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Eifersucht mit Folgen

1. KAPITEL

Miriam hatte es das Herz zusammengezogen, als sie hörte, dass Robert den Verlust seines Geruchs- und Geschmackssinnes schlimmer fand als den Verlust ihrer Liebe.

Robert war im Gespräch mit seinem Vater, und die beiden Männer bemerkten die heimliche Zuhörerin nicht.

„Das Kochen bedeutet dir mehr als die Liebe deines Lebens“, sagte Werner nun nachdenklich. „Irgendwie kann ich das sogar verstehen, es ist deine Berufung.“

„Es war meine Berufung“, korrigierte sein Sohn bitter. „Und es wäre mir lieb, du würdest es vorerst für dich behalten.“

„Selbstverständlich“, versprach der Senior und drückte voller Mitgefühl Roberts Arm.

Robert kämpfte mit den Tränen. „Ich habe alles verloren“, flüsterte er verzweifelt.

„Du darfst nicht aufgeben“, mahnte Werner. „Sicher es ist schrecklich, aber …“

„Was aber?“, fiel sein Sohn ihm ins Wort. „Ein Koch ohne Nase, das ist wie ein Chirurg ohne Hände. Versuch bloß nicht, es schönzureden. Bitte!“

„Du könntest Bücher schreiben. Oder Vorträge halten“, schlug der Senior hilflos vor.

„Ja, Vorträge für passionierte Hobbyköche!“, höhnte Robert. „Hör bitte auf. Und bitte überlasse es mir, es den anderen zu sagen.“

Sein Vater nickte.

„Die Veranstaltung mit Miriam wird trotzdem über die Bühne gehen“, fuhr Robert fort. „Sie will mir dabei helfen. So wie beim Testlauf – du hast ja gesehen, dass es funktioniert.“

„Niemand erfährt etwas“, versicherte der Senior von Neuem. „Du bist sehr tapfer.“

„Gut, dass du nicht weißt, wie es in mir aussieht“, erwiderte Robert und ging davon.

Und gerade jetzt musste Robert auch noch Barbara in die Arme laufen.

„Robert, gut dass ich dich sehe!“, begrüßte Barbara von Heidenberg ihn. „Ich suche deinen Vater. Wir wollen zusammen essen.“

„Guten Appetit“, knurrte Robert und wollte an ihr vorbei, doch sie hielt ihn zurück.

„Er hat mir von eurem Testlauf erzählt.“ Sie hielt ihm einen Folder unter die Nase, der die „Symphonie der Sinne“ ankündigte. „Ich freue mich für euch. Für dich und Miriam.“

„Und was willst du wirklich?“, giftete er.

„Nichts. Nur nett sein“, behauptete sie. „Können wir nicht wie normale Menschen miteinander reden?“

„Wozu?“

„Weil ich jetzt zur Familie gehöre!“, stellte sie von oben herab fest.

„In hundert Jahren nicht“, widersprach er.

Dennoch ließ sie nicht locker. „Ich bin deine Stiefmutter. Und wir müssen ja auch keine Freunde werden, aber vielleicht kann ich euch bei der Veranstaltung helfen.“

„Ich glaube, Giftmohn wurde im letzten Moment aus dem Programm genommen.“

Sie ignorierte seine spöttische Bemerkung. „Ich könnte ein paar Journalisten einladen oder …“

Barsch fuhr er ihr über den Mund. „Ich will dich da nicht sehen! Und bevor ich deine Hilfe annehme, friert die Hölle zu.“

Das Lächeln wich von ihrem Gesicht. „Kannst du nicht einen Strich unter die Vergangenheit machen?“, wollte sie wissen.

„Und alles vergessen?“, brach es aus ihm heraus. „Auch, dass Miriam und ich deinetwegen kein Paar geworden sind? In welcher Wirklichkeit lebst du eigentlich?“ Er musterte sie verächtlich. „Verzeih, ich vergaß“, setzte er dann hinzu. „Du weißt ja nicht, was Liebe ist. Wie sollst du also jemals begreifen, was du angerichtet hast?“

Barbaras Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als sie Robert nachblickte. Das würde er ihr büßen, so viel stand fest.

Nachdem Miriam das Gespräch zwischen Robert und seinem Vater belauscht hatte, war sie zu den Pferden geflohen.

Traurig und enttäuscht spazierte sie an der Koppel entlang. Noch immer standen ihr Tränen in den Augen.

Wie gerne hätte sie Robert in den Arm genommen! Er hatte so traurig und verzweifelt ausgesehen. Sie wollte ihm Kraft geben, wollte doch nur, dass er fühlte, dass sie für ihn da war. Egal, was passierte: Er konnte immer auf sie zählen!

