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Eifel-Wahn

PROLOG

Remscheid – Küppelstein

Montag, 8. Oktober 2012

14:30 Uhr

Dr. Ferdinand Böker dachte an diesem herrlichen frühen Herbsttag nicht an den Tod. Durch das offene Fenster blickte er hinauf in einen Himmel, der für die hiesigen Breitengrade das eher seltene tiefe Blau des Südens trug. Für einen Moment schloss er die Augen, genoss die wohlige Wärme und überlegte, später noch einen Spaziergang zu machen. Doch zunächst wartete noch eine Menge Arbeit auf ihn. Er wollte die neuen Objekte, die am Vormittag aus Südamerika eingetroffen waren, fotografieren und katalogisieren. So bemerkte er das Auto nicht, welches langsam an seinem Anwesen vorbeifuhr und in sicherer Entfernung anhielt.

Der Fahrer schaute kurz in den Rückspiegel, schnappte sich seinen Rucksack von der Rückbank und stieg langsam aus. Alles deutete darauf hin, dass der Fremde nur bewundernd das historische Gebäude betrachten wollte, so wie es fast täglich unzählige Male geschah. Viele Wanderer machten mittlerweile vor nichts mehr halt.

Die stattliche, bergische Fabrikantenvilla lag etwas abseits auf einer Anhöhe, umgeben von Wiesen und Feldern in einer wunderschönen Landschaft und war zu Beginn des 19. Jahrhundert erbaut worden. Im Foyer der Villa standen Vitrinen, die mit ethnischen Objekten vergangener Kulturen aus Südamerika gefüllt waren. Dr. Ferdinand Böker war gerade im Begriff, einen der Schaukästen zu öffnen, als er ein Geräusch vernahm. Die schwere Haustür fiel hinter ihm ins Schloss. Er fuhr herum und erblickte eine schwarze Silhouette, die aus dem Schatten trat. Fast noch im gleichen Atemzug erkannte er das breite Messer mit sichelförmiger Klinge und senkrechtem Mittelgriff. Sofort wusste er, was es war: Ein Tumi, oder besser gesagt ein breites Ritualmesser der altperuanischen Völker.

Dr. Ferdinand Böker stieß einen Schrei aus, der jedoch verstummte, da ihm ein Lappen in den Mund gestopft wurde. Der Geschmack von Öl und Fett ließ ihn würgen. Gleichzeitig schleuderte ihn der Unbekannte gegen die Wand. Fremde Hände in Latexhandschuhen drückten ihn auf den Boden. Eine unbekannte Stimme kroch ihm über die Haut. Es war ein boshaftes Flüstern, fast schon ein Grunzen, das ihm ausmalte, was der Maskierte mit ihm anstellen würde, wenn er sich wehrte. Er versuchte es trotzdem, aber sein Gegner war stärker. Eine behandschuhte Faust traf ihn mitten ins Gesicht.

Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen und er schluckte Blut. Dann spürte er die kalte Klinge an seiner Kehle. Wieder konnte er nicht einmal mehr schreien, als das Opfermesser in ihn eindrang. Mit ein paar kräftigen Schnitten wurde der Kopf vom Rest des Körpers getrennt, und der blutige Rumpf glitt zu Boden.

Der Mann wusste genau, wonach er suchte. Gezielt griff er in die geöffneten Vitrinen und nahm sich, was er wollte. Vorsichtig packte er die Gegenstände in seinen Rucksack. Dann blickte er noch einmal auf den Toten. Die Augen des abgetrennten Kopfes starrten ihn leblos an. Er atmete tief ein, um den Geruch des Blutes in sich aufzunehmen. Dann führte er sein Werk zügig zu Ende, indem er den Kopf in östliche Richtung drehte. Vorsichtig … ganz vorsichtig …

Später würden ihm die Beamten der Remscheider Polizeiinspektion den Namen Ritualmörder geben, die Presse würde sofort darauf anspringen, und ihm würde der Name gefallen …

Remscheid – Küppelstein

18:30 Uhr

Polizeihauptmeister Günter Mäurer von der Polizeiinspektion Remscheid sah sich in der Eingangshalle der Villa um und verspürte ein flaues Gefühl in der Magengegend, so wie jedes Mal, wenn er einen Mord zu untersuchen hatte. Für die Familie Böker war hier der schlimmste Albtraum, den sich Angehörige und Freunde überhaupt ausmalen konnten, zu einer schrecklichen Wirklichkeit geworden.

Um Mäurer herum herrschte reges Treiben. Dabei handelte es sich um die gleiche Geräuschkulisse wie sonst an jedem anderen Tatort: Das Klicken einer Kamera, gedämpftes Tuscheln, das Klingeln eines Handys und das Quietschen eines Aufnahmegerätes. Die Geräusche waren ihm vertraut, der Umgang mit ihnen reine Routine, seit er vor vielen Jahren bei der Polizei angefangen hatte. Nur, dass dieses Mal das Opfer prominent war, und der Fall von Presse und Öffentlichkeit besonders verfolgt werden würde. Und Hauptmeister Mäurer wollte sich einen Überblick verschaffen, noch ehe die „hohen Tiere“ aus Wuppertal eintrafen. Eine erste Bestandsaufnahme vornehmen, nannte er sein Vorgehen. Das Polizeipräsidium in Wuppertal war als Kriminalhauptstelle zuständig für das bergische Städtedreieck: Wuppertal, Remscheid und Solingen. Daher standen die kleineren Polizeiinspektionen der Städte Remscheid und Solingen in stetigem Konkurrenzkampf mit dem großen Rivalen aus Wuppertal. Besonders die wichtigen und politisch relevanten Fälle wurden ihnen meistens aus den Händen genommen.

