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Ein Engel für den Duke

1. KAPITEL

England, 1854

Royal Dewar durchquerte die Eingangshalle von Bransford Castle. Er trug hohe Reitstiefel, und seine Schritte hallten auf dem hölzernen Dielenboden wider. Als er am großen Salon vorüberkam, der mit seiner im Tudorstil gehaltenen Decke und den massiven Balken so beeindruckend wirkte, versuchte er, nicht auf die fadenscheinigen persischen Teppiche zu achten, deren leuchtende Rot- und frischen Blautöne, an die er sich aus seiner Jugendzeit erinnerte, nun verblichen waren.

Dann stieg er die breite Mahagonitreppe hinauf und bemühte sich zu ignorieren, wie sich das Geländer anfühlte, dessen Holz früher glatt und von feinem Schimmer gewesen war und das jetzt, nach Jahren der Vernachlässigung, stumpf und glanzlos wirkte.

Seit nicht einmal zwei Wochen war er nun zu Hause, war von Barbados nach England zurückgekehrt, nachdem er sieben Jahre auf Sugar Reef, der Plantage seiner Familie, gelebt hatte. Sein Vater war erkrankt, und der Anwalt der Familie, Mr Edward Pinkard, hatte nach ihm geschickt.

Der Duke of Bransford liegt im Sterben, hatte in dem Brief gestanden, bitte beeilen Sie sich, Mylord, und kommen Sie nach Hause.

Endlich war er hier und dankbar dafür, diese kurze Zeit mit seinem Vater verbringen zu können, aber das Gebäude war baufällig und bedurfte dringender Reparaturen, und er war es nicht gewohnt, sich im Haus aufzuhalten. Bei Sonnenaufgang hatte er nach seinem Vater gesehen und war dann zu den Stallungen geeilt. In den vergangenen acht Jahren war er nur ein einziges Mal über das Anwesen geritten, und nun freute er sich darauf, sein Zuhause wieder neu zu entdecken.

Obwohl der Winterwind kalt war, der Himmel grau und wolkig, genoss Royal den Ausritt, was ihn selbst ein wenig überraschte. Er hatte sich an das heiße Klima auf Barbados gewöhnt, und seine Haut war sonnengebräunt von der Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern. Doch an diesem Morgen, als der Wind ihm ins Gesicht wehte und sich vor ihm die offenen Felder erstreckten, so weit das Auge reichte, spürte er, wie sehr er England vermisst hatte.

Als er zum Haus zurückkehrte, war es später Vormittag. Er schwang sich aus dem Sattel seines großen grauen Hengsts. Er hatte das Tier als Geschenk zu seinem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen und es Jupiter genannt. Die Zügel reichte er einem wartenden Stallburschen.

„Gib ihm eine Extraportion Hafer, ja, Jimmy?“

„Jawohl, Mylord.“

Royal fühlte sich ein kleines bisschen schuldig, weil er seinen Vater allein gelassen hatte, daher eilte er gleich ins Haus und die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. Dort ging er den Gang hinunter und blieb dann einen Moment lang stehen, um sich vor der Tür, die zum Schlafgemach des Dukes führte, zu sammeln.

Unter dem schweren Holz drang ein Lichtschein hervor, also brannte drinnen eine Lampe. Royal drehte den silberfarbenen Knauf, schob die Tür auf und betrat das geräumige, matt erhellte Zimmer. Auf der gegenüberliegenden Seite lag sein Vater in dem großen Himmelbett mit schweren, goldfarbenen Samtvorhängen, nur noch ein schwaches Abbild des Mannes, der er einst gewesen war.

Der Kammerdiener und langjährige Vertraute des Dukes, George Middleton, eilte auf seinen langen dürren Beinen herbei. Nach vielen Dienstjahren und nun auch von Kummer und Resignation waren seine Schultern gebeugt.

„Es ist gut, dass Sie wieder zurück sind, Mylord.“

„Wie geht es ihm, Middleton?“ Royal löste die Bänder seines langen scharlachroten Reitumhangs und ließ es zu, dass der Diener ihm den Umhang abnahm.

„Ich fürchte, Mylord, er wird mit jedem Tag schwächer. Nur das Warten auf die Ankunft von Lord Reese hält ihn noch am Leben.“

Royal nickte. Er hoffte, dass sein Bruder, der mit seinen siebenundzwanzig Jahren zwei Jahre jünger war als er selbst und als Major bei der britischen Kavallerie diente, Bransford erreichte, ehe es zu spät war. Sein anderer Bruder, Rule, der jüngste, war bereits von seinen Studien in Oxford nach Hause gekommen.

Royal blickte zu den Samtvorhängen und sah Rule am Bett des Vaters sitzen. Hoch gewachsen und breitschultrig, mit dem muskulösen Körperbau eines Athleten, sah Rule seinen Brüdern sehr ähnlich: diegleiche gerade Nase, die markanten Züge mit dem energischen Kinn. Doch anders als Royal, der das dunkelblonde Haar und die goldbraunen Augen seiner Mutter geerbt hatte, waren Reese und Rule schwarzhaarig mit dengleichen leuchtend blauen Augen, wie sie auch der alte Duke hatte.

„Er hat nach dir gefragt.“ Rule trat in den flackernden Schein der Lampe, die auf dem Frisiertisch aus Rosenholz stand. „Er redet etwas wirr. Er sagte, du müsstest ihm noch etwas versprechen. Und er könne erst ruhig sterben, wenn du ihm versprochen hast, dich darum zu kümmern.“

Royal nickte, eher neugierig als besorgt. Alle drei Brüder liebten ihren Vater. Und alle drei hatten ihn vor Jahren verlassen, um ihren eigenen selbstsüchtigen Träumen zu folgen. Sie waren dem Duke of Bransford etwas schuldig und würden tun, was immer er von ihnen verlangte.

Sein jüngster Bruder ging an Royal vorbei, folgte Middleton nach draußen und schloss leise die Tür hinter sich, sodass Royal allein in dem dämmerigen, stickigen Raum blieb. Sein Vater hatte drei Schlaganfälle erlitten, den ersten vor drei Jahren, und jeder war heftiger gewesen als der vorherige. Royal hätte schon nach dem ersten nach England zurückkehren sollen, aber in seinen Briefen hatte der Vater ihm versichert, dass er sich erholen würde, und Royal hatte daran glauben wollen. Er hatte auf Sugar Reef bleiben wollen.

Jetzt sah er hinab auf den alten Mann, der geschwächt im Bett lag und der einst so stark und mächtig gewesen war. Ihm schien, als habe die reine Willenskraft seinen Vater so lange am Leben erhalten.

„Royal?“

Er trat ans Bett und setzte sich auf den Stuhl, den sein jüngerer Bruder soeben verlassen hatte. „Ich bin hier, Vater.“ Er streckte den Arm aus und ergriff die kalte, magere Hand seines Vaters. Es war warm in dem Schlafraum, doch er nahm sich vor, noch ein paar Scheite nachzulegen.

„Es tut mir leid, mein Sohn“, sagte der Duke mit heiserer Stimme. „Es ist ein armseliges Erbe … das ich dir hinterlasse. Ich habe dich enttäuscht … und deine … Brüder.“

„Schon gut, Vater. Wenn du wieder auf den Beinen bist …“

„Rede … rede keinen Unsinn, Junge.“ Der Vater holte ein paarmal Atem und verzog ein wenig die Lippen. Royal verstummte. „Ich habe alles verloren. Ich bin nicht einmal ganz sicher … wie das geschehen konnte. Es ist einfach irgendwie – davongeflogen.“

Royal musste nicht fragen, was sein Vater damit meinte. Die Möbel, die in den Salons fehlten, die kahlen Stellen an den Wänden, wo einst erlesene Gemälde in vergoldeten Rahmen gehangen hatten, der allgemein schlechte Zustand des Hauses, das einst eines der prächtigsten in ganz England gewesen war – das alles erzählte davon.

„Mit der Zeit kann unser Vermögen wiederhergestellt werden“, sagte Royal. „Der Duke of Bransford wird so mächtig sein wie zuvor.“

„Ja, zweifellos.“ Der Duke hustete und holte zitternd Atem. „Ich weiß, ich kann … auf dich zählen, Royal. Auf dich und deine Brüder. Aber es wird nicht leicht werden.“

„Ich werde dafür sorgen, Vater. Ich verspreche es dir.“

„Und das wirst du auch. Ich will … dir helfen. Selbst wenn ich tot und begraben bin.“

Royals Herz zog sich zusammen. Er wusste, sein Vater würde sterben. Es war nur noch eine Frage der Zeit. Dennoch war es schwer zu akzeptieren, dass ein Mann, der einst so stark und voller Lebenskraft gewesen war wie der Duke, tatsächlich fort sein würde.

