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Ein Bodyguard zum Küssen

1. KAPITEL

Dieser Job war ein Kinderspiel.

Billy Lucas lag barfuss und mit nacktem Oberkörper auf dem Bett und schleckte genüsslich einen Lolli.

“Wenn Sie irgendetwas brauchen, dann sagen Sie es einfach”, hatte Harris Roper ihm erklärt. Und Billy wäre nicht er selbst gewesen, wenn er von diesem Angebot nicht ausgiebig Gebrauch gemacht hätte.

Er hatte sich einige weiche Kissen bringen lassen, und jedes Mal, wenn er Hunger hatte, kam ein nettes mexikanisches Hausmädchen herbeigeeilt, um ihm sein Essen zu servieren. Sie sprach kein Wort Englisch, aber sie hatte schöne dunkle Augen und kicherte verlegen, wenn Billy ihr zuzwinkerte.

Er hatte es immer schon verstanden, die Frauen um den Finger zu wickeln. Allerdings respektierte er sie viel zu sehr, als dass er seine Chancen je ausgenutzt hätte. Auch für eine ernsthaftere Beziehung hatte es nie gereicht. Billy flirtete zwar ausgesprochen gern, aber er hatte wenig Vertrauen in seine eigene Fähigkeit, eine dauerhafte Verpflichtung einzugehen. Außerdem war das Leben war viel zu spannend und aufregend, um ein bürgerliches Dasein mit Frau und Kindern in einem Reihenhaus zu fristen. Allein der Gedanke ließ ihn erschauern.

Sein Apartment auf Harris Ropers Anwesen war vermutlich früher eine Dienstbotenwohnung gewesen. In der Gegend, aus der Billy stammte, gab es so etwas nicht. Dort war man eher an vergitterte Fenster, Mauern mit Glassplittern und Müllberge in engen Seitengassen gewöhnt. Das Leben in Oakland, Kalifornien, war nicht leicht gewesen. Immerhin aber hatte er dort in seinen dreiunddreißig Lebensjahren kein einziges Mal die lähmende Langeweile gespürt, die er hier auf den Gesichtern der verwöhnten jungen Leute der reichen Gesellschaft von Palm Beach wahrnahm.

Billy beobachtete seit nunmehr fast drei Wochen Julie Ropers. An der Wand über seinem Bett waren fünf Monitore installiert. Überwachungskameras übertrugen aus den verschiedensten Perspektiven Bilder vom Anwesen. Von seinem bequemen Beobachtungsposten im Bett aus hatte er stets die riesige, prachtvolle Villa, den Gehweg durch den Park zum Gästehaus, die Westfront des Gästehauses und die Garagen im Blick. Die letzte Kamera zeigte Julie Ropers Eingangstür in Nahaufnahme.

Das Mädchen hatte zweifellos Klasse und gefiel ihm. Ihr schulterlanges dunkelblondes Haar war mit platinfarbenen Strähnen durchzogen. Sie hatte den stolzen, aufrechten Gang einer Prinzessin. Billy hatte zwar noch nie eine echte Prinzessin gesehen, aber er war sicher, dass Prinzessinnen einen solchen Gang besaßen. Julie war elegant, aber dezent gekleidet. Offensichtlich konnte sie sich das Beste leisten, verzichtete aber auf großen Aufwand. Ihre zierliche, schmale Statur ließ sie zerbrechlich wirken. Doch Billy hatte manchmal den Eindruck, dass diese augenscheinliche Zerbrechlichkeit trügerisch war.

Aus irgendeinem Grund hatte sie beschlossen, vom palastähnlichen Haupthaus des Anwesens allein in das kleine Gästehaus zu ziehen. Das war auch der Grund gewesen, warum sich Harris Roper um seine jüngere Schwester solche Sorgen machte. Er hatte die Kameras installieren lassen und Billy als Leibwächter engagiert, damit er Julie im Auge behielt. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sie allein ausging, folgte Billy ihr wie ein unsichtbarer Schatten.

