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Ein Bär im Betstuhl

Arto Paasilinna

Ein Bär im Betstuhl

Roman

Aus dem Finnischen von Regine Pirschel

BASTEI ENTERTAINMENT

Erster Teil

Der verwaiste Teddy

VOM SCHICKSAL EINER BÄRIN

»Satan wütet unter uns wie ein brüllender Löwe!«

Pastor Oskari Huuskonen stützte sich mit beiden Händen auf den Rand der Kanzel und sandte einen grimmigen Blick nach unten in die Gemeinde. Die Gottesdienstbesucher hockten schuldbewusst in ihren Bänken. Die Kirche war aus geteerten Balken gezimmert. Außen war sie mit rotem Ocker, drinnen blaugrau in der Farbe des Himmels gestrichen, der Altar und die Kanzel bestanden aus patinierter Kiefer mit hohem Kernholzanteil. In den vorderen Bänken saßen die Honoratioren der Gemeinde Nummenpää: Landwirtschaftsrat Lauri Kaakkuri, Betonfabrikant Onni Haapala, Generalmajor Hannes Roikonen, Doktor Seppo Sorjonen, außerdem der Apotheker, die Lehrer, der Bauinspektor, der Chef der Feuerwehr … und Saara Huuskonen, die Gattin des Pastors, eine schöne, hochnäsige Frau, die stets peinlich berührt wirkte, wenn sie die Verkündigungen ihres Mannes anhörte.

»Aber wenn die Peitsche Gottes den Hintern des Satans streift, dann stiebt das Fell, und die losen Haare rieseln in seine Hose!«

Oskari Huuskonen predigte scharfzüngig, anders als die meisten heutigen Geistlichen schonte er seine Gemeinde nicht. Harte Zeiten verlangten nach einem strengen Pastor, und das war Huuskonen.

In derselben Gemeinde brachte an ebendiesem Morgen eine kluge Bärin ihren Jungen die wichtigsten Lebensregeln bei: Am besten geht man nachts, wenn die barbarischen Menschen schlafen, auf Nahrungssuche, um dann tagsüber in den dunklen Tannenwäldern zu schlummern. Im Winter liegt man in seiner Höhle, und im Sommer streift man nach Art eines freien Raubtieres durch die Gegend.

Es herrschte Frühsommer. Die braune Bärin war vor anderthalb Monaten in ihrer Winterhöhle erwacht. Sie hatte zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, die im Winter in der Höhle unter dem Schnee geboren worden waren und jetzt die Größe von kleinen Hunden hatten, es waren rührende, niedliche Teddybären. Der Geburtsakt war in jeder Weise gut verlaufen, ohne Aufregung und Komplikationen. Bärinnen brauchen keine Hebammen, und die Väter sind nicht bei der Geburt dabei. Alles passiert in der stockdunklen Höhle, die Bärin wacht kaum auf, wenn sie ihre Jungen, die die Größe von Garnknäueln haben, in die Welt wirft. Die ganze Babypflege besteht darin, ihre Kleinen an die Zitzen zu drücken.

Jetzt herrschten bereits die hellen Nächte, es war Ende Mai. Die drei Pelztiere trotteten unterhalb der Starkstromleitung entlang, die sich quer durch die Gemeinde Nummenpää zog. In dieser Gegend wuchs dichter Birken- und Ebereschen-Wald, und an den trockneren Stellen Wacholdersträucher und Tannenschösslinge. Nummenpää ist die Nachbargemeinde von Sammatti und Somero im Südwesten der Provinz Uusimaa. Die Stromleitung, die von den Kraftwerken im Norden kommt, durchquert diese Gegend und führt in die Hauptstadt, wo der meiste Strom verbraucht wird. Die Bärin unterhielt ihre Winterhöhle etwa zehn Kilometer vom Kirchdorf entfernt in einem dichten, hügeligen Fichtenwald, und sie ging jeden Sommer in dieser Gegend auf Beute, streifte außerhalb der kleinen Dörfer umher, riss manchmal einen Elch oder ein Ren, und jetzt lehrte sie ihre Jungen, wie man Ameiseneier fraß. Unter der Stromleitung befand sich nämlich ein Ameisennest, und, dort angelangt, räumte die Bärin den Hügel beiseite und demonstrierte, dass man recht tief graben muss, vorsichtig, bis man mit der Tatze in die weiße, wimmelnde Schicht der Ameiseneier langen kann. Dann schaufelt man sich flugs die Delikatessen ins Maul, wobei man aufpassen muss, dass man nicht zu viele Tannennadeln und anderen Abfall herunterschluckt. Man bedient sich am besten in den frühen Morgenstunden an den Nestern, wenn die Arbeitsameisen schlafen und die Larven hübsch geordnet in den Tiefen des Nestes liegen. Die beiden Bärenkinder wühlten eifrig in der Erde und kosteten die Delikatessen, wie ihre Mutter es ihnen gezeigt hatte. Die Dinger schmeckten besser als Frösche und nicht so bitter wie die überjährigen Moosbeeren.

Als alle drei genug geschlemmt hatten, scharrte die Bärenmutter den Hügel wieder zurück, zum Zeichen, dass sie nicht das ganze Nest hatte zerstören, sondern nur die Eier hatte haben wollen, die den Bären zustanden.

Als Nächstes kamen sie in ein Rodungsgebiet, wo die Bärin von den Baumstümpfen Borke abriss und diese nach weißen, fetten Maden mit Scherenkiefern absuchte. Die Maden schmeckten den Kindern mindestens ebenso köstlich wie die Ameiseneier. Bären sind von klein auf Leckermäuler.

Bei Tagesanbruch gelangten sie an den Rand des Kirchdorfes, wo die Bärenmutter geübt zwei Bienenkörbe leerte. Sie riss in den Maschendrahtzaun des Gartens ein Loch, trabte dann mit ihren Kleinen auf das Gelände, stieß einen der Körbe um und zog geschickt die Waben heraus, die sie, ohne Rücksicht auf den Widerstand der Bienen, sorgfältig und genießerisch ausleckte. Die geleerten Waben stapelte sie neben sich auf, ohne sie zu zerbrechen. Diese Bärin war kein boshafter und zerstörerischer Charakter.

