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Ein Elefant im Mückenland

Arto Paasilinna

Ein Elefant im Mückenland

Roman

Aus dem Finnischen von
Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

DIE ERSTEN AUGENBLICKE EINES ELEFANTENLEBENS

Ein Elefant wird mit dem Rüssel voran geboren. Genau so gelangte auch das kleine Elefantenmädchen Emilia im Februar 1986 gesund und munter auf die Welt. Es geschah um Mitternacht, im warmen Elefantenstall des Suomi-Zirkus in Kerava. Tierpflegerin Lucia Lucander, alias Sanna Tarkiainen, hatte sich seit dem Abend bereitgehalten, um bei der Geburt zu helfen. Lucia war erst zwanzig, eine sportliche junge Frau, die aus Lemi in Süd-Karjala stammte. Schon als Schulmädchen war sie über einen Ferienjob zum Suomi-Zirkus gekommen und einige Jahre später als feste Mitarbeiterin verpflichtet worden. Sie träumte davon, einmal Zirkusprimadonna zu werden, obwohl sie auch die Tiere wirklich gern hatte.

Lucia hatte warme Decken besorgt, und der Wasserschlauch lag in Reichweite. Die gewaltige Elefantendame Pepita hatte ihr Kleines zweiundzwanzig Monate lang getragen, mehr als doppelt so lange, wie es eine Menschenmutter tut. Pepita hatte in der Zeit mehrere hundert Kilo zugenommen, und ihre Zitzen waren während der beiden letzten Monate vielversprechend angeschwollen. Alles stand zum Besten, und als es auf Mitternacht zuging, begannen die Wehen.

Der Geburtsvorgang dauerte drei Stunden, und im Ergebnis plumpste ein kleiner Elefant aus dem Mutterleib. Eigentlich war er nicht wirklich klein, hatte vielmehr die Größe eines kräftigen Mannes und wog hundert Kilo, aber als Elefant war er eben noch ein Baby. Das Tier war mit flaumigem, rotbraunem Fell bedeckt, der Körper war zart und schmächtig, die Ohren durchscheinend dünn und geädert wie Kohlblätter. Lucia spülte das Elefantenbaby mit warmem Wasser ab, wusch es und trocknete es in den Decken. Keine fünf Minuten später stellte sich das Kleine schon auf die Beine. Zuerst stand es wankend da, aber bald machte es ein paar zielstrebige Schritte. Die Mutter schnaufte und besah sich ihren Nachwuchs, dabei glänzten ihre Augen im schwachen Licht des Stalles. Pepita absolvierte den Vorgang zum ersten Mal. Sie war sehr müde, aber sonst schien alles in Ordnung zu sein. Nach einer knappen Stunde suchte das kleine Elefantenbaby nach den Zitzen der Mutter. Es musste den Rüssel nach oben und dann zur Seite legen, um saugen zu können. Der dreieckige, haarige, hellrote Mund des Kleinen umschloss fest die Zitze. Pepita legte ihren Rüssel auf den Rücken des Babys und zeigte so, dass sie es angenommen hatte.

Pflegerin Lucia Lucander saß auf einem Strohhaufen und beobachtete, wie sich Mutter und Kind schnaubend miteinander vertraut machten. Sie überlegte, welchen Namen sie dem Neugeborenen geben sollte. Da es ein Weibchen war, könnte sie es Emilia nennen, so hieß die Frau des Zirkusdirektors, allerdings wurde sie Emmi genannt.

Direktor Werneri Waistola erhob sich von seiner Lagerstatt neben Emmi und kam in den Stall, um den Neuankömmling zu begrüßen, unter dem Arm trug er eine Champagnerflasche. Werneri zog aus den Taschen seiner Pyjamajacke zwei Gläser, und dann stieß er mit Lucia zünftig auf das Wohl des Elefantenbabys an.

Emilia saugte in einstündigem Abstand begierig Pepitas Milch in sich hinein und begann zu wachsen, sie nahm ein Kilo pro Tag zu. Nach zwei Wochen klaubte sie zum ersten Mal mit ihrem Mund Körner und Kotfladen ihrer Mutter vom Boden. Pfui, aber der unverdaute Dung enthielt wertvolle Mineralien. Im Alter von vier Monaten nahm sie bereits täglich feste Nahrung zu sich, hauptsächlich Halme und gekochte Kartoffeln, und im Sommer bekam sie frisches Heu. Als sie ein halbes Jahr alt war, fraß sie dasselbe wie die erwachsenen Elefanten. Lucia begann, ihr die ersten Kunststücke beizubringen. Emilia musste still dastehen und mit dem Rüssel einen langen Stab halten, an dessen Ende die finnische Fahne befestigt war. Wenn sie dann den Kopf schwenkte, begann die Fahne zu wehen, und die Zuschauer riefen hurra und applaudierten der angehenden Künstlerin.

