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Ein Augenblick für immer. Das zweite Buch der Lügenwahrheit

Auszug aus dem
Tagebuch von Scarlett

Es ist, als wäre ich verflucht.

Vater ist der Einzige, der mir geblieben ist. Die Leute im Dorf versuchen, mich zu meiden, wenn sie ihrem Tagwerk nachgehen. Es scheint ihnen egal zu sein, wie vielen von ihnen ich schon mit ihren Unheilen geholfen habe. Die meisten bekreuzigen sich und weichen mir aus, wenn sie mich sehen. Sie denken vielleicht, ich höre ihre hastig gemurmelten Abwehrsprüche nicht, doch ich höre sie. Ich höre sie alle. Genauso sehe ich die Scheinheiligkeit in ihren Blicken und spüre, wie mein Herz vor Bitterkeit immer schwerer wird.

Mutter fehlt mir so. In mondstillen Nächten besuche ich sie manchmal auf dem Friedhof. Dann sitze ich unter der großen Eiche, lausche dem Flüstern des Windes und wünschte, sie wäre noch hier, um mir ein weiteres Mal zu sagen, dass ich mein Leben in Gottes gnädige Hände legen und auf seine unendliche Weisheit vertrauen soll.

Auch Vater vermisst sie. Er versucht, stark zu sein, aber manchmal höre ich ihn in der stillen Kammer mit ihr sprechen, von einer Zeit, in der er dereinst wieder neben ihr liegen wird. Es ist sein Herzenswunsch, neben ihr begraben zu werden, und meiner, dass Gott ihn noch länger an meiner Seite lässt – und mir nicht auch noch den letzten Menschen nimmt, der meine Tage erträglich macht ...

Kapitel 1

»Willkommen in meinem ganz persönlichen Albtraum.« Lilly blieb am Spielfeldrand stehen und blickte düster über den penibel gepflegten Rasen. Ein paar Mädchen aus unserer Klasse waren bereits auf dem Feld und machten Aufwärmübungen. Ich hätte mich ihnen normalerweise angeschlossen, aber Lilly sah noch nicht so aus, als wäre sie bereit.

»Eine Stunde Hockey macht mich schon fertig. Aber zwei?«, schnaubte sie und steuerte auf eine leere Bank zu.

»So schlimm wird es bestimmt nicht werden«, sagte ich und beschattete meine Augen mit der Hand. Obwohl es bereits Oktober war, strahlte die Sonne angenehm warm vom wolkenlosen Himmel.

Lustlos ließ Lilly ihre Sporttasche auf die Bank fallen. »Warum kannst du nicht einfach eine andere Gabe haben, June? Wie cool wäre es, wenn du uns jetzt von hier wegteleportieren würdest – oder noch besser: wenn du Avatare erschaffen könntest, die für uns Hockey spielen. Die könnten dann auch das ganze andere lästige Schulzeug machen. Ist doch viel besser, als zu wissen, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt.«

»Pssst«, zischte ich und sah mich rasch um. Glücklicherweise stand niemand in unserer direkten Nähe. Das Sportgelände der King’s School war so riesig, dass sich sogar Schüler darauf verliefen. Abgesehen von den beiden nebeneinanderliegenden Feldhockeyplätzen gab es rechts von uns eine Schwimmhalle, um die eine Laufbahn führte, sowie ein Fußballfeld und mehrere Tennis- und Beachvolleyballplätze. »Geht es vielleicht noch etwas lauter?«

Mit schuldbewusstem Gesicht zupfte Lilly einen Grashalm von ihrem steingrauen Hockeytrikot. »Sorry.«

»Schon gut.« Ich fummelte einen Haargummi aus meiner Sporttasche, mit dem ich mir meine Haare zurückband. Dabei atmete ich tief ein und dachte an den ganzen Wahnsinn, der seit meiner Ankunft in Cornwall passiert war. Die Entdeckung meiner Fähigkeit, das Hin und Her mit Blake und Preston und dann auch noch dieser verdammte Fluch. Früher hätte ich alles, was nicht logisch erklärbar war, sofort von mir gewiesen – aber diese Zeiten waren jetzt einfach vorbei.

»Ich habe überlegt, ob ich meinen Bruder auf diesen Lord Musgrave ansetzen soll«, erklärte Lilly dann leise. »Ich meine, wozu hat man sonst einen Polizisten in der Familie, der einen seinen wichtigen Job auch niemals vergessen lässt? Und der noch immer zu Hause wohnt, obwohl er sich schon längst eine eigene Wohnung leisten könnte?«

»Es wäre natürlich cool, wenn er etwas herausfinden könnte«, gab ich ebenso leise zurück. Bislang hatten wir noch nichts Nützliches über den Lord herausgefunden. »Aber was willst du deinem Bruder erzählen? Wieso sollte er für dich den Lord durchleuchten?«

»Ich könnte ihm sagen, dass meine Freundin von dem creepy Lord indirekt bedroht wurde, weil sie eine magische Grüne ist. Eine Grüne, die sich total von einem Blauen angezogen fühlt. Aber ihre Liebe darf nicht sein«, Lillys Stimme bekam eine unheilvolle Note, »weil ein schrecklicher alter Fluch auf ihnen lastet. Sobald sie ihrer Anziehung nachgeben, werden sie …« Mit der flachen Hand machte Lilly eine rasche Bewegung, als würde sie sich selbst die Kehle durchschneiden.

Ich atmete hörbar aus. »Super, jetzt fühle ich mich gleich viel besser.«

»Was denn? Es ist die Wahrheit, und es ist gut, der Wahrheit ins Auge zu blicken.« Sie zwinkerte mir zu. Offenbar war sie ziemlich stolz auf ihren Wortwitz.

»Wir wissen doch gar nichts über den Fluch. Wer weiß, wie gefährlich er überhaupt ist«, sagte ich und wünschte, ich könnte mir selbst glauben.

Es war frustrierend. Seit dem Kings & Queens-Fest vor einer Woche hatten Lilly und ich versucht, irgendeine Info zu dem Fluch zu bekommen – bisher jedoch ohne Erfolg.

»Genau das ist das Problem, June. Im Grunde wissen wir gar nichts. Keine Ahnung, was ich meinem Bruder erzähle. Vielleicht sage ich ihm, dass ich für ein Referat in der Schule mehr über diesen reichen Lord herausfinden muss. Und dass im Internet nur diese ganzen Lobeshymnen auf ihn zu finden sind. Alle Artikel beteuern, wie gutherzig Lord Musgrave ist, wie viel Pfund er jährlich welchem Kunstprojekt oder Waisenhaus spendet … Ich sage dir, so nett ist keiner.« Sie zog energisch den Reißverschluss ihrer Sporttasche zu. »So nett ist keiner, June, wirklich nicht.«

»Ich hatte auch nicht unbedingt den Eindruck, dass er nett ist.« Bei der Erinnerung an den stechenden Blick des Mannes, der behauptet hatte, dass ein tödlicher Fluch über unseren Familien schwebte, bekam ich noch immer eine Gänsehaut.

Lilly betrachtete mich eindringlich. »Er wird dir doch nichts antun, oder?«

»Nein, das trau ich nicht mal ihm zu.«

»Vielleicht sollten wir dich lieber mit einem Schutzzauber belegen. Nur zur Sicherheit.«

Ich hob eine Augenbraue. »Ist das dein Ernst?«

»Okay Leute, in zehn Minuten geht’s los. Fangt schon mal an, euch warm zu machen!«, rief unsere drahtige Sportlehrerin Mrs Peacock in diesem Moment über das Feld und klatschte dabei in die Hände.

Seufzend begann Lilly, ihre Beine zu dehnen. »Meine Granny hat mich gestern angerufen und mir gesagt, dass sie bald von ihrer bewusstseinserweiternden Indienreise zurückkommt. Sie könnte einen Schutzzauber für dich aussprechen.«

Ich beugte mich nach unten und berührte mit den Fingerspitzen den sandigen Boden, um meine Muskeln zu lockern. »Meine Oma kann stricken und Kuchen backen. Und deine spricht Schutzzauber aus?«

Lilly zuckte mit den Schultern, bevor sie widerwillig eine Kniebeuge machte, weil unsere Sportlehrerin zu uns herübersah.

»Wir Bakers waren schon immer besonders«, keuchte sie grinsend. »Manche glauben, dass Granny eine Hexe ist. Vielleicht weiß sie auch etwas über den Fluch. Wir sollten sie auf alle Fälle besuchen, wenn sie wieder da ist. Apropos wieder da sein. Schau mal ganz unauffällig nach rechts.«

Mein Blick wanderte zu der langen Laufbahn, die sich um die Schwimmhalle wand. Eine kleine Gruppe älterer Jungs kam gerade mit ihrem Trainer an. Sofort spürte ich, wie mein Herz schneller zu schlagen begann, als ich Blake unter ihnen entdeckte. Seine dunklen Haare hingen ihm verschwitzt in die Stirn. Auch die anderen wirkten schon etwas außer Atem, doch der Trainer blies gnadenlos in seine Pfeife und deutete auf den Boden.

»Sieht nach Zirkeltraining aus«, stöhnte Lilly, während die ganze Gruppe Liegestütze machte, bevor der Trainer erneut pfiff und die Jungs auf die Laufbahn schickte. Lilly wandte den Kopf zu mir und betrachtete mich intensiv. »Und das sieht definitiv nach Liebeskummer aus.«

»Blödsinn«, widersprach ich. Seit dem Kings & Queens-Fest ging mir Blake derart hartnäckig aus dem Weg, dass ich mich fragte, ob die Rose auf meinem Platz überhaupt von ihm gewesen war. Auf dem Fest hatte ich mir eingebildet, dass er etwas für mich empfand, doch inzwischen war ich mir wirklich nicht mehr sicher.