Nach Genuss der Leckereien zogen die drei unter der Starkstromleitung weiter und näherten sich den ersten Häusern des Dorfes. Ein Hund, ein Spitz, begann zu bellen. Die Bärin kommandierte ihre Jungen hinter einen Baum und legte sich selbst ebenfalls auf die Erde, aber als sich der Hund nicht beruhigte, begann sie leise und warnend zu brummen. Dem Hund sträubte sich das Fell, er kniff den Schwanz ein und verschwand in seiner Hütte, aus der nur noch seine furchtsame, feuchte Schnauze herauslugte.

Nach einer Weile erhob sich die Bärin, witterte lange, und als sie feststellte, dass sich die Situation entspannt hatte, zog sie mit ihren Kleinen weiter. In der Nähe der Transformatorenstation standen ein Einfamilienhaus und, weiter hinten am Waldrand, mehrere Wirtschaftsgebäude, eines davon diente der Hausbier- und Malzextrakt-Kommanditgesellschaft von Nummenpää als Brauerei. Aus dem Gebäude wehte ein so anregender Duft, dass die Bärin nicht widerstehen konnte. Sie umrundete das Objekt, um den Eingang zu suchen, doch da sämtliche Türen verschlossen waren, blieb ihr nichts weiter übrig, als einzubrechen: Sie erhob sich auf die Hinterbeine und drückte mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Blechtür, die langsam nachgab und sich nach innen bog, wobei kaum Geräusche entstanden. Die Bärin horchte eine Weile, dann schob sie sich durch die Öffnung, und die Kleinen huschten hinterher.

Drinnen war es dunkel, aber mit dem untrüglichen Instinkt der Waldtiere fanden die Bären schnell den Bottich, der mit zweihundert Litern einer dicken Flüssigkeit gefüllt war. Das kam ihnen sehr zupass, denn sie hatten großen Durst. Die Bärenmutter schlappte gierig die schäumende Würze, und auch die Kleinen erhoben sich auf die Hinterbeine und steckten ihr Maul in den Behälter. Prustend und schnaubend labten sie sich am Inhalt. Die Mutter trank ausgiebig. Ein köstliches Getränk, das sie da gefunden hatte! Später sahen sich die Bären genauer in dem Lager um. Sie fanden eine große Kiste, halb gefüllt mit Gerstenmalz, das sie in sich hineinstopften, dann kehrten sie wieder an den Bierbottich zurück. Das Gebräu stieg ihnen zu Kopf, sie wurden ausgelassen und vergaßen ihre angeborene Vorsicht. Die Kleinen begannen herumzutollen, und auch die Mutter verspürte Lust, ringsum ein wenig Kleinholz zu machen, aber als ältere und vorsichtigere Bärin konnte sie sich vorläufig noch beherrschen.

Die Kleinen bekamen Durchfall, doch was machte schon das bisschen Bärenscheiße aus. Teddys tragen keine Hosen, die schmutzig werden, wenn mal ein Malheur passiert.

Als sich die Mutter satt getrunken hatte, scheuchte sie ihre Jungen nach draußen und kehrte mit ihnen wieder an die Stromleitung zurück, um sich ein wenig auszuruhen. Die Bärin war ein großes Tier, sie wog mindestens hundertfünfzig Kilo, ihre Risthöhe betrug an die achtzig Zentimeter, sie hatte einen dicken Pelz und buschig bewachsene Wangenknochen. Mit all ihren Reizen stand sie bei den männlichen Tieren der Gegend hoch im Kurs; während der Brunstzeit musste sie nicht extra weibliche Mittel einsetzen, um ein Männchen anzulocken, im Allgemeinen trotteten gleich mehrere Exemplare hinter ihr her.

Die Bärin und ihre Jungen waren tüchtig betrunken. Sie hatten keine Lust, in den Wald zurückzukehren, sondern trabten kühn weiter und gelangten zur Trafostation und zum Haus der Köchin Astrid Sahari. Beim Lebensmittelspeicher nahmen sie wieder Witterung auf: Herrliche Düfte lockten, und die Bärenmutter beschloss, in Astrids Speicher einzubrechen, obwohl bereits helllichter Tag war. Geübt riss sie die Tür aus ihren Angeln. Mit vor Eifer bebenden Nüstern krochen die Tiere in den Speicher, in den Astrid am vergangenen Abend Dutzende von Schüsseln mit den verschiedensten Gerichten getragen hatte: Da waren Puddings, Aufläufe, diverse Soßen, Braten und Salate, Weizenzöpfe, Torten, Kuchen und Gebäck, die Gerüche machten die drei Raubtiere nur noch benommener. Sie versenkten ihre zottigen Mäuler in herrlichen Puddings, leckten glücklich Fleischsoßen und wabbelnden Aspik auf und verschlangen unbekümmert kalt geräucherte Lammkeulen. Die herrlichen Ergebnisse der wochenlangen Bemühungen von Köchin Astrid Sahari wurden auf einen Schlag zunichte gemacht. Die Delikatessen waren für eine Hochzeitsfeier bestimmt: Am heutigen Tag sollte der Baggerfahrer Hannes Loimukivi, ein allseits bekannter Windhund, mit Marketta Haapala, der einzigen Tochter des Besitzers der Betongießerei, einer etwas einfältigen, aber reizenden und liebenden Frau, vermählt werden, beide stammten aus der Gemeinde und waren vierzig Jahre alt. Onni Haapala, der Betonfabrikant, wollte die Riesenhochzeit finanzieren, und Astrid Sahari, Köchin für Feiern aller Art, hatte sie vorbereitet. Die betrunkenen Raubtiere aber hatten all die Delikatessen in Windeseile vertilgt.

