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Echo glücklicher Tage

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. 1
  6. 2
  7. 3
  8. 4
  9. 5
  10. 6
  11. 7
  12. 8
  13. 9
  14. 10
  15. 11
  16. 12
  17. 13
  18. 14
  19. 15
  20. 16
  21. 17
  22. 18
  23. 19
  24. 20
  25. 21
  26. 22
  27. 23
  28. 24
  29. 25
  30. 26
  31. 27
  32. 28
  33. 29
  34. 30
  35. 31
  36. 32
  37. 33
  38. 34
  39. 35
  40. 36
  41. 37
  42. DANKSAGUNG
  43. Über die Autorin

1

1893, LIVERPOOL

»Hör auf, diese Teufelsmusik zu spielen, und komm her und hilf mir«, schrie Alice Bolton wütend aus der Küche.

Die fünfzehnjährige Beth grinste darüber, wie ihre Mutter ihr Geigenspiel beschrieb, und war versucht, noch lauter und wilder weiterzumachen. Aber Alice war in letzter Zeit leicht reizbar und würde vermutlich kommen und ihr die Geige wegnehmen, deshalb legte Beth sie zurück in den abgewetzten Kasten und verließ die Stube, um zu tun, worum ihre Mutter sie gebeten hatte.

Sie hatte gerade die Küche erreicht, als ein dumpfes Geräusch aus dem Laden unter ihrer Wohnung heraufdrang, dicht gefolgt von einem, das sich anhörte, als ob schwere Gegenstände zu Boden fielen.

»Was zur Hölle war das denn?«, rief Alice und drehte sich am Herd mit der Teekanne in der Hand um.

»Ich schätze, Papa hat wieder etwas umgestoßen«, erwiderte Beth.

»Dann steh nicht da rum, geh hin und sieh nach«, fuhr ihre Mutter sie an.

Beth blieb auf dem Treppenabsatz stehen und blickte über das Geländer auf die Treppe, die in den Laden führte. Sie konnte unten etwas herumrollen hören, aber es erklang nicht das übliche Fluchen, das jeden Unfall normalerweise begleitete.

»Geht es dir gut, Papa?«, rief sie.

Es dämmerte bereits, und obwohl sie die Gaslampen oben noch nicht entzündet hatten, war Beth überrascht, dass von unten kein Schein von den Lampen im Laden heraufdrang. Ihr Vater war Schuhmacher, und da er für die Feinarbeiten viel Licht brauchte, zündete er die Lampen immer schon an, bevor das Tageslicht draußen schwächer wurde.

»Was hat der ungeschickte Tölpel jetzt wieder gemacht?«, bellte ihre Mutter. »Sag ihm, er soll für heute aufhören zu arbeiten. Das Abendessen ist fast fertig.«

Auf der Church Street, einer von Liverpools Haupteinkaufsstraßen, waren um sieben Uhr abends nur noch wenige Pferdewagen und Kutschen unterwegs, also hätte ihr Vater die beleidigende Bemerkung ihrer Mutter klar und deutlich hören müssen. Als er nicht darauf reagierte, glaubte Beth, dass er auf dem Plumpsklo im Hinterhof sein müsse und dass vielleicht eine herumstreunende Katze in den Laden gekommen war und etwas umgeworfen hatte. Das letzte Mal, als das passierte, war der Inhalt eines Leimtopfes über den gesamten Boden gelaufen, und es hatte Stunden gedauert, das alles wieder sauber zu machen, deshalb lief sie schnell hinunter, um nachzusehen.

Ihr Vater war nicht auf dem Plumpsklo, denn die Tür, die auf den Hinterhof hinausführte, war von innen verriegelt, und als sie in den Laden ging, lag dieser im Halbdunkeln, denn die Rollos waren heruntergezogen worden.

»Wo bist du, Papa?«, rief sie. »Was war das für ein Lärm?«

Eine Katze war nirgendwo zu sehen, und es war auch nichts in Unordnung. Die Tür zur Straße war zu und der Riegel vorgeschoben; außerdem hatte er den Boden gekehrt, seine Werkbank aufgeräumt und seine Lederschürze wie jeden Abend an den Haken gehängt.

Verwirrt wandte Beth sich um und blickte zum Lagerraum, wo ihr Vater das Leder, die Schnittmuster und andere Dinge aufbewahrte, die er brauchte. Er musste dort drin sein, aber sie konnte sich nicht vorstellen, wie er da drinnen bei geschlossener Tür etwas sehen konnte, denn selbst bei Tageslicht war es dort sehr düster.

Eine dunkle Vorahnung ließ ihre Haut prickeln, und sie wünschte, ihr Bruder Sam wäre zu Hause. Aber er brachte gerade ein Paar Stiefel zu einem Kunden, der einige Kilometer entfernt wohnte, deshalb würde es noch dauern, bis er wieder zurück war. Sie wagte es nicht, ihre Mutter zu rufen, aus Angst, sich eine Kopfnuss einzufangen, weil sie »fantasierte«; diesen Ausdruck benutzte Alice immer, wenn sie fand, dass Beth überreagierte. Aber ihre Mutter fand ja auch, dass eine Fünfzehnjährige nichts anderes im Kopf haben sollte als die Verbesserung ihrer Fertigkeiten im Nähen, Kochen und anderen Dingen des Haushalts.

»Papa!«, rief Beth und drehte den Knauf der Lagerraumtür. »Bist du da drin?« Die Tür öffnete sich nur einen Spaltbreit, so als stünde etwas dahinter, deshalb drückte sie mit der Schulter dagegen und schob. Sie konnte etwas über den Steinfußboden scharren hören, vielleicht einen Stuhl oder eine Kiste, die im Weg war, deshalb schob sie fester, bis die Tür weit genug aufstand, sodass sie in den Raum blicken konnte. Es war viel zu dunkel, um etwas zu erkennen, aber sie wusste, dass ihr Vater darin war, denn sie konnte seinen vertrauten Duft riechen, eine Mischung aus Leim, Leder und Pfeifentabak.

»Papa? Was machst du da? Es ist stockdunkel«, rief sie, aber noch während sie das sagte, überlegte sie, ob vielleicht etwas auf ihn heruntergefallen war und ihn bewusstlos geschlagen hatte. Voller Panik rannte sie zurück in den Laden, um eine Gaslampe zu entzünden. Noch bevor die Flamme groß genug war, um die Glashülle zu beleuchten und den Laden in ein goldenes Licht zu tauchen, stand sie wieder im Lagerraum.

Eine Sekunde oder zwei dachte sie, es sei ein riesiger Sack voll Leder, der vor dem Fenster des Lagerraums hing, doch als das Gaslicht heller wurde, erkannte sie, dass es kein Sack war, sondern ihr Vater.

Er hing an einem der Haken an der Decke, ein Seil um den Hals.

Sie schrie unbewusst und wich entsetzt zurück. Sein Kopf hing schlaff zur Seite, seine Augen waren aus dem Kopf getreten, und sein Mund war zu einem stummen Schrei weit aufgerissen. Er sah aus wie eine grässliche Riesenpuppe.

Jetzt war klar, was sie vorhin für Geräusche gehört hatten. Als er den Stuhl, auf dem er stand, unter sich weggetreten hatte, waren eine Kiste mit Lederresten, eine Dose mit Schuhcreme und Flaschen mit Lederfärbemittel umgefallen.

Es war Anfang Mai, und erst vor ein paar Tagen war Beth auf dem Weg zur Bücherei wütend darüber gewesen, dass ihr Vater ihr nicht erlaubte, sich eine Arbeit zu suchen. Sie hatte die Schule im vergangenen Jahr beendet, aber er bestand darauf, dass die Töchter »vornehmer Leute« zu Hause blieben und ihren Müttern halfen, bis sie heirateten.

Sam, ihr ein Jahr älterer Bruder, war ebenfalls wütend, weil er bei seinem Vater in die Lehre gehen musste. Eigentlich wollte Sam Seemann, Hafenarbeiter, Schweißer oder irgendetwas anderes werden, bei dem er zusammen mit anderen Männern draußen im Freien sein konnte.

Aber Papa hatte dann immer auf das Schild über der Tür gedeutet, auf dem stand: »Bolton und Sohn, Stiefel- und Schuhmacher«, und erwartet, dass Sam genauso stolz auf das »Sohn« war wie er selbst damals, als sein Vater das Schild angefertigt hatte.

Doch wie frustrierend es auch gewesen war, dass ihr Leben vorgezeichnet schien, sowohl Beth als auch Sam verstanden die Gründe ihres Vaters. Seine Eltern waren 1847 aus Irland nach Liverpool geflohen, um dem langsamen Verhungern während der Kartoffel-Hungersnot zu entgehen. Jahrelang lebten sie in einem nasskalten Keller in Maiden’s Green, einem der vielen berüchtigten, heruntergekommenen Slumviertel, die es in der Stadt im Überfluss gab. Frank, der Vater von Sam und Beth, war dort ein Jahr später geboren worden, und seine früheste Kindheitserinnerung war, dass sein Vater mit seinem kleinen Handkarren in den reicheren Vierteln von Liverpool von Tür zu Tür ging, um nach Schuhen und Stiefeln zu fragen, die er flicken konnte, und dass seine Mutter jeden Tag aus dem Haus ging, um als Wäscherin zu arbeiten.

Als Frank sieben war, half er beiden Eltern, indem er für seinen Vater Stiefel abholte und auslieferte und für seine Mutter die Mangel drehte. Selbst wenn er hungrig und müde war und fror, wurde ihm eingebläut, dass harte Arbeit der einzige Weg aus der Armut sei, bis sie schließlich genug Geld für einen eigenen kleinen Schusterladen zusammenhatten.

Alice, Sams und Beths Mutter, hatte eine ebenso harte Kindheit gehabt, denn sie war als Baby ausgesetzt worden und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Mit zwölf musste sie als Küchenmagd arbeiten, und die Geschichten von der anstrengenden Arbeit und der Grausamkeit der Köche und Haushälterinnen, die sie erzählte, sorgten bei Beth für Albträume.

Frank war dreiundzwanzig, als er die sechzehnjährige Alice kennenlernte. Zu diesem Zeitpunkt hatten er und seine Eltern ihr Ziel bereits erreicht und besaßen einen kleinen Laden mit zwei kleinen Zimmern darüber. Alice erzählte oft mit einem Lächeln, dass ihr Hochzeitstag der glücklichste Tag in ihrem Leben gewesen war, weil Frank sie bei seinen Eltern einziehen ließ. Sie musste immer noch genauso hart arbeiten, aber es machte ihr nichts aus, denn jetzt war das Ziel ein noch größerer Laden, wo ihr Schwiegervater und ihr Mann eigene Schuhe anfertigen konnten, anstatt nur alte zu reparieren.

Die harte Arbeit zahlte sich schließlich aus und brachte sie in die Church Street mit zwei Stockwerken über dem Laden, wo sowohl Sam als auch Beth geboren wurden. Beth konnte sich nicht an ihre Großmutter erinnern, denn sie war noch ein Baby gewesen, als sie starb, aber sie hatte ihren Großvater geliebt, und er war es auch gewesen, der ihr das Geigespielen beigebracht hatte.

Seit dem Tod ihres Großvaters vor fünf Jahren hatte sich Papas Geschick als Schuhmacher herumgesprochen, und jetzt machte er Stiefel und Schuhe für die reichsten Leute in Liverpool. Er arbeitete immer noch extrem hart, vom ersten Tageslicht bis zur Dämmerung, und schlief meistens nach dem Abendbrot sofort ein. Doch bis zu diesem Abend hatte Beth ihn immer für einen sehr glücklichen Mann gehalten.

»Was zur Hölle ist denn da unten los? Ich habe dich schreien hören«, rief ihre Mutter gereizt von oben an der Treppe. »Ist es schon wieder eine Ratte?«

Beth schrak zusammen. Trotz ihrer Erschütterung und ihres Entsetzens versuchte sie instinktiv, ihre Mutter zu schützen.

»Komm nicht runter«, rief sie. »Ich hole Mr Craven.«

»Du kannst die Nachbarn nicht beim Abendessen stören. Sicher kann sich dein Vater doch darum kümmern?«

Beth wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, deshalb ging sie zur Treppe und sah zu ihrer Mutter hoch in der Hoffnung, dass ihr etwas einfallen würde.