Einmal, an einem späten Abend, war er ihr hinunter zum Strand gefolgt und hatte vom Steg aus heimlich zugesehen, wie sie barfuß durch die Brandung gehüpft war. Sie war in der Dunkelheit herumgetollt wie ein Kind, das nach langen Schulstunden in einem engen Klassenraum seiner Energie endlich freien Lauf lässt.

Schon damals hatte er erkannt, dass Julie anders war, als er zunächst vermutet hatte. Obwohl er eine gute Menschenkenntnis besaß, fiel es ihm schwer, sich ein Bild von ihrer Persönlichkeit zu machen. Aber gerade dadurch wurde sein Job interessant. Julie Ropers Wesen war schwer zu durchschauen, und ihr Handeln hatte Billy schon oft überrascht. Eine Millionenerbin, die barfuß durch die Brandung sprang? Eine Frau, die lieber in einem kleinen Gartenhaus als in einem Palast wohnte? Eine Frau, die unglaublich hübsch war, die aber keine Männerbekanntschaften hatte?

Gelegentlich traf sie sich mit einem Mann, der wie ein wohl erzogener Marineoffizier wirkte. Er verabschiedete sich stets mit einer kurzen, freundschaftlichen Umarmung an der Tür. Keine Küsse, keine Zärtlichkeiten, kein Grund zur Beunruhigung.

Plötzlich regte sich etwas auf einem der Bildschirme. Julie erschien. Billy beobachtete, wie sie aus dem Hauptportal der Villa trat. Ihr kurzes weißes Abendkleid war figurbetont, aber hochgeschlossen. Die aufgenähten Pailletten glitzerten in der Dunkelheit, als sie zwischen Hecken und Büschen mit leuchtenden tropischen Blüten über den schwach beleuchteten Gehweg zum Gästehaus schritt. Sie ging langsam, als hätte sie kein bestimmtes Ziel. Ihr Kopf war gesenkt, sodass Billy ihr Gesicht nicht sehen konnte. Irgendetwas an ihrer Haltung, ihren Bewegungen war anders als sonst. Sie wirkte so zart und wehrlos, wie ein Engel, der den Blick für das Paradies um sich herum verloren hat.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Billy setzte sich auf und fuhr sich mit der Hand nervös durch das fast schulterlange schwarze Haar. Seine Muskeln waren angespannt, seine blauen Augen konzentrierten sich auf die Monitore über seinem Bett. Vielleicht konnte er Julie Roper nicht durchschauen, aber er spürte instinktiv, wenn sich Ärger anbahnte.

Diese Fähigkeit hatte ihm während der acht Jahre, die er für das Oakland Police Department, Abteilung organisierte Kriminalität, gearbeitet hatte, mehrfach das Leben gerettet. Dennoch war er nicht ganz ungeschoren davongekommen. Auf seinem Rücken zeugten drei vernarbte Schusswunden davon, dass nicht nur die Polizei bewaffnet war. Bandenmitglieder besaßen ebenfalls Pistolen und zögerten selten, sie zu gebrauchen.

Sein dritter Krankenhausaufenthalt hatte Billy nicht nur eine Tapferkeitsmedaille eingebracht, sondern ihn auch erkennen lassen, dass seine Tage als verdeckter Ermittler gezählt waren. Er hatte sein Glück lange genug herausgefordert. Also hatte er den Polizeidienst quittiert und sich mit einer eigenen kleinen Sicherheitsfirma selbstständig gemacht. Es war ziemlich unwahrscheinlich, erschossen zu werden, während man den Babysitter für die Reichen und Ängstlichen spielte.

Gebannt verfolgte Billy jetzt das Geschehen auf den Bildschirmen. Julie ging langsam bis zur Haustür, gab einen Sicherheitscode in die Alarmanlage ein und betrat das Gästehaus. Billy beobachtete, wie in einem Zimmer nach dem anderen das Licht eingeschaltet wurde. Julies Schatten hinter den geschlossenen Vorhängen des Schlafzimmerfensters bewegte sich inzwischen schneller, zielgerichteter. Billy streifte sich eilig ein Hemd über und schnürte seine Turnschuhe zu, ohne den Blick von den Monitoren zu wenden.