Nachdenklich ließ Mäurer seinen Blick umherschweifen. Im Eingangsbereich der Villa befanden sich mehrere Vitrinen mit seltsam anmutenden Objekten. Gerade war sein Partner Peter Kleinschmidt eingetroffen, der von allen nur Pitter genannt wurde. Kleinschmidt winkte ihm zu und gesellte sich zu den Kollegen von der Spurensicherung, die schon fleißig bei der Arbeit waren. Sie stellten am Tatort Fingerabdrücke und andere Spuren sicher, nahmen Blutproben und sammelten die Leichenteile ein. Daneben wurde fotografiert und vermessen. Später würden sie auch bei der Autopsie zugegen sein und abermals die Leiche fotografieren. Die Untersuchungsergebnisse würden zuerst auf seinem Schreibtisch landen, doch wenn er nicht schnell genug eine erfolgreiche Ermittlungsarbeit vorweisen konnte, würden sich die Kollegen aus Wuppertal einschalten und ihm den Fall aus den Händen nehmen. Das mochte er von allem am wenigsten. Also galt es, eine Mordkommission zu bilden und zu ermitteln, was das Zeug hielt. Mäurer wusste auch, dass sein Vorgesetzter kurz vor der Pensionierung stand und nun alles, was zwei Beine hatte, zum Tatort schicken würde. Das war durchaus verständlich, wollte er doch der Öffentlichkeit die Lösung eines letzten großen Falles präsentieren, ehe er sich vom Acker machte. Dazu kam noch die Tatsache, dass ein Mord, begangen auf solch grauenhafte Art und Weise, nun einmal keine Nebensache für eine ansonsten friedliche Kleinstadt war, in der vorwiegend Arbeiterfamilien lebten und eine Mordstatistik so gut wie überhaupt nicht existierte.

Peter Kleinschmidt alias Pitter kam zu ihm herüber.

„Bei dem Toten handelt es sich um Dr. Ferdinand Böker, sagt dir der Name etwas?“

Günter Mäurer nickte nachdenklich.

„Ich habe über ihn in der Zeitung gelesen. Er ist Kunstsammler und eine weit über das Bergische Land hinaus bekannte Persönlichkeit. Dieser verdammte Mord wird ganz schön für Aufsehen sorgen. Eine scheußliche Geschichte! Abgeschlachtet wie ein Tier hat man ihn. Seine Tochter, die ihn gefunden hat, steht unter einem schweren Schock.“

Er zog Pitter in eine ruhigere Ecke, um den Kollegen von der Spurensicherung nicht im Wege zu stehen. Dann sprach er weiter.

„Die Arme ist kaum ansprechbar. Der Arzt hat ihr schon etwas zur Beruhigung gegeben.“

„Vielleicht sollten wir die Polizeipsychologin …?“

„Daran habe ich auch schon gedacht. Das können wir in jedem Fall noch nachholen. Wenigstens ist sie im Moment nicht alleine. Ihr Freund ist bei ihr. Auch wenn ich nicht so recht weiß, was ich von ihm halten soll.“

„Das tut doch gar nichts zur Sache. Hauptsache, jemand ist bei ihr. Den eigenen Vater ermordet und geköpft aufzufinden. Stell dir das bloß einmal vor. Glaubst du an einen Raubmord?“ Pitter besah sich die große Menge an Blut, die das Opfer verloren hatte, als es so grausam geköpft worden war.

„Kann ich mir schlecht vorstellen, so, wie man Dr. Böker zugerichtet hat.“

„Was dann?“

Jetzt schaute Günter Mäurer direkt auf die blutige Masse, die gerade von den Kollegen der Spusi von allen Seiten fotografiert wurde. Seine Miene verdunkelte sich.

„Auf jeden Fall keine Gelegenheitstat. Wir sollten zuerst sein engeres Umfeld unter die Lupe nehmen. Vielleicht stoßen wir dort auf etwas …?“

„Das wäre aber ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Ich meine, wenn wir den Kerl bald dingfest machen könnten, weil er zum Bekanntenkreis der Familie Böker gehört.“

Mäurer nickte in Gedanken versunken und spürte, wie Pitter ihn am Arm berührte. Gleichzeitig beugte er sich vor und fragte: „Wie geht es eigentlich deiner Heidrun?“

Sofort war er da, der Kloß im Hals, als Mäurer an seine Frau erinnert wurde. Vor einiger Zeit hatten die Ärzte bei Heidrun die Parkinson-Krankheit diagnostiziert. Seitdem hatte sie sich zwar aufgerafft und noch weitere Ärzte konsultiert, allerdings nur mit sehr bescheidenem Erfolg. Und nun machten sich die ersten Anzeichen von Resignation bei ihr bemerkbar. Dazu verschlechterte sich ihr Zustand stetig.

„Also, was ist mit dir selbst?“, fragte Pitter weiter. „Wie lange hältst du noch so tapfer durch?“

„Keine Ahnung“, brachte Günter Mäurer heraus, doch sein kurzes Stocken verriet, wie es wirklich in ihm aussah. „Ich tue eben, was ich kann!“

Zum Glück hakte Pitter nicht weiter nach, sondern drückte stattdessen noch einmal mitfühlend den Arm seines langjährigen Partners. Mäurer verdrängte die Gedanken an seine kranke Ehefrau zunächst genauso wie alle Vermutungen, die sich ihm beim Anblick des toten Böker aufdrängen wollten. Trotzdem hatte ihn der erste, direkte Blick auf das Opfer wie ein brutaler Schlag getroffen. Dr. Ferdinand Böker war mit einem gekonnten Hieb getötet und danach geköpft worden. Alles deutete darauf hin, dass sich der Mörder im Handhaben der Tatwaffe bestens ausgekannt haben musste.