»Vielleicht glaubt Blake, dass zwischen dir und Preston etwas läuft«, mutmaßte Lilly. »Vielleicht hält er sich deswegen von dir fern. Oder es hat tatsächlich mit dem Fluch zu tun.« Lilly betonte das Wort so dramatisch, dass ich schmunzeln musste. Doch dann machte sich wieder ein dunkles Gefühl in mir breit.

»Glaubst du, dass wir uns nur wegen dieses Fluches voneinander angezogen fühlen?« Es war ein eigenartiger Gedanke, aber er begleitete mich schon die ganze Zeit.

Lilly runzelte die Stirn. »Das glaube ich irgendwie nicht. Aber klar, uns fehlen einfach die Infos.« Sie machte eine kurze Pause. »Was ist mit dem Geheimgang? Können wir ihn heute noch einmal unter die Lupe nehmen?«

Ich nickte. »Wilfried hat sich den ganzen Tag freigenommen. Blake ist sowieso nie da und Preston hat Bandprobe, weil er sich auf einen Gig in London vorbereitet.« Ich sah, wie Grayson von Weitem auf uns zu geschlendert kam. »Aber du sagst nichts zu Grayson, versprochen? Blake würde mich umbringen, wenn er wüsste, dass du eingeweiht bist.«

»Und Grayson bringt mich um, wenn er jemals erfährt, dass ich ihn so lange angelogen habe. Zuerst die Sache mit der Kleptomanie und dann das.« Sie stockte kurz. »Immerhin wären wir dann beide tot.«

Grinsend fuhr ich mit meinen Aufwärmübungen fort. »Hast du Grayson gegenüber ein schlechtes Gewissen?«

Lilly pustete sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. »Seine Kleptomanie-Scherze helfen, dass ich mich ein bisschen weniger schuldig fühle.«

In dem Moment erreichte uns Grayson. »Hallo Ladys. Was für ein herrlicher Tag, um keinen Sport zu machen.«

Lilly legte den Kopf leicht schief. »Müsstest du jetzt nicht beim Schwimmen sein?«

»Darling, du weißt doch, dass ich sportlich gesehen mehr der Typ Zuschauer bin«, bemerkte Grayson lakonisch. »Außerdem habe ich es nicht so mit Wasser. Aber wo wir schon beim Thema sind: Der MI6 hat angerufen und gefragt, ob du etwas von Atlantis weißt.«

»Sehr witzig, Grayson. Atlantis ist aber versunken und selbst ich würde es nicht schaffen, eine ganze Stadt zu klauen. Ebenso wenig bin ich für das Verschwinden des Nibelungenschatzes, des Bernsteinzimmers oder diverser wertvoller Gemälde verantwortlich. Und wenn du es genau wissen willst, bin ich schon seit dem Besuch von Junes Freundin Carla klaufrei.«

Grayson zuckte mit den Schultern. »Man wird ja noch mal fragen dürfen.«

Ich lächelte und blickte erneut zu der Laufbahn hinüber. Blake und Preston hatten die erste Runde mit einem Kopf-an-Kopf-Sprint beendet. Der Trainer stieß einen schrillen Pfiff aus. Offenbar durften sie jetzt kurz Pause machen, denn ich sah, wie sich Preston sein hellgraues T-Shirt über den Kopf zog und sich damit den Schweiß von der Stirn wischte, während Blake – wie immer ganz in Schwarz gekleidet – zu seiner Sporttasche ging und sich eine Flasche Wasser holte.

»Das nenne ich mal ein Sixpack«, seufzte Grayson, der meinem Blick gefolgt war. Die meisten Mädchen auf dem Feld starrten ebenfalls zu Preston. Die straffen Muskeln seines Oberkörpers waren selbst auf die Entfernung gut zu erkennen und sein definierter Waschbrettbauch war wirklich beeindruckend. Als sich Preston lässig die feuchten Haare zurückstrich, spannte sich sein Bizeps auf eine Weise an, dass selbst ich nicht wegsehen konnte.

Ich hörte Lilly neben mir schnauben. Anscheinend wollte sie deutlich machen, dass Prestons Anblick sie als Einzige nicht fesselte.

»Apropos gestählter Körper: Mit welcher Begründung bist du denn heute nicht beim Schwimmen?«, fragte sie Grayson. »Mr Murphy gefällt das sicher nicht, oder? Er guckt doch schon immer ganz böse, wenn er dich sieht.«

Grayson fegte ein unsichtbares Staubkorn von dem Jackett seiner Schuluniform. »Mr Murphy guckt auch böse, wenn er mich nicht sieht. Ich denke, dass das, was du als böse gucken bezeichnest, der natürliche Gesichtsausdruck von ihm ist. Murphy’s Law quasi. Er wacht morgens so auf und schläft abends wieder so ein. Vermutlich ist er schon so auf die Welt gekommen.«

»Klar«, sagte Lilly lächelnd.

»Guckt mal, Grace scheint auch Murphy’s Law zu folgen.« Grayson nickte in Richtung unserer blonden Mitschülerin, die in dem grauen Schul-Hockey-Outfit eine ziemlich gute Figur machte. Das enge Oberteil betonte ihre schmale Taille und der kurze Rock ließ ihre langen schlanken Beine frei. Grace hielt den Hockeyschläger lässig in einer Hand und sah zu uns herüber. Ihr kühler Blick passte zu ihrer unnahbaren Ausstrahlung. Seit Grayson und Grace zu Schulbeginn auf dem Flur ineinander gerannt waren, konnte er sie nicht leiden – was vor allem mit ihrer unfreundlichen Art zusammenhing.

»So, Ladys. Lasst uns anfangen!«, rief die Trainerin in dem Moment. Ich griff nach meinem Hockeyschläger und ging auf meine Position. Lilly stellte sich in meiner Nähe auf und stöhnte leise, als sie die gegnerische Torwächterin genauer betrachtete. Es war Terry Pattinson, die mit ihrem Brustpanzer, den Beinschonern und dem vergitterten Helm tatsächlich einen furchterregenden Eindruck machte.

»Von der habe ich heute Nacht geträumt«, flüsterte mir Lilly zu.

»Von Terry?«, wisperte ich zurück.

»Ja. Ihr Vater ist Zahnarzt und hat ihren Mundschutz für das Spiel angeblich selbst angefertigt«, zischte Lilly. »Das Ding soll sauteuer gewesen sein und glitzern.«

»Und von dem Mundschutz hast du geträumt?«, fragte ich, während ich mich bereit machte.

Lilly zuckte mit den Schultern. »Für meine Träume kann ich nichts, aber ich will echt nicht wissen, was mir mein Unterbewusstsein damit sagen will. Vielleicht vermisst es meine Diebstähle?«

Ich grinste nur und fing dabei Grace’ Blick auf. Als Verteidigerin der gegnerischen Mannschaft wirkte sie mehr als entschlossen, ihr Tor mit allem, was ihr zur Verfügung stand, vor mir zu schützen.

»Aufgepasst, Ladys! Ich sage es noch mal: Hockey ist kein Kontaktsport!«, rief Mrs Peacock über den Platz. »Ihr verteidigt den Ball bitte nur mit dem Schläger, nicht mit eurem Körper! Achtet darauf, oder ihr landet auf der Bank!«

Dann hob sie die Pfeife zum Mund und blies einmal kurz hinein. Ich packte meinen Schläger fester und spürte, wie Adrenalin durch meinen Körper schoss, als das Spiel begann. Mein Körper schaltete auf Automodus, und ich konzentrierte mich nur noch darauf, den Ball ins gegnerische Tor zu bekommen.

Schon in Deutschland hatte ich regelmäßig Hockey gespielt, doch erst seit das ganze Chaos hier ausgebrochen war, wusste ich den Sport so richtig zu schätzen. Auf dem Spielfeld gab es nur den Ball, die anderen Spielerinnen und mich. Es war absolut befreiend, über das kurz geschnittene Gras zu rennen und nicht den ewig gleichen Gedanken nachzuhängen, die sonst nonstop durch meinen Kopf wirbelten. Als mir der Ball zugepasst wurde, dachte ich deshalb auch keine Sekunde nach und trieb ihn einfach nur vorwärts auf das Tor zu. Die Verteidigung wies hier Lücken auf, und ich legte einen Sprint ein, als ich hinter mir einen verärgerten Ruf hörte, der wohl vom Trainer der Jungs stammte. Ohne mich darum zu kümmern, holte ich mit dem Schläger aus, um den Ball an Terry vorbei ins Tor zu pfeffern, als ich plötzlich aus dem Augenwinkel einen Schatten wahrnahm und im nächsten Moment heftig von der Seite gerammt wurde. Ein Schläger fuhr mir zwischen die Beine, und ich knallte in vollem Lauf so heftig auf den Boden, dass mir die Luft aus der Lunge gepresst wurde.

Keuchend lag ich auf der Seite. Für einen Augenblick sah ich nur Sternchen. Das Mädchen, mit dem ich kollidiert war, hielt sich stöhnend den Bauch. Ihre langen blonden Haare waren zu einem französischen Zopf geflochten und glänzten in der Sonne.

Grace.

»Oh Gott, June – ist alles okay?«, hörte ich Lillys Stimme ganz in der Nähe. Ich spürte ihre Hand an der Schulter, während ich mich ächzend auf den Rücken wälzte.

»Sie ist einfach in Grace hineingerannt«, hörte ich Grace’ Freundin Brooke sagen und blinzelte gegen die Sonne. Das blasse Mädchen ragte direkt über mir auf, mit ihren schwarzen Haaren und den Sommersprossen auf der Nase.