Was hatte Julie vor?

Er brauchte nicht lange auf eine Antwort zu warten. Das Garagentor öffnete sich, und Julies Porsche schoss mit quietschenden Reifen heraus. Die Lady hatte es eilig. Dies würde sicherlich kein mitternächtlicher Ausflug zum Strand werden. Billy sprang auf, griff nach seiner Brieftasche und seinem Handy und rannte aus dem Apartment. Sein Mietwagen würde es schwer haben, dem Sportwagen mit der temperamentvollen Blondine am Steuer zu folgen.

Harris Ropers oberste Regel bei der Bewachung seiner Schwester lautete: “Rufen Sie mich augenblicklich an, wenn etwas Ungewöhnliches passiert.” Billy konnte jetzt Harris anrufen und Julie entwischen lassen, oder er konnte Julie folgen und Harris später informieren.

Manche Entscheidungen trafen sich wie von selbst.

Für Julie hatte dieser Abend begonnen wie viele andere langweilige Abende. Harris hatte eine seiner exklusiven Partys gegeben, zu der er nur die wenigen Bekannten eingeladen hatte, die er für geeignet hielt, ihm und seiner Schwester Gesellschaft zu leisten.

Ihr Bruder stellte hohe Ansprüche, und so war der Kreis wie üblich sehr klein geblieben. Seine Freunde konnten zwar alle auf einen langen Stammbaum zurückblicken, und jeder von ihnen fand sich auf der Liste der fünfhundert wohlhabendsten Amerikaner wieder, doch kein einziger von ihnen war besonders unterhaltsam.

Die Damen saßen in einer Sitzgruppe beim Small Talk, während die Herren sich an die Bar zurückgezogen hatten und die neuesten Börsennachrichten diskutierten. Die einzige Ausnahme bildete Beauregard James Farquhar, Erbe des größten Treuhandvermögens in ganz Palm Beach, der Julie den ganzen Abend überallhin folgte. Beau war ein langjähriger Freund der Familie, und Harris schätzte ihn wegen seines Geschäftssinns, seiner tadellosen Manieren und seines ruhigen Charakters. Erst gestern war Beau von einer Europareise zurückgekehrt und hatte Julie versichert, wie “überaus glücklich” er sei, sie zu sehen.

Beau war bei jeder Gelegenheit, an die Julie sich erinnern konnte, überaus glücklich gewesen, sie zu sehen. Schon seit ihrer frühesten Jugend war er ihr völlig ergeben. Bis sie vor ein paar Monaten vom College nach Hause zurückgekehrt war, war es ihr immer gelungen, ihn auf Distanz zu halten, doch vor seiner Abreise nach Europa war er kaum noch von ihrer Seite gewichen, und Julie wusste, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er ihr einen Heiratsantrag machen würde.

Ihr dreiundzwanzigster Geburtstag erschien ihr wie eine drohende Gewitterwolke am Horizont. Beau hatte angedeutet, dass dies ein ganz besonderer Geburtstag werden würde. Außerdem hatte er nach ihrer Ringgröße gefragt. Seitdem litt Julie an nervösen Magenbeschwerden.

Obwohl es noch nicht einmal zehn Uhr war, kämpfte Julie gegen eine überwältigende Müdigkeit an. Die gedämpfte Klaviermusik wirkte auf sie ebenso einschläfernd wie Beauregards detaillierten Beschreibung eines “überaus harmonischen” Cabernet Sauvignons, den er in Südfrankreich entdeckt hatte. Beau war ein ausgesprochener Weinkenner, der endlos von Farbe, Bouquet und Aroma edler Tropfen schwärmen konnte. Julie bemühte sich, interessiert zuzuhören, doch nachdem sie bereits zwei Mal fast eingeschlafen war und nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken konnte, hatte sie schließlich Kopfschmerzen vorgeschoben und sich höflich verabschiedet.

