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Ein Apartment für zwei

PROLOG

Das war wirklich genug! Zuerst diese albtraumhafte Reise, von der er befürchtet hatte, es könnte seine letzte sein, dann der Flug in der kleinen Propellermaschine, und jetzt diese Pressekonferenz mit den endlosen Fragen.

Alles, was er wollte, war völlige Einsamkeit. Eine Gelegenheit, aus seiner Kleidung herauszukommen. Er wünschte sich einen Sturzbach heißen Wassers, der den Schmutz und die Todesangst von ihm abwaschen würde.

Doch erst musste er sich noch mit dieser Reporterin herumärgern, die ihn schon wieder mit ihrem Augenaufschlag nervte. Worüber hatten sie eigentlich gerade gesprochen?

„Können Sie für meine Leser beschreiben, wie Sie sich gefühlt haben?“, fragte sie nun.

„Ich bin um mein Leben gerannt“, erwiderte er knapp. „Was haben Sie gedacht?“

„Sie haben die Sache in die Hand genommen“, fuhr sie fort. „Sie haben alle anderen Passagiere in Sicherheit gebracht. Wie fühlt man sich als Held?“

„Gnädigste“, sagte er barsch, „ich bin müde und schmutzig und keineswegs ein Held. Ich habe einfach nur meinen Job gemacht. Und wenn Sie keine sinnvollen Fragen mehr haben, werde ich jetzt gehen.“

Doch sobald er sein Apartment betrat und die Tür hinter sich schloss, spürte er, dass etwas nicht stimmte. Seine Sinne waren noch äußerst empfindsam von den Gefahren der vergangenen Tage und Nächte. So stand er jetzt da und lauschte. Aus der Dusche kam ein Geräusch. Er schlich den Flur hinunter in sein Schlafzimmer.

Hier öffnete er mit Schwung die Tür zum Bad und stockte. Sein wütender Blick blieb an glatter, schimmernder Haut hängen, die deutlich hinter der Glasabtrennung zu sehen war.

„Unglaublich“, stieß er atemlos aus.

Er ging einen Schritt vor und riss die Tür der Duschkabine auf. Dann sah er sich einer unfassbar schönen nackten jungen Frau gegenüber.

1. KAPITEL

Eine Woche zuvor

„Das ist alles zu schön, um wahr zu sein“, seufzte Tallie Paget.

„Vielleicht ist es in Wirklichkeit nicht so schön, wie du denkst“, warnte ihre Freundin Lorna sie streng. „Du kennst diesen Mann doch kaum. Pass bloß auf.“

Tallie lächelte sie beruhigend an. „Genau das werde ich tun. Ich werde auf Kit Benedicts Apartment aufpassen, während er in Australien ist. Ich kann dort mietfrei wohnen! Ich muss nur Strom und Heizung bezahlen. Und natürlich werde ich diese Kosten auf einem absoluten Minimum halten, während ich mein Buch beende.“

Tallie blickte in ihre leere Kaffeetasse. „Hier kann ich unter diesen Umständen nicht bleiben. Und Josie hat ganz klargemacht, dass sie nicht ausziehen wird, um … mit ihm zu leben.“

Lorna sah sie fragend an. „Dieser Kit Benedict – versprich mir, dass du seinetwegen keinen Rückfall erleiden wirst.“

„Auf gar keinen Fall“, erwiderte Tallie entgeistert. „Ich habe es dir doch schon erklärt: Er ist auf und davon, nach Australien, um dort mehr über den Weinanbau zu erfahren. Und ganz nebenbei, er ist nicht im Entferntesten mein Typ.“

Ihr Typ, dachte sie, von plötzlichem Schmerz ergriffen, war groß, mit blonden Strähnen, die ihm ins Gesicht fielen, blauen Augen und einem tiefgründigen Lächeln. Wie Gareth.

