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Ein Baby, ein Mann – eine Familie?

1. KAPITEL

„Komm sofort zurück, Cass Carter!“

Dana Malone sauste ihrer davoneilenden Geschäftspartnerin hinterher und stolperte dabei fast über ein Baby, das hinter einem lebensgroßen Plüschbernhardiner hervorkrabbelte. Sie fing sich wieder und rannte weiter.

„Warum soll ausgerechnet ich mich darum kümmern? – Au!“

„Pass auf den Kinderhochstuhl auf“, warnte Cass. Sie war blond, langbeinig und trug einen kurzen Jeansrock. Mit Unschuldsmiene streichelte sie den kleinen Babykopf, der aus ihrem Tragetuch hervorlugte.

„Danke“, grummelte Dana und rieb sich die Hüfte. Sie bahnte sich ihren Weg zwischen Krippen, Laufställen, Puppenhäusern und viel zu vielen Regalen mit Secondhand-Kinderkleidung. Ihre beiden Geschäftspartnerinnen konnten sich, beneidenswert schlank wie sie waren, in dem Chaos besser bewegen als sie. Für Dana war der vollgestopfte Laden eine einzige Gefahrenzone. Und gefährlich war auch Cass’ Bitte.

„Hast du den Verstand verloren? Ich kann unsere neuen Geschäftsräume nicht allein aussuchen. Was verstehe ich schon von Immobilien?“

„Wir sind hier in Albuquerque“, erwiderte Cass und verschwand in dem winzigen Büro. „Nicht in Manhattan!“ Sie quetschte sich an ihrem Schreibtisch vorbei, der mit Papierkram und Stapeln neu eingetroffener Kinderkleidung übersät war, und fegte mit einem Schwung drei kleine Stoffpuppen aus dem Schaukelstuhl in der Ecke. „Es kann doch nicht so schwer sein, sich für das eine oder andere Schaufenster in einem Einkaufszentrum zu entscheiden! Hier, kannst du Jason mal kurz nehmen?“

Einen Augenblick lang spürte Dana das Gewicht des einen Monat alten Säuglings – und den Schmerz, den die Berührung in ihr auslöste. Doch schon streckte Cass, die nun im Schaukelstuhl saß, die Hände wieder nach ihrem Kind aus. Dana gönnte sich eine Extrasekunde Babyduft, bevor sie den Kleinen weitergab.

Als Cass ihn an die Brust legte, fing Jason zufrieden an zu saugen. „Cameron hat schon ein paar Läden herausgesucht“, erklärte sie ihrer Freundin. „Du musst nur noch die ansehen, die infrage kommen.“

Ein Schweißtropfen bildete sich in Danas Halsbeuge und lief in ihr Dekolleté. „Ich dachte nur, wir würden gemeinsam suchen.“

„Ich weiß, Dana, aber ich bin völlig erledigt. Und Blake mag es ohnehin nicht, dass ich so früh wieder zu arbeiten angefangen habe. Außerdem läuft unser Vertrag nächsten Monat aus, und unser Laden platzt aus allen Nähten.“

„Was ist mit Mercy? Warum macht sie das nicht?“

„Warum mache ich was nicht?“ Die dritte Besitzerin des Ladens Great Expectations erschien in der Bürotür. Ihre feuerroten Fingernägel stachen von einem geblümten Rock ab, der so winzig war, dass Dana ihn nicht mal mit zwölf hätte tragen können.

„Einen neuen Laden suchen“, erwiderte Dana. „Du bist darin bestimmt viel besser als ich.“

Mercedes Zamora quetschte sich zu den beiden anderen in das winzige Büro. „Vor allem bin ich besser darin, fünf Kundinnen gleichzeitig zu bedienen. Du verlierst schon bei zweien die Nerven.“

„Tu ich nicht!“

Sie lachten.

„Okay, vielleicht werde ich ein bisschen nervös“, räumte Dana ein.

„Meine Liebe“, sagte Mercy in freundschaftlichem Ton, „du fängst an zu stottern.“

„Und lässt alles fallen“, ergänzte Cass.