Vom Kirchturm der Gemeinde Nummenpää ertönte Glockengeläut, aber das kümmerte die Bären nicht. An dieses Geräusch waren sie gewöhnt, im Winter bei strengem Frost war der metallische Klang manchmal bis in ihre Höhle hinübergeweht. Ungefährlich war das Dröhnen der Glocken des Herrn, so besagten es die Erfahrungen der Bären.

Aber angespornt von ihrem ersten Rausch, konnten es die Bärenkinder nicht lassen, zu brummen und herumzutollen, die Tische kippten um, Schüsseln zerbrachen, und Soßentöpfe rollten scheppernd umher. Köchin Astrid Sahari kam im Morgenrock herbeigerannt, um nachzuschauen, was der Lärm zu bedeuten hatte.

Großer Gott! Der ganze Speicher war voller Bären, und alle hatten das Maul voller Pudding und Sahne!

Astrid Sahari griff nach dem Besen, der an der Tür lehnte, und machte sich daran, die Räuber zu verscheuchen. Man muss wissen, dass Astrid keine ängstliche Frau war, sie hatte in ihrem fünfzigjährigen Leben allerlei mitgemacht, auch war sie zweimal verheiratet gewesen, und es sei erwähnt, dass beide Ehemänner Baggerfahrer, Vielfraße und große Säufer gewesen waren.

Sie verpasste der Bärin einen wütenden Besenhieb aufs Maul. Die Kleinen suchten bei ihrer Mutter Schutz, sie winselten vor Angst, als sie die wütende Frau sahen, die in der Tür stand und wild mit dem Besen fuchtelte.

Die Bärin wurde nervös und begann ihre Kleinen zu verteidigen. Sie packte zu und bekam Astrids Dauerwelle zu fassen, Astrid warf den Besen weg und wurde anschließend selbst zur Tür hinaus und weit auf den Hof geschleudert. Dann schickte die Bärin ihre Kleinen auf den Baum, der mitten im Hof stand. Die jaulenden Teddys kletterten flink in die dicke Fichte. Astrid nutzte die Gelegenheit und ergriff laut kreischend die Flucht. Sie rannte zum Schutzzaun der Trafostation und betete unterwegs, dass das Tor nicht abgeschlossen sein möge. Es war offen, denn in der Not wird dem Menschenkind geholfen. Die Hilfe war jedoch nur von kurzer Dauer, denn die Bärin folgte Astrid und kam ebenfalls zur Trafostation. In ihrer Not blieb Astrid nichts weiter übrig, als auf den stählernen, mehr als zwanzig Meter hohen Hochspannungsmast zu klettern.

Das Weib voran, die Bärin hinterher.

Im Glockenturm von Nummenpää begann gerade in diesem Moment die Totenglocke zu läuten. Ein gewisser Aarno Malinen, Betreiber einer Schottermühle, war vor anderthalb Wochen gestorben, und Pastor Huuskonen sprach jetzt an seinem Sarg:

»Von Erde bist du genommen, zu Erde sollst du wieder werden. Jesus Christus, unser Erlöser, wird dich am Jüngsten Tag auferwecken.«

Huuskonen dachte bei sich, dass er in diesem speziellen Fall besser hätte sagen sollen, Malinen solle zu Schotter werden, doch die Anforderungen der Liturgie verboten solche Eigenmächtigkeiten.

Malinen war gestorben, und auf seiner Reise ins Totenreich blieb er nicht allein. Astrid Sahari kletterte flink am Hochspannungsmast immer höher und höher hinauf, die Bärin mit aufgerissenem Schlund dicht auf ihren Fersen. Astrid musste sich entscheiden, was besser war, sich an die Stromleitung zu klammern oder sich von einem blutrünstigen Raubtier hier zwischen Himmel und Erde zerreißen zu lassen. Mit der Logik, die Frauen eigen ist, packte sie mit beiden Händen die Leitungen, die vom starken Strom nur so vibrierten. Es gab einen gewaltigen Lichtbogen: Die arme Frau versengte und wurde rosig wie Roastbeef, dann saftig wie Schmorbraten und schließlich hart und trocken wie eine geröstete Maräne.

Auch der Bärin erging es nicht besser. Sie schlug ihre Zähne ins Bein der röstenden Köchin und bekam dadurch einen womöglich noch schlimmeren Stromschlag: Es entstand scharfer Bärenbraten, der dichte Pelz flammte auf wie eine Fackel. Der verkohlte Kadaver der Bärin klebte am Hochspannungsmast, in seinem Schlund hing die rußige Leiche der Köchin.

Wegen des schrecklichen Unglücks fiel in der ganzen Gemeinde der Strom aus, das Licht erlosch, und auf der Bettenstation des Gesundheitszentrums geriet der an eine Beatmungsmaschine angeschlossene ehemalige Besamungstechniker Yrjänä Tisuri in große Bedrängnis. Dem Hausmeister gelang es nämlich nicht, den für die Notstromversorgung wichtigen Dieselmotor in Gang zu setzen, und so musste man den Besamungstechniker mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung am Leben halten. Das macht keiner Krankenschwester Spaß, wenn man bedenkt, dass Tisuri zeit seines Lebens ein ungepflegter, stinkender Geselle gewesen war, der tunlichst das Zähneputzen vermieden hatte, besonders im hohen Alter.

Neben der Trafostation, auf Astrid Saharis Hoffichte, winselten zwei schrecklich verängstigte Bärenkinder. Die beiden armen Teddys begriffen nicht, dass sie soeben Waisen geworden waren.