»Ich habe sie nicht gefoult«, flüsterte ich und versuchte, langsam aufzustehen. Um uns herum hatte sich nun der ganze Sportkurs versammelt, wobei die Aufmerksamkeit von ein paar Mädchen auf die Laufbahn bei der Schwimmhalle gerichtet war. Den Geräuschen nach zu urteilen war dort ein Tumult zwischen zwei Jungs aus Blakes und Prestons Sportgruppe ausgebrochen.

»Doch, du hast sie gefoult, ich hab es genau gesehen«, erwiderte Brooke und blickte mir dabei direkt in die Augen.

Plötzlich hatte ich das Gefühl, die Zeit bliebe stehen. Die Geräusche ringsum verstummten, und die braunen Augen von Grace’ Freundin wurden so kalt und starr wie ein geschliffener Kristall. Noch immer presste ich mir eine Hand auf meine schmerzende Seite und sah zu, wie sich das funkelnde Glas mit einem leisen Knirschen auf Brookes ganzem Körper ausbreitete. Die spiegelnden Flächen ersetzten jeden Zentimeter ihrer Kleidung und ihrer langen schwarzen Haare, bis es so aussah, als bestünde Brooke komplett aus buntem Glas. Das Grau ihres Hockeyrocks schien beinahe zu leuchten, während der Blick aus ihren ausdrucksleeren Augen an mir haftete. Im nächsten Moment sah ich, wie sich ein gezackter Riss in den braunen Iris bildete, der sich knirschend über Brookes ganzen Körper ausbreitete, bis sie mit einem lauten Klirren in tausend Stücke zersprang.

Dahinter lauerte eine beklemmende Dunkelheit, die sich wie eine Welle aus tiefer Finsternis über mich ergoss. Die Kraft der Lüge war so stark, dass es mir den Atem abschnürte, aber ich versuchte, mich davon nicht einnehmen zu lassen und mich stattdessen auf meine Umgebung zu konzentrieren. Tausend filigrane Glassplitter schwebten wie ein Schwarm zerbrechlicher Schmetterlinge in Zeitlupe um mich herum. Sie schienen beinahe schwerelos zu sein und funkelten wie zart geschliffene Diamanten. Die Splitter hatten unterschiedliche Formen und ich drehte mich ein wenig, um im größten von ihnen, einem spitzen, etwa zwanzig Zentimeter langen Stück, das Spielfeld zu erkennen. Die Scherbe zeigte die Situation kurz vor meinem Zusammenstoß mit Grace. Darin konnte ich mich selbst erkennen, konnte sehen, wie ich den Pass annahm und auf das Tor zustürmte, während der Glassplitter langsam Richtung Boden sank. Direkt hinter mir lief Brooke – und neben mir befand sich Grace, die von der Seite angeschossen kam und mir mit voller Absicht ihren Schläger zwischen die Beine jagte, damit ich hinfiel. In diesem Moment berührte die grob gezackte Scherbe das Gras. Augenblicklich schlugen auch die anderen funkelnden Splitter mit einem lauten Klirren auf den Boden auf, woraufhin die Zeit wieder ganz normal weiterlief.

»Grace, hat dich June wirklich gefoult?«, wandte sich Mrs Peacock an Grace, die noch immer auf dem Rasen lag.

»Keine Ahnung«, flüsterte diese und richtete sich langsam auf.

»Nein, ich habe dich nicht gefoult«, sagte ich laut. Mein Herz machte einen Satz, als ich sah, dass Blake und Preston gerade den Rand des Spielfeldes erreichten. Preston hatte sich sein T-Shirt wieder angezogen, trotzdem hingen plötzlich alle Blicke an den gut aussehenden Zwillingen, die in ihrer Pause offenbar nichts Besseres zu tun hatten, als hier nach dem Rechten zu sehen.

»Was ist passiert?«, fragte Preston, als sie näher kamen.

»June hat Grace gefoult«, behauptete Brooke, die dafür von Lilly einen Ellbogenrempler bekam.

»Jetzt hör auf, das ständig zu behaupten!«, fauchte sie. »Sie sind einfach nur zusammengestoßen – oder?«

Offenbar waren alle so abgelenkt gewesen, dass niemand gesehen hatte, was wirklich passiert war, deshalb nickte ich nur.

Grace kam gerade schwankend auf die Beine und beugte sich schmerzerfüllt vornüber. »Ich glaube, ich muss zur Krankenstation.« Stöhnend stolperte sie einen Schritt in Blakes Richtung. Mit den zerzausten Haaren, dem dunklen Bartschatten und der verschlossenen Miene wirkte er wie immer ziemlich düster und abweisend – ein Eindruck, der jedoch dadurch zerstört wurde, dass Blake automatisch die Hände ausstreckte, um Grace aufzufangen, falls sie fiel. Obwohl sein Gesicht keine Regung zeigte, erkannte ich doch einen Hauch von Sorge in seinen tiefblauen Augen. Und diese Sorge galt nicht mir. Die Erkenntnis traf mich härter, als mir lieb war.

Grace hielt sich an seinem Unterarm fest und wirkte, als könnte sie sich kaum auf den Beinen halten.

»So schlimm?«, fragte unsere Sportlehrerin besorgt. Ich spürte den anklagenden Blick von Grace’ verlogener Freundin auf mir. Verärgert rappelte ich mich auf, obwohl mir die Seite dabei auch verdammt wehtat.

»Ich glaub, ich hab ihren Schläger in den Bauch bekommen«, hauchte Grace, die sich noch immer an Blakes Arm festklammerte, als würden ihr sonst die Beine wegknicken. Ich biss die Zähne zusammen und brauchte meine ganze Selbstbeherrschung, um nichts darauf zu erwidern.

In diesem Moment sah Blake mich an. Sein Gesichtsausdruck ließ nicht erkennen, was er dachte, und ich wünschte mir verzweifelt, dass mir seine Meinung egal sein könnte.

»Kannst du Grace bitte in die Krankenstation begleiten?«, fragte die Lehrerin Blake. Dann klatschte sie in die Hände. »Die anderen spielen weiter.« Sie betrachtete mich streng. »Und du, June, machst erst mal Pause.«

Kapitel 2

»Alles okay bei dir?«, fragte Preston, nachdem ich vom Feld gehumpelt war und mich auf der Wiese in den Schatten gesetzt hatte.

»Klar«, murmelte ich bitter und versuchte, die Schmerzen in meiner Seite genauso zu ignorieren wie den Anblick von Blake und Grace, die gemeinsam auf dem Weg zur Krankenstation waren. Um sie zu stützen, hatte er einen Arm um ihre Taille geschlungen, während sie ihren schlanken Körper an ihn schmiegte. Am liebsten wäre ich den beiden nachgegangen und hätte Grace zur Rede gestellt, aber ich wusste, dass das im Moment überhaupt nichts bringen würde.

»Sieht aber nicht so aus.« Preston ließ sich neben mir im Gras nieder. Obwohl er beim Training geschwitzt hatte, umgab ihn noch immer eine feine Note von dem teuren Männerduft, den er so gerne trug.

»Ich habe Grace nicht gefoult. Ihre Freundin hat gelogen«, erwiderte ich leise und versuchte, eine Position zu finden, bei der es weniger wehtat.

»Brooke?« Preston deutete mit dem Kinn in Brookes Richtung, die sich gerade mit Lilly einen erbitterten Kampf um den Ball lieferte – und leider gewann.

Ich nickte.

»Soll ich mich um sie kümmern?«

Ich schnaubte. »Was willst du tun? Ihr ein Bein stellen?«

Entspannt lehnte er sich zurück und blinzelte in die Sonne. »Ich denke, du weißt genau, was ich meine.«

Ich biss mir auf die Unterlippe und erlag kurz der Versuchung, es mir zumindest vorzustellen. Preston beobachtete Brooke in der Zwischenzeit so unbeteiligt, als würde er nur das Spiel verfolgen. Doch ich wusste, dass er die Macht hatte, sie wahrscheinlich alles sagen zu lassen, was er wollte.

»Das würdest du tun?«

Er zuckte mit den Schultern. »Es wäre nicht das erste Mal.«

»Aber fändest du es in Ordnung? Ich meine, findest du es okay, deine Gabe für so etwas einzusetzen?«

Preston beugte sich mit einem verführerischen Lächeln zu mir. »Es macht zumindest sehr viel Spaß. Aber wenn du das nicht möchtest, kann ich ihr natürlich auch ein Bein stellen.« Er grinste mich an, auf diese umwerfende Art, mit der er alle Mädchen um den Verstand brachte.

Ich musste lachen. »Du bist ein wahrer Held.«

»Ich würde sie auch schubsen, wenn dich das glücklich macht. Oder an den Haaren ziehen.« Preston senkte die Stimme. »Das waren meine leichtesten Übungen in der Sandkastenzeit.«

Ich hob eine Augenbraue. »Das hast du also mit den Mädchen gemacht.«

»Damals«, bemerkte Preston trocken. »Heute mache ich mit ihnen natürlich andere Dinge.« Er lächelte mich schief an.

Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter. »Du bist furchtbar.«

»Vielleicht. Aber ich könnte Brooke dazu bringen, von ihren akut juckenden Läusen zu berichten.«

Gegen meinen Willen musste ich lachen. »Wow. So ein verlockendes Angebot habe ich bisher noch von niemandem bekommen.«

Preston blickte mich intensiv an, und ich hatte für einen Moment das Gefühl, in seinen blauen Augen zu versinken. »Nun, außer mir gibt es ja auch niemanden, der dazu imstande wäre.«

Die absolute Selbstverständlichkeit, mit der Preston diese Tatsache feststellte, machte mir wieder einmal bewusst, über welche Macht er eigentlich verfügte. Fasziniert starrte ich in seine dunklen Pupillen und wusste nicht, ob ich mich von seiner Gabe angezogen oder abgestoßen fühlen sollte.

