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Ein Antrag nach Mitternacht

Candace Camp

Ein Antrag nach Mitternacht

1. KAPITEL

Wer Lady Francesca Haughston dabei beobachtet hätte, wie sie sich durch den Ballsaal der Whittingtons bewegte, der wäre nicht auf den Gedanken gekommen, dass sie im Begriff war, den Eröffnungszug ihres jüngsten Plans zu machen. Sie schlenderte auf ihre übliche Weise umher, blieb hier stehen, um lobende Worte über ein Kleid zu verlieren, hielt dort an, um mit einem ihrer vielen Bewunderer zu flirten. Sie lächelte und unterhielt sich, dabei bewegte sie mit raschen Bewegungen ihren Fächer. Ihr Kleid war ein Traum aus eisblauer Seide, ihr blondes Haar hatte sie zu einem Knoten hochgebunden, sodass die Locken einem Wasserfall gleich über ihren Rücken fielen. Sie wusste, dass sie eine begehrenswerte Erscheinung war, in diesem Augenblick hatte das jedoch keine Bedeutung. Ihre dunkelblauen Augen hielten Ausschau nach ihrer Beute.

Fast einen Monat war es nun her, seit sie sich geschworen hatte, für den Duke of Rochford eine Frau zu finden, und heute Abend beabsichtigte sie, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Sämtliche Vorbereitungen waren getroffen, was auch bedeutete, dass sie sich eingehend mit allen jungen ledigen Frauen der Gesellschaft beschäftigt hatte. Sorgfältige Nachforschungen und Beobachtungen hatten dazu geführt, dass die Liste der Namen mit den infrage kommenden Heiratskandidatinnen zusehends zusammenschrumpfte. Am Ende waren drei übrig geblieben, von denen ihrer Meinung nach jede gut zu Sinclair passte.

Diese drei jungen Damen würden heute Abend anwesend sein, davon war sie überzeugt. Der Ball bei den Whittingtons war einer der Höhepunkte der Saison, und jede Dame im heiratsfähigen Alter würde sich ihn niemals entgehen lassen, außer sie wurde durch Krankheit daran gehindert. Vor allem aber standen die Chancen gut, dass auch der Duke den Ball besuchte. Für Francesca bedeutete dies, endlich ihr Vorhaben in Angriff nehmen zu können. Dieser Schritt war längst fällig – sogar überfällig –, das wusste sie nur zu gut. Kaum drei Wochen hatte sie gebraucht, bis sie die Auswahl der möglichen Bräute für Rochford getroffen hatte. Schließlich kam ohnehin nur ein enger Kreis von Mädchen als zukünftige Duchess infrage.

Doch ihr Vorhaben hatte ihr Kraft abverlangt, denn aus einem unerfindlichen Grund heraus hatte sie nach Callies Hochzeit einen merkwürdigen Widerwillen gegen gesellschaftliche Ereignisse entwickelt. Es langweilte sie, Besucher zu empfangen oder Einladungen zu Festen und Theaterbesuchen anzunehmen. Sogar ihrem guten Freund Sir Lucien war aufgefallen, dass sie plötzlich nicht mehr das Haus verlassen wollte. Die Ursache dafür war ihr selbst nicht klar. Sie wusste nur, dass ihr von einem Tag auf den anderen alles fade und bedeutungslos erschienen war, nicht der Mühe wert, sich aufzuraffen und unter Menschen zu begeben. Tatsächlich hatte sie sich sogar ein wenig trübsinnig gefühlt, was ihrer Meinung nach nur daran liegen konnte, dass Callie nun verheiratet war. Bis dahin hatte sie bei Francesca gewohnt, während sie gemeinsam auf die Suche nach einem geeigneten Ehemann für Sinclair Rochfords Schwester gegangen waren. Ohne Callies fröhliche Stimme und ihr strahlendes Lächeln war Francescas Haus einfach zu leer und einsam.

Doch sie hatte sich geschworen, wiedergutzumachen, was sie Callies Bruder vor fünfzehn langen Jahren angetan hatte. Natürlich war es unmöglich, das Geschehene rückgängig zu machen, aber sie konnte zumindest dem Duke den Gefallen tun, für ihn nach einer geeigneten Braut zu suchen. Schließlich war das ihre besondere Stärke. Also war sie zu diesem Ball gekommen, um endlich nach einer Ehefrau für Sinclair Ausschau zu halten.

Sie schlenderte weiter am Rand des prunkvollen Ballsaals entlang, der ganz in Weiß und Gold gehalten war. Das Parkett wies die Farbe von Honig auf, beleuchtet wurde der Saal von drei funkelnden Kristallleuchtern, während etliche dicke Kerzen aus Bienenwachs auf goldenen Haltern für zusätzliche Helligkeit sorgten. Gedämpft wurde das Licht von tiefroten Rosen und Päonien, die überall an den Wänden in großen Vasen herumstanden und sich am Geländer der prachtvollen Treppe in den ersten Stock hinaufwanden.

Es war ein eleganter Saal, den man ebenso in einem Palast hätte vorfinden können, und Gerüchten zufolge war es einzig dieser grandiose Raum, der Lady Whittington an dem riesigen, antiquierten Herrenhaus festhalten ließ, obwohl sie durch dessen Lage – es lag außerhalb von Mayfair – praktisch von der Gesellschaft abgeschnitten war.

Francesca bahnte sich einen Weg durch die Menge und steuerte auf die geschwungene Treppe zu, um vom Geländer im ersten Stock aus die jungen Frauen ausfindig zu machen, auf die sie in dem weitläufigen Saal bislang nicht gestoßen war. Während sie die Stufen hinaufging, überlegte sie, dass es eigentlich doch sehr passend war, ausgerechnet auf dem Ball der Whittingtons mit ihrer Suche zu beginnen. Schließlich hatte sie hier vor genau fünfzehn Jahren der Beziehung zum Duke of Rochford ein Ende gesetzt. An diesem Ort war ihre Welt in Trümmer zerschlagen worden.

Damals waren, wie sie sich erinnern konnte, ausschließlich weiße Blumen ausgewählt worden – Rosen, Kamelien und süßlich duftende Gardenien. Dazu einige grüne Blätter, die das Weiß besonders in Szene setzten. Francesca konnte für sich einen berauschenden Triumph verbuchen. Erst vor wenigen Wochen hatte sie ihr Debüt abgelegt, und sie galt als unbestrittene Schönheit der Saison. Die Männer hatten sie umschwärmt, mit ihr geflirtet und sie um einen Tanz angefleht. Sie hatten sie mit ausgefallenen Liebeserklärungen überhäuft und ihr unentwegt Komplimente gemacht. Dabei hatte sie die ganze Zeit über ihr Geheimnis für sich behalten, das sie vor Liebe und Begeisterung fast trunken machte – bis ein Diener zu ihr kam und ihr einen Zettel in die Hand drückte.

Inzwischen war Francesca im ersten Stock angelangt. Sie stellte sich ans Geländer, damit sie die tanzenden Paare beobachten konnte, die über die Tanzfläche wirbelten. Viel hatte sich nicht seit jener Nacht verändert, überlegte sie. Natürlich trug man vor fünfzehn Jahren andere Kleider, ganz der damaligen Mode entsprechend, und auch einige dekorative Elemente wie die Gestaltung des Blumenschmucks verwiesen darauf, dass die Nacht nicht mehr dieselbe war. Doch der Glanz, der über dem Fest schwebte, die Begeisterung, die Hoffnungen und Intrigen der Gäste – das alles war geblieben. Francesca studierte das Gewimmel dort unten, ohne tatsächlich etwas zu sehen, da sie mit ihren Gedanken weiterhin in der Vergangenheit verharrte.

„Ist der Ball tatsächlich so trostlos?“, fragte plötzlich eine vertraute Stimme gleich neben ihr.

Francesca drehte sich lächelnd zu einer blonden Frau um. „Irene! Wie schön, dich zu sehen!“

Lady Irene Radbourne war eine Person von außergewöhnlicher Schönheit, mit vollem lockigen Haar und auffallend golden schimmernden Augen. Fast wäre sie als alte Jungfer bezeichnet worden – und sie war fest entschlossen, dies auch mit ihren siebenundzwanzig Jahren zu akzeptieren –, als Francesca im letzten Herbst für sie den idealen Ehemann gefunden hatte. Es war der Earl of Radbourne, für den sie eine passende Frau suchen sollte. Lady Irene und sie hatten sich ihr Leben lang fast immer in den gleichen Kreisen bewegt, daher kannte sie sie seit vielen Jahren als jemanden, der aus seiner Meinung keinen Hehl machte. Freundinnen waren sie aber erst geworden, nachdem sie beide zwei Wochen auf dem Anwesen der Radbournes verbracht hatten. Dort war Francesca damit beschäftigt gewesen, dem recht ungeschliffenen Lord Gideon zu einer wohlerzogenen Frau zu verhelfen. Inzwischen waren Irene und sie fast unzertrennlich.

