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Ein Bodyguard zum Heiraten?

Day Leclaire

Ein Bodyguard zum Heiraten?

PROLOG

„Ich brauche deine Hilfe.“

Wäre die Bitte nicht von seiner Großmutter gekommen, hätte Luc Dante sie einfach ignoriert. Aber da er diese Frau von ganzem Herzen liebte, wollte er wissen: „Und was kann ich für dich tun?“

In ihren haselnussbraunen Augen sah er Mitgefühl und auch einen Funken dieses unerschütterlichen Humors, der sie auszeichnete. Als sie einen Moment lang zögerte, schrillten seine Alarmglocken – ein Warnsignal, auf das er stets hörte. „Also, um die Wahrheit zu sagen … eine Freundin von mir braucht deine Hilfe“, gab sie zu.

„Nonna …“

„Hör mich erst mal an, Luciano.“ Auf ihre Art konnte seine Großmutter genauso herrisch wie sein Großvater Primo sein. Als Luc ihr zunickte, fuhr sie fort: „Du erinnerst dich doch an meine alte Freundin Marietta de Luca, nicht wahr? Als du noch ein kleiner Junge warst, sind wir einmal alle zusammen in die Ferien gefahren. Ihr Kinder habt sie Madam genannt. Sogar ihre Enkel nennen sie so.“

Er dachte daran zurück, und alles fiel ihm wieder ein. Das Sommerhaus der Dantes. Der See. Seine drei Brüder, seine Schwester und die vier Cousins, die unbeschwert herumtollten. Und dazu die drei kleinen Mädchen – Madam de Lucas Enkelkinder – mit schwarzem Haar und dunklen Augen. Sie hatten sie heimlich immer die drei Hexenmädchen genannt.

Dann hatte es da noch ein viertes Mädchen gegeben, erinnerte er sich, mit roten Haaren und sehr blasser Haut, das sich immer sehr zurückgehalten und selten etwas gesagt hatte. Meist hatte sie gelesen. Sie hatten ihr den Spitznamen Red, die Rothaarige, gegeben – nicht sehr originell, aber sie waren ja auch noch Kinder gewesen.

Noch gut konnte er sich daran erinnern, dass dieses merkwürdig stille Mädchen zwiespältige Gefühle in ihm ausgelöst hatte, besonders wenn es ihm zufällig mal etwas näher gekommen war. Am liebsten hätte er die Kleine angestupst, um irgendeine Reaktion aus ihr herauszukitzeln. Aber sie hatte sich von ihnen allen ferngehalten, sich davongeschlichen, wenn sie sich ihr näherten, und war meist nur zu den Mahlzeiten aufgetaucht, um etwas zu essen und dann gleich wieder zu verschwinden. Aus irgendeinem Grund hatte ihr Verhalten ihn nachhaltig verstört. Vielleicht hätte er irgendetwas getan – er wusste selbst nicht was –, wenn seine Großeltern die Kinder nicht ständig im Blick gehabt hätten.

Luc schüttelte den Gedanken ab. „Ja, ich kann mich an Madam erinnern“, sagte er. Damals hatte er gedacht, Madam wäre ein passender Name für einen Hund, aber diesen Gedanken hatte er seinerzeit wohlweislich für sich behalten. Ihr Bild trat vor sein geistiges Auge: eine elegante, geradezu aristokratische Frau mit pechschwarzem Haar, deren Blick Respekt einflößte. „Was ist mit ihr?“

„Ihre älteste Enkelin Téa braucht für ein paar Wochen deine Hilfe.“

Welche der Hexen von damals mag Téa sein, fragte er sich, aber seine böse Vorahnung vertrieb die Frage. „Welche Art von Hilfe?“, hakte er misstrauisch nach.

„Na ja …“ Nonna atmete tief durch. „Um ehrlich zu sein – sie braucht einen Leibwächter.“

Luc fuhr hoch, und sein Knie begann durch die heftige Bewegung zu schmerzen. Das kam ja gar nicht infrage! „Nein.“

„Hör mal, Luciano …“

Er humpelte zu den Fenstern des Konferenzraums und blickte auf die Stadt. An jedem anderen Tag hätte er jetzt den großartigen Anblick der San Francisco Bay und den strahlend blauen Himmel bewundert, aber nicht heute. Nicht jetzt. Denn in diesem Moment begannen ihn die Erinnerungen zu überwältigen.