Mäurer warf seinem Partner einen kurzen Blick zu. „Hat man die Tatwaffe bereits gefunden?“

Der legte seine Stirn in Falten. „Bisher noch nicht, Günter. Muss aber ein außergewöhnlich scharfes Messer oder so etwas Ähnliches gewesen sein …“

„Das sehe ich genauso. Was wissen wir über die Tochter des Toten?“

„Leider nichts, was uns wirklich weiterhilft. Sie hat die Leiche nicht angerührt. Kam aus der Eifel, um ihren Vater zu besuchen, betrat das Haus, sah die Bescherung und begann zu schreien. Seither hat sie sich noch nicht wieder gefangen. Die Haushälterin, die zur Tatzeit ebenfalls außer Haus war, hat die völlig hysterische Sophie Böker vorgefunden und dann sofort die Polizei und den Freund der Dame verständigt.“

„Und die Haushälterin? Ist die bereits überprüft worden?“

Pitter nickte bestätigend. „Das haben wir sofort erledigt. So unvorstellbar sich es auch anhört, aber bei den meisten Morden findet man die Täter in der eigenen Familie wieder. Aber ich glaube nicht, dass es eine Frau war. Ich meine, es gehört verdammt viel Kraft dazu, einem erwachsenen Menschen den Kopf vom Rumpf abzuschneiden.“

„Du glaubst also auch an die alte Weisheit, die besagt, dass Frauen eher mit Gift morden?“

„Oder morden lassen. Weiß man’s?“

Langsam beschlich die beiden eine böse Vorahnung. Das hier war das Werk eines unbekannten Verrückten, der möglicherweise schon einmal getötet hatte und der mit großer Wahrscheinlichkeit wieder töten würde …

„Wir sollten den Computer dazu befragen. Wir haben ein Ritualmesser und ein geköpftes Opfer. Falls es Parallelen zu anderen Fällen gibt, spuckt er vielleicht etwas aus.“

„Mm … keine schlechte Idee. Da können wir gleich im ganzen Bundesgebiet nachschauen. Vielleicht hat das Schwein schon vorher irgendwo anders zugeschlagen. Was sagt die Spusi zum Tathergang?“

„Die Untersuchungen sind noch voll im Gange, Günter. Es sieht aber nicht so aus, als sei der Kerl durch das Fenster ins Haus eingedrungen. Das Glas ist heil und am Rahmen sind bisher keine fremden Spuren gefunden worden. Aber die Spusi will sich noch einmal die komplette Fensterreihe vornehmen.“

„Sicher ist sicher! Gibt es irgendwelche Fußabdrücke vor dem Haus?“ Mäurer stellte seine Fragen jetzt automatisch.

„Nein, nichts. Es hat allerdings lange Zeit nicht geregnet. Da draußen ist alles knochentrocken. Nur ein Schutzgitter ist fein säuberlich durchgeschnitten worden.“

Kommissar Mäurer legte eine Hand in seinen Nacken.

„Was hat das bloß alles zu bedeuten? Sag es mir bitte, Pitter.“

Sein Partner zuckte mit den Schultern.

„Scheiße, ich weiß es doch auch nicht. Nur, dass der Typ ein verrücktes, krankes Schwein ist, dem man bei lebendigem Leib die Haut abziehen sollte …“

Günter Mäurer sah seinen Kollegen an. Dann sagte er mit zusammengebissenen Zähnen: „Und genau das werden wir auch tun. Wenn wir ihn doch bloß schon hätten …“

1. KAPITEL

Remscheid – Küppelstein

Montag, 06. Mai 2013

07:55 Uhr

Die Morgendämmerung war schon längst hereingebrochen. Jenes seltsame, beinahe mystische Vorspiel des Tages, wenn es für kurze Zeit irgendwie hell und dunkel zugleich ist. In wenigen Augenblicken würde die aufgehende Sonne den noch dunklen Himmel durchbrechen und in eine glühende Feuerbrunst verwandeln. Dann würden die Schatten der Nacht endgültig verschwinden, und das Gezwitscher der Vögel die Umgebung erfüllen.

Roger Peters liebte diesen Moment wie keinen anderen und beobachtete das sich langsam verändernde Licht am Horizont, noch ehe es zu einem rötlich-gelben Streifen heranwuchs. Und heute war ein ganz besonderer Tag. Nach vielen, langen Monaten in der Eifel war er erstmals wieder in seine Heimatstadt Remscheid zurückgekehrt und stand nun am Fuße einer breiten Steintreppe, die zum ersten Stockwerk einer großen Villa hinaufführte. Beeindruckt ließ er seinen Blick an den massiven Säulen, den glitzernden Steinskulpturen und der blitzblank geputzten Fensterfront entlanggleiten. Im Ganzen gab es zwei Stockwerke. Hier und da drang gedämpftes Licht durch die geschlossenen Vorhänge nach draußen. Aus einem der Schornsteine des Walmdachs stieg Rauch auf. Das schieferbedeckte Gebäude strahlte eine wohlhabende Würde aus. „Alter Adel und der damit verbundene Stolz“, dachte Roger Peters, während er seinen Blick noch einmal über die altehrwürdige Fassade schweifen ließ. Dann ließ er den Messingklopfer gegen das schwere Holzportal fallen. Das Echo des dumpfen Schlages hallte gespenstisch durch die frühe Morgenstille. Gegen ein seltsames Gefühl ankämpfend, blickte er noch einmal zum Himmel hinauf, um sich des einmaligen Farbenspiels zu vergewissern. Auf einmal öffnete sich hinter ihm ein Türflügel und eine Dame in weißer Dienstbotenmontur stand vor ihm. Völlig unberührt nahm sie ihn in Augenschein. Sie war etwa Ende dreißig, schlank, blond und hochgewachsen.

„Ist doch eigentlich wie in einem Film“, schoss es ihm durch den Kopf und er musste über sich selber lachen.

„Guten Morgen, mein Herr“, begrüßte ihn die schlanke Dame höflich, aber bestimmt und wich wie ein Türsteher nicht von der Stelle. „Wen darf ich melden?“

„Ich wünsche Ihnen ebenfalls einen schönen guten Morgen. Mein Name ist Roger Peters. Ich glaube, Frau Böker erwartet mich bereits …“

„Aha, Sie müssen der Reiseschriftsteller sein“, stellte sie offenbar unbeeindruckt fest, musterte ihn weiterhin misstrauisch, machte jedoch keine Anstalten, den Weg freizugeben.

