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Ein Chef zum Verlieben?

Emilie Rose

Ein Chef zum Verlieben?

1. KAPITEL

„Was ist das denn?“

Dana Fallon zuckte zusammen, als sie hörte, wie verärgert und ungeduldig Max Hudson war. Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken. Die Termine für das laufende Projekt von Hudson Pictures waren mehr als eng, und wenn sie gerade jetzt kündigte, war das natürlich nicht besonders nett.

Aber sie hatte ihre Gründe. Gute Gründe.

Halt an deinem Entschluss fest. Bleib bei deinem Plan. Im Geiste hörte sie die Stimme ihres Bruders.

Entschlossen nahm sie den letzten Mut zusammen. „Das ist meine Kündigung. Ja, Max, ich kündige. Du wirst die Stelle neu ausschreiben müssen, sobald wir zurück in den USA sind. Ich habe schon mal den Text für die Stellenanzeige vorformuliert.“

„Du kannst nicht kündigen.“ Wütend knüllte er den Bogen zusammen und warf ihn in Richtung des Papierkorbs. Obwohl sie nun schon seit Monaten in der Hotelsuite wohnten, die sie als provisorisches Büro nutzten, und der Papierkorb immer an der gleichen Stelle stand, traf Max nicht. Seit fünf Jahren arbeitete Dana jetzt für ihn, und obwohl er immer wieder schwungvoll versuchte, zusammengeknülltes Papier in die Abfallbehälter zu befördern, war es ihm noch nie gelungen – zumindest soweit sie sich erinnerte. Er mochte ein brillanter und kreativer Filmproduzent sein, hatte auch einen muskulösen, athletischen Körper – an Treffsicherheit mangelte es ihm allerdings ganz offensichtlich.

Aber das störte sie nicht, sie liebte ihn trotzdem. Und das war ihr Fehler. Denn sie wusste: Diese Liebe beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Es war völlig unwahrscheinlich, dass Max ihre Gefühle je erwidern würde. Ja, sie musste es endlich einsehen: Noch immer liebte er einzig und allein seine verstorbene Frau, und so würde es bleiben, bis er im Tode wieder mit ihr vereint war. Deshalb musste Dana sich von ihm lösen – und woanders neu anfangen.

Max kramte wieder in seinen Papieren, als wäre die Sache mit diesem einen Satz erledigt: „Du kannst nicht kündigen.“

Drauf und dran, mit gesenktem Kopf in ihr Hotelzimmer zurückzuschleichen, ermahnte sie sich: Nein, du darfst nicht so einfach einknicken. Diesmal nicht.

Gerade hatte sie dieses Jobangebot von einer Freundin erhalten, genau an dem Tag, als sich der schreckliche Unfall ihres Bruder jährte – als ob es ein Zeichen wäre. Da war ihr klar geworden, dass sie in den fünf Jahren, die sie für Max Hudson arbeitete, ihrem eigentlichen Ziel keinen Schritt näher gekommen war. Ihr Bruder dagegen hatte nie aufgehört, seine Träume zu verfolgen, trotz aller Einschränkungen und Nackenschläge. Sie fühlte, dass sie es ihm schuldig war, ebensolchen Mut zu beweisen.

An diesem Morgen hatte sie sich gesagt: Sobald ich mit der Filmcrew von Hudson Pictures aus Frankreich zurück in Kalifornien bin, nehme ich mein Leben selbst in die Hand. Dann treibe ich meine Karriere voran und bringe mein Privatleben in Ordnung. Fernziel: Mann und Kinder.

„Ich muss die Firma verlassen, Max. Ich will endlich selbst Filme produzieren, und ich weiß, hier bei Hudson Pictures wirst du mir das nie erlauben. Wie ich in meinem Kündigungsschreiben erwähnt habe, gibt man mir bei einer kleinen unabhängigen Filmgesellschaft die Chance …“

„Du hast mich falsch verstanden. Du kannst nicht kündigen – jedenfalls nicht, um bei einer anderen Filmfirma anzufangen.“ Er sagte das mit einer Bestimmtheit, die keinen Widerspruch zuließ.