„Er braucht jemanden, der bei ihm einhütet, während er fort ist“, fuhr sie fort. „Und ich brauche eine Bleibe. Der Handel ist perfekt.“

„Und wie ist seine Wohnung so? Die übliche Junggesellen-Bude, vollgestellt mit leeren Flaschen und Kartons?“

„Im Gegenteil“, versicherte Tallie ihr fröhlich. „Sein Apartment ist im obersten Stockwerk eines Hauses aus der Gründerzeit, mit einem fabelhaften Wohnbereich – wundervoll ausladende Sofas und Sessel, kombiniert mit echten Antiquitäten. Und dazu eine Aussicht über ganz London.“

Ihr Zimmer in Josies Wohnung war klein wie ein Schuhkarton. Ein schmales Bett mit einer Unterbettkommode aus Plastik für einige wenige Kleidungsstücke. Es gab nicht einmal ein Regal, sodass ihre übrige Garderobe an zwei Haken an der Tür hing. Ein winziger Tisch, zum Glück groß genug für ihren Laptop, und ein Hocker – das war alles. Aber die Miete war günstig, also hatte sie sich mit der Situation abgefunden, solange sie nicht zu ändern war – doch dann war Gareth gekommen.

Sie zuckte innerlich zusammen bei dem Gedanken an ihn und beeilte sich, mehr zu erzählen. „Tatsächlich ist das Apartment absolut gepflegt, weil Kit eine Putzfrau hat, Mrs. Medland, die zweimal pro Woche kommt.“ Sie atmete tief durch. „Und ab morgen wird das alles mir gehören.“

„Hmm“, entgegnete Lorna. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich all das leisten kann. Außer diese Weinfirma, für die er arbeitet, gehört in Wirklichkeit ihm.“

Tallie schüttelte den Kopf. „Völlig falsch. Offenbar ist die Wohnung Teil eines Familienerbes.“ Sie hielt kurz inne. „Es gibt sogar ein Arbeitszimmer, das ich benutzen darf.“

Lorna seufzte. „Nun, ich glaube, ich muss die Situation so akzeptieren. Hoffentlich landest du weich nach der ganzen Geschichte.“

„Es wird alles gut gehen, bestimmt“, versicherte Tallie.

Und ich wünschte, ich wäre tatsächlich so optimistisch, wie ich klinge, dachte sie insgeheim.

Andererseits wusste sie, dass die Gelegenheit, so ungestört als Schriftstellerin arbeiten zu können, der Himmel geschickt hatte. Wenn sie diese Chance nicht ergriffe, würde sie es ein Leben lang bereuen.

Alles, was sie in diesem Jahr getan hatte, war mit diesem Ziel vor Augen gewesen. Sie hatte ihr Gehalt aus dem Weinlokal fast vollständig gespart und zudem versucht, ihren Lebensunterhalt so günstig wie möglich zu gestalten, um genügend Ersparnisse zu haben, während sie ihren Roman schrieb. Sie würde am Existenzminimum leben müssen, aber sie war darauf vorbereitet.

Und all das nur, weil sie an einem Wettbewerb eines Magazins teilgenommen hatte, das neue junge Schriftsteller suchte. Um an dem Wettbewerb teilnehmen zu können, hatte man den Anfang eines eigenen Romans einreichen müssen. Tallie hatte eine Geschichte über ein temperamentvolles Mädchen zu Papier gebracht, das sich als Mann verkleidet und eine gefährliche und abenteuerliche Odyssee durch Europa unternimmt, um ihren Geliebten, einen jungen Offizier im Krieg, zu finden.

Alice Morgan, Literaturagentin und Jurymitglied, hatte sie wenig später angerufen und zum Essen in London eingeladen.

„Haben Sie nie daran gedacht, hauptberuflich als Schriftstellerin zu arbeiten?“, hatte sie gefragt, während sie einen wunderbar zubereiteten Wolfsbarsch serviert bekamen, gefolgt von Baiser mit frischen Erdbeeren. Nie zuvor hatte Tallie in einem solchen Luxusrestaurant gespeist.

Tallie errötete. „Doch, das ist immer mein Traum gewesen, aber erst irgendwann, in ferner Zukunft. Ich habe gedacht, ich müsste erst irgendeinen normalen Beruf erlernen.“

Mrs. Morgan lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück. „Aber was passiert dann mit ihrer Romanheldin Mariana, die den Schmugglern in die Hände gefallen ist? Werden Sie sie ihrem Schicksal überlassen, oder werden Sie die Geschichte zu Ende schreiben?“

„Ich habe noch nicht darüber nachgedacht“, gab Tallie zu. „Um ehrlich zu sein, ich habe das erste Stück nur zum Spaß geschrieben.“