„Soviel ich weiß, werden Sie erst in den frühen Nachmittagsstunden erwartet?“

„Das mag wohl richtig sein, aber ich bin halt schon früher gekommen …“ Dabei lächelte er verschmitzt, schob die Dame sanft beiseite und betrat das geräumige Foyer.

„Wenn Sie so freundlich wären und Frau Böker darüber informieren würden, dass ich bereits eingetroffen bin …“ Er machte Anstalten sie wegzuschicken, doch die Haushälterin reagierte nicht sofort, sondern schloss zuerst in aller Ruhe die Tür von innen ab, beobachtete den seltsamen Besucher mit strenger Miene, deutete dann auf einen der zierlichen Plüsch-Sessel und meinte: „Wenn Sie bitte hier warten wollen. Ich werde sehen, ob Sophie Sie jetzt schon empfangen möchte.“

„Danke, sehr freundlich“, erwiderte Roger geistesabwesend. Er hatte vor der gegenüberliegenden Wand eine Vitrine mit alten Keramiken entdeckt. Die Hausdame huschte lautlos davon und Roger studierte das erste Tongefäß und wandte sich dann dem nächsten zu. „Ein zoomorphisches Bügelgefäß in Gestalt eines Tieres, durchaus bemerkenswert“, dachte er und schlenderte durch das Foyer wie durch eine Galerie. Überall standen Vitrinen herum, die ethnologische Objekte enthielten. Er machte Halt vor etwas, das wie ein beheiztes Aquarium aussah und bei näherem Betrachten auch gar nichts anderes war. Nur dass dieses Aquarium eine Sammlung von äußerst wertvollen Grabtüchern enthielt, die in der Tat beheizt und vor Luftfeuchtigkeit geschützt werden mussten.

„Das Haus hier scheint mir ein wahres Museum zu sein“, dachte er noch, während er die kostbaren Paracas-Tücher näher betrachtete. Seiner Ansicht nach sollten solche Kunstschätze der Öffentlichkeit zugängig gemacht werden, damit möglichst viele Menschen sie ansehen und sich an den Hinterlassenschaften vergangener Hochkulturen erfreuen konnten.

„Ob hier überhaupt jemand wohnt?“, fragte er sich unwillkürlich und berührte mit seinen Fingern vorsichtig die geschliffene Oberfläche des Glaskastens.

Der Klang gedämpfter Stimmen riss ihn aus seinen Beobachtungen. Er drehte sich um und lauschte unvermittelt dem Geflüster.

„Und du denkst, er ist wirklich ein Experte auf dem Gebiet präkolumbischer Kulturen?“, fragte eine leise Männerstimme.

„Aber sicher doch, mein Schatz. Oder glaubst du, ich würde ihn sonst an all diese schönen Dinge heranlassen, die du hier siehst?“, antwortete eine Frauenstimme.

Kein Kommentar.

„Mitnichten“, sagte dieselbe weibliche Stimme. „Und außerdem gefällt mir seine Art zu leben. Ich denke, von seinen Erlebnissen in Südamerika können wir beide eine Menge lernen.“

„Na ja, aber er ist doch nur so etwas wie ein Hobbyarchäologe mit gewissen Instinkten, nicht wahr? Ich meine, so richtig studiert hat er ja wohl nicht, oder?“

„Sagen wir, er besitzt gewisse Erfahrung und am besten, wir lassen ihn erst einmal anfangen. Ein Experte für ethnische Kunst ist er allemal.“

„Na prima, dann hast du ja genau den Richtigen gefunden. Vielleicht findest du durch ihn auch endgültig wieder in die Spur zurück. Die grausame Geschichte mit deinem Vater muss einfach raus aus deinem Kopf!“

Roger hörte ein weibliches Seufzen, etwas klirrte, Flüssigkeit wurde in ein Glas geschüttet. Anscheinend genehmigte sich die Hausherrin einen Drink. Etwas wurde abgestellt. Das Gespräch ging weiter.

„Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich ihn überhaupt als unterhaltsam empfinden werde …“, sagte die weibliche Stimme mit einem zweifelnden Unterton.

„Sicher hat er fettiges Haar, streng nach hinten gekämmt und eine lange spitze Nase, auf der eine altmodische Hornbrille mit dicken Gläsern sitzt. Dazu trägt er wahrscheinlich einen dieser fürchterlich ausgebeulten Cordanzüge und solide Schnürschuhe mit abgelaufener Gummisohle. So sehen doch die meisten Gelehrten heutzutage aus! Dazu bin ich mir ziemlich sicher, dass er schon weit über fünfzig ist …“

„Zweiundvierzig!“

Mit einem ploppenden Geräusch fuhren die beiden Gesprächspartner in einer simultanen Bewegung zusammen und erstarrten.

„Einen wunderschönen guten Morgen, Frau Böker“, sagte Roger Peters fröhlich. Er trat aus dem Flur, ging einen Schritt auf die beiden zu und streckte der Dame des Hauses seine Hand entgegen. Sophie schüttelte sie mit ihrer rechten, sagte aber zunächst kein Wort. Stattdessen stellte sie mit der linken Hand ihr Glas ab. Eine gewisse Unruhe hatte sie erfasst, die sie sich gar nicht erklären konnte.

„Also, ja dann … ich …“, stammelte sie dann doch und warf dem unerwarteten Besucher einen verlegenen Blick zu, besann sich jedoch schnell eines Besseren und schenkte ihm prompt ein strahlendes Lächeln.

„Jetzt weiß ich wirklich nicht, ob ich mich entschuldigen oder schämen soll!“, sagte sie verlegen.

„Ach was, machen Sie sich bloß keinen Kopf“, antwortete Roger scherzend und wandte sich an ihren männlichen Begleiter.

