Logo weiterlesen.de
Ein Adjutant und Gentleman: Werner Strassmann – ein Leben für die Musik

Musiker lieben Dirigenten, die hören,
Zuschauer lieben Dirigenten, die turnen.
Manfred Hinrich

Ein Talent, das jedem frommt,
hast du in Besitz genommen.
Wer mit holden Tönen kommt,
überall ist der willkommen.
Johann Wolfgang von Goethe

 

 

Ein Buch ohne Bilder, noch dazu ein biografischer Roman,
wäre unvollständig.

Wir haben dafür gesorgt, dass Sie neben dem Lesen
auch etwas zum Anschauen haben.

Mittels untenstehendem QR-Code können Sie auf die
Buchwebsite zugreifen
und die den einzelnen Kapiteln zugeordneten Bilder betrachten.

Zugriff ebenfalls auf »Galerie« unter
www.adjutant.ch

Viel Vergnügen beim Betrachten.

Inhalt

Über den Wolken

Die ersten Jahre

Tintenschlecker

Gelernt ist gelernt

Entdeckungen

Ein Mann werden

Strammstehen

Den Takt angeben

O Musica

Paris

Oran

Wieder zu Hause

Spiel … Vorwärts marsch!

Auf und ab – hoch und tief

Frisch voran

Ich bin dann mal weg

Paraden

Reisen für die Musik

Lorbeeren

(Un)Ruhestand

Füllhorn

Was da noch war

Nun also

Über den Wolken

2016 – wetterwendisch und seinem Ruf folgend, neigt sich der April dem Ende zu. Ja tatsächlich, dieser Frühlingsmonat hat es in sich. Föhntage, an denen das Thermometer über 20 Grad Celsius kletterte und dann, vorgestern eine Kaltfront mit Schnee bis in die Niederungen und nächtlichen Minusgraden.

Die Medien berichten von einem Kälterekord seit über fünfzig Jahren.

Im Esszimmer ihres schmucken Hauses in Arnegg, sitzen Werner und Katharina Strassmann beim Frühstück. Draussen ist es stürmisch, ein Wechselspiel von Licht und Schatten. Manchmal zeichnet ein verirrter Sonnenstrahl seine goldenen Sprenkel auf die Tischplatte, dann, wie von Zauberhand, ist alles wieder grau in grau.

Werner beisst in die mit Butter und Erdbeerkonfitüre bestrichene Brötchenhälfte, kaut geniesserisch und nimmt einen Schluck Kaffee. Er liebt dieses Getränk – dunkel, nur ein paar Tröpfchen Sahne und ohne Zucker.

Sein Blick schweift durchs Fenster zu der in Richtung Andwil gelegenen bewaldeten Hügelkuppe und entdeckt an den Ausläufern noch grauweisse Schneereste.

„Verrückt“, murmelt er kopfschüttelnd, „nächsten Sonntag haben wir den ersten Mai, und dieser Winter will sich einfach nicht davonmachen.“

„Ja, ja, es ist wirklich schlimm“, sagt Katharina nachdenklich und klaubt ein paar Brosamen vom Tisch. „Gestern hat mir Hilde geklagt, dass sie sich grosse Sorgen um ihre Obstplantage machen. Mitte April sei schon alles im Bluest gestanden, und jetzt dieser Frost.“

Werner schmunzelt. „So, so, die Hilde, diese Jammertante.“

„Jammertante? Wie meinst du das? Hast du’s nicht gelesen, dass die Weinbauern in der Bündner Herrschaft und im Schaffhauserischen diesen Kälteeinbruch äusserst prekär finden?“

„Doch, doch. Hab auch die Bilder mit den aufgestellten Frostkerzen gesehen. Aber besonders interessant fand ich den Bericht über die eingesetzten Helikopter und die betreffende Erläuterung, dass durch die von den Rotoren verursachten Turbulenzen, die Luft vermischt werde, sodass die Kälte sich nicht auf den Pflanzen und dem Boden absetzen kann.“

„Ja, ja, du mit deiner Fliegerei“, sagt Katharina mit einem leicht sarkastischen Unterton, steht auf und beginnt den Tisch abzuräumen.

Fliegerei? – Das muss erklärt werden.

Werner, der im Oktober letzten Jahres seinen 80. Geburtstag feiern durfte, ist nämlich seit einiger Zeit Mitglied beim vSAF (virtual Swiss Air Force), einem Club, der mittels Computersimulation die Fliegerei betreibt. Er ist von diesem Hobby total begeistert, um nicht zu sagen: total angefressen. Als wahrhafter Perfektionist und mit seinem erstaunlich wachen Geist, hat er es in kurzer Zeit zum Flightleader, also zum Staffelführer, gebracht.

Und darauf ist er mit Recht ungemein stolz. Unzählige Stunden verbringt er an seinem Flugsimulator im Obergeschoss, vor dem Bildschirm und an den Steuerkonsolen, übt mit Hingabe aktuell bevorstehende Staffelaufträge ein, um dann, wenn’s ernst gilt, entsprechend fit zu sein. Zwei bis drei Mal pro Woche in den Abendstunden, werden solche Staffeleinsätze vernetzt und im Verband geflogen, die von den Kommandanten – meist altgedienten Militärpiloten – aus einem reichhaltigen Szenenrepertoire befohlen werden.

Werni, so lautet sein Club-Name, hat mich auf zwei solche virtuellen Flüge mitgenommen. Zuerst auf einer F-5E-Tiger, einem Kampfflugzeug, das im Rahmen des Rüstungsprogramms 1981 von der Schweizerarmee beschafft wurde, und dann noch auf einer einmotorigen Pilatus PC-7, dem Turboprop-Trainingsflugzeug der schweizerischen Luftwaffe.

Eine faszinierende Welt tut sich da einem auf. Flugzeuge, Flughäfen mit ihrer Umgebung, überflogene Landschaften – virtuell zwar, doch absolut detailgetreu – da kommt man aus dem Staunen kaum mehr heraus.

Inzwischen hat auch Hundedame Coquette, ein Kerry Blue Terrier, das Frühstück in der Ecke des Esszimmers beendet, kommt herbeigetrippelt und legt ihre Schnauze auf Werners rechtes Knie. Sie wird ausgiebig gekrault. „So, meine Schöne, hat’s geschmeckt“, fragt er schmunzelnd. Und auf Katharinas Gesicht, die eben mit einem Wischlappen in der rechten Hand von der Küche zurückkommt, zeichnet sich ein Lächeln ab. „Ja, ja, Coquette-Mädchen, noch fünf Minuten, dann gehen wir auf unsere Runde.“

Dann sind die drei unterwegs. Kurz nach ihrem Haus, das sich am östlichen Dorfausgang befindet, zweigt ein Feldweg ab, der auf weitläufiges Wiesengelände führt und weiter hinten in eine Waldparzelle mündet. Ein steifer Wind weht ihnen entgegen, am Himmel ziehen die Wolkenschiffe vorbei, wie mit geblähten Segeln. Aber man sieht es, die Sonne kämpft mit heroischer Kraft, ja, sie will diesen Tag erobern.

Schweigsam gehen sie nebeneinander her, beobachten, wie Coquette – frei von der Leine – kreuz und quer durchs halbhohe Gras jagt, plötzlich stillsteht, an einer Löwenzahnblüte schnuppert, dann ein Stück weiter einen Maulwurfshügel entdeckt und mit den Vorderpfoten ungestüm zu buddeln beginnt.

„Coquette, daher!“, ruft Werner. Doch diese reagiert nicht, buddelt eifrig weiter, verharrt und steckt ihre Schnauze in die aufgewühlte Erde. Bei Werners nochmaligem Befehl, spitzt sie kurz die Ohren und dreht den Kopf zu ihm hin, als wollte sie sagen: „Ich hab’ jetzt Wichtigeres zu tun.“

Katharina muss lächeln und legt ihre Rechte auf Werners Arm. „Ach, lass sie doch, diese Terrier sind eben echte Jagdhunde, und du siehst doch, was für einen Spass es ihr macht.“

Werner nickt zustimmend, und gemächlich setzen sie ihren Weg fort.

Katharina ist von zierlicher Gestalt, ihr ovales Gesicht wird von der auffallenden Mundpartie und der hohen Stirn bestimmt. Die vollen rötlichen Haare sind zu einem Pagenschnitt frisiert. Ihr Teint ist hell und praktisch faltenlos, und das mit 67 Jahren. Und dann ihre Augen: zwei hellblaue Lichter unter weitgeschwungenen Wimpernbögen.

Werner ist auch kein Riese, vielleicht ein Kopf grösser als Katharina. Kaum jemand würde ihm seine achtzig Jahre ansehen. Auffallend auch bei ihm, sind die breite Mundpartie, das markante Kinn und die hohe Stirn. Merkmale musisch veranlagter Menschen, die für beide zutreffen.

Ja, die beiden passen gut zusammen. In diesem Jahr können sie den 41. Hochzeitstag feiern. Doch das absolut Prägende in ihrem Leben ist die Musik. Sie, eine passionierte Geigerin und er der Vollblutmusiker, Arrangeur, altgedienter Militärmusik-Instruktor und Dirigent von Weltruf. Aber davon später.

Inzwischen ist Coquette von ihrem Wiesenabenteuer zurück, trippelt gehorsam neben Werner einher und auf ihrer Schnauze sind noch Spuren von Erdkrumen. Sie ist nun wieder an der Leine, denn ein paar Schritte weiter passieren sie den Waldrand. Der Pfad schlängelt sich durch dicht an dicht stehende Jungtannen, ist mit dürren Nadeln gepolstert und in ein schummriges Licht getaucht. Einige Sonnenstrahlen haben den Weg zwischen den engstehenden Wipfeln gefunden und fallen als silberne Schweife auf den Pfad.