PASTOR OSKARI HUUSKONEN VOLLZIEHT EINE ZWANGSTRAUUNG

Die Balkenkirche von Nummenpää war im siebzehnten Jahrhundert errichtet worden. Die Überlieferung besagte, dass an derselben Stelle früher eine kleine Holzkapelle gestanden hatte, in der zur Sommerzeit, aber auch an hohen Festtagen im Winter seitens der Muttergemeinde Somero Gottesdienste abgehalten worden waren. Doch inzwischen hatte Nummenpää eine eigene Kirchengemeinde, der Pastor Huuskonen als Geistlicher vorstand. Er war verheiratet und hatte mit seiner Gattin zwei Töchter, die längst aus dem Haus und ihrerseits verheiratet waren. Das Leben in dieser abgelegenen Dorfgemeinde in Uusimaa bot wenig Erfreuliches, oft fühlte sich der Pastor einsam und niedergeschlagen. Er war ein temperamentvoller Kirchenmann, zu dem es besser gepasst hätte, Gottes Wort in einer größeren und wichtigeren Gemeinde zu verkünden oder an höherer Position in der Hierarchie des Bistums zu wirken. Doch trotz wiederholter Versuche war es ihm nicht gelungen, Nummenpää zu verlassen. Lag es vielleicht an seinen bisweilen eigenwilligen Bibelinterpretationen, seinen häufig vom vorgeschriebenen Text abweichenden Predigten oder seinen kritischen und galligen Stellungnahmen in der christlichen Presse? Oskari Huuskonen war Doktor der Theologie und hatte seine Dissertation über die Apologie, die Verteidigung der christlichen Wahrheit, geschrieben. Er hatte diese Wahrheit in seiner Forschungsarbeit belegt und bestätigt. Das war allerdings eine Weile her, und er war sich seiner Behauptung geschweige denn der Wahrhaftigkeit des gesamten christlichen Glaubens längst nicht mehr sicher.

Seine Gattin Saara Huuskonen, geborene Lindquist, Oberstufenlehrerin für Schwedisch, wäre ebenfalls lieber in eine belebtere und blühendere Gegend gezogen, doch in diesen harten Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit gab es keine freien Stellen, nirgends wurde eine neunundvierzigjährige Schwedischlehrerin gebraucht. Das war kein Wunder und lag keineswegs an Oskari, doch trotzdem gab seine Frau ihm die Schuld, dass sie bis ans Ende ihres Lebens in dem elenden Nummenpää ausharren mussten, wo die Winter dunkel und freudlos und die Sommer heiß und voller Schmeißfliegen waren, die dem Kuhdung entsprangen. Wenn Oskari wenigstens ein bisschen verbindlicher, also im guten Sinne verträglicher und kooperativer gewesen wäre, hätten sich ihm gewiss die verschiedensten Einsatzmöglichkeiten im Rahmen der Kirche geboten. Schließlich war es die Hauptaufgabe der Pastoren, die Botschaft von Milde und Demut zu verkünden. Warum nur hielt sich Oskari nicht selbst daran, sondern schwang sich immer wieder zum Kritiker seiner Vorgesetzten auf und stritt über belanglose theologische Fragen? Mit ein bisschen mehr taktischem Geschick würde er den Mund halten und sich um eine Stelle in der Zentrale des Bistums in Helsinki und, nach angemessener Zeit, um die des Bischofs bemühen. Wenn er erst seine Frau aus dem Hinterwald herausgeholt hätte, könnte er über Glaubensfragen räsonieren, so viel er wollte.

An diesem Sonntag stammte der vorgeschriebene Predigttext aus dem Alten Testament, es waren Moses Worte zu Josua:

»Nimm Männer mit dir und mache dich auf, gegen die Amalekiter zu kämpfen.«

Pastor Oskari Huuskonen predigte vom kämpfenden Volk und erklärte, dass die Europäische Gemeinschaft den Finnen nicht helfen könne, wenn ihnen der Glaube fehle und sie im Augenblick der Entscheidung die Hände sinken ließen. Er sprach ebenfalls im Sinne von Kapitel 1, Vers 2 des Buches Obadja, wo es heißt:

»Siehe, ich habe dich gering gemacht unter den Heiden und sehr verachtet.«

Es war eine boshafte Predigt. Die Gemeindemitglieder lauschten den Worten ihres Seelenhirten mit heißen Ohren. Schließlich sind die wenigsten von uns Menschen ohne Sünde, dasselbe trifft auf die Völker zu, und die Drohungen des Buches Obadja, von Huuskonen akzentuiert, fielen auf fruchtbaren Boden.

»Ganze Nationen können sein wie der brüllende Löwe«, donnerte der Pastor.

Nachdem der Steinarbeiter Aarno Malinen ausgesegnet worden war, wurde kurz die Totenglocke geläutet, und anschließend folgte die Trauung. Die Braut Marketta Haapala, Tochter des Betonfabrikanten, ein semmelblondes ältliches Mädchen, war Oskari Huuskonen aus seiner seelsorgerischen Arbeit bestens vertraut, sowohl hinsichtlich ihres Geistes als auch – peinlich, peinlich – ihres Körpers. Marketta war schwanger, das arme Ding. Inzwischen wusste man im Dorf jedoch allgemein, dass Hannes Loimukivi der Urheber ihrer Schwangerschaft war, und nachdem gründlich Druck auf ihn ausgeübt worden war, hatte er in die Ehe mit Marketta eingewilligt. Pastor Oskari Huuskonen hatte persönlich mit Loimukivi ein Gespräch geführt, das sehr fordernd gewesen war.

Zum Klang von Mendelssohns Hochzeitsmarsch schritt das Paar durch den Mittelgang zum Altar. Alles schien in Ordnung zu sein, wenn man von der ein wenig verschlossenen Miene des Bräutigams absah. Die Kirche war voll, all jene, die am Gottesdienst teilgenommen hatten, wollten der Eheschließung des ungleichen Paares beiwohnen.

Während die Brautleute so dahinschritten, erlosch in der Kirche das Licht. Stromausfall! Der Pastor fluchte im Stillen. Im Finstern wollte er ausgerechnet dieses Paar nicht gern trauen. Nun, auch so fanden die beiden schließlich zu ihm an den Altar. Der Pastor musterte sie streng und begann mit der Zeremonie. Er beschloss, eine längere Trauformel zu benutzen, die er mit zahlreichen Bibelsätzen unterlegen würde. Außerdem wollte er eine aufmunternde Rede halten, die er vor allem an den Bräutigam richten würde. Es konnte nicht schaden, dem Windhund ein paar Lebensregeln mit auf den Weg zu geben.