Irene warf einen Blick auf die farbenprächtigen Paare im Parterre. „Gefallen dir die heiratsfähigen jungen Damen etwa nicht?“

Von Francesca kam als erste Reaktion ein Schulterzucken. Selbst wenn sie und Irene in dieser Angelegenheit einvernehmliches Stillschweigen wahrten, vermutete Francesca doch, dass Irene sie durchschaut hatte. Ihre Verkupplungsbemühungen waren weniger ein Zeitvertreib, sondern sicherten vielmehr ihr Überleben.

„Eigentlich habe ich mich ihnen noch gar nicht so gründlich gewidmet. Ich fürchte, seit Callies Hochzeit bin ich ziemlich träge geworden.“

Irene musterte sie eindringlich. „Du bist tatsächlich bedrückt, nicht wahr? Kann ich irgendetwas für dich tun?“

„Es ist gar nichts“, wehrte Francesca kopfschüttelnd ab. „Ich musste nur an etwas denken … etwas, das lange her ist. An einen anderen Ball, der auch hier stattfand.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, wobei sich in ihrer Wange das charmante Grübchen abzeichnete. „Wo ist dein Mann?“

In den sechs Monaten, die das Paar mittlerweile verheiratet war, hatte Francesca ihre Freundin nur äußerst selten einmal ohne Lord Gideon an ihrer Seite gesehen. Die beiden passten deutlich besser zueinander, als sie es zu Anfang für möglich gehalten hätte. Es schien, als würde ihre Liebe mit jedem Tag noch etwas stärker.

Irene musste kichern. „Als wir eintrafen, lauerte ihm bereits seine Großtante auf.“

„Lady Odelia?“, fragte Francesca entsetzt. „Großer Gott, sie ist auch hier?“ Erschrocken schaute sie sich um.

„Keine Angst, wir sind hier in Sicherheit“, beteuerte Irene. „Ich glaube nicht, dass sie die Treppe hinaufkommen wird. Darum habe ich mich ja auch auf den Balkon geflüchtet, nachdem ich gesehen habe, dass Gideon ihr in die Finger gefallen ist.“

„Und du hast ihn einfach im Stich gelassen?“, hakte Francesca amüsiert nach. „Hast du etwa dein Ehegelübde vergessen?“

„In meinem war mit keinem Wort die Rede von Großtante Odelia, das weiß ich ganz sicher.“ Irene schaute ihre Freundin belustigt an. „Zugegeben, ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, doch dann sagte ich mir, Gideon ist ein starker Mann, vor dem sich viele fürchten.“

„Aber selbst die unerschrockensten Männer bekommen es bei Lady Odelia mit der Angst zu tun. Ich kann mich gut erinnern, wie Rochford sich einmal durch die Hintertür davonstahl und auf einem Umweg zu den Ställen ging, nachdem er ihre Kutsche vor dem Haus entdeckt hatte. Uns – also meine Mutter, mich und seine Großmutter – überließ er einfach unserem Schicksal.“

Irene lachte schallend. „Das hätte ich zu gern gesehen. Wenn ich ihm das nächste Mal begegne, muss ich ihn unbedingt damit aufziehen.“

„Wie geht es dem Duke?“, fragte Francesca beiläufig, ohne dabei Irene anzusehen. „Hast du ihn mal wieder gesehen?“

„Ja, ungefähr vor einer Woche. Wir waren gemeinsam im Theater. Er und Gideon sind nicht nur Cousins, sondern nun auch Freunde. Aber du bist Rochford sicher ebenfalls begegnet.“

„Seit Callies Hochzeit nur noch selten“, antwortete sie mit einem Schulterzucken. „Eigentlich bin ich auch mehr mit seiner Schwester befreundet, weniger mit ihm.“

In Wahrheit hatte Francesca nach der Hochzeit einen großen Bogen um den Duke gemacht, zu sehr belastete sie ihr schlechtes Gewissen. Wenn sie ihn sah, hatte sie sich nur noch umso schuldbewusster gefühlt. Sie wusste, sie sollte ihm sagen, was sie herausgefunden hatte. Und sie sollte sich bei ihm für ihr Handeln entschuldigen. Es war feige von ihr, genau das nicht zu tun.

Trotzdem war es ihr einfach nicht möglich. Es war, als würde ihr Innerstes zu Eis erstarren, wenn sie nur daran dachte, ein Geständnis abzulegen und ihn um Verzeihung zu bitten. Nach all den Jahren hatten sie beide endlich eine Art Frieden geschlossen, den man zwar nicht als Freundschaft bezeichnen konnte, der einer solchen aber zumindest ähnlich war. Was, wenn sie ihm alles sagte und sich erneut seinen Zorn zuzog? Vermutlich verdiente sie diesen Zorn ja, doch allein beim Gedanken daran, drehte sich ihr der Magen um. Also war sie dazu übergegangen, Rochford so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Sie blieb einem Ball fern, wenn sie vermutete, sie könnte ihm dort begegnen, und wenn sie ihn dennoch irgendwo sah, tat sie alles, um nicht in seine Nähe zu kommen. Und wenn sie sich doch einmal unerwartet gegenüberstanden, war sie nervös und versuchte, schnellstens die Flucht zu ergreifen.

Natürlich musste dieses Verhalten ein Ende haben, wenn sie für ihn eine Frau finden wollte. Sie konnte ihn mit seiner möglichen Braut wohl kaum zusammenbringen, indem sie ihm aus dem Weg ging.

„Callie sagte mir, Rochford sei zu dir ungerecht gewesen“, begann Irene zögerlich.

„Ungerecht?“ Francesca sah sie verwundert an. „Nein. Wie soll er zu mir ungerecht gewesen sein?“

„Ich weiß nicht“, gestand Irene ihr ein. „Soweit ich erfahren habe, hat es etwas damit zu tun, dass Lord Bromwell um Callie geworben hat.“

„Ach, das.“ Francesca machte eine abweisende Geste. „Der Duke hatte guten Grund, besorgt zu sein. Brom war von seiner Schwester gegen Rochford aufgestachelt worden, aber …“ Wieder konnte sie nur mit den Schultern zucken. „Nachdem die beiden sich ineinander verliebt hatten, konnte ich ohnehin nicht mehr viel unternehmen, und das war Rochford letztlich auch bewusst. Ich bin nicht so zart besaitet, dass ich gleich zusammenbreche, wenn mir jemand einen Tadel erteilt.“ Sie ließ ihren Blick erneut über die Menge schweifen, was Irene nicht entging.

„Wen suchst du?“, fragte sie.

„Was? Oh, niemanden.“

Irene zog die Brauen hoch. „Du suchst aber sehr gründlich nach niemandem.“

Es fiel Francesca schwer, Irene etwas vorzumachen. Etwas an deren direkter Art schien bei ihr eine vergleichbare Offenheit zu wecken, und nach kurzem Zögern räumte sie ein: „Ich hatte gehofft, Lady Althea Robart zu entdecken.“

„Althea?“, wiederholte Irene erstaunt. „Was um alles in der Welt willst du denn von ihr?“

Unwillkürlich musste Francesca lachen. „Ist dir die Frau unsympathisch?“

„Unsympathisch wäre wohl etwas übertrieben. Sie ist einfach nicht die Art von Gesellschaft, die ich um mich haben möchte, wenn ich die Wahl habe. Zu hochtrabend für meinen Geschmack.“

Francesca nickte. Die fragliche Lady machte tatsächlich einen etwas steifen, förmlichen Eindruck, doch ob das für eine zukünftige Duchess zwangsläufig von Nachteil sein musste, vermochte sie nicht zu sagen. „Ich kenne sie nicht näher.“

„Ich auch nicht“, entgegnete Irene.