„Das kann ich nicht.“ Barsch stieß er die Worte hervor, ablehnender als beabsichtigt. „Das kannst du mir nicht zumuten. Das noch einmal mitzumachen …“

„Es war nicht deine Schuld“, erwiderte Nonna leise.

So sehr er sich auch bemühte, die schrecklichen Erinnerungen zu verdrängen – es gelang ihm nicht. Der verzweifelte Versuch, den Verfolgern zu entkommen. Dann der Wagen, der plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht war. Der Zusammenstoß. Das Kind. Um Himmels willen, das Kind! Der Ehemann – tot. Die Ehefrau – verzweifelt. Ihr Schluchzen, ihr verzweifeltes Flehen: Lassen Sie mich sterben! Lassen Sie mich sterben … damit ich wieder bei ihnen sein kann.

Er schloss die Augen, um die Erinnerung loszuwerden. „Nein, Nonna, das kann ich nicht. Das mache ich nicht.“

„So gefährlich ist der Job nicht“, merkte sie sanft an.

Als er sich wieder im Griff hatte, sagte er ganz ruhig: „Wenn sie einen Leibwächter braucht, ist er doch gefährlich.“

„Hör mich erst mal an, cucciolo mio. Téa erbt ein großes Vermögen, wenn sie fünfundzwanzig wird.“ Nonna hob die Augen zum Himmel. „Falls sie den Geburtstag erlebt.“

Na schön, dachte er, lass sie erst mal die Geschichte erzählen, ablehnen kann ich immer noch. „Gibt es jemanden, der das verhindern will?“

„Nein, nein, so dramatisch ist es nicht. Téa ist nur ein bisschen … geistesabwesend und zerstreut.“ Nonna schüttelte den Kopf und redete dann auf Italienisch weiter. „Weil sie immer so konzentriert ist.“

Luc hob eine Augenbraue und wechselte ebenfalls ins Italienische. „Ja, was denn nun? Ist sie geistesabwesend oder konzentriert?“

„Beides gleichzeitig irgendwie. Die Sachen, mit denen sie sich gerade beschäftigt, nehmen sie komplett in Beschlag. Sie ist dann derart konzentriert darauf, dass sie alles um sich herum vergisst. Und dadurch könnte ihr leicht etwas zustoßen.“

„Dann schließt sie doch so lange weg, sperrt sie in ein Zimmer ein, bis sie ihren Geburtstag feiern kann. Wann ist es so weit?“

„In sechs Wochen.“

„Sechs Wochen, das geht doch. Das ist die Lösung.“

„Also – erstens müsste sie damit einverstanden sein, und das wird sie nicht sein. Zweitens verdient sie das Geld, das die ganze Familie braucht. Sie kann es sich nicht leisten, sechs Wochen nicht zu arbeiten. Die de Lucas stecken in finanziellen Schwierigkeiten.“

„Und damit wird es vorbei sein, sobald diese Téa fünfundzwanzig wird?“

„Ganz genau“, antwortete seine Großmutter und nickte. „An ihrem Geburtstag erbt sie einen großen Treuhandfonds und wird Besitzerin eines Unternehmens, das ihrer gesamten Familie den Lebensunterhalt sichern wird. Sollte ihr jedoch vorher etwas zustoßen …“, Nonna zuckte mit den Schultern, „… wird nichts daraus.“

„Ich habe schon einen Job.“

Das stimmte ja auch. Eigentlich. Er war Sicherheitschef für Dantes Kurierdienst, den Zweig des Unternehmens, der für den Transport der Diamanten und Juwelen zuständig war. Normalerweise hätte er deshalb keine Zeit für den Leibwächterjob gehabt. Doch weil vor Kurzem eine Lieferung gestohlen worden war und deshalb Polizei und Versicherung alles gründlich untersuchten, war der Kurierdienst für diese Zeit geschlossen.