Pastor Huuskonen baute seine Traurede auf Kapitel 12, Vers 27 des Buches Nehemia auf:

»Und bei der Einweihung der Mauer zu Jerusalem suchte man die Leviten aus allen ihren Orten, dass man sie gen Jerusalem brächte, zu halten Einweihung in Freuden, mit Danken, mit Singen, mit Zimbeln, Psaltern und Harfen.«

Der Pastor sagte, dass an diesem Tag in der Gemeinde Nummenpää gefeiert werde so wie einst vor tausenden von Jahren bei der Einweihung des neuen Tempels von Jerusalem. Auch hier werde hinter Gottes Rücken Musik gespielt, wenn auch nicht auf der Zimbel, so doch zumindest auf dem Akkordeon, und man werde die herrlichen Delikatessen von Astrid Sahari verspeisen, werde singen und tanzen. Bei all dieser irdischen Freude sollten die Menschen jedoch bedenken, dass auf ein Fest stets der Alltag folge, und am Alltag tue man gut daran, auf Gott zu vertrauen und ein ehrbares Leben zu führen.

Bei diesen Worten stolperte ein beschwipster Zecher in die Kirche. Er war kurz zuvor aus der Kneipe gewankt und draußen Zeuge geworden, wie die Köchin und die Bärin auf dem Strommast zu Tode gekommen waren. Der Säufer rief:

»Predigt stopp! Astrid Sahari und eine Bärin sind auf den Strommast geklettert! Jetzt hängen sie da oben und qualmen, beide sind mausetot!«

Allgemeiner Aufruhr entstand mitten in der Trauung, und für eine Steigerung sorgte noch der Hausmeister des Gemeindeamtes und des Gesundheitszentrums, der ebenfalls die Beine in die Hand genommen hatte und in die Kirche gerannt war. Er tauchte jetzt in der Tür auf und rief laut, dass er dringend kräftige Männer brauche, er müsse im Keller des Gesundheitszentrums den Dieselmotor in Gang setzen, der während des Stromausfalls den Generator betreiben solle. Ein Patient am Beatmungsgerät habe bereits große Probleme, die Sache sei brandeilig.

»Der Motor muss richtig angekurbelt werden, der Akku ist leer, und ich allein krieg das Scheißding nicht gedreht.«

Pastor Huuskonen blieb nichts weiter übrig, als die Zeremonie abzubrechen, er erklärte, dass die Trauung aufgeschoben und zu einem späteren Zeitpunkt, der noch angekündigt werden würde, fortzusetzen sei, möglichst unmittelbar nachdem die Folgen der Katastrophe beseitigt wären. Alle Anwesenden, der Bräutigam voran, stürzten aus der Kirche, ohne den Pastor ausreden zu lassen. Die arme Braut sank auf eine Bank, in den zitternden Händen hielt sie einen Strauß mit den schönsten Feldblumen der Jahreszeit. In den Augen der verlassenen, schüchternen Frau schimmerten Tränen.

Oskari Huuskonen rannte mit dem Hausmeister in vollem Galopp zum Gesundheitszentrum. Als sie an der Trafostation vorbeikamen, sah er auf dem Hochspannungsmast zwei qualmende Gestalten, ohne dass er unterscheiden konnte, welche die Köchin und welche die Bärin war. Doch jetzt war keine Zeit, sich damit zu befassen, erst musste der Dieselmotor in Gang gesetzt werden, damit der Sauerstoffapparat wieder funktionierte und das Leben des Patienten gerettet würde.

Im Keller der Bettenstation drehte Huuskonen mit aller Kraft an der Handkurbel des Dieselmotors, während der Hausmeister die Messgeräte einstellte; der Motor sprang surrend an, und Leben spendender Strom floss wieder ins Netz des Krankenhauses, das Beatmungsgerät begann zu funktionieren, und der in den letzten Zügen liegende ehemalige Besamungstechniker Tisuri konnte wieder an seine Sauerstoffmaske angeschlossen werden. Die verschwitzte Krankenschwester wankte in den Pausenraum, wobei sie die Hand aufs Herz presste.

»Der Pflegedienst ist nicht immer ein Zuckerschlecken«, keuchte sie.

Pastor Huuskonen kehrte ins Dorfzentrum zurück. An der Trafostation wimmelte es von Menschen, als fände hier eine religiöse Erweckungsveranstaltung statt. Die Feuerwehr hatte die beiden Leichen mit der Leiter vom Mast geholt. Über Astrid Sahari hatte man eine Decke gebreitet, aber der Kadaver der Bärin lag ungeschützt im Gras. Der Geruch verbrannten Fleisches hing in der Luft.

Auf der Hoffichte hatten die Feuerwehrleute zwei verängstigte Bärenjunge entdeckt, sie hatten sie eingefangen und im Lebensmittelspeicher eingeschlossen. Dort herrschte ein furchtbares Chaos. Es war zu sehen, dass Bären am Werke gewesen waren.

Das Leben im Kirchdorf war völlig aus den Fugen. Inzwischen sprach sich herum, dass der Bräutigam und Windhund Hannes Loimukivi die Situation genutzt und sich davongemacht hatte. Die Braut wartete schluchzend in der Kirche, aber ihr Zukünftiger war über alle Berge.

Pastor Huuskonen gab sich nicht geschlagen. Er stellte ein halbes Dutzend Männer zu einer Suchpatrouille zusammen, die den Ausreißer wieder einfangen sollte. Zu Hause war der Kerl natürlich nicht, auch nicht in der Kneipe. Die Patrouille suchte in den Häusern der Nachbarschaft und den Wohnungen von Loimukivis Bekannten, spähte in die Schränke und unter die Betten, ohne Erfolg. Dann kamen die Männer auf die Idee, dass sich Loimukivi vielleicht in der Jagdhütte verkrochen hatte, er war nämlich stellvertretender Vorsitzender der Jagdgesellschaft und jagte, außer Frauen, auch Wild. Und tatsächlich, dort fanden sie den Bräutigam, er hockte auf dem Dachboden der Sauna und wähnte sich dort sicher und geschützt. Die Männer zerrten ihn herunter, und der Pastor nahm ihn beiseite, um ein Gespräch unter vier Augen mit ihm zu führen.

