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Ein Abenteuer zuviel?

1. KAPITEL

Ruth Jacobs hörte die Schritte im Treppenhaus und erstarrte. Hatten ihre Eltern sie nicht vor den Gefahren gewarnt, die in London lauern würden?

Straßenräuber. Perverse. Vergewaltiger.

Sie schluckte und fragte sich, ob sie sich dem Einbrecher stellen sollte, der in dem zweistöckigen viktorianischen Haus herumschlich. Dieses hatte man im letzten Jahr zu einem Bürohaus für fünfzehn Angestellte umgebaut.

Aber sie war noch nie besonders mutig gewesen! Also blieb sie einfach im Zimmer stehen und betete, der Eindringling möge erkennen, dass es hier nichts zu stehlen gab, und wieder auf demselben Weg verschwinden, auf dem er gekommen war.

Sie hörte die Schritte auf dem Parkettboden immer deutlicher. Der Unhold näherte sich offenbar ihrem Büro und schien genau zu wissen, wohin er gehen wollte.

Auf dem Flur brannte kein Licht. Es war kurz nach halb acht abends, und wenngleich der Sommer noch nicht ganz vorüber war, wurde es schon dunkel.

Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, um in Ohnmacht zu fallen, dachte Ruth, als hinter der Glastür ein großer Schatten auftauchte. Doch sie tat es nicht. Sie war so von Angst erfüllt, dass sie sich noch nicht einmal von der Stelle rühren konnte, als die Tür schwungvoll geöffnet wurde und ein großer, breitschultriger, schwarzhaariger Mann hereinkam.

Er wirkt in seinem Anzug eigentlich nicht wie ein Gewaltverbrecher, überlegte sie. Hatte er sich vielleicht nur in der Adresse geirrt und wollte ganz woandershin? Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. “Kann ich Ihnen helfen?”, fragte sie schrill.

Der Mann musterte sie kurz mit seinen blauen Augen. “Wo sind die anderen?”, erkundigte er sich und begann, von Schreibtisch zu Schreibtisch zu gehen, als hätte er jedes Recht dazu.

“Vielleicht könnten Sie mir sagen, wer Sie sind?”, meinte Ruth, nachdem sie ihn einen Moment beobachtet hatte.

“Vielleicht könnten Sie mir sagen, wer Sie sind?” Er sah sie über die Schulter hinweg an.

“Ich arbeite hier.” Allmählich verließ sie der Mut, und sie ermahnte sich stumm, sich zusammenzureißen.

“Und wie heißen Sie?”

“Ruth Jacobs”, antwortete sie, bevor sie sich klarmachte, dass es ihn überhaupt nichts anging. Er hatte kein Recht, sie auszufragen. Er arbeitete nicht in diesem Haus und hatte hier nichts zu suchen.

“Der Name kommt mir nicht bekannt vor.” Der Mann setzte sich auf eine Schreibtischkante und betrachtete Ruth. “Sie gehören nicht zu meinen Redakteuren. Ich habe eine Liste der Namen, und Ihrer steht nicht darauf.”

Die Angst fiel von ihr ab. Stattdessen war Ruth jetzt ziemlich verwirrt, was ihrem zarten, blassen Gesicht deutlich abzulesen war.

“Wer sind Sie?” Schnell senkte sie den Blick, damit seine überwältigende männliche Ausstrahlung sie nicht noch mehr durcheinanderbrachte. “Ich glaube, ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden.”

“Wahrscheinlich weil ich ihn nicht genannt habe”, erwiderte er trocken. “Ruth Jacobs, Ruth Jacobs …” Er neigte den Kopf etwas zur Seite und musterte sie weiter. “Ja, Sie könnten … sehr geeignet …”

“Hören Sie … Ich wollte gerade die Redaktionsräume abschließen … Vielleicht könnten Sie einen Termin bei Miss Hawes …” Plötzlich wurde ihr bewusst, wie seltsam es auf ihn wirken musste, dass sie noch immer wie regungslos mit einem Stoß Akten in den Händen dastand. Sie legte ihn auf den nächstbesten Schreibtisch, holte Alisons Terminkalender und begann darin zu blättern.