Nonna sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. „Verkauf mich nicht für dumm, mein Junge.“

Luc seufzte. Er wusste, er saß in der Falle. „Also noch mal kurz zusammengefasst: Ich soll auf eine etwas zerstreute junge Frau aufpassen, damit sie ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag noch erlebt? Das ist alles? Keine Gefahr, keine richtige Leibwächtertätigkeit? Du brauchst also nur einen … ja, was eigentlich? Einen Babysitter?“

Nonna lächelte erleichtert. „Ganz genau. Téa de Luca braucht für die nächsten sechs Wochen einen Babysitter. Und ich habe Madam versprochen, dass du auf ihr Baby aufpasst.“

1. KAPITEL

Luc hatte sich auf den zerbrechlich wirkenden Stuhl an dem kleinen Bistrotisch gequetscht, was bei seiner Größe von eins neunzig nicht ganz einfach war. Ihm gegenüber saßen Nonna und Madam und unterhielten sich angeregt auf Italienisch. Gemeinsam warteten sie in dem beliebten Café in Downtown San Francisco auf Téa de Luca – oder Hexenmädchen Nummer eins, wie Luc sie insgeheim nannte. Sie war unpünktlich. So etwas konnte er überhaupt nicht leiden.

Unpünktlichkeit war in seinen Augen selbstsüchtig und unhöflich. Unausgesprochen drückte sie aus: Es geht nur um mich. Frauen mit einer solchen Einstellung hasste er und mied sie, wo es nur ging.

Ungeduldig griff er in die Snack-Schale. Wo zum Teufel blieb sie nur? Sie sollte bloß nicht denken, dass er den ganzen Tag Zeit hatte, auf ihre Hoheit Prinzessin Hexenmädchen zu warten. Na ja, eigentlich hatte er schon die Zeit, weil der Kurierdienst brachlag, solange Polizei und Versicherung den Raub des Feuerdiamanten untersuchten. Trotzdem gab es jede Menge Dinge, die er lieber getan hätte. Wie etwa, sich vor einen fahrenden Zug zu werfen oder mit blutrünstigen weißen Haien um die Wette zu schwimmen.

Er räusperte sich und beugte sich zu Madam hinüber. „Wo zum Teu…“ Als er den erbosten Blick seiner Großmutter sah, besann er sich und formulierte sein Anliegen höflicher. „Würden Sie bitte noch einmal versuchen, Téa auf ihrem Handy zu erreichen, Madam?“

„Hast du denn noch was anderes vor, Luciano?“, fragte Nonna. Es klang nicht unbedingt unfreundlich, aber ihr warnender Blick entging ihm nicht.

Doch er tat so, als bemerke er ihn nicht. „Das hab ich tatsächlich“, log er, ohne rot zu werden.

Madam nahm ihr lavendelfarbenes Designer-Handy, das sie vorsichtig, als sei es eine Landmine, auf den Tisch gelegt hatte. Sie setzte ihre Lesebrille auf, die ihr an einer Kette um den Hals hing, und drückte zaghaft ein paar Tasten. „Ach nein, das war verkehrt“, murmelte sie mit gerunzelter Stirn.

„Eigentlich müsste das Gerät eine Wahlwiederholungstaste haben“, erklärte Nonna hilfsbereit. „Du hast es doch schon ein paarmal versucht …“

„Soll ich das vielleicht machen?“, bot Luc an.

Mit einer merkwürdigen Mischung aus Erleichterung und Grandezza überreichte sie ihm das Handy. Kein Wunder, dass sie Madam genannt wird, dachte Luc. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht – das wäre sehr nett.“

„Mach ich doch gerne.“

Er drückte auf das richtige Knöpfchen und wartete, dass sich die Verbindung aufbaute. Während es klingelte, beobachtete er die Passanten auf dem belebten Bürgersteig jenseits des schmiedeeisernen Zaunes. Das hatte er sich während seiner Militärzeit angewöhnt und beibehalten, als er sein Security-Unternehmen gegründet hatte. Und auch in seiner derzeitigen Beschäftigung – oder Nicht-Beschäftigung – als Sicherheitschef für Dantes Kurierdienst hatte Luc die Angewohnheit nicht abgelegt. Aber wenn alles gut ging, würde der Diebstahl bald aufgeklärt sein, und er könnte wieder sinnvollen Tätigkeiten nachgehen. Statt den Babysitter für Hexenmädchen Nummer eins zu spielen.