Es war ein besonders wirksames seelsorgerisches Gespräch, in dem der Pastor die Bedeutung des heiligen Ehestandes betonte und seinen Worten zwischendurch zusätzlichen Nachdruck dadurch verlieh, dass er den Bräutigam mit dem Gesicht in einen Brennnesselbusch tauchte. So einigten sich die beiden schließlich: Der Bräutigam würde brav in die Kirche zurückkehren, wo der Pastor die unterbrochene Trauungszeremonie in Ehren beenden würde.

Die Feuerwehr fuhr Pastor Huuskonen mit ihrem Führungsauto durch das Kirchdorf, und er kündigte über Lautsprecher an, dass die wegen des Unglücksfalles unterbrochene Trauung in einer halben Stunde fortgesetzt werde.

»Die anschließende Hochzeitsfeier findet im Haus von Fabrikant Haapala statt, aber wegen der veränderten Umstände wird auf das Festessen verzichtet.«

Das Dorf beruhigte sich, und bald strömten die Leute wieder in die Kirche, um an der Trauung teilzunehmen. Die Braut war schön, der Bräutigam ernst und sein dunkler Anzug ein wenig zerknittert, sein Gesicht glühte von den Brennnesseln, aber sonst war alles wieder gut. Der Pastor richtete ein paar tröstende Worte an die Angehörigen und Freunde der Köchin Astrid Sahari. Anschließend traute er rasch das vor ihm stehende Paar, mit einer kürzeren und schmuckloseren Formel als geplant und ohne eingestreute Bibelsätze.

SAPPERLOT, DAS GESCHENK ZU PASTOR HUUSKONENS FÜNFZIGSTEM GEBURTSTAG

Eine Woche vor Mittsommer beging Pastor Oskari Huuskonen seinen fünfzigsten Geburtstag. Er war am 17. Juni in Rovaniemi in die Familie des Chefs der Flößerei Huuskonen geboren worden. Der Weltkrieg war damals in seiner entscheidenden Phase gewesen, der Anfangserfolg der Deutschen hatte sich in eine blutige Niederlage verwandelt. Die Deutschen waren in Afrika unterlegen, und sogar in Warschau hatten sich die Juden zum Aufstand erhoben. Als Oskari gut ein Jahr alt gewesen war, war ganz Lappland von den Einwohnern geräumt worden, und der Krieg gegen die einstigen deutschen Waffenbrüder hatte begonnen. Die Huuskonens waren gemeinsam mit der übrigen Zivilbevölkerung nach Schweden evakuiert worden. Als sie anderthalb Jahre später in die Heimat zurückgekehrt waren, hatte die Stadt nicht mehr existiert. Die Deutschen hatten Rovaniemi niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht, das einstmals so lebhafte Siedlungszentrum war nur noch ein Wald von Schornsteinen gewesen.

Der Förderverein des Kirchenchores von Nummenpää, dem Taina Säärelä, sechzig, ältere Kollegin von Saara Huuskonen, vorstand, hatte die offiziellen Vorbereitungen für die Geburtstagsfeier des Pastors übernommen. Der Verein wählte die Lieder und Psalmen aus, die auf der Feier gesungen werden sollten, gewann Generalmajor Hannes Roikonen – dieser hatte zufällig sein Sommerhaus in Nummenpää – als Festredner, und dann machte er sich Gedanken über ein Geschenk für den Pastor. Es sollte etwas Besonderes und Auffallendes sein. Da kam irgendjemand auf die Idee, dass man dem Pastor eigentlich den kleinen Bären schenken könnte, der kostete schließlich nichts, man hatte ihn nur von Astrids Hoffichte holen müssen. Das andere kleine Tier hatte die Gemeinde im Tierpark von Ähtäri unterbringen können, da es ein Weibchen war, aber Männchen waren nicht gefragt, und so befand es sich weiterhin in Nummenpää. Der Feuerwehrchef hielt es in seiner Garage und fütterte es wie einen Hund. Die Gemeinde hatte sich um anderweitige Unterbringung bemüht und, außer in Ähtäri, noch in Korkeasaari und sogar im schwedischen Luleå nachgefragt, aber niemand hatte das Tier haben wollen. Andererseits brachte man es auch nicht fertig, den kleinen Petz zu töten, und nun ergab sich die ausgezeichnete Gelegenheit, ihn Pastor Huuskonen zu überreichen. Begründet wurde die Idee damit, dass der Pastor ursprünglich aus Lappland stammte und Flößersohn, also quasi ein wilder und freier Mann des Waldes, war, zumindest was seine Herkunft betraf, somit konnte man ihm sehr wohl einen lebenden Bären schenken. Außerdem ersparte man sich auf diese Weise, unter den Einwohnern Geld für ein Geschenk zu sammeln.

Niemand sprach laut aus, dass es dem eigensinnigen Pastor ganz recht geschehen würde, wenn er einen Bären geschenkt bekäme, da hätte er etwas zum Nachdenken. Und auch seine Gattin, die hochnäsige Schwedischlehrerin, die sich wer weiß was einbildete und ständig an den Verhältnissen von Nummenpää herummäkelte, bekäme bei dieser Gelegenheit einen Denkzettel. Wenn sie den Bären füttern und seine Hinterlassenschaften vom Wohnzimmerteppich wischen müsste, dann würde auch sie erkennen, was die Leute von ihr hielten. Außerdem bestand die kleine Chance, dass der Bär später, wenn er zur vollen Größe ausgewachsen wäre und mal schlechte Laune hätte, sich den Pastor und seine Gattin richtig vorknöpfen würde, sodass alle alten Sünden quasi durch die Hand des Bären bereinigt werden würden.

Die Vereinsvorsitzende Taina Säärelä wandte sich ans Landwirtschaftsministerium und erhielt von dort die schriftliche Genehmigung für die Haltung eines wilden Tieres. In der Begründung hieß es, dass die Mutter tot und das Kleine allein nicht überlebensfähig war, da es noch nicht selbst Beute machen und sich den Gefahren der Wildnis stellen könne.