Ihr war klar gewesen, dass es nicht einfach werden würde. Deshalb hatte es sie viel Zeit gekostet, endlich den Mut für dieses Gespräch aufzubringen. Erst jetzt, am Tag vor der Abreise aus Frankreich, hatte sie es gewagt. „Ich habe dich nicht um deine Meinung gebeten.“

„Weil du schon wusstest, was ich sagen würde. Es ist doch eine dumme Entscheidung, einem renommierten Studio wie Hudson Pictures den Rücken zuzukehren und bei einem sogenannten ‚unabhängigen‘ Studio anzufangen. Das ist kein Karrieresprung, sondern ein Rückschritt. Über solchen Winzlingen kreist doch ständig der Pleitegeier. Und davon ganz abgesehen: Lies mal gründlich deinen Arbeitsvertrag. Du hast eine Sperrfrist von zwei Jahren. Das heißt, nachdem du Hudson Pictures verlassen hast, darfst du zwei Jahre lang für keine andere Filmfirma arbeiten.“

Völlig verblüfft sah Dana ihn an. Sie konnte sich nicht erinnern, so eine Klausel unterschrieben zu haben. Aber damals war sie so glücklich über das Jobangebot gewesen, dass sie den Vertrag nicht besonders gründlich gelesen hatte. Und das Schriftstück lag natürlich bei ihr zu Hause, sodass sie seine Behauptung jetzt nicht überprüfen konnte. „Zwei Jahre?“

„Ganz genau, zwei Jahre. Das ist eine Standardklausel in unseren Verträgen. Damit soll verhindert werden, dass unsere Angestellten mit Insiderwissen zur Konkurrenz überlaufen.“

Nervös fuhr er sich durch sein kurzes dunkles Haar und wühlte in den Papierbergen auf seinem Schreibtisch, als ob er nach etwas suchte. Nur mühsam widerstand sie dem Impuls, zu ihm zu eilen und ihm bei der Suche zu helfen.

Ihm zu helfen, sich um ihn zu kümmern, war nicht nur ihr Job, es war so etwas wie eine Sucht für sie geworden. Eine Sucht, der sie jetzt abschwören musste.

„Außerdem kommt dein Aufstand zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt“, ergänzte er, ohne aufzublicken.

Sie versuchte sich zusammenzureißen. Es brachte nichts, jetzt einen Streit vom Zaun zu brechen. Max stand zurzeit wirklich unter enormem Druck. Der Film musste fertiggestellt werden, bevor seine Großmutter Lillian an ihrer schweren Krebserkrankung starb. Zwar waren sie bereits in der Nachproduktions-Phase, aber die Uhr tickte unerbittlich. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, wie viel Zeit der sterbenskranken Lillian noch blieb. Alle Beteiligten arbeiteten rund um die Uhr und unter großer Anspannung.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, dachte Dana. Als sie vor fünf Jahren diesen Job angetreten hatte, hatte sie nur einen Fuß in die Tür bekommen wollen – ein bisschen Erfahrung sammeln und dann nach ein oder zwei Jahren wechseln und die Karriereleiter hinaufsteigen. Immer nur die Assistentin eines Filmproduzenten zu sein, dafür war sie überqualifiziert, schließlich hatte sie eine gute Ausbildung.

Es war immer ihr Traum gewesen, selbst Filme zu produzieren. Aber dann hatte Max sich als ganz außerordentlicher Chef entpuppt. Von ihm hatte sie mehr gelernt als in den Jahren an der Universität und während der Praktika, die sie an der Ostküste absolviert hatte.

Und dann hatte sie sich wie ein naives Schulmädchen unsterblich in ihn verliebt und es einfach nicht über sich gebracht, das Arbeitsverhältnis zu kündigen. Bis jetzt. Denn in der vergangenen Woche hatte er mit einer Blondine – wieder mal eine Blondine! – ein Stelldichein gehabt. Und ihr war klar geworden: Wenn er sie nicht einmal in der romantischen Atmosphäre von Schloss Montcalm als Frau wahrnahm – dann würde es nie geschehen.