„Prächtig, gell“, sagt Katharina. „Die Sonne hat ihren Kampf wohl gewonnen, könnte noch ein schöner Tag werden.“

„Ja“, pflichtet Werner bei, „einfach prachtvoll diese Gegend, und denk nur, jetzt wohnen wir schon über dreissig Jahre hier.“

„Schon …“, murmelt Katharina nachdenklich. „Aber eigentlich gilt das nur für mich. Du warst ja die meiste Zeit unterwegs, irgendwo in der Welt.“

„Und …, hattest du Mühe damit?“

„Nein, nein. Ich wusste ja, was auf mich zukommt. Aber zurück zu dem, was du gesagt hast. Es ist wirklich eine prachtvolle Gegend hier. Arnegg war und ist wirklich eine gute Wahl.“

Ist es so etwas wie Heimatgefühl, das aus ihren Worten spricht? Bestimmt.

Arnegg, dieses idyllisch kleine Dorf, das zur politischen Gemeinde Gossau gehört, haben sie schon längst liebgewonnen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab’s hier nur Landwirtschaft, dann hielt die Handstickerei Einzug und beschäftigte bis zu 200 Heimarbeiter. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts belief sich die Zahl der Bevölkerung auf rund 250, doch bald kam schweizweit der Trend ‘Hinaus aufs Land‘, und ein regelrechter Bauboom begann.

Heute zählt Arnegg rund 2000 Einwohner, ist aber so gesehen, eine Streusiedlung und besitzt keinen eigentlichen Dorfkern. Der Grund dafür ist historisch. Doch einen Dorfplatz gibt es selbstverständlich, und dort steht das über 300-jährige Restaurant Ilge, Werners Stammlokal.

Die drei sind von ihrem vormittäglichen Spaziergang zurück. Für Katharina steht nun Einkaufen in Gossau auf dem Programm, Coquette darf mit.

Werner macht sich zu Fuss auf den Weg zu seinem Stammlokal. Dort wird er bei einer Tasse Kaffee in den Tageszeitungen herumschmökern; man muss sich ja auf dem Laufenden halten – und dann …?

Freudige Erwartung spiegelt sich auf seinem Gesicht, der Kaffee ist in kürzester Zeit getrunken und als sonst aufmerksamer Zeitungsleser, überfliegt er heute nur eilig ein paar Schlagzeilen.

Nach knapp einer Stunde ist er wieder zurück in seinem Heim, besser gesagt, im Obergeschoss in seinem ‘Fliegerhorst‘.

Ja, heute ist ein ganz besonderer Tag. Abends, so gegen zwanzig Uhr, wird er mit seiner F-5E-Tiger-Staffel in Pfeilformation über den Wolken sein. Von der Basis Emmen zum Militärflugplatz Payerne. Dort werden sie eine Staffel Jungpiloten zur Brevetierung empfangen. Und Werner hat sich dazu etwas Spezielles einfallen lassen: während der Brevetierung wird er den Fahnenmarsch der Schweizer Armee abspielen. Ein Riesenspass, wie könnte es auch anders sein. Werner Strassmann, Staffelführer der vSAF und altgedienter Adjutant Unteroffizier – Instruktor und Spielleiter der Schweizer Militärmusik.

Um Pilot bei vSAF und in eine Staffel aufgenommen zu werden, muss man zuerst die virtuelle Pilotenschule (vPilS) absolvieren, stationiert in Locarno-Magadino und unter der Leitung von Kommandant Roland Rebmann (Roli). Für Pilotenanwärter heisst dies, regelmässig an den wöchentlichen Trainings teilzunehmen, unterstützt von einem Fluglehrer, dutzende von Starts und Landungen auf einer Pilatus PC-7 auszuführen, und dann die ersten abenteuerlichen Alleinflüge zu wagen.

Werner brachte dies alles in erstaunlich kurzer Zeit hinter sich. Aber das ist nicht weiter erstaunlich. Wer ihn kennt weiss, wie schnell er etwas begreift. Darüber werde ich noch Einiges zu berichten haben.

Und wie als Beweis dafür, sitzt er gerade jetzt mit höchster Konzentration vor seinem Bildschirm und an den Steuerkonsolen, wählt den Militärflugplatz Emmen, macht seine F-5E-Tiger startklar und begibt sich auf den Flug zum Zielflughafen Payerne. Alles klappt reibungslos – die Vorfreude auf den heute Abend bevorstehenden Staffeleinsatz ist förmlich aus seinem Gesicht abzulesen.

Doch vorher, um zwei Uhr nachmittags, wird er noch Besuch von mir erhalten. Dann wird er seine Schatzkiste öffnen und anfangen, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Die ersten Jahre

Noch ein paar Tage, und das Jahr 1935 ist zu Ende. Weihnachtszeit, das kleine Dorf Frasnacht, zwischen Romanshorn und Arbon direkt am Bodensee gelegen, zeigt sich in Winterpracht. Die Hausdächer tragen dicke weisse Hauben, die Strassen sind tief verschneit und die Zaunpfähle haben sich kecke weisse Pudelmützen aufgesetzt.

Weihnachten ist für August und Ottilie Strassmann dieses Jahr ein ganz besonderes Fest. Sie feiern zu Dritt, denn vor gut zwei Monaten, am 10. Oktober, wurde ihr Sohn geboren. Getauft ist er auf den Namen Werner, und für heute, an Heilig Abend, hat Vater die Wiege ganz nahe zum prächtig geschmückten Baum gestellt. Der kleine Säugling liegt da und staunt, in seinen grossen blauen Augen spiegelt sich der Kerzenschein, und vom Grammophon her klingt es: „Tochter Zion, freue dich …!“

Ja, tatsächlich „freue dich“. Das junge Paar hat allen Grund dazu: ein Sohn wurde ihnen geschenkt, sie stehen am Beginn des grossen Abenteuers, Eltern zu sein.

Dann pocht es an der Stubentür. Ottilies Eltern kommen auf Besuch. Sie konnten ihre Pantoffeln anbehalten, denn sie mussten nur vom Untergeschoss die Treppe hinaufkommen. Die jungen Eltern wohnen nämlich mit ihnen zusammen im Haus.

Der Vater von Ottilie ist ein bisschen ein Raubein, ein echter Bergler, stammt von Pfäfers, wo er den Hof seiner Eltern verkaufte und hier in Frasnacht dieses Haus zusammen mit einer grossen Hühnerfarm erwarb. Seine Frau mit ihrem stillen und lieblichen Wesen ist in dieser Gegend aufgewachsen, ein echtes ‘Seemaitli‘, wie man zu sagen pflegt. Wie die beiden zusammengekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis, doch wahrscheinlich war sie der Grund dafür, dass der knorrige Bergbauernbub seine alpine Heimat verliess und hier ins Unterland gezogen ist.

Ottilie begibt sich in die Küche, um aufzutragen, ihre Mutter hebt den Kleinen aus der Wiege, nimmt ihn in die Arme und herzt ihn. „Mein Goldschatz“, flüstert sie, „weisst du, heute ist Weihnachten, der Geburtstag vom Jesuskindlein.“

August sitzt mit seinem Schwiegervater am gedeckten Tisch, sie prosten sich mit einem Gläschen Kirschwasser zu und warten auf das von Ottilie zubereitete Festmahl. Es gibt, wie könnte es anders sein, fein gebratene Poulets mit Kartoffelstock und Karotten, und zum Dessert Schokoladencreme mit Schlagsahne.

Ottilies Vater langt in den mitgebrachten Korb und befördert eine Flasche Rotwein auf den Tisch. „Ein Tropfen aus der Bündner Herrschaft, zur Feier des Tages“, sagt er fröhlich.

Ein gelungener Abend, ein köstliches Mahl und Werner, der jüngste Spross, der friedlich in seiner Wiege schlummert.

Mit dem eben zu Ende gehenden Jahr ist es jedoch nicht gerade zum Besten bestellt. Aus dem nördlichen Nachbarland kamen Meldungen, die aufhorchen liessen. Das NS-Regime beginnt den Friedensvertrag von Versailles zu unterhöhlen. Die allgemeine Wehrpflicht wird wiedereingeführt; man nennt dies: Wiedererlangung der Wehrhoheit.

Die Nürnberger Gesetze bestimmen den Begriff „Jude“ zum ersten Mal als gesetzlich gegeben; mit dem Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre werden Eheschliessungen zwischen Juden und Nichtjuden verboten und unter Strafe gestellt. Dieses Verbot der ‘Rassenschande‘ wird in der Folge auch auf Roma, Afrikaner und ihre Bastarde ausgeweitet. Aufgrund des Reichsbürgergesetzes wird Juden überdies das Bürgerrecht aberkannt.

Wir alle wissen, dass dieser arische Rassenwahn zu einer der grössten Tragödien der Weltgeschichte führte.

Doch es gibt auch noch anderes zu berichten. Hier noch einige inzwischen berühmte Namen, die im gleichen Jahr wie Werner auf die Welt gekommen sind: Luciano Pavarotti, Elvis Presley, Dalai-Lama, – und schliesslich ein Mann, dessen Geburtstag ebenfalls der 10. Oktober 1935 war: W. Jason Morgan, ein US-amerikanischen Geophysiker, der bahnbrechende Arbeiten zu Plattentektonik und Geodynamik leistete und dafür zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

Werner und die Genannten zusammen mit unzähligen Anderen, sind an diesem Weihnachtsabend alle noch kleine Säuglinge, völlig abhängig und ihr Dasein sich sozusagen abspielend zwischen Wiege und Mutterbrust. Doch dann – welch ein schöpferisches Geheimnis – heranwachsend zu reifen Frauen und Männer und einige von ihnen sogar zu Berühmtheiten mit Weltruf.