„Hast du gehört, was ich sagte, Royal?“

Das hatte er, aber nur wie aus weiter Ferne. „Ja, Vater, aber ich fürchte, ich weiß nicht, was du meinst.“

„Es gibt eine Möglichkeit, mein Sohn. Die einfachste aller Möglichkeiten. Eine Ehe mit der richtigen Frau wird dir das Geld verschaffen … das du brauchst.“ Er drückte Royals Hand fester. „Ich habe sie gefunden, Royal. Die perfekte Frau.“

Royal richtete sich auf. Er war fest davon überzeugt, dass sein Vater nur so dahinredete.

„Sie ist sehr schön“, fuhr der Duke fort. „Ein wunderschönes Geschöpf … wie geschaffen dafür, eine Duchess zu werden.“ Mit jedem Wort schien die Kraft des alten Mannes zurückzukehren, und einen Moment lang hob sich der Schleier von seinen Augen, und das leuchtende Blau seiner Jugendjahre kehrte zurück. „Sie ist eine Erbin, mein Junge … sie hat von ihrem Großvater ein Vermögen geerbt. Und ihre Mitgift ist unvorstellbar hoch. Du wirst wieder ein reicher Mann sein.“

„Du solltest dich ausruhen. Ich komme wieder …“

„Hör mir zu, Sohn! Ich habe schon mit … mit ihrem Vater gesprochen, einem Mann namens Henry Caulfield. Caulfield liebt sie sehr. Er ist entschlossen, ihr einen Titel zu verschaffen. Die … Vereinbarungen sind schon … getroffen worden.“ Er rang nach Atem, hustete, aber sein Griff um Royals Hand lockerte sich nicht. „Nach einer angemessenen … Trauerzeit wirst … wirst du Jocelyn Caulfield heiraten. Mit ihrem Vermögen und … deinen Fähigkeiten … kannst du das Haus wiederaufbauen … und unseren Ländereien wieder … den früheren Glanz verleihen.“

Der Griff des Duke wurde noch fester. Es erstaunte Royal, dass sein Vater noch so viel Kraft besaß. Und er verstand, dass der nicht fantasierte. Tatsächlich wusste er sehr genau, was er da sagte. „Versprich mir, dass du das tun wirst. Sag, dass du das Mädchen heiraten wirst.“

Royals Herz schlug schneller. Er war seinem Vater verpflichtet, doch tief in seinem Innern lehnte sich etwas auf, wollte er sich weigern, rebellieren gegen ein Leben, das ihm aufgezwungen wurde. Obwohl er dazu erzogen worden war, die Pflichten und Aufgaben eines Dukes zu übernehmen, hatte er nicht damit gerechnet, das so schnell schon tun zu müssen.

Seine Gedanken eilten zurück. Mit zweiundzwanzig war er in die Karibik gereist, ins Abenteuer. Er hatte die Leitung der Familienplantage dort übernommen. Als er sich dieser Aufgabe stellte, war der weitläufige Besitz nicht viel wert gewesen. In vielen Stunden harter Arbeit hatte er etwas geschaffen, auf das er stolz sein konnte. Durch ihn war die Plantage so erfolgreich geworden, wie sie heute war.

Er hatte gewusst, dass er eines Tages nach Hause zurückgerufen werden würde. Er hatte gewusst, dass auf ihn eine Verantwortung wartete, wie er sie bisher noch niemals hatte wahrnehmen müssen.

Aber er hatte nicht erwartet, dass sein Vater so bald schon sterben würde.

Oder dass er einen Titel und Grundbesitz erbte, die vollkommen wertlos waren.

Der Griff seines Vaters lockerte sich, seine Kraft schien nachzulassen. Sein Mundwinkel verzog sich, so wie zuvor. „Versprich mir …“

Royal schluckte. Sein Vater lag im Sterben. Wie konnte er ihm diesen letzten Wunsch verweigern?

„Bitte …“, flüsterte der Duke.

„Ich werde sie heiraten, Vater. Wie du es wünschst. Du hast mein Wort darauf.“

Der Duke nickte schwach. Dann stieß er leise den Atem aus und schloss die Augen. Einen Moment lang fürchtete Royal, er wäre tot, doch ganz leicht bewegte sich seine Brust, und Royal spürte einen Anflug von Erleichterung. Er ließ die kalte Hand seines Vaters los, schob sie unter die Decke und erhob sich vom Stuhl. Er fachte das Feuer noch etwas an, dann ging er aus dem Zimmer.

Als er hinaustrat, traf er auf Rule, der vor der Tür auf und ab ging. Royal schloss leise die Tür hinter sich, und der Bruder blieb stehen.

„Ist er …?“

„Alles ist so wie zuvor.“ Royal holte tief Luft. „Er hat eine Ehe arrangiert. Die Frau bringt eine enorme Mitgift, genug, um das Land und den Besitz wiederaufzubauen. Ich habe mich mit der Verbindung einverstanden erklärt.“

Rule runzelte die Stirn und zog die Brauen zusammen. „Bist du sicher, dass du das willst?“

Royal zeigte die Andeutung eines Lächelns. „Ich bin mir überhaupt nicht sicher, mein Bruder, nur, dass ich ein Versprechen gegeben habe, das ich halten muss.“

Das Begräbnis des Duke of Bransford fand an einem windigen und kalten Januarmorgen statt. Tatsächlich hatten die Feierlichkeiten bereits vor einigen Tagen begonnen, mit einem längeren Trauergottesdienst, den der Erzbischof in der Westminster Abbey gehalten und an dem viele Aristokraten teilgenommen hatten.

Danach war der Sarg in einer extravaganten schwarzen Kutsche, gezogen von vier schwarzen Pferden, nach Bransford transportiert worden, wo der Sarg nach einer feierlichen Grabrede in die Familiengruft neben der Dorfkirche gebracht werden sollte.

Zahlreiche Familienmitglieder waren anwesend, darunter die Tante des Dukes, Agatha Edgewood, Dowager Countess of Tavistock sowie eine Reihe weiterer Tanten und Cousins, von denen Royal einige gar nicht kannte. Manche waren gekommen in der Hoffnung, vielleicht im Letzten Willen des Dukes bedacht worden zu sein. Auf diese wenigen wartete eine Überraschung, denn es war kaum Geld übrig.

Royal starrte auf den schimmernden Sarg, der die sterblichen Überreste seines Vaters enthielt, und er spürte einen Kloß in der Kehle. Er hätte früher nach Hause zurückkehren, mehr Zeit mit seinem Vater verbringen sollen. Er hätte ihm helfen sollen, seine komplizierten Angelegenheiten zu regeln. Hätte er das getan, wäre der Besitz vielleicht nicht ruiniert gewesen. Vielleicht hätten die Sorgen seinen Vater dann nicht in ein frühes Grab gebracht.

Royal starrte auf den Sarg, und für einen Moment verschwand alles vor seinen Augen hinter einem Schleier von Tränen. Sein Vater war fort. Der sechste Duke of Bransford war friedlich eingeschlafen, zwei Stunden nach der Ankunft seines mittleren Sohnes.

Reese und der Duke waren kurz zusammen gewesen, und ein weiteres Versprechen war gegeben worden. Sobald seine zwölf Pflichtjahre beim Militär abgeleistet waren, würde Reese den Dienst quittieren und nach Wiltshire zurückkehren. Er würde das Anwesen in Briarwood übernehmen, das er von ihrem Großvater mütterlicherseits geerbt hatte. Er würde die Ländereien bewirtschaften und sich dort eine Existenz aufbauen.

Reese war der eigensinnigste der drei Söhne des Dukes, er genoss seine Freiheit, sein Leben beim Militär und seine Reisen. Nichts wünschte er sich weniger, als an ein Stück Land gefesselt zu sein, das er als Gefängnis ansah. Aber am Ende hatte er sich damit einverstanden erklärt, als er erlebte, wie vor seinen Augen das Leben aus seinem Vater wich.

Rule, der Wildeste und am wenigsten Verantwortungsbewusste, hatte sein Versprechen schon gegeben, ehe Royal eingetroffen war. Der Duke hatte geglaubt, dass eine Verbindung mit den Amerikanern im besten Interesse der Familie war. Sein jüngster Sohn hatte gelobt zu tun, was immer nötig war, damit diese Verbindung zustande kam.

Die Worte des Pastors durchdrangen Royals Gedanken, lenkten sie ab von den Ereignissen der vergangenen Wochen und wieder hin zu dem, was über dem offenen Sarg seines Vaters gesagt worden war.

Ein scharfer Wind zerrte an seinem langen wollenen Umhang und schnitt durch seinen schweren schwarzen Frack und die dunkelgraue Hose, als er am Grab stand. Neben ihm stand Reese in seiner rot-weißen Ausgehuniform eines Majors der britischen Kavallerie. Der Wind zauste sein dichtes schwarzes Haar. Von den drei Brüdern wirkte er am ernsthaftesten, sein Gesicht zeigte Spuren des harten Lebens, das er führte.