Schon viel zu lange hatte sie auf ihn gewartet und dafür auf ihre Karriere verzichtet. Jetzt musste sie unbedingt loslegen. Schluss mit dem Warten. Es musste endlich wieder vorwärtsgehen!

Am liebsten wäre sie laut geworden, aber sie riss sich zusammen. „Das ist kein Aufstand, Max“, sagte sie ruhig. „Es geht um meine Karriere.“

Eisig blickte er sie an. „Wenn du woanders in der Filmindustrie arbeiten willst, wirst du keine Karriere machen, das kann ich dir versichern.“

Sie zuckte zusammen, fühlte sich verraten und betrogen. Max war bekannt dafür, knallhart zu sein, wenn es um seine Filme ging, aber ihr gegenüber hatte er sich noch nie so verhalten. „Nach allem, was ich für dich getan habe, würdest du dafür sorgen, dass ich woanders in der Branche keine Chance bekomme?“

„Ohne mit der Wimper zu zucken. Denn wenn du jetzt gehst, haben wir keine Möglichkeit, den Film fertigzubekommen, bevor …“ Er vollendete den Satz nicht, sondern wandte sich um und betrachtete den Terminplan an der Wand.

Ihm war anzusehen, wie aufgewühlt er war. Dana wusste, wie sehr er Lillian liebte und verehrte. Und die Gewissheit, dass sie bald sterben würde, belastete ihn schwer. Aber in einer Sache hatte er unrecht: Er konnte den Film durchaus auch ohne ihre Hilfe rechtzeitig fertigstellen.

Sichtlich bemüht, sich zusammenzureißen, sah er sie an. Sein Blick war kalt. Schon oft hatte sie miterlebt, wie er aufsässige Crewmitglieder mit wenigen Worten fertigmachte. Jetzt drohte ihr dasselbe Schicksal.

„Dana, ich lasse nicht zu, dass du mir den Zeitplan kaputt machst. Meine Großmutter will ihre Liebesgeschichte mit meinem Großvater auf der Leinwand sehen, solange sie noch lebt, und ich werde sie nicht enttäuschen. Ich werde alles, wirklich alles tun, um zu verhindern, dass du das Projekt sabotierst.“

„Sabotieren?“ Sie konnte einfach nicht glauben, was er da sagte. Ihr war klar gewesen, dass er die Nachricht nicht gut aufnehmen würde – aber dass er ihr drohte? Als sie vor fünf Jahren anfing, für ihn zu arbeiten, stand er noch unter Schock, weil kurz zuvor seine Frau gestorben war. Sie hatte ihm fast alles abgenommen, bis er die tiefste Trauer überwunden hatte. Von da an war sie seine rechte Hand gewesen, stets und ständig zur Stelle.

Und das sollte jetzt der Dank sein?

In ihr brodelte es. Sie musste raus aus der Suite, bevor sie etwas sagte, was sie später bereuen würde.

„Ich gehe jetzt wieder in mein Zimmer.“ Es hatte sie unglaubliche Energie gekostet, den Mut für dieses Gespräch zusammenzunehmen. Und jetzt war sie gescheitert, weil er sich wie ein Idiot aufführte. Sie musste nachdenken, eine neue Strategie entwickeln. Denn bleiben – das war ihr klar – konnte sie nicht.

Entschlossen drehte sie sich um und verließ seine Suite. Er rief ihren Namen, aber sie blieb nicht stehen. Doch in ihr Zimmer konnte sie auch nicht gehen – dort würde sie sich eingesperrt fühlen. Schließlich eilte sie am Fahrstuhl vorbei, öffnete die Tür zum Notausgang und nahm mit energischen Schritten die Treppe. Sie verließ das Hotel durch den Nebeneingang, ging über den Parkplatz … ja, wohin? Egal. Irgendwohin. Nur weg von diesem egoistischen Mistkerl.