Nachdenklich streichelte sie Othello über die Nüstern.

Dass Robert seinen Geruchssinn verloren hatte, war sehr schlimm für ihn. Aber als er gesagt hatte, dass selbst sie diese Leere niemals würde ausfüllen können … Das hatte wehgetan.

Sie konnte nur den Kopf über sich schütteln. Sie hatte sich für einen anderen Mann entschieden und war jetzt verletzt, weil Robert sein Geruchssinn wichtiger war als sie. Warum war das so? Warum hörte dieses Gefühl nicht auf? Sie wollte ihm helfen, sonst nichts. Hoffentlich würde Robert das überhaupt zulassen. Mit seinem blöden Stolz …

Barbara fühlte unterdessen Werner auf den Zahn.

„Ich habe vorhin deinen Sohn getroffen“, begann sie. „Wir haben ein bisschen geplaudert …“

„Tatsächlich?“, wunderte sich der Senior.

„Das Bemühen um ein zwangloses Gespräch war eher einseitig“, gab sie zu. „Aber ich gebe nicht auf.“

„Freut mich zu hören“, entgegnete er.

„Robert wirkte sehr angespannt. Wegen der Veranstaltung? Oder liegt es an Miriam?“

Werner zuckte die Schultern.

„Du musst es mir nicht erzählen“, versetzte sie leicht gekränkt. „Aber ich spüre doch, dass du dir Sorgen machst.“

„Können wir das Thema wechseln?“, bat er.

„Werner, dich bedrückt was!“, beharrte sie. „Ich bin deine Frau!“

„Ich will nicht darüber reden“, erwiderte er unwirsch.

„Weil du mir nicht vertraust“, beklagte sie sich.

„Können wir uns einfach darauf einigen, alles auszuklammern, was Robert und Miriam betrifft?“, fragte er gereizt. „Es bringt nichts.“

„In der Tat.“ Sie war sichtlich beleidigt. Doch sie dachte gar nicht daran, das Thema ruhen zu lassen.

Robert wollte gerade in den Aufzug steigen, als Miriam an seine Seite trat.

„Was machst du?“, wollte sie wissen.

„Was ich schon immer mal um diese Uhrzeit machen wollte – ein Mittagsschläfchen“, knurrte er. „Hat auch sein Gutes, so ein Leben als Frührentner.“

„Robert!“, stieß sie hervor.

„Lass mir wenigstens meinen Sarkasmus“, bat er. „Sonst bleibt gar nichts mehr von mir übrig.“

„Du hast doch nicht etwa vor aufzugeben, oder?“, hakte sie nach. Er schwieg. „Der Testlauf war fantastisch!“, beharrte sie. „Sie waren total begeistert! Und keiner hat etwas gemerkt.“

„Nur eine Frage der Zeit“, erwiderte er trocken.

„Ich werde den Workshop bestimmt nicht ohne dich machen“, erklärte sie entschlossen. „Also, falls du vorhast, dich für immer in dein Bett abzuseilen, vergiss es!“ Sie blickte ihn eindringlich an und spürte, dass er mit jemandem reden musste.

Also zogen die beiden sich ins Gewächshaus zurück, um ungestört miteinander sprechen zu können.

Miriam versuchte, dem vollkommen verunsicherten Robert Mut zuzusprechen. Und tatsächlich …

„Ich ziehe die Veranstaltung durch wie geplant“, versicherte er endlich und seufzte.

„Gut. Und weiter?“, hakte sie nach.

„Nichts weiter.“ Er ließ den Kopf hängen. „Ich kann nicht mehr kochen. Es ist aus. Was willst du von mir?“

„Du kannst nicht aufhören!“, brach es aus ihr heraus.

Er winkte ab. „Alles andere wäre lächerlich.“

„Aber es hat funktioniert! Lass es uns einfach weiter probieren.“

Just in diesem Augenblick kam zufällig Barbara am Gewächshaus vorbei und hörte den Streit. Mit großem Interesse lauschte sie dem folgenden Wortwechsel, während Miriam und Robert ihre Anwesenheit nicht einmal bemerkten.

„Wie stellst du dir das vor?“, entgegnete er resigniert. „Meinst du im Ernst, ich kann damit leben, immer deine Hilfe zu brauchen und allen etwas vorzumachen? – Und seit wann ist es überhaupt dein Traum, in der Küche zu stehen? Du hast doch ganz andere Pläne.“

„Und wenn schon!“, gab sie zurück.