Ihre Müdigkeit war in dem Moment von ihr abgefallen, als sie ihr kleines Gästehaus betreten hatte. Sie fühlte sich hellwach und sprühte geradezu vor Tatendrang. Julie beschloss, vor dem Schlafengehen noch eine kleine Spritztour mit dem Porsche zu unternehmen. Sie machte sich nicht die Mühe, ihr Abendkleid auszuziehen, sondern wechselte nur ihre hohen Pumps gegen ein Paar bequeme Turnschuhe. Vermutlich sah sie vollkommen lächerlich aus, aber Julie fühlte sich zum ersten Mal an diesem Abend befreit. Außerdem würde ja niemand sie sehen. Höchstwahrscheinlich würde Harris nicht einmal bemerken, dass sie das Grundstück verlassen hatte.

Julie genoss die frische, kühle Nachtluft, die durch die geöffneten Wagenfenster drang. Wie kam es, dass sie sich im Kreise dieser Menschen so unwohl fühlte? Ihr ganzes Leben hatte sie mit den vornehmsten Familien von Palm Beach verkehrt, trotzdem fühlte sie sich in ihrer Mitte immer wie eine Fremde.

Außerdem kam sie sich ziemlich nutzlos vor. Vor sechs Monaten hatte sie ihr Studium an einer privaten Universität in England abgeschlossen, und jetzt wusste der arme Harris nicht, was er mit ihr tun sollte. Zuerst hatte er sie überredet, eine Stelle im Kuratorium von Roper Industries anzunehmen, wo man ihr, wie sie fand, fürs Nichtstun ein geradezu unanständig hohes Gehalt gezahlt hatte. Sie war jeden Morgen mit Harris zur Arbeit gefahren, hatte mit ihm zu Mittag gegessen und war dann abends wieder mit ihm nach Hause gefahren.

Nach vier Wochen hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Sie hatte versucht, einen neuen Job zu finden, doch das erwies sich als schwierig. Anscheinend traute ihr niemand zu, dass sie ernsthaft arbeiten wollte. Man vermutete, dass sie nur einen vorübergehenden Zeitvertreib suchte, bis sie heiraten würde. Wahrscheinlich den reichsten Mann der Stadt. Seither war Julie “freiwillig arbeitslos”.

Harris machte keinen Hehl aus der Tatsache, dass er sich um ihre Zukunft sorgte. Er war eine gute Seele, aber seine übertriebene Fürsorge konnten einem schon sehr auf die Nerven gehen.

Julie war sieben und Harris gerade einmal einundzwanzig Jahre alt gewesen, als ihre Eltern bei einem Segelunfall ums Leben gekommen waren. Julie dachte oft an sie. Sie erinnerte sich an fröhliche Menschen voller Liebe, Lachen und Spontaneität.

Während der vergangenen sechzehn Jahre hatte Harris sich um sie gekümmert. Er hatte sein Bestes getan, um ihr Vater und Mutter zu ersetzten, aber die Verantwortung war für einen so jungen Mann viel zu schwer gewesen. Die andauernde Sorge um den Konzern, seine kleine Schwester und das Familienvermögen hatten ihn zermürbt. Mit seinen müden Augen, der blassen Haut und den hängenden Schultern wirkte Harris viel älter als siebenunddreißig.

Julie hatte versucht, ihm klarzumachen, dass er nicht länger für sie verantwortlich war, aber es war sinnlos. Obwohl das Anwesen der Ropers mehr als vierzig Zimmer umfasste, empfand Julie hier ein so überwältigendes Gefühl der Enge, dass sie oft glaubte, ersticken zu müssen.