„Und …“

„Okay, okay, ich habe verstanden!“

Sie hatten ja recht. Auch wenn Excel-Tabellen und dicke Kataloge sie nicht schrecken konnten, war es mit Danas Gelassenheit nicht weit her, wenn es stressig wurde. Selbst nach fünf Jahren im Geschäft.

„Er erwartet deinen Anruf“, sagte Cass.

„Wer?“

„Cameron.“

Sie seufzte. Im selben Moment klingelten die Glöckchen über der Eingangstür. Mit wehenden Locken rauschte Mercy hinaus in den Laden. Als Dana das Grinsen in Cass’ Gesicht sah, wurde ihr mulmig zumute.

„Hast du Cameron eigentlich schon einmal gesehen?“, erkundigte sich Cass beiläufig.

Danas Beklemmung ließ sich nicht länger ignorieren, sie hatte es geahnt: Das war wieder einer der Momente, in dem die glücklich verheiratete Cass dem Liebesleben ihrer Freundin auf die Sprünge helfen wollte. Sie wischte sich die feuchten Hände am Rock ab und versuchte, in Richtung Tür zu entkommen. „Ich glaube, Mercy braucht mich …“

„Nein, tut sie nicht. Setz dich.“ Cass deutete auf einen Stapel mit Kinderkleidung. „Die müssen noch etikettiert werden.“

Mit grimmigem Blick ließ sich Dana hinter dem Tisch nieder und nahm einen rosa Pullover vom Stapel. „Zwölf Dollar?“

„Fünfzehn. Neu kosten die anderswo vierzig.“

Dana sah, wie Jasons kleine Hand nach Cass’ Bluse griff, und Neid kam in ihr auf.

„Cameron ist … hm, wie soll ich sagen … einfach ein toller Mann“, knüpfte Cass unbeirrt an ihr früheres Gespräch an.

Das hatte Dana auch schon gehört. Sie seufzte und wandte sich ab.

„Als ob es dich umbringen würde, einmal einen Nachmittag mit einem attraktiven Mann zu verbringen. Seine blauen Augen sind betörend.“ Cass zupfte an ihrem Rock. „Und sein Hintern ist auch nicht zu verachten.“

Das fehlt mir gerade noch, dachte Dana. Betörende Augen und ein knackiger Hintern. „Du vergisst, dass ich über Insiderinformationen verfüge“, gab sie zurück. Sie warf das etikettierte Kleidungsstück auf den „Erledigt“-Stapel und verschränkte die Arme. „Cameron Turner versteht unter Zärtlichkeit, sein Handy ans Ohr zu schmiegen, um den nächsten Kundentermin auszumachen. Dieser Mann ist mit seinem Geschäft verheiratet.“

Beide schwiegen für einen Moment. Dann fragte Cass: „Das hast du von Trish, oder?“

„Das ist aber auch schon alles, was ich weiß.“ Dana zuckte die Achseln. Ihre kleine Cousine und sie standen sich nicht sehr nahe, obwohl Trish jahrelang bei Danas Eltern gewohnt hatte. Sechs Monate hatte Trish für Cameron Turner gearbeitet und war dann vor einem Jahr plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Vor ihrem Abtauchen hatte sie oft von dem angeblich so gut aussehenden Makler gesprochen und seine beruflichen Fähigkeiten gelobt. Daher hatte Dana ihn Cass empfohlen. Von seinen persönlichen Qualitäten hingegen war sie alles andere als überzeugt.

„Ich glaube, der Typ steht nicht gerade auf der Liste der heiratswilligen Männer.“

Cass warf ihr einen bedeutungsvollen Blick zu. „Dann hat er die Richtige vielleicht noch nicht gefunden.“

„Meine Liebe, Jason gönnt dir wohl so wenig Schlaf, dass du schon fantasierst …“

„Wer weiß, vielleicht habe ich recht.“

„Klar, und irgendwann werde ich auch diese überflüssigen fünfzehn Kilo los, die ich seit der Schulzeit mit mir herumtrage. Und die Welt ist eine Scheibe.“

„Also weißt du, nur weil Gil …“

„Hör bloß auf“, unterbrach Dana sie leise, bevor ihre Freundin anfangen konnte, alte Geschichten aufzuwärmen. Sie stand auf und nahm den Stapel etikettierter Ware. „Ich habe schon eine Mutter, Cass.“