„Ich kann nicht mehr riechen, ich schmecke nichts mehr!“, stellte er fest.

In ihrem Versteck riss Barbara vor Überraschung die Augen auf, als sie das hörte.

Robert schluckte. „Akzeptiere das einfach – ich muss es auch.“

„Kochen ist doch dein Leben!“

Er atmete tief durch. Sie hatte vollkommen recht, und deshalb tat es auch so weh. „Für mich war alles immer wie ein Rezept“, sagte er leise. „Sogar die Liebe … Man muss nur die Zutaten abschmecken, und dann wird alles gut. – Von wegen. Ich habe so viel verkehrt gemacht, das ist jetzt die Quittung dafür.“

„Unsinn!“, erwiderte Miriam. „Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun.“

„Es hat einfach keinen Sinn.“

Barbara hatte genug gehört und machte sich unbemerkt davon.

„Nimm meine Hilfe an, sei nicht so stur“, bat Miriam eindringlich. „Ich könnte offiziell als deine Assistentin anfangen. Ich habe kein Geld mehr, ich brauche einen Job, niemand wird sich wundern. Sag Ja. Bitte!“

Doch Robert schüttelte entschlossen den Kopf. „Ich will nicht. Wir machen jetzt noch die eine Veranstaltung, und dann ist Schluss. Basta!“ Und das war sein letztes Wort in dieser Angelegenheit.

„Robert kann nicht mehr kochen.“ Barbara hatte sich dafür entschieden, ihren Mann direkt mit ihren neuen Informationen zu konfrontieren. „Und du brauchst jetzt schleunigst ein neues Aushängeschild für dein Hotel.“

Werner verschluckte sich beinahe. „Woher weißt du das?“

Sie überging seine Frage. „Mir ist bewusst, wie schrecklich das für dich sein muss“, säuselte sie. „Warum hast du es mir denn nicht erzählt?“

„Er will nicht, dass ich mit irgendjemandem darüber rede“, seufzte der Senior.

„Kann ich verstehen“, heuchelte sie. „Was für ein Schock. Der arme Robert. Und mein armer Liebling …“ Sie strich ihm über die Wange. „Du bist sein Vater, aber natürlich trägst du auch die Verantwortung für dieses Hotel und deine gesamte Belegschaft“, fuhr sie fort.

Er verstand, worauf sie hinauswollte. „Das kann ich ihm einfach nicht antun. Gleich einen neuen Koch einstellen …“

„Es geht um unseren Stern! Unseren Ruf! Reiß dich also bitte zusammen!“, erwiderte sie eindringlich.

„Robert will seine Veranstaltung mit Miriam nicht absagen“, entgegnete er hilflos. „Sie schmeckt die Gerichte ab, leiht ihm ihre Nase, wenn du so willst. Und solange er seine ‚Symphonie der Sinne‘ hier durchzieht, kann ich unmöglich einen neuen Koch engagieren und ihn bloßstellen.“

„Du sollst ihn doch nicht bloßstellen“, sagte sie und setzte ein zuckersüßes Lächeln auf. „Ich habe da eine ganz andere Idee …“

„Bevor du mich rauswirfst – wir müssen reden.“ Barbara hatte Roberts Privatwohnung betreten. Robert drosch gerade auf seinen Punchingball ein.

„Spar dir jedes Wort!“, knurrte er. „Ich bin nicht in Stimmung. Und ich habe auch keine Kraft, mich zu beherrschen.“

„Das Risiko gehe ich ein“, erklärte sie mit einem überlegenen Lächeln. „Du weißt doch, ich liebe die Gefahr.“ Sie blickte ihn an. „Ich weiß Bescheid über dein kleines Problem. Ich habe dich und Miriam im Gewächshaus gehört.“

„Heimlich lauschen – bist du aus dem Alter nicht raus?“, gab er ärgerlich zurück.

Sie ging nicht darauf ein. „Als Miriam dich angefleht hat, nicht aufzugeben, das hat mich wirklich berührt“, behauptete sie. „Aber sie ist ja leider immer noch mit einem anderen Mann verheiratet.“

Er versetzte dem Punchingball einen harten Schlag.

„Sieh der Realität ins Auge“, fuhr sie fort. „Werner wird einen neuen Spitzenkoch einstellen. Und willst du wirklich Frühstücksdirektor werden? Das ist doch unter deiner Würde. Oder hast du die jetzt auch verloren?“

Robert presste die Kiefer aufeinander.