“Als was arbeiten Sie hier?”

Ruth atmete tief ein. “Ich beantworte keine weiteren Fragen mehr, bevor Sie mir gesagt haben, wer Sie sind”, erklärte sie in einem Anflug von Kühnheit und errötete umgehend. Oh verflixt, dachte sie, mit zweiundzwanzig solltest du nicht mehr so schüchtern und ungewandt sein und wie ein Backfisch erröten.

“Ich heiße Franco Leoni”, stellte er sich vor und wartete einen Moment lang auf eine Reaktion. Als Ruth ihn aber weiterhin verwirrt anblickte, fügte er leicht ungeduldig hinzu: “Mir gehört diese Redaktion, Miss Jacobs.”

“Wirklich?”, erwiderte sie zweifelnd.

“Erzählt Alison Ihnen denn überhaupt nichts? Was für ein schlechter Führungsstil! Wie lange arbeiten Sie schon hier? Sind Sie eine Aushilfskraft? Warum zum Teufel betraut sie eine Aushilfskraft mit dem Abschließen der Redaktionsräume? Das ist einfach unmöglich.”

Seine immer ärgerlicher klingende Stimme brachte sie zur Besinnung. “Ich bin keine Aushilfskraft, Mr Leoni. Ich arbeite hier seit der Übernahme vor elf Monaten.”

“Dann sollten Sie wissen, wer ich bin. Wo ist Alison?”

“Sie ist vor etwa einer Stunde gegangen”, antwortete Ruth widerwillig, während sie fieberhaft versuchte, etwas mit seinem Namen anzufangen. Doch es gelang ihr nicht. Sie wusste zwar, dass das kleine, verlustreiche Magazin von einer Firmengruppe übernommen worden war, aber die Namen der neuen Besitzer hatte sie entweder noch nie gehört, oder sie waren ihr momentan entfallen.

“Wohin ist sie gegangen? Stellen Sie mir eine Telefonverbindung mit ihr her.”

“Es ist Freitag, Mr Leoni. Miss Hawes wird nicht zu Hause sein. Ich glaube, sie wollte mit … mit ihrer Mutter ins Theater.”

Ruth spürte, wie sie bei der kleinen Notlüge erneut errötete, und blickte an ihm vorbei zum Fenster. Eigentlich nahm sie es mit der Wahrheit immer sehr genau. Allerdings hatte sie der Verdacht beschlichen, dass Franco Leoni nicht gerade erbaut sein würde, wenn sie ihm erzählte, dass Alison mit einem anderen Mann essen gegangen war.

Die rothaarige Chefredakteurin war eine sehr temperamentvolle, lebenslustige Frau, die häufiger die Partner wechselte. Und dieser umwerfend attraktive Mann hier schien ihr, Ruth, ganz nach deren Geschmack zu sein. Doch sie fühlte sich nach einem langen Arbeitstag außerstande, mit einem ehemaligen Freund ihrer Chefin fertigzuwerden.

“Dann müssen Sie mir wohl einfach glauben, dass ich der Boss bin.” Lächelnd betrachtete Franco Leoni sie, als würde ihre Miene ihn amüsieren. “Und glauben Sie es oder nicht, ich bin froh, dass ich auf Sie getroffen bin.” Ein nachdenklicher Ausdruck trat in seine Augen, aber Ruth beachtete ihn kaum.

“Ich muss jetzt wirklich nach Hause.”

“Eltern, die sich Sorgen machen?”

“Ich lebe nicht bei meinen Eltern”, antwortete sie kühl. Auch nach fast fünfzehn Monaten freute sie sich noch immer, abends in ihre eigene, wenn auch kleine Wohnung zu kommen. Sie hatte als Letzte ihrer Freundinnen das schützende Zuhause verlassen und es auch nur getan, weil sie gespürt hatte, dass es nötig war.