„Und Sie müssen Felix Wagner sein, nicht wahr? Wir haben in den vergangenen Wochen mehrfach miteinander telefoniert. Freut mich sehr, Sie nun auch persönlich kennenzulernen.“

Sophie hatte sich anscheinend gefangen. Jedenfalls antwortete sie an seiner Stelle: „Die Freude ist ganz auf unserer Seite, Herr Peters, auch wenn Sie eigentlich ein wenig zu früh dran sind. Aber nehmen Sie doch Platz. Dürfen wir Ihnen etwas anbieten?“

„Danke, gern. Ich würde mich durchaus mit einer Tasse Kaffee zufrieden geben“, antwortete Roger, setzte sich in einen der bequemen Plüschsessel und grinste verschmitzt. Sophie gab Felix ein Zeichen und ließ sich ihrerseits in einen anderen Sessel fallen, zündete sich eine Zigarette an und fixierte ihren frühen Besucher aus tiefgrünen Augen. Die Pupillen waren allerdings beileibe nicht das einzig Grüne an ihr. In diesem Augenblick konnte sich Roger tatsächlich niemanden mehr grünfarben vorstellen als Sophie Böker, die ihm jetzt direkt gegenüber saß. Sie hatte ihre lindgrüne Strickjacke abgestreift, trug aber darunter eine passende Bluse im gleichen Farbton, sowie eine enge, blaugrüne Dreiviertelhose. Dem Ganzen hatte sie noch ein paar weitere, farblich übereinstimmende Details hinzugefügt: Pumps mit hohen Keilabsätzen und Knöchelschnallen in dunkel-grün, Ohrringe mit grünen und türkisfarbenen Glaseinsätzen, die an Scherben einer gebrochenen Flasche erinnerten, sowie einen dick aufgetragenen, metallic-grünen Lidschatten.

„Was für eine Kombination“, dachte Roger, während sein Blick im Erdgeschoss des Hauses umherschweifte. Hinter der Eingangshalle mit den Vitrinen befand sich ein großer, rechteckiger Raum mit eleganter Holzvertäfelung, einer Hausbar und einem aufwendig verarbeiteten Kamin aus geschmiedetem Eisen und rustikalen Backsteinziegeln an der Wandseite. Darüber hing ein großer, antiker Spiegel mit der Aufschrift einer schottischen Whiskeybrauerei. Zum Schluss ließen dicke Perserteppiche auf einem blank gebohnerten Holzparkett diesen Raum irgendwie an den Salon eines alten, englischen Pubs erinnern. „Zu muffig“, beurteilte Roger Peters spontan die steife Eleganz, die aber wiederum ausgezeichnet zu den antiken Ausgrabungsgegenständen in der Eingangshalle passte.

„Herr Peters, bitte bedienen Sie sich.“

Sophie lenkte seine Aufmerksamkeit wieder ganz auf sich, indem sie auf die blitzblank geputzte Dröppelminna zeigte, wie man die Kranenkanne im Bergischen nannte, welche die Hausangestellte in der Zwischenzeit gebracht hatte. Ihre Blicke, in denen sich unverhohlene Neugier spiegelte, trafen sich, ruhten für einen Augenblick aufeinander, ehe sich Roger fast schon aus purer Verlegenheit auf den verzierten Silberlöffel in seiner Kaffeetasse konzentrierte. Ohne zu überlegen, hatte er schon die dritte Ladung Zucker hineingegeben.

Nachdem die Hausangestellte das Foyer verlassen hatte, nahm die Unterhaltung zwischen Sophie und Roger erst so richtig Fahrt auf.

„Vielleicht sollten wir vorab kurz das Geschäftliche besprechen?“, meinte sie.

„Selbstverständlich“, stimmte er zu, trank zunächst seinen Kaffee aus und stellte die Tasse dann auf das zierliche Tischchen neben sich.

„Bevorzugen Sie eine starre Arbeitsregelung, also eine festgelegte Stundenzahl pro Tag, oder möchten Sie das Ganze lieber individuell gestalten?“

„Individuell?“, wiederholte Sophie verblüfft und warf ihrem Freund, der in der Zwischenzeit zurückgekommen war und sich jetzt ebenfalls an der Dröppelminna bediente, einen fragenden Blick zu.

„Sie wissen doch sicher, was ich meine?“, fügte Roger hinzu. „Ohne ein festes Schema sozusagen. Ich für mich selbst arbeite auch schon mal gern bei Nacht.“

„Ah, jetzt verstehe ich.“ Sophie nickte amüsiert. Dieser Roger Peters entsprach eindeutig nicht ihrer bisherigen Vorstellung von einem Gelehrten.

„Ich würde vorschlagen, wir nehmen es so, wie es kommt. Verschaffen Sie sich erst einmal einen allgemeinen Überblick, und dann sage ich Ihnen schon, worauf Sie sich als Erstes konzentrieren sollen.“

Roger musterte die „grüne“ Sophie für einen Augenblick, während sich ihr Freund ein zweites Mal aus der Dröppelminna bediente.

„Nicht unattraktiv für ihr Alter“, stellte Roger fest. In jüngeren Jahren musste sie sogar eine wirkliche Schönheit gewesen sein. Ihr dunkles Haar hatte sie zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Ein exquisites Gesicht, fein geschnitten, mit hohen Wangenknochen. Man konnte fast annehmen, sie hätte mexikanisches Blut in sich. Sinnlich geschwungene Lippen, was ihm auf Anhieb gefiel. Ihre Kleidung war offensichtlich teuer und zu auffällig.

„Sei’s drum“, dachte er.

„Herr Wagner hat mir am Telefon erzählt, dass Sie etwas Hilfe gebrauchen könnten, Frau Böker?“

„Hilfe?“ Sophie rollte mit den Augen und räusperte sich. Dann schenkte sie ihm ein weiteres Lächeln.