Alice Morgan sah sie lächelnd an. „Wenn Sie den roten Faden und die Spannung weiterhin auf einem derart hohen Niveau halten können, denke ich, dass ich mehr als einen Verleger für den Roman begeistern werde.“

„Mein Gott“, erwiderte Tallie ausdruckslos. „In diesem Fall sollte ich wohl ernsthaft darüber nachdenken.“

„Genau das wollte ich hören“, antwortete die Literaturagentin. „Einen Charakter sollten Sie allerdings noch überarbeiten: Ihren Helden, den schneidigen William. Gibt es in Ihrem Leben jemanden, dem er in Teilen ähnelt?“

Tallie spürte, wie sie hochrot anlief. „Oh nein“, widersprach sie eilig. „Nur jemand, den ich gelegentlich im Ort sehe. Aber ich … ich kenne ihn kaum.“

Nur seinen Namen kenne ich gut – Gareth Hampton.

Mrs. Morgan nickte. „Ich kann ihn mir bisher nicht als Held vorstellen. Aber wenn Mariana so viel riskiert aus Liebe zu ihm, dann müssen Sie zeigen, dass er es wert ist.“

Ihre Eltern waren erstaunt gewesen und hatten zögerlich reagiert, als Tallie ihnen erklärt hatte, Schriftstellerin werden zu wollen und deswegen ausziehen würde.

„Warum kannst du nicht einfach ein bisschen von zu Hause aus schreiben?“, hatte ihre Mutter gefragt.

Weil ich dann niemals eine Zeile zu Papier bringen würde, hatte Tallie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen gedacht. Sie würde ihrem Vater in der Praxis zur Hand gehen, die Hunde ausführen, im Haushalt helfen. Sie wäre für alles und jeden in Rufweite, eine denkbar schlechte Voraussetzung für konzentriertes Arbeiten.

Doch sie hatte ihre Eltern nicht kränken wollen, deshalb hatte sie gesagt: „Mrs. Morgan hat betont, dass ich meine Recherchen vor Ort machen muss. Dafür ist es besser, in der Stadt zu wohnen. Ich werde eine Wohngemeinschaft mit zwei oder drei anderen Mädchen bilden.“

Mrs. Paget hatte darauf nichts erwidert, doch die Lippen geschürzt und einige Tage später erwähnt, dass sie mit Onkel Freddie gesprochen habe. Er habe ihr zugestimmt, dass es undenkbar sei, mit Fremden zusammenzuwohnen, und darauf beharrt, dass Tallie zu ihrer Cousine Josie zöge.

„Er sagt, ihre Wohnung hat ein Gästezimmer, und Josie könnte dir helfen, in London Fuß zu fassen“, hatte sie hinzugefügt.

Tallie war entsetzt gewesen. „Eher würde ich mich vor einen Zug werfen. Mum, Josie ist drei Jahre älter als ich, wir haben keine Gemeinsamkeiten. Nebenbei bemerkt, sie und Tante Val haben uns immer als die armen Verwandten betrachtet, das weißt du.“

„Finanziell gesehen sind wir das ja auch“, hatte ihre Mutter entgegnet. „In anderen Dingen allerdings nicht. Egal“, war sie in fröhlichem Optimismus fortgefahren, „ich könnte mir vorstellen, dass Josie umgänglicher geworden ist, seit sie selbst für ihren Lebensunterhalt arbeitet.“

Davon hatte Tallie jedoch nie etwas gemerkt. Zumindest ihr gegenüber benahm sie sich immer noch so unerträglich wie früher. Und so anstrengend es auch gewesen sein mag, abends zu kellnern und tagsüber einen zweiten Job zu machen, letztendlich hatte sie es dadurch geschafft, aus Josies Wohnung und deren Umfeld zu verschwinden.

Bis spät in die Nacht im Weinlokal zu arbeiten und dann wieder früh am Morgen das Haus zu verlassen und weiterzuarbeiten, hatte ihr auch geholfen, nicht ständig darüber nachzudenken, ob Gareth nun jede Nacht mit Josie verbrachte. Obwohl der nagende Schmerz tief in ihrem Herzen ihr die mögliche Wahrheit immer wieder in Erinnerung rief.