Doch nun zurück nach Frasnacht hinein in die Familienidylle des jungen Elternpaars mit dem kleinen Werner, ihrem Stammhalter. Ihr Leben ist von Bescheidenheit geprägt, oder sollte man besser sagen: von Genügsamkeit. Augusts Lohn, den er als Hilfsarbeiter bei der Firma Saurer in Arbon verdient, ist eher schmal, doch mit Ottilies Zustupf aus der Mitarbeit auf der elterlichen Hühnerfarm, kommen sie ganz gut zurecht. Aber eben mit diesem Zuverdienst hapert es zunehmend. Für Ottilie stehen nämlich die Mutterpflichten ganz klar im Vordergrund. Und jetzt, wo der kleine Werner so langsam aus dem Krabbelalter heraus ist und anfängt, die Welt um sich herum auf eigenen Füssen zu entdecken, braucht es selbstredend einfach vermehrte Aufsicht.

Und gerade heute, als Ottilie den inzwischen vierjährigen Knirps zur Arbeit mitnimmt, gibt’s wieder mal so einen ärgerlichen Vorfall. In einem unbeaufsichtigten Moment schafft es der Kleine, in das Freigehege zu klettern. Dort beobachtet er zuerst einige Augenblicke das eifrige Picken und Scharren des bunten Federviehs, doch dann marschiert er los und scheucht die aufgeregt gackernde und flatternde Schar in alle Himmelsrichtungen. Einer der Hähne, wahrscheinlich der ‘Obergockel‘, lässt sich das nicht gefallen. Mutig geht er zum Angriff über und versetzt Werner mit seinem Sporn einen gehörigen Schmiss an der linken Wade. Und Werner, ja, was denn? Der brüllt wie am Spiess! Grossvater und Mutter kommen eilends herbei. Und ob’s nicht schon genug wäre, poltert der Grossvater los: „Wernerli, Sakrament nochmal, hab’ ich dir nicht schon hundert Mal gesagt, du sollst die Hühner nicht herumjagen!“

„W … wollte doch nur mit ihnen spielen“, murmelt Werner mit weinerlicher Stimme.

„Spielen, das fehlte noch! Die Hühner sind zum Eierlegen da, nicht zum Spielen, schreib dir das ein- für allemal hinter die Ohren.“

„Ja …“, flüstert Werner kleinlaut.

«Jetzt ist Grossvater sicher böse auf mich», fährt es ihm wie ein Blitz durch den Kopf, und das schmerzt ihn mehr, als die Wunde an seinem Bein. Sein Grossvater, der grosse Held in Werners kleiner Welt, der so spannende Abenteuergeschichten erzählen kann.

Mutters Trost ist wie Balsam für sein erschrecktes Herz. Sie tupft ihm die paar Blutstropfen von der Wade und schliesst ihn die Arme. „So, mein Goldschatz“, sagt sie, „tut’s noch weh?“

Dann stemmt sie ihre Hände in die Hüften und dreht sich zu Vater. Jedes Wort betonend, sagt sie: „Papa, ich hab’ dir auch schon hundert Mal gesagt, du sollst Werner nicht so anfahren. Wenn dir etwas nicht passt, sag es mir oder dem August.“

„Ja, ja, ich weiss, die Erziehung von eurem Zögling ist eure Sache“, brummt dieser, steckt seine Hände in die Hosentaschen und zottelt davon.

Für Ottilie ist das Ganze jedoch noch nicht ausgestanden. Die tägliche Mithilfe auf der Hühnerfarm und ihr Sohnemann, dieses Energiebündel, für den die Welt nur aus Bewegung zu bestehen scheint; das alles wächst ihr langsam aber sicher über den Kopf.

Beim Abendessen spricht sie mit ihrem Mann über diese Probleme. „Ach August“, klagt sie, „heute war’s wieder Mal besonders schlimm. Neben der Arbeit mit den Eiern mussten noch die zahlreichen Futter- und Trinkgefässe gereinigt und desinfiziert werden. Vater wollte das ums Verrecken, weil einige der Hühner, wie er sagte, unzeitig in der Mauser sind. Und dann wurde der Werner von ihm noch nach Strich und Faden ausgeschimpft, weil er im Freigehege einige Hühner aufscheuchte. Vater ist manchmal so übellaunig. Was kann ich dafür, dass das Eiergeschäft in letzter Zeit etwas zurückgegangen ist.“

„Ja, der hat halt auch seine Sorgen“, versucht August seine Frau zu beschwichtigen. «Die Zeiten haben sich halt geändert, liebe Ottilie. Seit dieser braune Grössenwahnsinnige im letzten September einen Krieg angezettelt hat, gibt’s überall Verunsicherung; auch bei uns in der Firma. Und die vielen Männer, die an unseren Landesgrenzen im Aktivdienst sind, es sollen ja beinahe 500‘000 sein. Nur gut, dass die mich dienstuntauglich geschrieben haben, und ich bei diesem Säbelrasseln nicht dabei sein muss. Dieses an der Grenze stehen, dauert nun schon über ein halbes Jahr, und wenn du mich fragst, wird sich das noch in die Länge ziehen.“

„Da magst du Recht haben, August, aber du hast ja deine wichtige Aufgabe bei der Ortswehr, wenn du jeweils für den Nachrichtendienst unterwegs sein musst. Doch ich möchte mit dir jetzt über etwas Anderes sprechen. Ich denke nämlich, es ist nun an der Zeit, dass wir uns nach etwas Eigenen umschauen sollten.“ Die Sorgenfalten auf Ottilies Stirn, sagen mehr als tausend Worte.

„Wie meinst du das?“

„Wir sollten aus dem Haus meiner Eltern ausziehen. Fühle mich einfach so eingeengt. Und dann immer wieder diese Streitigkeiten mit Vater, das hast du ja selbst schon gesagt. Mutter ist ja mehr als recht, auf die lasse ich nichts kommen. Aber gerade gestern hat sie mir den Wink gegeben, dass es wohl besser wäre, wenn wir uns auf den Weg machen würden. Und vorgestern hat mir die Trudi vom Spezereiladen erzählt, dass in Steineloh ein Einfamilienhaus günstig zu haben sei, von einem älteren Ehepaar, das nach Arbon ins Altersheim wechseln möchte.“ August kaut nachdenklich an seiner Unterlippe, für ein paar Augenblicke herrscht Schweigen zwischen den beiden.

„Ich sehe schon“, murmelt er dann, „dein Plan scheint ja schon festzustehen. Und dass du’s nur weisst, ich habe ehrlich gesagt, nichts dagegen. Aber angenommen, wir kämen bei diesem Ehepaar als Käufer infrage, wie willst du diesen Hauskauf denn finanzieren? Die paar Franken, die wir auf dem Sparbuch haben und mit meinem Hungerlohn, ich weiss nicht …“

Nun solltet ihr aber Ottilie sehen! Ihre Stirn glättet sich, und auf ihrem Mund zeichnet sich ein Lächeln ab; dieses Lächeln, das August so an ihr liebt.

„Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen“, sagt sie beschwingt. „Immerhin bin ich die Tochter des Hauses und mit Mutter hab’ ich schon darüber gesprochen. Vater wird das Nötige herausrücken müssen.“

„Wenn du dich nur nicht täuschst“, wendet August zweifelnd ein.

„Auf keinen Fall, mein Guter.“ Ottilie tätschelt liebevoll seinen rechten Arm. „Vater ist zwar ein richtiger Haudegen und manchmal auch ein unausstehlicher Polterer, doch wenn’s um solche Dinge geht, hat Mutter das Sagen, da kannst du sicher sein.“

„Wenn du meinst.“ August lehnt sich erleichtert zurück. „Also gut, packen wir’s an. Aber schau doch mal nach draussen. Es ist ein so schöner Sommerabend. Was meinst du, sollten wir nicht unsere Instrumente auspacken und auf der Gartenbank ein paar Kehrli spielen?“

Gesagt getan, die beiden holen ihre Instrumente, er die Klarinette, sie das Akkordeon, und Minuten später vermischt sich der lupfige Klang von ‘Es Buurebüebli mag ich nid‘ mit dem Rauschen des Abendwindes im Geäst der Linde.

Grossmutter kommt mit Werner ebenfalls nach draussen, und sie setzen sich zu ihnen auf die Gartenbank. Und, nach einer geraumen Zeit, kommt auch Grossvater mit einem halbvollen Bierglas herbeigeschlurft, nimmt am Gartentisch Platz und zündet sich einen Stumpen an.

Bald schon stehen auch einige Dorfbewohner am heckenbewachsenen Zaun; sie haben ihren Abendspaziergang unterbrochen und lauschen freudig den lustigen Klängen.

Es bleibt zu erwähnen, dass August und Ottilie echte Autodidakten sind. Sie haben sich das Musizieren selbst beigebracht, brauchen keine Noten, nein, sie spielen alles nach Gehör, und das ganz gut, wie man am Beifall der Zuhörer erkennen kann.

Ein solch friedliches Bild. Die Sonne beschliesst den Tag mit glutrotem Schweif am westlichen Horizont, und zu den Klängen gesellt sich der Abendgesang einer Amsel vom Lindenbaum.

Aber ein paar Kilometer von hier stehen wackere Männer an der Grenze und halten Wache – lieb Vaterland magst ruhig sein.

Und weiter nördlich. Ja, da marschieren die geschlossenen Reihen – „Heil unserem Führer!“ Die Welt ist am brennen – es ist Krieg.