Emilia hatte als kleines Elefantenkind Schwierigkeiten. Sie konnte nicht mit dem Rüssel trinken, sondern musste sich vor dem Wassereimer auf die Knie niederlassen und das Wasser mit dem Mund herausschlürfen. Eine schwierige Angelegenheit, aber nach vielen Versuchen begriff sie schließlich, dass das Trinken mit dem Rüssel bequemer war. Sie saugte ihn voll Wasser, hob ihn dann hoch und ließ das Wasser in den Mund rinnen. Es war letztlich ganz einfach.

Emilia lernte, den Rüssel auch für andere Dinge zu benutzen, er war wie der Arm eines geschickten Menschen. Mit dem Rüssel konnte man schwere Gegenstände transportieren, aber er war auch sensibel genug, dass man damit winzige Heuhalme auflesen oder eine Spinne aus ihrem Netz saugen konnte.

Als Emilia sieben Monate alt war, trat in Finnland ein neues Gesetz in Kraft. Ach, welch ein Elend! Am 12. September 1986 geschah es. Wilde Tiere durften nicht mehr zur Schau gestellt werden, nicht einmal im Zirkus. Man durfte keinen Nutzen aus ihnen ziehen, nicht an ihnen verdienen. Das bedeutete die Vertreibung der Elefanten aus diesem nordischen Land. Viele altersschwache Dickhäuter wurden geschlachtet, der Rest wurde an Länder verkauft, in denen kein entsprechendes Verbot galt, sodass sie in ihren letzten Lebensjahren dort noch auftreten konnten. Es war dasselbe, wie wenn man alte Schauspieler aus menschenfreundlichen Gründen in Rente geschickt hätte. Bei den Elefanten nannte sich das Tierschutz, denn sie sind ja keine Menschen, wenngleich in jeder Hinsicht Charakterdarsteller.

Nun lebte aber in diesem nordischen tierfreundlichen Land die muntere Emilia, deren Pflegerin es nicht übers Herz brachte, ihren Zögling ins Ungewisse zu schicken. Ein einsames Tierkind kann weder im Dschungel noch im Tierpark ohne Mutter überleben. Lucia Lucander alias Sanna Tarkiainen beschloss, ihren willigen Zögling, jetzt bereits tausendzweihundert Kilo schwer, anständig zu erziehen, was ihr auch gelang. Sie kündigte ihren Job als Tierpflegerin beim Suomi-Zirkus und führte ihren Schützling mit sanfter Hand durch die Stürme des Lebens, die die Tierfreunde, an sich mit guter Absicht, verursacht hatten. Besser ein toter Elefant als ein leidender Dickhäuter, das war der Geist der Zeit.

Lucia beantragte beim Ministerium für Land- und Forstwirtschaft eine Sondergenehmigung, die es ihr erlauben sollte, Emilias Künste hin und wieder vor Publikum zu zeigen, doch ihr Antrag wurde abgelehnt. Im Gegenteil, einige Zeitungen nahmen das Thema auf und kritisierten, dass Lucia Lucander, ein ehemaliger Star des Suomi-Zirkus, die Stirn hatte, sich weiterhin als Dompteuse zu betätigen, obwohl es gesetzlich verboten war, Tiere zum Zwecke der Unterhaltung einzusetzen. Zur gleichen Zeit wurde Emilias Mutter Pepita nach Ostdeutschland, an die damalige DDR, verkauft, wo es noch kein Auftrittsverbot für Zirkustiere gab. Lucia bot auch Emilia zum Kauf mit an, aber die wollte man in Ostdeutschland nicht haben. Warum nicht? Als ein Vertreter des staatlichen Zirkus der DDR erschien, um sich Pepita und Emilia anzusehen, verärgerte er Letztere damit, dass er sie mit lauter Stimme auf ihr Strohbett zwang und mit sachkundigen Griffen ihre Geschlechtsorgane und ihr Bauchfell abtastete, um sich über ihren Gesundheitszustand zu informieren. Sowie Emilia wieder auf den Beinen war, drückte sie sich in die Ecke ihres Verschlages und zeigte in jeder Weise, dass sie beleidigt war, unter anderem pinkelte sie den Deutschen an und trompetete einen schrillen Hilferuf in sein Ohr.

Pepita, ein altes erfahrenes Zirkustier, ließ sich hingegen bestens verkaufen. Für Emilia bedeutete das die Trennung von ihrer Mutter; zwar erkannte sie die Tragweite des Ereignisses nicht, dennoch war ihr restliches Leben besiegelt: Sie war jetzt eine Elefantenwaise und hatte, wie es schien, nur eine einzige wirkliche Freundin: Lucia Lucander.

Direktor Werneri Waistola bedauerte das Geschehene. Er konnte Emilia nicht mehr auf die Tourneen mitnehmen, da man sie, dem Gesetz zufolge, nicht länger zum Zwecke des Gelderwerbs vor Publikum vorführen durfte. Als Haustier war sie für einen wandernden Zirkus zu groß, und schließlich erwähnte Werneri noch, dass man dasselbe eigentlich von seiner Frau sagen konnte. Emmi beherrschte so gut wie keine Kunststücke, sie lag nur den lieben langen Tag im Wohnwagen auf dem Sofa und las Klatschblätter, und abends war sie vom Genuss süßen Likörs bereits so betrunken, dass nicht daran zu denken war, sie in die Manege zu lassen, jedenfalls nicht allein. Werneri ließ unerwähnt, dass er, wenn es hart auf hart käme, lieber den Elefanten als seine Frau mit auf Tournee nähme.