„Dana“, hörte sie hinter sich seine Stimme. Sie erhöhte ihr Tempo, ohne auf ihn zu reagieren. „Dana, warte doch.“

Als sie gerade um die Ecke biegen wollte, ergriff er ihren Ellenbogen, hielt sie fest und drehte sie zu sich herum. „Nur ein paar Monate noch. Lass uns erst den Film fertigstellen. Dann können wir über alles reden.“

„Es gibt nichts mehr zu bereden, Max. Ich habe dich oft genug gebeten, mir einen besseren Job zu geben, mehr Verantwortung. Schließlich habe ich nicht meinen Abschluss an der Filmhochschule gemacht, um als Assistentin zu enden.“

„Ich gebe dir eine Gehaltserhöhung.“

Böse sah sie ihn an. Wie begriffsstutzig er sein konnte! „Es geht nicht um Geld … und auch nicht um das Projekt. Ich glaube an unseren Film, und ich würde dir auch gerne helfen, ihn zu beenden. Aber dieser Independent-Film wartet nicht auf mich. Die Firma meiner Freundin braucht mich jetzt sofort. Ich habe diese Chance überhaupt nur bekommen, weil der eigentlich vorgesehene Produzent unerwartet verstorben ist. Ich habe die Entscheidung schon drei Wochen hinausgezögert. Wenn ich jetzt nicht zusage, müssen die sich jemand anderen suchen. Du weißt doch schließlich am besten, wie es in der Filmindustrie zugeht, Max. Ich muss mich jetzt entscheiden.“

Sie konnte förmlich sehen, wie es in seinem Gehirn arbeitete. Er umfasst ihre Schulter, und seine Berührung hinterließ ein warmes Gefühl in ihrem Inneren. Für ihn war es nur eine Berührung – für sie war es so viel mehr …

Sie liebte und hasste seine Berührungen, genoss es, wie ein wohliger Schauer sie erfasste, wenn sie seine Hände spürte. Gleichzeitig jedoch empfand sie ein demütigendes Gefühl der Schwäche, weil sie wie Wachs in seinen Händen war.

Und er merkte nicht einmal etwas davon!

Das machte es noch schlimmer.

„Bleib, Dana. Für den Film ‚Ehre‘ setze ich dich als Koproduzentin ein. Das macht sich gut in deinem Lebenslauf, wenn du Hudson Pictures dann tatsächlich verlässt – aber ich will dich nicht verlieren und werde es dir deshalb nicht leicht machen. Du bist die beste Assistentin, die ich je hatte.“

Einen Augenblick lang machte sein Lob sie glücklich, doch dann folgte die Ernüchterung. Er meinte damit nur ihre Arbeit, nicht sie als Person. Er würde sie immer nur als bewährte Mitarbeiterin sehen, aber sie wollte mehr – viel, viel mehr. Doch solange er sie berührte, konnte sie sowieso keinen klaren Gedanken fassen.

Abrupt entwand sie sich seinem Griff. „Ich denke drüber nach. Bevor wir in Los Angeles landen, hast du meine Antwort.“

„Ich fliege morgen nicht mit dir zurück. Ich muss noch eine Woche hierbleiben, vielleicht auch zwei oder drei. Deshalb brauche ich deine Entscheidung sofort.“

Sie fühlte sich unwohl, weil er ihr derart die Pistole auf die Brust setzte. Er wusste, wenn sie jetzt zusagte, würde sie sich an ihr Wort halten. In Hollywood war das nicht unbedingt die Regel, bei ihr jedoch schon. Aber wenn sie bei ihm blieb … wie sollte sie dann je über ihn hinwegkommen und sich weiterentwickeln können? Falls sie blieb … wie sollte sie dann je erreichen, was sie sich so ersehnte – eine wirkliche Karriere, eine Familie?