„Verlass das Hotel, solange du es noch erhobenen Hauptes tun kannst!“, legte sie nach. Voller Genugtuung registrierte sie, dass ihre Worte ihn bis ins Mark erschüttert hatten.

Als Viktoria in die Wohnung kam, um ein paar Fachzeitschriften für ihren Bruder vorbeizubringen, saß Miriam auf dem Sofa und starrte abwesend vor sich hin.

Mühsam riss sie sich zusammen und lächelte Viktoria an. „Der Folder für die ‚Symphonie der Sinne‘ … der ist sehr schön geworden“, lobte sie, wirkte dabei allerdings ziemlich verkrampft.

„Ich bin sehr gespannt, was am Ende herauskommen wird“, versetzte Viktoria spitz. „Nachdem du und Robert stundenlang und Seite an Seite eurer größten Leidenschaft gefrönt habt.“

„Es war doch dein und Felix’ Wunsch, dass wir das Projekt durchziehen. Trotz allem“, verteidigte sich Miriam. „Und ich werde meinen Mann nicht noch einmal betrügen!“

„In Gedanken hast du es schon tausendmal gemacht!“, warf Viktoria ihr vor. „Und du hast panische Angst, den falschen Mann geheiratet zu haben.“

„Ich muss mir das nicht anhören!“, empörte sich Miriam.

Doch Viktoria war noch nicht fertig. „Warum hast du Robert damals nicht einfach geheiratet?“, platzte sie heraus. „Dann hättest du mir und Felix eine Menge erspart!“ Damit drehte sie sich um und ging in ihr Zimmer.

Als die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, liefen Miriam Tränen über die Wangen.

Am nächsten Tag erfuhr Miriam von Robert, dass Barbara Bescheid wusste.

„Du hättest den Triumph in ihren Augen sehen sollen“, seufzte Robert. „Sie will mich am Boden sehen.“

„Den Gefallen wirst du ihr nicht tun“, erklärte Miriam energisch. „Du willst Barbara ja wohl nicht den ‚Fürstenhof‘ überlassen! Das ist dein Hotel, dein Zuhause! Und der erstklassige Ruf, das ist vor allem dein Verdienst!“

Er warf ihr einen skeptischen Blick zu.

„Um Barbara aufzuhalten, hast du sogar unsere Liebe in die Waagschale geworfen“, fuhr sie fort. „Sag mir jetzt nicht, das war alles umsonst!“

Diese Worte brachten ihn nun doch ins Grübeln. „Und wie stellst du dir das vor?“, wollte er schließlich wissen.

„Nach der Veranstaltung machen wir einfach weiter!“, entgegnete sie eifrig. „Ich werde alles für dich riechen und alles abschmecken. Ich kann das!“

„Ich weiß, dass du das kannst. Aber ob ich das kann …“

Ärgerlich fiel sie ihm ins Wort. „Weil dir dein Stolz im Wege steht! Den kannst du dir jetzt aber nicht mehr leisten, Robert! Es geht nämlich um viel mehr als um dein verdammtes Ego!“

„Sie wird meinen Vater auf ihre Seite ziehen“, gab er zu bedenken.

„Werner lässt dich nicht hängen. Er liebt dich“, hielt sie dagegen.

„Ja … Das habe ich auch schon oft gedacht.“

Sie hätte ihn am liebsten geschüttelt. „Hör mit diesem verdammten Selbstmitleid auf!“, fuhr sie ihn an. „Dir gehören fünfzig Prozent des Hotels. Und du wirst dir von meiner Stiefmutter nicht das Heft aus der Hand nehmen lassen. Verstanden?“ Entschlossen funkelte sie ihn an.

Und Miriams Worte trugen tatsächlich Früchte.

Robert ging zu seinem Vater, um ihn zu bitten, fürs Erste keinen neuen Koch einzustellen.

„Miriam soll also jedes Gericht für dich abschmecken?“, fragte Werner, nachdem er Robert angehört hatte. „Alle? Und das jeden Tag?“

Robert nickte.

„Welche Frau würde das machen?“, fuhr der Senior fort. „Eine unter hunderttausend. Ich bin mir sicher, sie liebt dich noch.“

Sein Sohn schluckte. „Tut sie nicht“, widersprach er leise. „Aber das ist jetzt nicht das Thema. Sondern nur, ob du hinter uns stehst, auch wenn Barbara dagegen ist.“

„Ist es denn wirklich das, was du willst, Junge?“, hakte Werner nach.

Robert nickte wieder.

„Gut. Dann kannst du auf mich zählen.“

Und tatsächlich hielt Barbara nichts von dem Plan.