Lucia Lucander wandte sich in ihrer Not an Zirkusunternehmen in ganz Europa, aber da es in der Region ein Überangebot an ausgemusterten Elefanten gab, war niemand an der jungen Emilia interessiert. Schließlich kam sie auf die Idee, an den Großen Moskauer Zirkus zu schreiben und hatte sofort Erfolg. In der damaligen Sowjetunion herrschte immer noch ein politischer und moralischer Stillstand, auch wenn so mancher Zeitgenosse bereits große Veränderungen prophezeite.

Kurz und gut, Lucia und Emilia reisten im Zug nach Moskau, wo sie Lohn und Brot im weltberühmten Zirkus dieser Stadt fanden. Große Stars wurden die beiden allerdings nicht: Emilia war zu jung und unerfahren und beherrschte die Gebärdensprache der Elefanten nicht in dem Maße, wie man es erwartete. Und Lucia durfte, entgegen ihren Wünschen, nicht aufs Trapez klettern. Sie hatte nicht die entsprechende Ausbildung, und ohne die war in dem berühmten Zirkus keine Karriere zu machen. Lucia war eine schöne und attraktive Frau, aber ihr Äußeres erregte eher Neid bei den Kolleginnen, und so musste sie sich damit begnügen, zwei Mal pro Abend Emilia zusammen mit den anderen Elefanten vorzuführen.

Die Jahre vergingen. Emilia wuchs und verlor ihre kindlichen Züge, mit denen sie bisher das anspruchsvolle Publikum gerührt hatte. Es war Zeit, sich nach etwas anderem umzusehen. Lucia machte sich nach Tschetschenien, Kasachstan, Turkmenien und Armenien auf den Weg.

Im Kaukasus waren die Bedingungen zuweilen recht hart. Beim Überqueren einer Kalmückensteppe mussten Lucia und Emilia wegen des Wassermangels ums Überleben kämpfen. Elefanten verstehen es jedoch auf bemerkenswerte Weise, mit tödlichem Durst fertig zu werden. Emilia steckte ihren Rüssel in die Erde und saugte Flüssigkeit auf, die sie sich in die Ohren spritzte, sodass sie ihren Weg fortsetzen konnte. Der tagelange Marsch endete schließlich glücklich in einem kleinen turkmenischen Dorf, dessen freundliche Bewohner den seltsamen Wanderern zu essen und zu trinken gaben.

Zwei Jahre lang kamen die beiden in den mittelasiatischen Sowjetrepubliken halbwegs über die Runden. Dann brachen in der Region Unabhängigkeitskriege aus, und da wurde dann für eine alleinstehende Frau und erst recht für einen Elefanten die Luft dünn. Hinzu kam, dass die Leute dort einen Elefanten nicht sonderlich exotisch fanden, was sich zum Beispiel daran zeigte, dass Lucia mehrfach Kaufangebote für Emilia bekam – zwecks Schlachtens.

Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, mietete Lucia von der sowjetischen Staatsbahn einen großen Viehwagen, in dem sie mit Emilia auf der endlosen sibirischen Bahnstrecke hin und her fuhr. Sie gab auf den zahllosen Zwischenstationen Vorstellungen, und diesmal lohnten sich die Aktivitäten. In Sibirien hinter dem Ural mangelte es nicht an Publikum, und da Lucia inzwischen fließend Russisch sprach, war sie in der Lage, ihre Tournee gut zu organisieren. Auf den Nebengleisen und den Rangierbahnhöfen der Stationen stand das Publikum buchstäblich Schlange, und wenn Lucia Eisenbahner bestach, durfte sie Emilia mit ihren Kunststücken auf den Bahnsteigen oder sogar den Märkten der Städte präsentieren.

Lucia engagierte einen vierzigjährigen Bahnbediensteten namens Igor Lozowski, der Emilia wusch und fütterte, wenn die Primadonna selbst im Schlafwagen ruhte. Igor hatte alle Hände voll zu tun, denn ein Elefant frisst innerhalb von vierundzwanzig Stunden dreimal insgesamt zweihundert Kilo Futter und verlangt täglich eine Wäsche. Auch das Ausmisten war eine Riesenarbeit, denn es musste vom fahrenden Zug aus geschehen, Igor schleuderte den Dung durch die offene Tür in die endlosen sibirischen Wälder. Der Zug, aus dem es Tierkot in die Tundra regnete, erregte oftmals beträchtliches Aufsehen unter den einsamen Bewohnern jener entlegenen Gegend.