Sie liebte ihre Eltern sehr und auch das Pfarrhaus, in dem sie aufgewachsen war. Doch mit der Zeit war ihr klar geworden, dass es zwei Möglichkeiten für sie gab. Entweder führte sie ein beschauliches Leben in ihrem Heimatdorf, wo ihre Altersgenossinnen nur ein Ziel hatten – zu heiraten und viele Kinder zu bekommen. Oder sie verließ die vertraute Umgebung, zog hinaus in die große, weite Welt und lernte diese kennen.

“Nein?”, fragte Franco Leoni, als würde er ihr nicht glauben.

Finster blickte sie ihn an. “Nein. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und habe eine Wohnung in Hampstead. Möchten Sie nun einen Termin bei Miss Hawes?”

“Sie haben offenbar vergessen, dass mir die Redaktion gehört. Ich brauche keinen Termin.”

Was für ein arroganter Mann, dachte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. “Gut. Würden Sie dann vielleicht gehen?”

“Haben Sie schon gegessen?”

“Wie bitte?”

“Ich habe Sie gefragt …”

“Ich habe Sie sehr wohl verstanden, Mr Leoni. Mir ist nur nicht klar, was Ihre Frage bedeuten soll.”

“Dass ich Sie zum Essen einlade, Miss Jacobs.”

“Ich fürchte … Ich kann unmöglich … Es ist nicht …”

“Es ist nicht Ihre Art, sich von fremden Männern einladen zu lassen?”

Natürlich hatte er gewusst, was sie gedacht hatte. Es lag ihr einfach nicht, sich zu verstellen.

“Das ist richtig”, bestätigte sie ärgerlich. “Und wahrscheinlich finden Sie das etwas ungewöhnlich, aber ich …” Was tat sie denn da? Wollte sie ihm erzählen, wie behütet sie als Tochter eines Pfarrers aufgewachsen war? War sie nicht nach London gezogen, um in der Großstadt etwas weltgewandter zu werden?

“Ich beiße nicht, Miss Jacobs”, erklärte Franco Leoni und stand auf.

Wenn er meint, er könne mich glauben machen, dass er ein harmloser Mann ist, hat er sich geirrt, dachte sie. Sie mochte zwar naiv sein, aber sie war nicht wirklichkeitsfremd.

“Sie sind meine Angestellte. Werten Sie die Einladung als Versuch, ein gutes Arbeitsklima zu schaffen.” Wieder betrachtete er sie abschätzend, und ihr wurde erneut leicht beklommen zumute. “Ich würde gern etwas mehr über Sie erfahren, hören, was Sie hier tun … Und falls Sie mir immer noch nicht glauben, wer ich bin …” Er seufzte, zog seine Brieftasche heraus, klappte sie auf und reichte ihr einen Brief. Er war an Alison gerichtet und trug nicht nur seine Unterschrift, sondern gab auch die Stellung an, die er innehatte.

Ruth überflog ihn. Ohne Umschweife brachte Franco Leoni darin zum Ausdruck, dass das Magazin nicht den gewünschten Erfolg auf dem Markt erzielte und man sich zusammensetzen müsse, um die Gründe zu erörtern. Wahrscheinlich ist er deshalb heute Abend zu dieser für einen Freitag lächerlich späten Stunde hergekommen, überlegte sie und sah auf.

“Glauben Sie mir jetzt?” Sein Tonfall verriet nicht das geringste Bedauern darüber, dass er sie so unnötig geängstigt hatte, indem er sich nicht gleich durch den Brief ausgewiesen hatte.

“Ja. Danke.”

“Als was arbeiten Sie hier?”

“Ich mache nichts Wichtiges”, antwortete sie schnell, damit Franco Leoni nicht auf die Idee kam, mit ihr über die Probleme von Issues zu reden. “Ich bin Mädchen für alles. Ich tippe das eine oder andere, nehme Telefonate entgegen …”

“Erzählen Sie mir alles beim Essen.”

Ihre Hände berührten sich flüchtig, als er den Brief wieder an sich nahm, und Ruth hatte das Gefühl, dass sie innerlich vor ihm zurückschreckte. Einem Mann wie ihm war sie noch nie begegnet. Ihre drei bisherigen Freunde waren nette junge Männer aus ihrem Heimatdorf gewesen, die keine großen Ziele verfolgt und das Leben auch nicht als Herausforderung betrachtet hatten. Franco Leoni hingegen wirkte auf sie wie ein Mann, der die Herausforderung liebte, sie geradezu suchte.