Werner stellte sich jedoch wie versprochen hinter seinen Sohn – und damit gegen Barbara …

2. KAPITEL

„Ich habe die Papiere! Willkommen in Deutschland, Samia Gruber!“

Johann strahlte über das ganze Gesicht, und Samia fiel ihm jubelnd um den Hals. Auch ihre Mutter lächelte erleichtert.

„Du bist ein toller Mann!“, stellte Vera gerührt fest.

Samia griff nach der Dokumentenmappe, die Johann unter dem Arm trug. „Da steht es!“ Mit großen Augen betrachtete sie die Papiere. „Samia Gruber.“

Johann holte eine Flasche Prosecco und goss drei Gläser ein. „Auf meine Tochter!“ Er prostete Samia zu und wandte sich dann an Vera. „Und auf unsere Trennung. Die können wir dann ja auch gleich vollziehen.“

„Gute Idee.“ Vera schluckte. „Ich werde übrigens morgen abreisen.“

„Was?“ Verwundert sah er sie an. „Wer wird denn so ungemütlich sein und gleich die Koffer packen?“

Doch Vera war – obwohl es ihr nicht leichtfiel – fest entschlossen und wollte sich nicht mehr umstimmen lassen.

Samia suchte indes Rat bei Gregor.

„Jetzt verstehe ich einiges“, schmunzelte Gregor, als er von Veras Gefühlen hörte.

„Das ist nicht witzig!“, erwiderte Samia gereizt. „Die arme Elisabeth hat alles mitgemacht und ist jetzt sogar nach Uganda gefahren, damit es echt aussieht.“

„Glaubst du denn, dass Johann auch in deine Mutter verliebt ist?“, wollte Gregor wissen.

Sie schüttelte den Kopf. „Er ist glücklich mit Elisabeth. Aber wer weiß, was noch passiert?“ Sie dachte an ihren Traum, in dem sie Johann mit einer anderen Frau zusammen gesehen hatte. Die Angst, dass ihre eigene Mutter das Glück zwischen Elisabeth und Johann zerstören könnte, raubte ihr fast den Atem. Vera musste gehen – und zwar so schnell wie möglich. Bevor noch Schlimmeres geschah …

„Du hattest schon öfter solche Träume und Visionen, und alle sind in Erfüllung gegangen …“, sagte Gregor nachdenklich.

Ein besorgter Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. „Elisabeth und Johann haben so viel für mich getan“, seufzte sie. „Ich kann nicht zulassen, dass ihre Liebe wegen meiner Mutter kaputtgeht.“

„Du darfst nicht glauben, dass du für alles die Verantwortung übernehmen musst!“, mahnte er.

„Wenn ich diese Visionen bekomme, heißt es, dass ich auch etwas tun soll“, hielt sie dagegen.

„Vielleicht heißt es auch, dass es zwischen den beiden etwas Wertvolles gibt, das du nicht stören solltest“, wandte er ein. „Am Ende gewinnt immer die wahre Liebe.“

„Woher willst du das wissen?“

Gregor wusste es nur allzu gut. Er selbst war machtlos gewesen gegen die Liebe, die Laura und Alexander verband. Da hatte er noch so sehr um Laura kämpfen können …

Der große Tag war gekommen: Die „Symphonie der Sinne“ würde endlich stattfinden.

Miriam war schrecklich nervös. Und dass Felix sie nun auch noch davon abhielt, sich fertig zu machen, passte ihr überhaupt nicht.

„Du riechst schon wieder so gut“, flüsterte Felix und zog sie voller Begehren an sich. „Wir sind ganz allein. Viktoria ist schon gegangen.“

„Ich muss mich aber anziehen …“, wies sie ihn freundlich zurück.

„Nur ein Viertelstündchen“, beharrte er.

„Nein, sei mir nicht böse.“

Gekränkt sah er sie an. „Warum nicht?“

„Ich habe jetzt keine Lust.“

Er schwieg einen Augenblick lang. Dann straffte er die Schultern und platzte unvermittelt heraus: „Es ist seinetwegen!“

Verständnislos runzelte sie die Stirn.

„Es ist wegen Robert. Du denkst ständig an ihn. Du hast nie aufgehört, ihn zu lieben!“

Seine Worte erschreckten sie zutiefst. „Was soll das denn schon wieder?“, stieß sie ungläubig hervor. „Mir ist im Moment einfach nicht danach. Und das hat nichts mit Robert zu tun.“

„Womit dann?“, bohrte er weiter.