Mir fallen dazu die Verse aus Schillers Lied der Glocke ein:

„Gefährlich ist’s den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn.

Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.“

Tintenschlecker

Strassmanns wohnen nun seit gut einem Jahr in Steineloh, diesem kleinen Weiler unweit von Frasnacht. Der Hauskauf und der Umzug ins eigene Heim, hatten sich umständehalber dann doch noch etwas verzögert und Ottilie auf eine mühsame Geduldsprobe gestellt. Nicht etwa, dass das mit der Finanzierung nicht geklappt hätte. Nein, nach einem energischen Abwinken von Vater, aber mit dem unmissverständlichen Verdikt von Mutter, musste er sich geschlagen geben, brummte noch ein- zwei Mal, wie es halt so seine Art ist, und ging dann zur Sparkasse, um das Ganze zu regeln.

Doch das schon Jahrzehnte auf dem Buckel habende Einfamilienhaus war in einem eher schütteren Zustand. Die Küche, verrusst und unansehnlich mit einem holzbefeuerten Kochherd, musste total renoviert werden. Und Ottilie wollte auch, dass ein Badezimmer mit Warmwasserboiler eingebaut wird. August schlug zwar mehr als einmal die Hände überm Kopf zusammen, doch von Ottilie bekam er jeweils nur das geliebte Lächeln zu sehen und die lakonische Antwort zu hören.

„Was denkst du, jetzt wo Vater schon in die Tasche greift, dürfen wir die Gelegenheit in keinem Fall verpassen.“

Ja, Ottilie hatte den richtigen Riecher, nahm das mühselige Warten mit stoischer Ruhe in Kauf, schon allein deswegen, weil ihre Pläne ja wie gewünscht umgesetzt wurden.

Aber trotzdem, es war eine schwierige Zeit. Nur allein schon die betreffenden Handwerker auf den Plan zu bringen, kostete einiges an Nerven. Die meisten von ihnen mussten ja immer wieder für Wochen Aktivdienst leisten, sodass die Renovationsarbeiten nur schleppend und im Schneckentempo abliefen. Zum Glück war August mit seinen geschickten Händen da, und konnte so Manches in Eigenregie erledigen. Aber auch der sechsjährige Werner half mit, wo er nur konnte. Das heisst, häufig stand er Vater und den Handwerkern einfach nur im Weg, fragte dies und das und liess sich nicht abwimmeln, bis man ihm alles erklärt hatte.

Der Herbst 1942 zieht ins Land. Wie jedes Jahr bemalt dieser göttliche Künstler Sträucher, Bäume und Hecken in den buntesten Farben. Und wenn die Sonne die morgendlichen Nebelschwaden weggeleckt hat, leuchtet alles in sphärischem Licht.

Strassmanns fühlen sich wohl in ihrem Heim. Im kleinen Garten vor dem Haus blühen die Astern, die späten Johannisbeeren winken mit ihrem Rot zum Pflücken, und von der Rosenhecke am Zaun leuchten die Hagebutten.

Heute ist ein besonderer Tag, Werners siebter Geburtstag. Auf dem Geschenktisch, neben dem kerzenbekränzten Marmorkuchen, steht ein Schulranzen mit Kalbfellrücken und glänzenden Messingverschlüssen. Freudestrahlend schlüpft Werner in die Schlaufen und Vater stellt diese schmunzelnd auf die richtige Länge ein.

„Ja, mein Lieber“, sagt er, „ab nächstem Frühjahr gehörst du dann auch zu diesen Tintenschleckern, freust du dich?“

„Ja, und wie“, kräht Werner und marschiert voller Stolz in der Stube umher. Es klappert. Neugierig stellt er den Schulranzen wieder auf den Tisch und öffnet ihn. Aus dem Innern befördert er eine hölzerne Griffelschachtel mit Edelweissverzierungen, eine Schiefertafel und einen blechernen Malkasten. Er lässt die Sachen auf dem Tisch liegen und verschwindet treppauf in sein Zimmer. Sekunden später kommt er, ein Malbuch in seiner Rechten schwenkend, zurück.

„Darf ich noch etwas Malen?“, fragt er.

„Ja“, antwortet Mutter. „Aber zuerst gibt’s Kuchen und für dich eine heisse Schokolade. In zwanzig Minuten muss ich zum Dienst, dann kannst du, bis ich zurück bin, deine neuen Farbstifte ausprobieren.»

Kurz darauf durchzieht Kaffeeduft die heimelige Stube, Mutters Marmorkuchen ist einfach köstlich und die heisse Schokolade hat Werners Oberlippe mit einem dunkelbraunen Schnauz verziert.

Es ist zwar erst kurz nach acht Uhr abends, doch es hat schon eingenachtet. Ein steifer Wind stöhnt und pfeift um die Hausecken und klappert an den Fensterläden.

„Auch das noch“, schimpft Ottilie, schlüpft in den Wollmantel und wickelt einen dicken Schal um ihren Hals. „Hoffe nur, dass es nicht zu regnen anfängt. Also tschüss ihr beiden, in gut einer Stunde bin ich wieder zurück.“

Ottilie bekleidet seit gut einem halben Jahr das Amt einer Schrankenwärterin bei der Schweizerischen Bundesbahn. Ein verantwortungsvoller Dienst, auf den sie mächtig stolz ist. Ihr Revier ist das Wärterhäuschen beim Bahnübergang in der Nähe des Arboner Strandbads. Neben dem Schliessen und Öffnen der Schranke – mit Handbetrieb, versteht sich – hat sie auch noch das Zugseinfahrtssignal für den Bahnhof in Arbon zu stellen.

Die Häufigkeit ihrer täglichen Einsätze ist erträglich und lässt sich gut mit ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter verbinden. Morgens um 06.30 Uhr zwei Züge innert einer halben Stunde, einer von Kreuzlingen Richtung Rorschach und St. Gallen und einer in umgekehrter Richtung. Dasselbe nochmals um die Mittagszeit und dann abends zwischen 21.00 und 22.00 Uhr.

Den Weg zu ihrem Wärterhäuschen legt sie mit dem Fahrrad zurück, etwa drei Kilometer, alles schön geradeaus ohne Steigungen, aber durch einen Wald. Und gerade heute, wo’s so stürmisch ist und der Wind sein unheimlich knarrendes und rauschendes Lied in den Tannenwipfeln spielt, läuft es ihr beileibe etwas kalt den Rücken hinunter. Doch sie reisst sich zusammen. „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind“, ruft sie laut und sich Mut machend in die Dunkelheit und tritt tüchtig in die Pedale.

Werner sitzt derweil am Tisch in der wohlig warmen Stube und widmet sich seiner Malerei. Eine wahre Freude, all diese Motive in seinem Malbuch mit den passenden Farben zu versehen. Ein Baum, eine Kuh, ein Hund. Wenn man ihm zuschaut, wie er den Stift in seiner Hand mit sorgfältig runden Bewegungen führt, und wie konzentriert er darauf achtet, nur ja nicht über den jeweiligen Motivrand hinaus zu krakeln, kommt man beinahe etwas ins Staunen. Präzision scheint diesem Knirps wie angeboren zu sein. Davon wird’s in seinem Leben noch Einiges zu berichten geben.

Doch neben dieser Präzision gibt’s bei Werner noch eine andere Seite, eine, die nicht nur staunen, sondern pure Verblüffung auslöst.

Vater, der gerade die Nachrichten aus dem Radio zu Ende gehört hat, steht vom Sofa auf und setzt sich zu seinem Sohn.

„So, mein Lieber, zeig mal, was du alles gemalt hast.“ Neugierig beugt er sich über das Malbuch.

„Schau nur“, sagt Werner fröhlich und blättert darin. Als er die Seite mit dem Hundemotiv aufschlägt, verschlägt es Vater beinah die Sprache. Er macht einen tiefen Schnaufer, tippt mit dem rechten Zeigefinger auf das Bild und sagt mit heiterem Lachen: „Aber Werner, du hast den Hund ja grün angemalt, grüne Hunde, die gibt’s doch gar nicht, die sind doch braun.“

„Das weiss ich schon“, ist Werners lapidare Antwort. „Aber braun kommt für mich nicht in Frage. Ich wollte keinen wahnsinnigen Hund malen. Wenn du nämlich von diesem Hitler sprichst, nennst du ihn immer den braunen Wahnsinnigen.“

„Ach, so meinst du das!“, ruft Vater und hält sich den Bauch vor Lachen. Doch aus seinen Augen leuchtet purer Stolz.

Seit Strassmanns in Steineloh in ihren eigenen vier Wänden wohnen, gehört das gemeinsame Musizieren auch hier regelmässig dazu. Bei ihnen in der Stube auf dem Sofa, oder draussen vor dem Haus auf der Gartenbank. Und dass bei Strassmanns musiziert wird, hat sich schnellstens herumgesprochen. An einigen Samstagabenden im vergangenen Sommer gab’s – nicht übertrieben – richtige Gartenfeste bei ihnen.

Die meisten Gäste nahmen eigene Hocker oder Campingstühle mit, andere platzierten sich an den von August aus der Gemeindescheune organisierten Tischen und Bänken. Fürs leibliche Wohl hatte man selbstverständlich auch gesorgt. Jeder leistete seinen Beitrag, Getränke, Kuchen, Fruchtwähen, einfach alles, was es für ein fröhliches Zusammensein braucht. Unter den Gästen befanden sich jedes Mal ehemalige Nachbarn von Frasnacht, und sogar Ottilies Eltern waren einmal mit dabei.

Für Werner, den Dreikäsehoch, ist solches Musizieren ein Hochgenuss, nein, vielmehr: sein Ein und Alles.