Da erklang ein warnender Pfiff von Mrs Peacock, weil ein paar Mädchen auf dem Spielfeld Preston mehr Aufmerksamkeit widmeten als dem Ball.

»Wie geht es dir eigentlich mit deiner Fähigkeit?«, fragte Preston. »Hast du dich an sie gewöhnt?«

Ich spürte, wie der Wind an meinen langen Haaren zupfte, und strich mir mit dem Handrücken eine Strähne aus dem Gesicht. »Ich denke schon. Obwohl es trotzdem manchmal noch ziemlich seltsam ist. Ab und zu stelle ich mir die Frage, was passiert wäre, wenn ich den Steinkreis nicht berührt hätte.«

Preston sah kurz zu seinem Trainer hinüber, der den Jungs offensichtlich noch ein paar Minuten Pause gönnte. »Das bringt nichts.«

»Was genau?«

»Sich die Frage zu stellen. Es ist völlig egal, was vielleicht passiert wäre, denn es ist nun mal passiert. Und es ist gut, dass es passiert ist.«

Ich atmete tief ein. »Habt ihr eigentlich je versucht, herauszufinden, woher eure Gabe kommt?«

»Klar«, sagte Preston schulterzuckend. »Allerdings waren wir dabei nicht besonders erfolgreich.«

»Aber ihr seid hier aufgewachsen. Gibt es gar keine Geschichten, die zu unseren … Fähigkeiten passen? Gar keine Anhaltspunkte?«

Preston seufzte. »Nein, June. Wir wissen genauso viel wie du. Blake wollte sich damit anfangs nicht abfinden, aber ich habe relativ schnell akzeptiert, dass es ist, wie es ist.« Er machte eine kurze Pause. »Es hat keinen Sinn, mit etwas zu hadern, was sich nicht ändern lässt.«

Ich senkte den Blick auf den Rasen und begann nachdenklich ein paar Grashalme auszuzupfen. »Vielleicht hast du recht.«

»Natürlich habe ich recht. Und wenn du in der Lage wärst, deine Gabe bei mir einzusetzen, dann wüsstest du, dass ich die Wahrheit sage.«

Bei seinem selbstbewussten Grinsen schüttelte ich nur den Kopf.

»Wie erkennst du eigentlich, ob jemand lügt oder die Wahrheit sagt?«, fuhr Preston interessiert fort. »Wie genau läuft das bei dir so ab?«

Kaum hatte er die Frage gestellt, flatterte ein Schmetterling vorbei, der mich an die vielen Tausend Kristallsplitter vorhin auf dem Feld erinnerte.

»Ich sehe es in ihren Augen«, erwiderte ich gedämpft. »Plötzlich steht die Welt still und der Mensch, den ich ansehe, verwandelt sich in eine leuchtende Kristallfigur. Sobald seine Augen und sein Körper zerspringen, sehe ich, was wirklich passiert ist. Während die Lüge dunkel ist, wird die Wahrheit von einem funkelnden Licht begleitet.«

Preston sah mich ungläubig an. »Du siehst zerspringende Kristallmenschen? Das ist ja fast wie in einem Horrorfilm.«

»Es ist aber nicht gruselig, zumindest inzwischen nicht mehr. Wie ist es bei dir?«

Er stützte seine Arme auf den Knien ab und beobachtete das Spiel der Mädchenhockeymannschaft. »Ich muss der Person nahe sein und brauche Blickkontakt, um ihr meine Gedanken einzuflüstern. Am Anfang lief es eher stockend und hat nicht immer das Ergebnis hervorgebracht, das ich wollte. Ein paar Mal habe ich auch versucht, die Leute zur Wahrheit zu bewegen, aber das funktioniert tatsächlich nicht, ich kann sie nur zum Lügen bringen. Mittlerweile klappt das aber ganz gut, und zum Glück vergessen sie, was sie gesagt haben.«

»Sie vergessen einfach, was sie gesagt haben? Komplett?«

»Yep. Bei einer kleinen Lüge ist es nicht schlimm, da wirken die Leute bloß ein wenig abwesend. Wenn ich sie jedoch länger und heftiger lügen lasse, haben sie eine Art Blackout.«

»Und wie ist es bei Blake? Vergessen die Menschen es auch, wenn er sie dazu gebracht hat, die Wahrheit zu sagen?«

Bei der Erwähnung seines Bruders verdüsterten sich Prestons Züge schlagartig. »Keine Ahnung. Das musst du ihn schon selbst fragen.«

Da Blake mir ziemlich hartnäckig aus dem Weg ging, würde ich wohl nicht so schnell dazu kommen. Dennoch nickte ich.

»Hast du eigentlich das Gefühl, dass sich deine Gabe noch weiterentwickelt?«, fragte ich dann.

»Absolut. Ich denke, da ist noch viel mehr drin.«

»Und was?«

Ein Funkeln schlich sich in seine Augen. »Zum Beispiel, dass ich fliegen oder mich unsichtbar machen kann.« An seinem Tonfall konnte ich erkennen, dass er mich nur verarschte.

»Das wäre cool. Dann könntest du dich zum Beispiel gleich jetzt unsichtbar machen.«

»Dann würdest du aber einiges verpassen«, bemerkte Preston spöttisch.

»Ich würde es überleben«, gab ich schmunzelnd zurück. Da bemerkte ich, dass erneut ein paar Mädchen aus dem Hockeyteam zu uns rüber starrten. Doch diesmal zeigte ihr Gesichtsausdruck nicht nur Interesse an Preston, sondern auch ein gewisses Maß an Eifersucht.

Bevor ich zu lange darüber nachdenken konnte, sprach Preston schon weiter.

»Weißt du, was wirklich cool wäre, June?«

»Was denn?«

»Gezielt Lügen in den Kopf eines Menschen zu pflanzen und damit seine Erinnerungen für immer zu verändern. Stell dir das mal vor: Man könnte die Erinnerungen an schlimme Erlebnisse einfach abändern, damit sie die Menschen im Hier und Jetzt nicht mehr quälen.«

»Wow. Das ist ja schon fast uneigennützig, Preston«, sagte ich leicht überrascht. »Was würdest du denn aus deiner Vergangenheit abändern wollen?«

Er wich meinem Blick aus. »Ich? Nicht viel«, erklärte er, aber das kaufte ich ihm nicht ab. »Wenn ich so nachdenke, fällt mir hier nur Blakes Geburt ein.« Sein Grinsen vertiefte sich. »Spannend wäre es natürlich auch, mehrere Menschen gleichzeitig zur Lüge bewegen zu können.«

Ich legte den Kopf leicht schief. »Und was hättest du davon?«

»Ein komplett sorgenfreies Leben. Überleg mal, welche Möglichkeiten dir zu Füßen lägen, wenn du alle Leute in deinem Umfeld auf einmal dazu bringen könntest, für dich zu lügen. Dir würde eine ganz neue Welt offenstehen.«

»Das ist ein sehr schräger Gedanke, Preston.«

Er lachte leise. »Okay, vielleicht hast du recht. Aber es hätte auch seinen Reiz.«

»Für einen Berufsverbrecher ganz sicherlich«, gab ich trocken zurück. »Glaubst du denn, dass Lord Musgrave solche Kräfte hat?«, fragte ich aus einem Impuls heraus. Bei der Vorstellung, dass Lord Musgrave über diese Macht verfügte, wurde mir ganz anders.

Preston schnaubte leise. »Ich glaube, dass es sich bei Lord Musgrave um einen reichen Sack handelt, der gerne Gruselgeschichten erzählt. Ich weiß, er ist mein Onkel, aber der Typ hat sie nicht mehr alle. Du solltest echt nichts auf diesen bescheuerten Fluch geben, June.«

»Wer sagt dir denn, dass ich das tue?«

Preston streckte seufzend seine langen Beine im Gras aus. »Ich sehe dir doch an, dass es dich die ganze Zeit beschäftigt.«

»Ich wüsste einfach gern mehr über den Fluch«, erwiderte ich eine Spur defensiver. »Blake denkt ja offenbar auch, dass er gefährlich ist.«

»Blake ist paranoid. Seit Riley tot ist, sieht er in allem und jedem eine Bedrohung. Er würde schon ausrasten, wenn er nur wüsste, dass ich mich mit dir über Musgrave unterhalte.«

»Hast du denn noch nie darüber nachgedacht, dass Rileys Tod etwas mit dem Fluch zu tun haben könnte?« Der Gedanke war mir zum ersten Mal in der Bibliothek gekommen, als Lord Musgrave Blake und Preston von den Grünen und Blauen erzählt hatte.

»Rileys Tod war ein Unfall, June. Kein Fluch«, bemerkte Preston etwas ernster. In dem Moment pfiff sein Trainer und erklärte die Pause damit für beendet.

Preston stand auf. »Dreh bitte wegen dieser Fluchsache nicht durch. Blake hat die ganze letzte Woche versucht, ein Treffen mit Musgrave zu arrangieren, um ihm noch mal auf den Zahn zu fühlen. Nur leider ist der bei irgendeiner Kunstauktion in Italien und für seine Neffen nicht verfügbar. Ich meine, sagt das nicht schon alles? Der Kerl denkt jahrelang, dass wir tot sind – und jetzt, wo er ein Stück seiner Familie wiedergewonnen hat, kümmert er sich einen Dreck um uns. Auf so einen Typen kann ich echt gut verzichten.« Er nickte mir zu. »Und das solltest du auch tun, June.«

Kapitel 3

»Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, dass du wie eine Prinzessin wohnst.« Lilly ging zu meinem weichen Himmelbett mit den vielen Polstern, das über einen spitzenbesetzten Baldachin aus cremefarbenem Stoff verfügte. Jeder ihrer Schritte wurde von dem hellen Teppich gedämpft, der den Raum zusammen mit den tapezierten Wänden und den bequemen Polstermöbeln in eine behagliche Oase des Wohlbefindens verwandelte.