Ihr älterer Bruder James, ihr Vorbild, würde enttäuscht von ihr sein, wenn sie einknickte.

„Der Titel Koproduzent sagt nicht viel aus, das wissen wir beide. Oft wird jemand als Koproduzent aufgeführt, nur weil er jemandem einen Gefallen getan hat. Ich will nicht nur so einen blöden Titel, Max. Ich will Erfahrungen sammeln. Und ich kenne dich doch. Du bist so ein Kontrollfreak, dass du mich zwar als Koproduzentin einsetzt, mir aber keine Verantwortung überträgst. Mein Lebenslauf sähe dann vielleicht etwas attraktiver aus, aber ich hätte trotzdem nichts dazugelernt.“

Nachdenklich runzelte er die Stirn. Selbst in dieser vertrackten Situation wirkte er ungeheuer verführerisch auf sie.

„Bei dem knappen Terminplan wirst du Tag und Nacht arbeiten müssen, wenn du den Job als Koproduzentin annimmst. Und ich versichere dir, es ist nicht nur der Titel. Du wirst Erfahrungen sammeln und viel lernen.“ Die Worte „Und du wirst es bereuen“ klangen in seiner Stimme mit.

Blitzschnell wog sie das Für und Wider ab. Es stimmte schon, was er vorhin gesagt hatte – ein Film von Hudson Pictures stellte in der Filmwelt auf jeden Fall etwas dar. Von einem Independent-Film konnte man das nicht behaupten. Der würde vielleicht auf einem kleinen Filmfestival laufen und, wenn er dort gut ankam, eventuell in die größeren Kinos kommen. Aber das war ungewiss, zumal kein großer Star in dem Streifen mitwirkte.

Eine Minimalchance gegen einen vorprogrammierten Erfolg. Was hatte sie da für eine Wahl?

Konzentrier dich auf das Ergebnis, sagte ihr Bruder immer. In diesem Fall war das Ergebnis klar. Der Koproduzentenstatus bei einer bedeutenden Hollywoodproduktion war ein großes Plus in jedem Lebenslauf.

Ich bin ja erst achtundzwanzig, dachte sie seufzend. Sicher wünsche ich mir eine Familie, sicher möchte ich gerne richtig Karriere machen. Aber ein paar Monate kann das wohl noch warten.

Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie ihre Entscheidung irgendwann bereuen würde. Aber diese Chance musste sie einfach wahrnehmen.

„Gut, Max. Ich bin einverstanden.“

Am Freitagabend stand Dana vor Max’ Haus am Mulholland Drive. Den Schlüssel hielt sie schon in der Hand, aber sie zögerte, ihn ins Schloss zu stecken.

Warum war sie nur so nervös? Seit er die prächtige Villa vor vier Jahren gekauft hatte, war sie doch schon oft hier gewesen, allerdings immer nur in seiner Abwesenheit. Oft schickte er sie hierher, um etwas für ihn zu holen, wenn er sich nicht vom Schreibtisch loseisen konnte oder dringend bei Dreharbeiten gebraucht wurde. Allein seit jenem Tag vor zweieinhalb Wochen, als sie ihn in Frankreich zurückgelassen hatte und allein zurückgeflogen war, war sie schon mehrmals hier gewesen. Aber an diesem Abend war es etwas anderes.

Sollte sie einfach aufschließen und hineingehen – oder vielleicht doch lieber klingeln? Auf jeden Fall war er zu Hause, er hatte sie ja direkt nach seiner Ankunft am Flughafen angerufen und für den Abend herbestellt. Die Frage war nur, ob er vielleicht schlief, um den Jetlag zu bekämpfen, oder ob er in die Arbeit vertieft war. Aber so oder so wollte sie ihn nicht stören. Sie steckte den Schlüssel ins Schloss.