„Was ist mit Damaris Burke?“

„Meinst du die Tochter von Lord Burke? Dem Diplomaten?“

„Ja, genau die.“

Irene überlegte kurz, dann zuckte sie mit den Schultern. „Dazu kann ich nicht viel sagen, weil ich mich noch nie in Regierungskreisen bewegt habe.“

„Sie macht einen ganz angenehmen Eindruck.“

„Recht umgänglich“, pflichtete Irene ihr bei. „Wohl das, was man von einer Frau erwarten sollte, die Diplomatenbälle veranstaltet.“ Sie musterte ihre Freundin neugierig. „Warum willst du das wissen? Sag bitte nicht, dass sie dich gebeten haben, ihnen bei der Suche nach einem Ehemann zu helfen.“

„Nein, nein“, versicherte Francesca ihr hastig. „Das ist nicht der Fall. Ich habe … nun, ich habe sie nur in Betracht gezogen.“

„Ah, dann hat ein Gentleman dich darum gebeten“, folgerte Irene.

„Nein, so kann man das nicht ausdrücken. Ich habe nur überlegt. Auf meine eigene Veranlassung hin.“

„Jetzt hast du mich aber restlos neugierig gemacht. Du suchst eine Ehefrau für jemanden, der dich gar nicht darum gebeten hat? Ist das wieder eine Wette mit dem Duke?“

Francesca fühlte, wie sie errötete. „Oh, nein, damit hat es nichts zu tun. Ich habe überlegt … du musst wissen, es gibt da jemanden, dem ich einmal Unrecht angetan habe, und ich möchte versuchen, das wiedergutzumachen.“

„Indem du für ihn eine Ehefrau suchst?“, fragte Irene. „Ich wüsste einige Männer, die dir für einen solchen Gefallen keineswegs dankbar wären. Wer ist dieser Mann?“

Francesca betrachtete Irene. Von allen ihren Freundinnen wusste sie am meisten über sie. Auch wenn sie ihr nie etwas über ihre Vergangenheit anvertraut hatte, konnte sich Irene zweifellos denken, wie wenig Glück Francesca in ihrer Ehe gefunden hatte – zumal ihr Vater mit Francescas mittlerweile verstorbenem Ehemann befreundet gewesen war. Daher war sie auch nie auf den Gedanken gekommen, Irene gegenüber den Anschein zu erwecken, dass ihr Andrew in den fünf Jahren seit seinem Tod auch nur einen Tag gefehlt hatte. Niemand wusste, was damals zwischen ihr und Rochford vorgefallen war, doch mit einem Mal verspürte sie den Wunsch, sich Irene anzuvertrauen.

„Ist er der Grund für deine Melancholie?“, hakte Irene nach.

„Ich glaube, die wird dadurch verursacht, dass mein Geburtstag unaufhaltsam näher rückt“, meinte Francesca amüsiert, fügte dann aber seufzend hinzu: „Und ein wenig dadurch, dass ich ihm wehtat, obwohl er das nicht verdiente. Was ich getan habe, bedauere ich wirklich sehr.“

Irene runzelte die Stirn. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass du zu etwas so Schrecklichem in der Lage bist.“

„Ich denke, in diesem Punkt würde er dir widersprechen“, erwiderte sie, dann sah sie ihrer Freundin in die Augen. „Niemand darf davon erfahren, nicht einmal Lord Gideon, da er den Mann kennt.“

Irenes Miene verriet ihr, dass diese die richtige Schlussfolgerung gezogen hatte. „Der Duke? Redest du von Rochford?“

Francesca seufzte. „Ich hätte wissen müssen, dass du es errätst. Ja, es ist Rochford, doch du musst mir versprechen, niemandem ein Wort davon zu verraten.“

„Selbstverständlich. Aber … Francesca … ich verstehe das nicht. Rochford ist dein Freund. Was kannst du ihm Schlimmes angetan haben?“

Sie zögerte. Ihr Herz fühlte sich in ihrer Brust schwer wie Blei an, so lasteten Schuld und Trauer noch jetzt auf ihr. „Ich habe unsere Verlobung gelöst.“

Irene schüttelte den Kopf. „Ich wusste, dass zwischen euch etwas vorgefallen war“, erklärte sie leise. „Aber das muss doch einen gewaltigen Skandal zur Folge gehabt haben.“

„Nein, es gab keinen Skandal, weil wir heimlich verlobt waren.“

„Heimlich verlobt? Das klingt ja gar nicht nach dem Duke.“

„Oh, er hegte damit keine Hintergedanken“, beteuerte Francesca. „Er … er sagte, er wollte nur nicht, dass ich während meiner ersten Saison durch eine Verlobung gebunden bin. Es war das Jahr meines Debüts, aber das weißt du ja eigentlich. Er sagte, ich würde es mir vielleicht anders überlegen wollen, wenn ich erst einmal eine Saison mitgemacht habe. Ich wusste, so würde es nicht sein, aber … nun, du kennst ja den Duke. Er zieht immer alle Möglichkeiten in Erwägung. Und zweifellos hielt er mich für flatterhaft.“

„Du warst noch jung“, wandte Irene ein.

„Ja, bloß war ich auch nie eine von diesen hochgeistigen und äußerst belesenen Frauen, und das werde ich auch nie sein.“ Sie lächelte ihre Begleiterin an. „Er beschrieb mich als ‚Schmetterling‘.“

„Dann hattest du also nicht zu ihm gepasst?“

„Nein, das war es nicht. Rochford war zufrieden, glaube ich. Jedenfalls äußerte er keinerlei Missfallen, obwohl er selbst sehr gebildet und belesen ist. Und ich …“ Sie hielt inne, während sich vor ihren Augen Szenen aus einer vergangenen Zeit abspielten. Schließlich lächelte sie schwach. „Ich war hoffnungslos in ihn verliebt, so wie es nur ein Mädchen von achtzehn Jahren sein kann.“

Irene ließ einen betretenen Gesichtsausdruck erkennen. „Und dann?“

„Dann kam Daphne“, antwortete Francesca finster.

„Daphne? Lady Swithington?“ Sie sah sie ungläubig an. „Lord Bromwells Schwester?“

Francesca nickte. „Ja. Sie war die Ursache für den Streit zwischen Rochford und Brom, der Grund dafür, dass Rochford sich so vehement dagegen aussprach, dass Brom Callie zur Frau nahm. Ich war nicht die Einzige, die sich von Daphnes Lügen hatte blenden lassen. Auch ihr Bruder glaubte, Rochford und sie hätten eine Affäre.“

„Oh, nein! Francesca …“ Irene legte eine Hand auf ihren Arm und sah sie mitfühlend an. Sie kannte fast die ganze Geschichte, doch sie wusste, wie schmerzhaft sie für Francesa war. Deshalb ging sie auch weiter darauf ein. „Du hast gedacht, sie sei seine Geliebte?“

„Anfangs nicht. Sie sagte es mir zwar geradeheraus, aber ich weigerte mich, es ihr zu glauben. Ich kannte Rochford. Oder zumindest dachte ich, ihn zu kennen. Mir war klar, dass er mich nicht genauso liebte wie ich ihn, doch ich hielt ihn für einen zu ehrbaren Mann, der nicht der einen Frau die Ehe verspricht und die andere zu seiner Geliebten nimmt. Doch eines Abends, hier in diesem Haus, musste ich feststellen, dass ich mich geirrt hatte. Nach einem Tanz brachte mir ein Diener eine Notiz, die besagte, wenn ich mich in den Wintergarten begebe, würde ich etwas Interessantes vorfinden.“

„O weh!“

„Ja, genau. O weh! Ich dachte, die Nachricht kommt vom Duke, weil er eine Überraschung für mich vorbereitet hat, möglicherweise etwas Romantisches. In der Woche davor hatte er mir Saphirohrringe geschenkt und erklärt, es seien die besten, die er finden könne, allerdings reiche ihr Strahlen nicht an das meiner Augen heran.“ Sie stieß einen Laut aus, der halb Lachen, halb Seufzen war. „Meine Güte, das alles kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her.“

„Hast du diese Ohrringe noch?“, fragte Irene.

„Ja, natürlich. Sie sind wunderschön. Ich habe sie nie getragen, aber ich konnte sie auch nicht weggeben. Selbstverständlich bot ich ihm an, sie zurückzugeben, doch er weigerte sich und warf mir den finstersten Blick zu, den man sich vorstellen kann.“

„Ich nehme an, du hast ihn zusammen mit Lady Daphne in flagranti erwischt?“

Irene nickte. Noch immer konnte sie sich gut erinnern, wie sie sich gefühlt hatte, so von Liebe und Eifer erfüllt, während sie durch die breiten Flure zum Wintergarten geeilt war. Sie hatte gehofft, Rochford habe eine Gelegenheit gefunden, um ein wenig Zeit mit ihr allein zu verbringen. Hier in der Stadt war das sogar noch schwieriger gewesen als zu Hause, da sie nicht nur von Anstandsdamen, sondern auch von der gesamten Gesellschaft umgeben waren. Ein solch heimliches Stelldichein hätte zwar gar nicht zu ihm gepasst, da er stets in erster Linie auf ihre Ehre bedacht gewesen war und sich nicht zu irgendwelchen Handlungen hatte hinreißen lassen, die ihrem Ruf hätten schaden können. Aber vielleicht war er ja von seiner Leidenschaft überwältigt worden, und allein der Gedanke hatte einen wohligen Schauer über ihren Rücken laufen lassen.