Royal sah hinüber zu seinem jüngsten Bruder. Rule war ein unerwarteter Nachkömmling gewesen, er wurde beinahe sechs Jahre nach Reese geboren. Da war ihre Mutter schon krank gewesen, und man hatte ihr geraten, keine weiteren Kinder zu bekommen. Tatsächlich starb Amanda Dewar im Kindbett und überließ Rule damit der zweifelhaften Fürsorge einer Amme, seiner beiden Brüder und eines Vaters, der oftmals zu viel trank, um seinen Kummer zu betäuben, oder sich in seinem Arbeitszimmer versteckte.

Rule hatte das überlebt und war der Kühnste der drei geworden. Er stand in dem Ruf, ein Schürzenjäger zu sein, und er trug diesen Titel mit Stolz. Er liebte die Damen, und er schien es sich zum Ziel gesetzt zu haben, mit so vielen wie möglich das Bett zu teilen.

Beinahe hätte Royal gelächelt. Über seine eigene Zukunft war bereits entschieden. Er würde eine Frau namens Jocelyn Caulfield heiraten. Eine Frau, die er noch nicht kannte. Zurzeit hielt sie sich im Ausland auf und genoss eine Europareise mit ihrer Mutter. Royal war froh darüber.

Für seinen Vater würde es ein Trauerjahr geben. Zeit genug, um den Termin für eine Hochzeit festzulegen.

Bis dahin verfügte er über eigenes Geld, die Einnahmen von Sugar Reef, genug, um den Lebensunterhalt zu finanzieren, wenn auch nicht genug, um das Vermögen wiederaufzubauen, das sein Vater verloren hatte.

Mit der Zeit würde ihm das gelingen, das nahm sich Royal fest vor. Er würde erst ruhen, wenn es geschafft war.

Bis dahin würde er herausfinden, was er mit seinen neuen Aufgaben als Duke tun könnte, wo er investieren, wie er die Investitionen seines Vaters verbessern und wieder gewinnbringend anlegen konnte.

Wie sein Vater gesagt hatte: Es würde nicht leicht werden.

Royal schwor sich, bis zu dem Zeitpunkt seiner Heirat zu wissen, wie er das Geld aus dieser von seinem Vater arrangierten Ehe am sinnvollsten einsetzen konnte.

2. KAPITEL

London, England. Ein Jahr später.

Jocelyn Caulfield stand vor dem Spiegel in ihrem Schlafgemach, von dessen Fenster aus man den Garten in Meadowbrook überblicken konnte. Der stolze Familiensitz lag am Rande von Mayfair, einem Stadtteil mit neuen, großen Häusern. Sie war in Korsett, Chemise und Unterhose gekleidet, alles ebenso rüschenbesetzt wie die seidenen Vorhänge ihres Himmelbetts und die Gardinen an ihren Fenstern, und betrachtete ihre kurvenreiche Figur.

„Ich hoffe, ich nehme nicht zu.“ Sie presste die Hände gegen die Stäbchen aus Fischbein, die ihrer Taille eine schmale Form verliehen. Dabei zog sie die schmalen Brauen über ihren beinahe violetten Augen kritisch zusammen. „Was meinst du, Lily?“

Lily Moran, ihre Cousine dritten Grades und Gesellschafterin während der vergangenen sechs Jahre, lachte. „Deine Figur ist perfekt, und das weißt du.“

Jocelyn lächelte schelmisch. „Meinst du, der Duke wird das bemerken?“

Lily schüttelte den Kopf. „Jeder Mann, der dich sieht, bemerkt das, Jo.“ Beide Frauen waren etwa gleich groß, doch im Gegensatz zu Jocelyn war Lily blond und dünn. Sie hatte meergrüne Augen und Lippen, die sie selbst ein wenig zu voll fand. Sie war hübsch auf etwas weniger auffallende Art, ganz und gar nicht wie Jo, bei deren Anblick Männer einfach stehen blieben, nur um sie anzustarren.

„Bist du fertig mit Packen?“, fragte Jocelyn. Was bedeutete: Lily, hast du auch für mich gepackt? Ihrer Zofe Elsie traute Jo nämlich nicht zu, die richtige Garderobe für die Reise zusammenzustellen, bei der sie den Mann treffen würde, der bald ihr Verlobter sein würde: den Duke of Bransford. Es war Lily, der sie vertraute, Lily, die ein Jahr älter war als sie und auf die sie sich mehr und mehr verließ.

„Ich bin fast fertig“, sagte Lily. „Alles außer der Unterwäsche habe ich für dich im Ankleidezimmer herausgelegt. Du musst nur noch Phoebe anweisen, deine Kleider in den Koffern zu verstauen, ehe du abreist.“

Jocelyn drehte sich vor dem Spiegel, um sich aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. „Ich frage mich, wie das Haus wohl sein wird. Vater sagt, Bransford Castle wäre ein schrecklicher Ort – aber ich glaube, bis vor ein paar Jahren war es eines der herrlichsten Anwesen in England. Es ist kein richtiges Schloss, weißt du, es ist nur dreihundert Jahre alt. Es ist groß, sagt Vater, vier Stockwerke hoch und wie ein U geformt, mit einem Garten im Innenhof und vielen Erkern und Türmen. Es hat sogar ein Labyrinth.“

Als Jocelyn lächelte, wurden ihre hübschen, perlweißen Zähne sichtbar. „Vater sagt, es würde mir Spaß machen, es wieder herzurichten.“

Lily lächelte. „Den wirst du zweifellos haben.“ Allerdings glaubte sie, dass Jo sich nach den ersten sechs Monaten schrecklich langweilen würde, sodass ihre Mutter kommen und das vollenden würde, was die frischgebackene Duchess von ihrem neuen Zuhause erwartete.

„Ich hoffe, dass Mutter und ich eine solche Unterkunft ertragen. Ich bin froh, dass wir nicht länger als eine Woche bleiben müssen.“ Gerade lange genug, damit Jocelyn und ihr zukünftiger Verlobter einander kennenlernen konnten. „Ich bin so froh, dass ich entschieden habe, dass du ein paar Tage vorher nach Bransford reist. Damit solltest du Zeit genug haben, um diesen Ort für uns vorzubereiten.“

„Ich bin sicher, dass der Duke alles in seiner Macht Stehende tun wird, damit du und deine Mutter es bequem habt, Jocelyn.“

Jo streckte den Arm aus und ergriff Lilys Hand. „Aber du wirst dich doch persönlich darum kümmern, ja? Du weißt, was ich gern habe – wie ich meinen Kakao am Morgen mag, wie heiß mein Badewasser sein muss. Du wirst doch die Dienerschaft vorbereiten und ihnen meine besonderen Bedürfnisse erklären?“

„Natürlich.“

Jocelyn wollte sich abwenden, doch dann wirbelte sie herum. „Oh, und vergiss nicht, die getrockneten Rosenblätter mitzunehmen. Sie verleihen meinem Bad genau den richtigen Duft.“

„Das werde ich nicht vergessen.“ Seit Lily vor sechs Jahren in Meadowbrook angekommen war, hatte sie sich um Jocelyn gekümmert. Das war für Lily eine große Veränderung gewesen, denn seit ihrem zwölften Lebensjahr, als ihre Eltern an der Cholera gestorben waren, hatte sie in Armut gelebt.

An ihrem sechzehnten Geburtstag hatte ihr Onkel Jack Moran verkündet, dass sie die Dachkammer verlassen würde, die sie bis dahin bewohnt hatte. Sie würde nun bei ihrem reichen Cousin Henry Caulfield und dessen Frau Matilda leben, um deren einziger Tochter Gesellschaft zu leisten – der fünfzehnjährigen Jocelyn.

Lily hatte nicht gehen wollen. Sie liebte ihren Onkel. Er und seine Freunde waren seit dem Tod ihrer Eltern ihre Familie gewesen. Sie hatte ihn angefleht, bleiben zu dürfen, aber er hatte abgelehnt. Jack Moran war ein Dieb. Er verdiente sein Geld damit, es anderen Leuten wegzunehmen. Als Lily erwachsen wurde, entschied er, dass sie ein solches Leben nicht führen sollte.

Sie erinnerte sich an ihren letzten gemeinsamen Tag so deutlich, als wäre er ihrem Gedächtnis eingebrannt worden. „Es ist einfach zu gefährlich, Lily“, hatte er gesagt. „Erst letzte Woche hast du die Brieftasche des Mannes fallen lassen und wärst um ein Haar erwischt worden. Du wächst heran, Liebes, und wirst langsam eine Frau. Du sollst ein besseres Leben haben, ein Leben, wie deine Mama und dein Papa es für dich gewünscht hätten. Ich hätte das viel früher tun sollen, aber ich …“

„Was ist mit dir, Onkel Jack?“, fragte sie unter Tränen.