„Entschuldige“, murmelte Cass über Jasons schmatzende Geräusche hinweg. „Ich dachte nur …“

„Ich bin glücklich“, unterbrach Dana sie erneut. „Jedenfalls meistens. Ich habe ein schönes Leben, tolle Freundinnen, und meine Arbeit macht mir Spaß. Das ist mehr als viele andere Menschen von sich behaupten können.“

Zwischen den beiden breitete sich Schweigen aus, bis Cass laut aufseufzte und ihrer Freundin damit deutlich zu verstehen gab, was sie dachte. „Camerons Visitenkarte steckt in meinem Terminkalender.“

„Wenn Sie weiter so aus der Tür starren, werden Ihnen noch die Augen aus dem Kopf fallen.“

Cameron lächelte und fuhr fort, sich am Luftstrom der Klimaanlage in der Lobby zu kühlen. „Müssen Sie denn keine Telefongespräche entgegennehmen, Val?“

„Hören Sie es klingeln? Ich nicht, also muss ich wohl auch nicht ans Telefon“, befand die adrette, platinblonde Fünfzigjährige.

Der Empfangsraum, in dem die beiden standen, wirkte auf schlichte Weise edel. Das Grau des dicken Teppichs und der Wände wurde nur von wenigen lebhaften Siebdrucken unterbrochen. Normalerweise brummte es hier vor Leben, vor allem, wenn die anderen drei Makler, die Cameron angestellt hatte, im Büro waren.

Doch an diesem Nachmittag hatten alle auswärtige Termine, und sogar Camerons Handy war still. Ungewöhnlich still.

Unten vor dem Haus fuhr ein alter, weißer VW Polo in eine Parklücke. Der Drei-Uhr-Termin, dachte Cameron mit einem dünnen Lächeln.

Cass Carter hatte Dana Malone in höchsten Tönen gelobt, und Danas Stimme hatte am Telefon warm und freundlich geklungen – Cameron war schon gespannt, wie sie aussah. Dennoch: Wenn ihm Cass Carter in den letzten Monaten nicht einige gute Aufträge vermittelt hätte, dann hätte er den Termin wohl abgesagt. Seit einiger Zeit beschäftigte er sich kaum noch mit Vermietungen. Und er hasste es, wenn wohlmeinende Frauen versuchten, ihn zu verkuppeln.

Seine letzte … Affäre … war über ein Jahr her. Eine Nacht, die nie hätte passieren sollen. Für das Fiasko war er selbst verantwortlich, denn sein sonst so kühler Verstand hatte kurzzeitig komplett ausgesetzt. Zum Glück war er noch einmal glimpflich davongekommen.

Man konnte nicht gerade behaupten, dass er ein Problem mit Frauen hatte. Gelegenheiten boten sich genug. Mit zwanzig hatte er sich freudig in jede sich anbietende Liebschaft gestürzt; seit er die Dreißig überschritten hatte, war ihm so etwas eher peinlich.

Länger andauernde Beziehungen hatte es nie gegeben. Und zu seinem eigenen Erstaunen stellte er fest, dass er mit seinem Single-Dasein nicht zufrieden war. Dennoch fand er es einfacher, Komplikationen von vornherein aus dem Weg zu gehen.

Das Telefon klingelte, doch Val machte keine Anstalten, sich zu bewegen. „Was glauben Sie, warum sie so lange braucht, um aus dem Auto auszusteigen?“, murmelte sie.

Wenige Meter vor ihnen öffnete sich schließlich die Autotür, und ein Paar zierlicher Füße in Riemchensandalen erschien. Mit fast schon wissenschaftlichem Interesse beobachtete Cameron, wie die Besitzerin der schönen Füße aus dem Auto ausstieg. Eine Windböe hob ihren leichten, weißen Rock, und ein erschreckter Aufschrei war über den Parkplatz hinweg zu hören.

Cameron lächelte.

„Val, schauen Sie bitte noch einmal nach, ob alle Angebote für das Great Expectations auf meinem Schreibtisch liegen?“

„Ich habe sie selbst dort hingelegt, also werden sie wohl auch dort sein. Niedlich, die Kleine, oder?“

Das war sie.

