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Ein Cent für ein Leben

Über dieses Buch

Dies ist die exklusive Kurzgeschichte von Luca Di Fulvio, die ausschließlich digital erscheint.

New York in den Zwanzigerjahren. Zwei junge jüdische Männer, Jacob Berkowitz und Sholem Lipsky, lehnen sich gegen das Schicksal ihrer Eltern auf, die vor den Progromen aus Russland geflohen waren und nun in Amerika als Arbeiter ausgebeutet werden. Jacob wird Gangster, der im Sold der Arbeitgeber auf Streikende einprügelt, Sholem Gewerkschaftsmitglied. Während eines hitzigen Gefechts hat Jacob ihm ein Auge ausgeschlagen. Sholem weiß, dass die Arbeiter ihre Forderungen allein mit Streiks nicht durchsetzen können. Deshalb will er die Gangster dazu bringen, an ihrer Seite gegen die Streikbrecher vorzugehen. Dafür bietet er genau einen Cent mehr, als die Bosse zahlen. Doch das ist nur der erste Schritt in Sholem Lipskys Plan. Denn er sinnt auf Rache gegen Jacob. – Vom Autor des Bestsellers DER JUNGE, DER TRÄUME SCHENKTE.

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Ehe er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d'Arte Drammatica Silvio D'Amico. Mit seinem Roman Der Junge, der Träume schenkte wurde er auch in Deutschland als Autor bekannt.

Luca Di Fulvio

EIN CENT
FÜR EIN
LEBEN

Aus dem Italienischen von
Rita Seuß und Walter Kögler

BASTEI ENTERTAINMENT

Sein Vater sagte von ihm, er sei a Schand. Doch was wusste sein Vater schon vom Leben? Zu Beginn des Jahrhunderts war er mit gesenktem Kopf vor den Pogromen aus Russland geflohen, um nicht abgeschlachtet zu werden. Auf Ellis Island war er mehr tot als lebendig an Land gegangen und hatte sich in die Schlange eingereiht – mit vielen anderen Elenden, die den Kopf einzogen wie er. Als sie ihm erlaubten, den Boden New Yorks zu betreten, verkroch er sich in einer fensterlosen Bude in der Lower East Side, der Kloake Manhattans, ohne auch nur an die Möglichkeit einer Alternative zu denken. Für eine Handvoll Cent pro Tag hatte er sich in der Triangle Shirtwaist Factory, einer heruntergekommenen Textilfabrik auf den letzten drei Etagen des Asch Building an der Kreuzung Greene Street/Washington Place, an eine Nähmaschine ketten lassen. Als das Gebäude am 25. März 1911 in Flammen aufging, kamen hundertsechsundvierzig Menschen ums Leben. Sie verbrannten bei lebendigem Leib oder sprangen aus dem Fenster in den Tod. Sein Vater, dem es unerklärlicherweise gelungen war, sich zu retten, fand sich mit gesenktem Kopf damit ab, dass er weder eine Entschädigung noch einen neuen Arbeitsplatz erhielt. Und als die Ostjuden anfingen, nach Brownsville, Brooklyn, zu ziehen, schloss er sich ihnen mit gesenktem Kopf an. Er fand eine winzige Zweizimmerwohnung und begann, auf der Straße Schnürsenkel, Hosenträger und Sockenhalter zu verkaufen, die er jeden Abend und jeden Morgen ordentlich in dem schäbigen Koffer verstaute, den er mit sich herumschleppte.

Er hingegen, Jacob Berkowitz, Sohn von Amos Berkowitz und Yudith Solomon, wollte kein solches Leben führen. Das einzig Gute, was sein Vater zustande gebracht hatte, war der Umzug nach Brownsville gewesen, wo die jungen Juden wussten, wie man sich in Amerika durchschlägt. Es wurde einem nichts geschenkt. Der amerikanische Traum war eine große Lüge, die man sich für die Dummen ausgedacht hatte. Man musste lernen, sich zu nehmen, was man wollte. Das hatte Jacob schnell begriffen.

Vielleicht stimmte es ja, dass er a Schand war, aber ganz gewiss wollte er kein Trottel sein, kein Schmock wie sein Vater.