„Du bist meine ganze Familie, Liebes, und ich werde dich vermissen.“

Lily erinnerte sich, wie sehr sie an jenem Tag geweint hatte, und an das schreckliche Gefühl, das sie hatte, als ihr Onkel sie an der Tür von Henry Caulfields Haus zurückgelassen hatte. Seit jenem schicksalhaften Tag hatte sie Onkel Jack nicht mehr gesehen, und sie vermisste ihn. Doch tief in ihrem Innern wusste sie, dass er das Richtige getan hatte.

Lily blickte zu Jocelyn hinüber. „Ich werde gleich morgen früh abreisen. In der Zeitung stand, dass ein Sturm heraufzieht, vielleicht gibt es sogar Schnee. Ich möchte dort sein, ehe das Unwetter einsetzt.“

„Nimm die Reisekutsche, Liebes. Du musst sie nur wieder zurückschicken, sobald du dort bist. Falls es regnet oder schneit, werden Mutter und ich ein paar Tage länger warten und aufbrechen, sobald es besser wird. Damit solltest du genügend Zeit haben, um alles in Ordnung zu bringen.“

„Das wird mir sicher gelingen.“ Lily ging zu der Kommode, die ganz in Gold und Elfenbein gehalten war, und sah Jocelyns Nachtwäsche durch, um zu entscheiden, was eingepackt werden sollte. „Wie ich hörte, wird die Tante des Dukes, Agatha, dort sein, um während unseres Besuchs als Gastgeberin aufzutreten.“

„Das nehme ich an. Ich habe sie nie getroffen. Offenbar kommt sie nur selten nach London.“

„Genau wie der Duke.“

Jo verzog das Gesicht, als wäre das ein abscheulicher Gedanke. „Ich bin sicher, das wird sich ändern, sobald wir verheiratet sind.“

Lily lächelte nur und zog ein Nachthemd aus weicher Baumwolle heraus, das am rüschenbesetzten Ausschnitt mit Rosen bestickt war. „Es heißt, der Duke macht einiges her – er soll hoch gewachsen und gut gebaut sein, mit Haar von der Farbe alten Goldes. Wie ich hörte, soll er unglaublich gut aussehen.“

Jocelyn zog eine Braue hoch. „Das sollte er. Ich werde ihn nicht heiraten, wenn er nicht gut aussieht. Nicht einmal, wenn er ein Duke ist.“

Aber Lily vermutete, dass Jocelyn ihn dennoch heiraten würde, egal, wie er aussah. Sie wollte Duchess werden. Sie wollte das Leben weiterführen, an das sie gewöhnt war, wollte die Aufmerksamkeit und die soziale Stellung, die mit diesem Titel verbunden war. Genau genommen wollte Jocelyn alles.

Und dank ihres Vaters, der sie hoffnungslos verwöhnte, pflegte sie das gewöhnlich auch zu bekommen.

„Sie gehen aus, Hoheit?“ Jeremy Greaves, der Butler, eilte herbei, als Royal durch die Eingangshalle zur Tür ging. „Wenn ich mir erlauben darf, Sie darauf hinzuweisen, Hoheit: Ihre Gäste sollten jeden Moment eintreffen. Was wird Ihre Verlobte denken, wenn Sie nicht da sind, um sie zu begrüßen?“

Ja, was wohl? „Ich darf Sie erinnern, Greaves, dass wir noch nicht offiziell verlobt sind.“

„Ich verstehe, Sir. Dennoch wird sie erwarten, dass Sie sie in Bransford Castle angemessen empfangen.“

Zweifellos. Es wäre ein Zeichen außerordentlich schlechter Manieren, wenn er beim Eintreffen der Lady und ihrer Mutter nicht im Haus wäre. Er streifte den Butler, einen grauhaarigen alten Mann mit wässerigen blauen Augen, mit einem Blick und ging weiter. Ihm kam der Gedanke, dass wohl nur wenige Dienstboten mutig genug waren, einem Duke zu widersprechen, aber das galt weder für Greaves noch für Middleton, die beide schon vor Royals Geburt auf Bransford gelebt hatten.

„Wenn sie eintreffen sollte, ehe ich zurück bin“, meinte er, „dann sagen Sie ihr, ich wurde unerwartet abberufen. Sagen Sie ihr, ich werde bald zurück sein.“

„Aber, Sir …“

Royal zog seine Ziegenlederhandschuhe über und ging weiter zur Tür. Greaves eilte voraus, um sie ihm zu öffnen, und Royal trat ins Freie.

In der vergangenen Nacht hatte ein Sturm getobt, doch es hatte nicht geregnet, sondern geschneit. Royal blieb am Treppenabsatz stehen, um den Blick auf die Schönheit der überfrorenen Landschaft schweifen zu lassen. Die Sonne schien, sodass alles glitzerte. Die kreisförmige Auffahrt war von Schnee bedeckt, und die kahlen Zweige der Bäume rechts und links der Allee erstrahlten in blendendem Weiß.

Royal atmete die saubere kalte Luft tief ein und stieg dann die Stufen hinab. Einer der Stallburschen hatte sein Pferd Jupiter gebracht, es war gesattelt und wartete auf ihn. Zum Glück hatte sein Vater es nicht übers Herz gebracht, Royals Lieblingspferd zu verkaufen. In Breeches, einen dunkelblauen Rock und hohe schwarze Stiefel gekleidet, stieg Royal in den Sattel, während der schwere scharlachrote Umhang ihn umwehte.

Er wendete den Hengst, ließ das Tier erst im Schritt gehen, dann im Trab, und der Klang der Hufe wurde von der dicken Schneedecke erstickt. Während Jupiter ihn die Straße hinunterbrachte, warf er einen letzten Blick zurück auf den alten Greaves, der ihm von der Veranda aus besorgt nachsah.

Ehe Jocelyn eintraf, wollte er zurück sein, das nahm er sich fest vor. Bis dahin brauchte er etwas Zeit, um sich vorzubereiten. Der Umstand, dass er mehr als ein Jahr Zeit gehabt hatte, sich auf diese Begegnung einzustellen, erschien ihm unbedeutend. Er war einfach nicht bereit für eine Ehe, und ganz gewiss nicht mit einer Frau, die er noch nie getroffen hatte.

Dennoch würde er sein Wort halten.

Royal trieb den Hengst zu einem Galopp an und bog in eine schmale, ungepflasterte Straße ein, die an den Feldern entlangführte, die das Haus umgaben. So weit er sehen konnte, war alles weiß. Die Bäume glitzerten im Sonnenlicht, als wäre Sternenstaub auf sie herabgeregnet.

Zwölftausend Morgen Land umgaben Bransford Castle. So viel Grund bedeutete Dutzende von Pächtern, die alle von seinen Entscheidungen abhängig waren. Das Land war fest an den Titel gebunden, sonst wäre das meiste davon vermutlich längst verkauft worden.

Royal rutschte ein wenig im Sattel hin und her. Er wollte jetzt nicht an seine Pflichten denken. Er wollte nur seinen Kopf frei bekommen und sich darauf vorbereiten, die Frau zu treffen, mit der er seine Zukunft teilen würde.

Eine Weile ritt er so vor sich hin, bog in verschiedene Wege ab und überquerte mehrere Felder. Dann war es Zeit, zum Haus zurückzukehren und sich dem Unausweichlichen zu stellen.

Für den Rückweg wählte er eine andere Route, zwischen ein paar Bäumen hindurch, bis er die Landstraße erreichte, die vom Dorf ins Schloss führte. Als er um eine Biegung ritt, sah er ein Stück weiter vorn etwas im Schnee liegen. Das Sonnenlicht wurde von den feinen Eiskristallen reflektiert, daher war es unglaublich hell. Royal kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was dort lag.

Er trieb das Pferd vom Schritt zu einem Trab an, und als er näher kam, hörte er ein seltsam quietschendes Geräusch in der leichten Brise, die von den Feldern her wehte. Ganz plötzlich erkannte er, worum es sich handelte. Es war eine Kutsche, die auf die Seite gestürzt war. Eines der Räder drehte sich im Wind. Auf dem Feld zur Linken standen die Kutschpferde, noch immer angeschirrt, als warteten sie auf weitere Anweisungen.

Royal entdeckte den Kutscher, der auf der Straße lag. Er ritt hinzu, schwang sich aus dem Sattel, kniete neben dem Bewusstlosen nieder und untersuchte ihn nach Anzeichen für Verletzungen oder Knochenbrüchen. Außer einer Platzwunde am Kopf schien ihm nichts zu fehlen. Royal sah sich schnell um, ob jemand in der Kutsche gesessen hatte und vielleicht herausgeschleudert worden war. Er kletterte auf den Wagen und spähte durch die offene Tür hinein, entdeckte aber niemanden und kehrte daher zu dem bewusstlosen Kutscher zurück.

Offenbar spürte der Royals Gegenwart, denn er stöhnte und begann sich zu bewegen.