Trockene Blätter wirbelten über den Parkplatz. Der Wind fuhr in das kastanienbraune Haar der jungen Frau, das locker zu einem Knoten aufgesteckt war, und zerrte an den Strähnen. Er sah, wie sie eine Grimasse zog, als sie gleichzeitig versuchte, die Haare aus dem Gesicht zu streichen, die Tasche unter dem Arm festzuklemmen und den widerspenstigen Rock unten zu halten. Tief vornüber gebeugt rannte sie in Richtung Eingangstür. Der weiche Stoff ihres Zweiteilers flatterte im Wind und ließ ihre schönen Kurven erahnen.

Als sie den Gehsteig erreichte, fielen die ersten dicken Regentropfen. Cameron stieß die Tür auf, und eine duftende, angenehm weiche Frau segelte ihm wie vom Sturm angeweht gegen die Brust. Instinktiv schloss er die Arme um sie. Nur damit sie nicht umfielen.

„Oh!“ Aus großen, graugrünen Augen sah sie ihn an und wurde rot. In ihrem Haar steckten ein paar Blätter.

Cameron lächelte. „Dana Malone?“

„Oh!“, sagte sie erneut und begann mit fahrigen Bewegungen, sich von den Blättern in ihrem Haar zu befreien. Dann suchte sie hektisch nach einem Abfalleimer. Aufmerksam hielt Val ihr einen kleinen Korb entgegen. Dana lächelte sie nervös an. „Dieser Wind“, begann sie und strich sich die Kleidung glatt. „Das wird ein richtiger Sturm … Äh, es tut mir leid, Sie standen näher an der Tür, als ich dachte …“

Sie wurde wieder rot. Dieser weiche Dialekt, dachte Cameron. Bestimmt ist sie aus Mississippi. Vielleicht Alabama. Einem Ort mit Veranden, südlichem Flair und alten Damen, die sonntags zur Kirche immer noch weiße Handschuhe tragen.

„Normalerweise sind meine Auftritte weniger spektakulär.“

„Es passiert auch nicht jeden Tag, dass sich mir eine attraktive Frau in die Arme wirft.“

„Ich habe mich nicht geworfen, das war der Wind.“

Val kicherte. Cameron blickte zu ihr. „Müssten Sie jetzt nicht gerade ganz woanders sein?“

„Vermutlich“, erwiderte sie, doch ihre Antwort ging in einem krachenden Donner unter. Im selben Moment fing draußen ein Wolkenbruch an, und dicke Regentropfen schlugen auf den Asphalt.

Dana drehte sich um und sah hinaus. Mit den Händen rieb sie ihre Oberarme. „Du meine Güte“, flüsterte sie, und in ihrem Gesicht sah Cameron Freude aufblitzen. „Manchmal vergesse ich ganz, wie sehr ich den Regen vermisse!“

Starr deine Kundin nicht so an, ermahnte sich Cameron. „Sie sind also auch nicht aus New Mexico?“

Sie schüttelte den Kopf. „Alabama. Aber ich bin schon mit vierzehn hierher gezogen.“ Sie wandte sich ihm zu. „Sagten Sie ‚auch nicht‘?“

„South Carolina, Charleston.“

„Ach, ich liebe Charleston! Ich war lange nicht dort, aber es ist eine wunderbare Stadt.“

Val räusperte sich, und beide drehten sich zu ihr um.

„Die Angebote liegen auf dem Tisch“, sagte sie und sah von einem zum anderen. „Die wollten sie sich anschauen.“

„Oh, ja, natürlich …“, erwiderte er, während Dana sich mit hochrotem Gesicht erneut durch die Haare strich.

„Kann ich mich hier irgendwo wieder in Ordnung bringen?“, wandte sie sich an Val.

„Hier gleich um die Ecke.“

Cameron sah ihr nach, wie sie mit schwingenden Hüften den Flur entlangging. Dann blickte er hinüber zu Val, die ihn aus zusammengekniffenen Augen anstarrte.

„Was?“

„Nichts“, beteuerte sie und setzte sich an ihren Platz. Doch als Cameron sein Büro ansteuerte, hörte er sie murmeln, es gebe vielleicht doch noch Hoffnung. Er lachte leise.