Sie hatte sich nicht so richtig vorstellen können, wie es sein würde, Sinclair zu erleben, wenn er vor Leidenschaft brannte. Der Duke strahlte stets Gelassenheit aus, und selbst im Angesicht der größten Krise behielt er die Ruhe. Zudem achtete er darauf, dass er sich bei jeder Gelegenheit absolut korrekt verhielt. Dennoch war es hin und wieder vorgekommen, dass er sie geküsst hatte. Dabei hatte er seine Lippen so fest auf ihre gepresst, und seine Haut hatte so geglüht, dass ihre Nerven von einem eindringlichen Kribbeln erfasst worden waren, das sie vor die Frage stellte, ob es in seinem Inneren wohl genauso aussah. Jedes Mal hatte er sich natürlich rasch wieder von ihr gelöst, doch ihr war nicht das Aufblitzen in seinen Augen entgangen, das auf eine köstliche Weise etwas Hitziges und fast Erschreckendes an sich gehabt hatte.

„Ich betrat den Wintergarten“, berichtete Francesca ihrer Freundin, „und ich rief seinen Namen. Sinclair hielt sich am entlegenen Ende des Raums auf, aber zwischen uns befanden sich einige Orangenbäume. Er kam mir entgegen, und ich sah, dass sein Halstuch schief saß und seine Haare zerzaust waren. Im ersten Moment verstand ich nicht, doch dann bemerkte ich ein Geräusch, und ich schaute an ihm vorbei. Daphne trat ebenfalls hinter den Bäumen hervor, und ihr Kleid war an der Vorderseite bis zur Taille geöffnet.“

Unbewusst verhärtete sich Francescas Miene, als die Erinnerung an diesen Moment wach wurde. Daphnes Haare waren ähnlich unordentlich, Locken hingen ihr ins Gesicht. Ihr hauchdünnes Unterkleid hatte offengestanden, sodass ihre vollen weißen Brüste fast völlig unbedeckt waren. Ihr Lächeln hatte Francesca an eine Katze erinnert, die von etwas Verbotenem genascht hatte. Francesca war am Boden zerstört gewesen.

„Als ich das sah, wurde mir klar, wie dumm ich doch gewesen war. Zwar hatte ich mir nicht vorgemacht, Rochford sei hoffnungslos in mich verliebt. Immerhin hatte er all die praktischen Gründe angeführt, warum wir beide so gut zusammenpassten. Er hatte mir keine Liebeserklärungen gemacht, mir keine Gedichte vorgetragen, die meinem Lächeln gewidmet waren. Aber ich hatte geglaubt, ich würde ihm etwas bedeuten. Ich war mir sicher gewesen, dass er mir niemals etwas antun und mich immer nur respektvoll behandeln würde. Ich hatte auch gewusst, ich würde ihm eine so gute Ehefrau sein und ihn so glücklich machen, dass er eines Tages gar nicht mehr anders konnte, mich so zu lieben, wie ich ihn liebte.“

„Und in Wahrheit hatte er sich mit Lady Daphne eingelassen, obwohl er mit dir verlobt war.“

„Ja … obwohl … nein, eigentlich nicht. Es war alles nur eine Lüge gewesen. Doch zu der Zeit wusste ich das nicht, und das, was ich für die Wahrheit hielt, konnte ich einfach nicht ertragen. Zweifellos wäre manch andere darüber hinweggegangen und hätte sich vor Augen gehalten, dass sie trotz allem seine Duchess sein würde, auch wenn sein Herz einer anderen gehörte. Aber ich konnte das nicht, also trennte ich mich von ihm.“

„Obwohl Daphne diese kleine Szene in Wahrheit so arrangiert und dich mit der Nachricht zu sich gelockt hatte?“

„Richtig. Bei Callies Hochzeit verriet sie mir, dass alles nur eine Lüge gewesen war. Er hatte nichts mit ihr angefangen, ganz so, wie er es mir gegenüber beteuert hatte. In dem Moment konnte ich ihm kein Wort glauben, und ich weigerte mich, ihm weiter zuzuhören. Als er mich später besuchen wollte, da wollte ich ihn nicht empfangen.“

„Und deshalb hast du dann Lord Haughston geheiratet?“, fragte Irene.

Francesca nickte. „Er gab mir all das, was ich von Rochford nicht bekommen hatte – romantische Worte und extravagante Gesten. Er sagte, ich sei für ihn der Sternenhimmel und der Mond.“ Sie verzog den Mund. „Seine Worte waren Balsam für mein verletztes Herz. Ich redete mir ein, dass so wahre Liebe sein musste. Also heiratete ich ihn, doch unsere Hochzeitsreise war noch nicht vorüber, da wurde mir klar, welchen Fehler ich begangen hatte.“

„Das tut mir so leid“, sagte Irene und drückte ihre Hand.

„Ach, es liegt jetzt schon so lange Zeit zurück.“ Francesca rang sich zu einem schwachen Lächeln durch.

„Ich kann es kaum fassen, dass Lady Daphne dir gegenüber ein solches Geständnis abgelegt hat.“

„Oh, du kannst mir glauben, das hat sie nicht etwa getan, weil ihr Gewissen sie geplagt hat. Ich bin überzeugt, sie wollte mir vor Augen halten, wie dumm ich war. Sie hatte bestimmt darauf gehofft, dass ich bereue, meine Chance vergeudet zu haben, eine Duchess zu werden.“

„Aber in Wahrheit bereust du, dass du Rochford so falsch eingeschätzt hast. Dass du ihm damit so wehgetan hast“, folgerte Irene.

Francesca nickte. „Sein Stolz muss sehr darunter gelitten haben. Es muss schlimm für ihn gewesen sein, dass ich an seiner Ehre gezweifelt habe, selbst wenn er wusste, dass er sich nichts vorzuwerfen hatte.“

„Oh, Francesca, was für eine schreckliche Sache. Aber er war nicht der Einzige, der verletzt worden war.“

„Stimmt, doch ich hatte mir etwas vorzuwerfen. Ich hatte ihre Lügen geglaubt, ich war diejenige, die ihm nicht zuhören wollte, als er mir die Wahrheit sagte.“

„Und du bist nun davon überzeugt, wenn du für den Duke eine Frau suchst, dann machst du das wieder gut?“, wollte Irene wissen.

Francesca entging nicht der skeptische Tonfall ihrer Freundin. „Ich weiß, das kann ich niemals wiedergutmachen. Aber ich fürchte … Was, wenn Rochford meinetwegen nie geheiratet hat?“ Ihre Wangen liefen rot an. „Ich will damit nicht sagen, dass ich ihm das Herz für alle Zeit gebrochen habe. Auf eine so hohe Stufe stelle ich mich nicht, dass ich glaube, keine andere Frau könnte je an mich heranreichen. Aber ich fürchte, ich habe ihn dazu gebracht, dem weiblichen Geschlecht so grundlegend zu misstrauen, dass er lieber nicht heiraten will. Vermutlich war er bereits daran gewöhnt, allein zu sein, und vielleicht war es für ihn einfacher, so weiterzuleben. Auf Sinclair war der Titel bereits in jungen Jahren übergegangen, und er verstand schnell, dass die Leute allein wegen seines gesellschaftlichen Stands und seines Reichtums an ihm interessiert waren. Ich nehme an, das war auch der Grund, weshalb ihm der Gedanke gefiel, mich zu heiraten. Wir kennen uns von Kindheit an, und ich habe ihn nie mit Ehrfurcht behandelt. Ich kannte ihn, aber sein Titel war für mich unwichtig. Doch als ich ihm dann nicht glauben wollte und ich mich ihm gegenüber auf eine Weise verhielt, die er als Verrat hatte deuten müssen – ich fürchte, das war der Moment, von dem an er den Menschen mit noch mehr Misstrauen begegnete.“