„Machen Sie sich keine Sorgen, alter Freund, Sie hatten einen Unfall. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben.“

Der stämmige Mann schluckte schwer. „Die Lady – geht es ihr gut?“

Royal erschrak. In der Kutsche war eine Frau gewesen. Er schaute zurück zu dem umgekippten Wagen und bemerkte zum ersten Mal die Eleganz der schimmernden schwarzen Karosse. Dann blickte er zu den vier Pferden auf dem Feld, Tiere bester Qualität, und er erschauerte.

„Jocelyn …“ Rasch erhob er sich und begann, die Umgebung der Kutsche ein zweites Mal abzusuchen. Einen Moment lang war er vom strahlenden Weiß der Umgebung geblendet und konnte kaum etwas erkennen. Als er sich weiter umsah, fand er sie endlich. Wie eine zerbrochene Puppe lag sie auf dem weißen Feld. Sie trug ein schlichtes Kleid aus rosafarbenem Samt, und der pelzgefütterte Umhang bauschte sich unter ihrer reglosen Gestalt.

Royal eilte auf sie zu und kniete neben ihr nieder. Er tastete nach ihrem Puls und fühlte das starke Pochen unter der zarten Haut an ihrem Hals. Sie war bewusstlos, aber er sah weder Blut noch sonstige Verletzungen. Behutsam tastete er sie nach Knochenbrüchen ab, fand jedoch nichts. Er hoffte, dass sie keine inneren Verletzungen hatte und sich bald wieder erholen würde.

Als sie leise seufzte, nahm er ihre kalte Hand und rieb sie zwischen seinen Händen, in der Hoffnung, sie aufzuwärmen, sodass sie erwachen würde. „Alles ist gut“, sagte er beschwichtigend. „Ich bin der Duke of Bransford, und ich werde Sie nach Hause bringen.“ Er scheute davor zurück, sie zu bewegen, aber als ihre Lider zuckten und sie langsam die Augen öffnete, seufzte er erleichtert.

„Hoheit“, flüsterte sie.

„Liegen Sie ganz still. Es hat einen Unfall gegeben. Aber Sie sind in Sicherheit, alles wird wieder gut.“

Zum ersten Mal gestattete er sich, sie genauer zu betrachten. Sie war so schön, wie sein Vater gesagt hatte, mit feinen Zügen und einer zarten Figur. Ihre Haut war beinahe so weiß wie der Schnee, auf dem sie lag. Sie hatten volle, schön geschwungene Lippen, die jetzt allerdings, wie er vermutete, bleicher waren als gewöhnlich. Ein paar Schritte weit weg lag eine Haube in demselben rosa Stoff, aus dem ihr Kleid gefertigt war. Die Nadeln hatten sich aus ihrem goldenen Haar gelöst, das ihr jetzt offen um die Schultern fiel. Ihre Augen waren, das stellte er fest, als sie ihn jetzt ansah, von hellem Grün.

Sie leckte sich über die Lippen. „Ich glaube … ich habe mir den Kopf angeschlagen.“

„Ja. Vielleicht, als Sie aus der Kutsche geschleudert wurden.“ Er zog einen Handschuh aus und berührte ihre Wange, ihre Stirn, die sich so glatt und kühl wie Glas anfühlten. „Sind Sie verletzt? Können Sie mir sagen, wo Sie Schmerzen haben?“

Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. „Ich friere zu sehr, um irgendetwas zu spüren.“

Beinahe hätte er gelächelt. Er fühlte, wie sie zitterte, und fragte sich, wie lange sie wohl schon hier im Schnee gelegen hatte. Er dankte Gott, dass er rechtzeitig vorbeigekommen war. „Ich muss Sie ins Warme bringen. Ich werde Sie jetzt hochheben. Wenn es irgendwo wehtut, sagen Sie mir Bescheid, und ich lasse Sie los.“

Sie nickte und schloss die Augen. Sehr behutsam hob er sie hoch, barg sie an seiner Brust und trug sie zu seinem Hengst hinüber. Royal hob sie seitlich in den Sattel und saß dann hinter ihr auf. Er hielt sie fest und zog sie an sich, um sie zu stützen.

„Gut so?“, fragte er und legte schützend einen Arm um sie.

Sie drehte sich um, und ihre meergrünen Augen glänzten, als sie ihn ansah. Etwas in ihm wurde angerührt. Royal hatte das Gefühl, jemand habe die Hand nach seinem Herzen ausgestreckt und drücke es fest.

„Nur ein wenig … benommen.“ Langsam schloss sie die Augen, dann sah sie ihn wieder an. „Der Kutscher. Mr Gibbons – geht es ihm gut?“

Royal drehte sich zu dem Mann um. Der war aufgestanden und humpelte über das Feld, um seine Pferde zu holen.

„Es scheint ihm gut zu gehen. War sonst noch jemand in der Kutsche?“

„Nein, nur ich.“

Ihre Mutter sollte doch mitkommen, dachte er. Es schien ihm auch seltsam, dass sie ohne die Gesellschaft einer Zofe reiste.

Doch die Erklärung dafür würde warten müssen. Royal ritt zum Kutscher und achtete dabei darauf, die Dame in seinen Armen gut festzuhalten.

„Schaffen Sie es zurück ins Dorf?“

Der Kutscher murmelte ein Ja. „Nur eine Beule am Kopf, das ist alles. Ich reite zurück in die Stadt und sorge dafür, dass die Pferde ordentlich untergebracht werden, bis ich die Kutsche repariert habe.“

„Guter Mann. Ich bin der Duke of Bransford. Ich kümmere mich um die Lady. Wenn Sie etwas brauchen, schicken Sie mir eine Nachricht. Jeder hier weiß, wo ich wohne.“

„Es waren Straßenräuber“, sagte der Mann ernst. „Ich habe versucht, ihnen zu entkommen, aber die Straße war glatt. Waren die schon fort, als Sie herkamen?“

„Ich habe niemanden gesehen, nur die umgekippte Kutsche.“ Ärger stieg in ihm auf. Räuber hatten die Kutsche angegriffen! Vielleicht hatten sie den Wagen durchsucht und alles Wertvolle mitgenommen. Einen Monat zuvor war etwas Ähnliches auf der Straße nach Swansbone geschehen, einem Nachbardorf. Royal hoffte, dass das eine einmalige Wiederholung war.

Er warf einen letzten Blick auf den Kutscher, der ihm kurz zuwinkte, ehe er die Pferde auf die Straße führte und sich auf das Leitpferd schwang. Royal sah ihm nach, als er davonritt, und dachte an die Straßenräuber, die diesen Unfall verursacht hatten. Er blickte über die Felder, entdeckte jedoch keine Spur von ihnen.

Als er seufzte, stieg eine Atemwolke auf. Später würde er sich über die Straßenräuber Gedanken machen. Jetzt brauchte die Lady seine Aufmerksamkeit.

Royal wandte sich wieder der Frau zu, die er im Arm hielt – der Frau, die er heiraten würde. Als er ihr ernstes, reizendes Gesicht sah und sich an ihre zierliche Gestalt und die grünen Augen erinnerte, dachte er, dass es vielleicht gar nicht so schlimm sein würde, verheiratet zu sein.

3. KAPITEL

Royal reichte Jupiters Zügel einem wartenden Stallburschen, hob Jocelyn vom Pferd und zog sie dabei in seine Arme. Greaves gab einen seltsamen Laut von sich, als er die Tür öffnete und sah, wie der Duke of Bransford eine halb bewusstlose Frau die Treppe zur Veranda hinauftrug.

„Die Kutsche hatte auf der Straße einen Unfall, ein paar Meilen vom Dorf entfernt“, erklärte Royal. „Miss Caulfield wurde aus dem Wagen geschleudert. Schicken Sie nach dem Arzt.“ Greaves eilte zu einem der Diener, einem von nur mehr fünfzehn im Haus – einst waren fünfundachtzig Männern und Frauen hier angestellt gewesen.

Der Diener ging zur Tür, während Greaves weitere Anweisungen gab. Darunter auch die, das Gepäck der Lady aus der umgestürzten Kutsche zu holen. Royal hielt sich nicht länger auf, sondern stieg die geschwungene Treppe hinauf. Die Lady hatte den Kopf an seine Brust gelegt, die Bahnen ihres rosa Samtrocks hingen hinab.

„Jemand muss sich um sie kümmern“, sagte er, als Greaves ihn eingeholt hatte. „Ist Tante Agatha schon eingetroffen?“

„Sie hat eine Nachricht geschickt. In der nächsten Stunde sollte sie ankommen.“

Er nickte und sah dann hinunter auf seine zukünftige Frau. „Welche Räume sind für sie vorgesehen?“

„Die Suite der Duchess, Hoheit. Es ist das schönste Zimmer im Haus.“

Weil sein Vater es nicht übers Herz gebracht hatte, die eleganten Möbel aus dem Schlafgemach seiner geliebten Frau zu verkaufen. Auch wenn es nicht ganz in Ordnung war, die zukünftige Frau eines Dukes bereits vor der Heirat in einem Raum unterzubringen, der an seinen grenzte, war das vermutlich die richtige Entscheidung.