»Also für mich ist es schon total normal«, erwiderte ich grinsend, woraufhin Lilly mich tadelnd ansah. Dann schüttete sie den Inhalt ihres grünen Rucksacks etwas nachdrücklicher als notwendig auf die bestickte Tagesdecke.

Ich lümmelte mich aufs Bett und nahm Lillys Ausrüstung interessiert in Augenschein. Dabei entdeckte ich zwei Taschenlampen, zwei Walkie-Talkies, ein Seil und eine Dose Pfefferspray.

»Und wofür brauchen wir das?«, fragte ich und griff nach einem Brecheisen, das zwischen dem ganzen Zeug auf der Decke lag.

Lilly ging zu meiner Frisierkommode und setzte sich schulterzuckend auf den gepolsterten Hocker davor. »Es kann doch sein, dass wir in dem Geheimgang eine Tür aufbrechen müssen. Oder eine verschlossene Truhe, wer weiß?«

»Und das Seil?«, hakte ich nach. »Denkst du, wir müssen uns auch irgendwo abseilen?«

»Ich bin eben gerne vorbereitet.« Sie drehte sich auf dem Hocker herum, um durch die hohen Fenster in den Garten zu blicken. »Bist du dir sicher, dass uns heute niemand in die Quere kommt? Dass euer übergenauer Butler nicht doch noch plötzlich auftaucht?«

Ich nickte, während ich gleichzeitig die Musik von NEBEN ein wenig leiser stellte. »Ich bin ganz sicher. Wilfried ist nicht da, Mary und Betty sind in der Küche beschäftigt, Preston hat wie gesagt Bandprobe und Blake ist sowieso die ganze Zeit unterwegs – die sollten also kein Problem sein. Und mein Onkel ist auf einer Geschäftsreise.«

»Okay«, sagte Lilly, die noch immer aus dem Fenster starrte. »Und was ist mit dem gruseligen gebückten Gärtner da unten?« Sie deutete nach draußen, wo ich Joseph zwischen den Rosenbüschen entdeckte. Er hatte eine blaue Schubkarre neben sich stehen, in der eine Menge Grünschnitt und abgeschnittene Zweige lagen. »Der wird hoffentlich auch nicht mit der Heckenschere auf uns losgehen, wenn er uns erwischt.«

»Joseph?«, fragte ich ungläubig. »Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Kannst du es dir nicht vorstellen oder willst du es dir nicht vorstellen?«

»Du liest zu viele Krimis, Lilly.«

»Irgendwann wirst du mir dafür noch danken«, entgegnete sie und stand auf, um die Sachen wieder in ihren Rucksack zu stopfen. Dann grinste sie. »Und jetzt lass uns den verdammten Tunnel erforschen und endlich etwas Licht in die Dunkelheit bringen.«

»Hier ist es«, sagte ich, als wir wenig später in der Bibliothek standen, und drückte gegen eines der glänzenden Nussbaumregale, bis in einiger Entfernung ein leises Klicken ertönte. Aus der Küche war Bettys Stimme zu hören, die anscheinend gerade mit ihrer schwerhörigen Mutter telefonierte und nicht den Eindruck machte, als würde sie auf die Idee kommen, später noch nach uns zu sehen.

»Mist, ich bin total nervös«, murmelte Lilly und nahm die meterhohen Regale der Bibliothek in Augenschein. Eine schmale Wendeltreppe führte hoch zu einer umlaufenden Galerie, in der noch mehr Bücher zu finden waren.

»Du musst jetzt aber nicht schon wieder auf die Toilette, oder? Laut Statistik geht ein normaler Mensch nur sechsmal am Tag aufs Klo, Lilly. Und du warst schon dreimal, seit du hier bist.« Ich ging an den holzvertäfelten Wänden vorbei zu dem leicht hervorstehenden Regal, das den Weg zum Geheimgang versperrte.

»Ich werd’s mir verkneifen. Zumindest versuche ich das«, sagte sie. Dann warf sie einen schnellen Blick über die Schulter und half mir, das hervorstehende Regal aufzuziehen. Lautlos schwang es zur Seite und gab den Weg in den dunklen Korridor frei, den ich erst einmal betreten hatte.

»Das ist echt wie im Film«, flüsterte Lilly und schaltete ihre Taschenlampe ein. Nacheinander betraten wir den schmalen Gang. Ich drehte mich noch einmal um und zog sanft an dem Regal, damit man von außen nicht gleich sehen konnte, dass es hier einen geheimen Korridor gab. Ich wollte die Tür nur anlehnen, doch stattdessen fiel sie mit einem leisen Klicken ins Schloss.

»Oh nein«, keuchte ich. Obwohl ich mit meinem ganzen Gewicht gegen die Tür drückte, bewegte sie sich keinen Millimeter.

»Was ist?« Lilly leuchtete mir direkt ins Gesicht.

»Ich krieg die verdammte Tür nicht mehr auf«, erklärte ich blinzelnd und stemmte mich erneut mit aller Kraft gegen die glatte Rückwand des Regals, jedoch ohne Erfolg.

»Die Tür ist eingerastet?«, fragte Lilly in einer etwas höheren Tonlage.

Mit einem leisen Fluch gab ich auf. »Es ist sinnlos.«

»Und hier gibt es nirgendwo eine Türklinke oder so?«

Ungläubig drehte ich mich zu Lilly um. »Denkst du wirklich, ich würde dann versuchen, die Tür mit meinem Körpergewicht aufzubekommen?«

»Sorry«, murmelte sie. »Lass uns einfach einen anderen Weg hinausfinden und hier keine Zeit mehr verplempern, okay?«

»Gute Idee«, sagte ich und atmete tief ein. Die Luft roch kühl und modrig und erinnerte mich an unseren Keller in Deutschland. Die Wände waren aus grob behauenem Stein und strahlten eine feuchte Kälte aus, die auch in eine Grabkammer gepasst hätte. Ich schaltete ebenfalls meine Taschenlampe ein, bevor ich mich gemeinsam mit Lilly in Bewegung setzte, um dem zuckenden Strahl unserer Lampen zu folgen.

»Wie weit bist du letztes Mal gekommen?«, fragte Lilly nach ungefähr einer Minute. Der Korridor, in dem wir uns befanden, war ziemlich lang und so schmal, dass ich hinter ihr laufen musste.

»Ich bin bei der ersten Abzweigung nach rechts gegangen. Dann habe ich an einem Haken an der Wand einen grünen Umhang entdeckt. So viel also zu den Spukgeschichten über Green Manor.«

Meine Worte vermischten sich mit dem leisen Hall unserer Schritte auf dem Steinfußboden. Plötzlich fuhr Lilly herum, als irgendwo hinter uns ein leises Knallen zu hören war, als ob jemand eine Tür zugeschlagen hätte.

»Hoffentlich war das nicht die Köchin, die uns gerade sucht«, flüsterte sie.

»Wieso sollte uns Betty denn suchen und dabei türenknallend durchs Haus rennen?«

Lilly hielt sich die Taschenlampe unters Kinn und sah dabei wirklich gruselig aus. Nur ein Teil ihres Gesichts lag im Licht, der Rest versank im Schatten. Sie lächelte dämonisch. »Ich weiß es doch auch nicht. Vielleicht war es ja auch der Gärtner mit seinen Heckenscheren.«

»Lass das«, wisperte ich. »Du willst mir nur Angst machen.«

»Funktioniert es denn?« Lillys Augen weiteten sich, und sie gab einen krächzenden Laut von sich. »June, der Fluch. Er wird uns alle treffen

»Es funktioniert nicht«, sagte ich und schob ihre Hand bestimmt zur Seite, sodass der Lichtkegel Lilly nicht mehr ganz so schaurig aussehen ließ. Da nahm ich eine verstohlene Bewegung hinter ihr wahr und spürte, wie mein Herz vor Schreck einen Schlag aussetzte.

»Was hast du?« Lillys Stimme hallte viel zu laut durch den nachtschwarzen Korridor. Ohne ein Wort zu sagen, legte ich den Zeigefinger auf die Lippen und starrte in die Dunkelheit. Der Gang führte noch ein paar Schritte weiter geradeaus, bis sich der Weg gabelte. Mit angehaltenem Atem lauschte ich in die stille Finsternis, die nur vom zitternden Schein unserer Lampen durchbrochen wurde. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und übertönte jeden klaren Gedanken. Ich hätte schwören können, dass ich etwas hinter Lilly gesehen hatte.

»Okay. Falls das jetzt dein mickriger Versuch ist, mir Angst zu machen, kann ich dir nur sagen, dass ich weitaus Schlimmeres von meinen Brüdern …«

In diesem Moment streifte der Lichtkegel meiner Taschenlampe eine dunkle Gestalt in der Mitte der Gabelung. Sie stand völlig reglos und mit gesenktem Kopf in dem Gang. Durch ihre schwarze Kapuzenjacke war ihr Gesicht nicht zu erkennen, aber ihre Haltung wirkte ganz und gar nicht freundlich. Mit einem erstickten Aufschrei taumelte Lilly zurück und knallte mit dem Rücken so fest gegen mich, dass mir die Taschenlampe aus der Hand fiel. Gleichzeitig wurde ich von einem gleißend hellen Lichtstrahl dermaßen stark geblendet, dass ich nichts mehr sehen konnte.

Keuchend hob ich die Hand vors Gesicht und blinzelte in die schmerzende Helligkeit, die offenbar von der Taschenlampe der Gestalt ausging.

