgen würde. Andererseits hatten die Indianer vielleicht etwas gegen Cecil in der Hand, das Dan nutzen konnte. Außerdem war das Reservat der beste Platz, nach einer indianischen Prinzessin Ausschau zu halten, die mit einem Revolver umgehen konnte.

Er würde mit Rosebud Donnelly anfangen.

2. KAPITEL

Rosebud Donnelly betrachtete ihre Rezeptionistin Judy über den Rand ihrer Brille hinweg. Judy stand in der Tür und schaute verwirrt drein.

„Er ist da.“

„Will Johnson noch eine Abreibung?“ In ihrem Büro erlaubte es sich Rosebud, den Kopf über diesen lächerlichen Anwalt zu schütteln. Das war wirklich ein erbärmlicher Kerl.

„Nein“, erwiderte Judy lächelnd.

„Es ist nicht Johnson?“ Rosebud konnte sich nicht vorstellen, dass sich Cecil Armstrong in der Öffentlichkeit zeigen würde. Sie war ihm nie begegnet, hielt ihn aber für eine Art Vampir. Statt Blut saugte er ihr Reservat aus, um es anschließend zu überschwemmen.

„Er hat gesagt, sein Name sei Dan Armstrong und er sei Cecils Neffe.“

Rosebud war sehr zufrieden. Sie würde diesen Kerl kriegen. Offenbar waren Cecil die teuren Anwälte ausgegangen, die Stammesrecht nicht von einem Loch im Boden unterscheiden konnten. Nun musste er wohl auf seine Familie zurückgreifen. „Eine kleine Ausgabe von Cecil, was?“

„Nein“, antwortete Judy. „Das ist er ganz und gar nicht. Sei vorsichtig, Rosebud.“

Judys Besorgnis war ungewöhnlich. „Ich bin immer vorsichtig.“ Das war richtig. Sie ging kein Risiko ein – weil sie sich das nicht leisten konnte. „Sag ihm, er soll sich setzen. Gib ihm Kaffee, viel Kaffee.“ Ihre Feinde sollten es so ungemütlich wie möglich haben. „Und gib mir Bescheid, wenn Joe und Emily kommen.“

Nachdem Judy gegangen war, um Kaffee aufzusetzen, nutzte Rosebud die Zeit, ihr jämmerliches Make-up-Täschchen hervorzukramen. Ihr gutes Aussehen war eine ihrer stärksten Waffen – oder auch ihre beste Verteidigung.

Nachdem sie den Stamm drei Jahre lang gegen Armstrong Holdings vertreten hatte, hatte Rosebud ihre Strategie perfektioniert. Johnson war ihr letztes Opfer gewesen. Drei Wochen lang hatte Rosebud das Dummerchen gespielt. Lange genug, um Johnson das Gefühl zu geben, er habe die Dinge im Griff. Lange genug, um Bilder zu besorgen, die Johnson gemeinsam mit einem Dealer von verschreibungspflichtigen Schmerztabletten zeigten. Auch wenn er sich aus der Sache hatte herausreden können, hatte er doch den Fall abgegeben, um Rosebud nicht noch einmal in die Quere zu kommen.

Männer, dachte sie und stieß einen missbilligenden Laut aus. Vor allem weiße Männer. Sie glaubten, dass sie die Regeln bestimmen könnten. Sie bürstete ihr Haar und fasste es zu einem Knoten zusammen, wollte auf altmodische Weise unschuldig und seriös zugleich aussehen. Um den Knoten festzustecken, benutzte sie zwei Spangen, die wie Essstäbchen ausgesehen hätten, wären da nicht die perlenbestickten Troddel gewesen, die von den Enden herabhingen. Die Spangen waren alles, was sie von ihrer Mutter behalten hatte.

Nachdem sie sich die Lippen nachgezogen hatte, sammelte Rosebud die Akten zusammen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Dan Armstrong anders als die anderen war. Immerhin hatte ihn dieser Scheißkerl Cecil zu ihr geschickt. Aber wer weiß, vielleicht rutschte ihm etwas heraus, das mit ihrem Bruder Tanner zu tun hatte.

Judy klopfte. Rosebud schaute auf die Uhr. Es war fast eine halbe Stunde vergangen. Prima. „Sie sind da.“

„Wie sehe ich aus?“ Rosebud klimperte mit den Wimpern.

„Sei vorsichtig“, wiederholte Judy.

Rosebud konnte es kaum erwarten, den Mann zu sehen. Sie traf sich mit Joe White Thunder und Emily Mankiller im Besprechungsraum. „Hat Judy euch erzählt, dass es ein Neuer ist?“, fragte sie, nachdem sie ihre Tante geküsst hatte.