Dumm – dumm, schalt sie sich selbst, sich so viele Hoffnungen wegen ein paar gemeinsamer Essen und Wochenendspaziergänge gemacht zu haben. Aber Gareth war ihr Märchenprinz gewesen, seit sie denken konnte, und einfach nur etwas Zeit mit ihm zu verbringen, schien das Paradies zu sein.

Bis zu jenem Augenblick, als sie wie betäubt zusehen musste, wie ihr Prinz verschwand und das Paradies mit ihm.

Tallie war heute früher mit ihrer Arbeit fertig geworden und nutzte nun die Zeit, um ihre Sachen zu packen. Sie hatte nicht viel Garderobe – nur die geraden, schwarzen Röcke, die sie zur Arbeit trug, eine Auswahl an Blusen und einen grau karierten Blazer, außerdem drei Jeans für die Freizeit, ein paar T-Shirts, zwei Pullis und billige Unterwäsche.

Doch ganz unten in dem Bettkasten, sorgsam gefaltet, lag ihre Seidenbluse. Sie nahm sie behutsam heraus, ließ die elfenbeinfarbene Seide durch ihre Finger gleiten und betrachtete den Schimmer der Perlmuttstickerei. Kurz erlaubte sie sich den Schmerz dieser einen letzten Erinnerung.

Sie hatte für eine Firma im Londoner Bankenviertel gearbeitet und war losgeschickt worden, um Kaffee für ein Kundengespräch zu holen. Als sie auf dem Rückweg am Lift vorbeigekommen war, hatten sich gerade die Türen geöffnet und jemand war eilig aus dem Fahrstuhl gestürzt und unsanft mit ihr zusammengestoßen, wobei der Kaffee überall hingespritzt war.

„Oh Gott“, hatte sie eine erschrockene Männerstimme gehört. „Ist Ihnen etwas passiert? Haben Sie sich verbrüht?“

„Dafür sind die Getränke hier nicht heiß genug“, hatte Tallie bemüht fröhlich erwidert. Doch der Kaffee hatte einen riesigen Fleck auf dem Teppich hinterlassen und ihre zuvor frische weiße Bluse war vorn und an einem Ärmel voller Spritzer gewesen, und auch ihr Rock hatte einige Flecken abbekommen.

Sie war in die Hocke gegangen, um die verstreut herumliegenden Pappbecher wieder aufzusammeln. Ihr Gegenüber, der ihr, auf ein Knie gestützt, hatte helfen wollen, hatte für einen Augenblick innegehalten, und Tallie war sich bewusst gewesen, dass er sie unaufhörlich anschaute.

Während sie den Kopf wandte, um seinen Blick zu erwidern, hatte sie ihn plötzlich erkannt und nach Luft gerungen. „Gareth“, hatte sie unsicher gesagt. „Ich meine – Mr. Hampton.“

„Nennen Sie mich ruhig Gareth.“ Sein plötzliches Lächeln war ihr erschienen, als habe sich die Sonne ihren Weg durch einen wolkigen Himmel erkämpft. „Und Sie sind Guy Pagets kleine Schwester. Was machen Sie hier, so weit fort von Cranscome? Außer dass Sie in Kaffee ertränkt werden, meine ich.“

„Ich lebe jetzt in London“, hatte sie schnell erwidert. „Mr. Groves’ Assistentin ist im Urlaub, ich bin ihre Vertretung“, hatte sie ergänzend hinzugefügt, als sie Mr. Groves selbst herankommen gesehen hatte. Seine Miene hatte vollkommene Missbilligung ausgedrückt.

„Bringen Sie ein neues Tablett in den Konferenzraum, Miss Paget, und dann sorgen Sie dafür, dass hier Ordnung geschaffen wird.“

Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass Gareth der Kunde gewesen war, und hatte sich sehnlichst gewünscht, am Morgen ihre Augen geschminkt zu haben und etwas anderes zu tragen als einen Lumpen voller Kaffeeflecken.

Mit einem leisen Seufzer hatte sie an all die Mädchen gedacht, die er früher immer in seiner Begleitung gehabt hatte. Schlanke Schönheiten mit endlos langen Beinen, perfekt gebräunt und mit kunstvoll frisiertem Haar. Es war erstaunlich gewesen, dass Gareth sich überhaupt an sie erinnert hatte, er hatte sie damals niemals eines Blickes gewürdigt.