Durch Vermittlung des Blinden- und Sehschwachenverbandes trieb der Verein in der Nachbargemeinde Somero einen blinden Korbmacher auf und bestellte bei ihm einen stabilen Korb für den kleinen Bären. Der Korb hatte auf einer Seite eine Öffnung, durch die das Tier hineinkriechen, und auf der anderen ein kleines Guckloch, durch das es sein Maul stecken und die Welt beschnuppern konnte. Als Unterlage bekam es eine weiche Decke, und zur Krönung des Ganzen noch einen verchromten Fressnapf, ein silberbeschlagenes Halsband sowie einen speziell angepassten Maulkorb. Anschließend fuhren die Vereinsmitglieder mit dem Kleinen nach Lohja und ließen ihn im dortigen Hundesalon trimmen, dann war er fertig für die Übergabe an den Empfänger. Der Korb wurde mit einem breiten Seidenband umwickelt, obendrauf kam ein Blumenstrauß. All diese Vorbereitungen wurden natürlich vor dem Pastor und seiner Gattin geheim gehalten. Man war sich nicht ganz sicher, wie sie reagieren würden, sodass es besser war, gar nicht erst zu fragen und dem Seelenhirten das Raubtier als Überraschung zum fünfzigsten Geburtstag zu präsentieren, egal, ob er einen eigenen Bären haben wollte oder nicht.

Der bewusste Tag brach an. Die Geburtstagsfeier fand im Gemeindesaal statt, und mehr als hundert Gäste kamen, unter anderem auch Bischof Uolevi Ketterström aus Helsinki. Zu Beginn sang der Kirchenchor den 3. Vers aus dem 1. Psalm:

»Er ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,

der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,

und seine Blätter verwelken nicht,

und was er macht, das gerät wohl.«

Generalmajor Hannes Roikonen, ein fünfzigjähriger großer und ungeschlachter Offizier der Bodentruppen, hielt nun eine bedeutungsschwangere Rede, in der er die Lebensphasen des Pastors in militärischem Stil abhandelte, zum Schluss sprach er eine karge Gratulation aus. Danach wurde die dritte Strophe eines alten schwedischen Dankesliedes gesungen:

»Feiern wir ein Dankesfest,

kommt herbei in Scharen …«

Nun übergaben die Vertreter der verschiedenen Organisationen ihre Blumen und Geschenke. Zwischendurch sang wieder der Kirchenchor, diesmal ein etwas fröhlicheres Lied, und als es verklungen war, wurde das Überraschungsgeschenk hereingetragen: der Korb, in dem der kleine Bär hockte und auf sein künftiges Herrchen und Frauchen wartete.

Unter allgemeinem Jubel wurde der Korb an Pastor Huuskonen übergeben. Der ahnte nichts vom Inhalt, aber als er das Seidenband entfernte, wurde die Überraschung sichtbar. Durch das kleine Fenster schob sich ein feuchtes Maul. Die Gattin des Pastors stöhnte:

»Der kleine Bär, potz sapperlot!«

Der Pastor warf seiner Frau einen vernichtenden Blick zu. Dies war nicht der richtige Moment für Kraftausdrücke, wenngleich das Geburtstagsgeschenk auch ihn überrascht hatte. Wie dem auch sei, fortan wurde der kleine Bär natürlich Sapperlot genannt.

Taina Säärelä hielt eine Übergaberede. Sie hob die erwiesene Männlichkeit und Tierliebe des Geburtstagskindes hervor und betonte, dass gerade ein kleiner Bär das einzig richtige Geschenk für den geliebten Seelenhirten der Gemeinde sei.

»Lieber Oskari, auch du selbst bist manchmal wie ein Bär: Du hältst uns Gemeindemitglieder mit väterlichem Griff im Bewusstsein unserer Sünden, du bist ein wortgewaltiger und strenger Pastor, doch wissen wir sehr wohl, dass du auch eine sanfte und weiche Seite hast, die, so möchte ich mal sagen, an den dicken Pelz eines Bären erinnert«, sprach Taina Säärelä.

Der kleine Bär wurde aus dem Korb befreit und der Pastor gebeten, ihn auf den Arm zu nehmen. Nun drängte sich ein Journalist der Lokalpresse nach vorn, um das Geburtstagskind mit seinem Geschenk zu fotografieren. Das Tier leckte die raue Wange und sogar das Beffchen des Pastors, und alle fanden, dass es ein wunderbares Foto werden würde.

Die Feier endete mit einem Schlussgebet des Bischofs, in dem er Oskari Huuskonen ein hohes Alter unter Gottes Fittichen wünschte. Mit einem Blick auf den Bären, der zu Füßen des Pastors herumtollte, ergänzte er:

»Und dir ebenfalls ein langes Leben.«

Am Abend, als Oskari Huuskonen und seine Gattin Saara sämtliche Blumensträuße in Vasen verteilt und die letzten Gäste verabschiedet hatten, machten sie sich einen kräftigen Drink und setzten sich erschöpft aufs Sofa.

»Auch von mir noch herzlichen Glückwunsch«, sagte die Gattin müde. Dann fügte sie giftig hinzu:

»Wieso ist die Astrid bloß auf den Strommast gekrabbelt, das Weibsbild hätte wissen müssen, dass man einer Bärin nicht durch Klettern entkommt. Nun musste ich selber Kuchen und Torten für hundert Leute backen, dabei hätte ich genug anderes zu tun, der Garten ist schon ganz trocken.«

»Ich bitte dich, Astrid ist noch nicht mal unter der Erde.«

»Der Kohlehaufen muss wohl nicht noch groß beerdigt werden.«

Der Bär zerrte mit den Zähnen an der Sofaecke. Saara klatschte ihm mit der Hand aufs Maul, worauf er ziemliches Spektakel machte und auf Oskaris Schoß kroch.