Joes Augen funkelten, und eine Sekunde lang sah Rosebud den jungen Joe vor sich. Früher war er ein Macher gewesen, heute war er ein alternder Mann, dessen Stimme beim Stamm viel zählte. „Der Letzte hat dich nicht genug gefordert.“

Rosebud errötete, aber ihre Tante schüttelte den Kopf. Tante Emily war nie für Ungehorsam gewesen, weder im Privatleben noch in der Öffentlichkeit. „Du kommst gut voran, aber sei nicht zu selbstzufrieden.“

Ja, ja, dachte Rosebud, während sie nickte. Cecil Armstrong hatte die besten Anwälte gegen sie ins Feld geschickt, und sie hielt sie nicht nur in Schach, sie irritierte diesen Mann. „Schon klar. Wisst ihr noch, was ihr zu tun habt?“

Joe kniff ihr spielerisch in den Arm. „How, kemo sabe.“ Dann nahm sein Gesicht einen leeren Ausdruck an, und Rosebud stand vor dem Abbild eines unbewegt dreinblickenden Indianers. Joe würde heute kein einziges Wort sagen. Rosebud wusste, dass er Dan Armstrong nicht einmal ansehen würde. Wenn es etwas gab, was wichtige Anwälte hassten, dann war es, ignoriert zu werden. Es lenkte sie ab, und ein abgelenkter Anwalt war ein besiegter Anwalt.

Tante Emily seufzte. Sie verabscheute diese Treffen, und sie hasste es, wenn Joe sich wie ein falscher Indianer verhielt. Noch mehr hasste sie allerdings die Vorstellung, dass Armstrong Holdings ihr Reservat überfluten könnte. „Wir sind fertig.“

Dann mal los, dachte Rosebud, als sie die Tür öffnete. Sie war aufgeregt. Ein weiterer Gegner bedeutete einen weiteren Kampf. Rosebud war sicher, dass sie diese Schlacht gewinnen würde. Sie wusste nicht, ob sie den Krieg gegen Cecil Armstrong gewinnen würde, aber zumindest konnte sie ihn jahrelang in Atem halten.

Als Erstes fiel ihr auf, dass Dan Armstrong mit dem Rücken zur Tür stand und aus dem Fenster schaute. Sie war ein bisschen irritiert. Ihre Opfer sollten sitzen und nicht stehen, am besten auf dem niedrigsten Stuhl.

Das Nächste, was sie bemerkte, verstärkte ihre Irritation. Dan Armstrong war groß und hatte breite Schultern, die der sportliche braune Mantel betonte. Die Schulterklappen ließen seine Schultern noch breiter wirken. Sein kurz geschnittenes Haar war leicht gewellt. Die Sonne ließ es goldbraun wirken.

Sie stieß die Luft aus, weil sie sich nicht daran erinnern konnte, wann sie zum letzten Mal einen richtigen Mann in diesem Gebäude gesehen hatte, einen, der wirkte, als ob er ins Freie gehörte und nicht in ein kleines, düsteres Büro. Herrje, sie erinnerte sich nicht mal daran, wann sie draußen das letzte Mal einen richtigen Mann gesehen hatte.

Und dann drehte er sich um.

Er. Sie konnte kaum atmen. Plötzlich fühlte sie sich verwundbar. Es war die Art von Verwundbarkeit, die man spürt, wenn man etwas falsch gemacht hat, denkt, man würde davonkommen – und dann doch erwischt wird.

Sie war geliefert.

Er musste ihre Verwirrung bemerkt haben, denn er lächelte so, wie Männer lächeln, die wissen, wie sie auf Frauen wirken. Die Überheblichkeit, die sein Lächeln signalisierte, reichte, um Rosebud wieder zur Vernunft zu bringen. Sie wusste, wer er war, aber er schien sie nicht wiederzuerkennen. Und wenn es keine Zeugen gab, wie sollte er dann beweisen, dass überhaupt etwas passiert war?

„Mr Armstrong, nicht wahr?“, sagte sie, straffte die Schultern und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, die vor allem in High Heels recht imposant war. Leider überragte er sie dennoch. „Ich bin Rosebud Donnelly, die Anwältin des Red Creek Lakota Reservats.“

„Ist mir ein Vergnügen.“ Armstrong hob die Hand, um sich an den Hut zu tippen, merkte dann aber, dass er gar keinen trug. Er hielt in der Bewegung inne und streckte ihr schließlich die Hand entgegen. Rosebud fragte sich, ob er nach dem Hut gesucht hatte, der ihm vom Kopf geflogen war, oder ob der Stetson immer noch da oben am Waldrand lag. Sie musste das unbedingt überprüfen. Schließlich galt: kein Hut, kein Verbrechen.

Rosebud war froh darüber, dass ihr solche Begrüßungen in Fleisch und Blut übergegangen waren. In ihrem Kopf summte es. Sie ließ ein paar Sekunden vergehen, während Dans Hand noch immer in der Luft schwebte. Normalerweise erwiderte sie den Gruß mit einem schlaffen Händedruck, um weich zu wirken, aber jetzt ging das nicht. An diesem Tag wollte sie Herrin der Lage sein. Sie griff nach seiner Hand und bemerkte, dass sie warm, aber nicht feucht war. Er war kein bisschen nervös. Sie wollte ihn beeindrucken und schüttelte ihm die Hand, so fest sie konnte.

Er sah sie fragend an. Seine Augen hatten die Farbe des Himmels, bevor ein Wirbelsturm heranzog, und in seinem Blick las sie etwas, das wie Respekt aussah. Wer weiß, was sein Onkel ihm über sie erzählt hatte. Wahrscheinlich etwas, in dem die Wörter „kastrieren“ und „Hure“ vorkamen.

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