„Na ja, so könnte man das wohl auch nennen. Die Vitrinen, die Bibliothek und der ganze Dachboden sind vollgepackt mit Kisten und Kartons. Ich werde das Haus verkaufen, deshalb muss alles in meinen Laden und soll nach Möglichkeit noch vorher erfasst und aufgelistet werden.“

„Na wenn das so ist … Wäre da nicht ein Möbelpacker der geeignetere Mann für Sie?“

„Die meisten Möbel bleiben hier und werden zusammen mit dem Haus verkauft. Nur ein paar Erinnerungsstücke, an denen mein Herz hängt, nehme ich mit.“

„Ich verstehe. Darf ich fragen, wie Sie ausgerechnet auf mich gekommen sind?“

„Sagen wir mal so, weil Ihnen in der Eifel ein gewisser Ruf vorauseilt. Unter anderem sollen Sie sich mit ethnischen Kunstgegenständen bestens auskennen. Ich habe ein paar Ihrer Berichte gelesen. Wirklich gute Arbeit, das muss man Ihnen lassen.“

„Die Archäologie ist halt zu einem Steckenpferd von mir geworden, besonders nach den vielen Jahren, die ich in Südamerika verbracht habe. Wenn es also um präkolumbische Objekte geht, dann bin ich mir sicher, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Ehrlich gesagt, ich kann es kaum erwarten anzufangen. Die Sammlung Ihres Vaters gilt schließlich als eine der umfangreichsten auf der ganzen Welt. Oh, Pardon!“ Roger bemerkte seinen Fehler sofort. Er hätte sie nicht auf ihren Vater ansprechen dürfen. Schnell wechselte er das Thema und wandte sich an Herrn Wagner, der bisher überhaupt noch nicht zu Wort gekommen war.

„Also, ich nehme an, ich muss mich vor allem bei Ihnen dafür bedanken, dass Sie mich für diese Tätigkeit vorgeschlagen haben, nicht wahr?“

„Nun, Sie, äh … ich habe mich natürlich über Sie erkundigt, nachdem Sophie und ich übereingekommen sind, in diesem Fall keinen offiziellen Weg zu gehen. Dafür ist die Sammlung ihres Vaters einfach zu bekannt, verstehen Sie?“

Bei dem Versuch, jenen Roger Peters, mit dem er öfters telefoniert und dessen Leumund er vorab sorgfältig überprüft hatte, mit diesem lockeren Gesellen in Verbindung zu bringen, der jetzt so entspannt vor ihm saß, geriet er unwillkürlich ins Stottern.

„Sie sagten, Sie haben viele Jahre in Lateinamerika verbracht?“

„Das ist richtig. Hauptsächlich in Kolumbien, Ecuador und Peru. Dabei hatte ich das Glück, namenhafte Archäologen auf ihre Grabungs-Expeditionen begleiten zu dürfen. Aber das ist Ihnen ja bereits alles bekannt.“

„Sicher, das ist es. Außerdem habe ich die Reiseberichte und Ihren ersten Roman gelesen. Gar nicht übel.“

„Vielen Dank für die Blumen, Herr Wagner“, erwiderte Roger.

„Kein Glück gehabt mit einem großen Verlag?“, wollte Felix plötzlich wissen. Für den Bruchteil einer Sekunde und für seinen Gesprächspartner kaum wahrnehmbar, verengten sich Rogers Augen.

„Leider noch nicht“, entgegnete er wahrheitsgemäß. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Sophie kam ihm zuvor.

„Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich Sie allein lassen muss. Ausgerechnet jetzt, wo Sie doch gerade erst angekommen sind, aber ich muss auf einen Sprung in mein Geschäft. Ich habe einen Kunden, mit dem ich mich heute Vormittag treffen wollte, denn Sie, mein lieber Herr Peters, habe ich eigentlich erst am späten Nachmittag erwartet.“

Sie warf einen gehetzten Blick auf ihre Armbanduhr. „Großer Gott, ich bin bereits überfällig.“

„Machen Sie sich um mich bloß keine Sorgen“, sagte Roger mit verständnisvoller Miene und entschied für sich selbst: „Soll sie doch ruhig in ihren Laden gehen, dann kann ich mich hier einstweilen weiter umsehen.“

„Fein. Bis es dunkel wird, bin ich wieder zurück“, erwiderte Sophie, nahm ihre grüne Strickjacke von der Sessellehne und stöckelte auf die schwere Holztür zu, nur um abrupt vor ihr stehen zu bleiben, sich umzudrehen und etwas von ihren Autoschlüsseln zu faseln. „Die Frau ist wirklich eine Show.“

„Wo bin ich nur mit meinen Gedanken?“, sagte sie, ließ einen Seufzer hören, als sie den Schlüsselbund auf einem der kleinen Beistelltischchen entdeckte, schüttelte amüsiert den Kopf, sodass ihr langer Zopf gegen ihre leicht gebräunte Wange schlug und meinte: „Wenn ich in Eile bin, dann geht erst recht alles schief. Am besten, Sie meiden das Dachgeschoss für heute. Das Chaos dort oben könnte Sie so sehr verschrecken, dass Sie mir auf der Stelle davonlaufen, noch bevor Sie so richtig angefangen haben. Also dann, bis später …“

Als die Tür mit einem lauten Knall ins Schloss fiel, schnalzte Felix mit der Zunge. „Man soll gar nicht meinen, was sie für eine Energie besitzt. Aber sehen Sie sich hier im Haus erst einmal in aller Ruhe um, Herr Peters. Ich habe ebenfalls zu tun und lasse Sie jetzt für einen Moment allein. Später bin ich dann wieder bei Ihnen. Sollten Sie in der Zwischenzeit etwas benötigen, so klingeln Sie einfach nach Marlies, unserer Hausangestellten. Sie ist im Übrigen so etwas wie die gute Seele des Hauses.“

„Geht klar, Herr Wagner, dann bis später. Ihre gute Seele habe ich bereits kennengelernt.“

Fünfzehn Minuten später inspizierte Roger die verschiedenen Räumlichkeiten und registrierte fast automatisch die Lage und Form der einzelnen Zimmer. Gleichzeitig nahm der Schriftsteller in ihnen die besondere Atmosphäre wahr. Umgeben von Gerüchen nach Altertum und Staub betrachtete er die größte private Sammlung ethnischer Kulturobjekte, die er je gesehen hatte. Eine beleuchtete Vitrine nach der anderen nahm er in Augenschein und während er sich die Ausstellungsstücke genauer anschaute, musste er immer wieder gegen eine leise Verbitterung ankämpfen, die unwillkürlich in ihm aufstieg. Die gezeigten Objekte zeigten eine Qualität, die ihm in seinen Jahren als Ausgräber niemals untergekommen war. Gewiss, es waren lohnende und an Herausforderungen keineswegs arme Jahre gewesen. Er hatte in der Welt herumreisen und sich mit ganz unterschiedlichen, faszinierenden Kulturen beschäftigen können. Einige der von ihm ausgegrabenen Fundstücke waren jetzt in Museen rund um den Globus zu sehen, doch keines davon war mit den hier gezeigten Objekten auch nur im Geringsten vergleichbar.