“Lassen Sie uns aufbrechen.”

Er stand nun unmittelbar neben ihr, und sie spürte, wie diese Nähe sie noch mehr beunruhigte. In dem feinen Maßanzug machte er wirklich eine gute Figur. Schnell holte Ruth ihre Jacke und schlüpfte hinein.

“Braves Mädchen.” Er öffnete ihr die Tür. “Mein Wagen steht gleich vor dem Haus”, erklärte er, nachdem sie das Büro abgeschlossen hatte und sie nebeneinander die Treppe hinuntergingen. “Und versuchen Sie, nicht so besorgt auszusehen. Ich fühle mich sonst wie ein kranker alter Mann, der unschuldige junge Frauen nötigt.”

Ruth bemerkte seinen amüsierten Tonfall. Sie brauchte ihn gar nicht erst anzusehen, um zu wissen, dass er sich über sie lustig machte.

Franco fuhr einen silberfarbenen Jaguar. Galant hielt er ihr die Beifahrertür auf und wartete, bis sie eingestiegen war. Kaum hatte er sich hinters Steuer gesetzt, wandte er sich ihr zu. “Was möchten Sie gern essen?”

“Das ist mir egal”, antwortete sie schnell. Hier im dunklen Wagen empfand sie seine Nähe als noch bedrohlicher. Warum hatte sie die Einladung nur angenommen? Auch wenn er mein Arbeitgeber ist, bedeutet das nicht, dass ich ihm in jeder Hinsicht vertrauen kann, dachte sie und musste dann selbst über ihre etwas prüde Einstellung schmunzeln. Aber ihre Eltern hatten sie, ihr einziges Kind, vom ersten Tag an geliebt und behütet.

“Eine unkomplizierte Frau, wie erfrischend”, sagte Franco leise, während er den Motor anließ. “Mögen Sie die italienische Küche?”

“Ja.”

Ruth spürte, wie ihr Herz heftig klopfte, als er Gas gab und losfuhr.

“Was genau machen Sie bei Issues?”

“Wenn Ihnen das Magazin gehört, wie kommt es dann, dass Sie noch nie in der Redaktion waren?”, fragte sie neugierig. Sie hatte sich gegen die Tür gelehnt und blickte ihn argwöhnisch an.

“Das Magazin ist nur ein ganz kleines Unternehmen von mir.” Franco sah sie an. “Habe ich schon gesagt, dass ich nicht beiße? Ich habe auch keine ansteckende Krankheit. Sie müssen also nicht so verzweifelt versuchen, noch einige Zentimeter mehr Abstand zwischen uns zu bringen, und dabei riskieren, aus dem Wagen zu fallen.” Er konzentrierte sich wieder auf die Straße, und Ruth setzte sich bequemer hin. “Ich habe das Magazin gekauft, weil ich dachte, man könnte etwas daraus machen, und es auch als eine Art Hobby betrachte.”

“Eine Art Hobby?”, wiederholte sie ungläubig. “Sie haben eine Zeitschrift quasi zum Spaß gekauft? Was für ein Leben führen Sie? Hobbys sind in meiner Vorstellung Tennis spielen … Vögel beobachten … oder Briefmarken sammeln. Ihr Hobby ist es, kleine Firmen zu kaufen?”

“Sie brauchen nicht so entrüstet zu klingen”, erwiderte er gereizt und runzelte die Stirn.

“Ich bin entrüstet”, antwortete sie und vergaß ihre Schüchternheit.

“Warum?”

“Weil, Mr Leoni …”

“Nennen Sie mich Franco. Ich habe noch nie viel von förmlichen Anreden gehalten.”

“Weil es schamlos ist”, fuhr sie unbeirrt fort, “so viel Geld zu besitzen, dass man einfach so eine Firma kauft.”