Doch bevor sie den Knauf drehen konnte, öffnete sich die Tür. Max stand vor ihr – in einem verwaschenen blauen T-Shirt, abgetragenen Jeans und einem dunklen Bartschatten im Gesicht. Er war barfuß. So leger angezogen, ja, so schlampig, hatte sie ihn noch nie gesehen. Auf der Arbeit war er immer makellos gekleidet und verlangte das auch von seinen Angestellten. Jetzt wirkte er verschlafen und sah aus, als ob er gerade aus dem Bett gestiegen wäre. Am liebsten hätte sie ihn gepackt und gleich wieder zwischen die Laken gezerrt. Falls er wirklich geschlafen hatte – was sie aber bezweifelte –, würden sie noch verlockend warm sein.

Denk nicht mal dran!

Amüsiert betrachtete sie sein müdes, blasses Gesicht und seine zerzausten Haare. Er war noch auf die französische Zeit eingestellt, das hieß, dass es für ihn jetzt mitten in der Nacht war. Sie hatte es ja selbst erlebt; es dauerte ein paar Tage, bis der Körper sich wieder umgestellt hatte. „Na, leiden wir unter Jetlag?“

„Mir geht’s prima. Komm rein. Wir haben jede Menge Arbeit.“

Typisch Mann. Nur keine Schwächen zeigen. „Ich gehe mal davon aus, dass du im Flugzeug nicht geschlafen hast? Und dir auch hier kein Nickerchen gegönnt hast?“

„Die Zeit ist viel zu knapp. Ich könnte einen starken Kaffee gebrauchen.“

„Du trinkst doch keinen Kaffee, Max.“

„Heute mache ich mal eine Ausnahme.“

„Ich koche uns welchen.“ Im gleichen Augenblick tat ihr das Angebot schon leid. Als Assistentin musste sie sich um ihn kümmern – aber doch nicht als Koproduzentin! Mach dich nur nicht zu klein, Dana, du bist befördert worden!, ermahnte sie sich.

„Das ist lieb von dir.“ Er drehte sich um und tapste mit hängenden Schultern in den Flur. Am liebsten hätte sie ihn geknuddelt, weil er so erschöpft war.

Hör endlich auf damit, Dana. Er gehört dir nicht und wird dir nie gehören. Denk an die Zukunft!

„Max, wenn du dich erst ein paar Stunden hinlegst, bist du hinterher klarer im Kopf.“

„Später.“ Mit dem Fahrstuhl fuhren sie in den ersten Stock. Hier befanden sich die Küche, das Wohnzimmer und das Esszimmer. Sein Büro, der Vorführraum und seine Privatzimmer lagen im zweiten Stock des geräumigen Hauses, sein Schlafzimmer und zwei Gästezimmer im dritten Stock.

Sie war auch schon in seinem Schlafzimmer gewesen, aber leider nur, um seinen Koffer für ihn zu packen oder eine vergessene Akte zu holen. Dabei hatte sie sich nicht einmal getraut, sich auf sein riesiges Bett zu setzen – und schon gar nicht, sich zwischen seinen Laken zu wälzen, wie sie es in ihren Träumen tat. Weil sie schon so oft seine Sachen für ihn gepackt hatte, wusste sie, dass er keinen Pyjama besaß. Ob er in seinen Boxershorts schlief … oder vielleicht sogar nackt?

Verflixt, denk nicht immer solche Sachen!

Als sie die Küche betraten, steuerte Dana sofort auf die Kaffeemaschine zu. Sie hatte mal mit angehört, wie Max einem seiner Brüder erzählte, dass er sie nur für seine „Besucherinnen“ gekauft hatte, die morgens ihr Koffein brauchten. Wer weiß, wie viele magersüchtige Blondinen hier schon genächtigt haben, dachte sie. Immer nur Blondinen. Mit meinem dunklen Haar habe ich da sowieso keine Chance.

„Wo ist der Kaffee?“, fragte sie.

„Irgendwo im Schrank da hinten.“ Er hatte sich schon an den Küchentisch gesetzt, mit dem Rücken zum Fenster, das einen wunderbaren Panoramablick über die Stadt bot. Die Art, wie er seinen Kopf auf die Hände stützte, zeigte ihr, dass er wirklich völlig erschöpft sein musste.