Stets war Harris um sie herum, ängstlich und besorgt. Julie hatte Monate gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, dass sie besser ins Gästehaus ziehen sollte. Vor drei Wochen hatte er endlich zugestimmt. Das hatte in ihr die Hoffnung geweckt, dass sie eines Tages vielleicht doch noch ein normales Leben ohne äußere Kontrolle führen konnte. Bis Beau angedeutet hatte, dass er ihr bald die große Frage stellen würde.

Julie hatte Harris auf dieses Thema angesprochen. Eigentlich hatte sie von ihm wissen wollen, wie sie Beau abweisen könnte. Die Reaktion ihres Bruders war ungewöhnlich vehement gewesen.

Auch wenn er nicht so weit gegangen war, seine Stimme zu erheben, hatte er doch deutlich gemacht, dass er es für höchste Zeit hielt, dass Julie eine verbindliche Beziehung einging. Etwas Besseres als Beau konnte ihr gar nicht passieren. Er hatte bewiesen, wie ernst er es mit ihr meinte. Irgendwann würde sie sich einmal entscheiden müssen. Warum also nicht jetzt? Warum wollte sie einen so anständigen Mann wie Beau nicht heiraten?

Ja, warum eigentlich nicht? Beau war sicher nicht der Mann ihrer Träume, aber es machte schließlich auch keinen Sinn, auf einen aufregenden Superhelden zu warten, der wahrscheinlich nie auftauchen würde. Julie wusste, dass Beau Farquhar sie niemals schlecht behandeln würde. Er war ihr schon lange treu ergeben. Er war zuverlässig, nett, freundlich und hartnäckig. Vor allem war er hartnäckig. Warum also nicht? Der arme Harris hatte sich sowieso schon lange genug um sie kümmern müssen.

Julie war nicht besonders interessiert daran zu heiraten. Ebenso wenig war sie besonders interessiert daran, nicht zu heiraten. Wenn sie ehrlich war, hatte sie überhaupt keine besonderen Ziele. Der Verlust der Eltern in so jungen Jahren hatte Julie mit emotionalen Narben zurückgelassen, misstrauisch gegenüber Bindungen, die sie verletzlich machen konnten. Harris war ihre einzige Bezugsperson, die einzige Konstante in ihrem Leben. Sie liebte ihren Bruder sehr und hätte fast alles getan, um ihn für all die Opfer, die er für sie gebracht hatte, zu entschädigen.

Wenn sie realistisch war, musste sie sich eingestehen, dass die Chance, sich Hals über Kopf in einen anderen Mann zu verlieben, verschwindend gering war.

Beau war ein guter Mann. Er kannte sie schon ewig und war anscheinend mit dem Wenigen, dass sie ihm geben konnte, zufrieden. Harris hielt diese Ehe offensichtlich für eine perfekte Verbindung. Und wenn er dachte, dass es das Beste für sie wäre, dann war es das vermutlich auch. Außerdem verdiente Harris, endlich sein eigenes Leben führen zu können. Und er würde sich nie um sein eigenes Wohlergehen kümmern, bevor Julies Zukunft gesichert war.

Julie fuhr jetzt schon seit über einer Stunde durch die Nacht. Es war ihr egal, wohin sie fuhr, sie wollte nur einfach weg. Die Lichter der Stadt hatte sie schon lange hinter sich gelassen, als sie sich schließlich auf einer schmalen, zweispurigen Landstraße wiederfand, die an beiden Seiten von dichten Zypressenhecken gesäumt war. Es war zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen.

Die Luft wurde feucht und drückend, als ob sie sich einem Sumpf näherte. Julie war noch nie zuvor in einem echten Sumpf gewesen. Lebten in Sümpfen nicht Alligatoren? Sie hatte entsetzliche Angst vor Tieren, deren Zähne größer waren als ihre eigenen. Ihre Hände auf dem Lenkrad wurden feucht, ihr Herz raste. Sie kurbelte das Fenster hoch, atmete tief durch und fuhr tapfer weiter.