“Meine kleine Aktion hat zufällig einige Arbeitsplätze geschaffen”, erklärte er gelassen, obwohl er so ruhig gar nicht war, wie sie zu spüren meinte. “Und ich habe zugestimmt, dass alle meine Angestellten, Sie eingeschlossen, davon profitieren, wenn das Magazin erfolgreich ist.”

Als sie nicht reagierte, sondern weiter schwieg, erkundigte er sich schließlich unvermittelt: “Nun, was haben Sie dazu zu sagen?”

“Ich … Nichts …”

“Ich … Nichts …”, ahmte er sie ärgerlich nach. “Was soll das heißen? Dass Sie keine Meinung zu dem Thema haben? Vor einer Minute hatten Sie jedenfalls noch eine.”

“Das soll heißen, dass Sie mein Arbeitgeber sind, Mr Leoni …”

“Franco!”

“Ja, also …”

“Sagen Sie es!”

“Was soll ich sagen?”

“Meinen Namen!”

“Das soll heißen, dass Sie mein Arbeitgeber sind, Franco.” Ruth errötete tief, als sie seinen Vornamen aussprach, und fuhr schnell fort: “Und Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.” Das war ein beliebtes Sprichwort ihres Vaters, der sie schon früh gelehrt hatte, zuzuhören, ohne zu verurteilen, und besonnen anstatt impulsiv zu reagieren.

“Zum Kuckuck mit der Vorsicht!”

Neugierig sah sie Franco an. Regte er sich etwa auf? Das hätte sie von einem Mann wie ihm nicht erwartet.

“Ja”, erwiderte sie ruhig, “Sie haben Arbeitsplätze geschaffen, und wenn das Magazin erfolgreich ist, haben auch wir etwas davon. Aber wenn jemand eine Firma nur so zum Spaß kauft, scheint mir das etwas zu sein …” Sie atmete tief ein. “… was ein Mensch tut, der zu viel Geld hat und sich vielleicht … langweilt.”

“Sich langweilt?”, wiederholte er wütend und stoppte den Wagen so unvermittelt, als hätte er sich gerade erst wieder erinnert, dass sie eigentlich unterwegs zu einem Restaurant waren, an dem er soeben vorbeigefahren war. Energisch stellte er den Motor ab und wandte sich ihr zu.

Ruth sah seine finstere Miene. Unwillkürlich presste sie sich wieder gegen die Autotür und machte sich auf eine Schimpftirade gefasst. Franco atmete tief ein, strich sich durchs Haar und schüttelte dann verwundert den Kopf.

“Wie lange ist es her, seit wir uns begegnet sind?” Er blickte kurz auf seine Armbanduhr. “Fünfundvierzig Minuten? In dieser Zeit ist es Ihnen gelungen, mich falscher einzuschätzen, als es die meisten Leute in ihrem ganzen Leben nicht schaffen.”

“Es … es tut mir leid.”

“Das ist wirklich eine Leistung”, erklärte er und ignorierte ihre Entschuldigung.

“Ich empfinde es als keine sonderliche Leistung, jemanden zu verärgern”, erwiderte sie, entsetzt über seinen Rückschluss.

“Deshalb beherrschen Sie es vielleicht auch so gut.” Franco hatte seine Gelassenheit zurückgewonnen und öffnete die Tür. “Ich freue mich auf das Essen”, sagte er, bevor er ausstieg. “Es ist das erste Mal, dass ich einen Weg beschreite, von dem ich nicht weiß, wohin er führt.”

Was meint er damit? fragte sie sich verwirrt, während sie ebenfalls ausstieg. Wenn er mit ihr einen netten Abend verbringen wollte, hatte er sich gründlich geirrt. Boss hin, Boss her.

Offenbar war er in dem kleinen, gut besuchten Restaurant bekannt, denn man begrüßte ihn herzlich an der Tür, und es entspann sich sogleich eine Unterhaltung auf Italienisch.

“Sie sprechen fließend Italienisch”, bemerkte Ruth höflich, nachdem sie sich gesetzt hatten. “Leben Sie schon lange in England?”

Nachdenklich blickte Franco sie an. “Sie sehen viel jünger aus als zweiundzwanzig. Woher kommen Sie?”