Plötzlich wurde es wieder stockfinster. Mit tränenden Augen bückte ich mich nach meiner Taschenlampe, während die Gestalt einen Schritt zur Seite machte und lautlos in einem der Gänge verschwand.

»Oh mein Gott. Wer war das?«, stieß Lilly zitternd hervor.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte ich ebenso erschrocken. Mein trommelndes Herz kam meinen rasenden Gedanken kaum hinterher. Die Gestalt war groß, aber auch sehr schlank gewesen, sodass ich Blake und Preston allein von der Statur her ausschließen konnte. Dass irgendein Angestellter von Green Manor hier unten herumschlich, kam mir ebenso absurd vor. Aber wer wusste noch von dem Geheimgang? Konnte Lord Musgrave irgendwie Wind davon bekommen haben? Der Gedanke ergab keinen Sinn, dennoch spürte ich, wie sich mein Magen zu einem harten Klumpen zusammenzog.

»Hast du gesehen, wohin er oder sie verschwunden ist?«, hauchte Lilly und machte einen zögernden Schritt Richtung Weggabelung. Der Strahl ihrer Taschenlampe zuckte dabei nervös über die rauen Wände.

»Ich glaube nach rechts«, flüsterte ich zurück. »Willst du der Gestalt folgen?«

»Natürlich. Komm, wir müssen uns beeilen, damit sie uns nicht entwischt.«

Wir beschleunigten unsere Schritte und begannen zu laufen, so schnell wir das in der Dunkelheit konnten. Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren und mein Atem ging stoßweise, als der Weg plötzlich anstieg und die Luft ein wenig frischer roch. Schon bald erreichten wir eine weitere Weggabelung.

Lilly stöhnte. »Verdammt. Links oder rechts?«

»Rechts«, sagte ich, nur um schnell eine Entscheidung zu treffen. Aber auch im nächsten Korridor war von der Gestalt weit und breit nichts zu sehen.

»Ich brauche eine kurze Pause«, japste Lilly, die sich auf ihren Knien abstützte. »Mann, er oder sie ist uns entkommen.«

»Wer, glaubst du, war es?«

»Keine Ahnung. Aber ich vermute, dass es nicht die grüne Lady war, die eine Kapuzenjacke trägt und Leuten mit einer Hochleistungs-LED-Lampe ins Gesicht leuchtet. Lass uns weitergehen.«

»Es ist alles zu verwinkelt«, sagte ich, als der Gang plötzlich einen Knick machte und an einer steinernen Wand endete. Ich leuchtete stirnrunzelnd mit meiner Taschenlampe darüber. Die Luft war hier deutlich frischer, sodass es eine versteckte Öffnung geben musste.

Im nächsten Moment entdeckte ich einen schmalen Spalt in der Mauer. »Sieh mal. Das ist keine Wand, das ist eine Tür!«

Lilly stellte sich neben mich. »Hier ist ein hervorstehender Stein.« Sie beugte sich nach vorn und drückte gegen die rechteckige Erhebung. Gleichzeitig erklang ein leises Knirschen, mit dem sich die Tür vor uns ein Stück nach innen bewegte.

»Lilly, du bist genial«, wisperte ich und steckte meine Finger in den Spalt, um den geheimen Ausgang weiter zu öffnen.

Helles Tageslicht drang von draußen herein. Geblendet kniff ich die Augen zusammen, während ich mich mit Lilly durch den schmalen Spalt hinaus in den Garten quetschte und automatisch tief Luft holte. Es tat verdammt gut, den dunklen Korridor hinter uns zu lassen. Direkt vor uns befand sich eine schmiedeeiserne Gartenbank, dahinter erstreckte sich ein von hohen Ziersträuchern flankierter Weg. Als ich mich umdrehte und die steinerne Mauer betrachtete, die nun einen Spaltbreit geöffnet war, verstand ich, warum mir der Platz so bekannt vorkam.

»Hier war ich schon mal.« Ich erinnerte mich an die Nacht, in der ich der grün gekleideten Gestalt durch den Garten gefolgt war. »Genau an dieser Stelle ist die Person mit dem grünen Umhang verschwunden. Ich wusste, dass ich sie mir nicht eingebildet habe.«

Lilly hob eine Augenbraue. »Meinst du, die Gestalt im grünen Umhang und die Gestalt mit der schwarzen Kapuzenjacke sind doch ein und dieselbe Person?«

»Keine Ahnung.« Obwohl der Gedanke naheliegend war, passte er nicht ganz, da der grüne Umhang, den ich bei meinem letzten Besuch im Geheimgang gefunden hatte, schwach nach Prestons Parfüm gerochen hatte. Konnte es sein, dass wir heute womöglich einem von Prestons Freunden begegnet waren? Vielleicht machten sich seine Kumpels gemeinsam mit Preston einen Spaß daraus, die Legende von Green Manor am Leben zu erhalten?

In diesem Moment war Josephs Pfeifen hinter der Hecke zu hören. Erschrocken wich Lilly einen Schritt zurück und stieß dabei gegen die offen stehende Geheimtür, die sich mit einem leisen Knirschen schloss und nun wieder mit der Mauer abschloss.

»Verdammt, sie ist zu«, flüsterte ich und fuhr mit den Fingerspitzen die Kanten ab.

»Tut mir leid. Das war keine Absicht.« Lilly warf einen schnellen Blick über die Schulter. Josephs Pfeifen kam immer näher und ich zog Lilly rasch vor die Bank und bedeutete ihr, die Taschenlampen in ihrem Rucksack verschwinden zu lassen. Wir waren gerade damit fertig, als Joseph um die Ecke bog. Der alte Mann trug einen Strohhut und schob eine Schubkarre vor sich her, in der er den Grünschnitt der Hecken transportierte. Oben drauf lag eine große Heckenschere, deren Schneidblätter in der Sonne funkelten. Als der gebückte Gärtner Lilly und mich am Ende des Weges stehen sah, hörte er abrupt zu pfeifen auf und zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen.

»Wie sind Sie denn hierhergekommen?«

»Zu Fuß«, reagierte Lilly schnell. »June hat mir den Garten gezeigt, und er ist wirklich wunderschön. Sie kümmern sich offenbar gut um alles.«

Der Alte hustete und stellte die Schubkarre ab. »Aye, man tut, was man kann.« Sein Husten wurde immer schlimmer und ich wechselte einen besorgten Blick mit Lilly, als Joseph sich gegen die Brust klopfte und dabei ganz rot im Gesicht wurde.

»Soll ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«, fragte ich alarmiert, da ich Sorge hatte, dass Joseph uns hier einfach umkippen würde.

Röchelnd schüttelte der alte Gärtner den Kopf. »Nein, es geht schon wieder. Das verdammte Rauchen … Ich hätte nie damit anfangen sollen.«

»Warum hören Sie dann nicht damit auf?«, wollte Lilly wissen.

Joseph hustete ein letztes Mal und spuckte dann aus. »Hab ich doch«, murrte der Alte dann. »Aber der Husten wird nicht besser, den werde ich irgendwie nicht los.«

Angewidert wandte ich den Blick von dem Schleim ab, während Lilly sich unter einer Biene wegduckte, die ihre glänzenden roten Haare offenbar mit einer Blüte verwechselt hatte.

»Haben Sie schon damals geraucht, als Sie bei Lord Musgrave gearbeitet haben?«, fragte Lilly unvermittelt.

»Damals hab ich damit angefangen«, murmelte der alte Gärtner und kratzte sich unter seinem Sonnenhut am Kopf. »Woher wissen Sie, dass ich beim Lord gearbeitet hab?«

»Recherche«, erwiderte Lilly wie aus der Pistole geschossen. In Wahrheit hatte ich ihr von dem belauschten Gespräch zwischen Blake und Joseph erzählt. »Wir sollen für Geschichte ein Referat zum Thema Die Schattenseiten des Adels halten. Junes Onkel hat uns erzählt, dass Sie bei einem echten Lord angestellt waren.«

Joseph schnaubte und wischte sich seine schwieligen Hände an der Arbeitshose ab. »Scheinen sich gerade viele für den Lord zu interessieren.«

In diesem Moment vermischte sich das leise Vibrieren meines Handys mit dem sanften Vogelgezwitscher ringsum. Es war Carla, die seit ihrer Abreise aus Cornwall schon mehrmals versucht hatte, mit mir Kontakt aufzunehmen. Aber ich war noch nicht so weit und wollte mich auch nicht unter Druck setzen lassen, deswegen schaltete ich mein Handy auf stumm.

»Er ist ja auch ein interessanter Mann«, erwiderte Lilly lächelnd. »Es wäre großartig, wenn Sie uns etwas über die dunklen Seiten des Lords verraten könnten.«

Joseph schüttelte abwehrend den Kopf. »Kann ich aber nicht.«

»Ach, als Gärtner bekommt man doch so einiges mit«, entgegnete Lilly hartnäckig und machte einen Schritt auf Joseph zu.

»Der Lord ist ein Mann, der genau weiß, was er will. Auch wenn die Arbeit bei ihm anstrengend war, war er trotzdem immer fair. Mehr gibt’s nicht zu erzählen«, erwiderte Joseph stur.

»Und wie hat sich diese Fairness geäußert?«, fragte ich, da ich Lord Musgrave eher hart eingeschätzt hätte.

Joseph kniff die Augen zusammen. »Immerhin hat er uns anständig bezahlt. Und das eine Mal, als der junge Chester was vom guten Silber hat mitgehen lassen, hat er ihn nicht gleich auf die Straße gesetzt, sondern ihm sogar geholfen.«

»Der junge Chester? Wer war das?«, fragte Lilly neugierig.