„Können wir?“, fragte Cameron, als Dana aus dem Badezimmer zurückkam.

„Klar, gehen wir“, gab sie leichthin zurück und flehte im Stillen, dass sie den Weg zum Wagen ohne weitere Pannen hinter sich bringen würde.

„Alles klar, wir sehen uns später.“ Cameron klappte sein Handy zu und steckte es in die Hosentasche. Nicht ein einziger Anruf zwischen Lunch und dem Treffen mit Dana, und jetzt klingelte das verdammte Ding die ganze Zeit. „Tut mir leid …“, setzte er an, doch Dana winkte ab.

„So komme ich mir wenigstens nicht so vor, als ob ich Ihnen die Zeit stehle“, sagte sie und verzog das Gesicht, als sie die Toilette des leer stehenden Ladens sah.

„Tun Sie nicht. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.“

Ihr lang gezogenes „Okay“ brachte ihn zum Lachen. Cameron war sich nicht sicher, wie er Dana Malone einschätzen sollte. Sie hatte den Charme und die Weiblichkeit einer echten Südstaatlerin, aber nicht deren Zurückhaltung. Kein Augenklimpern, keine gespielte Hilflosigkeit. Andererseits blätterte sie ständig in den Angeboten und kaute nervös auf der Unterlippe herum. Cameron war sich sicher, dass ihre Geschäftspartnerin sie in diese unangenehme Situation gebracht hatte, denn Dana war offensichtlich nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Es war ihr deutlich anzusehen, wie peinlich ihr die ganze Angelegenheit war.

Das Gewitter hatte sich bereits nach zehn Minuten verzogen, doch der Himmel war immer noch verhangen. Es war drückend heiß, und die beiden hatten mittlerweile ein halbes Dutzend Objekte besichtigt. Dana war mürrisch und gereizt. Nun, im siebten Laden, lehnte Cameron an einer Säule nahe des Eingangs und beobachtete sie. Das flatternde Gefühl in der Magengegend, das jedes Mal aufkam, wenn sie ihn ansah, versuchte er zu ignorieren.

„Ich denke, dieses hier ist okay“, sagte sie, und ihre Worte hallten in dem leeren Raum. „Jedenfalls ist es groß genug. Und die Doppeltür hinten ist praktisch für die Lieferanten.“

Ängstlich sah sie zu ihm hinüber.

„Aber?“

Mit einem Seufzer hob sie die Schultern. „Aber … es gibt nicht genügend Parkplätze. Und das Schaufenster ist von der Straße aus nicht richtig zu sehen. Ich meine …“ Entnervt fächelte sie sich mit den Papieren in ihrer Hand Luft zu. „Obwohl, eigentlich brauchen wir nicht mehr als fünf oder sechs Parkplätze vor dem Laden.“ Sie ging zum Schaufenster. Ihr Rock strich dabei sanft um ihre Beine. „Und dieses große Schaufenster ist perfekt. So haben wir viel Licht in der Spielecke, die Mercy einrichten möchte. Im Moment rennen die Kleinen einfach im Laden herum, und wir haben Angst, dass sie sich wehtun.“

Sie mied seinen Blick. „Vielleicht bringt uns das mexikanische Restaurant nebenan ja genug Laufkundschaft, die man sonst in dieser Nebenstraße nicht hätte.“ Mit einem gequälten Gesichtsausdruck massierte sie sich die Schläfen.

„Suchen wir einfach noch ein bisschen weiter“, erwiderte Cameron sanft. „Bereit für das nächste Objekt?“

Dana blätterte in ihren Papieren. „Dieses hier sieht interessant aus. Recht günstig für die Größe, viele Familien in der Nachbarschaft …“ Ihre Augenbrauen schossen in die Höhe. „Oder vielleicht sollten wir doch lieber etwas Zentraleres suchen? Herrjemine!“

„Sie sind mit ihrem Latein am Ende, oder?“

„Das wäre eine glatte Untertreibung … He, was tun Sie da?“

„Zeit für eine kleine Pause“, sagte Cameron und führte sie am Ellbogen nach draußen.