Das ‘dua, dua, dua, gar so nett von Vaters Klarinett – der sanfte Schmeichelton von Mutters Akkordeon …’, was gibt’s Schöneres auf der Welt? Da jubelt die Seele und nicht nur das, Werner kann dann nicht anders, als mitsummen, und beileibe, er kennt all die Melodien schon längst auswendig.

Doch zurück zu den beiden in die warme Stube, die auf die Rückkehr von Ottilie von ihrem Dienst warten. Vater hat sich wieder auf das Sofa zurückgezogen und liest Zeitung. Aus dem Radio rieselt leise Musik, aber draussen klappert der Wind immer noch gehörig an den Fensterläden und gegen die Scheiben klatscht der Regen. Werner ist vertieft in seine Malerei, vor sich das Motiv eines Bauernhofs – da braucht er die ganze Auswahl seiner Buntstifte.

„Scheisswetter“, murmelt Vater, „jetzt hat’s auch noch zu regnen begonnen. Da wird Mutter ihre helle Freude daran haben.“

Ja, tatsächlich – Scheisswetter, wenn man liest, was in der Zeitung steht. In der heutigen Ausgabe der Bodenseezeitung ist ein Bericht mit dem Titel „Düstere Wetterlage im Krieg“ abgedruckt.

Mit gerunzelter Stirn überfliegt August die Zeilen:

«Nach monatelangem Eingeschlossen sein in Demjansk und Cholm und der Kesselschlacht bei Charkow, leitete die Heeresgruppe Süd der deutschen Wehrmacht die grosse Sommeroffensive zu den kaukasischen Ölfeldern ein. Propagandaminister Joseph Goebbels spricht von einem erfolgreichen Vorstoss bis zum Don, der Wolga und tief in den Kaukasus. Er glorifiziert das Ganze, indem er es als Höhepunkt der deutschen Machtausdehnung bezeichnet.»

Und der Verfasser des Berichts beschreibt noch eine weitere Seite des Kriegsgeschehens. Er spricht von Hitlers Wahnsinn, der in völliger Überschätzung der eigenen militärischen Situation im letzten Dezember, kurz nach dem japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbour, den USA den Krieg erklärte. Und der Verfasser prophezeit, dass mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten eine Landung der Amerikaner in Europa und somit der ‘Totale Krieg‘ zu erwarten sei.“

Und in unserem Land, auf dessen Fahne sozusagen der hehre Begriff „Neutralität“ steht, was gibt’s da zu berichten?

Auch es leidet unter den Kriegswirren. Die Grenzen zu den Nachbarländern sind abgeriegelt, tüchtige Männer, die zu Hause auf Hof und Feld dringendst gebraucht würden, stehen dort auf Wache, und das schon seit Monaten.

Die Wehrmänner können immerhin mit regelmässigem Urlaub rechnen – nach Hause geht’s für ein paar Tage, um Frau und Kinder zu sehen und das Nötigste, was Manneskraft braucht, zu erledigen. Doch auch, um wieder Mal in einem richtigen Bett schlafen zu können.

Gerade in den letzten Tagen wurden diese Urlaube mehrheitlich gestrichen. Gerüchte sind im Umlauf, dass die deutsche Wehrmacht einen Durchmarsch durch die Schweiz plant. Hektik kommt auf. An der vordersten Grenzlinie wird geschanzt, was das Zeug hält, und die Bereitschafträume im unmittelbaren Hinterland werden mit zusätzlichen Truppen verstärkt. Aber nicht nur das! Flüchtlingsströme stehen an den Grenzübergängen, verzweifelt suchen sie Schutz und Asyl.

Personenkontrolle, Registrierung und Einweisung in die auf die Schnelle eingerichteten Durchgangslager. Was für eine Herausforderung für die Grenzbeamten, aber noch viel mehr für die mithelfenden Soldaten.

Auch für unsere Landesregierung gibt es ein ganzes Bündel von Herausforderungen, um nicht zu sagen: schlaflose Nächte. Die Versorgung der Bevölkerung muss sichergestellt sein, eine schier unlösbare Aufgabe, weil Importe praktisch lahmgelegt sind. Rationalisierung – Lebensmittelkarten – Anbauschlacht. Prachtvolle Blumengärten, der Stolz so mancher Hausfrau, sind in trostlose Kartoffelfelder verwandelt worden. Wenn überhaupt, dann blühen höchstens noch an den Gartenhecken ein paar bunte Blumen.

Die Zeiger der über dem Sofa hängenden Pendeluhr zeigen schon gegen halb zehn. Gerade eben hat Werner seine Malerei – das Bauernhausmotiv – beendet. Sorgfältig reiht er die Buntstifte in den Malkasten und gähnt herzhaft. Verstohlen wandert sein Blick zu Vater, der, die Zeitung in der Hand, nachdenklich vor sich hinstarrt.

„Geht’s noch lange, bis Mutter kommt?“, fragt Werner und muss erneut gähnen.

Keine Antwort.

„Du Papa …“, hakt Werner nach.

Jetzt faltet dieser die Zeitung zusammen, wendet seinen Kopf zu seinem Sohn.

„Nein, nein“, murmelt er kurzangebunden, „die wird bald da sein.“

Werner runzelt die Stirn.

„Bist du traurig?“

„Nein, wieso meinst du?“

«Weil du so still bist.»

„Ach nein, ich mach mir einfach Sorgen wegen dem verfluchten Krieg. Der dauert jetzt schon über zwei Jahre.“

„Du Papa, warum gibt’s überhaupt Krieg?“

„Gute Frage, mein Kleiner! Weisst du, ich denke, Krieg gibt’s immer dann, wenn jemand mit dem, was er hat, nicht zufrieden ist.“

„Dann wird’s bei uns nie Krieg geben. Wir haben doch alles, was wir brauchen“, sagt Werner altklug und lächelt.

„Da hast du Recht. Ja, Gott sei Dank, wir haben alles, was wir brauchen.“ Vaters Miene hellt sich auf.

Auf dem Korridor sind Schritte zu hören. Ottilie tritt ins Wohnzimmer, schlüpft aus Mantel und Schal und reibt sich die Hände.

„Brr … dieses Sauwetter. Und der Zug von St. Gallen hatte auch noch über eine Viertelstunde Verspätung, irgendein Problem mit dem von St. Margarethen kommenden Flüchtlingstransport. Das kann ja heiter werden.“ Sie setzt sich an den Tisch und nimmt einen Schluck Kaffee.

„Auf dem Heimweg hatte ich einen lästigen Gegenwind“, sagt sie weiter und schiebt sich ein Stück vom übriggebliebenen Geburtstagskuchen in den Mund. „Bin richtig ausgehungert.“

„Iss nur Mutter, den hab’ ich extra für dich aufgespart.“ Werner strahlt übers ganze Gesicht, und dieses Strahlen sagt alles: Zuneigung, Achtung und die tiefe Gewissheit, dass Mutter einfach die Beste ist.

„Das ist aber lieb von dir“, sagt Ottilie. „Aber nun Abmarsch in die Heia, es ist ja schon bald zehn Uhr.“

Der Winter ist vorbei, die Märzensonne leckt die letzten Schneereste weg, nur in Ufernähe des Sees tummeln sich noch ein paar Eisbrocken. Ostern steht vor der Tür – und dann, ja dann wird Werner als stolzer Erstklässler täglich unterwegs sein in die Primarschule von Frasnacht.

Es ist eine Gesamtschule – sieben Klassen eingepfercht in einem Raum. Dunkelbraun gebeizte Schulbänke und Pulte mit schrägstehenden aufklappbaren Schreibflächen stehen ausgerichtet zum Lehrerkatheter bereit, die quirlige Schar Tag für Tag aufzunehmen, und so das Bild ordentlicher und fleissiger Schülerinnen und Schüler zu vermitteln. Doch allein schon der Anblick dieser Schulmöbel lässt einige Zweifel aufkommen. Tintenkleckse und Kritzeleien auf den Pultflächen, Taschenmesserspuren an den Lehnen der Bänke – natürlich nur bei den Knaben. Nein, diese Pulte und Bänke sorgen bestenfalls dafür, dass in dem Raum eine klare Klassenordnung besteht. Vom Lehrerpodest gesehen, links aussen die Erst- und Zweitklässler, dann die weiteren Klassen und schliesslich ganz rechts aussen entlang der Wand die Sechstklässler und eine Handvoll Siebtklässler. Handvoll? Ja, die siebte Klasse ist meist nur spärlich besetzt, weil es aus der Vorklasse jedes Jahr immer einige Übertritte an die Sekundarschule in Arbon gibt.

Ich komme auf die Begriffe „Fleiss und Ordentlichkeit“ zurück. Klar doch, dafür zuständig ist an erster Stelle der Lehrer! Er heisst Boltshauser, doch man nennt ihn allseits „Fünfliebersucher“, weil er, wenn er mit dem Fahrrad unterwegs ist, seinen Kopf stets tief über die Lenkstange hält, halt so, als wäre er auf der Suche nach etwas – eben einem Fünffrankenstück.

Doch er ist tüchtig, streng und gerecht, hat die ihm anvertraute Schar im Griff und amtet mit grosser Hingabe über den Schulbetrieb. Erstaunlich und heute kaum mehr denkbar, so eine Gesamtschule in Schwung zu halten. Allein schon das klassenweise Abgrenzen des zu vermittelnden Lehrstoffs ist Herausforderung pur. Doch für Boltshauser ist es seit Jahren gelebte Routine. Während die Erst- bis Drittklässler das A-B-C oder Worte in Schnürlischrift auf ihre Schiefertafeln kritzeln, oder am kleinen Einmaleins herumrätseln, steht bei den Viert- und Fünftklässlern Diktat und Rechnen an. Und die schon an Selbstständigkeit gewohnten weiteren Klassen schlagen sich mit Geschichte oder Geographie herum, oder haben einen Aufsatz zu schreiben.