Eilig überquerten Fußgänger den Zebrastreifen nahe dem Café. Mit Ausnahme einer jungen Frau, die mitten auf der Straße stehen blieb, umständlich einen Aktenkoffer hochhielt und aus ihrer Umhängetasche drei Handys hervorkramte. Ohne genau zu wissen warum, stand Luc auf, das Handy immer noch am Ohr.

Die Ampel begann bereits zu blinken und zeigte damit an, dass sie gleich auf Rot springen würde. Besorgt registrierte er, dass die rothaarige junge Frau davon nichts zu bemerken schien, während sie verwirrt ihre Handys betrachtete. Schließlich griff sie nach einem davon, das – wie er selbst auf diese Entfernung erkennen konnte – lavendelfarben war. Genau die gleiche Farbe wie das in seiner Hand. Sie klappte es auf.

In dem Moment hörte er die atemlose Stimme an seinem Ohr. „Hallo? Madam?“

Alle Alarmglocken schrillten. Blitzschnell ließ Luc das Handy fallen, rannte auf den schmiedeeisernen Zaun zu und sprang mit einem großen Satz darüber, wobei er darauf achtete, auf seinem gesunden Bein zu landen. Dann setzte er zu einem Spurt an und ignorierte dabei den stechenden Schmerz. Die Ampel sprang um, und die Autos fuhren an. Du musst die Frau retten!, schoss es ihm durch den Kopf.

Nichts anderes zählte jetzt. Er dachte an seinen Cousin Nicolò, dessen Frau kurz nach ihrem Kennenlernen von einem Taxi erfasst worden war. Der Fahrer hatte auf eine andere Spur gewechselt, um ein langsames Auto zu überholen, und war dann auf den Zebrastreifen gerast, wo er Kiley erwischt hatte. Durch den Unfall hatte sie ihr Gedächtnis verloren, ein Zustand, der bis zum heutigen Tag anhielt. Doch es war ihr und Nicolò gelungen, sich ein neues Leben aufzubauen, und schon bald würde ihre Ehe von einem Baby gekrönt werden.

Rette die Frau – jetzt sofort!

Hilflos sah Luc zu, wie sich die Geschichte wiederholte. Ein Taxi umfuhr einen Lieferwagen, der in zweiter Reihe parkte. Hupend fuhr das Taxi auf den Zebrastreifen zu. Ganz offensichtlich sah der Fahrer die Frau nicht, weil er wahrscheinlich damit beschäftigt war, auf den Lieferwagenfahrer zu schimpfen. Und die Frau bemerkte nichts von der drohenden Gefahr, weil sie immer noch die Tasten auf ihrem Handy drückte.

Rette die Frau – oder sie ist verloren!

Luc stieß einen Warnruf aus und rannte humpelnd weiter. Im Stillen verfluchte er sein lädiertes Bein, das schuld daran war, dass er die Frau nicht mehr rechtzeitig erreichen würde. Erst im allerletzten Moment erkannte der Fahrer die Gefahr und trat auf die Bremse. Gummi quietschte, Metall kreischte. Luc trieb sich zu noch größerer Eile an, hoffte, sein Bein würde durchhalten, aber er wusste: Er würde es nicht rechtzeitig schaffen.

Sekundenbruchteile vor dem drohenden Aufprall scherte das Taxi aus – gerade noch weit genug. In diesem Moment war Luc bei der Frau, zog sie mit sich, und beide landeten auf dem Bürgersteig. Dabei kam er mit seiner verletzten Hüfte auf, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihn.