„Das mag ja sein, aber wenn er gar nicht heiraten will …“

„Er muss heiraten. Das weiß er so gut wie ich. Er ist der Duke of Rochford, er braucht einen Erben, dem er den Titel und sein Anwesen vermachen kann. Rochford ist viel zu verantwortungsvoll, als dass ihm das nicht klar sein sollte. Ich will ihm nur dabei helfen, das zu tun, was er tun muss.“ Sie grinste ihre Freundin schelmisch an. „Und gerade du kannst nicht leugnen, dass ich sogar diejenigen vor den Altar bringen kann, die ihre Entschlossenheit kundtun, gar nicht heiraten zu wollen.“

Irene reagierte mit einem Lächeln. „Ich muss zugeben, du besitzt die Gabe, selbst die größten Skeptiker zusammenzubringen. Allerdings muss ich mir die Frage stellen, wie der Duke auf diesen Plan reagieren wird.“

„Oh, ich hab gar nicht die Absicht, ihn einzuweihen“, erwiderte Francesca. „Deshalb darfst du davon ja auch kein Wort zu Gideon sagen. Ich bin sicher, Rochford würde es als maßlose Einmischung meinerseits bezeichnen und mir verbieten, damit weiterzumachen. Deshalb habe ich nicht die Absicht, ihm die Gelegenheit dazu zu geben.“

Irene nickte und sah sie amüsiert an. „Es sollte nicht so schwierig sein, Frauen zu finden, die gewillt sind, den Duke zu heiraten. Er ist der begehrteste Junggeselle im ganzen Land.“

„Ich weiß, und ich kann mir auch vorstellen, dass jede ihn heiraten möchte. Aber es reicht nicht, ihn mit ein paar beliebigen Damen bekanntzumachen. Ich muss genau die richtige für ihn finden, was sich bislang als eine viel schwierigere Aufgabe als erwartet entpuppt hat. Allerdings verdient Rochford auch nichts anderes als eine außergewöhnliche Frau, daher verwundert es mich nicht, dass ich so gut wie gar nicht fündig werde.“

„Dennoch hast du Althea und Damaris in die engere Wahl gezogen. Hast du sonst noch jemanden für ihn auserkoren?“

„Meine Entscheidung fiel auf drei Kandidatinnen – Damaris, Althea sowie Lady Caroline Wyatt. Heute Abend muss ich mich mit jeder von ihnen unterhalten, damit ich mir überlege, wie ich sie dem Duke vorstelle.“

„Und wenn er keine von ihnen leiden kann?“, wandte Irene ein.

Francesca zuckte mit den Schultern. „Dann muss ich weitersuchen. Irgendwer muss schließlich zu ihm passen.“

„Vielleicht bin ich ja nicht die Hellste“, überlegte ihre Freundin. „Aber mir scheint es, dass du die aussichtsreichste Kandidatin wärst.“

„Ich?“ Sie sah Irene erschrocken an.

„Ja, du. Immerhin bist du die eine Frau, von der wir mit Sicherheit wissen, dass Rochford sie heiraten würde. Schließlich hat er ja bereits um deine Hand angehalten. Wenn du ihm sagst, dass du die Wahrheit erfahren hast und dass es dir leidtut, weil du ihm nicht geglaubt hast …“

„Nein, nein“, sagte Francesca erschrocken. „Das ist völlig unmöglich. Ich bin fast vierunddreißig und damit viel zu alt, um für den Duke noch als Braut zu taugen. Natürlich werde ich mich bei ihm entschuldigen und ihm gestehen, wie dumm ich gewesen war, ihm nicht zu glauben. Das muss ich tun. Aber wir beide … nein, das gehört schon lange der Vergangenheit an.“

„Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Und sieh mich bitte nicht so ungläubig an. Ich bin mir da völlig sicher. Du weißt, das Thema Ehe ist für mich abgeschlossen. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre, ist es viel zu lange her. Zudem hat sich zwischen uns einiges abgespielt. Er würde mir niemals vergeben, dass ich mich von ihm getrennt habe – jedenfalls nicht so umfassend, dass er noch einmal etwas von mir würde wissen wollen. Rochford ist ein sehr stolzer Mann. Und seine Gefühle für mich sind schon vor ewiger Zeit erloschen. Das alles ist immerhin fünfzehn Jahre her. Ich liebe ihn nicht mehr, und er kann nicht die Frau lieben, die ihn zurückgewiesen hat. Jahrelang hat er ja nicht mal ein Wort mit mir gewechselt. Erst seit einer Weile verbindet uns wieder eine Art Freundschaft.“

„Tja, wenn du davon wirklich überzeugt bist …“

„Ja, das bin ich.“

„Und was hast du nun vor?“

„Ich … Oh! Da ist Lady Althea.“ Francesca hatte ihre Beute entdeckt, die am Rand der Tanzfläche stand und sich mit einer anderen Frau unterhielt. „Mit ihr werde ich anfangen. Ich glaube, ich werde eine Weile mit ihr plaudern, vielleicht einen gemeinsamen Ausflug planen. Dann kann ich es so arrangieren, dass Rochford auch zu der Gruppe gehört, die an der Vergnügungsfahrt teilnimmt …“

„Wenn das dein Vorhaben ist, scheint das Glück auf deiner Seite zu sein“, meinte Irene und deutete mit einem Nicken auf das andere Ende des Ballsaals. „Rochford ist soeben eingetroffen.“

„Tatsächlich?“ Francescas Herz schlug schneller, als sie sich in die Richtung umdrehte, in die ihre Freundin gewiesen hatte.

Ja, das war Rochford, der in Schwarz und Weiß gekleidet war und eine lässige Eleganz ausstrahlte, die ihn zum bestaussehenden Mann auf diesem Ball machte. Sein volles schwarzes Haar war in einem kunstvoll legeren Stil geschnitten, den viele nachzuahmen versuchten, was aber nur wenigen gelang. Seine schlanke, große Statur war wie geschaffen für die der neuesten Mode entsprechende, eng anliegende Jacke und Hose. Nichts an ihm wirkte prahlerisch, war der einzige Schmuck an ihm doch lediglich seine Krawattennadel, deren Kopf aus Onyx so schwarz glänzte wie seine Augen. Und trotzdem hätte niemand hier ihn für etwas anderes als einen Aristokraten gehalten.

Francesca umfasste ihren Fächer fester, als sie ihn beobachtete, wie er sich im Saal umschaute. Wenn sie ihm in der letzten Zeit begegnete, dann wurde sie jedes Mal von einer brodelnden Mischung unterschiedlichster Gefühle erfüllt. Es war Jahre her, seit sie so nervös gewesen war, so voller Zurückhaltung und Begeisterung zugleich. Daphnes Worte, das wurde ihr jetzt klar, hatten die Tür zur Vergangenheit aufgestoßen und einen Schwall von Empfindungen ausgelöst, von denen sie gedacht hatte, die Zeit und ihre Erfahrungen hätten sie hinfortgespült.

Wie dumm dieser Glaube war, wurde ihr jetzt bewusst. Dass ihr nun klar war, dass Rochford sie nicht betrogen hatten, änderte nichts an ihrem Leben – und es würde sich auch nichts verändern. Dennoch konnte sie nicht diesen Anflug von Freude unterdrücken, den sie jedes Mal verspürte, wenn sie ihn sah. Er hatte nie zu Daphne gehört. Seine festen, makellosen Lippen hatten nie ihren Mund geküsst, er hatte ihr nie etwas ins Ohr geflüstert. Sie war nie von seinen Händen gestreichelt oder von ihm mit Juwelen überschüttet worden. Das Bild vor ihrem geistigen Auge, das sie fünfzehn Jahre lang gequält hatte, war grundverkehrt gewesen, und das stimmte sie heilfroh.

Francesca wandte sich ab und war mit einem Mal sehr mit ihren Handschuhen und dem Fächer beschäftigt, außerdem strich sie hastig ihr Oberteil glatt. „Ich muss es ihm sagen“, erklärt sie leise.

Sie wusste, sie würde sich in seiner Gegenwart nicht wieder wohlfühlen, solange sie ihm nicht anvertraute, was sie erfahren hatte, und solange sie sich nicht dafür entschuldigt hatte, dass sie nicht bereit gewesen war, ihm zu vertrauen und seinen Beteuerungen zu glauben. Außerdem konnte sie ihn unmöglich mit einer Braut zusammenbringen, wenn sie in seiner Nähe ein Nervenbündel war. Sie musste es ihm sagen … nur wie?

„Ich denke, du bekommst soeben deine Gelegenheit“, bemerkte Irene.