Tallie hatte gerade zur Pause gehen wollen, als Sylvia, die Rezeptionistin, sie rief. „Das ist vor ein paar Minuten für dich abgegeben worden.“ Sie hatte sie ihr ein flaches Paket gereicht.

Als Tallie das Papier gelöst hatte, hatte sie eine Seidenbluse gefunden – weich, leicht und zweifellos das teuerste Kleidungsstück, das sie jemals in Händen gehalten hatte.

Auf der beiliegenden Karte hatte gestanden: „Ein kleiner Ersatz für die Bluse, die ich Ihnen ruiniert habe. Ich warte auf Sie, um zu hören, ob ich die richtige Größe ausgesucht habe, ab 13 Uhr im Café Rosso. G.“

Während sie die kleinen Knöpfe behutsam geschlossen hatte, hatte die kühle Seide auf ihrer warmen Haut sie frösteln lassen. Der Stoff hatte sich um ihre schlanken Formen geschmiegt wie ein Liebhaber. Perfekter Sitz, hatte sie gedacht. Als wäre es ein Zeichen gewesen.

Die elfenbeinfarbene Seide hatte ihre Haut beinahe durchscheinend wirken lassen und ihrem sonst so matten Haar einen wunderbaren Schimmer verliehen. Ihre Augen aber waren unbeschreiblich gewesen – sie hatten voller Vorfreude geleuchtet.

Lunch, hatte sie ungläubig gedacht. Ich gehe zum Lunch mit Gareth Hampton. Das ist eine offizielle Verabredung, oder?

Wie Tallie heute wusste, war die Antwort auf diese Frage: Nein! Diese Erkenntnis brannte noch immer in ihr und schmerzte bis auf die Knochen.

Wie die falsche Braut im Märchen, dachte sie, die ein Hochzeitskleid anzieht, das nicht ihr gehört, und das deshalb zu Staub zerfällt.

Während sie nun in ihrem kleinen Zimmer kniete, die wunderschöne, trügerische Seidenbluse in der Hand, erschauerte sie. Sie faltete sie klein zusammen, und ihre Hände arbeiteten fieberhaft, bis das Kleidungsstück endlich zu einem winzigen Ball zusammengepresst war. Dann wickelte sie es in Zeitungspapier und vergrub es in der Küche tief unten im Müll.

Sie wünschte, ihre Gefühle ebenso einfach verschwinden lassen zu können – zusammenrollen und wegwerfen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Aber so funktionierte es nicht, sie musste geduldig warten, bis der Heilungsprozess abgeschlossen war – wie lange es auch immer dauern mochte.

Am nächsten Abend war sie zum ersten Mal allein in ihrem neuen Zuhause. Ihre Besitztümer waren noch nicht ausgepackt, ihr Laptop stand unberührt im Arbeitszimmer. Und plötzlich fühlte sie, dass ihr neu entdeckter Optimismus gerechtfertigt sein könnte.

Ihr war klar, dass noch nicht alle Fronten geklärt waren. Es würde eine letzte Konfrontation mit ihrer Cousine geben, die sie am liebsten vermieden hätte.

„Kannst du dir vorstellen, welch einen Aufstand Dad machen wird, wenn er herausbekommt, dass du nicht mehr hier wohnst?“, hatte Josie schrill zu wissen verlangt. „Und ich weiß nicht einmal, wohin du gehst.“

Tallie hatte die Achseln gezuckt. „Du bist nicht mein Babysitter“, hatte sie gekontert. „Nebenbei bemerkt dachte ich, dass du froh bist, mich los zu sein.“

„Oje.“ Josie hatte ihr einen wütenden Blick zugeworfen. „Du denkst doch nicht etwa immer noch an Gareth? Es wird Zeit, dass du erwachsen wirst.“

„Höchste Zeit“, hatte Tallie trocken erwidert. „Also nimm meinen Umzug als ersten Schritt.“

Als sie mit Sack und Pack in Albion House angekommen war, hatte Kit Benedict sie bereits ungeduldig erwartet.