Royal drehte den silbernen Türknauf und stieß die Tür mit dem Stiefel auf. Greaves lief voraus und schlug die Decke des großen Bettes zurück, dann eilte er zum Fenster und zog die schweren Damastvorhänge auf. Das Zimmer war in hellen Grüntönen gehalten und ausgestattet mit reizvollen Möbeln aus Rosenholz. Seine Mutter hatte diesen Raum geliebt.

Er fragte sich, ob diese Umgebung Jocelyn wohl gefallen würde, und betrachtete sie, als er sie aufs Bett legte. Er bemerkte, dass ihre Augen geöffnet und von demselben Grün waren wie das Zimmer.

„Wie fühlen Sie sich?“, fragte er. Er zog die Handschuhe aus und nahm ihre Hand. Sie war eiskalt, und er spürte, dass sie zitterte.

„Das Feuer, Greaves. Die Lady braucht Wärme.“ Aber der alte Mann hatte sich bereits an die Arbeit gemacht, und schon begannen die ersten Flammen zu knistern. Ein leises Klopfen ertönte, und auf Royals Erlaubnis hin trat eines der Zimmermädchen ein, das aus der Küche eine wärmende Bettpfanne brachte. Ein weiteres Mädchen erschien, um der Lady beim Auskleiden zu helfen, damit sie sich zwischen die warmen Betttücher legen konnte.

„Ich komme wieder, wenn Sie so weit sind“, versprach er und trat hinaus in den Gang, um zu warten. Er hörte, wie die Zofe plauderte, während sie das Bett anwärmte, und lächelte, als er vernahm, wie Jocelyn sich mit einem Seufzer ins Bett legte.

Ein weiteres Mädchen erschien. „Ich bringe einen heißen Ziegelstein, Hoheit.“

Er nickte zustimmend, und sie verschwand im Zimmer, um den heißen Stein ans Fußende des Betts zu legen.

„Das fühlt sich herrlich an“, sagte Jocelyn zu den Frauen, ehe diese das Zimmer verließen. „Vielen Dank.“

Royal wartete nicht erst, bis die Tür geschlossen war, ehe er wieder ins Zimmer ging. Er lächelte die Frau an, die im Bett seiner Mutter lag, und versuchte, nicht daran zu denken, dass sie, wenn sie erst einmal verheiratet waren, die meisten Nächte in seinem Bett verbringen würde. „Ich hoffe, Sie fühlen sich etwas besser.“

Jocelyn erwiderte sein Lächeln. „Mein Kopf tut noch weh, aber nun, da mir wieder warm ist, fühle ich mich schon viel besser.“

„Der Arzt sollte bald da sein, und meine Tante müsste jeden Moment kommen, sodass Sie eine Anstandsdame haben.“

„Ich freue mich darauf, Lady Tavistock kennenzulernen.“

„Und sie freut sich sicher, Sie kennenzulernen.“

Sie wollte sich aufsetzen und verzog schmerzvoll das Gesicht.

„Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut genug geht?“

„Ich muss mich wieder sammeln.“

Er half ihr, die Kissen zurechtzurücken.

„Vielen Dank. Ich weiß Ihre Fürsorge zu schätzen. Als uns die Räuber angriffen, war ich nicht sicher, ob ich jemals lebend hierher gelangen würde.“

Statt zu gehen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, setzte er sich auf den Stuhl, der neben dem Bett stand. „Erzählen Sie mir, was geschehen ist.“

Jocelyn knabberte an ihrer Unterlippe, und Royal fühlte ein körperliches Begehren, für das es definitiv noch zu früh war.

„Ich bin nicht ganz sicher. Es geschah alles so schnell. Die Kutsche fuhr auf das Haus zu, und ganz plötzlich hörte ich Männer etwas rufen und das Geräusch galoppierender Pferde.“

„Sprechen Sie weiter“, drängte er behutsam.

„Ich beugte mich aus dem Fenster, und da sah ich sie. Sie kamen immer näher. Es waren vier Männer, sie hatten sich ein Tuch über Mund und Nase gebunden. Sie hatten uns schon fast eingeholt, als die Kutsche über eine Eisfläche fuhr. Ich weiß noch, dass der Wagen sich zur Seite neigte und dass die Türen aufgingen. Das ist alles, woran ich mich erinnere.“

Er drückte ihre Hand. „Das ist jetzt vorbei. Denken Sie nicht mehr daran. Versuchen Sie nur, sich auszuruhen.“

Sie schenkte ihm ein so bezauberndes Lächeln, dass sein Herz einen kleinen Hüpfer machte. „Ich bin unendlich dankbar, dass Sie rechtzeitig vorbeigekommen sind. Wären Sie das nicht, würde ich vermutlich immer noch dort liegen und jetzt wahrscheinlich steifgefroren sein.“

Er lächelte. „Aber ich habe Sie gefunden, und jetzt sind Sie in Sicherheit.“

Sie lächelte ihn noch einmal an, dann schloss sie langsam die Augen. Royal unterdrückte den Impuls, sich vorzubeugen und ihr einen Kuss auf die Stirn zu geben. „Schlafen Sie gut, Miss Caulfield.“

Sie schlug die Augen wieder auf. „Oh, ich bedaure das Missverständnis, Hoheit. Aber – ich bin nicht Miss Caulfield. Ich bin ihre Cousine … Lily Moran.“

Royal ging durch die Halle in sein Arbeitszimmer. Er stieß die Tür auf und schritt direkt zur Anrichte, zog den Korken aus der kristallenen Karaffe und schenkte sich großzügig Brandy ein.

Dann trank er die brennende Flüssigkeit in einem Zug aus, stieß den Atem aus und schenkte sich noch einmal ein. Danach drehte er sich um und ging zum Feuer im Kamin.

„Da du selten vor Einbruch der Dunkelheit etwas trinkst und selbst dann nicht viel, vermute ich, dass dein Tag nicht sehr vielversprechend angefangen hat.“

Beim Klang der Stimme seines besten Freundes fuhr Royal herum. Sheridan Knowles, Viscount Wellesley, saß in dem großen Ledersessel vor dem Feuer.

„Bisher war er höchst grauenhaft.“

„Ich habe von den Straßenräubern gehört. Greaves sagt, deine Lady war in der Kutsche, die überfallen wurde. Ich hoffe, es geht ihr gut.“

„Der Lady wird es bald wieder gut gehen. Unglücklicherweise handelt es sich bei ihr nicht um meine Lady.“

Sherry beugte sich in seinem Sessel vor. Er war ein hochgewachsener Mann mit hellbraunem Haar und einer etwas zu langen, aber aristokratischen Nase. Er hatte grüne Augen, allerdings von viel kräftigerer Farbe als die der Frau oben.

Nun zog Sherry eine Braue hoch. „Eine interessante Bemerkung. Kannst du mir das näher erklären?“

Royal seufzte. „Die Frau in der Kutsche war nicht Jocelyn Caulfield. Ihr Name ist Lily Moran, und sie ist Jocelyns Cousine.“

„Ich verstehe. Nun, eigentlich verstehe ich überhaupt nichts. Was genau macht die Cousine deiner zukünftigen Verlobten hier anstelle deiner noch nicht offiziell Verlobten?“

„Offenbar ist Miss Moran Miss Caulfields Gesellschafterin. Sie reiste voraus, um alles für ihre Cousine und Mrs Caulfield vorzubereiten.“

„Alles vorzubereiten? Das klingt mehr nach einer Bediensteten als nach einer Gesellschafterin.“

Royal trank noch einen Schluck Brandy und fühlte das tröstliche Brennen. „Ich bin nicht ganz sicher, welche Rolle sie spielt. Ich weiß nur, dass sie schön ist und sanft, und wenn ich schon heiraten muss, dann wäre ich glücklich, sie zur Frau zu nehmen.“

„Aha, ich glaube, ich fange an zu verstehen.“ Elegant erhob sich Sheridan aus dem Sessel, kam herüber und schenkte sich ebenfalls einen Brandy ein. „Nachdem du die Lady kennengelernt hast, hast du angefangen, dich in das Unvermeidliche zu fügen. Jetzt bist du wieder da, wo du angefangen hast, und weißt nicht, was dich erwartet.“

„Ich vermute, so ist es.“

Sheridan schloss die Karaffe wieder. „Am besten ist es, positiv zu denken. Du warst schon nur mit der Cousine zufrieden. Vielleicht ist deine zukünftige Braut noch schöner und gefällt dir noch besser.“

Aber das glaubte Royal nicht. Lily Moran hatte etwas an sich, das ihn vom ersten Moment an berührt hatte, als er sie im Schnee hatte liegen sehen. Das Gefühl war noch stärker geworden, als er gehört hatte, wie sie sich um den Kutscher sorgte, und ihre Sanftmut gespürt hatte, eine Eigenschaft, die zu seiner fordernderen Art gut gepasst hätte. Und dann war da natürlich noch die heftige körperliche Anziehung, die er gespürt hatte, als er sie hochgehoben hatte.