„Und wenn ich vielleicht nur ein bisschen mehr Ausdauer gehabt hätte …?“, fragte er sich, verscheuchte jedoch rasch diesen Gedanken. Mit dieser Art von Leben war es nun endgültig vorbei. Zumindest für die nähere Zukunft. Man sollte ja nie etwas wirklich ausschließen. Er würde sich damit begnügen müssen, diese großartigen Zeugnisse der Vergangenheit mit dem unbeteiligten Blick eines dankbaren Besuchers zu bewundern.

Im Flur stand eine wunderschöne alte Standuhr. Die war ihm beim ersten flüchtigen Durchsehen überhaupt nicht aufgefallen. Roger blickte auf seine Armbanduhr, danach auf das Uhrwerk der Standuhr. Die Zeiten stimmten genauestens überein.

Auf seinem Erkundungsrundgang durch das untere Stockwerk stieß er in einem Hinterzimmer auf ein altes Steinway-Klavier. Sofort blieb er stehen und streichelte über das glänzende Mahagoni-Holz des Flügels. Verglichen mit dieser Kostbarkeit hier besaß der alte Kasten, der bei ihm zu Hause stand, nur noch Schrottwert. Achselzuckend wandte er sich ab, um sich den nächsten Raum anzuschauen. Das Arbeitszimmer.

Angelockt von einem Duftgemisch aus vermodertem Papier und abgestandenem Leder betrachtete er die Anhäufung von vergilbten Papieren, Dokumenten und verstaubten Aktenordnern. Mit Sicherheit war alles bereits durchgesehen und dann völlig ohne Konzept einfach irgendwo abgelegt worden. Er setzte sich auf einen verstaubten Bürostuhl und versuchte sich an einer raschen Bestandsaufnahme. „Konzeptlos“ war hier wirklich noch untertrieben. „Ein völliges Durcheinander“ wäre der richtigere Ausdruck gewesen. Was zum Teufel hatte er sich vorgestellt?

„Da kommt eine Menge Arbeit auf mich zu“, dachte er und vielleicht hätte es ihm sogar Spaß gemacht, wenn er Buchhalter und dies der einzige Grund für seine Anwesenheit gewesen wäre. Er ließ den Blick über die lange Regalwand gleiten, ehe er geistesabwesend irgendeinen Ordner herausnahm.

„Im Moment kann ich hier nicht viel tun“, überlegte er, ehe er sich mit dem Dokument in der Hand in einen dunkelgrünen Ledersessel fallen ließ, der hinter einem schweren Eichentisch stand.

2. KAPITEL

Bad Münstereifel

Montag, 06. Mai 2013

10:12 Uhr

Sophie Böker fuhr mit ihrem metallic-grünen Mini Cooper auf die Parkfläche neben ihrem Laden in Bad Münstereifel und wunderte sich, dass dort noch alles frei war. Sie hatte sich verspätet, und so war ihr Kunde höchst wahrscheinlich schon wieder heimgefahren. Mit einem halbherzigen „Verdammt“ auf den Lippen schloss sie die Ladentür auf und sauste in die hinteren Räumlichkeiten, um die Kaffeemaschine anzustellen. Danach eilte sie wieder nach draußen und öffnete die Rollläden vor den Schaufenstern. Zufrieden seufzend, kehrte sie kurz darauf in den Verkaufsraum zurück. Der war nicht mal übermäßig groß, denn so einen hätte Sophie auch gar nicht gewollt. Sie legte mehr Wert auf eine persönliche Note. Gemütlich, intim und geheimnisvoll musste er sein. Der Laden bedeutete für sie viel mehr als nur ein Ort, wo man Geschäfte tätigte. Sie sah in ihm so etwas wie ihre eigene Selbstverwirklichung.

Die Idee mit dem Antiquitätengeschäft war langsam herangewachsen, hatte sich aber dann schnell weiter entwickelt. Mit der vollen Unterstützung ihres Vaters selbstverständlich. So waren sämtliche Objekte, die ihm für seine Sammlung nicht gut genug erschienen, in ihrem Laden gelandet, und ab und zu hatte sie von ihm sogar eine wertvolle Rarität zugeschustert bekommen. So hatte sie in kürzester Zeit den Laden zum Florieren gebracht und sich in der Sammlerszene einen guten Namen erworben. Dass er ihr bereits seit Längerem ihr eigenes Geld einbrachte, erfüllte sie zusätzlich mit Stolz. Sicher, am Anfang war der Zuspruch eher bescheiden gewesen. Die meisten Besucher waren aufgrund der Popularität ihres Vaters gekommen, aber schließlich bedeutete auch jeder zufriedene Kunde die beste Reklame für ihr Geschäft. Außerdem lockte die gute Lage des Ladens, in der Altstadt von Bad Münstereifel, nicht nur aufgrund des City-Outlets an den Sommertagen ganze Touristenströme an, sondern bot ihr auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil, diesen noch zusätzlich an vielen Sonntagnachmittagen öffnen zu können. Einzige Bedingung für diese Ausnahmeregelung war der Verkauf von Postkarten und kleineren Andenken, die sie in einem eigens dafür angefertigten Weichholzregal ausstellte. Dafür nahm sie die tägliche Anreise von knapp 50 Kilometern gerne in Kauf. Sophie wohnte in Hinterweiler, Landkreis Vulkaneifel.