„Ich habe gleich eine Premiere!“, rechtfertigte sie sich. „Ja, mit Robert zusammen. Na und?“

Er konnte ihrem Blick nicht standhalten.

„Mein Kopf ist gerade einfach woanders“, fuhr sie fort. „Verstehst du das denn nicht?“

„Doch … natürlich“, erwiderte er resigniert. „Ich sehne mich nur nach dir. Du warst die letzten Tage permanent mit Robert zusammen, und für uns blieb wenig Zeit.“

Du hast doch unbedingt gewollt, dass ich das Projekt mit Robert durchziehe“, gab sie zurück. „Du wolltest es, obwohl du wusstest, dass das nicht einfach wird.“

„Ja, für mich ist es nicht einfach, euch zusammen arbeiten zu sehen“, räumte er ein. „Du scheinst ja auch an nichts anderes mehr zu denken!“

Ihre Miene verfinsterte sich. „Hör auf, Felix! Du machst sonst alles kaputt mit deiner verdammten Eifersucht!“

Mit aller Kraft riss er sich zusammen. „Bitte, Miriam … es tut mir leid.“

Sofort wurden ihre Züge wieder weicher. „Mir tut es leid, dass ich dir so wehgetan habe mit Robert“, sagte sie. „Es war ein total bescheuerter Ausrutscher. Aber ich kann ihn nicht rückgängig machen.“

„Vergiss es einfach“, bat Felix tapfer. „Ich wollte dir diesen Tag nicht kaputt machen. Es ist dein großes Event, und ich Idiot …“

Sie griff nach seiner Hand. „Du bist kein Idiot“, stellte sie liebevoll fest. „Du bist mein Mann, und ich wünsche mir, dass du mir wieder vertrauen kannst.“

Nachdem Felix sie kurz darauf allein gelassen hatte, ging Miriam nachdenklich im Park spazieren, um ihre Gedanken zu ordnen.

Eigentlich sollte ich das Ganze abbrechen, dachte sie. Es war so schlimm zu spüren, wie sehr Felix darunter litt.

Doch Robert brauchte sie. Seine Existenz stand auf dem Spiel. Kochen war Roberts Leben – das durfte er nicht aufgeben. Zusammen würden sie es schaffen, schließlich waren sie ein perfektes Team.

Das perfekte Team …

Genau das würde Robert jedoch auch wieder Hoffnung machen, dass sie auch sonst zusammengehörten.

Es war so gut wie unmöglich – sie konnte nicht Robert mit aller Kraft unterstützen, ohne Felix eifersüchtig zu machen.

Aber sie musste es trotzdem schaffen!

Mittlerweile war es an der Zeit, sich endlich an die Arbeit zu begeben.

Als Miriam die Küche betrat, hatte Robert das meiste schon vorbereitet. Sie musste die Speisen nur noch abschmecken.

„Blaubeercreme mit einer Spur Lavendel und Wildrose“, murmelte sie nachdenklich, als sie das Dessert probiert hatte.

„Ja“, bestätigte er.

Unzufrieden schüttelte sie den Kopf. „Es fehlt etwas“, sagte sie. „Der Duft dazu heißt ‚Frühsommermorgen in der Heide‘ … Es fehlt etwas Leichtes, Frisches … Denk an die Tautropfen an den Gräsern, die ganz leicht an den Füßen prickeln, wenn man barfuß durch die Heide …“

„Limonensaft!“, rief er.

„Genau!“

„Und zwar mit Eis aufgemixt!“ Er schaltete sofort den Mixer ein.

„Ich liebe es.“ Miriam sah überglücklich aus.

„Bitte?“ Robert hatte sie nicht verstehen können und schaltete das Küchengerät wieder aus.

„Es macht wahnsinnig viel Spaß!“, freute sie sich.

Nachdem er das Dessert verfeinert hatte, probierte Miriam noch einmal.

„Du bist genial!“, seufzte sie.

Wir sind genial!“ Robert strahlte sie an.

Am liebsten wären sie einander in die Arme gefallen.

Die Tische im Restaurant waren festlich eingedeckt. Überall drängten sich die Gäste – die Veranstaltung war restlos ausgebucht.

Werner erhob ein Glas mit Champagner, um mit einer kleinen Rede alle willkommen zu heißen. „Liebe Gäste des ‚Fürstenhofs‘“, begann er. „Ich darf Sie herzlich zu unserer ‚Symphonie der Sinne‘ begrüßen. Zwei große Talente werden Sie mit einem einzigartigen Konzept ins Reich der Sinne entführen – Miriam Tarrasch und Robert Saalfeld!“ Er wies zur Küchentür.