„Ich weiß nicht …“

„Sie machen sich noch verrückt. Himmel, Sie machen mich noch verrückt. Das ist doch erst mal nur zum Sondieren. Niemand erwartet, dass Sie heute schon einen Vertrag unterzeichnen!“

„Gut“, sagte sie und schirmte die Augen mit der Hand vor der grellen Nachmittagssonne ab, „ich kann nämlich nicht mehr klar sehen.“ Er öffnete die Tür seines Mercedes, und sie stieg ein. Erschöpft lehnte sie den Kopf gegen die Kopfstütze und schloss die Augen. „Was für eine Entscheidungsneurotikerin ich doch bin!“

Cameron musste lächeln. „Ich versichere Ihnen, ich kenne eine Reihe von Menschen, die diesen Titel verdienen, Dana. Sie gehören mit Sicherheit nicht dazu.“

Er startete den Motor. Ihr Parfum stieg ihm in die Nase. Es war ein bekannter und vertrauter Duft, doch an ihr roch er einzigartig.

„Danke“, sagte sie schließlich, „aber ich fühle mich wirklich so.“ Sie öffnete die Augen. „Warum halten wir hier?“

„Weil es unerträglich heiß ist und dieser Laden hier das beste Eis weit und breit hat. Die reinste Gaumenfreude.“

Zweifelnd schaute Dana ihn an.

„Sie mögen kein Eis?“

Sie lächelte entschuldigend. „Doch, aber …“ Sie schüttelte den Kopf. Eine Strähne löste sich und fiel über ihre gerötete Wange. „Ich glaube, ich bleibe lieber bei einer Diät-Cola.“

„Ist das dieses Frauenproblem?“

„Wie bitte?“

„Nicht in Gegenwart eines Mannes zu essen. Oder besser noch, gar nichts zu essen.“

Missmutig verzog sie den Mund. „Es ist, glaube ich, offensichtlich, dass ich nicht an Magersucht leide.“

„Gut zu wissen. Mit Leuten, die nicht essen, komme ich nämlich gar nicht klar.“ Er lockerte die Krawatte – das Jackett hatte er schon vor einer Weile abgelegt. „Aber okay, wenn Sie unbedingt eine Diät-Cola trinken wollen, ich halte Sie nicht ab.“

„Um ehrlich zu sein kann ich Diät-Cola nicht ausstehen.“

„Also dann“, sagte er, stieg aus und öffnete ihr die Wagentür. „Nach einem kühlen Eis können Sie bestimmt wieder klarer denken.“ Sein Handy klingelte. „Verdammt“, murmelte er, als er die Nummer erkannte. Ein Auftrag, den er schon vor fast einem Monat hatte abschließen wollen.

„Nur zu, ich möchte Sie nicht daran hindern, Geld zu verdienen. Schließlich müssen Sie das Eis bezahlen, das Sie sich gönnen wollen.“ Und mit einem Blick auf den Himmel fügte sie hinzu: „Schwül, finden Sie nicht auch?“

Das war es. Doch er bezweifelte, dass es das Wetter allein war, das ihn zum Schwitzen brachte.

2. KAPITEL

Dana war sich sicher, dass sich in diesem Lokal in den letzten zwanzig Jahren nichts verändert hatte: Marmortischchen und Chromstühle, kleine Sitzecken mit unscheinbarem beigem Vinylbezug. Die Speisekarte war kurz, die Gerichte waren einfach, und die Bedienung behandelte jeden wie einen langjährigen Freund.

Wäre sie mit Mercy oder Cass da gewesen, hätte sie sich bestimmt wohlgefühlt. Stattdessen saß sie Cameron gegenüber und war alles andere als entspannt. Und zu allem Übel gefiel ihr keines der Objekte, die sie sich angeschaut hatten. „Tut mir leid“, sagte sie und fischte ein Erdbeerstück aus ihrem riesigen Eisbecher. Dabei dachte sie voll Reue an die kommenden Tage mit Rohkost und Knäckebrot.

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“ Cameron schien völlig entspannt. Lässig lehnte er sich zurück, die oberen zwei Knöpfe seines Hemdes geöffnet. Es hatte fast dieselbe Farbe wie seine Augen. Seine hellbraunen Haare, die hier und da von grauen Strähnen durchzogen waren, bewegten sich leicht in dem Luftzug, den der altersschwache Ventilator über ihnen erzeugte. Er lächelte ihr zu. Ein müdes Lächeln, dachte sie, obwohl sie bezweifelte, dass er das zugeben würde. Vor allem, weil es – zumindest teilweise – ihre Schuld war. „Machen Sie sich keine Sorgen, das ist ja mein Job“, beruhigte er sie.