Alice Bolton war achtunddreißig, sah jedoch viel jünger aus – sie war zierlich, mit blonden Haaren, großen blassblauen Augen und so zarten Gesichtszügen und so heller Haut, dass sie zerbrechlich wirkte.

Sam hatte ihr blondes Haar und ihre blauen Augen geerbt, aber er war fast zwei Meter groß, und sein Elan und die ausgeprägten Gesichtszüge stammten von seinem Vater. Von Beth hieß es, dass sie mit ihren schwarzen Locken, ihren dunkelblauen Augen und ihrer frechen Art, die sie jeden Tag in Schwierigkeiten brachte, das Ebenbild ihrer irischen Großmutter war.

»Mein Gott, jetzt steh nicht da und schau so blöd«, fuhr Alice sie an. »Sag deinem Vater, dass er raufkommen soll, sonst brennt das Essen an.«

Beth schluckte, weil sie wusste, dass Lügen und Ablenkungsmanöver ihr bei einer solchen Sache nicht helfen würden. »Er kann nicht kommen, Mama«, platzte sie heraus. »Er ist tot.«

Ihre Mutter war nicht besonders schnell von Begriff, und dieses Mal war keine Ausnahme – sie starrte Beth nur verständnislos an.

»Er hat sich erhängt, Mama«, sagte Beth, die mit den Tränen und aufsteigender Hysterie kämpfte. »Deshalb wollte ich Mr Craven holen. Geh du wieder zurück in die Küche.«

»Er kann nicht tot sein. Es ging ihm gut, als er zum Tee oben war.«

Beth konnte sich nur mühsam davon abhalten, das ganze Haus zusammenzuschreien, und die Ungläubigkeit ihrer Mutter ließ sie beinahe die Selbstbeherrschung verlieren. Doch es stimmte, was ihre Mutter sagte, ihr Vater hatte beim Tee noch ganz normal gewirkt. Er hatte den Mohnkuchen gelobt, den er köstlich fand, und ihnen gesagt, dass er mit den Stiefeln für Mr Greville fertig war.

Es schien nicht möglich zu sein, dass er wieder nach unten gegangen war, seine Arbeit für den Tag beendet und seine Werkbank aufgeräumt hatte, um sich dann ruhig das Leben zu nehmen, während seine Frau und seine Tochter nur ein Stockwerk höher waren.

»Er ist tot, Mama. Er hat sich im Lagerraum erhängt«, sagte Beth unverblümt.

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und lief die Treppe hinunter. »Du bist ein böses Mädchen, wie kannst du so etwas sagen«, rief sie wütend und stieß Beth zur Seite, als sie unten ankam. »Mit dir befasse ich mich später.«

Beth hielt sie am Arm fest und versuchte sie daran zu hindern, in den Laden zu gehen. »Du darfst da nicht reingehen, Mama«, flehte sie. »Es ist furchtbar.«

Aber ihre Mutter ließ sich nicht aufhalten; sie schüttelte Beth ab, lief zum Lagerraum und stieß die Tür auf. Als sie ihren Mann sah, stieß sie einen Schrei aus, der durch das gesamte Gebäude hallte. Aber er brach abrupt ab, als sie ohnmächtig zu Boden sank.

Eine Stunde später kam Sam nach Hause und stellte fest, dass der Laden nicht wie erwartet dunkel war. Durch das Fenster sah er den rundlichen Dr. Gillespie und den stämmigen Mr Craven, ihren Nachbarn, aber noch bevor die beiden ihm die Tür öffneten, wusste er, dass etwas Schlimmes passiert war.

Es war der Doktor, der ihm erklärte, dass Beth zu Mr Craven gelaufen war, als ihre Mutter zusammenbrach. Mr Craven hatte seinen Sohn zum Doktor geschickt und war dann mit Beth zurückgegangen, um Papas Leiche vom Seil loszuschneiden. Als Gillespie kam, hatte dieser Beth angewiesen, ihre Mutter nach oben zu bringen, ihr Brandy zu geben und sie ins Bett zu legen.

Sam war ein großer, schlaksiger Sechzehnjähriger. Er schwankte, als er die Neuigkeiten erfuhr, die Farbe wich aus seinem Gesicht, und der Schock ließ ihn beinahe auch zusammenbrechen. Die Leiche seines Vaters lag auf dem Boden, mit einem Laken bedeckt. Nur eine vom Lederfärbemittel braune Hand schaute darunter hervor. Wenn die Hand nicht gewesen wäre, dann hätte Sam sich vielleicht geweigert zu glauben, was die Männer ihm da erzählten, aber Franks Hand war ihm so vertraut wie seine eigene.

Er wollte wissen, warum sein Vater das getan hatte, aber die beiden Männer konnten es ihm nicht sagen. Mr Craven kratzte sich am Kopf und sagte, dass es ihm ein Rätsel sei, denn er habe noch am Morgen im Laden vorbeigeschaut, und da sei Frank guter Dinge gewesen. Dr. Gillespie war ebenfalls ratlos und sprach davon, wie viel Respekt man Frank in der Gegend entgegenbrachte. Es wurde deutlich, dass beide Männer genauso entsetzt und schockiert waren wie Sam.

Der Doktor umfasste Sams Arme und blickte ihm fest in die Augen. »Die Leichenkarre wird gleich hier sein«, sagte er sanft. »Bei einem solchen Vorfall wird es eine Untersuchung geben. Du bist jetzt der Mann im Haus, Sam, und musst dich um deine Mutter und deine Schwester kümmern.«

Sam hatte das Gefühl, als hätte sich unter seinen Füßen eine Falltür geöffnet und ihn an einen Ort befördert, den er nicht kannte. Denn so lange er sich zurückerinnern konnte, war sein Leben geordnet und sicher gewesen. Er hatte sich zwar oft gegen die Langeweile des täglichen Einerleis gewehrt, bei dem sein Vater von sieben Uhr morgens bis spät abends arbeitete und seine Mutter oben kochte und putzte. Doch er hatte sich immer sicher gefühlt in dem Wissen, dass zu Hause alles gleich bleiben würde und er jederzeit hierher zurückkehren konnte, wenn er auf die Nase fiel, während er für sich selbst nach einem abenteuerlicheren Leben suchte.

Aber mit einem Schlag war diese Sicherheit dahin.

Wie konnten in einem sanftmütigen, verlässlichen und freundlichen Mann solche Dämonen lauern? Und warum hatten die, die ihm am nächsten standen, nichts davon bemerkt? Noch an diesem Morgen hatte Sam seinen Vater an der Treppe stehen und Beths Geigenspiel lauschen sehen. Er hatte es nicht kommentiert, doch sein Gesicht hatte vor Stolz über ihr Talent gestrahlt. Später, als Sam mit der Reparatur eines Stiefels fertig war, hatte Frank ihm auf die Schulter geklopft und ihn dafür gelobt.

Wieder und wieder hatten er und Beth gesehen, wie liebevoll ihr Vater ihre Mutter angesehen hatte, wie er sie umarmte und küsste. Wenn sie ihm alle so viel bedeuteten, warum wollte er sie dann verlassen?

Und was würde jetzt mit der Familie passieren, ohne den Mann, der ihr Ernährer, ihr Halt und ihr Tröster gewesen war?

2

Die Standuhr im Flur schlug Mitternacht, doch Sam und Beth saßen immer noch in der Küche, zu fassungslos und aufgewühlt, um auch nur an Schlaf zu denken. Die Leiche ihres Vaters war schon vor Stunden abgeholt worden, und Sam hielt Beths Hände fest, während sie noch einmal erzählte, wie sie ihren Vater gefunden hatte. Von Zeit zu Zeit wischte er ihr mit einem Taschentuch die Tränen von den Wangen und strich ihr tröstend übers Haar. Und wenn Sam überreizt war und seine Stimme immer wütender wurde, war es Beth, die ihm über die Wange streichelte.

Dr. Gillespie hatte ihrer Mutter ein Schlafmittel gegeben, weil sie hysterisch gewesen war, sich die Haare gerauft und geschrien hatte, dass jemand anderes Frank aufgehängt haben musste, weil er sie niemals freiwillig verlassen hätte. Obwohl beide Kinder wussten, dass niemand anderes die Hände bei den Geschehnissen des Abends im Spiel haben konnte, teilten sie dieses Gefühl. Ihre Eltern waren glücklich miteinander gewesen.

»Der Arzt hat mich gefragt, ob der Laden in Schwierigkeiten war«, sagte Sam, und in seiner Stimme klang Verwirrung mit. »Aber das war er nicht. Mir fällt nicht mal etwas Ungewöhnliches ein, das in den letzten Wochen passiert ist und dafür verantwortlich sein könnte.«

»Könnte ihn ein Kunde aufgeregt haben?«, fragte Beth.

Manchmal gab es schwierige und unangenehme Kunden. Sie beschwerten sich, dass Vater ihre Schuhe oder Stiefel nicht so schnell machen konnte, wie sie es wollten, und beim Abholen mäkelten sie dann oft am Ergebnis herum, um ihn im Preis zu drücken.

»Das hätte er gesagt. Außerdem weißt du doch, dass er damit immer sehr gut fertig geworden ist.«

»Du denkst doch nicht, dass es an uns lag, oder?«, fragte Beth ängstlich. »Weil ich mich immer beschwert habe, dass mir zu Hause langweilig ist, und du immer zu den Docks gelaufen bist?«

Sam schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Ich hörte ihn einmal mit einem Kunden über mich reden. Er lachte und sagte, ich sei ein guter Junge, selbst wenn ich ein Träumer sei. Und du hast ihn ganz sicher nicht aufgeregt; er war stolz auf dich.«

»Aber wovon sollen wir jetzt leben?«, fragte Beth. »Du hast nicht genug Erfahrung, um den Laden weiterzuführen!«

Die Leute wunderten sich oft darüber, wie verschieden Beth und Sam waren. Nicht nur im Aussehen – der eine groß und blond, die andere klein und dunkelhaarig –, auch im Wesen unterschieden sie sich voneinander.

Sam war ein Träumer, lebte in einer Fantasiewelt aus fantastischen Abenteuern, Reichtümern und exotischen Orten. An einem Tag lungerte er unten am Hafen herum und blickte sehnsüchtig den auslaufenden Schiffen nach; am nächsten blickte er durch die Tore der großen Häuser und staunte darüber, wie die Reichen lebten. Obwohl er es Beth nie gestanden hatte, wusste sie, dass er nur deshalb kein Schuster oder Schuhmacher sein wollte, weil dabei niemand reich wurde oder Abenteuer erlebte.

Beth war viel praktischer und vernünftiger als ihr Bruder, erledigte ihre Aufgaben gründlich und mit Fleiß. Sie war schlauer und las Bücher, um sich Wissen anzueignen, anstatt vor der Realität zu fliehen. Doch sie konnte verstehen, warum Sam in einer Fantasiewelt lebte, denn sie hatte auch Träume, wollte Geige vor einem großen Publikum spielen und donnernden Applaus hören.

Das war natürlich ein unerreichbarer Traum. Selbst wenn sie klassische Violine hätte spielen können, hatte sie noch nie eine weibliche Geigenspielerin in einem Orchester gesehen. Doch sie spielte Jigs und Reels, Melodien, die ihr Großvater sie gelehrt hatte, obwohl die meisten Leute das als Zigeunermusik empfanden, die es nur in lauten Wirtshäusern gab.

Trotz aller Unterschiede standen Beth und Sam sich jedoch sehr nahe. Sie trennte nur ein Jahr, und weil sie nie mit den anderen Kindern aus der Nachbarschaft auf der Straße spielen durften, waren sie immer aufeinander angewiesen gewesen.

Sam stand von seinem Stuhl auf, kniete sich neben Beth und legte die Arme um sie. »Ich kümmere mich um euch beide, irgendwie«, sagte er mit bebender Stimme.

In den folgenden Tagen durchlebte Beth ein Wechselbad der Gefühle zwischen überwältigender Trauer und Wut. Sie hatte noch keinen Tag ihres Lebens ohne ihren Vater verbracht; er war eine Konstante gewesen, genau wie die Standuhr, die die Stunden schlug. Der drahtige Mann von fünfundvierzig Jahren mit dem schütteren grauen Haar, dem sorgfältig getrimmten Schnurrbart und der eher dicken Nase war immer fröhlich gewesen und, wie sie geglaubt hatte, durchschaubar.