Freundlicher Applaus brandete auf. Das war das Zeichen für die beiden: Hand in Hand betraten Robert und Miriam das Restaurant.

„Miriam Tarrasch, der neue Stern am Parfümhimmel, hat exklusive Düfte kreiert, die genauestens auf die Speisen unseres Sternekochs Robert Saalfeld abgestimmt sind“, fuhr der Senior fort und übergab das Wort dann an seinen Sohn.

„Das Hauptmotto des heutigen Tages werden Sie mit Sicherheit herausschmecken und als Duft erkennen“, wandte sich Robert an die Gäste. „Denn alle Speisen und Düfte sind auf die Rose, die Blume der Liebe, abgestimmt.“

Felix, der etwas abseits stand, zuckte bei diesen Worten unmerklich zusammen.

„Nach unserem Hauptprogramm stehen wir Ihnen im Rahmen eines Workshops gerne mit Rat und Tat zur Seite“, erläuterte Robert weiter. „Bitte, Miriam …“

Sie wirkte für einen Moment etwas überrumpelt, hatte sich aber schnell wieder im Griff und lächelte in die Runde. „Ja, dann wünsche ich Ihnen allen genauso viel Spaß bei unserer Veranstaltung … wie wir ihm schon bei unseren Proben hatten. Danke schön!“

Die Gäste applaudierten. Miriam tauschte ein strahlendes Lächeln mit Robert. Nur Felix stand reglos in der Ecke und fixierte die beiden misstrauisch.

Barbara war der Veranstaltung ferngeblieben. Werner gegenüber hatte sie behauptet, Miriam nicht ihren großen Tag verderben zu wollen.

Und der Senior hatte ihr wieder einmal geglaubt und ihr für ihre Großherzigkeit gedankt.

Werner genoss den Trubel im Restaurant in vollen Zügen. Denn es war jetzt schon offensichtlich, dass die „Symphonie der Sinne“ ein riesiger Erfolg werden würde.

„Wenn ihr hören könntet, was an den Tischen gesprochen wird“, freute er sich und legte seinem Sohn und Miriam väterlich die Arme um die Schultern. „Eine einzige Lobeshymne!“ Begeistert drückte er die beiden an sich.

Sowohl Felix als auch Viktoria betrachteten die familiäre Szene aus der Ferne und spürten den gleichen Stich im Herzen …

Auch für Nora Dammann war Werner voll des Lobes.

Nachdem die letzten Gäste sich verabschiedet hatten, war Werner in die Lobby des „Fürstenhofs“ gegangen. Als er nun am Rezeptionstresen stand, kam Nora, die einen Journalisten hinausbegleitet hatte, zu ihm.

„Es war großartig!“, erklärte Werner und lächelte Nora an. „Was wir ganz entschieden Ihrer Organisation zu verdanken haben. Dass all die wichtigen Gäste und Journalisten hergekommen sind, ist einzig und allein Ihr Verdienst!“

Nora lächelte bescheiden.

„Sie sehen heute übrigens wieder ganz zauberhaft aus“, bemerkte der Senior und blickte seine Geschäftsführerin begehrlich an. Er ahnte nicht, dass Barbara just in diesem Moment aus Richtung Aufzug in die Lobby gekommen war – sie hatte es doch nicht lassen können, wenigstens ein bisschen herumzuspionieren. Und was sie da sah und hörte, gefiel ihr überhaupt nicht.

Felix hatte sich in die Wohnung zurückgezogen und stellte gerade einen riesigen Blumenstrauß zusammen, als seine Schwester hereinkam.

„Auf Miriam wirst du noch warten müssen“, erklärte Viktoria pampig. „Die quirlt noch mit Robert durch den Küchenhimmel.“

Statt einer Antwort hielt er ihr den prächtigen Strauß unter die Nase. „Was sagst du?“

„Wow!“, murmelte sie. „Wo hast du das alles her?“

„Das wächst überall“, antwortete er. „Auf der Wiese, an den Wegen, in den Bergen.“

„Da bist du ja ewig durch die Gegend getigert“, stellte sie fest.

„Weißt du noch, wie glücklich Miriam als Kind durch die Wiesen gehüpft ist?“, entgegnete er leise.

„Felix, komm endlich runter!“, mahnte Viktoria. „Miriam wird sich über den Strauß freuen, aber glaube nicht, dass du ihr damit näherkommst.“

„Wir sind uns nahe!“, widersprach er.