Entschlossen unterdrückte sie ihr Mitgefühl. War ja seine Schuld, er wollte schließlich nicht schlafen, störrisch wie er war. „Und die Kaffeefilter?“

Er deutete auf ein Wandschränkchen und massierte sich den Nacken. Am liebsten hätte sie das für ihn übernommen, aber sie traute sich nicht. Als seine Assistentin hatte sie schon eine Menge Dinge für ihn erledigt, aber nichts, was derart persönlich war.

Stattdessen beschäftigte sie sich mit der Kaffeemaschine, und kurz darauf erfüllte verlockender Kaffeeduft den Raum. Sein Magen knurrte.

„Hast du überhaupt schon was gegessen, Max?“

„Ja, im Flugzeug.“

Selbst die sicher nicht kleinen Portionen der ersten Klasse schienen nicht genug für ihn gewesen zu sein. „Soll ich dir schnell irgendwas machen?“

Die alten Gewohnheiten! Sobald er sich von seinem Jetlag erholt hatte, würde sie endlich damit aufhören, ihn von vorne bis hinten zu umsorgen. Darum sollte sich dann seine neue Assistentin kümmern, falls man überhaupt jemanden fand, der Max’ hohen Ansprüchen genügte. Wenn die Neue da war, würde Max nicht mehr Danas Problem sein.

Ach was, sie machte sich doch nur etwas vor. Max würde immer ihr Problem sein.

„Im Kühlschrank müsste was zu essen sein“, sagte er.

„Max, wir sind monatelange außer Landes gewesen. Ich habe deinen Cateringservice abbestellt, erinnerst du dich nicht mehr?“

Sie schaute in den Kühlschrank und in die Tiefkühltruhe, aber überall herrschte gähnende Leere. Nur eine Tiefkühlpackung mit Fleischklößchen fand sich noch. Immerhin etwas. In einem der Schränke entdeckte sie dann noch eine Tüte Nudeln und ein Glas mit Tomatensoße. Nicht gerade die Feinschmeckerküche, die Max gewohnt war, aber es musste reichen.

Zu ihrem Erstaunen fand sie in einem anderen Schrank immerhin ein paar Töpfe, obwohl Max niemals selbst kochte. Wer die wohl gekauft hatte? Eine seiner zahlreichen „Bekanntschaften“? Hausmütterchen waren eigentlich überhaupt nicht sein Typ. Er stand auf langbeinige Möchtegernschauspielerinnen, die Kohlehydrate aus ihrem Wortschatz und ihren Diäten verbannt hatten. Nicht, dass er das Klischee der sprichwörtlichen Besetzungscouch bediente – im Gegenteil, sie hatte schon mitbekommen, dass die Frauen, mit denen er schlief, niemals Rollen in seinem Film bekamen. Trotzdem standen sie Schlange bei ihm.

Sie ließ Wasser in den Topf für die Nudeln laufen. „Hast du alles, um die Postproduktion zu Ende zu führen?“

„Falls mir noch etwas fehlt, mache ich eine Liste, und die Nachproduktions-Crew kümmert sich dann darum.“

Die Nachproduktions-Crew filmte Szenen, für die die wichtigen Schauspieler nicht benötigt wurden. Sie drehte Passagen vom Schloss oder von der Landschaft und Szenen aus großer Entfernung, in denen billigere Doubles die Schauspieler ersetzten. Im Schneideraum wurden diese Szenen dann zwischen die Nahaufnahmen gesetzt, sodass kein Zuschauer merkte, dass sie in zeitlich ganz anderer Reihenfolge gedreht worden waren.

Dreharbeiten der Nachproduktions-Crew hatte Dana noch nie miterlebt, weil sie, wie auch dieses Mal, immer schon vorher nach Hause geschickt wurde. Dort kümmerte sie sich dann um alles, was während ihrer Abwesenheit liegen geblieben war, und brachte bis zu Max’ ...

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