„Aber ich habe Sie fast den ganzen Nachmittag aufgehalten.“

„Nun hören Sie schon auf“, sagte er freundlich. „So ein erstes Treffen ist doch dazu da, mir einen Eindruck zu verschaffen, was der Kunde sucht.“

Dana verspürte einen Stich. Was sie wirklich suchte, war etwas, das Cameron ihr nicht bieten konnte. Leider. Sie spießte ein weiteres Erdbeerstück auf und steckte es in den Mund.

„Warum fragen Sie dann nicht einfach?“

„Ich habe schon mit Cass geredet, sie hat mir ein paar Informationen gegeben.“ Er legte einen Arm über die Lehne der Bank und lächelte sie offen an. „Die Details wollte sie Ihnen überlassen.“

Reines Verkäuferlächeln, sagte sie sich selbst und begegnete seinem entschuldigenden Blick, als sein Handy erneut klingelte. Unpersönlich. Nicht anders als das Lächeln, mit dem er die anderen Menschen, die sie den Nachmittag über getroffen hatten, begrüßt hatte.

Lange sah er sie an. „Warum haben Ihre Geschäftspartnerinnen Sie denn damit beauftragt, den neuen Laden zu suchen?“

„Ich habe keine Ahnung. Ehrlich gesagt hätte ich die Aufgabe gerne abgegeben.“

„Warum?“

Sie knetete die Serviette zu einer kleinen Kugel. „Sagen wir, Entscheidungen zu fällen gehört nicht zu meinen Stärken. Das wird Sie kaum überraschen.“

„Und trotzdem …“ Cameron lehnte sich vor und faltete die Hände auf dem Tisch. Dabei sah er ihr direkt in die Augen. „Cass sagte mir, dass Sie nicht nur in finanziellen Dingen ein Genie sind, sondern dass Sie wirkliches Geschick haben, wenn es darum geht, Räume für Kinder zu dekorieren. Sie sagt, Sie hätten ein Gespür dafür, was den Kleinen gefallen könnte.“

Ihr stieg die Röte ins Gesicht. „Vielleicht, na ja, das kann schon sein, aber …“

„Und sie war sich sicher, dass Sie genau die Richtige sind, um für Great Expectations ein neues Zuhause zu finden. Weil Sie sich nicht eher entscheiden, bis Sie das Gefühl haben, dass es passt.“

Er langte über den Tisch und berührte sie am Handgelenk. Seine Hand war kühl und ein wenig rau. Als er sie zurückzog, hinterließ sie ein kribbelndes Gefühl auf ihrer Haut.

„Sie sollten ihrem Instinkt trauen, Miss Malone. Trauen Sie Ihrem Instinkt genauso, wie Sie es bei Kindern tun. Das ist eine Gabe. Freuen Sie sich darüber.“

Zufrieden lehnte er sich zurück. „Okay. Jetzt weiß ich, was ich Ihnen als Nächstes zeigen werde. Das ist gut.“

Das ist gut? Du lieber Himmel! Noch nie hatte sie einen Mann getroffen, der sie derart beruhigen und gleichzeitig völlig aus dem Gleichgewicht bringen konnte. Was war daran gut?

„An welchem Tag hätten Sie denn Zeit für die nächste Runde?“

Dana lutschte eine Weile an ihrem leeren Löffel und schaute in diese wunderschönen, aber distanzierten Augen. Mit einem Klirren ließ sie schließlich den Löffel in ihr leeres Glas fallen. Dann lächelte sie und sagte: „Wie wär’s mit Freitag?“

Dankbar, Danas Blick nicht länger standhalten zu müssen, zückte Cameron seinen elektronischen Terminkalender und nickte. „Gleich früh morgens würde gehen. Sagen wir, um neun?“

„Perfekt“, erwiderte sie und wollte gerade aufstehen, als sie hinter sich eine weibliche Stimme vernahm.

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