»Lass den Bären in Frieden, Weib!«

»Er zernagt mir gleich am ersten Tag die Möbel.«

Oskari Huuskonen leerte sein Glas. Dann entledigte er sich seines schwarzen Dienstanzuges und stieg in seine Angelklamotten.

»Ich fahre auf die Insel und werfe das Netz aus.«

»Am fünfzigsten Geburtstag?«

»Das Feiern ist mir vergangen.«

»Nimm das Vieh mit, es stinkt nach Kot.«

Pastor Oskari Huuskonen nahm den Bären auf den Arm und verließ das Haus, er stieg ins Auto und fuhr ans Seeufer zu seinem Boot. Den Bären setzte er auf die vordere Bank, er selbst setzte sich nach hinten, um zu rudern. Der kleine Bär fürchtete sich zunächst auf dem Wasser, aber als Oskari beruhigend auf ihn einsprach, legte sich seine Aufregung, und er betrachtete die Landschaft. Einen knappen Kilometer vom Ufer entfernt lag die Insel, dort standen ein paar Sommerhütten, und eine davon diente Huuskonen als Angelquartier. Der Pastor machte das Boot am Steg fest und setzte den kleinen Bären an Land ab. Dann holte er zwei Netze aus dem Schuppen und warf sie am Rand des Schilfes aus. Der Bär kam auf den Steg und beobachtete das Tun seines Herrchens, er winselte besorgt, aber da Oskari in der Nähe blieb, beruhigte er sich.

Oskari Huuskonen prüfte seine Reuse, die im flachen Wasser lag, ein paar Barsche und Plötze zappelten darin. Er bot sie dem Bären an, der beschnupperte sie zunächst misstrauisch, befand sie dann für tauglich und fraß sie mit gutem Appetit.

Als alles getan war, legte sich der Pastor vor der Hütte ins Gras. Die Sonne ging unter, die weißen Wolken färbten sich rot. Dem Pastor gingen allerlei Gedanken über sein Leben und seinen Glauben durch den Kopf. Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit für einen Menschen. Mehr als die Hälfte des Lebens war jetzt herum. Was hatte Oskari erreicht? War sein Glaube noch echt und stark? Nun ja … wie man es nimmt. Oskari Huuskonen hatte Theologie studiert und seinen Doktor gemacht, er hatte eine eigene Gemeinde, hatte kirchliche Würden, eine Familie, diese Hütte auf der Insel. Sehr viel war das nicht.

»Immerhin habe ich einen eigenen Bären.«

Der kleine Bär lag neben dem Pastor und betrachtete ebenfalls das Abendrot.

EHELICHE KONFLIKTE, NEUE SPORTARTEN

Nach seinem fünfzigsten Geburtstag fühlte sich Oskari Huuskonen erschöpft und amtsmüde. Früher, als er noch ein junger Pastor gewesen war, hatte es ihm nichts ausgemacht, ständig in Gottes Angelegenheiten in der Gemeinde unterwegs zu sein, damals war er als Hilfsprediger in Somero tätig gewesen. Aber inzwischen empfand er das Arbeitspensum als Belastung, und auch sein Glaube hatte nicht mehr die frühere Kraft. Zum Glück war Nummenpää mit seinen mehr als fünftausend Mitgliedern eine so große Kirchengemeinde, dass dem Seelenhirten eine Gehilfin, eine mausgraue, pickelgesichtige Pastorin, zur Seite gestellt worden war. Sie war keine große Augenweide. Warum nur wurden an der theologischen Fakultät stets so reizlose Studentinnen angenommen, wo doch auch attraktivere zur Auswahl standen? Für die Theologie entschieden sich die hässlichsten Studentinnen, das war Fakt, während sich an der historisch-sprachwissenschaftlichen Fakultät göttlich schöne bewarben, um Französisch zu studieren … an der staatswissenschaftlichen wiederum schlampige und großmäulige Raucherinnen, die aber verdammt sexy waren. Oskari Huuskonens diesbezügliche Erinnerungen an seine Studentenjahre waren noch sehr lebendig.

Bei der Verkündigung von Gottes Wort half äußere Schönheit manchmal mehr als inneres Feuer, jedenfalls wenn eine Frau das Amt ausübte. Huuskonen hatte sich seinerzeit vehement für weibliche Pastoren eingesetzt, hatte eindringliche Artikel über Gleichberechtigung und all diese Dinge in der Presse veröffentlicht, aber das Ergebnis sah man jetzt.

Nun ja, was konnte seine Gehilfin für ihr Gesicht. Sari Lankinen war eine neunundzwanzigjährige Braut Jesu, sang und betete den lieben langen Tag, las mit zitternden Händen die Liturgie und war so von ihrer Frömmigkeit erfüllt, dass es dem Pastor manchmal richtig peinlich war.

Die Woche nach Mittsommer war arbeitsreich wie üblich. Gleich am Montagmorgen musste Oskari Huuskonen in seinem Amtszimmer einen Haufen dienstlicher Papiere bearbeiten, zahlreiche Telefonate führen und Termine für zwei Trauungen und für die Aussegnung von Astrid Sahari festlegen. Wegen der gerichtlich angeordneten Obduktion und der komplizierten, amtlichen Untersuchungen war die Beerdigung lange hinausgeschoben worden, und erst jetzt sollte Astrid die verdiente ewige Ruhe finden.

Um zehn Uhr marschierte Forstarbeiter Jukka Kankaanpää in eisenbeschlagenen Stiefeln und mit dem Schutzhelm unter dem Arm ins Amtszimmer des Pastors. Er beabsichtigte zu heiraten, und seine Braut wünschte unbedingt eine kirchliche Trauung. Nur leider war Kankaanpää in seiner Jugend aus der Kirche ausgetreten, sodass er jetzt wohl wieder neu eintreten musste. Er war während der wilden Kommunistenzeiten nicht zum Abendmahl erschienen. Huuskonen erklärte dem Mann, dass er den Konfirmandenunterricht absolvieren müsse.

»Was, den Konfirmandenunterricht? Soll ich mich womöglich zwischen all die Kinder setzen?

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