Nach den grossen Sommerferien veranstaltet Lehrer Boltshauser – wie die anderen Lehrpersonen in der Region auch – mit den Sechstklässlern im wahrsten Sinne des Wortes ein Trainingslager. Da wird gebüffelt, was das Zeug hält. Ganze Stapel von Prüfungsserien für die Aufnahmeprüfung in die Sekundarschule sind an der Tagesordnung. Ja, die Lehrerinnen und Lehrer befinden sich sichtlich im Wettkampffieber, wer wohl die meisten Kandidaten erfolgreich an diese ‘höhere Schule‘ bringen wird.

Werner ist ein fleissiger Schüler und seine Eltern sind stolz auf ihn. Besonders darauf, dass er stets unaufgefordert seine Hausaufgaben macht. Und, um wieder einmal die ihm wohl angeborene Präzision zu erwähnen: sein Schönschreibheft ist ein wahrhaftes Prachtstück. Da gibt’s keine Tintenkleckse, Eselsohren oder sonstige Krakeleien. Auf seine Lieblingsfächer angesprochen, erklärt er mir rundheraus, dass dies Singen und Turnen gewesen seien. Aber auch mit den eigentlichen Hauptfächern sei er ganz gut über die Runden gekommen.

Als Drittklässler gelangt der bald zehnjährige Werner dann zum eigentlichen Meilenstein seines Lebens. Zugegeben, das tönt geradewegs etwas hochtrabend – Meilenstein des Lebens – ist es vielleicht eher ein Kindertraum? Nein, auf gar keinen Fall! In seinem tiefsten Innern weiss Werner, dass er für die Musik leben möchte. Doch wie kann das ein Kind schon mit solcher Bestimmtheit wissen? Ein Geheimnis ist’s, und es gibt zahlreiche Beispiele für diesen sozusagen göttlichen Ruf in früher Kindheit. Und der Anmarschweg zu diesem Ruf, zu diesem tiefen innersten Wissen, läuft häufig ganz unspektakulär ab. So auch bei Werner.

Schon früh entdeckt Lehrer Boltshauser Werners musikalische Begabung. Wenn die Klassen beim Gesangsunterricht im Halbkreis um das Klavier versammelt sind, und der Lehrer der strammstehenden Schar die Melodie eines neuen Lieds vorklimpert, dann ist etwas schon längst zur Gewohnheit geworden. „Werner, du singst uns vor“, ruft er dann jeweils, noch ehe der letzte Takt seines Vorspielens verklungen ist.

Dann wird’s erst Mal mucksmäuschenstill, und dann ertönt Werners Stimme, wie ein Silberglöckchen gar: „Im Frühtau zu Berge, wir zieh’n falera …“ Lupenrein – ein wahrhaft himmlischer Genuss.

Doch mit dem Singen allein, ist Werners geheimes Streben noch längst nicht erfüllt. Er möchte unbedingt Klavier spielen lernen. Schon seit einiger Zeit schleicht er sich, ein paar Minuten vor Ende der grossen Pause, ins Schulzimmer, um ein bisschen auf Boltshausers Klavier zu klimpern. ‘Klimpern‘ ist jedoch klar untertrieben, denn schon bald gelingt es ihm, die Tastenfolge einiger kurzer Melodien herauszufinden.

Und an diesem sonnigen Frühlingstag kurz vor Ende Mai, füllen die Klänge von „Fuchs du hast die Gans gestohlen …“ den Raum. Zwei, drei Töne klingen zwar etwas schräg, aber das liegt nicht an Werner, nein, dieser schon in Jahre gekommene Klimperkasten sollte wieder einmal gestimmt werden.

Doch Werner stört sich nicht daran, voller Lust wandert der Zeigefinger seiner rechten Hand von Taste zu Taste, und weil es ihm offensichtlich so grossen Spass macht, spielt er auch noch die Melodie von „Roti Rösli im Garte …“

Lehrer Boltshauser, der vor einer Minute das Schulzimmer betreten hat – normalerweise erscheint er erst dann, wenn die Schar ihre Plätze eingenommen hat – ist völlig überrascht. Er furcht seine Stirn und weiss nicht so recht, wie er sich verhalten soll. Doch er ist Pädagoge genug, lässt Werner zu Ende spielen, räuspert sich dann und tritt zu ihm ans Klavier.

Ein kurzes Schwingen noch des letzten Tons – dann Totenstille für einen Wimpernschlag.

„Herr Lehrer … Entschuld … ich w … wollte …“, stottert Werner mit hochrotem Gesicht.

„Schon gut, Werner“, sagt Lehrer Boltshauser mit breitem Schmunzeln. „Du darfst das Klavier benutzen, aber du hättest mich fragen sollen. Und dann noch eins: höchstens fünf bis zehn Minuten während der grossen Pause, ich will, dass du auch etwas an die frische Luft gehst. Und wenn du möchtest, kann ich dir ein paar Stunden geben.“

Das Glockensignal ertönt, die Schülerschar stürmt herein – ein Getrampel, Geklapper – ein Kreischen und Kichern – dann ebben diese Geräusche ab und erwartungsvolle Kinderaugen sind nach vorn zum Lehrer gerichtet.

Und Werner? Ganz still sitzt er da. Doch in seinem Innersten türmt sich Glückseligkeit wie eine Meereswoge, nimmt ganz von ihm Besitz und sein Herz pocht wie wild. Diese Begegnung mit dem Lehrer vorhin, es ist ihm, als hätte diese etwas unauslöschlich in sein Denken und Streben eingemeisselt. „Ja, ich will Klavier spielen lernen. Ich will Musiker werden!“

Nach dem Abendessen sitzt er mit seinen Eltern draussen auf der Gartenbank. Mutter hat das Akkordeon auf dem Schoss und Vater greift zu seiner Klarinette. Ein lupfiges Kehrlein ertönt. Der sonnige Maientag verabschiedet sich. In den Sträuchern der Gartenhecke raschelt der Abendwind, und das orange-goldene Sonnenrund färbt den Horizont in flammendes Rot. Werner, der solche Abendstimmungen und das Musizieren seiner Eltern besonders liebt, ist heute eher etwas ungeduldig. Es drängt ihn so sehr, ihnen sein Herz auszuschütten, ihnen vom heute so besonderen Tag zu berichten und offenzulegen, was seine Wünsche sind.

Endlich kommt der Schlussakkord vom Akkordeon und Vater versorgt die Klarinette in das lederne Futteral.

„Hast du gelesen, Ottilie“, sagt er mit aufgeräumter Stimme. „Heute hat General Guisan das Ende der Grenzbesetzung angeordnet. Alle Aktivdienstler werden in den nächsten Tagen heimkehren.“

„War aber auch langsam Zeit“, antwortet sie. „Die Kapitulation der Deutschen war ja schon vor zwei Wochen.“

„Du hast Recht, aber eine solche Demobilmachung dauert halt etwas; ein Zeitungsfritze bezeichnete dies als ‘Demobilmachungs-Karenzzeit‘, was immer das heissen möge.“

Ottilie nickt und stellt das Akkordeon neben sich auf die Bank.

„Jedenfalls sind die Männer rechtzeitig zum Heuet zurück, gestern in der Käserei habe ich einige Seufzer der Erleichterung gehört.“

Werner schlenkert ungeduldig mit den Beinen. Er möchte doch mit den Eltern über seine Pläne sprechen, und jetzt reden die von diesem Kriegsende, von Demobilmachung und solchem Zeug … Ein Stück weit kann er verstehen, dass dieses Thema halt in aller Mund ist. Sogar Lehrer Boltshauser hielt vor zwei Tagen vor allen Klassen ein Kurzreferat darüber, und hatte dafür sogar die beiden Wandtafeln vollgekritzelt. Und dort stand:

Am frühen Morgen des 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl im Namen des deutschen Oberkommandos die Gesamtkapitulation aller Streitkräfte im Alliierten Hauptquartier in Reims. Eine Woche davor beging Adolf Hitler Selbstmord. Er und sein Regime hatten mit dem von ihnen angezettelten Krieg Deutschland in die schlimmste Niederlage in seiner Geschichte geführt. Das Fazit: unermessliches Leid, Tod und Zerstörung über weite Teile Europas.

55 Millionen Tote sind zu beklagen. Ein Viertel dieser Toten sind Zivilisten, unter ihnen 6 Millionen Juden, die dem Rassenwahn zum Opfer fielen. Deutschland ist in dreierlei Hinsicht geschlagen: militärisch, politisch und moralisch.

Und auf einer der Wandtafeln standen rechts unten noch die folgenden Verse:

Was du nicht ändern kannst, das nimm gelassen hin.

Und überlasse es getrost dem höchsten Richter nur.

Nur was du ändern kannst, hat Kraft und tiefen Sinn,

es bringt dein Leben auf die rechte Spur.

„Schreibt das ab“, sagte er, „und denkt immer daran, keiner von uns hätte an diesem Krieg etwas ändern können.“

Auf der Gartenbank herrscht schon geraume Weile Schweigen. Die drei geniessen die Abendstille. Ottilie schaut mit leichten Stirnrunzeln auf ihren Sohn; seltsam, so schweigsam ist er doch sonst nicht.

„Werner, was hast du, gibt’s etwas mit der Schule?“, fragt sie. Typisch, dieser Mutterinstinkt, ein Problem immer schon beim Namen nennen zu wollen.