„Was?“ Francesca hob abrupt den Kopf – und sah, dass der Duke of Rochford die Treppe heraufstieg.

2. KAPITEL

Francesca stand wie erstarrt da, obwohl sie den dringenden Wunsch verspürte, die Flucht zu ergreifen. Doch das konnte sie natürlich nicht machen, da Rochfords Blick genau auf sie gerichtet war. Es war ihr nicht möglich, sich jetzt noch von ihm abzuwenden, ohne unhöflich zu wirken. Außerdem hatte Irene völlig recht: Das hier war ihre Gelegenheit, ihm alles zu erklären.

Also blieb sie stehen und lächelte, während sich ihr der Duke näherte.

„Lady Haughston, Lady Radbourne“, begrüßte er sie und deutete eine Verbeugung an.

„Rochford. Wie schön, Sie hier zu sehen“, erwiderte Francesca.

„Es ist schon lange her. Ich habe Sie nur auf wenigen Bällen gesehen.“

Sie hätte wissen müssen, dass es ihm auffallen würde. Rochford entging so gut wie nichts. „Ich … ich habe mich nach Callies Hochzeit ein wenig erholt.“

„Waren Sie krank?“, fragte er besorgt.

„Ich? Oh, nein, nein, keineswegs. Ähm …“ Insgeheim seufzte Francesca. Noch keine zwei Sätze hatte sie herausgebracht, und schon geriet sie ins Stammeln.

Es fiel ihr äußerst schwer, Rochford zu belügen. Selbst die harmloseste Ausrede, die sie jedem anderen ohne zu erröten aufgetischt hätte, kam ihr nicht einmal in Ansätzen über die Lippen, als sie mit seinem eindringlichen Blick konfrontiert wurde. Manchmal kam es ihr so vor, als könnten seine dunklen Augen so tief in sie hineinschauen, dass sie ihre Seele zu sehen bekamen.

Sie wich seinem Blick aus und fuhr fort: „Nein, ich war nicht krank, ich fühlte mich lediglich müde. Die Saison kann manchmal recht anstrengend sein, sogar für mich.“

Ihr Gefühl sagte ihr, dass er ihr kein Wort glaubte. Er betrachtete sie noch einen Moment, ehe er erklärte: „Niemand kann Ihnen die Anstrengung ansehen, das versichere ich Ihnen. Sie strahlen so, wie es jeder von Ihnen gewöhnt ist.“

Francesca nahm sein Kompliment mit einem bedächtigen Nicken zur Kenntnis, während er sich schon an Irene wandte. „Und das gilt auch für Sie, Mylady. Die Ehe scheint Ihnen gutzutun.“

„Das ist wahr“, bestätigte sie, wobei sie leicht überrascht klang.

„Ist Radbourne heute Abend hier?“, erkundigte er sich. „Mich wundert, dass ich ihn nicht an Ihrer Seite antreffe.“

„Das liegt daran, dass Irene ihn im Stich gelassen hat“, warf Francesca belustigt ein.

„So ist es“, unterstrich Irene diese Worte. „Ich habe ihn in Lady Pencullys Fängen zurückgelassen und bin danach wie ein Feigling die Treppe hinaufgeeilt.“

„Großer Gott! Tante Odelia ist hier?“, stieß Rochford aus und schaute beunruhigt nach unten in den Ballsaal.

„Ja, aber sie kann nicht die Treppe heraufkommen“, entgegnete Francesca. „Solange Sie hier oben bleiben, sind Sie in Sicherheit.“

„Davon bin ich nicht so überzeugt. Seit dem Ball zu ihrem achtzigsten Geburtstag ist die Frau regelrecht von neuem Leben erfüllt“, hielt Rochford dagegen.

Irene sah zu Francesca, schließlich bemerkte sie: „Vermutlich sollte ich besser die brave Ehefrau spielen und Gideon retten, bevor er die Geduld verliert und etwas zu Tante Odelia sagt, das er später bereuen könnte.“

Hastig erstickte Francesca die plötzlich aufkommende Panik, als ihr klar wurde, dass ihre Freundin sie im Stich lassen würde. Sie hatte sich Hunderte Male mit dem Duke unterhalten, es war absurd, auf einmal diese Verlegenheit zu verspüren.

„Wie geht es der Duchess?“, fragte sie, nachdem sich Irene zurückgezogen hatte. Sosehr sie sich auch bemühte, etwas Besseres wollte ihr einfach nicht einfallen, um das Gespräch fortzuführen.

„Großmutter geht es gut, und es gefällt ihr in Bath. Sie droht zwar immer wieder damit, anzureisen und die Saison wenigstens für ein paar Wochen zu begleiten, aber ich glaube, sie wird davon Abstand nehmen. Sie ist viel zu froh darüber, nicht länger für Callie die Anstandsdame geben zu müssen.“

Francesca nickte. Damit war dieses Thema erschöpft, bevor es überhaupt eines war. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen und ließ ihren Blick abermals durch den Ballsaal schweifen. Sie wusste, sie musste es ihm sagen. Es konnte nicht so weitergehen, dass sie sich in seiner Gegenwart befangen und unbehaglich fühlte. In den letzten Jahren hatte sie sich daran gewöhnt, dass sie beide wieder etwas verband, das man als Freundschaft bezeichnen konnte. Sie freute sich darauf, sich auf Bällen mit ihm zu unterhalten, da es jedes Mal aufs Neue erfrischend war, mit ihm Wortgefechte auszutragen. Seine geistreichen Kommentare machten auch die langweiligste Zusammenkunft erträglich. Außerdem konnte sie sich darauf verlassen, dass er mit ihr einen Walzer tanzte, was bedeutete, dass zumindest ein Tanz an diesem Abend ein Vergnügen sein würde und ihr das Gefühl gab, über dem Boden zu schweben.

Sie musste ihm reinen Wein einschenken, sie musste ein Geständnis ablegen und ihn um Vergebung bitten, auch wenn der Gedanke daran ihr noch so große Angst bereitete.

Als sie sich zu ihm umdrehte, musste sie feststellen, dass er sie nachdenklich beobachtete. Er weiß es, ging es ihr durch den Kopf. Dieser Mann war einfach zu scharfsinnig. Er hatte längst erkannt, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Mit ihnen beiden.

„Möchten Sie mich vielleicht auf einen Spaziergang begleiten?“, fragte er und bot ihr seinen Arm an. „Wie ich bereits häufiger gehört habe, soll die Galerie der Whittingtons recht angenehm sein.“

„Ja, selbstverständlich. Das klingt sehr interessant.“ Sie legte eine Hand auf seinen Arm und spazierte an seiner Seite den langen Gang entlang, der an einer Seite des Whittington-Herrenhauses verlief.

In der Galerie hingen die Porträts der Vorfahren sowie Gemälde mit Jagdszenen oder den Lieblingshunden, die einem der zahlreichen Whittingtons aus früheren Jahrhunderten gehört hatten. Sie schlenderten von Bild zu Bild und sahen sich das eine oder andere etwas ausführlicher an, ohne sich aber wirklich dafür zu interessieren. Niemand sonst hielt sich hier auf, und ihre Schritte hallten auf dem polierten Parkettboden nach. Schweigen herrschte zwischen ihnen, das mit jedem weiteren Augenblick eindringlicher und unangenehmer wurde.