„Weißt du noch alles, was ich dir gesagt habe?“, hatte er gefragt. „Der Sicherungskasten, die Alarmanlage, wie du den Fernseher anschaltest? Und vergiss nicht, sämtliche Post an Grayston und Windsor weiterzuleiten. Das ist lebenswichtig.“

„Natürlich“, hatte Tallie geantwortet. Sie hatte gelächelt und versucht, selbstsicher zu wirken.

„All meine Freunde wissen, dass ich fort bin, daher dürftest du nicht viele Anrufe entgegennehmen müssen. Sollte doch jemand anrufen, sag einfach, dass ich für einen ungewissen Zeitraum fort bin.“ Kit hatte kurz innegehalten. „Und wenn jemand fragt, wer du bist, erspar dir Ärger und sag einfach, du seiest die Putzfrau.“

„Im Kühlschrank ist jede Menge zu essen“, hatte er noch ergänzt, während er bereits in die Eingangshalle gehastet war, wo seine edlen Koffer standen. „Räum aus den Schränken und Kommoden alles aus, was du willst, um Platz für deine Sachen zu haben. Im Notfall kannst du dich immer an meinen Anwalt wenden, er regelt alles.“

Und er war verschwunden in einer Wolke seines schweren Aftershaves und hatte Tallie in einem Gefühl der Unsicherheit zurückgelassen. Was für Notfälle mochte er gemeint haben?, fragte sie sich ironisch. Feuer, Flut, Beulenpest?

Vielleicht wollte er sie nur für jeden Fall absichern, ihr das Gefühl geben, dass im Notfall jemand im Hintergrund war, dachte sie, als sie sich im Haus umschaute.

Sie begann in der Küche. Die Mengen im Kühlschrank, die er erwähnt hatte, sahen nicht mehr besonders appetitlich aus. Ein paar schrumpelige Tomaten, einige Eier, die ihr Verfallsdatum deutlich überschritten hatten, ein hartes Stück Käse, das begann, seine eigenen Pilzkulturen anzulegen, und ein Salat, bei dessen Anblick sich ihr Magen umdrehte.

Ihre erste Aufgabe würde es sein, den Kühlschrank zu reinigen und im nächsten Supermarkt reichlich einzukaufen.

Danach würde sie sich einfach auf eines der riesigen Sofas legen und vollkommen entspannen, die friedliche Atmosphäre dieses wunderbaren Ortes in sich aufnehmen.

Tallie hätte sich Kit Benedicts Einrichtung vollkommen anders vorgestellt. Was ihn betraf, passte der Inhalt des Kühlschrankes weit besser zu ihm als die eleganten Möbel und die Persischen Teppiche.

Nach dem Einkauf bereitete sie ihren Einzug so weit vor, dass die eigentliche Arbeit am nächsten Morgen beginnen konnte. Im Bad fand sie Berge von flauschigen Handtüchern, und ein schneeweißer Bademantel hing am Haken hinter der Tür. Nach einer ausgiebigen Dusche streckte sie sich genüsslich im Bett aus. Zweifellos das größte Bett, in dem sie jemals gelegen hatte, mit einer himmlischen Matratze und Bettbezügen aus reinem Leinen.

Sie war fast eingeschlafen, als das Telefon klingelte. Schlaftrunken rollte sie sich auf die andere Seite des Bettes und tastete nach dem Hörer. Eine Frauenstimme, tief und ein wenig heiser, nannte den Namen eines Mannes und sagte dann: „Darling, ich bin so erleichtert, dass du da bist. Ich habe mir Sorgen gemacht. Geht es dir gut?“

Tallie schluckte, sie dachte daran, was Kit ihr eingeschärft hatte. „Es tut mir leid“, sagte sie höflich. „Mr. Benedict ist für längere Zeit verreist.“

Sie hörte, wie die Dame am anderen Ende der Leitung scharf atmete. Die Stimme veränderte sich, wurde kurz angebunden und herrisch. „Und wer genau sind Sie, wenn ich fragen darf?“

Zu dieser Uhrzeit konnte sie schlecht sagen, sie sei die Putzfrau. „Nur eine Freundin“, antwortete sie also freundlich und legte auf.

Fast erwartete sie, dass die Fremde noch einmal anrufen würde, doch das Telefon blieb stumm.

Und als sie schon fast eingeschlafen war, fiel ihr ein, dass die unbekannte Frau am Anfang des Gesprächs nicht Kits Namen genannt hatte, sondern einen völlig anderen.