Julie war es nicht gewöhnt, sich um die Pflege ihres Autos zu kümmern. Genau genommen wurde der Porsche von Harris’ Mechanikern gewartet. Wann immer sie fahren wollte, fand sie den Wagen fahrbereit, blitzblank poliert und vollgetankt vor. Natürlich wusste sie, dass Autos Öl und Treibstoff brauchten, um zu fahren, aber um Einzelheiten hatte sie sich nie kümmern müssen.

Bis jetzt. Der Motor des Porsche gab ein zischendes Geräusch von sich, begann zu stottern und erstarb. Die Benzinanzeige stand auf “leer”.

Es gelang Julie, das Fahrzeug an den Straßenrand zu lenken, bevor es endgültig stehen blieb. Laub und Äste kratzten am Fenster der Beifahrerseite. Es klang, als ob jemand versuchte, zu ihr hereinzukommen. Julie geriet in Panik. Sie verriegelte die Türen und überprüfte den Sicherheitsgurt, als ob ihr das jetzt noch helfen würde.

Vor ihrem inneren Auge tauchten Bilder schrecklicher Tiere auf, nicht nur Alligatoren, sondern auch Schlangen, Spinnen und schleimige, grüne Sumpfungeheuer, die ihr nach dem Leben trachteten. Die Lichtkegel der Scheinwerfer erhellten kaum mehr als drei Meter des dunklen Nichts, das sie umgab. Julie wusste zwar, dass es keine gute Idee war, die Scheinwerfer anzulassen, wenn der Motor nicht lief. Doch nichts in der Welt würde sie dazu bringen, hier in völliger Dunkelheit zu sitzen.

Sie schaltete die Innenbeleuchtung an und suchte nach dem Schalter für die Warnblinkanlage, aber keiner der Knöpfe, die sie betätigte, war der richtige. Julie fragte sich, was eine echte Heldin in so einer Situation täte. Die Antwort war leicht. Eine Heldin hätte Verstand genug gehabt, für ausreichend Benzin zu sorgen, um gar nicht erst in so eine Situation zu geraten. Wie auch immer, sie konnte ja einfach Harris anrufen … wenn sie klug genug gewesen wäre, ihr Handy mitzunehmen. Julie klopfte in panischem Rhythmus auf das Lenkrad. Was nun, was nun, was nun …?

Wie aus dem Nichts tauchte plötzlich ein Fahrzeug auf und hielt neben ihr. Der Fahrer des zerbeulten Lieferwagens saß im Dunkeln, aber Julie hatte den Eindruck eines korpulent gebauten Mannes mit einem buschigen Bart. Er bedeutete ihr, das Fenster herunterzulassen. Julie schüttelte panisch den Kopf. Er zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Sie werden meine Leiche im Straßengraben finden, dachte sie verzweifelt. Nicht sofort, aber in ein paar Tagen, nachdem die Hitze und die Alligatoren ihre Spuren hinterlassen hatten. Sie würde fürchterlich aussehen bei ihrer Beerdigung. Der arme Harris würde denken, dass alles seine Schuld war. Er würde sich für den Rest seines Lebens Vorwürfe machen, weil er ihr erlaubt hatte, im Gästehaus zu wohnen. Und er würde sich immer wieder die eine quälende Frage stellen: Was in aller Welt hatte seine Schwester sich dabei gedacht, nachts allein in einer solchen Gegend herumzufahren?

Ein Klopfen an der Fensterscheibe unterbrach ihre Überlegungen. Julie fuhr erschrocken zusammen und starrte in dunkle Augen, die mit glasig trübem Blick zu ihr hineinsahen. Der Mann war etwa vierzig Jahre alt. Ein sehr großer Mann, der mehr Haare auf den Armen und im Gesicht hatte als auf dem Kopf. Er trug ein fleckiges weißes Unterhemd und eine zerschlissene Jogginghose.

Julies Panik wuchs mit jeder Sekunde. Sie hatte vielleicht nicht viel Erfahrung mit Männern, doch sie ahnte, dass dieser Mann, der nachts in seiner Unterwäsche herumlief, bestimmt nicht die Antwort auf ihre Gebete war.