IGOR LEHRT EMILIA TANZEN

Lucias privater Zugdiener und Elefantenpfleger Igor Lozowski war kein ganz echter Russe, sondern in seinen munteren Adern floss auch polnisches und möglicherweise sogar tschechisches Blut. Igors Großvater war seinerzeit in den Stürmen des Ersten Weltkriegs in die Truppen der Mittelmächte geraten, die mit Schiffen auf Umwegen über den Stillen Ozean nach Wladiwostok geschickt worden waren, um den Russen in den Rücken zu fallen. Die des Krieges gründlich überdrüssigen Tschechen und die in ihre Reihen verschlagenen Polen hatten sich dann am östlichsten Ende der sibirischen Eisenbahn von den Truppen abgesetzt und ihre eigenen aufständischen Regierungen gebildet. Igors Großvater war also einer von ihnen gewesen, und als in Russland die Revolution ausgebrochen war, war er an Ort und Stelle geblieben, hatte sich unmittelbar in Zentralsibirien nördlich von Krasnojarsk in einem kleinen Dorf namens Hermantowsk verkrochen und zu seinem eigenen Erstaunen überlebt. Er hatte eine Familie gegründet, und seine Nachkommen waren heute über ganz Sibirien verstreut.

Igor war jetzt fast vierzig, er war 1950 geboren, drei Jahre vor Stalins Tod. Er unterhielt noch Kontakte in sein entlegenes Heimatdorf, und ab und zu äußerte er den Gedanken, er wolle hinfahren, wenn denn Lucia und Emilia mitkämen. Lucia sah keinen Grund, ihre Zirkusvorstellungen in einem so entlegenen Kaff zu geben, und so wurde der Plan zunächst verworfen.

Für einen Polen hatte Igor ausgeprägte russische und sibirische Charakterzüge. Er war ein treuer Diener, war schwermütig veranlagt und trank gern Wodka, aber alles in allem war er ein recht wackerer Kerl. Manchmal, in einem Stadium melancholischer Trunkenheit, sah er die blonde Lucia mit traurigen, schmachtenden Blicken an und konnte sich die Frage nicht verkneifen, ob sie ihn denn wenigstens ein bisschen liebte, wenigstens ein Zehntel so viel für ihn empfand wie er für sie. Schon das würde ihm reichen! Lucia dachte nach; sicher, ein Zehntel Liebe oder zumindest Sympathie für ihn empfand sie schon, aber sie gab es lieber nicht laut zu. In fremden Ländern war man als junge Frau besser vorsichtig mit den Männern, sei es auch, dass Igor letztlich ein braver Bursche war.

Die von Lucia und Igor organisierten Elefantenauftritte gefielen den Sibiriern. Das Programm enthielt zunächst alte Kunststücke aus Finnland und vom Großen Moskauer Zirkus, doch als sich Emilia mehr und mehr zu einer richtigen Schauspielerin entwickelte, kam Igor auf die Idee, anspruchsvollere Rollen mit ihr einzustudieren. Er selbst konnte gut Trepak tanzen, und so beschloss er, auch Emilia diesen schwungvollen Kosakentanz beizubringen. Lucia reagierte zunächst ablehnend auf das Vorhaben. Ihrer Meinung nach war ein Elefant zu schwer für solche Tänze, seine Knochen würden den Anstrengungen nicht standhalten. Sie hielt es für denkbar, dass Emilia vielleicht langsame Walzer tanzen könnte, aber das Stampfen bei einem Kosakentanz war bestimmt zu viel für ein so großes Tier. Igor erklärte, dass seine Großmutter mindestens ebenso dick wie ein Elefant sei, aber trotzdem flink und wendig tanze.

Igor besaß eine alte fünfreihige Ziehharmonika, die er einigermaßen beherrschte. Auf den langen Zugreisen spielte er Emilia alte russische Volksweisen vor, auch ein paar schwermütige Walzer, einige Marschlieder und speziell zwei, drei flotte Trepakstücke. Emilia wurde mit den Klängen vertraut und lauschte ihnen gern. Ihr Rüssel schlängelte sich wie eine indische Kobra beim Pfeifenspiel des Schlangenbeschwörers, und die großen Ohren wedelten im Takt von Igors Spiel hin und her.

In dem Waggon, der über die Schienen der sibirischen Eisenbahn donnerte, war an Tanzunterricht für die Elefantendame nicht zu denken. Die Schülerin, die mehrere Tonnen wog, hätte den Viehwagen unter Umständen demoliert, wenn sie beim Einstudieren der Schritte gegen die Wände getaumelt wäre. Im schlimmsten Falle hätte der ganze Zug entgleisen können. Reisende wären zu Tode gekommen, und Unmengen von Gütern hätten sich über die Landschaft verteilt. Aber bei den Aufenthalten auf den Stationen führte Igor die Elefantendame auf die stabilen Bahnsteige oder oft auch hinter die Stationsgebäude auf die betonierten Rangierbahnhöfe. Emilia lauschte den vertrauten Rhythmen und legte im Takt dazu wilde Tänze hin. Sie stampfte mit ihren Hinterbeinen auf den Boden, dass die ganze Umgebung bebte, sie drehte sich nach den Klängen der Musik, hockte sich mit dem Hinterteil fast auf den Boden und beschrieb mit dem langen Rüssel einen weiten Bogen in der Luft. Sie begann aus eigenem Antrieb auch zu juchzen, so wie Igor. Mit ihrem Gejuchze trieben sich die beiden zu immer wilderen Tänzen an. Emilia war die geborene Schauspielerin, sie war intelligent und hatte ein natürliches Bedürfnis, sich zu produzieren. Nach einem halben Jahr beherrschte sie sämtliche Melodien, die Igor spielte, und sie war bestimmt der beste tanzende Elefant der Welt.