Schließlich fragte Rochford: „Habe ich Sie so sehr beleidigt, dass Sie mir das nicht nachsehen können?“

„Was?“ Erschrocken sah sie ihn an „Wie meinen Sie das?“

Er blieb stehen und drehte sich zu ihr um. Sein Gesichtsausdruck war ernst, seine schwarzen Augenbrauen hatte er besorgt zusammengezogen. „Ich meine damit, dass ich Sie zwar in den letzten Wochen auf einigen Bällen gesehen habe, doch sobald Sie mich entdeckten, machten Sie auf der Stelle kehrt und tauchten in der Menge unter. Und falls wir uns unerwartet über den Weg liefen und Sie mir nicht mehr ausweichen konnten, nutzten Sie die erstbeste Möglichkeit, um sich unter einem Vorwand zurückzuziehen. Daher kann ich nur annehmen, dass Sie mir nicht verziehen haben, was ich an jenem Tag zu Ihnen sagte, als ich herausfand, dass Bromwell um Callie geworben hatte.“

„Nein!“, widersprach Francesca und drückte seinen Arm. „Das ist nicht wahr. Sie haben mich damit nicht beleidigt, wirklich nicht. Ich … vielleicht waren Sie ein wenig schroff. Aber Sie haben sich entschuldigt, und Sie hatten einen guten Grund, besorgt zu sein. Dennoch konnte ich nicht Callies Vertrauen hintergehen, und es war ihr gutes Recht, selbst über ihre Zukunft zu entscheiden.“

„Ja, ich weiß. Sie ist sehr eigenständig“, meinte er seufzend. „Mir ist klar, dass Ihnen keine andere Wahl blieb, und es gab keinen Grund zu erwarten, dass Sie in der Lage sein würden, meine Schwester im Zaum zu halten. Bei Gott, ich hatte selbst damit ja auch kein Glück. Und nachdem meine Wut verraucht war, wusste ich, wie verkehrt ich mich verhalten hatte. Ich entschuldigte mich bei Ihnen und glaubte, Sie hätten meine Entschuldigung angenommen. Doch dann auf einmal begannen Sie, sich vor mir zu verstecken.“

„Nein, wirklich“, beteuerte sie. „Ich habe Ihre Entschuldigung angenommen, und ich bin nicht wütend wegen der Dinge, die Sie gesagt hatten. Ich bin schon früher Zeuge Ihres Temperaments geworden, wie Sie wissen.“

„Und warum gehen Sie mir aus dem Weg?“, hakte er nach. „Sogar auf Callies Hochzeit habe ich Sie kaum zu Gesicht bekommen. Hat es etwas mit der Szene in der Jagdhütte zu tun? Weil ich …?“ Er zögerte.

„Weil Sie den zukünftigen Ehemann Ihrer Schwester zu Boden geschlagen hatten?“, fragte Francesca, die sich ein Lächeln nur schwer verkneifen konnte. „Weil Sie beide sich quer durch den Salon geprügelt und dabei Vasen zerschmettert und Stühle umgeworfen hatten?“

Rochford wollte protestieren, hielt dann aber inne und begann seinerseits ebenfalls schwach zu lächeln. „Nun … ja. Weil ich mich wie ein Raufbold aufgeführt und ich mich selbst zum Narren gemacht habe.“

„Mein lieber Duke“, gab Francesca zurück. Belustigung blitzte in ihren Augen auf. „Warum sollte ich daran Anstoß nehmen?“

Er lachte kurz auf. „Na, wenigstens haben Sie nicht gesagt, das sei bei mir nichts Ungewöhnliches. Allerdings möchte ich betonen, auch wenn ich zwar womöglich wie ein Raufbold aufgetreten sein mag, so habe ich im Gegensatz zu manchen anderen keine unglaublichen Lügengeschichten von mir gegeben.“

„Lügengeschichten?“ Francesca klopfte ihm leicht mit dem Fächer auf den Arm und nahm nur ganz am Rande war, dass die beiderseitige Verlegenheit wie weggewischt war und sie mit ihm auf unbeschwerte Art scherzte. „Sie sind sehr ungerecht, Sir.“

„Oh, kommen Sie. Sie werden doch nicht leugnen wollen, dass Sie an diesem Morgen höchst … nun, sagen wir: erfindungsreich waren, oder?“

„Jemand musste Ordnung in diese Bescherung bringen“, erwiderte sie. „Sonst hätten wir uns alle in einer ziemlich misslichen Lage wiedergefunden.“

„Ich weiß.“ Er wurde wieder ernst und ergriff zu ihrer Überraschung ihre Hand. „Mir ist klar, was Sie an jenem Tag für Callie getan haben. Durch Ihren ‚Erfindungsreichtum‘ und natürlich Ihre Güte ist Ihnen meine ewige Dankbarkeit gewiss. Wären Sie nicht gewesen, hätte sich Callie in einen schwerwiegenden Skandal verstrickt.“

Francesca spürte, wie ihre Wangen unter seinem eindringlichen Blick zu glühen begannen, und sie schaute rasch weg. „Sie müssen mir dafür nicht danken. Ich kann Callie sehr gut leiden, sie ist für mich fast wie eine Schwester.“

Ihr wurde deutlich, dass sie ihre Worte sehr unglücklich gewählt hatte, was sie wohl noch heftiger erröten ließ. Würde Rochford sie für anmaßend halten? Oder würde er glauben, sie wolle ihn auf die Tatsache hinweisen, dass sie beide beinahe Mann und Frau geworden wären?

Francesca drehte sich weg und ging weiter. Ihre Hand hielt den Fächer so fest umschlossen, dass sich die einzelnen Stäbchen ins Fleisch schnitten. Rochford folgte ihr, und eine Weile gingen sie schweigend Seite an Seite weiter. Dabei spürte sie, dass er sie beobachtete. Ihm war klar, dass etwas nicht mit ihr stimmte, und je länger sie schwieg, umso mehr bestärkte sie ihn in seiner Einschätzung.

„Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, platzte sie plötzlich heraus.

„Wie bitte?“ Seine Verwunderung war ihm deutlich anzuhören.

Sie blieb stehen, drehte sich um und machte sich darauf gefasst, ihm in die Augen zu schauen „Ich habe Ihnen Unrecht getan. Vor fünfzehn Jahren, als wir …“ Sie unterbrach sich, da es sich anfühlte, als ob ihr die Kehle zugeschnürt wurde.

Rochford versteifte sich ein wenig, sein rätselnder Gesichtsausdruck wich einer leichten Skepsis. „Als wir verlobt waren?“, führte er den Satz für sie zu Ende.

Hastig nickte sie, wobei sie feststellte, dass sie seinem Blick doch nicht standhalten konnte. Und so wandte sie den Kopf zur Seite. „Ich … Bei Callies Hochzeit erfuhr ich von Lady Swithington, dass … dass sie gelogen hatte. Dass sich zwischen Ihnen beiden niemals etwas abgespielt hatte.“

Als er nichts sagte, straffte sie die Schultern und zwang sich, ihn wieder anzusehen. Sein Gesicht zeigte keine Regung, seine Augen blickten sie ausdruckslos an, und sie wusste so wenig wie noch einen Moment zuvor, was er gerade dachte oder fühlte.

Sie musste schlucken, dann fuhr sie fort: „Ich habe mich geirrt. Ich habe Ihnen zu Unrecht Vorwürfe gemacht. Ich hätte Ihnen zuhören sollen, was Sie zu sagen hatten. Und ich … Sie sollen wissen, dass mir leidtut, was ich zu Ihnen gesagt und was ich getan habe.“

„Nun …“ Er drehte sich halb zur Seite, wandte sich ihr aber gleich wieder zu. „Ich verstehe.“ Erneut schwieg er, schließlich erklärte er: „Ich fürchte, ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll.“

„Ich weiß nicht, ob Sie darauf überhaupt etwas erwidern können“, räumte Francesca ein, während sie langsam den Weg zurückgingen, den sie gekommen waren. „Es kann ja auch nichts mehr ungeschehen gemacht werden. Das alles liegt weit hinter uns. Trotzdem konnte ich einfach keine Ruhe mehr finden, ich musste Ihnen sagen, wie falsch ich mich damals verhalten hatte. Ich kann nicht von Ihnen erwarten, dass Sie mir verzeihen, aber Sie sollen wissen, dass ich die Wahrheit erfahren habe. Ich bedauere zutiefst, dass ich Sie so falsch eingeschätzt hatte. Ich hätte es eigentlich wissen müssen.“

„Sie waren noch sehr jung“, gab er milde zurück.

„Ja, allerdings ist das ganz sicher keine ausreichende Rechtfertigung für mein Verhalten.“

„Ich wage zu behaupten, dass das sehr wohl der Fall ist.“

Francesca warf dem Duke einen Seitenblick zu. Sie hatte befürchtet, wenn sie ihm die Wahrheit sagte, dass er sie mit einer eisigen, bissigen Bemerkung abspeisen würde. Oder dass seine Augen vor Zorn aufblitzen würden. Dass er auf dem Absatz umkehren und sie allein zurücklassen würde. Ihr war nie der Gedanke gekommen, ihr Geständnis könnte ihn sprachlos machen.

Sie durchschritten erneut die Tür und begaben sich auf die Empore oberhalb des Ballsaals. Als sie sich zu Rochford umdrehte, raste Francescas Herz wie wild. Sie wollte nicht, dass sich ihre Wege trennten und sie nicht wusste, was er jetzt dachte und fühlte. Kochte er innerlich, oder war er einfach erleichtert, weil sie ihn nicht länger für ungehobelt hielt? Sie würde es nicht ertragen, wenn ihr Geständnis die zerbrechliche Freundschaft zerstört hätte, die sie beide über die Jahre hinweg aufgebaut hatten.