Er lächelte. “Brauchen Sie Hilfe?”, rief er mit schwerer Zunge durch das geschlossene Fenster.

Julie schüttelte hektisch den Kopf.

“Soll ich Sie irgendwo hinfahren?”

Julie schüttelte den Kopf noch energischer.

In diesem Augenblick verschwand das Lächeln aus dem Gesicht des Mannes, und er begann, an der Fahrertür zu rütteln. Wenn Julie hätte atmen können, hätte sie geschrien. Doch aus ihrer Kehle drang nur ein ersticktes Wimmern. Sie drückte mit aller Kraft die Hände auf die Hupe und ließ nicht mehr los.

Es dauerte einen Moment, bis Julie bemerkte, dass ein anderes Auto direkt hinter ihrem zum Stehen kam. Sie fragte sich, wie groß wohl die Chance war, dass ihr in dieser tropischen Einöde gleich zwei Männer mit ausgesprochen schlechten Absichten begegneten. Gab es in dieser Gegend womöglich gerade eine Tagung der internationalen Gesellschaft der Straßenräuber? Lagen solche Typen auf der Lauer und warteten in der Dunkelheit darauf, dass dummen Mädchen das Benzin ausging?

Dann ging plötzlich alles sehr schnell, wie ein Albtraum in Zeitraffer. Der Fahrer des zweiten Wagens stieg aus. Er sagte etwas zu dem Kerl im weißen Unterhemd, aber Julie konnte nichts verstehen, weil sie immer noch die Hände auf der Hupe hielt. Vor ihrem Fenster gab es eine kurze Rangelei. Sie sah, wie eine Faust vorschnellte. Im nächsten Augenblick ging der Mann, der versucht hatte, in ihren Wagen einzudringen, zu Boden.

Zwei Arme lehnten sich gegen ihre Tür. Ihr Retter – zumindest hoffte sie, dass es ihr Retter war – beugte sich vor, um ins Wageninnere zu sehen. Er hatte dunkles Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Sie konnte seine Augenfarbe nicht erkennen, aber er sah freundlich aus.

“Hören Sie damit auf”, las sie von seinen Lippen ab, während er erst auf die Hupe, dann auf seine Ohren zeigte.

Ohne zu wissen, warum, tat Julie, was er sagte. Sie starrte ihn weiter an wie ein hilfloses Reh im Kegel eines Scheinwerferlichts.

“Danke”, sagte er, als der Lärm plötzlich aufhörte. Er grinste. Sein tief gebräuntes Gesicht ließ seine Zähne noch weißer wirken. Seine Augen blitzten vergnügt. Ein Grübchen in seiner Wange verlieh den sehr männlichen Zügen jungenhaftem Charme. Julie fühlte sich sicher genug, ihr Fenster einen halben Zentimeter herunterzulassen.

“Sieht aus, als hätten Sie sich in eine unangenehme Situation gebracht”, sagte er.

Julie drückte ihre Stirn gegen das Fenster und versuchte zu erkennen, wo der schreckliche, bärtige Kerl geblieben war. “Haben Sie ihn umgebracht?”, fragte sie mit zitternder Stimme.

Der Mann sah sie verblüfft an. “Warum in aller Welt sollte ich ihn umbringen? Ich kenne Sie doch überhaupt nicht. Nehmen Sie es nicht persönlich, aber ich würde wirklich nicht für jemanden ins Gefängnis gehen, den ich nicht einmal kenne.”

“Haben Sie ihn bewusstlos geschlagen?”, fragte sie weiter. Irgendwie gefiel ihr der Gedanke, dass dieser Mann sich für sie geprügelt hatte.

Er verdrehte die Augen. “Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie ein wenig dramatisch sind? Er hat gesagt, dass ich weiterfahren soll, wenn ich keinen Ärger will. Ich habe gesagt, dass ich Ärger noch nie aus dem Weg gegangen bin.

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