2. KAPITEL

Tallie schloss ihren Laptop und lehnte sich mit einem erleichterten Seufzer in dem gepolsterten schwarzen Ledersessel zurück.

Endlich konnte sie in Ruhe arbeiten, ohne den ständigen Lärm von Josies Fernseher oder Amandas Stereoanlage.

Und ohne Gareth.

Sie atmete tief durch, um den plötzlichen Schmerz zu verdrängen. Nun, wenigstens wusste sie jetzt, was es hieß, sich zu verlieben. Tallie ahnte jetzt, warum ein Mädchen wie ihre Romanheldin Mariana sich in ein Abenteuer stürzte, um den Mann wiederzufinden, den sie liebte.

Den Kloß in ihrem Hals versuchte sie mühsam hinunterzuschlucken. Sie selbst hatte noch keinerlei Erfahrung mit der Liebe – anders als ihre Heldin. Mariana und ihr prächtiger William mit seinen lachenden blauen Augen und seinem schiefen Lächeln.

Und die Art, wie er mit ihr sprach. Als sei er wirklich daran interessiert, was sie zu sagen hatte …

Tallie hielt hastig inne. Oh Gott, sie dachte nicht nur über ihr Buch nach. Sie war in Gedanken wieder bei Gareth. Diese jämmerliche Selbsttäuschung, die beim Lunch im Café Rosso begonnen hatte.

Es war schlicht ein ganz normales Mittagessen gewesen – Lasagne und ein paar Gläser offener Rotwein – aber für Tallie war es, als habe sie Kaviar und Champagner vor sich.

Gareth wollte wissen, was sie in London mache. „Ich hatte gedacht, du würdest immer in der Nähe von Cranscombe bleiben.“

Mit anderen Worten: Ich hatte gedacht, du bist langweilig und berechenbar.

Sie senkte den Blick. „Ich nehme mir so etwas wie eine Auszeit – während ich überlege, was ich künftig machen will.“ Sie beschloss, den Roman nicht zu erwähnen. Es schien ihr zu angeberisch, solange die Geschichte noch so sehr in den Kinderschuhen steckte. „Und wie geht es dir als Anwalt?“

„Es hat seine guten Seiten.“ Er winkte den Kellner heran, um eine Nachspeise zu bestellen. „Wusstest du, dass meine Eltern Cranscombe auch verlassen? Sie haben ihr Haus verkauft und bauen gerade in Portugal – dort ist es wärmer, und es gibt unzählige Golfplätze.“

Erschrocken sah sie ihn an. „Das heißt, wenn du heute nicht zufällig ins Büro gekommen wärst, hätte ich dich vielleicht niemals wiedergesehen?“

In dem Moment, als sie es sagte, hätte sie sich am liebsten die Zunge abgebissen. Sie fühlte, wie eine heiße Röte in ihrem Gesicht aufstieg und wünschte, sie könnte einfach aufstehen und aus dem Restaurant fliehen. Doch stattdessen spürte sie, dass Gareth ihre Hand nahm. Er streichelte sanft ihre Finger.

„Noch schlimmer“, sagte er, „ich hätte dich vielleicht niemals wiedergesehen. Sollen wir es mit einem Tiramisu feiern, dass wir dieser schlimmen Katastrophe glücklich entgangen sind?“

Beim Kaffee schlug er vor, dass sie sich am Samstagabend verabreden könnten – vielleicht ins Kino oder in eine Bar. Mit Enttäuschung in der Stimme musste Tallie ihm erklären, dass sie einen zweiten Job hatte, den sie nicht verlieren durfte, und deshalb keine Zeit hatte.

Doch er schien nicht beleidigt zu sein. Stattdessen schlug er vor, dass sie sich dann mittags treffen könnten, zum Essen am Fluss. Später könnten sie noch spazieren gehen.

„Die beste Art, London kennenzulernen, ist zu Fuß“, klärte er sie auf. „Und ich kann es kaum erwarten, dir die Stadt zu zeigen.“

Auf einer Wolke der Glückseligkeit segelte sie zurück ins Büro, sie konnte kaum glauben, dass sie ihn wiedersehen würde. Dass er Zeit mit ihr verbringen wollte.

Der Samstagnachmittag verging wie im Traum.

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