Seit Emilia Kosakentänze beherrschte, wurde sie nur noch populärer. Zu den Vorstellungen kamen oft Hunderte von Leuten, und in den größeren Städten wie etwa Irkutsk versammelten sich sogar mehr als zweitausend zahlende Zuschauer. Auf den Plätzen herrschte Riesenstimmung. Oft fing auch das Publikum an zu tanzen, und aus den Veranstaltungen wurden ausgelassene Volksfeste.

Zu Beginn der Vorstellungen ritt Lucia auf Emilia stets ein paar Runden vor dem Publikum, so wie sie es in der Manege des Großen Moskauer Zirkus gelernt hatte. Dann folgten verschiedene Kunststücke: Emilia warf Lucia und Igor mit dem Rüssel farbige Reifen zu, sie nahm eine lange Stange in den Mund und schwenkte die Fahnen, die an beiden Enden befestigt waren, nämlich die rote Fahne und die blauweiße finnische Staatsflagge. Zwischendurch verbeugte sie sich höflich vor dem Publikum und wartete auf Applaus. Zum Programm gehörte ferner, dass sie mit einem großen Luftballon spielte und auf einem Bein stand, und zwar nacheinander auf jedem einzelnen. Zur Erheiterung zwischendurch putzte sie sich mit einem riesigen Besen die Zähne. Dann kletterte Lucia auf ihren Rücken und turnte dort elegant, während Emilia im Kreis herumlief.

Zum Schluss folgte das Tanz- und Gesangsprogramm, bei dem Emilia ihre neuen Künste zeigte. Sie tanzte zusammen mit Lucia und Igor mehrere langsame Wiener Walzer und imitierte auf rührende Weise die Arien einer Operettensoubrette. Der Auftritt endete mit Trepak und prächtigen Trompetenlauten Emilias, die irgendwie wie die Juchzer der Kosaken klangen. Das sibirische Publikum war außer sich vor Begeisterung. In einer Zeitung hieß es, dass man dergleichen noch nie in der russischen Taiga gesehen habe. In der Ölmetropole Tjumen wurde Emilia sogar fürs Fernsehen interviewt.

Lucia brauchte nun nicht mehr mit jeder Kopeke zu sparen, sie konnte für Emilia anständiges Futter kaufen, Igor den Lohn erhöhen und sich selbst neue Kleidung kaufen. Die alten Stücke hingen nach den vielen langen Bahnfahrten bereits in Fetzen. Igor schaffte sich eine Kosakenuniform und Reitstiefel an.

Igor hatte als Jüngling angekündigt, eines Tages nach Hermantowsk zurückzukehren, wenn er sich nur erst in der kalten Welt den ihm gebührenden Platz erobert hätte. Jetzt war es so weit, er könnte als Sieger heimkehren, seiner Verwandtschaft Lucia und Emilia präsentieren und ein so prachtvolles Fest veranstalten, wie man es in jener Gegend noch nie erlebt hatte. Das Programm würde aus gutem Essen, russischen Traditionen und glanzvollen Auftritten des Trepak tanzenden Elefanten bestehen.

Er sah Lucia tief in die Augen und bat sie, seine Frau zu werden. Um seinem Vorschlag den nötigen Nachdruck zu verleihen, fiel er vor ihr auf die Knie, ergriff ihre Hand und sang mit bebender Stimme zwei der gefühlvollsten Kosakenlieder aus seinem Repertoire.

Lucia war überrascht. Hatte der Kerl den Verstand verloren? Er war bereits in mittleren Jahren, besaß kaum eine Ausbildung oder Sprachkenntnisse und war ein schäbiger Zugdiener gewesen, bevor sie sich begegnet waren. Und jetzt plante er, mit seiner Wohltäterin die Ehe einzugehen.

Das Angebot an sich gefiel ihr durchaus. Nach Art der Frauen war sie von dem Antrag geschmeichelt, auch war Igor ein selten gut aussehender Mann, vor allem in seiner neuen Kosakenkluft. Er hatte einen anständigen Charakter, war nach russisch-polnischer Art schwermütig und konnte im Bedarfsfall forsch und herrisch auftreten wie ein Kosak. Alles in allem war er durchaus nicht übel! Trotzdem konnte sie sich nicht ernsthaft vorstellen, ihren Diener zu heiraten. Sie war eine junge finnische Frau und hatte andere Pläne, als an der Seite eines als Kosaken verkleideten leidenschaftlichen Mannes und eines Trepak tanzenden Elefanten in einem fremden Land zu leben. Außerdem war die Sowjetunion dabei, zu zerfallen. Es hieß allgemein, dass man die Kommunisten über kurz oder lang in Sträflingslager sperren würde, damit sie darüber nachdenken konnten, welche Schreckensherrschaft sie während der letzten siebzig Jahre geführt hatten.