„Verdammt, tut das weh!“

Um die beiden herum waren zahllose Akten und Papiere verstreut. Vorsichtig versuchte Luc sich hinzusetzen, und seine Hüfte rebellierte. Verflixt! Gebrochen schien sie nicht zu sein … aber auch nicht gerade in bester Verfassung. „Bleiben Sie immer mitten auf dem Zebrastreifen stehen, damit die Autos Sie besser erwischen können?“, fuhr er die junge Frau an – etwas zorniger, als er eigentlich gewollt hatte, aber das war dem Schmerz geschuldet.

Etwas empört setzte sie sich die Brille wieder auf, die nur noch an einem Ohr gebaumelt hatte. Durch den Zusammenprall war sie verbogen, sodass sie nun schief saß. „Ich hatte gerade einen Anruf von meiner Großmutter bekommen.“ Die Erklärung schien sie wieder an das unbeendete Telefonat zu erinnern, und sie wühlte in den herumliegenden Sachen, bis sie das lavendelfarbene Handy gefunden hatte. „Hallo? Madam, bist du noch dran?“

„Téa, um Himmels willen! Ist alles in Ordnung mit dir?“

Die Stimme kam nicht aus dem Handy, sondern aus ein paar Metern Entfernung. Madam und Nonna liefen auf die beiden zu. Aufstöhnend erhob sich Luc und reichte Téa die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Und da geschah es. Bei der Berührung war es, als durchzuckten ihn hunderttausend Volt. So etwas hatte er noch nie verspürt. Nur mühsam konnte er den Impuls unterdrücken, die Frau ganz fest zu ergreifen und mit ihr zu verschwinden. An irgendeinen geheimen Ort, wo er sie lieben konnte.

Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an, und er konnte daraus nur schließen, dass sie es auch gefühlt hatte. Sie öffnete leicht die Lippen, als ob sie um einen Kuss flehte, und das Feuer in ihren blaugrünen Augen loderte hell. Plötzlich war sie ganz blass geworden, was durch ihr lockiges dunkelrotes Haar noch mehr betont wurde. Erstaunen und Unglauben spiegelten sich auf ihrem Gesicht.

Sie wandte den Blick von ihm ab und schaute auf ihre Hand, die von seiner gehalten wurde. „Was … was war denn das?“, flüsterte sie.

Tief in sich wusste er es, obwohl er es nicht wahrhaben wollte. Dafür war es einfach zu unlogisch. Ein Phänomen, an dessen Existenz er einfach nicht glauben wollte, nicht glauben konnte. Und dennoch – es hatte sich genauso angefühlt, wie sein Großvater es ihm beschrieben hatte. Genauso, wie seine Eltern es geschildert hatten. Auch seine Cousins hatten behauptet, es wäre ihnen widerfahren. Und er hatte gehofft, bei ihm würde es nie passieren.

„Das … das war unglaublich“, stieß er hervor.

„Téa?“, fragte Madam besorgt. „Téa, ich habe dich gefragt, ob alles in Ordnung mit dir ist.“

Sie riss ihre Hand von Luc los und wandte sich ihrer Großmutter zu. „Ja, mir geht’s gut. Ich wurde ein bisschen unsanft behandelt, aber ich bin nicht verletzt.“

Luc kniff die Augen zusammen. Unsanft behandelt? Was soll denn das heißen? Schließlich war er ihr wie ein Held zur Seite gesprungen, um sie zu retten!

Aber bevor er dazu etwas sagen konnte, halfen ihr einige Passanten, ihre Habseligkeiten aufzusammeln, die sie mit großer Sorgfalt wieder in ihrem Aktenkoffer und ihrer Umhängetasche verstaute. Das Begehren, das ihn gerade eben noch überwältigt hatte, verflüchtigte sich – zumindest so weit, dass er sich ebenfalls bückte und ihre drei Handys aufhob. Eins klingelte unablässig.

Madam war den Tränen nahe, und auch Nonna blickte sorgenvoll drein. Nur Téa schien von dem Geschehen seltsam unberührt zu sein.

Luc hingegen fiel es schwer, überhaupt einen klaren Gedanken zu fassen. Er wünschte sich, all das wäre nicht passiert. Sein ganzer Körper schmerzte, vor allem sein Knie und seine Hüfte. Ihn verwirrte, dass es dieser Téa offenbar überhaupt nicht bewusst war, welcher Todesgefahr sie gerade entronnen war. Was war denn das für eine Traumtänzerin? Dazu noch diese plötzliche Erregung, als er ihre Hand berührt hatte – das gefiel ihm überhaupt nicht.