Der Gärtner schob sich seufzend seinen Sonnenhut zurück. »Ein Taugenichts. Ich hab gleich gewusst, dass mit dem irgendwas nicht stimmt. Der Typ hat wie ein Schlot geraucht, diese schrecklichen Vanilla Clouds, und ständig Kaugummi gekaut, als ob man es dann nicht riechen würde.« Joseph spuckte ein zweites Mal aus. »Überall haben diese pinkfarbenen Kaugummiverpackungen rumgelegen. Außerdem hat er für Geld alles gemacht und es dann versoffen oder verspielt. Aber der Lord hat ihn trotzdem nicht rausgeschmissen.« Joseph hustete. »Lord Musgrave war zwar nicht der Sympathischste, dafür aber immer gerecht. Jetzt muss ich mich aber um meine Hecken kümmern.« Mit diesen Worten packte der alte Gärtner die Griffe der Schubkarre und wendete auf dem schmalen Weg. Offenbar hatte er nicht vor, seine Hecken zu stutzen, wenn wir ihm dabei zusahen.

Als er außer Sicht war, atmete Lilly tief durch. »Gut, allzu viel haben wir nicht herausgefunden. Aber wir stehen ja erst am Anfang.«

Ich nickte und betrachtete die steinerne Mauer, hinter der der Geheimgang lag. »Und deshalb sollten wir da noch mal rein, oder?«

»Auf alle Fälle. Wer weiß, wohin uns der Geheimgang noch bringt.«

Schmunzelnd betastete ich die Steine. »Du wärst eine gute Detektivin. Das erfundene Referat zum Thema Die Schattenseiten des Adels fand ich ziemlich überzeugend. Hast du das vorbereitetet oder ist dir das spontan eingefallen?«

»Spontan. Da macht sich meine Kleptomanie bemerkbar«, erwiderte Lilly trocken. »Schließlich musste ich da öfter spontan sein – meine Krankheit hatte also nicht nur Nachteile.«

»Und dein Therapeut sagt, dass du jetzt geheilt bist?«

Lilly stellte sich neben mich und grinste. »Aktuell sieht es zumindest ganz gut aus.«

»Grayson wird dich trotzdem ein Leben lang damit aufziehen.«

»Ich weiß.«

Meine Finger glitten weiter über die Mauer, bis ich einen Stein entdeckte, der ein Stückchen hervorstand. »Hier, Lilly. Schau!«, flüsterte ich aufgeregt und drückte sanft dagegen. Im nächsten Augenblick schwang die Geheimtür knirschend auf.

»Genial.« Lilly grinste mich an. »Wir sind echt ein super Team«, fügte sie hinzu, bevor wir unsere Taschenlampen aus dem Rucksack zogen und zurück in den Geheimgang traten. Das ungute Gefühl, das sich dabei in meiner Brust breitmachte, schob ich mit Gewalt zur Seite. Wer auch immer uns hier unten begegnet war, hätte wesentlich mehr tun können, als uns nur mit seiner Lampe zu blenden. Lilly wurde ebenfalls etwas stiller, als die Geheimtür hinter uns zufiel und den sonnigen Garten aussperrte.

»In dem Team wäre ich Sherlock Holmes«, murmelte sie nach ein paar Schritten. »Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich nämlich, dass Joseph uns mehr gesagt hat, als ihm selbst klar war.«

Nachdenklich richtete ich meinen Lichtkegel auf den leicht abschüssigen Steinboden vor uns, von dem unsere Schritte widerhallten. »Wie kommst du darauf?«

Lilly wich fluchend einem riesigen Spinnennetz aus, das von der leicht gewölbten Decke hing, und fuhr sich hektisch durch ihre Haare, bevor sie sich wieder fasste.

»Du musst zwischen den Zeilen lesen, June. Joseph sagte, dieser gruselige Lord war immer fair zu allen – das glaube ich nie im Leben. Schon allein die Geschichte mit diesem Chester war komisch. Da steckt sicher mehr dahinter. Leute, die so großzügig sind, haben doch oft was zu verbergen. Und hat Joseph Blake nicht erzählt, dass Lord Musgrave ein Kontrollfreak war?«

»Stimmt. Das wollte er offenbar vor uns nicht preisgeben.« Wir hatten wieder die Gabelung von vorhin erreicht und folgten nun dem anderen Korridor. Vor uns kreuzte ein weiterer Gang den Weg, auf dem wir uns befanden. Er war genauso schmal und schien links nach ein paar Schritten in einer Sackgasse zu enden, während sich der Weg rechts in einem weiten Bogen in der Dunkelheit verlor.

»Glaubst du, dass dieses tote Ende hier in Wirklichkeit auch ein geheimer Ausgang ist?« Lilly rieb sich fröstelnd über die Arme und ging ein paar Schritte in den linken Gang hinein. Von irgendwo war das leise Gluckern von Wasser zu hören, obwohl der Korridor trocken aussah.

»Wahrscheinlich«, murmelte ich und blieb wie angewurzelt stehen, als mir eine schmale Öffnung in der dunklen Mauer auffiel. »Hier ist etwas.«

Lilly leuchtete mit ihrer Lampe auf den unscheinbaren Durchlass. »Sind das da Stufen?«

Vorsichtig näherte ich mich der Maueröffnung, hinter der tatsächlich steinerne Stufen zu sehen waren, die sich in engen Windungen nach oben schraubten. Ein leichter Luftstrom war zu spüren, der den Geruch nach Staub mit sich brachte.

»Interessant«, murmelte Lilly. »Der Geheimgang scheint verschiedene Ebenen des Hauses zu verbinden.«

»Lass uns nachsehen, wo er hinführt.«

Lilly nickte und betrat als Erste die steinerne Wendeltreppe. Die glatten Stufen waren gerade mal breit genug für eine Person, sodass wir wieder hintereinanderher gehen mussten.

»Ganz schön dunkel hier«, flüsterte Lilly, als wir immer höher in die pechschwarze Finsternis hinaufstiegen.

»Wenigstens haben wir Taschenlampen. Wie muss das früher gewesen sein, als es nur Fackeln und Kerzen gab«, flüsterte ich zurück.

»Hier scheint es ein bisschen wärmer zu werden«, sagte Lilly, die sich mit einer Hand auf der rauen Wand abstützte. Die letzte Steinstufe der Wendeltreppe führte zu einem weiteren Korridor, der sich nach rechts und links in die Dunkelheit erstreckte.

»Ich glaube, dass hier noch ein Ausgang ist«, sagte Lilly und deutete auf die glatt verputzte Wand direkt vor uns. Sie hob sich deutlich von den anderen Wänden aus alten Mauersteinen ab.

»Dann lass uns nachsehen, was sich dahinter befindet.« Inzwischen wusste ich, wonach ich suchen musste, und fand schnell einen hervorstehenden Stein in der Mauer rechts von uns. Mit einem leisen Klicken schwang die Geheimtür einen Spaltbreit auf. Lilly leckte sich nervös über die Lippen, und ich bedeutete ihr, ganz leise zu sein, bevor ich die Tür ein klein wenig aufdrückte und vorsichtig durch den Spalt linste.

Dahinter befand sich ein elegant eingerichtetes Zimmer. Ein dicker kobaltblauer Teppich lag vor einem breiten Bett aus dunklem Holz.

Mir wurde flau im Magen.

Es war Blakes Zimmer.

Kapitel 4

»Ich glaube, die Luft ist rein«, flüsterte ich Lilly zu und drückte die Tür ganz auf. Wir traten nacheinander in das Zimmer, das noch ein wenig größer war als meines. Ein unverkennbarer Duft nach herber Frische hing in der Luft. Automatisch atmete ich tiefer ein.

»Das ist Blakes Zimmer«, sagte ich über die Schulter.

»Warst du schon mal hier?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Wie kannst du dir dann so sicher sein?« Lilly steckte ihre Taschenlampe zurück in den Rucksack.

Ich ließ meinen Blick über die Einrichtung schweifen, die aus dunklen Möbeln bestand. Alles wirkte ein wenig nüchterner als in meinem Raum, was auch an den Farben lag. Während bei mir helle Pudertöne dominierten, hatte hier alles eine deutlich maskulinere Note.

»Die dunklen Klamotten.« Ich deutete auf das gemachte Bett, auf dem ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Jeans lagen. »Das sind Blakes Sachen.«

Anerkennend zog Lilly eine Augenbraue hoch. »Du bist eine super Assistentin, Watson.«

»Warum muss ich eigentlich Watson sein? Immerhin habe ich die Wendeltreppe entdeckt.«

»Falsch. Ich habe sie dich entdecken lassen«, erwiderte sie grinsend.

»Du weißt schon, dass ich merke, wenn du lügst?«

»Hey, beschwer dich nicht. Jeder gute Detektiv braucht einen Helfer. Und mit deiner magischen Fähigkeit bist du der perfekte Sidekick.« Lilly machte ein paar Schritte in das aufgeräumte Zimmer. Einzig auf Blakes wuchtigem Schreibtisch neben dem Fenster schien ein gewisses Maß an Unordnung zu herrschen. Langsam folgte ich Lilly und hatte dabei das Gefühl, Blakes Anwesenheit wie ein leichtes Prickeln auf der Haut zu spüren.

»Vielleicht sollten wir lieber gehen«, murmelte ich nervös. Obwohl wir bisher nichts angefasst hatten, fühlte es sich an, als würde ich in seine Privatsphäre eindringen.

Lilly pustete sich eine rote Strähne ihres Ponys aus der Stirn. »Wieso? Blake ist nicht da.«

»Aber was, wenn er wiederkommt?« Ich wollte mir nicht ausmalen, was dann geschehen würde.