Igor hielt Lucias Zögern für weibliche Ziererei und ließ sich davon nicht beirren oder gar die Glut seiner Gefühle ersticken. Er glaubte fest daran, das Herz der blonden Schönen aus Finnland erobern zu können, wenn er ihr nur erst sein schönes Heimatdorf, seine große Verwandtschaft und vor allem die ganze slawische Kraft und das Ausmaß seiner Liebe zeigen könnte.

Lucia stellte fest, dass sie jetzt, da für sie alles wirklich gut lief, großes Heimweh bekam, richtige Sehnsucht nach ihrer finnischen Heimat. Dorthin würde sie fahren, wenn die Sowjetunion tatsächlich zerfallen und ein großer Krieg ausbrechen würde, oder viele lokale Kriege, wie gemunkelt wurde. Mit Igor konnte sie unmöglich gehen. Kosakenlieder würden sie auf die Dauer nicht ernähren, das wusste sie. Und sie beabsichtigte auch nicht, noch im Alter als Frau eines Russen und Mutter von zehn Kindern mit dem Elefanten Trepak zu tanzen.

Andererseits erschien ihr eine Reise in Igors Heimatdorf durchaus überlegenswert. Wenn es dort wirklich so paradiesisch war, wie er behauptete, könnten sie eine ganze Woche dort verbringen. Emilia würde tanzen, und man würde ein großes Fest feiern, wie Igor beflissen versprochen hatte. Der ehemalige Zugdiener hatte sich außerdem entwickelt und war ein durchaus akzeptabler Reisegefährte.

EIN SCHLAFENDES SIBIRISCHES DORF ERWACHT ZUM LEBEN

Der Gedanke an die Hochzeit ließ Igor den ganzen Sommer nicht los. Er schrieb nach Hause, ins zentralsibirische, nur tausend Einwohner zählende Hermantowsk und berichtete, dass er es zu Erfolg gebracht habe und für ein paar Tage mit seiner Braut, einer berühmten finnischen Zirkusprimadonna, nach Hause kommen wolle. Er gab seiner alten Mutter zu verstehen, dass sie ein großes Fest arrangieren könnte, denn er beabsichtige zu heiraten.

Igors Mutter war fast siebzig, aber noch sehr rüstig. Als sie den Brief gelesen hatte, beschloss sie, umgehend mit den Hochzeitsvorbereitungen zu beginnen. Sie verbreitete die Nachricht vom Erfolg, den ihr Sohn draußen in der Welt gehabt hatte, und alle Frauen des Dorfes waren sofort begeistert. Seit Ewigkeiten hatte man nicht mehr anständig gefeiert. Der versoffene Vorsitzende des Exekutivkomitees hatte vor anderthalb Jahren die Gemeindekasse unterschlagen und sich damit abgesetzt, und seither hatte es keine öffentlichen Veranstaltungen mehr gegeben. Nun, die Revolutionsfeiern hatten im Laufe der Jahrzehnte ohnehin ihren zündenden Charakter verloren. Es gab kaum noch jemanden, der mit klopfendem Herzen hinter der roten Fahne hermarschieren wollte.

Die jungen Mädchen des Ortes waren zum Studium oder zur Arbeit nach Krasnojarsk gegangen, die mutigsten bis nach Moskau, und so gab es kaum heiratsfähige Frauen für die Männer des Dorfes. Diese wiederum hatten in ihrer Einsamkeit zu trinken angefangen, sodass viele bereits in jungen Jahren am Wodka starben, und jene, die am Leben blieben, waren auch nicht gerade gefragt als Ehepartner. Man hatte zuletzt vor einem Jahr im Dorf zünftig Hochzeit gefeiert, und auch da nur flüchtige zwei Tage. Aber jetzt würde Igor nach Hause kommen mit einer heiratswilligen Schönheit, noch dazu einer Ausländerin, einer Finnin! Wenn das kein Grund war, ein riesiges Fest auf die Beine zu stellen!

Igor legte den Tourneeplan so, dass sie gegen Ende August nach Krasnojarsk gehen konnten. Elefantendame Emilia war langsam müde von all den Auftritten des Sommers, das tägliche Tanzen hatte an ihren Kräften gezehrt. Igor erklärte, dass der Besuch in seinem Heimatdorf sowohl den Einheimischen als auch Lucia und Emilia großartig gefallen werde. Ein unvergessliches Fest stehe ihnen bevor, eine Art Abschluss des heißen Sommers. Lucia brauche nicht unbedingt seine Frau zu werden, notfalls genüge es, wenn sie an der Hochzeit teilnehme und es sich dann später genauer überlege. Lucia fand, dass eine solche provisorische Hochzeit keine gute Lösung war. Sie wollte nicht aus Spaß heiraten, war aber bereit, nach Hermantowsk zu reisen. Auch sie war sehr müde von den zahllosen Auftritten, und sie hatte seit Jahren nicht mehr richtig Urlaub gemacht. So kamen beide überein, vorläufig auf die Trauung zu verzichten und einfach nur Igors alte Mutter und die anderen Dorfbewohner zu besuchen.