Schnell entschlossen drängte er die drei Frauen ins Café. Als sie sich alle gesetzt hatten, winkte er den Kellner heran und bestellte für die Damen Kaffee – und für sich ein Bier. Etwas Stärkeres wäre ihm lieber gewesen, am liebsten hätte er eine Handvoll Schmerztabletten mit einem großen Whisky hinuntergespült. Aber weil das Café keine Spirituosen führte, musste halt Bier ausreichen.

„Wie gut, dass Sie zur Stelle waren, um Téa vor diesem verrückt gewordenen Taxifahrer zu retten“, merkte Madam an.

Mit vorwurfsvollem Blick musterte Luc Téa. „Würde Ihre Enkelin nicht mitten auf dem Zebrastreifen ans Handy gehen, bräuchte sie sich auch keine Sorgen um wild gewordene Taxifahrer zu machen.“

Téa lächelte. „Inzwischen weiß ich ja, dass Sie mich angerufen haben. Das heißt – die Schuld liegt bei Ihnen.“

„Bei mir? Ich habe mich wohl verhört!“ Der Kellner kam mit den Getränken und senkte den Blick, als er Lucs gereizte Stimme hörte. „Wieso soll ich schuld daran sein, dass Sie mitten auf dem Zebrastreifen einer belebten Straße Anrufe entgegennehmen?“

„Hätten Sie mich nicht angerufen …“

„Was nicht nötig gewesen wäre, wenn Sie pünktlich gewesen wären …“

„… hätte ich auch nicht mitten auf dem Zebrastreifen ans Handy gehen müssen.“

„Wie gesagt, wären Sie pünktlich gewesen, hätte ich Sie nicht anrufen müssen. Aber gern geschehen, nichts zu danken.“

Ungeduldig bedeutete Luc dem Kellner, die Getränke abzustellen. Unterwürfig nahm der Mann die Essensbestellung der vier entgegen und ging schnell wieder.

„Nichts zu danken?“, wiederholte Téa.

Sie blinzelte, als ihr plötzlich bewusst zu werden schien, dass sie noch ihre verbogene Lesebrille aufhatte. Schnell nahm sie sie ab und setzte dann ihr freundlichstes Lächeln auf. Was sie völlig veränderte. Eben noch war sie nur hübsch gewesen – jetzt war sie atemberaubend.

Eine gewaltige Erregung erfasste ihn. Der Wunsch, einfach mit ihr an einen geheimen Ort zu entschwinden, wurde stärker als zuvor. Schnell trank Luc einen großen Schluck Bier, in der Hoffnung, es würde die Flammen der Leidenschaft löschen. Doch das Gegenteil war der Fall. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: Wie konnte er sie aus dieser langweiligen Runde loseisen und mit ihr verschwinden? Was sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, schrie nach Erfüllung. Nach mehrmaliger Erfüllung, wenn nötig. So oft, bis das Begehren nachließ und er wieder klar denken konnte.

„Tut mir leid“, lenkte sie ein. „Vielleicht sollten wir noch einmal ganz von vorn anfangen. Vielen Dank, dass Sie mich vor dem wild gewordenen Taxi gerettet haben. Tut mir auch leid, dass ich zu spät dran war. Aber ich versichere Ihnen, es war unvermeidlich. Normalerweise gehe ich auch nicht mitten auf der Straße an mein Handy, aber es war Madams Handy, das habe ich am Klingelton erkannt, und ihre Anrufe nehme ich immer sofort entgegen, egal wann und wo.“

Die Argumente kamen schnell und präzise. Eben noch hatte Luc sie für völlig zerstreut gehalten, aber jetzt begriff er, was Nonna neulich gemeint hatte. Diese junge Frau lebte in einem organisierten Chaos, und ihre Konzentration auf einzelne Dinge gipfelte manchmal in Selbstvergessenheit.