Werner, der gerade am Zusammenschustern ist, wie er seinen Wunsch den Eltern vortragen soll, begegnet Mutters fragendem Blick mit leichtem Kopfschütteln.

„Nein, nein, alles bestens“, beginnt er flüsternd, doch dann bricht es aus ihm heraus, wie ein munteres Bächlein. „Weisst du, bei der Gesangstunde, wenn der Fünfliebersucher, äh, der Boltshauser mit uns ein neues Lied übt, darf ich immer vorsingen. Und er hat gesagt, dass ich sehr musikalisch sei. Und in der grossen Pause darf ich jeweils ein paar Minuten auf seinem Klavier spielen. Ich kann schon ein paar Melodien. Und heute Vormittag hat er mir dabei zugehört und gesagt, dass ich Talent hätte, und dass ich richtig Klavier spielen lernen sollte. Er würde mir auch Stunden geben, wenn die Eltern damit einverstanden sind.“

August nimmt einen tiefen Zug von dem eben in Brand gesteckten Stumpen und lässt den Rauch über die geschürzten Lippen verströmen.

„So, so, mein Sohnemann soll also Klavier spielen lernen“, sagt er leicht aufgebracht. „Habe immer gemeint, musizieren fange mit einer Blockflöte an, und wenn ich mich recht entsinne, liegt doch eine solche von dir, Ottilie, in irgendeinem Schrank herum.“

„Aber August, um das geht es jetzt doch gar nicht“, wendet sie ein. „Werner hat uns doch nur erzählt, was sein Lehrer meint, ist doch so, oder?“

„Ja, schon“, antwortet Werner beflissen. Er weiss, jetzt muss er die Katze aus dem Sack lassen. „Aber ich habe nachgedacht, schon den ganzen Tag, nein, schon seit Tagen. Ich möchte unbedingt Klavier spielen lernen.“

Für ein paar Augenblicke ist wieder Schweigen. Die Eltern schauen sich verdutzt an und Werners Herz pocht wie wild.

„Klaaviieer …?“, sagt dann Ottilie händeringend und mit gedehnter Stimme. „Aber da müsstest du ja ein solches Instrument zum Üben haben. Und Herr Boltshauser hat also wirklich gesagt, dass er dir Stunden geben würde?“

August schüttelt den Kopf, nimmt wieder einen tiefen Zug und von seinen Lippen steigen kleine Rauchwölkchen auf.

„Unmöglich … Kommt überhaupt nicht in Frage“, sagt er unwirsch. „Ein Klavier … Dafür haben wir kein Geld, wie kommst du nur auf eine solche Bier-Idee?“

Werner bleibt stumm, nagt an seiner Unterlippe und blickt, zuerst zum Vater, dann zur Mutter. Ja, er weiss, so ein Klavier kostet eine Menge Geld. Sollte sein Plan ein Wunschtraum bleiben – und wie eine Seifenblase zerplatzen? Nein, die Sprache seiner Augen macht es deutlich. Ein Flehen ist’s – ein Betteln – ein „Ich will!“

Und wie könnte es anders sein. Vaters „Unmöglich“ schmilzt dahin wie Schnee in der Märzensonne, seine Stirn glättet sich.

„Werner“, sagt er mit fester Stimme. „Ich seh’s ja schon, du möchtest unbedingt so ein Klavierspieler werden. Und ich glaube auch, dass du sogar Talent dazu hast. Mutter und ich werden über die ganze Sache noch nachdenken. Aber eines sage ich dir jetzt schon: wenn es soweit kommen sollte, dann heisst es für dich: üben, üben und nochmals üben. Und das mit dem Boltshauser kannst du vergessen, wenn, dann nimmst du bei einem richtigen Klavierlehrer Stunden.“

Ottilie tätschelt Augusts Arm.

„Genauso machen wir es“, bestätigt sie. „Und wegen dem Klavier … Da lasst mich mal machen.“

Dann steht sie auf und steigt die zwei Stufen zum Hauseingang hinauf.

„Höchste Zeit! Um zehn Uhr wartet meine über alles geliebte Bahnschranke auf mich. Also, tschüss ihr beiden.“

Wieder einmal so ein lauschiger Abend, an dem Ottilie lieber zu Hause geblieben wäre, aber die Pflicht ruft und der leichte Sarkasmus in dem eben Gesagten ist nur allzu verständlich.

Werner ist glücklich. In seine Decke gekuschelt, liegt er da, in seinem Innersten noch ganz aufgewühlt, und das geheimnisvolle Bogengespinst hinüber ins Land des Schlafs noch weit entfernt. In seinem Kopf wirbelt es. «Was hat Vater gesagt, sie würden über das Ganze noch nachdenken. Und er glaubt auch, dass ich Talent habe …» Über seine Lippen entweicht ein leiser Seufzer und ihm ist, als würde ihm eine Stimme zuflüstern: „Werner höre, das ist deine Bestimmung, du wirst Klavier spielen lernen!“ Seltsam – Traum oder Wirklichkeit? Er kann es einfach nicht richtig einordnen, denn des Schlafens Flügel haben ihn gerade eben davongetragen.

Auf den Tag genau zwei Wochen später steht ein Klavier in Werners Zimmer. Ein schon in die Jahre gekommenes Instrument mit schwarz lackiertem von Rissspuren durchzogenem Korpus. Aber tatsächlich: ein richtiges Klavier, von dem Werner, nachdem es fachmännisch gestimmt worden war, die schönsten Klänge entlockt. Die hohen Töne hell wie Silberglöckchen, die tiefen brummend, ja dröhnend gar, dass es einem beinahe kalt den Rücken runterläuft.

Für Werner ist diese Entdeckungsreise in die Welt der Musik hinreissend, ja, nimmt ihn völlig gefangen. Nach der Schule stracks nach Hause, flugs die Hausaufgaben erledigen und dann eine Stunde oder mehr ans Klavier, auf der Notenklappe das aufgeschlagene Heft „Klavierschule für Anfänger“ – Fingersatzübungen, Tonleitern rauf und runter in allen Oktaven – üben – üben – üben. Ein hartes Brot! Immer wieder wird er an den Satz erinnert, der im Vorwort der ‘Klavierschule‘ steht:

Begabung ist ein Geschenk –

Erfolg jedoch ist abhängig von Fleiss!

Beim Abendessen, kaum eine Woche später, verkündet Vater, dass er nun einen Klavierlehrer gefunden habe. Sein Abteilungsleiter, der in der Stadtmusik Arbon spiele, habe ihm den Tipp gegeben, dass ihr Dirigent, Heinrich Steinbeck, auch Klavierstunden gebe.

„Ich hab’ dich bei ihm angemeldet“, sagt Vater schmunzelnd. „Morgen von sechs bis sieben hast du die erste Stunde.“

Tags darauf pedalt Werner auf Mutters Fahrrad so gegen halb sechs von Steineloh Richtung Arbon. Ein prächtiger Sommerabend, die Sonne steht noch zwei Handbreit über dem westlichen Horizont und brennt ihm unbarmherzig auf den Rücken. Werner ist aufgeregt, die erste Klavierstunde bei diesem Herrn Steinbeck erwartet ihn.

Bereits tauchen der Turm und die Zinnen des Schlosses Arbon vor ihm auf. Er weiss, kurz davor muss er rechts abbiegen, um in die Altstadt zu gelangen. Und dort, bei einem den Marktplatz umgebenden Fachwerkhäuser, der Nummer fünf, lehnt er das Fahrrad neben dem Eingang an die Mauer.

Heinrich Steinbeck wohnt im Obergeschoss. Im engen Treppenhaus ist es kühl und dämmrig, und die schon reichlich abgewetzten Holzstufen knarren bei jedem Tritt entsetzlich.

Doch dann steht Werner vor der Klingel und dem darüber angebrachten Schild „Heinrich Steinbeck – Musiker“. Er ist viel zu früh, erst zehn vor sechs, und er ist plötzlich schrecklich aufgeregt. An seinen Schläfen pocht es wild und von der Stirn tropft ein Schweisstropfen auf seine Nasenspitze.

«Was soll das», schimpft er mit sich selbst, «Vater hat doch gesagt, dieser Steinbeck sei ein ganz freundlicher Mann.»

Beherzt drückt er auf die Klingel – ein paar Sekunden verstreichen – dann bewegt sich die Türklinke, und mit einem leisen Ächzen öffnet sich die schwere Eichentüre.

„Herein, herein“, ertönt eine sonore Stimme, und schon stehen sich die beiden in dem etwas schummrigen Flur gegenüber. Werner streckt seine Rechte aus. „Grüezi Herr Steinbeck, ich bin der Werner …“ Weiter kommt er nicht.

„Ich weiss, ich weiss, du bist der Werner Strassmann, und du möchtest bei mir Klavierstunden nehmen“, sagt Herr Steinbeck, und Werner ist vom ersten Augenblick völlig angetan von diesem Mann.

Diese wohlklingende warme Stimme, dieses von einem Vollbart und einer Silbermähne umrahmte Gesicht, diese wasserblauen Augen hinter der runden Nickelbrille, und seine Bekleidung – blütenweisses Hemd unter einer grauen wollenen Halbarmjacke und dunkelgraue Hosen mit messerscharfen Bügelfalten.

„Komm in die Küche“, fährt Herr Steinbeck einladend fort. „Dort steht ein Glas mit Limonade, die wirst du wohl mögen.“

„Ja, danke vielmals“, antwortet Werner und streicht mit dem rechten Handrücken über seine verschwitzte Stirn.