Hermantowsk war als Ort so unbedeutend, dass nicht mal eine Bahnlinie hinführte. Von der sibirischen Eisenbahn zweigte in Aschinsk eine Stichbahn ins gut dreihundert Kilometer entfernte Lesosibirsk ab, eine recht bedeutende lokale Metropole am Ufer des großen Jenissei, der ins Eismeer mündete. Von dort waren noch zweihundert Kilometer auf der Landstraße in nördliche Richtung zurückzulegen, ehe man Hermantowsk erreichte. Igor organisierte für den Transport in sein Heimatdorf einen Tieflader, der einst als Versorgungsfahrzeug für die Ölfelder gedient hatte. Emilia reiste auf der Ladefläche, dort war auch ihr Futter untergebracht. In der Kabine beim Fahrer saßen Lucia und Igor nebst Reisegepäck. In Hermantowsk würde Emilia dann richtig schlemmen können, denn die Dorfbewohner hatten jede Menge Heu gemäht und Hunderte Kilo Äpfel und Pilze gesammelt, um den Elefanten zu verwöhnen.

Es herrschte spätsommerliche Hitze, und in der Luft hing starker Rauchgeruch. Die Bewohner dieses Landstriches hatten den ganzen Sommer hindurch unzählige Waldbrände gesehen und gerochen. Manchmal hätte man meinen können, ganz Sibirien stünde in Flammen. Presse und Rundfunk hatten gemahnt, im Freien vorsichtig mit Feuer umzugehen, ja in den Wäldern überhaupt keine Lagerfeuer zu entzünden. Aber welcher russische Mann kümmerte sich schon um solche allgemeinen Hinweise. Wer in die Taiga ging, führte in seinem Rucksack Wodka und natürlich auch Streichhölzer mit sich, und beides zusammen wirkte sich verheerend aus und führte immer wieder zu Waldbränden. Die Presse behauptete allerdings, dass die meisten Brände durch herabstürzenden Weltraumschrott entstanden seien, der beim Eintritt in die Atmosphäre und beim Auftreffen auf den Boden verglühte und die staubtrockenen Wälder entzündete.

Der Fahrer des Tiefladers sah den Grund für die Brände bei den Ölfeldern und dem dort üblichen nachlässigen Umgang mit Feuer. Auch er selbst hatte mehrfach für Brände am Straßenrand gesorgt, wenn nämlich aus dem Auspuff des schweren Fahrzeugs Funken geflogen waren.

»Aber was willst du machen, du musst fahren, denn die Welt braucht Öl.«

Schön sah es trotzdem aus: Die beginnende Herbstfärbung überzog die endlosen bewaldeten Hügel Zentralsibiriens mit einem glühenden Rot, das sich mit dem bläulichen Dunst der brennenden Wälder vermischte. Der Anblick war überwältigend, es war, als wollte die welkende Natur mit letzter Kraft erzählen, wie faszinierend es war, gerade jetzt zu sterben, da der Sommer zu Ende ging und der schreckliche sibirische Winter nahte.

Die Ankunft in Hermantowsk glich einem großen Fest. Der schwere Tieflader fuhr durch das alte und verfallene, zu sozialistischen Taten anspornende Eingangstor, das gerade mal breit genug war. Das Tor trug noch den verblassten roten Stern und daneben, ebenso verblasst, Hammer und Sichel. Die in kyrillischen Buchstaben verfasste alte Losung war auf den heutigen Stand gebracht worden. Die frühere Lobpreisung Stalins lautete in ihrer neuen Form:

Die Stoßtrupps der Arbeiter und Bauern begrüßen die Finnin Lucia und den Elefanten Emilia!

Lucia wurde im einzigen Gasthof des Dorfes untergebracht, der prächtig geschmückt war. Igor quartierte sich bei seiner Mutter ein, denn es schickte sich nicht, dass Bräutigam und Braut vor der Hochzeit im selben Haus wohnten. Bei Lucia erschienen Dutzende hilfreicher Brautjungfern, die ihr bei den praktischen Vorbereitungen auf das große Fest zur Seite stehen wollten. Sie waren recht betagt, denn junge Frauen gab es kaum im Dorf, wie bereits berichtet, aber was tat’s. Zumindest verfügten alle über sachdienliche Erfahrungen im Heiraten.

Als Stall für Emilia diente das Kulturhaus des Dorfes. Es stand seit Jahren leer, der revolutionäre politische Eifer war erlahmt, und so war das Gebäude verfallen. Als Elefantenquartier eignete sich der große Festsaal jedoch allemal.

Lucias Auftrittskostüm wurde zum Brautkleid umgearbeitet: Die Frauen nähten blaue Blumenapplikationen auf das weiße Trikot, vom selben Farbton war die lange Schleppe aus Tüll, der noch aus den Zeiten von Igors Großmutter stammte. Der Schleier war weiß, ebenso die bis an die Ellenbogen reichenden Handschuhe. Lucia sah großartig aus, und als sie dann noch im Stil der Russinnen kräftig geschminkt war, war das Endergebnis mindestens eindrucksvoll zu nennen.