Dergleichen hatte man ihr schon ihr ganzes Leben lang erzählt. Wenn sie einmal fünfzig war, würde sie sich vermutlich über eine solche Schmeichelei freuen. Aber jetzt, in Gesellschaft dieses weltgewandten Mannes, empfand sie es nicht unbedingt als Kompliment.

“Ich stamme aus einem Dorf in der Grafschaft Shropshire”, antwortete sie, während sie die Speisekarte studierte, die man ihr gereicht hatte. “Sie haben von dem Ort bestimmt noch nichts gehört.”

“Wetten, dass?”

Als sie ihm den Namen nannte und er eingestand, dass er ihn noch nie gehört hatte, lachte sie schüchtern. “Habe ich es Ihnen nicht gesagt?”

“Sie sind also nach London gekommen … um das aufregende Großstadtleben kennenzulernen?”

Ruth zuckte die Schultern. “Ich dachte, ein Tapetenwechsel könnte nicht schaden”, antwortete sie ausweichend, denn sie wollte nicht zugeben, dass es einer der Hauptgründe für ihren Umzug gewesen war.

“Und was haben Sie davor gemacht, bevor Sie nach London gekommen sind?”

Franco hatte noch keinen Blick in die Speisekarte geworfen, als der Ober erschien, um ihre Bestellung aufzunehmen. Doch er wusste bereits, was er wollte: gegrillten Heilbutt. Sie hatte sich für Hähnchen in Weißwein-Sahnesoße entschieden, ein vergleichsweise gehaltvolles Gericht. Sie hatte schon immer einen gesunden Appetit gehabt, sehr zur Freude ihrer Mutter, die eine begeisterte Köchin war. Und auf Kalorien hatte sie noch nie besonders geachtet, dennoch war sie ausgesprochen schlank. Sie hatte ihr Leben lang nach Herzenslust essen können, ohne je mit Übergewicht zu kämpfen.

“Ich habe als Sekretärin gearbeitet und meinen Eltern geholfen. Ich habe für Dad Briefe getippt, die Leute aus seiner Pfarrgemeinde besucht …”

“Ihr Vater ist … Pfarrer?”, fragte er überrascht.

“Ja, und ein sehr guter dazu.”

Franco lächelte warmherzig. Und dieses Lächeln verwandelte sein Gesicht, verscheuchte den aggressiven Ausdruck und ließ sie innerlich erbeben. “Sie sind die Tochter eines Pfarrers?”

“Ja.”

“Ihre Eltern muss der Schlag getroffen haben, als Sie ihnen gesagt haben, dass Sie nach London ziehen wollen.”

Er betrachtete sie, als wäre sie der faszinierendste Mensch auf Erden. Seine ungeteilte Aufmerksamkeit verwirrte Ruth und ließ sie wieder einmal erröten.

“Sie haben mich sehr unterstützt.”

“Sich aber auch entsetzlich gesorgt.”

“Ein wenig”, gab sie zu, während sie nervös mit dem Besteck spielte. Als ihr bewusst wurde, dass dies nicht von guten Manieren zeugte, faltete sie die Hände und legte sie in ihren Schoß.

“Sie haben also nach Beendigung der Schule als Sekretärin gearbeitet und weiter zu Hause gewohnt, bis Sie nach London gezogen sind”, stellte Franco zusammenfassend fest und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. “Was haben Sie hier gemacht? Haben Sie gleich bei Issues angefangen?”

“Gut einen Monat vor meinem Auszug haben mich Mum und Dad hierherbegleitet, um sicherzustellen, dass ich auch eine Bleibe habe. In ihren Vorstellungen haben sie mich wohl schon auf einer Parkbank übernachten sehen.” Ruth lächelte wieder schüchtern, was ihrem eher durchschnittlich hübschen Gesicht einen Anflug von ätherischer Schönheit verlieh.

“Ich hatte eine Stelle als Aushilfskraft in einem Büro in Marble Arch. Als ich mich dann nach etwas Dauerhaftem umsah …”, sie zuckte mit den Schultern und dachte noch einmal an den glücklichen Zufall, “… war ich zur gleichen Zeit bei der Stellenvermittlung wie Miss Hawes, die ein Mädchen für alles suchte. Ich habe den Job sofort bekommen.”