Er hatte seine Gefühle zwar nicht offen gezeigt – ein Schulterklopfen war seine Art gewesen, Zuneigung oder Lob auszudrücken –, aber er war auch nicht so distanziert gewesen wie so viele andere Väter. Er hatte es gemocht, wenn sie in den Laden herunterkam und mit ihm redete, während er arbeitete; er hatte sich immer für das interessiert, was sie las, und für ihre Musik.

Aber jetzt kam es ihr vor, als wenn sie ihn gar nicht wirklich gekannt hätte. Wie konnte er oben in die Küche kommen und mit seiner Frau und seiner Tochter Tee trinken, wenn er die ganze Zeit über vorhatte, wieder nach unten zu gehen, seine Arbeit zu beenden und sich dann zu erhängen?

Er hatte über ein Paar geknöpfte Stiefel gesprochen, die eine Frau gerade an dem Morgen bestellt hatte, und darüber gelacht, dass sie blassblaue wollte, die zu ihrem Kleid passten. Er meinte, dass sie in den schmutzigen Straßen von Liverpool nicht lange gut aussehen würden. Warum hatte er das gesagt, wenn er doch wusste, dass er sie niemals machen würde?

Wenn er an einem Herzanfall gestorben wäre oder ein Pferdewagen ihn beim Überqueren der Straße überfahren hätte, dann wäre das schrecklich gewesen und der Schmerz, den sie alle empfunden hätten, genauso quälend. Doch dann hätte sich zumindest keiner von ihnen betrogen gefühlt.

Ihre Mutter hörte nicht auf zu weinen. Sie lag nur im Bett, weigerte sich zu essen und erlaubte ihnen nicht, die Vorhänge zu öffnen, und Sam war wie eine verwirrte verlorene Seele, überzeugt davon, dass es seine Schuld war, weil er so wenig Lust gehabt hatte, ein Schuhmacher zu werden.

Nur ein paar Nachbarn hatten ihr Beileid bekundet, und Beth wurde das Gefühl nicht los, dass sie es nicht aus Mitgefühl getan hatten, sondern um an Informationen zu kommen, die sie weitertratschen konnten. Vater Reilly hatte sie besucht, doch obwohl er freundlich gewesen war, hatte er sofort erklärt, dass Frank Bolton nicht in heiliger Erde bestattet werden könne, weil es eine schwere Sünde sei, wenn ein Mann sich das Leben nehme.

Die Ergebnisse der Untersuchung würden in der Zeitung stehen, und alle ihre Freunde und Nachbarn würden es lesen und ihnen danach aus dem Weg gehen. Sie fand es grausam und feige von ihrem Vater, dass er ihnen allen das angetan hatte. Und sie glaubte nicht, dass ihre Mutter das Haus jemals wieder verlassen würde.

Fünf Tage nach dem Tod ihres Vaters saß Beth in der Stube und nähte schwarze Kleider für sich und ihre Mutter. Draußen schien die Sonne, aber sie musste die Vorhänge traditionell geschlossen halten, und es war so dunkel im Zimmer, dass sie den Faden kaum in die Nadel einfädeln konnte.

Beth hatte immer gerne genäht, aber da ihre Mutter nicht aufstand, um ihr zu helfen, musste sie die Schnittmuster selbst heraussuchen, den Stoff auf dem Tisch in der Stube zuschneiden und die Kleider alleine nähen, denn ohne anständige Trauerkleider würden sie noch mehr in Verruf geraten.

Alles hätte sie dafür gegeben, ihre Geige herausholen und spielen zu können, denn sie wusste, dass sie sich in der Musik verlieren und vielleicht Trost darin finden konnte. Aber ein Musikinstrument so kurz nach einem Trauerfall zu spielen schickte sich nicht.

Wütend legte Beth das Nähzeug weg und ging zum Fenster, wo sie den Vorhang nur ein oder zwei Zentimeter aufzog und hinunter auf die Church Street sah.

Wie immer war die Straße voller Menschen. Die Omnibusse, Droschken, Pferdewagen und Kutschen hinterließen große Haufen Pferdeäpfel, und der Gestank war wegen des warmen Sonnenscheins übler als sonst. Wohlhabende Damen in eleganten Kleidern und mit hübschen Hüten gingen in Begleitung von Gentlemen mit hohen Kragen und Zylindern vorbei. Es gab seriös dunkel gekleidete, matronenhafte Haushälterinnen mit Körben voller Obst und Gemüse und hier und da junge Mädchen, vielleicht Hausmädchen, die einen Nachmittag frei hatten und verträumt in die Schaufenster sahen.

Aber es gab auch sehr viele arme Leute. Ein einbeiniger Mann auf Krücken bettelte vor Bunney’s, dem Laden an der Kreuzung, die allgemein als Heilige Kreuzung bekannt war, weil dort die Lord Street, die Paradise Street, die Chapel Street und die Church Street aufeinandertrafen. Müde aussehende Frauen hielten Babys auf dem Arm, kleinere Kinder liefen hinter ihnen her, und zerzauste Gassenjungen mit schmutzigen Gesichtern lungerten barfuß herum, vielleicht auf der Suche nach etwas, das sie stehlen konnten.

Vor der Fleischerei gegenüber stand eine Schlange, und weil die Sonne so warm schien, sahen die Frauen entspannt aus und schienen es nicht eilig zu haben. Sie unterhielten sich miteinander, während sie darauf warteten, bedient zu werden. Doch noch während Beth dastand, sah sie, wie zwei Frauen sich umdrehten und direkt zu den Fenstern über dem Laden hinaufblickten, und ihr wurde klar, dass sie gerade erfahren haben mussten, dass der Schumacher sich erhängt hatte.

Tränen schossen ihr in die Augen, denn sie wusste, dass das Gerede nach der Beerdigung noch schlimmer werden würde. Die Leute konnten so grausam sein, freuten sich immer über das Unglück der anderen. Sie konnte förmlich hören, wie sie sagten, dass die Boltons sich immer für etwas Besseres gehalten hatten und dass Frank sich zweifellos umgebracht hatte, weil er verschuldet war. Beth wünschte beinahe, dass das der Grund war; zumindest hätte sie das verstehen können.

Sie wandte sich vom Fenster ab und ließ den Blick durch die Stube schweifen. Das Zimmer war der ganze Stolz ihrer Mutter: Alles darin, von dem gemusterten viereckigen Teppich auf dem Boden und den Porzellanhunden neben dem Kamin bis hin zu den harten, ungemütlichen Sesseln mit den Knöpfen an der Lehne und den schweren Vorhängen, war eine Kopie von Dingen, die Alice als Küchenmagd in den großen Häusern gesehen hatte.

Auch ein Klavier hatte sie unbedingt haben wollen; es war von sechs Männern durch das Fenster hereingehievt worden. Beths Eltern konnten das Instrument beide nicht spielen, aber für ihre Mutter war es ein Zeichen von Vornehmheit gewesen, deshalb musste Beth es lernen. Sie bezweifelte nicht, dass ihre Mutter gehofft hatte, es würde sie von der Geige weglocken, einem Instrument, das sie »gewöhnlich« fand.

Obwohl Beth diese Einstellung ihrer Mutter zu ihrer geliebten Geige oft verletzte, war sie sehr froh, als Miss Clarkson ihre Klavierlehrerin wurde. Sie mochte zwar eine dreißigjährige alte Jungfer mit grauem Haar sein, die auf einem Auge schielte, aber sie war eine inspirierende Frau. Sie brachte Beth nicht nur das Notenlesen und das Klavierspielen bei, sondern führte sie auch in eine ganz neue Welt der Bücher, der Musik und der Ideen ein.

Fünf Jahre lang war Miss Clarkson ihre Verbündete, Freundin, Vertraute und Lehrerin gewesen. Sie liebte es, Beth sowohl beim Geige- als auch beim Klavierspielen zuzuhören, sie brachte Bücher mit, von denen sie fand, dass Beth sie lesen sollte, sie brachte ihr alle möglichen Arten von Musik bei und nahm sie manchmal zu Konzerten mit. Doch am besten gefiel Beth an ihr, dass sie nicht so engstirnig war wie ihre Mutter. Miss Clarkson war überzeugt davon, dass Frauen die gleichen Rechte haben sollten wie Männer, sei es bei Wahlen, bei der Ausbildung oder bei der Wahl ihres Berufes.

Beth wünschte, Miss Clarkson wäre noch in Liverpool, weil sie die einzige Person war, die ihr und Sam vielleicht hätte helfen können zu verstehen, warum ihr Vater etwas so Schreckliches getan hatte. Aber sie war nach Amerika ausgewandert, weil sie das Gefühl hatte, in England an der Scheinheiligkeit, dem Klassensystem und den fehlenden Möglichkeiten für Frauen zu ersticken.

»Ich werde dich vermissen, Beth«, hatte sie beim Abschied mit einem resignierten Lächeln gesagt. »Nicht nur, weil du meine talentierteste Schülerin warst, sondern weil du einen wachen Verstand, ein mutiges Herz und unendlich viel Enthusiasmus hast. Versprich mir, dass du nicht den erstbesten Mann heiratest, der um deine Hand anhält, nur um ein eigenes Heim zu haben. Die Ehe wird von den meisten als heiliger Stand betrachtet, aber das ist sie nicht, wenn du dir den falschen Mann aussuchst. Und gib die Musik nicht auf, denn sie macht dich fröhlich und gibt dir die Freiheit des Ausdrucks, die ein Mädchen wie du braucht.«

Beth stellte fest, dass Miss Clarkson recht hatte, was die Musik anging. Sie brachte sie an einen Ort, wo die Ermahnungen ihrer Mutter, ihre Pflichten im Haushalt zu erledigen, sie nicht erreichen konnten, eine Welt, wo Spaß, Freiheit und Begeisterung nicht missbilligt wurden.

Leider wusste sie, dass ihre Mutter das niemals verstanden hätte. Zwar hatte sie bei den Nachbarn immer mit dem Talent ihrer Tochter angegeben, aber sie hörte nicht wirklich zu, wenn Beth Klavier spielte, und die Geige lehnte sie ab. Ihr Vater hatte zugehört und nichts lieber getan, als sonntagabends in der Stube zu sitzen und ihrem Klavierspiel zu lauschen – am liebsten Chopin, doch er hatte sich auch gefreut, wenn sie beliebte Tanzlieder spielte. Selbst für ihn war die Geige jedoch ein leichter Stein des Anstoßes gewesen, vielleicht weil sie ihn an seine Kindheit erinnerte und weil er Angst hatte, dass die wilden irischen Jigs, die sein Vater Beth beigebracht hatte, sie in schlechte Gesellschaft bringen würden.

Als sie Sam die Treppe hinaufkommen hörte, fing Beth wieder an zu nähen. Sie hörte, wie er nach ihrer Mutter in ihrem Zimmer neben der Küche sah, und ein paar Minuten später kam er in die Stube.

Er sah blass und erschöpft aus und runzelte sorgenvoll die Stirn. »Der Leichenbeschauer gibt Papas Leiche morgen frei«, sagte er müde. »Er hat nichts gefunden, was erklären würde, wieso er das getan hat – er war nicht krank. Aber zumindest können wir ihn morgen beerdigen.«

»Hast du es Mama gesagt?«, fragte Beth.

Sam nickte niedergeschlagen. »Sie weint immer noch. Ich glaube nicht, dass sie jemals damit aufhören wird.«

»Vielleicht tut sie es nach der Beerdigung«, sagte Beth mit mehr Optimismus, als sie empfand. »Ich muss ihr Kleid bald abstecken. Ich hoffe, sie macht nicht wieder eine Szene.«

»Ich habe draußen Mrs Craven getroffen. Sie sagte, dass sie später vorbeikommen und versuchen wird, mit ihr zu sprechen; vielleicht solltest du die Gelegenheit nutzen, um das Kleid abzustecken. Wie schlecht es Mama auch geht, sie wird nicht wollen, dass die Nachbarn mitbekommen, dass sie alles uns überlässt.«

Beth hörte die Bitterkeit in seiner Stimme. Sie stand auf und legte die Arme um ihn. Er war fast jeden Tag vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung im Laden, um alle Reparaturen zu erledigen, und sie wusste, wie viel Angst er hatte und wie viele Sorgen er sich machte. »In der Nacht, als es passierte, hast du gesagt, dass wir es schaffen, und das werden wir auch«, sagte sie.

»Ich habe das Gefühl, dass Mama weiß, warum er es getan hat«, sagte Sam leise und legte sein Kinn auf ihren Kopf, während sie ihn festhielt. »Ich bin die Bücher durchgegangen, und obwohl nicht viel Geld da ist, war er nicht in Schwierigkeiten. Er ist nie ausgegangen, hat also nicht getrunken oder gespielt, und er hatte auch ganz sicher keine andere Frau. Es muss etwas mit ihr zu tun haben.«

»Das darfst du nicht denken, Sam«, flehte Beth ihn an. »Es hilft nicht, Mama die Schuld zu geben.«

Sam umklammerte ihre Arme und sah ihr in die Augen. »Ist dir nicht klar, dass von jetzt an alles anders sein wird?«, rief er. »Wir werden arm sein. Ich wünschte, ich könnte dir versprechen, dass ich den Laden weiterführe, aber ich kann nur Schuhe reparieren. Ich bin nicht geschickt genug, um Stiefel und Schuhe zu machen, und damit hat Papa Geld verdient. Ich werde mir eine andere Arbeit suchen müssen, aber das wird nicht reichen, um uns alle drei durchzubringen.«

»Ich kann mir auch Arbeit suchen«, erklärte Beth sofort. »Wir kommen schon zurecht, Sam.«

Er blickte sie zweifelnd an. »Es wird vielleicht so weit kommen, dass wir uns eine billigere Bleibe suchen oder ein Zimmer untervermieten müssen. Wir werden nicht mehr so leben können wie bisher.«

Erneut stieg Wut in Beth auf. Ihr ganzes Leben lang hatte ihr Vater ihr erzählt, er wolle, dass Sam und sie all die Vorteile genießen konnten, die er nie gehabt hatte. Er hatte sie glauben lassen, dass sie vornehme Leute waren, besser als ihre Nachbarn. Aber er hatte sie beschämt und ruiniert, ohne ihnen den Grund dafür zu erklären.

3

Während Beth den Tisch für das Abendbrot deckte, beobachtete sie, wie ihre Mutter am Herd in einem Eintopf rührte. Wie immer war sie in sich selbst versunken und nahm die Anwesenheit ihrer Tochter kaum wahr.

Seit drei Monaten war sie jetzt Witwe, aber ihr Zustand hatte sich nicht verändert. Obwohl sie genauso wie immer wusch, kochte und putzte, sprach sie nur, wenn man ihr eine Frage stellte, und interessierte sich für nichts und niemanden.

Mrs Craven, ihre freundliche Nachbarin, die ihnen in der Zeit kurz nach dem Tod ihres Vaters eine so große Stütze gewesen war, hatte zu Beth und Sam gesagt, dass sie geduldig mit ihr sein sollten, weil jeder Mensch anders mit der Trauer umging, und dass ihre Mutter ihr Schweigen brechen würde, wenn sie so weit sei. Aber vor einem Monat hatte selbst Mrs Craven die Geduld mit ihrer Mutter verloren, als diese sie wegschickte, als sie zu Besuch kam.

»Ihr Gesicht war so kalt wie ’n Marmorgrabstein! Hat mir richtig ’ne Gänsehaut gemacht, weil’s so war, als würde sie mich gar nicht kennen«, berichtete sie Beth verärgert.

Beth konnte nicht glauben, dass ihre Mutter die einzige Person vor den Kopf stieß, die eine wirkliche Freundin gewesen war. Aber sie nahm ja auch nicht zur Kenntnis, wie viel Sam für sie tat.

Er hatte alles versucht, um den Laden weiterzuführen, aber die Leute, die immer ihre Stiefel und Schuhe zum Reparieren gebracht hatten, kamen nicht mehr. Ob das an dem Selbstmord lag oder ob sie dachten, Sam verstünde sein Handwerk nicht, war nicht klar, deshalb vermietete Sam den Laden an jemand anderen. Ihre Mutter zuckte nur mit den Schultern, als er es ihr sagte.

Beth fand, dass ihr verträumter und früher sehr fauler Bruder auf beeindruckende Weise seinen Mann stand, indem er sich so souverän um alle Probleme der Familie kümmerte. Jetzt, wo jemand unten fast die gesamte Miete für das Haus zahlte, mussten sie nur wenig Geld aufbringen, um in ihrer Wohnung bleiben zu können. Sam hatte sich eine Stelle als Bürogehilfe bei einer Reederei besorgt und brachte jeden Penny, den er verdiente, nach Hause, um sie alle durchzubringen. Ihre Mutter hätte ihn in den Himmel loben sollen, anstatt ihn zu ignorieren.

Aber sie lobte Beth ja auch nicht dafür, dass sie eine Stelle als Verkäuferin in einem Strumpfwarenladen gefunden hatte. Sie fragte nie, wie lange sie arbeiten musste oder was sie verdiente.

Vor einer Weile hatte Sam einmal gemeint, es wäre, als hätte jemand ihre Mutter gegen eine stumme Dienstbotin ausgetauscht. Es war ein Scherz gewesen, aber genauso war es, denn sie kochte und servierte ihnen die Mahlzeiten ohne ein Wort. Sie war nie sehr gesprächig gewesen, hatte nur hin und wieder ein bisschen über die Nachbarn geklatscht, aber sie war immer eine gute Zuhörerin gewesen und hatte kleine Veränderungen an ihnen sofort bemerkt, hatte sich nach ihrem Befinden erkundigt, wenn sie krank wirkten oder traurig. Jetzt fiel es ihr nicht auf, wenn sie müde oder erkältet waren; sie machte nicht einmal eine Bemerkung über das Wetter. Wenn sie sich erkundigten, wie ihr Tag gewesen war, dann antwortete sie mit einem Satz: »Ich habe die Wäsche gewaschen«, oder: »Ich habe die Betten bezogen.« Beth kochte innerlich vor Wut und wollte sie anschreien, dass sie noch Sam und sie habe und das Heim, das sie liebe, während die Welt ihrer Kinder völlig auf den Kopf gestellt worden sei. Sam saß zehn Stunden am Tag an seinem Schreibtisch und musste nach der Pfeife von Männern tanzen, die ihn wie Dreck unter ihren Schuhen behandelten. Er konnte nicht mehr ein oder zwei Stunden runter zu den Docks gehen wie sonst; jeder Penny, den er verdiente, wurde gebraucht.

Beth mochte sich gewünscht haben, in einem Laden zu arbeiten, aber sie stellte bald fest, dass Hooley’s Strumpfwarenladen ganz anders war, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie und die anderen Verkäuferinnen wurden jeden Morgen begutachtet, ob ihre Fingernägel sauber waren und ihre Schuhe poliert, und ein paar lose Haarsträhnen waren bereits ein schweres Vergehen. Die Kunden waren oft unhöflich, aber sie musste immer lächeln und sie wie Könige behandeln. Sie musste erst um Erlaubnis fragen, bevor sie auf die Toilette gehen durfte, und wenn man sich nur mit einer anderen Verkäuferin unterhielt, konnte man dafür schon gefeuert werden. Ständig stand sie unter Beobachtung, und den ganzen Tag auf den Beinen zu sein erschöpfte sie sehr. Ihre Mutter ging fast nie aus, deshalb sah sie die verächtlichen Blicke der Leute nicht oder hörte ihre gemeinen Bemerkungen. Sam und Beth lebten jeden Tag damit.

Aber alle Sorge, alle Verbitterung und aller Ärger der vergangenen Monate waren heute auf einen Schlag von einem sehr viel ernsteren Problem verdrängt worden.

Heute war der Wochentag, an dem der Laden früher schloss, und Beth kam kurz nach eins nach Hause. Sie wollte etwas essen und dann versuchen, ihre Mutter zu einem Spaziergang in der Sonne zu überreden.

Die Leute, die jetzt den Laden führten, wollten auch Schuhe verkaufen, und in den vergangenen Wochen hatte ein Tischler Regale und eine Theke eingebaut. Als Beth durch die Hintertür kam, arbeitete ein Maler im Laden, und die Tür stand weit auf. Er entschuldigte sich für den Farbengeruch und sagte, er hoffe, dass ihrer Mutter nicht schlecht davon geworden war, weil er gehört habe, wie sie sich auf dem Plumpsklo übergeben habe.

Beth war natürlich alarmiert die Treppe hinauf zu ihrer Mutter gerannt. Aber die leugnete, dass etwas mit ihr nicht stimmte, und behauptete, der Maler hätte sich verhört.

Die ganze Wohnung roch nach Farbe, doch ihre Mutter hatte sich trotzdem geweigert, mit Beth spazieren zu gehen. Deshalb hatte sie eine Scheibe Brot mit Käse gegessen und war allein gegangen.

Inzwischen benutzten sie alle nur noch die Hintertür, aber als Beth die Church Street wieder hinaufkam, stand die Ladentür weit auf, also schlüpfte sie hinein, um nicht außen herumlaufen zu müssen. Es war ungefähr halb drei, und sie blieb in dem kleinen Flur an der Treppe stehen, die zu ihrer Wohnung führte, weil sie durch die offene Hintertür sehen konnte, dass ihre Mutter im Hof die Wäsche von der Leine nahm.

Sie streckte sich nach oben, um eines von Sams Hemden zu erreichen, und Beth war schockiert, als sie sah, wie dick der Bauch ihrer Mutter geworden war.

Ihre Mutter war klein, und sie war immer sehr schlank gewesen, so schlank, dass ihr Vater ihre Taille mit den Händen umfassen konnte. Vor drei Monaten, als Beth ihr Trauerkleid abgesteckt hatte, war das immer noch so gewesen. Aber jetzt nicht mehr. Sie trug eine Schürze über ihrem schwarzen Kleid, aber die Schürze saß viel weiter oben, als sie sollte, und ihr dicker Bauch war deutlich zu erkennen.

Beth war so entsetzt, dass sie beinahe aufgeschrien und ihre Mutter auf sich aufmerksam gemacht hätte. Alice war nämlich nicht insgesamt dick geworden; ihr Gesicht war im Gegenteil viel schmaler, seit sie Witwe war. Beth wusste genau, was dicke Bäuche bedeuteten, selbst wenn behütet aufgewachsene junge Damen solche Dinge eigentlich nicht wissen durften.

Das war eine weitere Sache gewesen, die Miss Clarkson Beth erklärt hatte. Sie meinte, es sei absurd, junge Mädchen über etwas so Natürliches im Dunkeln zu lassen, und dass Unwissenheit gefährlich sei, weil Männer es ausnutzen könnten. Deshalb wusste Beth, wie Babys gemacht wurden.

Obwohl sie sich schämte, dass ihre Eltern es nach ihrer Geburt offensichtlich noch einmal getan hatten, war Beths größte Sorge, wie sie ein so heikles Thema ihrer Mutter gegenüber ansprechen sollte. Aber ihr war bewusst, dass sie es tun musste, denn wenn ein Baby unterwegs war, dann gab es viel zu organisieren.

Kurze Zeit später, als ihre Mutter wieder im Haus war und die trockene Wäsche faltete, beobachtete Beth sie und hoffte, sich zu irren, denn jetzt, wo die Schürze wieder an der richtigen Stelle saß, war Alices Bauch nicht zu sehen; sie wirkte nur um die Mitte herum ein bisschen dicker.

Beth trank eine Tasse Tee, während sie versuchte, genug Mut zu fassen, denn sie erwartete eine feindselige Reaktion. Aber es wurde immer später, und wenn Sam nach Hause kam, würde keine Gelegenheit mehr für dieses Gespräch sein, denn Beth wusste, dass sie eine Schwangerschaft in Anwesenheit eines Mannes nicht ansprechen konnte, nicht einmal, wenn es ihr eigener Bruder war.

Sie holte tief Luft und sprang ins kalte Wasser. »Du bekommst ein Baby, oder, Mama?«

Beth war nicht sicher, wie sie es fand, einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester zu bekommen. Aber Alices Reaktion auf ihre Frage machte sehr deutlich, dass ihre Mutter es für eine Katastrophe hielt. Ihr Gesicht verzog sich, sie legte die Hände über ihren Bauch, als wollte sie ihn verstecken, und stieß ein gequältes Wimmern aus.

Beth hatte eigentlich gedacht, dass ihre Mutter ihr sagen würde, sie solle sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, aber eine so dramatische Reaktion hatte sie nicht erwartet. »Ich weiß, es kommt dir schrecklich vor, jetzt, wo Papa nicht mehr da ist, aber Sam und ich werden dir helfen«, erklärte sie schnell und ging zu ihrer Mutter. Sie versuchte nicht, sie zu umarmen, denn während der vergangenen drei Monate war ihre Mutter dann immer zurückgewichen, als hätte sie sich verbrannt.

Überraschenderweise warf sie sich jedoch in Beths Arme und weinte wie ein Kind an ihrer Schulter. »Ich wusste nicht, wie ich es euch sagen soll«, schluchzte sie. »Ich habe solche Angst, was jetzt aus uns werden wird.«

Beth hielt sie einfach nur fest und war so erleichtert darüber, dass ihre Mutter endlich wieder mit ihr redete, dass alle anderen Sorgen unwichtig erschienen. »Du musst keine Angst haben«, sagte sie beruhigend. »Wir haben es bis jetzt geschafft, und wir kommen auch mit einem Baby zurecht. Vielleicht ist es genau das, was wir brauchen, um wieder glücklich zu sein. Weißt du, wann es geboren wird?«

»Im Dezember, denke ich.« Alice wischte sich mit ihrer Schürze über die Augen. »Aber ich bin zu alt, um noch ein Baby zu bekommen. Es ist schlimm genug, dass dein Vater solche Schande über uns gebracht hat – jetzt werden die Leute wieder anfangen zu reden.«

»Du bist nicht zu alt«, erklärte Beth fest. »Und was spielt es für eine Rolle, was die Leute sagen? Das geht sie nichts an.«

Beth kochte noch eine Kanne Tee, und ihre Mutter putzte sich die Nase und gestand, wie erleichtert sie sei, dass es jetzt raus war. »Ich habe mich euch beiden gegenüber sehr schlecht benommen«, erklärte sie. »Aber ich war so krank vor Angst und Sorge, dass in meinem Kopf für nichts anderes mehr Platz war. Was wird Sam wohl denken?«

»Genau das Gleiche wie ich: dass wir einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester bekommen«, erklärte Beth ruhig. Sie war froh, endlich eine Erklärung für das merkwürdige Verhalten ihrer Mutter zu haben. »Ich weiß, das ist jetzt alles noch sehr beängstigend, Mama, aber es wird besser. Und du solltest dich lieber wieder mit Mrs Craven vertragen, weil wir ihre Hilfe brauchen werden, wenn das Baby kommt.«

Mrs Craven stand, zusätzlich zu ihren vielen anderen Talenten, in dem Ruf, eine ausgezeichnete Hebamme zu sein.

»Deshalb habe ich sie weggeschickt, weil ich Angst hatte, dass sie es merkt«, gestand Alice. »Es war zu viel für mich nach der Art, wie Frank gegangen ist.«

Später an diesem Abend, nachdem ihre Mutter ins Bett gegangen war, saßen Beth und Sam in der Küche und unterhielten sich. Sam hatte entsetzt ausgesehen, als Beth ihn zur Seite genommen und ihm sehr verlegen von der Neuigkeit berichtet hatte. Er flüsterte, dass es das Letzte sei, was sie jetzt gebrauchen konnten, aber er war diplomatisch genug, ihrer Mutter nicht zu zeigen, wie er darüber dachte.

Jetzt, wo sie allein waren und er Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, reagierte er etwas weniger hart. »Ich kann nicht behaupten, dass mir der Gedanke an ein plärrendes Balg im Haus gefällt«, gestand er. »Aber zumindest erklärt es, was mit Mama los war. Ich dachte schon, sie endet in der Klapsmühle.«

»Es muss sehr beängstigend für sie gewesen sein«, sagte Beth. »Vor allem, weil ihre eigene Mutter sie ohne Mann bekommen haben muss, denn sonst hätte sie sie nicht ausgesetzt. Dieses Haus, in dem sie aufwuchs, lag direkt neben einem Armenhaus. Ich nehme an, sie hatte Angst, dass sie dort endet.«

»Das werde ich nicht zulassen«, erklärte Sam entschlossen. »Aber es nimmt uns jeden Freiraum.«

»Wie meinst du das?«, fragte Beth.

Er schürzte die Lippen und runzelte die Stirn. »Pa hat uns nicht viel hinterlassen, und das meiste davon ist für die Beerdigung und unseren Lebensunterhalt draufgegangen, bis ich Arbeit hatte. Unser Lohn reicht gerade aus, um uns durchzubringen. Aber ich hatte gehofft, dass Mama irgendwann wieder heiraten würde und dass wir dann beide frei wären.«

Beth konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter noch einmal heiraten würde, und sagte das auch.

»Na ja, dann fang besser an zu hoffen, dass sie es tut«, erwiderte er mit einem Anflug von Sarkasmus. »Wenn du einen Mann triffst, der dich heiraten möchte, dann wird er nicht auch noch deine Mutter und ihr Baby bei sich aufnehmen wollen. Und ich hatte auch nicht geplant, für immer hierzubleiben. Ich will die Welt sehen.«

Beth wollte mit ihm schimpfen, weil er so selbstsüchtig war, aber sie konnte nicht, weil sie wusste, dass er sie nicht wirklich im Stich lassen würde. »Wir sollten uns jetzt noch keine Sorgen um die Zukunft machen«, schlug sie vor. »Irgendetwas ergibt sich, du wirst sehen.«

Es war ein langer, heißer Sommer – die Milch wurde schon mittags sauer, Plumpsklos und Abwassergräben stanken zum Himmel, die Blätter an den Bäumen hingen schlaff herunter und waren mit Staub überzogen. Auch nach Sonnenuntergang kam die Stadt nicht zur Ruhe, denn es war so warm, dass die Leute nicht schlafen konnten. Babys schrien, Hunde bellten, Kinder spielten bis tief in die Nacht auf den Straßen, und vor den Wirtshäusern krakeelten mehr Betrunkene herum als sonst.

Beth hielt die Tage in Hooley’s Strumpfwarenladen nur unter großen Mühen durch. Gegen Mittag schien die Sonne voll auf die Fenster, und drinnen stieg die Temperatur auf über dreißig Grad. Die Kunden waren gereizt und oft unhöflich, während sie Schublade nach Schublade mit Socken und Strumpfhosen für sie aufzog. Beth musste sich oft auf die Zunge beißen, um nicht patzig zu werden. In ihrem hochgeschlossenen schwarzen Kleid mit dem Petticoat darunter schwitzte sie furchtbar, ihre Füße schwollen an und schmerzten, und sie fragte sich oft, warum sie früher geglaubt hatte, es wäre wunderbar, woanders zu arbeiten.

Sam ging es bei der Arbeit besser, denn das Gehilfenbüro lag zum Meer hinaus, sodass bei weit geöffneten Fenstern eine kühle Brise hereinwehte. Aber weil er einen steifen Stehkragen und ein Jackett tragen musste, schlief er in der Hitze oft ein oder blickte sehnsüchtig zu den Schiffen draußen auf dem Meer und wünschte sich, auf einem von ihnen zu sein.

Aber ihre Mutter litt noch mehr. Sie hatte keinen Appetit, fühlte sich in der Hitze ganz schwach, und ihre Knöchel und Beine waren mittags so geschwollen, dass sie nicht laufen konnte. Es beunruhigte Beth, wie dünn und ausgemergelt ihr Gesicht inzwischen war, doch ihr Bauch schien jeden Tag zu wachsen.

Ende September war das heiße Wetter endlich vorbei, und es regnete zwei Wochen ohne Unterlass. Nachts konnte man wieder schlafen, die Straßen wurden sauber gewaschen, und ihre Mutter aß wieder etwas mehr.

Alice hatte sich bei Mrs Craven für ihre Unfreundlichkeit entschuldigt, und die Nachbarin war nett genug, jeden Tag vorbeizukommen und ihr bei den schwereren Hausarbeiten zu helfen. Zusammen hatten die beiden eine Kiste mit alter Babykleidung von Sam und Beth vom Dachboden geholt, und eine andere Nachbarin lieh ihnen eine Wiege.

Der Winter begann erst Ende November, doch als er dann kam, brachte er heftigen Wind und bittere Kälte mit. In der zweiten Dezemberwoche fing es an zu schneien, und als Beth am Freitagabend nach Hause kam, machte Mrs Craven in der Küche gerade einen großen Topf mit Wasser auf dem Herd heiß.

»Die Wehen haben gegen Mittag eingesetzt«, erklärte sie. »Zum Glück bin ich auf dem Weg vom Markt vorbeigekommen. Ich möchte, dass du Dr. Gillespie holst, damit er nach ihr sehen kann.«

Beth war sofort beunruhigt, doch Mrs Craven umarmte sie beschwichtigend. »Es ist nur eine Vorsichtsmaßnahme«, erklärte sie.

Es war das erste Mal, dass Beth den Doktor seit jenem Abend sah, an dem ihr Vater sich erhängt hatte, und sie war sehr verlegen, als sie ihm sagte, warum sie ihn jetzt brauche.

»Ein Baby!«, rief er, und auf seinem runden Gesicht erschien ein breites Lächeln. »Was für eine Überraschung! Und wie geht es dir und deinem Bruder? Es muss in den vergangenen Monaten schwer für euch gewesen sein.«

»Wir kommen zurecht, Doktor«, sagte Beth. Sein freundliches Lächeln nahm ihr etwas von der Anspannung, und sein Interesse an Sam und ihr war tröstlich. »Natürlich war das Baby zuerst ein Schock für uns alle. Aber Mrs Craven sagt, sie möchte, dass Sie nach ihr sehen, als Vorsichtsmaßnahme.«

Es war jedoch keine Vorsichtsmaßnahme, wie Beth später klar wurde, als sie an der Schlafzimmertür stand und hörte, wie der Arzt zu Mrs Craven sagte: »Sie ist eine sehr zierliche Frau, und das Baby ist sehr groß. Mrs Bolton ist außerdem nicht mehr die Jüngste und auch nicht sehr stark. Ich überlasse sie jetzt Ihren erfahrenen Händen, Mrs Craven, aber zögern Sie nicht, mich später noch mal zu rufen, wenn Ihnen etwas Sorgen macht.«

Beths Herz schlug wie wild vor Angst, und während der Abend voranschritt und sie ihre Mutter vor Schmerzen schreien hörte, wurde Entsetzen daraus. Dass Sam noch nicht zurück war, machte es nicht besser. Es gab nur Mrs Craven, und die erlaubte Beth nicht, das Schlafzimmer zu betreten. »Ich rufe dich, wenn ich Hilfe brauche oder wenn du den Doktor noch mal holen sollst«, erklärte sie fest. »Babys brauchen manchmal eine Ewigkeit, aber mach dir wegen des Schreiens keine Sorgen – die meisten Frauen tun das, es bedeutet nichts.«

Sam kam kurz nach zehn, und Mrs Craven schickte ihn sofort wieder los, um den Arzt noch einmal zu holen. Sie wollte ihnen zwar nicht sagen, wofür sie ihn brauchte, aber Beth konnte die Sorge auf ihrem breiten Gesicht sehen.

Dr. Gillespie kam mit Sam zurück und verschwand erneut für einige Zeit im Schlafzimmer.

Gegen zwölf kam Gillespie in die Küche zurück und bat um eine Schüssel mit heißem Wasser, um sich die Hände zu waschen. Er hatte sein Jackett bereits ausgezogen und sich die Ärmel aufgerollt, und als er sich die Hände und die Unterarme wusch, blickte er über die Schulter zu Sam und Beth.

»Ich muss das Baby schnell holen«, sagte er. »Bitte sucht noch mehr saubere Laken und Handtücher heraus. Ich kann sehen, dass ihr beiden Angst habt, aber macht euch keine Sorgen – eure Mutter kommt durch.«

Beth lief los, um die Laken zu holen, und der Doktor kehrte damit ins Schlafzimmer zurück und schloss die Tür hinter sich.

Es war jetzt sehr ruhig. Draußen fiel immer noch Schnee, der den Lärm der nächtlichen Kutschen dämpfte. Die einzigen Geräusche waren ein gelegentliches Husten oder eine unverständliche Anweisung des Doktors an Mrs Craven und das Knacken und Springen der Kohlen im Ofen.

Sam und Beth sagten nichts. Sie saßen sich nur am Küchentisch gegenüber, bleich und angespannt, beide mit ihren Ängsten beschäftigt.

Plötzlich gab es ein Geräusch – ein Rascheln, Schritte und dann die leise Stimme des Arztes. »Meine Güte, was für ’n großes Mädchen«, hörten sie Mrs Craven ausrufen, und einen Augenblick später hörten sie das Baby schreien.

»Gott sei Dank«, rief Sam und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn.

Kurz danach kam Mrs Craven mit einem in eine Decke gewickelten Baby auf dem Arm aus dem Schlafzimmer. Sie sah erschöpft aus, aber sie lächelte. »Das ist eure kleine Schwester. Ein richtiger kleiner Wonneproppen«, sagte sie stolz.

Für Beth dämpfte der Anblick von Mrs Cravens blutverschmierter Schürze jede Freude und jedes Staunen, die sie beim Anblick ihrer kleinen Schwester vielleicht empfunden hätte. »Mama – geht es ihr gut?«, fragte sie.

»Bald, der Doktor näht sie gerade«, erwiderte Mrs Craven. »Aber du kannst helfen, indem du dich um die Kleine kümmerst«, sagte sie und gab Beth das Bündel. »Leg sie in die Wiege, und stell sie an den Ofen, damit sie es warm hat. Ich muss zurück und dem Doktor helfen.«

Während Sam die Wiege aus der Stube holte, stand Beth da und blickte auf das Baby in ihren Armen. Sie hatte noch nie ein Neugeborenes gesehen, und obwohl Mrs Craven gesagt hatte, dass dieses hier groß sei, fand sie es winzig, rot und zerknautscht. Es hatte dunkles Haar, und obwohl sie die Augen nicht sehen konnte, da sie fest geschlossen waren, mochte sie es, wie der kleine Mund sich öffnete und schloss wie der von einem Fisch.

Sam brachte die Wiege. »Ich glaube, wir wärmen zuerst die Matratze und die Laken an«, schlug Beth vor, denn seit es richtig kalt war, hatten sie in der Stube kein Feuer mehr gemacht. »Wie findest du sie?«

Sam blickte auf das Baby und strich ihm vorsichtig mit dem Finger über die Wange. »Sie ist ein bisschen hässlich«, sagte er und rümpfte angewidert die Nase.

»Nein, ist sie nicht«, widersprach Beth. »Sie ist süß, und es ist genauso wie bei neugeborenen Hunden oder Katzen. Zuerst sehen sie alle wie Ratten aus, aber kurz danach sind sie richtig hübsch, und das wird sie auch sein.«

Durch all die Vorbereitungen für die Babywiege und weil sie noch mehr Tee für Mrs Craven und den Doktor kochten, vergaßen sie kurzfristig ihre Mutter. Erst als ihre Nachbarin mit einem großen Bündel blutdurchtränkter Laken zurück in die Küche kam und Sam bat, die Zinkwanne aus dem Hof zu holen, um sie darin einzuweichen, wurden sie schlagartig an sie erinnert.

»Es wird ihr eine Zeitlang sehr schlecht gehen«, erklärte Mrs Craven ernst. »Wir müssen sie mit Fleischbrühe, Eiern und Milch wieder aufpäppeln. Wenn der Doktor mit ihr fertig ist, könnt ihr ein oder zwei Minuten zu ihr. Erwartet aber nicht zu viel von ihr, sie hat viel durchgemacht.«

Es schien Stunden zu dauern, bis Dr. Gillespie endlich wieder aus dem Schlafzimmer kam, doch tatsächlich war nicht mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er sah müde aus, als er sich die blutbespritzte Schürze auszog und zur Spüle ging, um sich die Hände zu waschen. »Habt ihr Brandy im Haus?«, fragte er.

»Ich glaube ja, Sir«, antwortete Sam und ging in die Vorratskammer, um welchen zu holen.

»Gut, Junge, dann gib deiner Mutter welchen in heißer Milch.« Er ging zur Wiege und blickte auf das schlafende Baby. »Sie scheint zumindest ganz gesund zu sein, und Mrs Craven wird euch erklären, was sie braucht. Ich komme morgen wieder, um nach eurer Mutter zu sehen.«

Er nahm eine kleine dunkle Flasche aus seiner Tasche und stellte sie auf den Tisch. »Wenn eure Mutter in der Nacht Schmerzen hat, dann kann sie drei oder vier Tropfen davon in heißem Wasser nehmen. Versucht sie auch dazu zu bringen, Wasser zu trinken.«

»Na los! Ihr könnt jetzt zu ihr«, drängte Mrs Craven sie, als der Doktor gegangen war. »Und dann muss ich auch ins Bett.«

Sam und Beth schlichen leise in das Zimmer ihrer Mutter und wussten nicht recht, was sie dort erwartete. Alles sah überraschend ordentlich und normal aus, wenn man bedachte, was hier passiert war. Es war nur sehr heiß, weil der Ofen an war, und es roch ein bisschen komisch. Aber Alice schien geschrumpft zu sein; sie wirkte in dem großen Messingbett so klein wie ein Kind, und ihr Gesicht sah im Gaslicht merkwürdig fleckig aus.

»Wie geht es dir, Mama?«, fragte Sam.

»Ich habe Schmerzen«, krächzte sie. »Das Baby?«

»Es geht ihr gut, sie liegt warm eingepackt in der Wiege und schläft«, sagte Beth leise. »Du musst das hier trinken«, fügte sie hinzu und trat näher an das Bett, um ihrer Mutter so weit hochzuhelfen, dass sie die Brandy-Milch trinken konnte. »Ich schlafe heute Nacht in der Küche, damit sie es warm hat und ich sie im Auge behalten kann. Es schneit draußen.«

Als ihre Mutter getrunken und Beth sie wieder hingelegt hatte, griff sie nach dem Arm ihrer Tochter. »Bitte, hasst mich nicht dafür«, flehte sie.

»Dich wofür hassen?« Beth runzelte die Stirn und sah Sam verwirrt an.

»Dass ich euch mit einer solchen Last allein lasse«, sagte sie und schloss die Augen.

Beth deckte ihre Mutter gut zu und stellte die Gaslampe dann so weit herunter, dass sie nur noch schwach schien. Sam legte noch mehr Kohlen ins Feuer, und sie schlichen leise wieder aus dem Zimmer.

»Glaubst du, sie wird sterben?«, fragte Beth Sam, als Mrs Craven nach Hause gegangen war.

»Das war bestimmt nur die Medizin, die sie das hat sagen lassen«, erklärte er ihr. »Mach dir keine Sorgen.«

»Ich werde morgen nicht zur Arbeit gehen können, weil ich mich um das Baby kümmern muss«, sagte Beth. »Mr Hooley wird darüber so kurz vor Weihnachten nicht erfreut sein. Was, wenn er mir die Stelle nicht freihält, bis es Mama wieder besser geht?«

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, erwiderte Sam müde. »Du schreibst ihm eine Nachricht, und ich schiebe sie auf dem Weg zur Arbeit bei ihm unter der Tür durch. Und jetzt werde ich lieber noch ein paar Kohlen in den Herd legen, um unsere kleine Schwester warm zu halten. Ich frage mich, wie Mama sie nennen will.«

»Ich finde, sie sieht wie eine Molly aus«, erklärte Beth und blickte erneut in die Wiege. »Ich hoffe nur, sie wacht erst wieder auf, wenn Mrs Craven zurück ist. Ich weiß überhaupt nichts über Babys.«

Beth schlief unruhig in dem alten Ohrensessel am Herd unter ein paar Decken, die Füße auf einem Hocker. Sie wachte beim kleinsten Geräusch auf, aber jedes Mal war es nur ein Knacken vom Herd oder ein leises Schmatzen des Babys gewesen. Doch immer, wenn sie versuchte, wieder einzuschlafen, musste sie über die Bitte ihrer Mutter nachdenken.

Um sechs Uhr morgens wiegte Beth das schreiende Baby auf dem Arm und versuchte, es zu beruhigen, als zu ihrer Erleichterung Mrs Craven durch die Hintertür kam und mit den Füßen aufstampfte, um den Schnee abzuschütteln.

»Das Baby muss gewickelt und gefüttert werden«, erklärte sie resolut und zog ihren Mantel aus. Dann nahm sie Beth das Baby ab und fing an, die nasse Decke zu entfernen. Sie befahl Beth, die Kiste mit den Babysachen und Windeln zu holen.

Beth beobachtete fasziniert, wie die ältere Frau das winzige Baby vorsichtig wusch und ihr erklärte, wie sie das Stückchen Mull wechseln musste, das den Rest der Nabelschnur schützte, und dass sie einen speziellen Puder daraufgeben solle, bis er abfiele. Dann faltete sie eine Windel zu einem Dreieck und wickelte es um den Po des Babys.

»Später, wenn die Geschäfte öffnen, musst du versuchen, ein paar wasserdichte Gummihöschen für sie zu kaufen«, sagte Mrs Craven. »Die gab es noch nicht, als meine Kinder geboren wurden, aber ich find, sie sind ’n Segen, denn sie halten die Kleidung und das Bett trocken. Du musst die Windel alle zwei bis drei Stunden wechseln. Wenn sie zu lange nass ist, wird sie wund.«

Als sie dem Baby ein kleines Nachthemd anzog, erklärte sie noch mehr Dinge über die Babypflege, von denen Beth das meiste nicht verstand.

»Jetzt bringen wir sie zum Stillen zu deiner Mutter«, sagte sie und gab Beth das Baby zurück. »Sie will das vielleicht nicht, weil es ihr schlecht geht, aber einer Mutter geht es immer schneller wieder besser, wenn sie ihr Baby im Arm hält.«

Alice sah ein bisschen besser aus, denn die schrecklichen Flecken auf ihrem Gesicht waren verschwunden, und sie öffnete die Augen und versuchte zu lächeln. Sie stöhnte vor Schmerz auf, als Mrs Craven ihr half, sich ein bisschen aufzusetzen, damit sie ihr mehr Kissen in den Rücken stopfen konnte, und sie war schrecklich blass.

Beth wusste jetzt, dass Dr. Gillespie einen sogenannten Kaiserschnitt gemacht hatte und dass der eigentlich in einem Krankenhaus hätte durchgeführt werden müssen. Aber er hatte keine Wahl gehabt: Ihre Mutter war nicht transportfähig gewesen, und das Baby musste schnell geholt werden, oder sie wären beide gestorben.

»Wir lassen das Baby nur schnell ein bisschen trinken«, sagte Mrs Craven und knöpfte Mamas Nachthemd auf. »Dann hole ich Ihnen etwas zu trinken und etwas zu essen und mache es Ihnen etwas bequemer.«

Beth wurde rot, als sie die Brüste ihrer Mutter sah, aber als Mrs Craven das Baby anlegte und es sofort zu saugen begann, wurde die Verlegenheit schnell zur Freude über den Anblick dieser Gier, und Beth musste lächeln.

»Sie ist eine kleine Kämpferin, die Kleine«, sagte Mrs Craven zärtlich. »Wie wollt ihr sie denn eigentlich nennen?«

»Ich finde, sie ist eine Molly«, erklärte Beth und setzte sich auf die Bettkante.

»Dann soll sie Molly heißen«, sagte ihre Mutter mit einem schwachen Lächeln.

4

In den Tagen nach Mollys Geburt hatte Beth keine Minute Ruhe, denn sie musste Molly ständig wickeln und trösten, sich um ihre Mutter kümmern und ihr auch auf den Nachttopf helfen, weil sie nicht auf das Plumpsklo gehen konnte, dazu die ganze Wäsche waschen und andere Aufgaben im Haushalt erledigen. Der Schnee lag noch immer hoch, und an den meisten Tagen schneite es weiter. In der Wohnung war es so dunkel, dass Beth oft auch während des Tages die Gaslampen anzünden musste. Wenn sie einkaufen ging, dann beeilte sie sich immer, denn so einladend die Church Street mit den weihnachtlich dekorierten Fenstern, die Maronen-Verkäufer und die Orgelspieler auch waren, es war zu kalt, um sich draußen aufzuhalten.

Von ihrer kleinen Schwester war sie inzwischen ganz hingerissen. Sich um sie zu kümmern war eine Freude und keine Bürde, und auch die anderen Aufgaben zu erledigen fiel ihr nicht schwer. Doch nach einer Woche wurde die Freude von der Sorge um ihre Mutter abgelöst.

Zuerst schien es Alice langsam besser zu gehen. Am dritten Tag nach der Geburt bat sie Beth um ein Omelette, das sie ganz aufaß, und um Reispudding. Sie hielt Molly auch nach dem Stillen noch auf dem Arm und unterhielt sich gerne mit Beth, erklärte ihr Sachen über Babys und das Kochen.

Am vierten Tag war es ähnlich, doch am Abend klagte sie plötzlich darüber, dass ihr so heiß sei. Am folgenden Morgen musste Beth Dr. Gillespie holen, weil Alice fieberte.

Der Arzt sagte, so ginge es Frauen oft nach dem vierten oder fünften Tag nach der Niederkunft, und riet Beth, ihrer Mutter viel zu trinken zu geben und sie warm zu halten. Aber Alices Zustand verschlechterte sich zusehends, und ihr Fieber stieg so hoch, dass sie kaum noch wusste, wer sie war. Ein ekelhafter Geruch ging von ihr aus, und sie hatte schlimme Unterleibsschmerzen, die auch von der Medizin, die der Doktor ihr gab, nicht weggingen.

Mrs Craven nannte es Kindbettfieber, aber Dr. Gillespie hatte einen sehr viel hochtrabenderen Namen dafür. Er kam zwei Mal am Tag, spülte Alices Unterleib mit einer antiseptischen Lösung aus und packte Gaze hinein.

Sie legten Molly weiter bei ihr an, obwohl Alice sie nicht mehr halten konnte, doch an diesem Morgen war Mrs Craven mit einer Glasflasche mit einem Gummisauger gekommen. Sie musste nicht erklären, wieso; es war offensichtlich, dass es Alice zu schlecht ging und sie nicht mehr genug Milch hatte.

Molly nahm die Flasche sofort an, und es tröstete Beth sehr, mit ihr in dem bequemen Sessel am Herd zu sitzen und sie zu füttern. Sie liebte es, dass Molly die Augen immer weit öffnete, wenn sie anfing zu trinken – sie sahen aus wie zwei dunkelblaue Murmeln –, und sie winkte mit ihrer winzigen Hand, als würde ihr das helfen, die Milch schneller zu trinken. Doch wenn die Flasche fast leer war, fielen ihr die Augen wieder zu, und ihre Hände sanken an ihre Seiten.

Beth saß oft eine Stunde oder länger da, legte Molly auf ihre Schulter und massierte ihr den Rücken, so wie Mrs Craven es ihr gezeigt hatte, um sie ein Bäuerchen machen zu lassen. Sie liebte es, wie das Baby roch und sich anfühlte, liebte die kleinen zufriedenen Seufzer, alles an ihm. Selbst wenn sie es schließlich frisch gewickelt und in eine Decke eingepackt hatte, sodass nur noch der kleine Kopf herausschaute, und es wieder in der Wiege lag, stand Beth noch daneben und sah ihm beim Schlafen zu, voller Staunen über das Wunder des neuen Lebens.

Doch die Freude wurde durch den schlimmen Zustand ihrer Mutter getrübt. Weder Dr. Gillespie noch Mrs Craven deuteten an, dass Alice sich nicht erholen würde, doch wie sehr Beth auch versuchte, optimistisch zu bleiben, sie konnte spüren, wie der Tod sich in das Nebenzimmer schlich.

Ihre gutherzige, kompetente Nachbarin kam jetzt jeden Tag für zwei oder drei Stunden, und Beth erkannte an den immer neuen Blutflecken auf den Laken, an dem fauligen Gestank, an der Art, wie Mrs Craven immer mehr Kohlen auflegte, um das Schlafzimmer warm zu halten, und an ihrem angespannten Gesichtsausdruck, dass es nur noch eine Frage der Zeit war.

Beth erzählte Sam nichts von ihren Ängsten, denn sie wusste, dass er sich wegen des Geldes sorgte. Mr Hooley vom Strumpfwarenladen war nicht erfreut gewesen, als Beth ihn gerade jetzt im Weihnachtsgeschäft um Urlaub bat, und es war eindeutig, dass er ihr die Stelle nicht freihalten würde, bis sie zurückkehren konnte. Außerdem fror Sam ganz furchtbar im Büro der Reederei und sagte, dass er kaum noch schreiben könne, weil seine Finger ganz taub seien von der Kälte. Ihm graute davor, noch weitere zwei oder drei Monate an einem so eisigen Arbeitsplatz zu verbringen. Beth überlegte, ob er vielleicht versucht war, sie einfach zu verlassen, wenn sie ihm erzählte, dass ihre Mutter wahrscheinlich sterben würde und er allein das Geld verdienen müsse, um sie und Molly durchzubringen.

Am Sonntagabend jedenfalls, als Sam den ganzen Tag zu Hause war und die hektische Betriebsamkeit beobachtete, konnte Beth an seinem besorgten Gesicht sehen, dass er endlich begriff, wie ernst die Lage war.

»Warum hast du es mir nicht gesagt?«, fragte er Beth vorwurfsvoll, die im Sessel mit Molly schmuste.

»Du hast schon genug Sorgen«, erklärte sie wahrheitsgemäß. »Außerdem hatte ich gehofft, dass sie sich erholt.«

Die kleine Glocke erklang, die Beth auf den Nachttisch ihrer Mutter gestellt hatte, damit sie sie rufen konnte, wenn sie etwas brauchte. Beth erhob sich und ging mit Molly auf dem Arm ins Schlafzimmer.

Es war sehr heiß und stickig darin, und der unangenehme Geruch war noch stärker geworden.

»Möchtest du etwas trinken, Mama?«, fragte Beth und wandte den Blick vom Gesicht ihrer Mutter ab. Es tat weh, sie anzusehen, denn das Fleisch in ihrem Gesicht schien in die Knochen eingesunken zu sein, und ihre Augen standen heraus wie die der Fische in der Auslage des Fischhändlers.

»Nein. Hol Sam, ich muss mit euch beiden sprechen«, erwiderte sie, und ihre Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern.

Sam kam sofort und rümpfte die Nase über den Gestank.

»Kommt näher«, flüsterte ihre Mutter. »Das Sprechen tut jetzt weh.«

Bruder und Schwester traten an das Bett, und Beth drückte Molly fest an ihre Brust. »Was ist los, Mama?«, fragte Sam mit zitternder Stimme.

»Ich muss euch etwas Schlimmes sagen«, erklärte Alice. »Ich weiß, dass ich sterbe, aber ich kann nicht gehen, wenn mir das auf der Seele liegt.«

Sam erwiderte, dass sie nicht sterben würde und dass sie immer gut gewesen sei, aber sie winkte nur schwach mit der Hand, um ihn davon abzuhalten. »Ich bin keine gute Frau«, sagte sie mit matter, rauer Stimme. »Euer Vater hat sich meinetwegen umgebracht.«

Sam warf Beth einen fragenden Blick zu. Seine Schwester zuckte mit den Schultern, weil sie glaubte, dass ihre Mutter durch das Fieber verwirrt war.

»Es gab einen anderen Mann. Euer Vater fand es ein paar Wochen bevor er sich das Leben nahm, heraus. Er sagte, er würde mir vergeben, wenn ich ihm verspreche, dass ich diesen Mann nie mehr wiedersehe.« Sie brach ab und hustete schwach. Weder Beth noch Sam rührten sich, um ihr etwas zu trinken zu geben.

»Ich habe es ihm versprochen«, fuhr sie fort, als der Husten aufhörte. »Aber ich konnte das Versprechen nicht halten und traf mich weiter mit dem Mann, wenn ich mich wegschleichen konnte. Das letzte Mal war ich mit ihm an dem Morgen des Tages zusammen, an dem Frank sich erhängte.«

Beth war fassungslos. »Wie konntest du nur?«, platzte sie heraus.

»Du, du …«, rief Sam, und sein Gesicht wurde rot vor Wut und Ekel. »Du Hure!«

»Ganz egal, was ihr sagt, ich könnte mich nicht schlechter fühlen, als ich es schon tue«, krächzte Alice. »Ich habe euern Vater betrogen und bin verantwortlich für seinen Tod. Er war ein guter Mann, zu gut für mich.«

»Und Molly? Wer ist ihr Vater?«, schrie Beth.

»Der andere Mann«, sagte ihre Mutter und schloss die Augen, als könnte sie es nicht ertragen, die wütenden Gesichter ihrer Kinder zu sehen. »Seht in der Schublade nach, wo ich meine Strumpfhosen aufbewahre«, sagte sie. »Da ist eine Nachricht, die ich in jener Nacht fand. Frank hatte sie mir unter das Kopfkissen geschoben.«

Sam öffnete die kleine obere Schublade der Kommode und wühlte einen Moment darin, dann zog er einen Bogen Briefpapier heraus. Er nahm sich die Gaslampe, um zu lesen, was darauf stand.

»Was steht da?«, fragte Beth.

Liebe Alice, las Sam.

Ich weiß schon seit einiger Zeit, dass Du Dich immer noch mit Deinem Liebhaber triffst. Wenn Du das hier findest, werde ich nicht mehr da sein, und Du bist frei und kannst mit dem Mann gehen, der Dir wichtiger ist als ich. Ich bitte Dich nur, nach meinem Tod eine gewisse Anstandsfrist zu wahren, bevor Du zu ihm ziehst, um unserer Kinder willen.

Ich habe Dich geliebt, und es tut mir leid, dass das nicht genug war.

Frank

Beth fing an zu weinen, während Sam die Nachricht vorlas. Sie stellte sich vor, wie ihr ruhiger, sanftmütiger Vater diese Nachricht unten im Laden geschrieben hatte und dann zur Teezeit heraufgekommen war, um sie unter das Kopfkissen zu schieben. Selbst mit einem gebrochenen Herzen war er nicht wütend oder rachsüchtig geworden, sondern bis zum Schluss ein liebevoller Ehemann und Vater geblieben.

Sam ging zu Beth und legte den Arm um sie. Er blickte auf Molly hinunter, die in ihren Armen schlief. Tränen liefen über seine Wangen.

»Warum, Mama?«, schrie er. »Warum musstest du das tun?«

»Ich habe euern Vater geliebt, aber es war die zarte Liebe zu einem Freund«, erwiderte sie gebrochen. »Leidenschaft ist etwas ganz anderes. Vielleicht werdet ihr das eines Tages selbst feststellen und es verstehen.«

»Aber warum ist dieser andere Mann jetzt nicht hier?«, rief Sam wütend. »Wenn es die wahre Liebe war, wo ist er dann jetzt?«

»Mein größter Fehler war es, Leidenschaft mit Liebe zu verwechseln«, erwiderte sie, und ihre Augen brannten, als sie ihren Sohn ansah. »Er verschwand einfach spurlos, als er von Franks Tod erfuhr. Das war meine schlimmste Strafe: zu wissen, dass ich auf einen Schürzenjäger hereingefallen war, der sich nichts aus mir machte, und dass Frank in dem Glauben starb, er hätte einen Weg gefunden, mich glücklich zu machen.«

»Wusste dieser andere Mann, dass du von ihm schwanger bist?«, schluchzte Beth.

»Nein, Beth. Ich merkte es erst nach unserer letzten Begegnung.«

Sie fing an zu husten und zu keuchen, und es war offensichtlich, dass sie zu schwach war, um noch mehr zu sagen. »Schlaf jetzt«, sagte Beth kurz angebunden. »Wir reden morgen weiter.«

Später in der Küche ging Sam auf und ab, weiß vor Wut. »Wie konnte sie nur?«, wiederholte er immer wieder. »Und wenn sie sich nicht erholt, sollen wir uns dann um dieses Balg kümmern?«

Beth weinte, während sie Molly auf ihrem Arm fütterte. »Sag das nicht, Sam. Sie ist nur ein Baby, das alles ist nicht ihre Schuld, und sie ist unsere Schwester.«

»Meine Schwester ist sie nicht«, schrie er zornig. »Unser Vater war vielleicht schwach genug zu akzeptieren, dass seine Frau einen Liebhaber hatte, aber ich werde nicht in seine Fußstapfen treten – sie kann nicht hierbleiben.«

»Und wo soll sie hin?«, fragte Beth unter Tränen. »Sollen wir sie ins Waisenhaus bringen? Sie jemandem vor die Tür legen?«

»Ich kann und werde mich nicht um das Kind eines Mannes kümmern, der meine Mutter verführt und meinen Vater in den Selbstmord getrieben hat«, erklärte Sam ausdruckslos, und sein Mund wurde zu einer harten, entschlossenen Linie. »Schaff sie weg!«

Beth blieb noch lange wach, nachdem Sam ins Bett gegangen war. Sie fütterte und wickelte Molly und legte sie in ihre Wiege, dann setzte sie sich in den Sessel und versuchte, das alles zu verstehen.