Für Emilia nähten die Frauen einen riesigen Mantel. Es war ein ehemaliges Mannschaftszelt der Roten Armee, das mit blauen Zierbändern für neue, friedliche Zwecke und zum Festgewand umgestaltet wurde. Emilia wunderte sich ein wenig über ihr neues Auftrittskostüm, aber als es von allen Seiten gelobt wurde, begriff sie, dass sie darin prächtig aussah und akzeptierte es. Igor hatte bereits vor vielen Monaten beschlossen, auf seiner Hochzeit die Uniform eines Kosakenoffiziers zu tragen, obwohl er weder Kosak noch Offizier war. Daran nahm jedoch niemand Anstoß, denn der Bräutigam war wahrhaftig eine stolze Erscheinung.

Indessen wurde in den Häusern gebacken und Bier gebraut, es wurde gebrutzelt und gebraten. Der zentrale Platz des Dorfes wurde festlich geschmückt, lange Tische wurden aufgestellt. Man erwartete tausend, wenn nicht sogar zweitausend Gäste. Die Frauen nähten in aller Eile sogar noch ein halbes Dutzend finnischer Fahnen.

Igor besorgte ganz nebenbei die Ehepapiere, und am Vorabend der Hochzeit fand die Unterzeichnung statt. Der zweite Sekretär des politischen Komitees der Nachbarstadt übernahm den offiziellen Part. Als Lucia merkte, wie viel Eifer, Energie und Zeit das ganze Dorf in die Hochzeit investiert hatte, brachte sie es nicht übers Herz, den Leuten zu sagen, dass sie nicht wirklich zugestimmt hatte.

»Also gut, aber ich unterschreibe kein offizielles Papier, und selbst wenn ich es tue, dann nicht in vollem Ernst.«

Darauf einigte man sich schließlich. Auch der Dorfgeistliche sagte, dass es sich um eine bloße Formalität handle und dass kein Grund zur Sorge bestehe, denn in der himmlischen Kanzlei von Gott dem Allmächtigen hatten die Papiere einer Zivilverwaltung ohnehin nicht viel Gewicht.

Endlich brach der Hochzeitstag an.

Die Gäste kamen in Scharen von nah und fern, bis zum Mittag hatten sich bereits tausendfünfhundert versammelt, und am Nachmittag trafen weitere ein, sodass sich zu den besten Zeiten auf dem Festplatz am Fuße eines Hügels mehr als zweitausend Menschen befanden. Die Luft flimmerte vor Hitze, die Schwalben flogen hoch am blauen Himmel. In Hermantowsk gab es endlich wieder ein großes Fest.

Die alte Kirche des Dorfes war nach der Revolution zum Getreidelager der Armee umfunktioniert worden. Während des Zweiten Weltkriegs hatte sie arg gelitten und war jetzt nur mehr eine verfallene Ruine. Aber die freieren Winde, die in den letzten Jahre durchs Land geweht waren, hatten auch diese entlegene Gegend gestreift, und so hatten die Bewohner eine neue kleine Kirche aus Balken errichtet, in der der Pope jetzt Lucia und Igor traute. Lucia registrierte mit Erstaunen, dass sie tatsächlich richtig heirateten. Na gut, eigentlich war Igor kein schlechter Gefährte. Dennoch gedachte sie nicht das Bett mit ihm zu teilen. Oder höchstens in der Hochzeitsnacht, da könnte sie ein paar Zugeständnisse machen.

LUCIAS UND IGORS RUSSISCHE RIESENHOCHZEIT

Zum Hochzeitsmahl hatten sich also gut zweitausend Gäste versammelt. Und es gab wirklich Unmengen zu essen. Auf Dutzenden langer Tische standen Vorspeisen, Salate, diverse Suppen, herrliche Hauptgerichte und die verschiedensten Nachspeisen bereit, dazu viele Sorten Getränke. Igors Vater war bereits tot, sodass seine Großmutter die Hochzeitsgäste begrüßte, eine fast neunzigjährige rüstige Alte. Sie sagte, dass zwar in Russland schwierige Zeiten herrschten und es an allem mangelte, sogar am Essen, doch an diesem Festtag sollte es an nichts fehlen. Das ganze Dorf hatte sich beteiligt, nur das Beste wurde geboten. Und in der Tat, es gab die unglaublichsten Delikatessen.

Als Vorspeisen wurden die verschiedensten Pasteten aufgetragen, ferner Stör in Aspik, Ochsenzunge, Schinken, ganze gefüllte Schweinsköpfe, Kohlrouladen sowie gesalzene oder geschmorte Pilze. Salate gab es Dutzende verschiedener Sorten, unter anderem mit Fleisch und mit Pilzen.

Und dann die Suppen! Suppe aus roten Rüben, Kürbismilchsuppe, Fisch- und Fleischsoljanka, Okroschka (Rinderfilet, Rettich und Kartoffeln), Rassolnik (eine Fleischsuppe mit Kartoffeln und Rüben), Hirsesuppe und Pelmenis und Kartoffeln in Fleischbrühe.

Die Hochzeitsgäste ließen es sich schmecken.

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