Bei ihr musste man immer genügend Zeit mitbringen. Schnelle Geschäfte lagen ihr nicht. Sie mochte persönliche Kontakte und ausgiebige Gespräche bei einer guten Tasse Kaffee. Als der Laden immer besser lief, hatte sie Marita angestellt. Zuerst war ihre neue Aushilfe noch recht unerfahren gewesen, doch schon bald hatte sie sich als gute Rechnerin und fleißige Angestellte erwiesen. Sophie vertraute ihr völlig und jetzt, nach fünf Jahren Praxis, schien sie mit allen Wassern gewaschen zu sein. Bei dieser Ausführung musste sie unwillkürlich an Roger Peters denken, den sie am frühen Morgen persönlich kennengelernt hatte. Auf einmal spürte sie, wie sie traurig wurde. „Komisch, dass mir dieser Reiseschriftsteller gerade jetzt in den Sinn kommt …“ Aber dann wusste sie, was es war. Er erinnerte sie an ihren Vater, der vor sechs Monaten auf furchtbare Weise ums Leben gekommen war. Roger hatte sofort auf sie den Eindruck gemacht, als sei er eine Persönlichkeit, die sich überall behaupten konnte, genau wie ihr Vater. Er war allein durch Lateinamerika gereist und das bedeutete schon etwas. Und es waren seine Augen, die etwas ganz Spezielles an sich hatten und Geborgenheit und Sicherheit ausstrahlten. „Ja, das war es, genauso wie eine gewisse Härte und Intelligenz. Merkwürdig“, dachte sie und nagte sanft an ihrer Unterlippe. „Er geht mir einfach nicht mehr aus dem Sinn …“

Als die Türglocke läutete, erschrak sie sich zunächst, drehte sich um und schob ihre sonderbaren Gedanken zur Seite.

„Frau Böker? Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung, ich bin noch aufgehalten worden.“

„Aber das macht doch gar nichts, Heiner.“

Sie überlegte kurz, ob sie ihm erzählen sollte, dass sie sich auch verspätet hatte, ließ es aber bleiben. „Kaffee gefällig? Ich habe gerade erst frischen aufgesetzt.“

„Oh ja gerne, das ist sehr freundlich von Ihnen. Wissen Sie, ich bin heute Morgen einfach noch nicht zum Frühstücken gekommen.“ Er lächelte und entblößte dabei seine abgekauten Zahnkronen.

„Du hast gestern am Telefon ziemlich geheimnisvoll geklungen. Was ist es denn nun, was du mir unbedingt zeigen möchtest? Nimmst du eigentlich Zucker in deinen Kaffee?“

„Eigentlich sollte ich ja ablehnen, aber ich denke, ein Löffel geht schon.“ Sein Blick huschte rasch über Sophies Schuhe mit den hohen Absätzen, als diese ihre Beine elegant übereinander schlug.

„Schade, dass sie so ganz in einer anderen Liga spielt“, dachte er, besann sich aber dann auf sein eigentliches Anliegen. Rasch schlug er die mitgebrachte Decke auseinander und zeigte Sophie, was er ihr anzubieten hatte. Die Wirkung war verblüffend und wirklich sehenswert. Ihre Gesichtszüge nahmen alle nur erdenklichen Formen und Farbtöne an, bis sie schließlich zusammenzuckte und erblasste. Die „grüne“ Dame rang tatsächlich nach Atemluft, wusste sie doch sofort was es war, auch wenn sie dergleichen noch niemals zuvor in den eigenen Händen gehalten hatte: Ein frühes Gemälde von Diego Quispe Tito aus der Schule Cuzcos. So etwas fehlte selbst in der umfangreichen Sammlung ihres Vaters.

Sie zweifelte nicht an der Echtheit des Gemäldes. Bisher hatte ihr Heiner nur authentische Stücke geliefert. Respektvoll und fast schon zärtlich strich sie mit ihren Fingerspitzen über das zarte Leinen, fuhr mit äußerster Vorsicht an den barocken Konturen der Gesichter, Stoffe und Kleider jener Heiligenfiguren entlang, die der begabte Künstler bereits im frühen siebzehnten Jahrhundert in sogenannter Brokat-Technik mit feinstem Blattgold versehen hatte. Es dauerte eine Weile, bis sie sich von dem freudigen Schock erholt und ihre Stimme wiedergefunden hatte.

„W…woher hast du das?“, stammelte sie. „Es ist unglaublich …, unglaublich schön!“

„Ja, das ist es! Und was meinen Sie, wie viel ist das Gemälde wert?“

Daran hatte Sophie noch keinen Gedanken verschwendet. „Ich weiß nicht genau“, stotterte sie vor sich hin. „Auf so etwas bin ich einfach nicht vorbereitet. Macht es dir etwas aus, wenn ich es gleich an mich nehme? Natürlich gegen Quittung! Und etwas Bargeld habe ich auch noch in der Kasse, das kannst du gerne als Anzahlung haben.“

Heiner ließ sich mit einer Antwort absichtlich viel Zeit und lächelte. „Ein Lächeln ist niemals vergeudet“, dachte er. Dann verlagerte er sein Gewicht auf den anderen Fuß und meinte: „Sie wissen ja, wie solch ein Geschäft normalerweise abläuft: Cash on Delivery, aber ich weiß, dass ich Ihnen vertrauen kann. Nur gehen Sie bitte nicht gleich damit hausieren. Ich muss an meine Kontakte denken und sie schützen, Sie wissen ja, wie das ist …“

Wusste sie nicht wirklich, sagte aber: „Das ist doch selbstverständlich! Vielen Dank, Heiner, dass du so entgegenkommend bist. Nach so einem Gemälde suche ich schon eine halbe Ewigkeit, ich melde mich so bald wie möglich und dann unterbreite ich dir ein großzügiges Angebot!“

„Da bin ich mir sicher“, entgegnete Heiner und verließ Sophies Antiquitätenladen. Er war mit sich und seiner Welt zufrieden.

Verlässt man die Autobahn A1 an der Ausfahrt Wermelskirchen und hält sich links, Richtung Solingen, so ...

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