“Sie helfen also überall aus”, sagte er leise mehr zu sich. “Sind Sie damit zufrieden?”

“Ich arbeite gern bei Issues”, antwortete sie nachdenklich. “Und ich hoffe, dass man mir nach meiner Beurteilung vielleicht etwas mehr Verantwortung überträgt. Die Bezahlung ist allerdings sehr gut …”

“Ich weiß. Ich habe genug Unternehmen geleitet, um zu wissen, dass Motivation und Loyalität stark mit den Arbeitsbedingungen zusammenhängen. Und eine gute Bezahlung macht im Allgemeinen auch einen guten Angestellten.”

“Wie viele Unternehmen besitzen Sie?”, fragte Ruth zaghaft, nachdem der Ober ihnen das Essen serviert hatte.

“Diverse, sodass ich kaum Freizeit habe. Ich bin meistens im Ausland, an den Standorten in Nordamerika und im Fernen Osten. Allerdings habe ich auch schon einige Male bei Alison vorbeigeschaut. Sie waren nicht da. Ich hätte mich an Sie erinnert.”

Sie war nicht mehr ganz so angespannt, da sie ihre Aufmerksamkeit jetzt auch auf das Essen richten konnte. “Nein, das hätten Sie nicht”, widersprach sie, während sie den Blick auf den Teller gerichtet hatte. “Ich zähle nicht zu den unvergesslichen Frauen.”

Ihre Eltern hatten ihr immer versichert, sie wäre schön, doch das erzählten alle Mütter und Väter ihren Kindern. Sie war leidlich hübsch, würde aber bestimmt nie von jemandem als sexy empfunden werden, selbst wenn sie sich darum bemühte, so zu wirken.

Franco erwiderte nichts. Er betrachtete Ruth, beobachtete, wie sie unbefangen zu essen begann, und konnte nur schwer den Blick von ihr abwenden, was absolut untypisch für ihn war.

Wann hatte er zuletzt eine Frau kennengelernt, die noch erröten konnte? Seine Begleiterinnen konnten lachen und flirten und verstanden es, genug von ihren Reizen zu offenbaren, um sein Interesse zu wecken. Aber keine von ihnen besaß dieses Flair von Unschuld, das die junge Frau ihm gegenüber hatte. Ihre Verträumtheit und Schüchternheit hatten ihn fast vom ersten Moment an fasziniert.

Franco zwang sich, sich aufs Essen zu konzentrieren. Doch nachdem er die Gabel zum Mund geführt hatte, sah er unwillkürlich wieder zu Ruth hin. Plötzlich verspürte er das lächerliche Verlangen, sie zu beeindrucken, irgendetwas zu sagen oder zu tun, damit sie aufblickte und ihn mit jenem glühenden Interesse betrachtete, das er von anderen Frauen gewohnt war.

Aufmerksam beobachtete er, wie ihr das glatte, schulterlange blonde Haar beim Essen immer wieder ins Gesicht fiel und sie es ein ums andere Mal hinters Ohr strich. Sie sah aus wie eine Sechzehnjährige! Er musste nicht mehr recht bei Verstand sein!

“Stammen Sie aus Italien?” Ruth errötete und lächelte. “Was für eine dumme Frage! Natürlich tun Sie das, bei dem Namen. Wie lange leben Sie schon in London?”

“Fast mein ganzes Leben. Meine Mutter war Irin und mein Vater Italiener”, antwortete er, während er überlegte, wie sich ihre Haut anfühlen mochte. Dann wurde ihm bewusst, dass er überhaupt nichts aß, und er nahm schnell einige Bissen. Was für eine Figur sich wohl unter der weißen Bluse und dem wadenlangen Rock verbarg? Im nächsten Moment stellte er sich vor, wie er Ruth ganz langsam auszog, und spürte, wie sein Körper sogleich auf seine Fantasien ansprach.

Das war grotesk! Er reagierte wie ein Teenager, der noch nie eine Frau berührt hatte!

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