Spontan fragte sie: „Wollen wir tanzen?“

Er lächelte flüchtig. „Ja, warum nicht?“ Dann hielt er ihr den Arm hin, damit sie sich bei ihm einhakte, und ging mit ihr die geschwungene Treppe hinunter.

Eben hatten sie das Parterre erreicht, da setzte ein Walzer ein, und Rochford nahm sie in seine Arme, um sich mit ihr zu den anderen Paaren auf der Tanzfläche zu begeben. Etwas regte sich in ihr, etwas Sanftes und Beharrliches, das sie unsicher und nervös, zugleich aber auch fast schon übermütig werden ließ. In den letzten Jahren hatte sie viele Male mit dem Duke getanzt, doch in diesem Augenblick fühlte es sich völlig anders an als sonst. Es kam ihr vor, als … als wäre sie mit ihm in die Vergangenheit zurückgekehrt.

Sie war sich seiner starken Arme deutlich bewusst, sie spürte seine Wärme, nahm den Duft seines Eau de Cologne wahr, der sich mit seinem ganz eigenen, unbestimmbaren Aroma mischte. Ihre Erinnerung kehrte zurück an jenen zweiten Weihnachtsfeiertag, an den Ball, den er in seinem Anwesen im Dancy Park gegeben hatte, als sie von ihm in die Arme genommen worden war, damit sie mit ihm einen Walzer tanzte. Sie hatte ihn angesehen und mit einem Mal verstanden, dass ihre mädchenhafte Schwärmerei, die sie jahrelang für ihn empfunden hatte, in Wahrheit viel mehr war. Beim Blick in seine unendlich tiefen, dunklen Augen war ihr klargeworden, dass sie hoffnungslos in diesen Mann verliebt war. Vor begeisterter Aufregung darüber war ihr ganz schwindlig geworden, ihr ganzer Körper hatte zu kribbeln begonnen. Als er sie dann auch angesehen und angelächelt hatte, war in ihr eine Hitze zum Leben erwacht, die stärker war als die Sonne.

Als sie ihn nun betrachtete, spürte sie, dass diese Erinnerungen ihre Wangen bestimmt mit einer Röte überzogen hatten. Eigentlich sah er immer noch so aus wie damals, fand sie. Wenn überhaupt, hatten die Jahre ihn nur umso attraktiver werden lassen. Die winzigen Fältchen an den Augenwinkeln ließen sein glattes, kantiges Gesicht sanfter erscheinen, das sonst manchmal einen kalten, abweisenden Ausdruck annehmen konnte. Eigentlich, so überlegte sie, hatte er schon immer ein wenig wie ein Pirat ausgesehen, was eindeutig an seinen schwarzen Augen und dem schwarzen Haar sowie den hohen Wangenknochen lag. Zumindest vermittelte er immer dann diesen Eindruck, wenn er die schwarzen Augenbrauen bedrohlich zusammenzog oder wenn er jemandem einen frostigen Blick zuwarf. Das waren die Momente, in denen man ihn für gefährlich halten konnte.

Doch wenn er lächelte, schien er ein ganz anderer Mensch zu sein. Seine Miene hellte sich auf, seine Augen leuchteten. In einem solchen Augenblick war es fast unmöglich, es ihm nicht nachzutun, und man war versucht, alles zu unternehmen, um noch einmal dieses gewinnende Lächeln zu sehen.

Rasch sah sie zur Seite, da ihre eigenen Gedanken sie in Verlegenheit brachten. Hoffentlich war ihm nicht aufgefallen, wie erhitzt sie war, und noch mehr hoffte sie, dass er nicht ahnte, welchen Grund es für ihre Reaktion gab. Natürlich war es albern von ihr, sich solchen Überlegungen überhaupt erst hinzugeben oder wie ein junges Mädchen sein gutes Aussehen oder sein hinreißendes Lächeln zu bewundern. Über solche Gefühle war sie längst hinweg, ob sie nun Rochford oder einen anderen Mann betrafen. Ihre Empfindungen für ihn waren vor vielen Jahren gestorben, verbrannt von den langen Nächten, in denen sie vor Selbstvorwürfen keinen Schlaf gefunden hatte, ertränkt in einem Ozean aus Tränen.

Angestrengt suchte sie nach einem Thema, um das Schweigen zu beenden. „Haben Sie etwas von Callie gehört?“

„Sie hat mir einen Brief zukommen lassen. Einen sehr kurzen, möchte ich betonen. ‚Paris ist großartig. Bromwell ist wundervoll. Freue mich auf Italien.‘“

„Ganz so knapp wird er sicher nicht gewesen sein“, meinte Francesca amüsiert.

„Na ja, sie hat Paris ein klein wenig ausführlicher beschrieben, aber insgesamt ist der Brief ein Musterbeispiel dafür, wie man sich kurzfassen kann. In einer Woche wollen sie nach London zurückkehren, vorausgesetzt natürlich, sie beschließen nicht doch noch, ihre Hochzeitsreise zu verlängern.“

„Wenigstens hört es sich so an, als ob sie glücklich ist.“

„Ja, ich glaube, das ist sie. Entgegen allen meinen Erwartungen scheint Bromwell sie zu lieben.“

„Ohne Callie müssen Sie sich einsam fühlen.“

„Das Haus ist jetzt ein wenig zu ruhig“, gab Rochford zu und lächelte schwach. „Aber ich hatte genug anderes zu tun.“ Er schaute sie fragend an. „Und Sie?“

„Was meinen Sie? Ob ich ebenfalls genug anderes zu tun hatte? Oder ob ich mich ohne Callie einsam fühle?“

„Sowohl als auch. Bis zu ihrer Heirat hat sie in diesen letzten zwei Monaten immerhin mehr Zeit bei Ihnen als bei mir verbracht.“

„Da haben Sie recht. Und ich muss auch gestehen, dass sie mir fehlt“, gestand sie ihm. „Callie ist … na ja, durch ihr Weggehen hat sie eine Lücke in mein Leben gerissen, die deutlich größer ist, als ich es mir hätte vorstellen können.“

„Vielleicht sollten Sie sich wieder um eine junge Dame kümmern“, schlug Rochford vor. „Mir sind heute Abend hier einige junge Frauen aufgefallen, die gut beraten wären, sich von Ihnen helfen zu lassen.“

„Mag schon sein, aber keine von ihnen hat mich um Hilfe gebeten. Und es wäre ein wenig unhöflich, wenn ich ungebeten einen Ratschlag erteile, wie jemand mehr aus sich machen könnte.“

„Ja, da haben Sie wohl recht. Allerdings würde sich sicher so mancher wünschen, dass Sie Lady Livermore ein wenig ins Gewissen reden.“

Francesca musste sich ein Kichern verkneifen, während sie seinem Blick zu Lady Livermore folgte, die mit ihrem Cousin tanzte. Sie trug wieder einmal ihre Lieblingsfarbe, ein kraftvolles Braunrot, das nur wenigen Frauen wirklich gut zu Gesicht stand. Zu diesen Frauen zählte Lady Livermore bedauerlicherweise nicht. War die Farbe schon unpassend, so war sie weiterhin offenbar der Ansicht, dass etwas Gutes nur noch besser werden konnte, wenn man mehr davon nahm. Der Ausschnitt ebenso wie der Saum ihres Kleids waren nämlich mit Rüschen eingefasst, sie quollen regelrecht unter dem Saum des Obergewands hervor, und selbst die kurzen Puffärmel endeten in einer doppelten Volantreihe. Diese seidenen Rosetten wiesen in ihrer Mitte jeweils eine Perle auf, die ihrerseits durch eine kleine Girlande aus ähnlichen Schmuckelementen miteinander verbunden waren. Auf dem Kopf trug sie eine farblich dazu abgestimmte und ebenfalls mit Perlen besetzte Toque, wobei sie wie eine Kochhaube aussah.

„Oh, ich fürchte, Lady Livermore wird sich nicht dazu überreden lassen, etwas an sich zu ändern“, gab Francesca zurück, hielt kurz inne und fragte dann: „Kennen Sie Lady Althea?“

Sie biss sich auf die Zunge, kaum dass sie den Namen ausgesprochen hatte. Wie konnte sie damit nur so ungeschickt herausplatzen?

„Robarts Tochter?“, entgegnete der Duke überrascht. „Glauben Sie, sie benötigt Hilfe bei der Suche nach einem Ehemann?“

„Oh, nein, Gott bewahre!“

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