Oh, wie gut dieses Getränk tut, ein wahres Labsal für seinen ausgetrockneten Gaumen. Und neben ihm Herr Steinbeck, der ihm noch ein Glas einschenkt und ihm aufmunternd die rechte Schulter tätschelt.

„So, dann wollen wir mal an die Arbeit gehen“, sagt er.

Steinbecks Musikzimmer befindet sich ein Geschoss höher in einem grosszügigen Eckzimmer mit zwei Fensterfronten. Werner wagt kaum, den dunkelbraun glänzenden Parkett in seinen Turnschuhen zu betreten.

„Herein, herein, kleiner Mann“, sagt Steinbeck freundlich.

Werner muss staunen und erst Mal leer schlucken. Er schaut nach oben zu blendend weissgestrichenen Decke, dann schweift sein Blick zu den in die Wände eingelassenen Regalen, die vollgestopft mit Büchern und schwarzen Kartonmappen – wahrscheinlich aufbewahrte Notenblätter – sind.

Doch dann, der absolute Höhepunkt: sein Blick haftet wie erstarrt auf dem Riesending mitten im Raum. Auf seinen vier geschwungenen Beinen steht es da, auf einem weissblauen Teppich, ein drei Hand hoher seltsam geformter Kasten, schwarz lackiert, auf dessen Oberfläche sich die hereinfallenden Strahlen der Abendsonne spiegeln.

Herr Steinbeck winkt ihn zu sich.

„Schau, Werner, das ist ein Konzertflügel. Auf dem wirst du nun spielen.“

„Konzertflügel?“, stottert Werner aufgeregt, „aber ich habe noch nie …“

„Keine Sorge! Die Tastatur ist genau gleich wie bei deinem Piano zu Hause. Also, setz dich ruhig hin.“

Immer noch aufgeregt, doch mit grosser Neugier, nimmt Werner auf der lederbezogenen Bank Platz. Herr Steinbeck dreht die Sitzfläche mit einer kleinen Kurbel auf die richtige Höhe, und Werner legt seine zehn Finger auf der Tastatur in Grundstellung.

„Sehr gut, das hast du offensichtlich schon fleissig geübt. Die Grundstellung des Fingersatzes muss man mit verbundenen Augen beherrschen, es ist das A und O beim Klavierspiel. Heute befassen wir uns mit den Tonleitern in den diversen Oktaven. Ich gebe dir vor.“

Herr Steinbeck stellt drei Notenblätter auf die Notenklappe und tippt mit einem Taktstock auf eine der aufgezeichneten Notenfolge.

Und Werner spielt, anfänglich noch etwas verhalten, dann aber mit grossem Vergnügen – er hat es ja schon tüchtig geübt – die jeweils acht Töne in der richtigen Reihenfolge.

„Das ist schon recht gut“, meint Herr Steinbeck anerkennend. „Nur, dein Anschlag ist noch unregelmässig und bei den Tempi wackelt’ s auch noch erheblich.“

Er geht zu einem der Wandregale, kommt mit einem Werner völlig unbekannten Ding zurück und stellt es vor ihn auf den Flügel.

„Das ist ein Metronom, ein Taktzähler, wie wir sagen. Schau, diese Skala auf dem Pendel hier, da kann der Notenwert eingestellt werden.“ Er stösst das Pendel mit der Kuppe seines rechten Zeigefingers an. „Tick-tack-Tick-tack“ tönt es in schneller Folge. Dann stoppt er das Pendel, stellt es auf einen anderen Skalenwert, und stösst es wiederum an. Das „Tick-tack-Tick-tack“ ertönt nochmals, jedoch viel langsamer.

„Beim ersten Mal habe ich eine Achtelnote und danach eine ganze Note vorgegeben“, erläutert er. „Und auf den Notenblättern vor dir sind die Tonleitern in verschiedenen Notenwerten aufgezeichnet. Hier, das sind Achtelnoten und da auf dieser Seite siehst du ganze Noten.“

Werner staunt und nickt eifrig.

„Ja, das ist in dem Schulheft auch so beschrieben“, sagt er und blickt in Steinbecks helle Augen. „Aber ich habe nicht so recht gewusst, was das soll.“

„Schon gut, mein Kleiner, dafür bin ich ja da. Jedenfalls weisst du jetzt, was Tempi bedeutet. Und du musst wissen, dass Musik und Rhythmus auf streng mathematischen Regeln aufgebaut sind. Der richtige Takt ist sehr wichtig. Und Rhythmus heisst, warten können. Willst du die Tonleitern nun nochmals spielen?“

Natürlich will Werner. Seine Finger berühren die Tasten, das Metronom gibt den Takt an, und er spielt, aufmerksam hörend, die ihm angezeigten Notenfolgen.

„Das klappt ja nun schon ganz gut.“ Auf Steinbecks Gesicht zeichnet sich ein zufriedenes Lächeln ab. „Du kannst dieses Metronom leihweise mit nach Hause nehmen und diese Notenblätter auch. Bis zum nächsten Mal übst du die Tonleitern mit den vorgegebenen Notenwerten tüchtig.“

Dann begibt er sich nochmals zu dem Wandregal und kommt mit einem Tennisball in der Hand zurück.

„Und hier“, sagt er schmunzelnd, „diesen Ball knetest du täglich mit jeder Hand hundert Mal. Damit stärkst du deine Fingermuskeln, und du wirst sehen, dein Anschlag wird sich in kürzester Zeit verbessern.“

Werners erste Klavierstunde ist vorüber. Er räumt seine Siebensachen in die von Mutter mitgegebene Stofftasche, reicht seine Rechte zum Abschied und sagt: „Danke vielmals, Herr Steinbeck, und bis in einer Woche zur gleichen Zeit.“

„Richtig, Werner, und üb schön fleissig!“

„Ja, ja“, ruft Werner, die Türklinke schon gedrückt.

Herr Steinbeck geht an eines der Fenster und schaut zu, wie Werner sich aufs Fahrrad schwingt und davonpedalt.

„Ein aufgewecktes Kerlchen, dieser junge Strassmann“, murmelt er vor sich hin. „Aus dem wird mal was, da bin ich mir sicher.“

Gelernt ist gelernt

Wir schreiben das Jahr 1949. Nach Ostern und den Frühlingsferien beginnt für Werner ein neuer Lebensabschnitt: der Eintritt in die Sekundarschule von Arbon.

Ein strammer Bursche, dieser bald 14-jährige, der Kleinste zwar unter seinen Kameraden, doch mit einer athletischen Figur – ihr wisst ja, Turnen und Singen sind nach wie vor seine Lieblingsfächer.

Sein längliches wohlgeformtes Gesicht umrahmt von dunkelbraunen Locken, die feingeschnittene breite Mundpartie und am Kinn und Oberlippe bereits der erste Flaum spriessend. Doch am auffälligsten sind seine Augen – dunkelblau, wie der Spiegel eines Bergsees und allzeit freundlich strahlend – wachsam, aufmerksam. Ein hübscher Junge, dieser Werner und obwohl er mir diesbezüglich nichts erzählt hat, bleibt zu vermuten, dass manch eine der Dorfschönen schmachtend nach ihm Ausschau gehalten hat.

Die letzten vier Jahre gingen wie im Flug vorüber. Überall sah und spürte man einen Neubeginn, einen Aufbruch gar, nach diesem verheerenden Krieg.

Im arg verwüsteten Deutschland dröhnten die Bagger und ächzten die Kräne – Wiederaufbau – aus den zum Himmel stöhnenden Ruinen wuchs wieder Neues. Man kann dem deutschen Volk alles Mögliche nachsagen, Faulheit jedoch keineswegs und Resignation schon gar nicht.

Was da landesweit mit grossem Fleiss angepackt wurde, ist erstaunlich. Und alle waren am Werk, Frauen – die Trümmerfrauen eben –, Kinder und Männer, nicht mehr mit dem Gewehr, sondern mit Schaufel und Pickel in der Hand.

Auch in unserem Land gab’s Einiges, was wiederaufgebaut werden musste. Grenzorte zu Deutschland, wie Stein am Rhein und Schaffhausen, waren infolge von Fehlbombardements der Alliierten teilweise in Mitleidenschaft gezogen worden. Doch im Vergleich zu den Kriegsländern, wo ganze Städte in gespenstisch trostlose Ruinenfelder verwandelt waren, waren diese ‘Wunden‘ verhältnismässig klein und innert Wochen wieder ‘geheilt‘. Ja, die Bewahrung unseres Landes in diesen Kriegswirren darf ohne Umschweife als Gottesgeschenk bezeichnet werden.

Aufschwung, Aufschwung überall! Der Handel mit den Nachbarländern lief wieder auf Hochtouren, Rationierung und Lebensmittelkarten gehörten der Vergangenheit an, und dort, wo die Anbauschlacht sich unzähliger Hausgärten bemächtigt hatte, blühten wieder Blumen. Saat und Ernte – reich gesegnet. Keine brachliegende Felder und Äcker mehr, weil die Bauersleute nun wieder ungestört ihrem Tagewerk nachgehen konnten.

Und auch Augusts Arbeitgeber hatte volle Auftragsbücher, die Zeit der Motorisierung war nämlich voll im Gange. Manch ein Fuhrhalter nahm Abschied von seinen behäbigen Pferdegespannen und legte sich einen Saurer-Lastwagen, einen dieser dröhnenden und stinkenden Dieselungetüme, zu.

Das alles bekam Werner nur so nebenbei mit, denn seine Tage waren mit Schule, Klavierunterricht und üben, üben, ausgefüllt. In dieser Zeit gab es Momente, wo ihn eine sonderbare Einsamkeit berührte. Ein Gemisch seltsamer Gefühle.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Adjutant und Gentleman" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen