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Ehebrecher und andere Unschuldslämmer

Über die Autorin

Kerstin Gier hat als mehr oder weniger arbeitslose Diplompädagogin 1995 mit dem Schreiben von Frauenromanen begonnen. Mit Erfolg: Ihr Erstling Männer und andere Katastrophen wurde mit Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt, und auch die nachfolgenden Romane erfreuen sich großer Beliebtheit. Ein unmoralisches Sonderangebot wurde mit der »DeLiA« für den besten deutschsprachigen Liebesroman 2005 ausgezeichnet. Heute lebt Kerstin Gier, Jahrgang 1966, als freie Autorin mit Mann, Sohn, zwei Katzen und drei Hühnern in einem Dorf in der Nähe von Bergisch Gladbach.

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Dagmar und alle ihre lieben Faxe, die mir immer wieder Mut gemacht, mich täglich aufs Neue aufgemuntert, getröstet, angespornt und inspiriert haben.

Louisa

Das Schlimme an meiner Mitbewohnerin Betty Peters war nicht, dass sie meine Wimperntusche benutzte, ihre Kaugummis unter den Küchentisch klebte und die Flippers hörte, wenn sie beschwipst war. Es störte mich auch nicht, dass sie grundsätzlich meinen Vorrat an Schokoriegeln aufaß und Persönlichkeitsanalysen von Frauen anhand ihrer Lippenstiftform anfertigte. Nein, das wirklich Schlimme an Betty Peters war, dass sie nicht Nein sagen konnte, wenn sich jemand aus ihrer Familie zu Besuch ansagte. Betty hatte eine große Familie, und sie fanden es alle famos, eine kostenlose Unterkunft in Berlin zu haben, wenn es sie in die Hauptstadt zog. Und es zog sie häufig, so viel stand fest. Bettys große Schwester Dotty kam mindestens zweimal im Jahr her und brachte ihre beiden Kinder Lucie und Lars mit. »Großstadt schnuppern«, nannte sie das. Betty und ich nannten es: »Die große Heimsuchung.«

In diesem Halbjahr fiel die große Heimsuchung in den Oktober, zusammen mit Semesterbeginn und der nicht länger zu verleugnenden Tatsache, dass mein prämenstruelles Syndrom bereits mehrere Wochen andauerte und wahrscheinlich überhaupt kein prämenstruelles Syndrom war.

Ich wurde wach, weil Lars mit seinem Bobbycar den Flur auf und ab fuhr. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es sechs Uhr morgens war, recht spät für Lars’ Verhältnisse, verdammt früh für mich. Meine erste Vorlesung – »Pervertierung des menschlichen Potenzials – Aggression als erworbener Trieb« – fing um zehn Uhr an. Vorher wollte ich allerdings in die Apotheke und mir einen Schwangerschaftstest besorgen. Es war Zeit, sich Gewissheit zu verschaffen. Dass ich seit Tagen ununterbrochen »bitte, bitte nicht« vor mich hin flüsterte, wenn ich allein war, war wirklich keine besonders erwachsene Reaktion.

Das Bobbycar im Flur rammte unseren überladenen Garderobenständer. Aus dem Gepolter und Lars’ ohrenbetäubendem Gebrüll zu schließen, fiel der Garderobenständer um. Na ja, machte nichts, die Nachbarn sprachen ohnehin seit Dottys letztem Besuch kein Wort mehr mit uns. Ich hörte, wie Dotty die Tür ihres Zimmers (in Wirklichkeit war es unser Wohnzimmer) öffnete und Lars ein paar pädagogisch wertvolle Tipps gab.

»Ja, dummer Garderobenständer, böser Garderobenständer«, sagte sie. »Den darfst du ruhig mal tüchtig treten!«

Offensichtlich befolgte Lars ihren Rat, denn gleich darauf brüllte er noch viel lauter.

»Siehst du, das hat man davon, wenn man keine Pantoffeln anzieht«, sagte Dotty.

Wozu musste ich eigentlich Psychologieseminare besuchen, wenn die »Pervertierung menschlichen Potenzials« sich direkt vor meiner Zimmertür abspielte?

In diesem Augenblick fing auch Lucie an zu weinen. Sie war neun Monate alt und weinte ziemlich oft. Und ziemlich laut. Die Zähne, sagte Dotty. Das letzte Mal waren es Dreimonatskoliken gewesen. Dotty hatte nach eigenen Angaben seit neun Monaten keine Nacht mehr als zwei Stunden am Stück geschlafen.

»Bitte, bitte nicht«, flüsterte ich unwillkürlich.

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In der Küche hatten wir ein Schild aufgehängt, das in großen Buchstaben eine bekannte Weisheit verkündete: »Besuch ist wie Fisch. Nach zwei Tagen fängt er an zu stinken.« Ich hatte es Betty zum Geburtstag geschenkt. Der Fisch, den ich dazu gemalt hatte, hatte einen Schmollmund in Dottys bevorzugter Lippenstiftfarbe Dunkellila. Daneben hatte ich zwei kleine Fische gemalt. Einer davon trug eine rote Latzhose. Aber bei Dotty reichte es nicht aus, mit dem Zaunpfahl zu winken.

Als ich aus der Uni zurückkam, saß sie direkt unter dem Schild am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Betty fütterte Lucie mit Brei, und Lars malte. Ein idyllisches Bild, wenn man davon absah, dass Lars die Rückseite meiner Rückmeldebescheinigung bemalte, Lucie die pürierten Möhren auf Bettys Bluse verschmierte und Dotty die Kartoffeln nicht für uns schälte. Sie kochte zweimal am Tag mit großem Aufwand eine warme Mahlzeit, aber leider nur für sich und die Kinder. Unter erschwerten Bedingungen, wie sie uns klarmachte, denn niemals war ihr ein schlechter sortierter Haushalt untergekommen als unserer.

»Ich konnte euren Apfelteiler nirgendwo finden«, sagte sie auch jetzt wieder.

Betty hatte schon den Mund geöffnet, um zu fragen, was genau denn ein Apfelteiler sei, aber ich brachte sie mit einem warnenden Blick zum Schweigen. Mit Rückfragen dieser Art hatten wir uns in den letzten Tagen schon ellenlange Vorträge über Funktion und Nutzen eines speziellen Nudelwasserabgießdeckels, eines Bananenschneiders und einer Brotbackmaschine eingehandelt. Was genug war, war genug. Ich griff in die Besteckschublade und reichte Dotty ein Küchenmesser.

»Hier ist er doch«, sagte ich und lächelte so süß ich konnte, »unser allerbester Apfelteiler.«

Dotty fiel nicht darauf herein. »Du weißt ganz genau, dass das ein Küchenmesser ist, Louisa«, sagte sie.

Bevor sie aber dazu kam, uns den Unterschied zwischen einem Küchenmesser und einem Apfelteiler auseinanderzusetzen, floh ich ins Badezimmer. Es wurde Zeit für den Schwangerschaftstest. Zur Tarnung ließ ich mir ein Bad einlaufen.

Als ich das Teströhrchen von der Plastikfolie befreite, bemerkte ich, dass meine Hände zitterten.

»Warten Sie fünf Minuten«, stand in der Packungsbeilage. Ich setzte mich auf den Badewannenrand und starrte das schicksalhafte weiße Plastikstäbchen an. Wurde aus dem rosafarbenen Strich ein Pluszeichen, bedeutete das, ich war schwanger. Blieb es beim Strich, würde ich nie, nie wieder vergessen, die Pille zu nehmen, Ehrenwort, ich würde sogar zusätzlich mit Kondom verhüten und mir eine Spirale einsetzen lassen …

»Lars muss mal aufs Klo«, sagte Betty vor der Tür. Lars trat zur Verdeutlichung ihrer Worte mit dem Fuß dagegen.

»Jetzt nicht«, sagte ich, ohne die Augen von dem Teststäbchen zu wenden.

»Er muss aber dringend, Louisa«, sagte Betty, und an ihrem Tonfall erkannte ich, dass es wirklich dringend war. Seit Lars keine Windeln mehr trug, konnte man diesbezüglich kein Risiko eingehen. Der Teppichboden hatte schon unter dem Bobbycar genug gelitten. Ich versteckte den Schwangerschaftstest samt Verpackung im Schrank und öffnete die Tür.

Während Lars sich mit bereits heruntergelassener Hose auf das Klo stürzte, durchwühlte Betty hastig den Kulturbeutel ihrer Schwester.

»Da, schau dir das an«, sagte sie und hielt mir Dottys geöffneten Lippenstift unter die Nase. »Spitz und kantig, wie das Matterhorn. Das bedeutet, sie ist kleinlich, rechthaberisch und ohne jegliches Einfühlungsvermögen.«

»Wer hätte das gedacht?«, murmelte ich abwesend.

»Abputzen«, befahl Lars.

»Wie heißt das Zauberwort?«, fragte Betty freundlich.

»Ab-put-zen«, gab Lars genauso freundlich zurück. Zauberworte wie »bitte« und »danke« waren ihm gänzlich unbekannt, seine Mama benutzte sie auch nicht.

»Sie hat gesagt, dass sie darüber nachdenkt, morgen nach Hause zu fahren«, sagte Betty zu mir, während sie ihres Amtes als Abputzer waltete.

»Nachdenken ist ja schon mal was.« Ich schielte zum Schrank hinüber.

»Nächstes Mal sage ich, dass wir eine ansteckende Krankheit haben und dass unser Mixer kaputt ist«, versprach mir Betty, als Lars voller Tatendrang davongestiefelt war. (Um die Wohnzimmertapete mit Kugelschreiber zu bemalen, wie wir hinterher feststellten.) »Und du musst zugeben, dass es auch seine guten Seiten hat. Immer wenn Dotty hier war, wissen wir ganz sicher, dass wir niemals Kinder haben wollen.«

»Also, niemals würde ich nicht sagen«, sagte ich unbehaglich. »Nur nicht unbedingt jetzt.«

»Wo habt ihr denn euren Kartoffelstampfer?«, rief Dotty aus der Küche.

Betty lächelte mich verschwörerisch an. »Was genau meinst du mit einem Kartoffelstampfer, Dotty?«

Ich schloss die Tür hinter ihr ab und stürzte zum Schrank. Die fünf Minuten waren um.

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Die Babys waren nicht das Problem, ehrlich nicht. Ich mochte Babys, jedenfalls die meisten. Ich mochte ihre grübchenbesetzten Hände und die sonderbar gurgelnden Laute, die sie von sich gaben, und ich mochte ihr Lächeln, das ebenso zahn- wie vorbehaltlos und gerade deswegen hinreißend war. Nein, die Babys waren nicht das Problem. Auch nicht die Mütter, obwohl sie nicht eben hoch oben auf meiner Sympathieliste standen. (Na ja, um ehrlich zu sein, war Dotty die einzige junge Mutter, die ich kannte, und sie musste ja nicht unbedingt ein Paradebeispiel darstellen. Aber Betty sagte, vor Lars’ Geburt sei auch Dotty ein ganz normales, nettes Mädchen gewesen, was jetzt kaum noch vorstellbar war. Betty schob die Schuld auf eine Art »Muttergen«, das beim Kinderkriegen aktiviert und aus patenten Frauen eingebildete Nervensägen machte, die glaubten, die Welt habe sich ausschließlich um sie und ihren Nachwuchs zu drehen.)

Das Problem war der Zeitpunkt. Wenn ich irgendwann einmal Mutter werden sollte, dann auf keinen Fall jetzt. Ich wollte mein Studium abschließen und etwas damit anfangen, bevor ich mich mit der Gründung einer Familie befasste. Ich wollte nicht umsonst die Studentin mit dem besten Vordiplom des Jahrgangs gewesen sein! Ich wollte Karriere machen, Geld verdienen, etwas von der Welt sehen. Zwei Semster hatte ich noch fürs Studium eingeplant, dann wollte ich die bestmögliche Diplomarbeit schreiben, ein Jahr im Ausland arbeiten und danach einen lukrativen Job finden. Ich hatte alles schon ganz genau geplant. Nur nicht, die Pille zu vergessen. Ich hatte keine Ahnung, wie mir dieser Fehler hatte unterlaufen können. Eines Tages hatte ich die Pille aus dem Samstagsfeld drücken wollen und zu meinem Schrecken feststellen müssen, dass das Freitagsfeld noch völlig unberührt war. Ich verbuchte es unter »unerklärliche Phänomene« und hoffte auf das Beste. Nun, meine Hoffnungen hatten sich nicht erfüllt.

Zu einem positiven Schwangerschaftstest gehören aber immer zwei Personen. Der andere war mein Freund Andi, den ich am selben Abend mit dem Test in der Handtasche und äußerst gemischten Gefühlen heimsuchte.

Andi und ich waren seit sieben Monaten zusammen. Auf eine unkomplizierte, nette Art und Weise. Er war der bestaussehende Freund, den ich je gehabt hatte, groß, mit dunklen Locken und umwerfend grünen Augen, und der erste, mit dem ich mich nicht ständig stritt. Er war Betriebswirt, hatte im Sommer seine erste Stellung angetreten und verdiente ein Schweinegeld, jedenfalls verglichen mit dem, was mir monatlich zur Verfügung stand. Auch sonst wusste ich nur Positives über ihn zu sagen: Er war einfühlsam und fantasievoll im Bett, schrieb wunderbar romantische Liebesbriefe und interessierte sich für die gleichen Bücher und Filme wie ich. Am Anfang unserer Beziehung hatte ich täglich darauf gewartet, dass endlich seine schlechten Seiten zutage treten würden, aber das waren sie bis heute nicht. Irgendwann war ich zu der Überzeugung gelangt, dass er einfach keine schlechten Seiten hatte. Das Einzige, was mich ein bisschen störte, war seine Beziehung zu seinen Eltern, die ihn und seinen jüngeren Bruder immer noch kontrollieren wollten und es meiner Ansicht nach auch taten. Wenn Andi und Stephan mal einen Sonntag nicht zum Familienessen erschienen, war sein Vater, ein schwerreicher Unternehmer, wochenlang beleidigt, und seine Mutter bekam Migräne.

»Was passiert wohl, wenn du mal zwei Wochen fehlst?«, hatte ich Andi einmal scherzeshalber gefragt, und er hatte (ziemlich ernst) geantwortet: »Das weiß keiner von uns, wir haben es noch nicht ausprobiert. Vermutlich würden sie uns enterben, und das möchten weder Stephan noch ich riskieren.«

Aber von seinen Eltern mal abgesehen war Andi der beste Mann, der mir jemals über den Weg gelaufen war.

»Es gibt umwälzende Neuigkeiten, Herzchen«, sagte er, als er mir an diesem Abend die Tür öffnete.

Ich starrte ihn überrascht an. Woher wusste er das? Hatte er Röntgenaugen, mit denen er durch das Leder meiner Handtasche direkt auf den Schwangerschaftstest gucken konnte?

»Umwälzend … kann man wohl sagen«, stotterte ich. »Woher … ich meine, wie …?«

»Vor dir steht der neue Vertriebsleiter der Abteilung«, sagte Andi und strahlte über das ganze Gesicht. »Ist das nicht irre? Ich bin erst vier Monate im Betrieb, und schon falle ich die Karriereleiter hinauf! Vierzig Leute können mich demnächst ihren Chef nennen.« Andi umarmte mich voller Begeisterung. »Mein Vater war ganz aus dem Häuschen, als ich es ihm gesagt habe.«

»Gratuliere«, sagte ich lahm. Um meinen mangelnden Enthusiasmus wettzumachen, setzte ich fragend hinzu: »Und wie kam es dazu? Ich dachte, deine Chefin sitzt auf ihrem Posten wie festgetackert?«

»Hab ich ja auch gedacht!« Andi ging vor mir her in die Küche. Es roch lecker nach Frikadellen, richtig saftigen Buletten. Während ich den Tisch deckte, schnitt Andi Tomaten in Scheiben. »Die Gluck war für mich bis heute der Inbegriff einer Karrierefrau. Sah spitzenklasse aus, hatte Charme und Stil und war wahnsinnig gut in ihrem Job. Die Beste in der Branche. Die hat am Tag fünf Anrufe von Headhuntern bekommen, so gut war die.«

»Sie hat also was Besseres gefunden?«

Andi schüttelte den Kopf. »Schön wär’s ja. Nein, man glaubt es kaum, die kriegt ein Kind!« Er köpfte schwungvoll eine Tomate. »Und schwupp ist sie weg vom Fenster. So ist das. Voll in die Hormonfalle getappt.«

»Aber das sind doch typisch männliche Vorurteile!« Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich verpflichtet, seine Chefin zu verteidigen. »Man kann Kind und Karriere durchaus unter einen Hut bringen. Wozu gibt es schließlich Gleichberechtigungsgesetze, Erziehungsurlaub und Tagesmütter und all das?«

»Ach, Lou, Herzchen, du bist wirklich naiv. In der Praxis funktioniert das doch nie. Die Gluck war eine knallharte Karrieristin, der hat die Arbeit einen Mordsspaß gemacht, das hat man ihr angemerkt. Reichst du mir mal den Essig? Jetzt ist sie ein paar Wochen schwanger und faselt was von Halbtagsarbeit und Wertewandel. Ich sag dir was: Wenn es die Gluck nicht schafft, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, dann schafft es keine.«

»Das glaube ich nicht. Vielleicht hat sie nur im Job schon alles erreicht, was sie erreichen wollte, und möchte jetzt eine wohlverdiente Pause machen«, sagte ich, obwohl ich unter anderen Umständen – andere Umstände, haha! – ganz seiner Meinung gewesen wäre. »Sie ist schließlich schon Ende dreißig, oder? Bei jüngeren Frauen, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen, ist das was anderes. Die haben den Ehrgeiz, beides unter einen Hut zu bekommen. Das ist alles eine Frage der Organisation.«

»Das ist eben der Irrtum«, erwiderte Andi. »Es ist keine Frage der Organisation, sondern der Hormone! Wenn die Hormonfalle zuschnappt, dann werden aus den tollsten und intelligentesten Frauen besorgte Muttis, die sich nur noch für die richtige Temperatur des Fläschchens interessieren. Die Gluck heißt bei uns jetzt nur noch die Glucke. Schade drum, wirklich.« Er stellte die Schüssel mit Tomatensalat auf den Tisch und grinste mich breit an: »Auf der anderen Seite verdanke ich ihren fehlgeleiteten Hormonen einen unerhofften Karrieresprung. Und eine fette Gehaltserhöhung! Darauf stoßen wir jetzt an.«

Obwohl ich fast daran erstickte, zögerte ich noch, den Schwangerschaftstest aus der Handtasche zu zaubern. Der Zeitpunkt erschien mir denkbar ungünstig. Ich setzte mich erst mal an den Tisch, aß meine Buletten und stieß mit Andi auf seine Beförderung an.

»Auf dich. Auf den besten Chef, den sie je hatten«, sagte ich.

»Auf uns! Auf eine wunderbare Zukunft!«, gab Andi zurück. »Und darauf, dass alle unsere Wünsche Wirklichkeit werden.«

Ich nahm einen Schluck Sekt und sah Andi tief in die Augen. »Und was ist, wenn mal was nicht so ganz nach Plan verläuft? Könntest du dir vorstellen …?«

In diesem Augenblick klingelte im Nebenzimmer das Telefon.

»Merk dir, was du sagen wolltest«, sagte Andi, während er aufstand und nach nebenan ging.

»Worauf du dich verlassen kannst«, murmelte ich und bückte mich nach meiner Handtasche. Ich war schon über eine halbe Stunde hier und meine Neuigkeit immer noch nicht losgeworden. Das war doch albern. Andi benötigte keine Schonfrist, er war schließlich souverän und erwachsen – und der Urheber des Problems. Ganz sicher würde er wissen, wie wir damit umzugehen hatten.

Auf seinem Teller lag eine letzte Bulette. Ohne lange zu überlegen, rammte ich das dünne Ende des Schwangerschaftstestes in die Mitte der Bulette. Es sah lustig aus, wie eine Hallig mit einem Telegrafenmast.

Aber als Andi zurückkam, schenkte er seinem Teller keinen Blick.

»Lou, da ist Betty am Telefon«, sagte er und guckte auf den Boden.

»Ist was passiert?«, fragte ich alarmiert. Betty rief sonst niemals hier an, und wenn sie eine freudige Nachricht überbracht hätte – zum Beispiel, dass Dotty gerade ihre Klamotten zusammenpackte –, hätte Andi nicht so ein betroffenes Gesicht gemacht.

Er nickte und machte Anstalten, mir vom Stuhl zu helfen. Mir sank das Herz irgendwo in die Kniegegend, während Andi mich am Arm führte, als wäre ich mindestens hundert Jahre alt und könnte meinen Gehwagen nicht finden.

Der Telefonhörer fühlte sich klamm an.

»Was ist los, Betty?«, krächzte ich.

»Deine Mutter hat eben angerufen«, sagte Betty. Sie klang ganz anders als sonst. »Louisa, es tut mir so leid. Dein Vater ist gestorben.«

Obwohl mir klar war, dass Betty wohl kaum Scherze mit mir trieb, weigerte ich mich, es zu glauben. Ich sagte unsinnige Dinge wie: »Aber ich habe gestern noch mit ihm telefoniert« und: »In unserer Familie werden alle mindestens achtzig« und (wofür ich mich später am meisten schämte): »Das möchte ich von ihm selber hören.«

»Dein Vater hatte heute Nachmittag einen Herzinfarkt«, musste Betty mindestens dreimal wiederholen. »Er war tot, bevor der Notarzt da war.«

Als ich es endlich begriffen hatte, setzte ich mich auf Andis Sofa und weinte. Andi streichelte unbeholfen über meinen Kopf.

Der Schwangerschaftstest war vollkommen vergessen.

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Ich nehme eigentlich nie Anhalter mit. Nicht nur, weil sie angeblich dazu neigen, ein Messer zu ziehen, und einen zwingen, in einen unübersichtlichen Feldweg abzubiegen, sondern weil mein Beifahrersitz immer mit jeder Menge Krempel blockiert ist. Außerdem sehe ich sie viel zu spät am Straßenrand stehen, und bis ich mich entschieden habe, zu blinken und anzuhalten, bin ich meistens schon vorbeigefahren.

Diesen aber sah ich schon von Weitem. Er stand gleich hinter der Autobahnausfahrt auf dem Randstreifen, und die Oktobersonne ließ seine nach allen Seiten abstehenden roten Haare aufleuchten wie ein Haltesignal. Ich trat spontan auf die Bremse und kam zwei Meter hinter ihm zum Stehen.

Ich habe rothaarige Männer nie sonderlich attraktiv gefunden, aber dieser hier war besonders hässlich. Aus dem mit Sommersprossen übersäten Gesicht ragte eine riesige Raubvogelnase, die Bartstoppeln, die sein vorspringendes Kinn bedeckten, waren rotblond, eine der Augenbrauen über seinen dunklen, ein bisschen unheimlichen Augen wurde durch eine breite weiße Narbe geteilt. Ich hatte mich von der harmlosen Pumuckl-Frisur täuschen lassen. Er sah eigentlich genau aus wie jemand, der einen mit vorgehaltenem Messer in den nächstgelegenen Feldweg zwingt.

Aber jetzt war es zu spät.

»Du kommst ja aus Berlin«, stellte er fest. Von Weitem hatte ich ihn für höchstens siebzehn gehalten, jetzt sah ich, dass er älter war, Anfang zwanzig vielleicht.

»Ja, und?« Ich fing an, die Sachen vom Beifahrersitz nach hinten zu werfen. Der Berg vollgeheulter Papiertaschentücher machte sicher keinen besonders guten Eindruck auf den Anhalter, ebensowenig wie die unappetitlichen Essensreste. Ich ärgerte mich über mich selbst. Die ganze Strecke über hatte ich mich zwar nach Gesellschaft gesehnt, aber das war kein Grund, kurz vor dem Ziel noch einen wildfremden Mann mitzunehmen. Zumal meine Tränen schon ungefähr seit Düsseldorf versiegt waren.

»Ich müsste in ein Kaff namens Jahnsberg«, sagte der Anhalter, und man konnte deutlich die Skepsis in seiner Stimme hören.

»Steig ein«, erwiderte ich lässiger, als mir zumute war, und legte eine angegessene Tüte Gummibärchen auf eine Zeitschrift auf dem Rücksitz. Es gefiel mir, dass er mich für eine Berlinerin hielt, die sich in diese finstere Provinz nur verirrt haben konnte. Dass es in Wirklichkeit umgekehrt war – nämlich ich eine finstere Provinzlerin, die sich nach Berlin verirrt hatte –, sah man mir wenigstens nicht an. »Bis Jahnsberg sind es noch fünfzehn Kilometer. Wo genau musst du denn da hin?«

»Zu meiner Mutter … Ähm, du kannst mich irgendwo in der Ortsmitte rauslassen.« Der junge Mann setzte sich auf ein rotes Gummibärchen, das ich übersehen hatte. »Ich frag mich dann so durch.«

»Da gibt es keine Ortsmitte«, belehrte ich ihn. »Jahnsberg besteht aus siebzehn Ortsteilen. Und die verteilen sich über Berg und Tal. Es wäre schon sinnvoll, den Ortsteil zu kennen, weil – mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist es hier nicht weit her.«

»Das habe ich gemerkt. Siebzehn Ortsteile! Und ich dachte, das ist ein kleines Dorf. Meine Mutter hat nämlich immer vom idyllischen Landleben geträumt.«

»Da ist sie in Jahnsberg genau richtig«, bestätigte ich ihm, während ich Gas gab. Die lange Fahrt nur in Gesellschaft von Gummibärchen hatte mich gesprächig gemacht. »Obwohl man in der Regel versucht, das Ortsschild von hinten zu sehen, sobald man den Führerschein hat. Da sagen sich nämlich nicht mal mehr Fuchs und Hase gute Nacht. Es gibt nur ein paar tausend Einwohner, und die heißen alle wie die Ortsteile. Quirrenberg, Ibbenbusch, Herzhof, Binscheid … Aber glaub nicht, dass alle Quirrenbergs in Quirrenberg wohnen und die Herzhofs in Herzhof – nein, es gibt Ibbenbuschs, die wohnen in Quirrenberg, Quirrenbergs in Herzhof, Binscheids in Ibbenbusch und Herzhof, Herzhofs in Helmbach, Helmbachs in Güntershoff …« Mir ging vorübergehend die Luft aus. »Und seit Generationen heiraten sie alle untereinander und sorgen damit für noch mehr Verwirrung. Was?«

Der Anhalter hatte sich geräuspert. »Und wie heißt du?«

»Schneider«, sagte ich überlegen. Er sollte ruhig wissen, dass ich kein Produkt dörflicher Inzucht war. »Natürlich gibt es in Jahnsberg auch Schneiders, Müllers und Schmitzens, wie überall.«

»Kalinke«, sagte der junge Mann.

»Nee, Kalinke gibt es nicht.« Dann begriff ich, dass er sich selber meinte. »Ach so. Freut mich.«

»Meine Mutter wohnt seit ungefähr einem Jahr in Jahnsberg«, erklärte der Anhalter. »Lydia Kalinke. Vielleicht kennst du sie. Rote Haare.«

»Ich bin immer nur an Weihnachten und so zu Hause«, sagte ich und hatte auf einmal wieder diesen Kloß im Hals. »Es ist so weit von Berlin, zu weit, um mal eben kurz vorbeizukommen.«

Mein Beifahrer blickte über die hügeligen Kuhweiden, die links und rechts der Straße vorbeizogen. »Hast du denn nie Heimweh?«

»Nach Jahnsberg hat man doch kein Heimweh«, wollte ich sagen, aber gerade jetzt überwältigte mich die Sehnsucht so heftig, dass ich nicht sprechen konnte. Sehnsucht nach unserer Straße mit der alten Kastanie an der Ecke, nach unserem Haus mit den dunkelbraunen Schlagläden und nach der weichen, wohlduftenden Umarmung meiner Mama. Und nach meinem Papa, dem ich die Geschichte vom weißen Teströhrchen in der Bulette nun nicht mehr würde erzählen können. Ich war mir nicht sicher, ob er darüber gelacht hätte, aber ganz bestimmt hätte er am Ende jenen beruhigenden Satz ausgesprochen, den er immer bereithielt, wenn es schwierig wurde: »Es gibt kein Problem, für das es nicht auch eine Lösung gibt.«

Die Straße verschwamm vor meinen Augen.

»Entschuldigung«, murmelte der Anhalter. »Ich wusste nicht, dass du so sehr an deiner Heimat hängst.«

»Tu ich auch nicht«, sagte ich. »Mein Vater ist gestern gestorben.«

»Ach so«, sagte der Anhalter. Man konnte nicht hören, ob er betroffen oder nur peinlich berührt war.

»Er ist beim Joggen tot umgefallen. Herzinfarkt«, sagte ich und zog heftig die Nase hoch. »Entschuldigung.«

»Ist schon gut«, sagte der Anhalter. »Ich find’s ja im Grunde richtig, dass du darüber weinst. Wenn mein Alter abkratzen würde, würde ich mich freuen. Obwohl er definitiv nichts zu vererben hat. Sogar sein Auto ist nur geleast.«

Wir passierten soeben das gelbe Ortsschild von Jahnsberg. Gleich dahinter an der Bushaltestelle stand immer noch das kleine Holzkreuz, vor dem stets ein frischer Blumenstrauß im Gras lag.

»Frau Schlürscheids Benjamin«, erklärte ich und zeigte auf das Kreuz.

Der Anhalter schluckte. »Überfahren?«

»Jawohl. Obwohl er an der Leine war.« An seinem Gesichtsausdruck erkannte ich, dass der Anhalter Benjamin für ein Kind und nicht für einen Rehpinscher gehalten hatte. Ich lächelte. »Wo genau musst du jetzt hin?«

Der junge Mann holte einen Zettel aus seiner Tasche. »Ibbenbusch vierundzwanzig. Weißt du, wo das ist?«

»Natürlich in Ibbenbusch«, sagte ich überlegen und setzte den Blinker. »Wenigstens was die Straßennamen angeht, herrscht in dieser Gemeinde eine unbestechliche Logik.«

»Ist das auch kein Umweg?«

»Doch. Ein kleiner Umweg. Aber es macht mir nichts aus.« So kurz vor dem Ziel ging es mir schon besser. In wenigen Minuten würde ich mich in Mamas Arme werfen, und wir würden uns gegenseitig trösten.

»Hoffentlich ist meine Mutter auch zu Hause«, sagte der Anhalter. »Sie weiß gar nicht, dass ich komme.«

»Seht ihr euch so selten?«

»Kann man sagen, ja. Ich war zwei Jahre im K … im Kongo.«

»Ach, tatsächlich? Wie spannend.« Ich warf ihm einen Seitenblick zu. Komisch, diese Rothaarigen, die konnten jahrelang im tiefsten Afrika wohnen und sahen immer noch käsig aus. »Was hast du da gemacht?«

»Ich habe als Entwicklungshelfer gearbeitet. Wasserleitungen zur Bewässerung der Wüste gebaut und so was.«

»Hier ist Nummer vierundzwanzig«, sagte ich und kam nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, ob es im Kongo eine Wüste gab oder nicht. »Schönes Haus.«

»Ja«, sagte der Anhalter zufrieden. »Schön groß.« Als er ausstieg, sah ich, dass sich das rote Gummibärchen an seinem Hintern festgeklebt hatte. »Herzlichen Dank fürs Bringen. Bei Gelegenheit werde ich mich revanchieren.«

»Nicht nötig«, sagte ich herzlich, nicht ahnend, dass ein Kalinke grundsätzlich hielt, was er versprach – ob man wollte oder nicht. »Und viel ähm … alles Gute wegen deines Vaters. Auf Wiedersehen.«

»Wiedersehen.« Ich wartete, bis er die Tür zugeschlagen hatte, und gab Gas. Das Gummibärchen würde schon von allein abfallen.

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Zum ersten Mal in meinem Leben roch es bei uns zu Hause nicht nach leckerem Essen oder frisch gebackenem Kuchen, als ich ankam. Während ich aufschloss, hörte ich Stimmen aus dem Wohnzimmer. Ganz leise wie ein Einbrecher öffnete ich die Wohnzimmertür.

Ich hatte gehofft, meine Mutter alleine anzutreffen, ohne Zuschauer, die einen hilflos und voller Mitleid betrachten würden. Aber diese Hoffnung konnte ich gleich begraben. Papas Schwestern Patti und Ella saßen in der Essecke und blätterten in alten Fotoalben, Mamas jüngerer Bruder Harry unterhielt sich mit einem Mann im dunklen Anzug, den ich nicht kannte, und unsere Nachbarin Carola Heinzelmann arrangierte einen Strauß weißer Nelken in einer Blumenvase. Mein halbwüchsiger Cousin Philipp fläzte sich breitbeinig in einem Sessel herum und telefonierte mit seinem Handy. Ganz hinten auf dem Sofa saß meine Mutter, flankiert von Herrn und Frau Hagen, ebenfalls Nachbarn von uns. Meine Mutter sah selbst auf diese Entfernung rotnasig und verquollen aus, wie jemand, der die Nacht in einem zu stark gechlorten Schwimmbad verbracht hat.

Es gab in unserem Haus nur drei Regeln, auf deren Einhaltung wir bisher eisern geachtet hatten. Die erste lautete: »Lass niemals die Hagens auf einem Möbelstück sitzen, das du noch nutzen willst.« Die Hagens waren nämlich so dick, dass mein Vater immer gesagt hatte, er warte nur auf den Tag, an dem sie mal gemeinsam auf ihrem Balkon stehen und damit in den Vorgarten hinunterkrachen würden. Jetzt saßen sie auf dem guten, noch ziemlich neuen Sofa, und zwar gleich alle beide!

Die zweite Regel lautete: »Rauchen ist nur auf der Terrasse erlaubt«, und meine Eltern hatten immer besonders energisch für die Einhaltung dieser Regel gesorgt. Es gab nicht mal einen Aschenbecher im Haus. Jetzt rauchten drei Leute, meine Tanten am Esstisch und mein Onkel, und nach der nebelverhangenen Zimmerluft zu schließen, taten sie das schon eine ganze Weile. Die Asche der Zigarette meines Onkels rieselte lautlos auf den Perserteppich.

Die dritte Regel in unserem Haus lautete: »Keiner darf auf Wanjas Sessel sitzen.« Wanja war unser alter Kater, der nirgendwo zu sehen war, vermutlich weil sein geliebter Schlafplatz von meinem Cousin Philipp besetzt war, der gut gelaunt mit seinem Handy plauderte.

Ein paar Sekunden blieb ich unbemerkt in der offenen Tür stehen und nahm all diese Regelbrüche in mich auf, dann verstummten die Gespräche, und die Blicke ruhten auf mir.

Ich rührte mich nicht von der Stelle. Tatsächlich wusste ich nicht recht, was von mir erwartet wurde. Durfte ich in Tränen ausbrechen und meiner Mutter in die Arme sinken, wie ich es mir seit 600 Kilometern gewünscht hatte, oder musste ich damit warten, höfliche Konversation betreiben und den Gästen Kaffee anbieten?

»Tag zusammen«, sagte ich nach gründlicher Überlegung.

Onkel Harry schlug mir krachend auf die Schulter. »Die Amelie braucht dich jetzt, Loretta.« Er hatte die unschöne Angewohnheit, mich bei allen möglichen Namen zu rufen, nur nicht bei meinem eigenen.

Tante Ella packte kurz meinen Oberarm. »Ein großes Unglück für uns alle, Kind.«

»Ich glaube, wir könnten jetzt erst mal einen Cognac gebrauchen«, sagte Tante Patti und drückte ihre Zigarette auf einer Untertasse aus.

Meine Mutter hinten auf der Couch hatte mich noch nicht bemerkt, sie saß apathisch da, eingezwängt zwischen den beiden Hagens, und bangte vermutlich nicht mal mehr um das gute Sofa.

»Gut, dass du da bist, Louisa«, sagte Carola Heinzelmann, die Nachbarin, und lächelte mich an. »Ich habe Kaffee gemacht und Schnittchen gebracht. Deine Mutter hat seit gestern weder gegessen noch getrunken. Wir müssen dafür sorgen, dass sie was zu sich nimmt.«

Ich nickte. Arme Mama.

Der unbekannte Mann im Anzug war, wie sich herausstellte, der Bestattungsunternehmer. Er räusperte sich.

»Sind – Sie – die – Tochter – des – Hauses?«, fragte er. Er machte zwischen jedem Wort eine so lange Pause, dass ich im ersten Augenblick dachte, er habe eine Sprachbehinderung. In Wahrheit sprach er so langsam und bedeutungsvoll, weil er das Trauernden gegenüber für angemessen hielt. Menschen in dieser Situation waren wohl seiner Erfahrung nach nicht mit rascher Auffassungsgabe gesegnet. Jedenfalls erklärte er mir in diesem Tempo, dass der verehrte Verstorbene bei ihnen versorgt und aufgebahrt worden sei, dass aber noch einige Entscheidungen zu fällen seien, die meine Mutter nicht zu treffen in der Lage gewesen wäre.

»Und sicher wollen Sie sich auch noch einmal von Ihrem werten Herrn Vater verabschieden«, sagte er.

Ich schluckte.

»Sie müssen nur vorher anrufen, damit wir ihn für Sie aus der Kühlhalle holen können«, sagte der Bestattungsunternehmer. Hilfesuchend blickte ich zu meiner Mutter hinüber, die sich jetzt von Frau Hagen sogar über den Kopf streicheln ließ. Diese körperliche Nähe zu unseren verhassten Nachbarn offenbarte mir das ganze Elend ihrer Situation. Nein, von ihr war ganz offensichtlich keine Hilfe zu erwarten, im Gegenteil, sie brauchte selber dringend welche.

In diesem Augenblick ertönte eine Melodie in Moll aus der Brusttasche des Bestattungsunternehmers. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, dass es sein Handy war. Es spielte die ersten Töne von »Nehmt Abschied, Brüder«. Zum Totlachen.

»Verzeihung«, flüsterte der Bestattungsunternehmer.

»Das wird teuer«, sagte Onkel Harry, als sich der Bestatter in Erwartung seines nächsten Auftrages eilends von uns verabschiedet hatte. »Ist ja auch leichtsinnig, einfach das erstbeste Beerdigungsinstitut aus den Gelben Seiten zu suchen, ohne einen Preisvergleich zu machen.«

»Man kann doch einen schlichten Kiefernsarg nehmen«, sagte Tante Ella. »Die sind schon teuer genug. Lass dir keinen Eichensarg aufschwatzen, Louisa. Und auch kein Seidenfutter oder anderen exquisiten Schnickschnack.«

»Obwohl der Robert ja in Kunstfaser immer so furchtbar schwitzte«, mischte sich Tante Patti ein.

Philipps Handy bimmelte. »Hi, wo bist’n gerade?«, brüllte er hinein.

»Philipp«, sagte Tante Patti genervt. »Wenn du telefonieren willst, geh nach draußen.« Philipp erhob sich mürrisch und schlürfte hinaus in den Flur.

»Wir könnten jetzt alle einen Cognac gebrauchen«, sagte Tante Patti zum wiederholten Mal und zündete sich eine neue Zigarette an.

Ich hustete anzüglich und sah wieder hinüber zu meiner Mutter. Unter normalen Umständen hätte sie Tante Patti eine Saufnase genannt und sie samt Zigarette auf die Terrasse gejagt. Dass sie sich und ihre schneeweißen Leinenvorhänge widerspruchslos einnebeln ließ, sprach für sich. Vor lauter Qualm konnte man kaum noch das dezente Streifenmuster der Tapete erkennen.

»Ihr seid wohl schon lange hier?«, erkundigte ich mich. Ich hatte aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen, ob das, was ich sagte, passend war oder nicht.

»Wir sind sofort gekommen, als wir es erfahren haben«, sagte Tante Ella.

»Ich habe heute morgen die nächsten Angehörigen telefonisch verständigt«, erklärte Carola. »Und ich habe auch das Beerdigungsinstitut ausgewählt und den Pfarrer informiert.« Carola hatte eine halbe Stelle als Gemeindehelferin, sie kannte sich mit diesen Dingen aus.

»Vielen Dank«, sagte ich dankbar. Sie schien die Einzige zu sein, die hier etwas Nützliches geleistet hatte.

»Die Amelie hat noch nichts gegessen, Lotta«, sagte Onkel Harry und aschte wieder auf den Perserteppich. »Vielleicht bekommt sie ja Appetit, wenn sie was Leckeres riecht.« Das sollte wohl ein Wink mit dem Telegrafenmast sein. Carola Heinzelmann reichte meinem Onkel eine Untertasse.

»Für Ihre Zigarette«, sagte sie kühl. »Die Asche ruiniert Amelies Teppich.«

»Danke, Mädchen«, sagte Onkel Harry, und Carolas Blick wurde noch ein bisschen kühler. Sie sah deutlich jünger aus als sie war, aber offensichtlich fand sie die Bezeichnung »Mädchen« eher beleidigend. Sie war eine attraktive, sportliche Frau von Mitte dreißig, die in ihrer engen Jeans und dem kurzen Pulli eine gute Figur machte. Ihre dunklen Haare trug sie zu einem Zopf geflochten, das schmale Gesicht war leicht geschminkt.

Die Heinzelmanns wohnten im Haus links neben uns. Sie sangen mit meinen Eltern im evangelischen Kirchenchor und spielten einmal im Monat mit ihnen Doppelkopf. Obwohl sie um einiges jünger waren als meine Eltern, verstanden sie sich bestens.

Es waren freundliche, ruhige und hilfsbereite Nachbarn, so angenehm, wie die Hagens unangenehm waren. Sie frisierten keine Motorräder in der Einfahrt, wie es Rüdiger Hagen bevorzugt samstagnachmittags zu tun pflegte, und sie übten nicht sommers wie winters bei offenem Fenster auf der Posaune wie Christel Hagen. Sie beschwerten sich auch nicht darüber, dass mein Vater unsere Hecke so hoch wachsen ließ, dass sie den freien Blick auf unsere Terrasse nahm – was Herr Hagen mehrfach im Jahr monierte –, oder darüber, dass meine Mutter sich gelegentlich auf eben jener Terrasse ohne Oberteil sonnte – was vor allem Frau Hagen aufbrachte. Nein, die Heinzelmanns waren Nachbarn, wie man sie sich besser nicht wünschen konnte.

Es klingelte.

»Das wird der Pfarrer sein«, erklärte Carola und ging, um die Tür zu öffnen.

»Tja, dann ist es jetzt wohl an der Zeit, dass ihr aufbrecht«, sagte ich zu meinen Verwandten.

»Kommt gar nicht in Frage, wir lassen euch nicht im Stich«, sagte Tante Ella, und Tante Patti ergänzte: »Erst in einer Stunde, wenn der Philipp zum Fußball muss.«

»Ich wollte warten, bis Amelie Zeit hat, mir Roberts Golfausrüstung zu geben«, sagte mein Onkel. Als er meinen befremdeten Blick sah, setzte er schnell hinzu: »Er braucht sie ja nun nicht mehr, und es wär doch schade drum, wenn sie irgendwo ungenutzt verstaubt.«

In der Wohnzimmertür war eine weitere Nachbarin mit einem Blech Apfelkuchen erschienen. Dahinter wurde Cousin Philipp sichtbar, der nun mit vollem Mund telefonierte.

»Aaaaah«, rief Onkel Harry erfreut, drückte seine Zigarette auf der Untertasse aus und grabschte sich ein Stück Kuchen. »Das wurde aber auch Zeit. Fehlt nur noch die Schlagsahne.«

»Ist der auch frisch?«, fragte Tante Patti.

»Noch warm«, versicherte Irmela Quirrenberg schüchtern. Sie wohnte zwei Häuser weiter, gleich neben den Heinzelmanns. »Mit Äpfeln aus dem eigenen Garten. Ich könnte schnell gehen und Sahne schlagen, wenn Sie wollen.«

»Unbedingt«, sagte Onkel Harry.

»Auf keinen Fall«, sagte ich mehr zu Onkel Harry als zu Frau Quirrenberg. Sie war so unsicher und offensichtlich bemüht, es allen recht zu machen, dass sie Onkel Harry wahrscheinlich auch eine Nackenmassage verpasst hätte, wenn er danach verlangt hätte.

Tante Patti nahm Frau Quirrenberg das Blech aus der Hand. »Wir könnten auch alle einen Cognac dazu vertragen. Finger weg, Philipp, iss erst mal das eine Stück zu Ende.«

Philipp ließ sich beleidigt auf Kater Wanjas Sessel fallen. »Voll öde hier«, sagte er in sein Handy und drückte auf die Aus-Taste.

Frau Quirrenberg strich sich ihr mausbraunes Ponyhaar aus dem Gesicht und fing übergangslos an zu weinen. »Ach, du armes Luischen«, schluchzte sie. »Das tut mir ja so schrecklich leid für euch. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Du hast sehr an deinem Vater gehangen, das weiß ich doch. Wir werden ihn ja alle so vermissen.«

Beinahe schaffte sie es mit diesen Worten, meine Tränenschleusen erneut zu öffnen, aber in diesem Augenblick bimmelte wieder Philipps Handy, und Onkel Harrys Stimme sagte: »Ohne Sahne ist ein Apfelkuchen nichts wert, hat unsere Mutter immer gesagt.«

»Entschuldige, Louisa, du hast es schon schwer genug«, sagte Frau Quirrenberg und putzte sich die Nase. »Und da komme ich daher und weine dir was vor.«

Carola hatte einen Stapel Teller und Kuchengabeln aus der Küche geholt.

»Im Kühlschrank steht Sprühsahne«, sagte sie.

»Das ist nicht das Gleiche«, belehrte Onkel Harry sie. Ich fühlte das Verlangen in mir aufsteigen, ihm die Brillengläser mit der Sprühsahne einzunebeln.

Der Duft des Kuchens hatte endlich die Hagens vom Sofa gelockt.

»Mein Beileid, Louisa«, sagte Herr Hagen und schüttelte mir die Hand, während er mit der anderen nach dem Apfelkuchen griff.

»Wir haben hier seit gestern abend die Stellung gehalten, weil du nicht da warst«, sagte Frau Hagen mit ihrer merkwürdig hohen Kleinmädchenstimme. »Wir sind nur mal kurz nach Hause, um den Kindern Essen zu machen.«

Die »Kinder« waren achtundzwanzig und vierunddreißig Jahre alt und zusammen ungefähr zweihundertfünfzig Kilo schwer. Frau Hagen lebte in ständiger Angst, sie könnten vom Fleisch fallen.

Ich ging hinüber zu dem gebeutelten Sofa, auf dem Mama noch immer wie ein Häufchen Elend hockte, obwohl sie jetzt, wo die Hagens sie nicht mehr im Schwitzkasten hatten, hätte aufspringen, die Fenster aufreißen und tief Luft holen können.

»Louisakind«, sagte sie, als ich sie stumm in die Arme nahm. Sie roch fremd, nach Qualm und nach dem Parfüm, das Frau Hagen benutzte. Es gehörte unbedingt vom Markt genommen. Wahrscheinlich war es das sogar schon längst. »Ich halte das nicht aus.«

Ihre Worte brachen mir beinahe das Herz.

»Ohne Robert fühle ich mich wertlos. Dick, hässlich, überflüssig«, fuhr meine Mutter fort. »Irgendwie uralt.«

»Aber so sehen Sie gar nicht aus«, sagte jemand, und meine Mutter und ich schauten beim Klang der tiefen, melodischen Stimme gleichermaßen verdutzt auf.

Vor unserem Sofa stand eine Erscheinung.

Es war ein Mann um die vierzig, glatt rasiert, braun gebrannt, mit dunklem, dichtem Haar, der Figur eines durchtrainierten Athleten und teilnahmsvoll blickenden blauen Augen. Sein überirdisch strahlendes Lächeln, das seine weißen Zähne vorteilhaft zur Geltung brachte, schien mir eine Nummer zu groß für unser Wohnzimmer – und auch für den Anlass.

»Wir kaufen nichts«, wollte ich, verwirrt wie ich war, sagen, als Carola neben der Erscheinung auftauchte und mit einem gewissen Besitzerstolz in der Stimme vorstellte: »Das ist Pfarrer Hoffmann.«

Aha, sie musste es ja wissen. Obwohl dieser Mann so gar nicht meinem Bild von einem Pfarrer entsprach. Der gute alte Pfarrer Seltsam hatte wohl endlich ausgedient.

»Ich finde sogar, dass Sie wunderschön aussehen«, fuhr sein Nachfolger zu meiner Mutter gewandt fort. »Höchstens ein ganz kleines bisschen erschöpft.«

Carola und ich schauten ihn ungläubig an. Meine Mutter lächelte zaghaft.

Irmi

Als Irmela Quirrenberg nach Hause kam, saß ihr Mann in seinem Rollstuhl vor dem antiken Wohnzimmerschrank, einen Haufen gebügelter und gestärkter Tischdecken auf dem Fußboden neben sich. Ein Blick genügte, um zu erkennen, dass all die Stunden am Bügelbrett umsonst gewesen waren. Georg musste sie einzeln aus dem Schrank gerupft, auseinandergefaltet und zusammengeknüllt auf den Boden geworfen haben.

Schlimmer noch, dachte Irmi. Die weiße Richelieu-Decke sah sogar aus, als wäre er mehrmals mit dem Rollstuhl darübergefahren.

»Suchst du was?«, fragte sie.

»Das verdammte Fernglas«, sagte Georg, ohne sich umzudrehen. Er saß seit einem Jahr im Rollstuhl, zwei Jahre, nachdem bei ihm die Diagnose multiple Sklerose gestellt worden war.

»Zwischen den Tischdecken?«

»Ich wollte die Rehe beobachten«, antwortete Georg. Ihr Grundstück grenzte an eine Kuhweide, die wiederum an den Wald grenzte. Es war keine Seltenheit, dass Rehe bis an den Gartenzaun kamen, manchmal sogar in den Garten hinein, wo sie mit Vorliebe Rosenknospen abfraßen, ohne sich an den Stacheln zu stören. »Wenn du da gewesen wärst …«

Irmi spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Es war immer das Gleiche. Wenn sie länger wegblieb als angekündigt, sorgte er dafür, dass sie sich anschließend schlecht fühlte. Noch schlechter, als sie sich ohnehin meistens fühlte.

»Das Fernglas ist sicher in deiner Schreibtischschublade, wie immer«, sagte sie und begann, die Tischdecken vom Boden aufzuheben, damit er ihre Tränen nicht sah. »Ich hol’s dir.«

»Dazu ist es jetzt zu spät, die Rehe sind längst verschwunden. Meinst du, die warten auf einen Krüppel, der sein Fernglas nicht finden kann, weil seine Frau es vor ihm versteckt hat?«

Irmi strich eine Decke glatt. »Ich hab dir doch gesagt, ich bin nur kurz drüben bei Schneiders, um den Kuchen vorbeizubringen.«

»Nur mal kurz?« Georg setzte mit dem Rollstuhl rückwärts und fuhr dabei über die Richelieu-Stickerei-Decke. »Du warst siebzehn Minuten lang weg. Was gab es denn da drüben so Besonderes?« Er drehte den Rollstuhl schwungvoll um hundertachtzig Grad und sah sie herausfordernd an. Irmi staunte immer wieder, wie geschickt er mit dem Rollstuhl umgehen konnte. Eigentlich gehörte er auch noch gar nicht hinein, sagte Doktor Sonntag immer, jedenfalls nicht den ganzen Tag, aber Georg wollte von Krücken und Gehwagen nichts wissen. Am Anfang, als die Krankheit noch nicht so offensichtlich gewesen war, hatte er viel Energie hineingesteckt, damit man sie ihm nicht ansah, aber als das Laufen schwieriger wurde, als er immer stärkere Einschränkungen hinnehmen musste, hatte er auf dem Rollstuhl bestanden. »Ich werde mich nicht vor allen lächerlich machen, indem ich eine Treppe hinuntergehe wie eine tattrige Marionette«, hatte er den Arzt angeschrien, als dieser den Rollstuhl als verfrühte Maßnahme bezeichnet hatte. »Ich setze mich in einen Rollstuhl und verhalte mich wie ein ganz normaler Krüppel, dass das klar ist.« Doktor Sonntag hatte seinen Kopf geschüttelt und gesagt, Georgs Haltung sei ihm unverständlich, aber Irmi hatte ihn sehr wohl verstanden. Georg war es immens wichtig, was andere von ihm dachten. Er war zeit seines Lebens eine vitale, gut aussehende Erscheinung gewesen, sportlich, erfolgreich, charmant. Es musste schrecklich für ihn sein, seine Bewegungen nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Sie verstand, dass er im Rollstuhl wenigstens einen Teil seiner Würde behalten konnte.

»Es war furchtbar«, sagte sie. »Amelie ist völlig neben sich, würde mich nicht wundern, wenn sie sie wegbringen müssten. Das Haus war voller Leute. Die arme Louisa ist aus Berlin gekommen, und Amelies Bruder wollte Roberts Golfausrüstung haben. Der neue Pfarrer war auch da. Über den Apfelkuchen haben sie sich alle sehr gefreut.« Sie merkte, wie zusammenhanglos sie alles hervorgesprudelt hatte, und biss sich auf die Lippen, weil sie auf einen entsprechenden Kommentar von Georg wartete. Als der ausblieb, setzte sie hinzu: »Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie Amelie ohne Robert zurechtkommen wird. Sie haben doch alles gemeinsam gemacht.«

»Außer Joggen«, sagte Georg trocken. »Immerhin hatte der Schneider einen schönen Tod. Ich wünschte, ich wäre auch beim Joggen tot umgefallen. Aber das kann mir ja leider nicht mehr passieren.« Er machte ein Pause und seufzte. »Mach nicht so ein griesgrämiges Gesicht, Irmela, das war ein Scherz. Womit habe ich nur eine so humorlose Frau verdient? Ich bin auch so gestraft genug, findest du nicht?«

»Ich fang dann mal an zu kochen«, sagte Irmi und ging in die Küche.

»Herrje, Irmela, pass bloß auf, dass du nicht auf deine Mundwinkel trittst«, sagte Georg hinter ihr her. »Außerdem – wolltest du das so lassen?« Er zeigte auf die Tischdecken am Boden. »Ich fahr ständig drüber und verheddere mich. Aber vielleicht willst du das ja.«

»Nein«, sagte Irmi und kam zurück.

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Nur noch zwanzig Punkte, dachte Irmi, als sie die Kartoffeln geschält und in Scheiben geraspelt hatte. Sie schob die Auflaufform in den Ofen.

»Eins«, sagte sie laut. Sie hatte sich angewöhnt, die Hausarbeit und ihre täglichen Pflichten zu zählen, das machte es übersichtlicher und half ihr weiterzumachen, wenn sie nicht mehr konnte. Die Bohnen aufsetzen, zählte einen weiteren Punkt. Zwei. Drei war, den Tisch zu decken, vier die Spülmaschine auszuräumen. An den besseren Tagen, wie heute, zählte die Spülmaschine ausräumen als einer, an schlechten Tagen, wenn sich die Arbeit vor ihr auftürmte wie ein riesiger Berg, gab sie sich für jeden einzelnen Teller, den sie in den Schrank räumte, einen Punkt. Da kam einmal Spülmaschine ausräumen auf vierzig Punkte, und sie hatte das Gefühl, etwas geleistet zu haben.

Irmi spülte das Sieb, in dem sie die Kartoffeln gewaschen hatte (fünf) und räumte die anderen Sachen in die leere Spülmaschine (sechs). Anschließend wischte sie die Arbeitsplatte sauber (sieben) und ging zurück ins Wohnzimmer.

Georg saß vor dem Fernseher, zusammen mit Christoph, der sich jeden Abend um die gleiche Zeit eine Serie im Privatfernsehen anschauen musste. Fast alle Darsteller darin waren unter zwanzig und sahen gleich aus, wie geklont. Irmela bewunderte Christoph, weil er sie auseinanderhalten konnte.

»In einer halben Stunde gibt es Essen«, sagte sie so beiläufig wie möglich. »Soll ich dich vorher noch zur Toilette bringen, Georg?«

»Behandele mich nicht wie ein Baby«, sagte Georg. »Ich möchte selber bestimmen, wann ich pinkele.«

Ja, und das wollte er mit Vorliebe, wenn das Essen schon auf dem Tisch stand. Oder wenn sie gerade im Bett lag. Oder in der Minute, in der sie zum Einkaufen aus dem Haus gehen wollte, schon Mantel und Stiefel trug, den Einkaufskorb unterm Arm. Irmi schluckte ihre hässlichen Gedanken hinunter.

»Dann sag Bescheid, wenn es so weit ist«,

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