Er würde das unterdrücken müssen. Bald würde er mit einer anderen verlobt sein. Miss Lily Moran war nicht für ihn bestimmt.

Er hob das Glas und trank noch einen großen Schluck Brandy.

„Was ist also mit den Räubern?“, fragte Sherry. „Deswegen bin ich hier. Sobald der Kutscher das Dorf erreicht hatte, verbreitete sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Da es vorigen Monat schon einen Zwischenfall gegeben hat, dachte ich, wir sollten vielleicht besprechen, was getan werden sollte.“

Sheridan lebte auf dem Landsitz Wellesley Hall, dessen Ländereien im Osten an Bransford grenzten. Royal und seine Brüder waren mit Sherry aufgewachsen, der in Royals Alter war. In Oxford waren sie Kameraden und beide Mitglieder der Rudermannschaft gewesen. Royal, Sherry und vier weitere der acht Ruderkameraden waren seit der Schulzeit enge Freunde geblieben. Die beiden anderen aus dem Team waren zum Militär gegangen, hielten aber ebenfalls so gut sie konnten Kontakt.

Sherry war sogar zu einem ausgedehnten Besuch nach Barbados gereist, als er begriffen hatte, dass Royal nicht vorhatte, so bald nach Hause zurückzukehren.

„Ich hatte gehofft, dass der erste Überfall eine Ausnahme wäre“, sagte Royal. „Dass die Männer ihren unrechtmäßig erworbenen Gewinn nehmen und ihn anderswo ausgeben würden, sodass wir nie wieder von ihnen hören.“

„Offenbar ist das nicht der Fall.“

„Nein, offenbar nicht.“

„Der Sheriff ist schon informiert. Vermutlich wird er hierherkommen, um mit deiner … Verzeihung, um mit Miss Moran zu sprechen.“

Royal blickte hoch, als könne er durch die Zimmerdecke hindurch direkt in ihr Schlafzimmer sehen. „Ich werde es ihr sagen. Im Moment geht es ihr nicht gut genug, um Besucher zu empfangen.“

„Und die Räuber?“

„Seit dem letzten Überfall ist ein Monat vergangen. Ich bezweifle, dass sie so bald wieder angreifen werden. Dennoch würde es nicht schaden, eine Art Patrouille einzurichten.“

„Gute Idee. Ich werde mich selbst darum kümmern. Meine Männer werden die ersten beiden Wochen übernehmen. Wenn nichts geschieht, können deine die zweite Schicht übernehmen.“

Royal nickte. Es fühlte sich gut an zu wissen, dass die Straßen geschützt sein würden. Schließlich war es noch immer so, dass seine zukünftige Braut zu ihm unterwegs war.

Er fluchte leise und leerte das Glas in einem Zug.

Lily verschlief den ganzen Rest des Tages und wachte erst am folgenden Morgen auf. Sie blickte zum Fenster hinaus und sah die tief hängenden Wolken und die weißen Flocken, die zur Erde fielen. Dann bemerkte sie das große Himmelbett, in dem sie lag, und dass die Wände blassgrün waren, nicht cremefarben wie in ihrem Zimmer auf Meadowbrook, und ihre Gedanken kreisten darum sich zu erinnern, was geschehen war und wo genau sie sich befand.

Dann fiel ihr alles wieder ein. Die Fahrt aufs Land, die Straßenräuber und der Kutschenunfall.

Der Duke of Bransford war gekommen, um sie zu retten.

Ganz plötzlich sah sie ihn vor sich, und ihr Herz begann schneller zu schlagen, als sie sich an die erste Begegnung mit ihm erinnerte. Er hatte neben ihr gekniet, und vor dem weißen Hintergrund aus Schnee hatte er ausgesehen wie ein goldener Engel, der zur Erde herabgestiegen war. Hätte sie nicht solche Kopfschmerzen gehabt, wäre sie vermutlich überzeugt gewesen, sie sei gestorben und in den Himmel gekommen.

Selbst jetzt konnte sie, wenn sie die Augen schloss, fühlen, wie es gewesen war, in seinen Armen zu liegen, seine Sorge um ihre Sicherheit und seine sanfte Fürsorge zu erfahren.

Lily schüttelte den Kopf, um diese Erinnerung zu vertreiben, sodass es wieder hinter ihren Schläfen zu pochen begann. Der Duke gehörte zu ihrer Cousine, einer Frau, die weitaus besser in der Lage war, mit einem Mann seiner Macht und sozialen Stellung umzugehen.

Lily wusste, dass der Duke Geld brauchte, um den Familiensitz wieder aufzubauen. Das war der Grund für die Verbindung, die zwischen den Dewars und den Caulfields vereinbart worden war. Lily verfügte nicht einmal über eine Mitgift. Und selbst wenn sie so reich gewesen wäre wie Krösus, würde ihre Vergangenheit es unmöglich machen, ein solches Bündnis einzugehen.

Was natürlich keine Rolle spielte.

In ein paar Tagen würde Jocelyn eintreffen, und die Schönheit ihrer Cousine würde das Interesse des Dukes auf sie ziehen, wie es bei beinahe jedem Mann der Fall war. Ein Blick auf Jo würde genügen, um den Anflug von Enttäuschung zu vertreiben, den Lily in den Augen des Dukes gesehen hatte, als er erfuhr, dass sie nicht seine zukünftige Verlobte war.

Wenn sie sich das nicht überhaupt nur eingebildet hatte.

Lily holte tief Luft und griff nach der silbernen Glocke, die das Zimmermädchen neben das Bett gestellt hatte. Sie läutete kurz, und gleich darauf schwang die Tür auf, und eine junge Frau trat ein, die sich schon in der vergangenen Nacht um sie gekümmert hatte. Penelope lautete ihr Name, wenn sie sich recht erinnerte.

„Guten Morgen, Miss.“ Das rothaarige Mädchen knickste höflich.

„Guten Morgen, Penelope.“

„Nur Penny, bitte, Miss.“

„Also gut, dann Penny. Könntest du mir bitte beim Ankleiden helfen? Ich fühle mich noch etwas schwach.“

„Ja, Miss. Ihre Koffer sind aus der Kutsche geholt worden. Ich lasse sie in Ihr Zimmer bringen, während ich Tee und Kekse für Ihr Frühstück hole.“

„Danke, das wäre reizend.“

Es dauerte nicht einmal eine Stunde, dann war Lily angezogen und bereit, dem Tag entgegenzutreten. Sie schritt die Treppe hinunter und achtete darauf, sich am Geländer festzuhalten, für den Fall, dass ihr wieder schwindelig würde. Dann begab sie sich auf die Suche nach dem Duke.

An diesem Morgen sah sie wesentlich präsentabler aus. Sie trug ein Hauskleid von rostfarbenem Samt, eine schlichtere Version von einem von Jocelyns Kleidern, mit cremefarbener Spitze an Ärmel und Ausschnitt. Die Zofe hatte Lilys silberblondes Haar im Nacken zu einem festen Knoten gedreht, und sie hatte sich in die Wangen gekniffen, um etwas Farbe zu bekommen.

Am Fuß der Treppe begegnete sie dem Butler, einem dünnen, älteren Mann mit hellblauen Augen. „Es tut mir leid, Sie belästigen zu müssen, Mr …?“

„Greaves“, sagte er und musterte sie. „Kann ich Ihnen helfen, Miss Moran?“

„Ich suche Seine Hoheit. Könnten Sie nachsehen, ob es gerade möglich für mich wäre, mit ihm ein paar Worte zu wechseln?“

„Ich werde fragen, Miss. Wenn Sie mir bitte folgen würden – Sie können im Blauen Salon auf ihn warten.“

„Vielen Dank.“

Er geleitete sie in einen Raum – früher muss er sehr elegant gewesen sein, dachte sie – mit hoher Decke, blassblauen Wänden, die einen neuen Anstrich brauchten, und schweren dunkelblauen Samtvorhängen. Die Perserteppiche mit einem dunkelblauen Paisleymuster sowie dunkelgrünen und roten Akzenten waren alt, aber noch nicht fadenscheinig und tadellos sauber.

Sie erinnerte sich, dass auch ihr Schlafgemach sehr sauber gewesen war, darüber würde sie also nicht sprechen müssen. Sie setzte sich in einen Sessel, um auf den Duke zu warten, und fragte sich dabei, ob er tatsächlich so gut aussah, wie sie es in Erinnerung hatte.

Und sie fragte sich, ob er sie jetzt, da er wusste, dass sie kaum mehr als eine Dienstbotin war, überhaupt noch ansehen würde.

Unruhig beobachtete sie die Zeiger der Kaminuhr. Als der Duke eintrat, hob sie den Kopf, und ihr stockte der Atem. Der goldblonde Hausherr war sogar noch schöner als der Engel, an den sie sich erinnerte. Jetzt, da ihr Blick nicht mehr verschleiert war und ihr Kopf nicht mehr schmerzte, erkannte sie, wie gut er tatsächlich aussah.

Und doch wirkte er trotz seiner fein geschnittenen Züge mit den schmalen hellen Brauen ausgesprochen maskulin. Sie passten zu ihm wie der lange scharlachrote Umhang, der ihn umweht hatte, als er neben ihr im Schnee gekniet hatte.

Ein wenig unsicher erhob sie sich und knickste. „Guten Morgen, Hoheit.“

Er kam auf sie zu. „Guten Morgen, Miss Moran.“ Seine Augen waren von demselben Goldton wie sein Haar, und als er sie musterte, glaubte sie, einen Hauch von Anerkennung darin zu erkennen.

„Sie scheinen sich gut erholt zu haben. Wie fühlen Sie sich?“

„Viel besser, zum Glück. Ich möchte Ihnen noch einmal für meine Rettung danken.“

„Ich versichere Ihnen, es war mir ein Vergnügen.“ Wieder dieser Glanz in seinen Augen, als läge in seinen Worten noch eine andere, tiefere Bedeutung. Ein Gefühl, das sie genoss, während sie seinen Blick auf sich spürte. Und doch würde in ein paar Tagen, wenn er das wunderschöne Geschöpf getroffen hatte, das er heiraten würde, dieser Glanz verschwunden sein.

Lily hob das Kinn. „Ich möchte mit Ihnen sprechen, Hoheit, im Auftrag von Mrs Caulfield und Ihrer zukünftigen Verlobten, meiner Cousine Jocelyn. Ich bin vorausgeschickt worden, um dafür zu sorgen, dass ihr Besuch angenehm verläuft. Sowohl Mrs Caulfield als auch meine Cousine stellen … besondere Ansprüche. Ich bin hier, damit diese Ansprüche erfüllt werden.“

Er runzelte ein wenig die Stirn. „Und Ihre Cousine und deren Mutter glauben nicht, dass mein Personal ihre Bedürfnisse auch allein erfüllen kann?“

Sie hatte ihn verärgert. Das konnte sie von seinem Gesicht ablesen. „Oh nein, das ist es nicht. Wirklich nicht. Bitte, ich wollte Sie nicht kränken. Es liegt nur daran, dass sie bestimmte Gewohnheiten haben. Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, mir einige Ihrer Diener zur Verfügung zu stellen, kann ich sicher alles arrangieren, ehe sie eintreffen.“

„Sie sind Miss Caulfields Cousine, richtig? Ein Familienmitglied also?“

„Eine entfernte Cousine, ja. Die Caulfields waren so freundlich, mich aufzunehmen, nachdem meine Eltern an der Cholera gestorben waren.“ Sie verschwieg, dass dazwischen vier Jahre gelegen und die Caulfields kaum an sie gedacht hatten, bis ihr Onkel sie aufgesucht und um Hilfe gebeten hatte. Dennoch war sie ihnen außerordentlich dankbar. Das war einer der Gründe, warum sie alles dafür tat, um es ihnen recht zu machen.

„Sie sind also eine Waise“, sagte er leise, und einen Moment lang glaubte sie, Tränen zu spüren. Nach all den Jahren noch war der Tod ihrer Eltern ein schwieriges Thema.

„Ich fürchte ja.“

Sein Blick wurde sanfter. „Ich verstehe.“

Und es war ihr sehr peinlich, dass er tatsächlich zu verstehen schien. Dass er erkannte, dass sie nur eine arme Verwandte war, die von der Barmherzigkeit der Caulfields lebte, dass sie vollkommen von deren Wohlwollen abhängig war. Doch das war besser als ein Leben auf der Straße oder in einer Dachkammer, wie sie es zuvor geführt hatte.

„Die Dienstboten sind kein Problem. Sie können über jeden verfügen, den Sie brauchen. Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie noch etwas benötigen.“

„Vielen Dank, Hoheit.“

Er sah sie noch einen Moment lang an, als wolle er sie abschätzen, dann machte er kehrt und ging aus dem Zimmer. Kaum war er verschwunden, bemerkte Lily, dass sie den Atem angehalten hatte, und stieß rasch die Luft aus. Ihr Herz schlug viel zu schnell.

Es war lächerlich. Alles war genau so, wie es sein sollte. Der Duke hatte ihren niedrigen Stand erkannt, und sein Interesse galt jetzt allein Jo.

Sie achtete nicht auf den leichten Stich, den ihr diese Erkenntnis versetzte, sondern raffte die Röcke und durchquerte eilends den Salon. Sie musste noch einiges erledigen, wenn alles bis zur Ankunft der Caulfields bereit sein sollte. Sie hatte schon beinahe die Tür erreicht, als eine zerbrechlich aussehende Frau mit silbernem Haar eintrat.

„Sie müssen Miss Moran sein.“ Die Frau lächelte, und auf ihren gepuderten Wangen zeigten sich Falten. „Ich bin Lady Tavistock. Mein Neffe sagte mir, dass ich Sie hier finden würde.“

Lily knickste. „Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen, Mylady.“

„Ich kam gestern an, als Sie schliefen. Wie ich hörte, hatten Sie einen schrecklichen Unfall.“

„Ja, Mylady.“

„Wie entsetzlich. Mein Neffe sagte mir, Ihre Kutsche wurde von Straßenräubern überfallen und kippte um, und Sie hätten eine Kopfverletzung davongetragen. Ich hoffe, Sie fühlen sich schon besser.“

„Viel besser, danke sehr.“

„Warum setzen wir uns nicht ein wenig ans Feuer? Das Wetter ist scheußlich. Eine Tasse Tee wäre genau das Richtige.“

Sie hatte noch so viel zu tun, ehe Jocelyn eintraf. Doch den Wünschen einer Countess konnte sie sich nicht widersetzen. „Das wäre wunderbar, Mylady.“

Sie setzten sich auf das Sofa vor dem Kamin, in dem ein Feuer prasselte, und wenig später kam der Butler mit dem Teewagen. Der Tee wurde serviert, und es wurde ein wenig Konversation gemacht. Lily versuchte, nicht auf die Uhr zu sehen, die auf dem Kamin stand, doch offensichtlich gelang es ihr nicht, ihre Ungeduld zu verbergen.

„Ich sehe, Sie sind begierig darauf, mit Ihrer Arbeit zu beginnen.“

Lily errötete und wünschte, sie wäre aufmerksamer gewesen. „Ich muss nur noch so viel erledigen, ehe meine Cousine eintrifft.“

„Sind Ihre Cousinen sehr anspruchsvoll?“

An Matilda Caulfield dachte sie nur selten als an eine Cousine, aber durch ihre Heirat mit Henry war sie genau das.

„Das ist es nicht. Nur, meine Cousine Jocelyn – sie verlässt sich auf mich. Sie verlässt sich darauf, dass ich mich um ihre Bedürfnisse kümmere, so wie ich es in den vergangenen sechs Jahren getan habe. Ich möchte sie nicht enttäuschen, und auch nicht Mrs Caulfield.“

„Ich verstehe. Und was genau sollen Sie hier für ihre Cousine Jocelyn und deren Mutter tun?“

Lily errötete noch mehr. Den Haushalt des Dukes zu übernehmen und Aufgaben an seine Dienerschaft zu verteilen war wohl nicht angemessen, aber genau das erwarteten die Caulfields von ihr, und sie wollte sich dessen auch annehmen.

„Nur Kleinigkeiten, wirklich. Ich – ich muss der Köchin sagen, dass Miss Caulfield Kekse und Kakao lieber morgens in ihrem Zimmer einnimmt anstatt einer Mahlzeit unten. Und dass sie von ihrem Zimmer aus einen schönen Blick auf den Garten wünscht.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und dachte an die endlos vielen Dinge, die auf ihrer Liste standen. „Meine Cousine mag keinen Staub. Ich muss mit der Haushälterin sprechen und mich überzeugen, dass die Teppiche erst kürzlich ausgeklopft wurden.“

„Ich verstehe.“

„Nur Kleinigkeiten, wirklich, Mylady. Ich hoffe, dass ich niemanden belästige.“

Lady Tavistock stellte ihre Tasse und Untertasse mit dem Goldrand auf den Tisch. „Sie können alles tun, was Sie für nötig halten, damit unsere Gäste es bequem haben.“

„Vielen Dank, Mylady.“

Die Dowager Countess erhob sich von dem Sofa, und Lily tat es ihr nach.

Die Lady nahm ihren Stock. „Ich nehme an, ich sollte Sie jetzt Ihrer Arbeit überlassen.“ Sie lächelte. „Ich habe unsere Begegnung sehr genossen, Miss Moran.“

Lily entspannte sich. „Ich ebenso, Mylady.“ Sie sah zu, wie die Dowager Countess hinausging.

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