»Er kommt schon nicht wieder. Du hast doch selbst gesagt, dass er in letzter Zeit ständig unterwegs ist.« Neugierig sah sich Lilly um und steuerte dann direkt auf den großen Schreibtisch zu. Er war aus demselben dunklen Holz gefertigt wie der Rest der Einrichtung, wobei die vielen Unterlagen und Zeitungsausschnitte darauf nicht zu der Ordnung ringsum passten.

»Blake scheint auf der Suche nach irgendwas zu sein«, meinte sie, während sie ein paar Blätter zur Seite schob. Ich stellte mich neben sie und betrachtete die ausgeschnittenen Artikel und alten Fotos. Auf einigen davon war der junge Lord Musgrave mit einer hübschen Frau zu sehen. Sie hatte lange dunkle Haare und strahlend blaue Augen, die mich so sehr an Blake und Preston erinnerten, dass mir der Atem stockte.

»Das muss seine Mutter sein«, flüsterte ich. »Lord Musgraves Schwester.« Vorsichtig nahm ich eines der Bilder zur Hand. Dabei fiel mein Blick auf die Überschrift eines Zeitungsartikels, der vorher durch das Foto verdeckt gewesen war.

TRAGISCHER AUTOUNFALL:
MUTTER STIRBT MIT IHREN EINJÄHRIGEN ZWILLINGEN

In der Nacht vor Halloween ist eine Frau mit ihren zwei kleinen Kindern aus bisher ungeklärter Ursache mit dem Wagen von der Küstenstraße in Blackcross abgekommen und über die Klippen ins Meer gestürzt. Gegen 21 Uhr herrschte schlechte Sicht, weshalb die Polizei von einem tragischen Unfall ausgeht. Die Leichen der Kinder wurden nicht in dem Autowrack gefunden, wofür vermutlich die stürmische See verantwortlich war, wie die Polizei mitteilte.

Bei den Sätzen lief es mir kalt den Rücken hinunter. Ging es hier um Blakes und Prestons Mutter? War sie auf diese Weise gestorben: indem sie mit ihrem Auto über eine Klippe gestürzt war?

Und die Zwillinge – waren Blake und Preston damit gemeint? Aber wie hatten die Jungs das überlebt?

»Sieh dir mal das an«, sagte Lilly und zeigte auf drei Bücher auf dem Schreibtisch. »Blake interessiert sich offenbar auch für Sagengeschichten.«

Auf einem der Bücher klebte eine gelbe Haftnotiz, auf die Blake geschrieben hatte: Blaue und Grüne?

»Was ist das?«, fragte ich und deutete auf einen blauen Zettel, der halb versteckt zwischen zwei Büchern lag. Blake hatte den Namen eines Mannes offenbar nur schnell hingekritzelt, ihn dafür aber gleich dreimal unterstrichen.

»Keine Ahnung.«

»Was zum Teufel macht ihr hier?«

Erschrocken fuhr ich herum und ließ dabei beinahe den Zeitungsartikel fallen. Selbst Lilly zuckte zusammen, bevor sie sich umdrehte.

Im Türrahmen stand Blake. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen ein sehr, sehr wütender Blake.

Mit klopfendem Herzen sah ich ihn an. Er schien mit dem Motorrad unterwegs gewesen zu sein, denn er trug seine schwarze Lederjacke und hielt den glänzenden Helm noch in der Hand. Seine dunklen Haare waren ein wenig zerzaust, und seine blauen Augen funkelten mich dermaßen verärgert an, dass es mir kurz die Sprache verschlug.

»Wir haben uns verlaufen«, sagte Lilly neben mir und reckte das Kinn in die Höhe.

»Verlaufen«, wiederholte Blake und fixierte uns, wobei er den Motorradhelm auf sein Bett schmiss. Seine Kieferpartie war so angespannt, als müsste er eine beißende Erwiderung mit Gewalt zurückhalten.

Ich spürte, wie mein Mund trocken wurde, und legte den Zeitungsartikel zurück auf den Schreibtisch. »Wir sollten gehen, Lilly.«

»Nicht so schnell«, knurrte Blake. Mit drei langen Schritten überwand er die Distanz zwischen uns und ragte plötzlich bedrohlich nah vor uns auf. »Vorher will ich wissen, wieso ihr meine Sachen durchwühlt, wenn ihr euch nur hierher verlaufen habt.«

Ich wechselte einen blitzschnellen Blick mit Lilly. Anscheinend fiel ihr nicht sofort eine Antwort ein, denn sie biss sich auf die Unterlippe. Blake fixierte erst Lilly, dann mich und dann wieder Lilly. Für einen langen Moment war es unnatürlich still, bis Blake plötzlich die Augen verengte und hörbar die Luft einsog.

»Du hast es ihr erzählt.« Seine tiefe Stimme klang gefährlich leise.

»Ich habe ihr gar nichts erzählt«, gab ich tonlos zurück, während Lilly sich unbehaglich neben mir bewegte.

»Ernsthaft, June? Für wie dumm hältst du mich?« Blake zog seine dunklen Augenbrauen zornig zusammen. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass er sogar wütend unfassbar anziehend auf mich wirkte.

»Ich dachte, wir hätten eine Abmachung«, fuhr er mich an. »Hast du nicht selbst gesagt, du würdest damit aufhören, mir ständig hinterherzuspionieren?«

Ich schluckte. »Ich habe dir nicht hinterherspioniert. Wir sind ganz zufällig hier gelandet.«

»Ganz zufällig?« Blake schnaubte humorlos. »Und wie landet man zufällig in meinem Zimmer und durchstöbert dann zufällig meine Sachen?«

»So war es doch gar nicht!«, hielt ich dagegen, obwohl es irgendwie schon so gewesen war. Aber ich hätte mir eher den Arm abgehackt, als das vor Blake zuzugeben. Ja, wir waren unerlaubt in sein Zimmer eingedrungen, trotzdem hatte ich es satt, mich von ihm schon wieder wie ein kleines Mädchen behandeln zu lassen.

»Und wie war es dann?« Er machte noch einen Schritt auf mich zu, sodass uns nur wenige Zentimeter voneinander trennten. Sein berauschender Duft stieg mir in die Nase, und seine blauen Augen bohrten sich so unbarmherzig in meine, dass ich mich beherrschen musste, um nicht zurückzuweichen.

Lilly griff nach meinem Arm. »Wir werden jetzt gehen.«

»Das werdet ihr nicht«, knurrte Blake und wandte ihr seine Aufmerksamkeit zu. »Zuerst sagst du mir, wie ihr wirklich hier gelandet seid.« In seinen Worten schien eine dunkle Kraft zu liegen, denn Lilly schaffte es nicht, wegzusehen. Ein eisiger Lufthauch, der mich unwillkürlich zum Frösteln brachte, zog durch das Zimmer. Blakes Macht war wie eine kalte Berührung auf der Haut, die an einen frostigen Windstoß im tiefsten Winter erinnerte. Erschauernd wich ich einen Schritt zurück.

Blake setzte eindeutig seine Gabe bei Lilly ein.

Die Fensterscheiben hinter uns begannen so stark zu klirren, als ob das ganze Zimmer von einem gewaltigen Erdbeben erschüttert würde.

»Was tust du da?«, fragte Lilly nervös. Blake antwortete nicht, aber die Kälte in seinem Blick sprach eine eigene Sprache. Die Luft um ihn herum vibrierte regelrecht, und ich bekam eine Gänsehaut. Noch immer fixierte Blake Lilly mit einer solchen Härte, dass seine Augen wie zwei geschliffene Diamanten wirkten. Die Luft war inzwischen so kalt, dass sich kleine Atemwölkchen vor meinen Lippen bildeten, während plötzlich alle Lampen im Zimmer gleichzeitig zu flackern anfingen.

»Hör auf!«, platzte es aus mir heraus, doch Blake ignorierte mich. Stattdessen klirrten die Fensterscheiben immer lauter, bis das Glas einen Riss bekam und Lilly mit aufgerissenen Augen zusammenzuckte.

»June und ich haben den Geheimgang erforscht«, brach es dann aus ihr hervor. »Zuerst sind wir im Garten gelandet und haben Joseph nach Informationen zu Lord Musgrave befragt, bevor wir schließlich die steinerne Wendeltreppe entdeckt haben. Sie hat zu deinem Zimmer geführt, und ich war neugierig, ob du etwas über den Fluch weißt, deshalb wollte ich mich hier umsehen. Dein Schreibtisch hat so unordentlich ausgesehen, deshalb hab ich zu June gesagt, dass ich glaube, dass du auf der Suche nach irgendetwas bist.«

Die Kälte im Raum nahm schlagartig wieder ab. Erschrocken schlug sich Lilly die Hand vor den Mund.

»Oh nein«, flüsterte sie. »Jetzt weiß ich, wie du das auf dem Schulhof gemacht hast.«

Blake presste die Lippen zusammen und machte einen schnellen Schritt zum Schreibtisch, wo er blitzschnell nach einem schwarzen Umschlag griff, den er in einer Jeanstasche verschwinden ließ. Dann drehte er sich zornig zu mir um.

»Ich habe dir gesagt, dass du mich die Sache mit Musgrave regeln lassen sollst. Doch stattdessen läufst du herum und weihst alle möglichen Leuten in unser Geheimnis ein. Was ist eigentlich los mit dir, June?«

»Ich habe nicht allen möglichen Leuten davon erzählt«, gab ich verärgert zurück und versuchte, mich von seiner dominanten Art nicht einschüchtern zu lassen.

»Großartig. Dann hast du es also noch nicht im Internet gepostet?«, blaffte er mich an. »Wer weiß außerdem von der Sache?«

»Niemand!«

»Und wieso soll ich dir das glauben?«

Fassungslos schnappte ich nach Luft. Seine bloße Anwesenheit brachte mein Herz dazu, schneller zu schlagen – und ich ärgerte mich über meinen dummen Körper, der selbst in Momenten ...

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