Schon als Kind war er auf den Straßen von Brownsville herumgelungert und hatte die Atmosphäre geschnuppert. Bis er eines Tages, halb zufällig, halb durch Gerüchte angelockt, zu Rose Golds Candy Store in der Saratoga Avenue kam, direkt unter der Hochbahn der Linie zwei. Als er sich das erste Mal dem Laden näherte, hatte der Zug der Brooklyn-Manhattan Transit Corporation, der mit einem Funkenregen laut ratternd über seinen Kopf hinweggebraust war, ihm noch Angst gemacht. Mit der Zeit hatte er dann verstanden, dass diese hellen Funken dem, der Augen im Kopf hatte, wie ein Kometenschweif den Weg zu Rose Golds Süßwarenladen wiesen. Rose Gold wurde nur Midnight Rose genannt, da ihr Laden die ganze Nacht geöffnet hatte und sein gelbliches Licht in die dunklen Straßen von Brownsville ergoss.

Anfangs durfte Jacob nachts nicht raus und brachte auch nicht den Mut dazu auf. Daher suchte er den Laden nur tagsüber auf und stellte sich vor die randvoll mit Lakritz, Zitronenbonbons und Toffees gefüllten gläsernen Behälter. Diese Süßigkeiten konnte er sich nicht leisten.

Der Laden war immer voll. Es schien, als versammelte sich das ganze Viertel bei Midnight Rose. Da waren junge Maschinisten und Hafenarbeiter, bei deren Eintritt die Holzdielen knarrten; alte Männer in verschlissenen schwarzen Jacken mit Flicken an den Ellbogen, die uralte Geschichten erzählten; Textilarbeiterinnen, die sich etwas zum Trinken kauften und sich dabei in ihren langen Röcken vor den jungen Burschen präsentierten; Angestellte, die umsonst im World Telegram, im Brooklyn Eagle oder im Forward blätterten.

Ab und zu klingelte das Telefon. Dann nahm Rose den Hörer ab und rief mit schriller Stimme den Namen desjenigen, der am Apparat verlangt wurde, denn damals konnte sich kaum jemand ein Telefon leisten. Und dann waren da vor allem das Gemurmel, das Gelächter und die Rauchwolken aus dem Hinterzimmer. Nichts zog den jungen Jacob stärker an als diese geheimnisvolle, finstere Welt. Dort hinten saßen die Gangster. Und man munkelte, wenn einer von ihnen verhaftet wurde, bezahlte Rose die Kaution, um ihn aus dem Knast freizukaufen.

Die alte und hässliche, unsympathische und reizbare Midnight Rose war praktisch eine Analphabetin, und wenn Jacob sie so ansah, dachte er, dass sie eines Tages vielleicht auch für ihn die Kaution bezahlen würde, wenn er es schaffte, an einem der Tische im Hinterzimmer Platz zu nehmen. Als einer dieser Stammgäste nach kurzer Gangsterkarriere jung gestorben war, hörte er Rose achselzuckend sagen: „Das Leben von Leuten wie euch ist so kurz. Wie das von einem Hund, nicht von einem Menschen.“ Die jungen Gangster lachten, statt zu erschrecken.

Das waren seine ersten denkwürdigen Erinnerungen, sinnierte Jacob Jahre später, als er unter dem Namen Kid Schlammer bekannt geworden war.

Doch vorher musste er eine lange Lehrzeit hinter sich bringen, die wenig berauschend und ebenso wenig einträglich war. Es gab Momente, in denen er fürchtete, ein Nobody zu bleiben. Aber diese Selbstzweifel verflogen rasch.

Mit dreizehn landete er zum ersten Mal in der Besserungsanstalt von Cheshire – wegen Lappalien, wie die echten Gangster es nannten. Es gab Hunderte wie ihn, die versuchten, die Kasse eines armseligen kleinen Ladens zu plündern oder einem Handlungsreisenden am Bahnhof seinen Musterkoffer zu entwenden. Er hatte versucht, einen Baumwollballen im Wert von zwölf Dollar zu klauen. Wegen eines Fehlers auf seiner Karteikarte wurde er in das Gefängnis The Tombs eingewiesen, obwohl er noch minderjährig war. Die Gangster nannten es das City College. Dort ging man entweder drauf oder man lernte zu leben, sagten sie. Denn lernen konnte man dort genau das: all die harten, aber klaren Regeln ihrer Welt, die man sich aneignete und auf die Haut und tief in sein Inneres einbrannte.

Das Leben in Amerika war hart, aber einfach. Es gab drei Grundregeln, die drei Gebote, wie man sie in den Straßen von Brownsville nannte. Jacob vergaß sie nie. Erstens: Hau du sie in die Pfanne, bevor sie dich in die Pfanne hauen. Zweitens: Wenn du etwas willst, musst du lernen, es dir zu nehmen. Drittens: Es gehört so lange dir, bis es dir jemand unterm Hintern wegzieht. Mit anderen Worten: Das, was du hast, musst du mit Zähnen und Klauen verteidigen. Immer. Gegen jeden. Auch gegen Freunde.

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