Langsam senkte er den Kopf. „Gut, ist in Ordnung.“

„Das wäre also geklärt“, fuhr sie fort. „Allerdings sehe ich den Sinn dieses Treffens nicht ganz ein.“ An Madam gewandt fügte sie hinzu: „Ich weiß deine Fürsorglichkeit zu schätzen, aber ich brauche keinen Leibwächter, der auf mich aufpasst.“

„Komisch“, sagte Luc. „Wenn ich bedenke, was vor fünf Minuten passiert ist, würde ich sagen, dass Sie nichts nötiger brauchen als einen Leibwächter.“

„Ach, das hätte doch jedem passieren können. Außerdem hätte das Taxi mich sowieso nicht erwischt.“

Einen Augenblick lang war Luc sprachlos. „Sind Sie verrückt geworden?“, stieß er dann hervor.

Beruhigend legte sie ihm die Hand auf den Arm, zog sie aber sofort wieder weg. Vielleicht hatte es etwas mit dem Stromstoß zu tun, der ihn in diesem Moment durchzuckte – und sie wahrscheinlich ebenso. Bei jeder kleinsten Berührung wuchs das, was zwischen ihnen war. Ihn erfüllte es mit Befriedigung, dass sie mehrere Sekunden brauchte, um weitersprechen zu können. In dem kurzen Moment der Stille kam der Kellner, servierte ihre Bestellungen und ging sofort wieder.

„Sie haben sich zweifellos heldenhaft verhalten, und ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich für mich in Gefahr begeben haben“, erwiderte Téa gestelzt und gab Essig und Öl auf ihren Salat. „Aber das Auto ist in letzter Sekunde noch ausgewichen.“

Gereizt lehnte er sich zu ihr. „Dadurch hatte ich gerade noch Gelegenheit, Sie aus der Gefahrenzone zu ziehen. Sonst hätte seine Heckstoßstange Sie erfasst.“ Er steckte sich zwei Pommes frites in den Mund. „Nein, junge Dame, hätte ich Sie nicht in letzter Sekunde gerettet, wären Sie jetzt nur noch breiige Masse.“

„Luciano …“, murmelte Nonna.

Verwirrt musterte er erst seine Großmutter, dann Madam. Beide blickten schockiert drein. Das war wohl etwas zu dick aufgetragen, dachte er. Schnell ergriff er Madams Hand. „Bitte beruhigen Sie sich. Ist ja nichts passiert. Und ich werde dafür sorgen, dass das auch in Zukunft so bleibt.“

„Vielen Dank.“ Ihre Augen schimmerten feucht. „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel mir das bedeutet.“

„Jetzt mal langsam“, unterbrach Téa den Wortwechsel aufgebracht. „Da habe ich ja auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

Kritisch musterte er sie. Ja, sie leistete Widerstand, aber das spornte ihn nur an. Er war sehr gut darin, jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken, das konnten alle bezeugen. Sowohl die Männer, die beim Militär unter ihm gedient hatten, als auch seine jetzigen Mitarbeiter. „Und wenn Sie einwilligen würden, um Ihrer lieben Großmutter einen Gefallen zu tun …?“, fragte er lammfromm.

„Oh, sehr raffiniert“, meinte sie amüsiert. „Geschickt eingefädelt.“

„Du sagst doch Ja, Téa. Oder?“ Madams Frage klang mehr wie eine Forderung. „Dann könnten wir alle ruhiger schlafen. Juliann kann sich auf ihre Hochzeit konzentrieren und Davida aufs Lernen. Und Katrina kann …“ Sie hielt inne und suchte nach Worten.

„… weiter in Schwierigkeiten geraten?“, ergänzte Téa trocken.

„Sie ist ein gutes Kind“, erwiderte Madam seufzend. „Wahrscheinlich kann sie nichts dafür, dass sie das Unheil magisch anzieht.“

Wie aufs Stichwort klingelte plötzlich das Handy in Téas Tasche. Sie lächelte. „Wenn man vom Teufel spricht …“

„Dann sind wir uns einig“, fasste Luc zusammen, während plötzlich ein weiteres Handy zu klingen begann.

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