„Und doch steht etwas zwischen euch“, hielt sie dagegen. „Ich habe doch gesehen, wie es dir das Herz zerreißt, wenn die beiden zusammen sind und von aller Welt als Dreamteam gefeiert werden.“

„Ja, damit muss ich irgendwie klarkommen“, räumte er ein. „Aber wir sind zusammen, und Miriam liebt mich.“

„Und Robert liebt Miriam!“, versetzte sie. „Merkst du nicht, dass die beiden etwas ganz Besonderes verbindet? Etwas, das wir Ihnen nicht geben können? Eine gemeinsame Kunst und das Talent und die Leidenschaft dafür. Da kommen wir nicht dazwischen!“ Sie kämpfte mit den Tränen.

Und ihr Bruder klammerte sich hilflos an seinen Blumenstrauß.

„Ich bin deine Nase, und zusammen werden wir die Welt der Küche und Düfte erobern“, sagte Miriam gerade zu Robert.

„Es wäre ein Traum“, erwiderte er leise.

„Ich glaube, ich habe endlich gefunden, was ich mit meinem Leben anfangen will“, erklärte sie glücklich. „Und das Beste ist, dass die Leute es mögen!“

„Meinst du das ernst?“ Er sah ihr tief in die Augen.

„Ja.“

Mit einem breiten Lächeln füllte er zwei Weingläser.

„Ich bin so was von gespannt, was morgen in der Zeitung steht!“, sagte sie.

„‚Sensation im ‚Fürstenhof‘ ! Fress- und Duftorgie auf höchstem Niveau!‘“

Sie lachten und stießen miteinander an.

„Madame Nase, Sie retten mir das Leben!“, gab Robert zu. „Aber was wird Felix dazu sagen?“

Ihre Miene wurde schlagartig ernst. „Genau das werde ich jetzt mit ihm besprechen müssen.“

Die beiden tauschten einen langen Blick.

„Es macht riesigen Spaß, mit dir zu … arbeiten“, stammelte sie und eilte dann hinaus.

Mit einer Mischung aus Wehmut und Glück sah Robert ihr hinterher.

„Ist der herrlich!“ Miriam freute sich ehrlich über den Strauß, den Felix für sie gepflückt hatte. „Schönere Blumen hättest du mir nicht schenken können.“

„Es war absolute Spitzenklasse, was ihr da heute gezaubert habt“, sagte Felix.

„Ich hoffe nur, für dich war’s okay“, erwiderte sie vorsichtig. „Zwischendurch war es mir richtig peinlich, mit Robert vor allen Leuten zu stehen und beklatscht zu werden.“

„Ehrlich gesagt, ich bin fast geplatzt vor Eifersucht“, gab er zu.

Sie strich ihm zärtlich über die Wange. „Ich habe es in deinen Augen gesehen“, sagte sie leise. „Aber es ist einfach nur der Job – sonst nichts!“

„Du musst schon der Wahrheit in die Augen sehen“, hielt er dagegen. „Es ist mehr als ein Job, und das weißt du. Für so etwas muss man sich aufeinander einlassen, das Gleiche spüren, das Gleiche wollen.“ Er seufzte. „Und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum ich mir das antue.“ Sie wollte das Wort ergreifen, doch er legte ihr seinen Zeigefinger auf die Lippen. „Miriam, ich brauche solche idiotischen Härtetests nicht. So was reißt nur alte Wunden wieder auf und ist für alle schmerzlich. Ich werde dir in Zukunft blind vertrauen. Aber du musst mir versprechen, dass du nie wieder ein gemeinsames Projekt mit Robert machst.“

„Aber … du wolltest doch, dass ich mit ihm …“ Sie wirkte vollkommen überrumpelt.

„Es war eine Schnapsidee“, unterbrach Felix sie. „Deshalb, bitte versprich mir: nie wieder so eine enge Zusammenarbeit mit Robert, ja?“

Was blieb ihr anderes übrig, als zuzustimmen?

„Okay …“

Glücklich schloss Felix sie in die Arme.

Und Miriam wusste nicht, wie ihr geschah.

In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf.

Am nächsten Morgen zog sie sich schon früh ins Gewächshaus zurück.

Ich habe gelogen, warf sie sich vor. Aus lauter Feigheit … Da hatte sie gerade etwas entdeckt, das ihr riesige Freude machte und ihrem Leben einen Sinn gab, und im nächsten Moment versprach sie Felix, es nie wieder zu tun.

Doch was hätte sie machen sollen? Felix ging so offen und ehrlich mit allem um, vertraute ihr und hatte auch noch recht: Die Arbeit mit Robert war traumhaft … fast magisch.

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