Aber nichts davon ergab für sie einen Sinn. Bis zu diesem Abend hatte sie es nicht für möglich gehalten, dass eine Frau, die einen guten Mann, Kinder und ein schönes Zuhause hatte, jemals etwas anderes wollen könnte. Sie hatte natürlich Gerüchte über lose Frauen gehört, die mit anderen Männern als ihren Ehemännern etwas anfingen, aber sie hatte immer geglaubt, dass das jene Flittchen waren, die in Wirtshäuser gingen und sich das Gesicht anmalten. Keine normalen Frauen wie ihre Mutter.

»Leidenschaft«, wie ihre Mutter es genannt hatte, sagte ihr nichts. Miss Clarkson hatte das Wort gerne benutzt, obwohl sie es meistens im Zusammenhang mit Musik gebrauchte. Aber einmal, als sie darüber sprachen, wie man Babys macht, sagte sie, dass manche Frauen von »Leidenschaft« überwältigt würden und dass sie ihnen den eigenen Willen raube. Beth nahm an, dass ihrer Mutter das passiert sein musste.

Beth saß immer noch weinend im Sessel, als sie ein Geräusch aus dem Schlafzimmer ihrer Mutter hörte. Etwas war auf den Boden gefallen, vielleicht das Wasserglas. Sie wollte Alice heute Abend nicht noch einmal sehen, aber sie wusste, dass sie hineingehen und nach ihr sehen musste.

Ihre Mutter lag auf einer Seite des Bettes und versuchte, das Familienfoto zu erreichen, das auf dem Nachttisch stand. Es war vor einem Jahr am New Brighton Beach aufgenommen worden, als sie dort den August-Bankfeiertag verbracht hatten. Als sie danach greifen wollte, hatte sie eine Flasche mit Pillen umgeworfen, die der Doktor ihr dagelassen hatte.

»Willst du das hier?« Beth holte es und hielt es ihrer Mutter hin, damit sie es sich ansehen konnte.

Ihre Mutter hob unter großen Mühen den Arm und legte einen Finger an das Bild. »Erzähl niemandem das von Molly«, flüsterte sie. »Lass alle glauben, sie wäre von Frank. Nicht für mich, sondern für sie, und gib ihr das hier, wenn sie groß ist, damit sie weiß, wie wir ausgesehen haben.«

Ihre Hand bewegte sich von dem Bild weg und legte sich um Beths Handgelenk. Sie fühlte sich so trocken an wie ein Herbstblatt, so klein und knochig, aber der Griff war ganz fest. »Es tut mir so unendlich leid«, hauchte sie. »Sag, dass du mir vergibst.«

Instinktiv wusste Beth, dass dies das Ende sein musste. Was immer ihre Mutter getan, wen immer sie verletzt hatte, sie konnte sie nicht ohne ein freundliches Wort sterben lassen. »Ja, ich vergebe dir, Mama«, sagte sie.

»Dann kann ich gehen?«, fragte Alice flüsternd.

Der Griff um Beths Handgelenk lockerte sich, und die Hand ihrer Mutter fiel auf die Bettdecke. Beth stand eine Weile da und sah sie an, bevor ihr klar wurde, dass sie nicht mehr atmete.

5

»Wir werden die billigste Beerdigung nehmen«, beharrte Sam stur. »Ihretwegen kann Vater nicht in heiliger Erde ruhen, und niemand ist zur Beerdigung gekommen und hat gesagt, was für ein guter Mann er war. Warum soll es ihr besser gehen?«

»Wir können ihr kein Armenbegräbnis geben«, erwiderte Beth müde, denn sie waren das schon mehrmals durchgegangen, seit er zum Abendbrot nach Hause gekommen war, und jetzt war es schon fast elf Uhr. »Was würden die Leute von uns denken?«

»Warum sollten wir uns darum scheren?«, erwiderte er aufbrausend. »Abgesehen von den Cravens reden seit Papas Tod sowieso alle schlecht über uns. Lass sie es doch weiter tun.«

Beth fing an zu weinen, weil sie diese hartherzige Person nicht kannte, die den Platz ihres Bruders eingenommen hatte. Ihre Mutter war noch keine vierundzwanzig Stunden tot, ihre Leiche lag noch immer im Bett, und doch war Sam heute Morgen zur Arbeit gegangen, als wäre nichts passiert. Sie verstand natürlich, dass er Angst hatte, seinen Job zu verlieren, wenn er nicht ging, aber er hätte ihr das erklären können, nur ein paar freundliche Worte, um sie wissen zu lassen, dass er nicht auch noch auf sie wütend war.

»Weine nicht, Beth«, sagte er, und sein Blick wurde weicher. »Ich will nicht grausam sein, aber wir sind in einer verzweifelten Lage. Wir können kein Geld für ihre Beerdigung ausgeben, das wir nicht haben. Und das Baby muss auch weg!«

Beth stellte sich schützend vor Mollys Wiege. »Sag das nicht, Sam. Sie ist unsere Schwester, und ich lasse sie nicht im Stich. Du kannst das Klavier oder alles andere verkaufen, um an Geld zu kommen, wir können ein Zimmer untervermieten oder in eine billigere Wohnung ziehen, aber Molly bleibt bei uns.«

»Ich kann ihren Anblick nicht ertragen«, sagte er, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Sie erinnert mich ständig daran, wozu Mama Papa getrieben hat.«

»Wenn Mama nicht so ehrlich und so mutig gewesen wäre, uns die Wahrheit zu gestehen, dann wüssten wir es jetzt gar nicht«, widersprach Beth. »Außerdem würde Papa sich im Grabe umdrehen, wenn wir uns von einem hilflosen Baby abwenden, selbst wenn es nicht sein eigenes war. Also musst du die Menschlichkeit aufbringen zu akzeptieren, dass wir Molly nicht im Stich lassen dürfen.«

Sam sah sie nur nachdenklich an.

Es dauerte eine Weile, bevor er wieder sprach. »So gesehen muss ich dir zustimmen, schätze ich.« Er seufzte. »Aber erwarte nicht, dass ich etwas für sie empfinde. Und mach mir keine Vorwürfe, wenn du feststellst, was es bedeutet, arm zu sein.«

Es reichte Beth, dass Sam nachgegeben hatte. »Dann mache ich auch einen Kompromiss und organisiere die billigste Beerdigung. Aber du darfst mir auch keine Vorwürfe machen, wenn du später feststellst, dass du dich deswegen schämst.«

Weihnachten war trostlos; sie hatten weder das Geld noch die Lust, das Fest auf feierliche Weise zu begehen. Sie ließen Molly nur so lange bei Mrs Craven, um in die Kirche zu gehen, aber das tröstete sie nicht, denn es erinnerte sie an die fröhlichen Weihnachtsfeste der Vergangenheit. Ein paar Leute kamen zu ihnen und sprachen ihnen ihr Beileid aus, aber in ihren Worten schwang statt Ehrlichkeit nur Neugier mit.

Die Beerdigung fand zwei Tage später statt, und Mrs Cravens älteste Tochter passte auf Molly auf. Heftiger Regen hatte den Schnee schmelzen lassen, aber ein eisiger Wind wehte über den Friedhof und ließ sie furchtbar frieren, während sie den billigen Sarg in die Erde hinunterließen. Abgesehen von Sam und Beth gab es nur noch drei andere Trauergäste: die Cravens und Dr. Gillespie. Als Vater Reilly die abschließenden Worte der Trauerrede sprach, blickte Beth hinüber zu der Stelle, wo ihr Vater außerhalb des Friedhofs beerdigt war. Sie dachte daran, wie ungerecht es war, dass ein Mann, der sich niemals gegen irgendjemanden versündigt hatte, dort lag, während seine ehebrecherische Frau auf dem Friedhof ruhen durfte.

In der ersten Februarwoche, nachdem Sam siebzehn und Beth sechzehn geworden war, mussten sie das Klavier verkaufen. Beth hing nicht wirklich daran, denn schließlich blieb ihr ja noch ihre geliebte Geige, aber zu sehen, wie das Piano aus dem Fenster auf die Straße hinuntergehievt wurde, ließ sie über die tragische Ironie der Ereignisse nachdenken.

Für ihre Eltern war das Klavier ein Symbol gewesen, dass es ihnen gelungen war, ihre Kinder in die Mittelklasse zu bringen und ihnen dadurch die Entbehrungen zu ersparen, die sie selbst erleben mussten. Doch weil Sam und Beth so behütet und ohne Mangel aufgewachsen waren und kaum etwas über die harte Realität des Lebens wussten, fehlte ihnen jetzt die Fähigkeit, mit der Armut fertigzuwerden.

Beth konnte Kuchen backen, den Tisch richtig decken, ein Hemd stärken und bügeln, und sie besaß noch ein Dutzend anderer kultivierter Fähigkeiten, doch niemand hatte ihr beigebracht, die Mahlzeiten für die Woche so zu planen, dass sie mit wenig Geld auskam. Sam war vielleicht in der Lage, Kohlen in den Keller zu schaufeln, Schnee im Hof zu schippen und pünktlich zur Arbeit zu gehen, aber er hatte keine Ahnung, wie man ein verstopftes Rohr reinigte oder eine kaputte Gewichtsschnur an den Schiebefenstern reparierte.

Während ihrer gesamten Kindheit hatte in der Stube, im Herd in der Küche und selbst in den Schlafzimmern immer ein Feuer gebrannt, wenn es sehr kalt war. Die Gaslampen wurden in den Zimmern entzündet, wenn es dunkel wurde, es hatte immer Obst in der Schale und Kuchen in der Dose gelegen, und es hatte jeden Tag Fleisch auf dem Tisch gestanden.

Die Kohlen gingen ihnen kurz nach Weihnachten aus, und als sie neue bestellten, waren sie entsetzt über den Preis und konnten nur noch den Herd in der Küche heizen. Das Gas kostete so viel Geld, dass sie kaum noch wagten, die Lampen anzumachen. Obst und Kuchen standen nicht mehr auf ihrem Speiseplan.

Sams Lohn war, lange bevor der Freitag kam, für Essen ausgegeben, und nachdem sie alle Konserven und Vorräte an Zucker und Mehl aufgebraucht hatten, die ihre Mutter so geduldig in der Speisekammer angesammelt hatte, gab es bis zum Zahltag nur noch Brot.

Vielleicht hätte Sam warten sollen, bis sie einen besseren Preis für den geliebten runden Mahagoni-Tisch ihrer Mutter mit den passenden Stühlen bekamen, aber sie brauchten das Geld, um die Kohlen und die Rechnung von Dr. Gillespie zu bezahlen. Es bestand kein Zweifel, dass man sie beim Verkauf der Standuhr betrogen hatte. Aber sie wussten beide nicht, was diese Dinge wirklich wert waren oder dass Antiquitätenhändler Verzweiflung riechen konnten.

Obwohl Beth sich liebevoll um Molly kümmerte, hatte sie nicht geahnt, wie einsam man war, wenn man den ganzen Tag mit einem Baby allein zu Hause saß. Sie schien nie eine Minute für sich selbst zu haben, um zu lesen, Geige zu spielen oder ein Bad zu nehmen. Sam interessierte sich nicht für Mollys Fortschritte, wenn er von der Arbeit kam, und sie hatte nur Mrs Craven zum Reden und machte sich ständig Sorgen um das Geld.

Mitte März sah Sam keine andere Möglichkeit mehr, als Zimmer zu vermieten, damit sie über die Runden kamen.

Einer der älteren Gehilfen aus seinem Büro hatte ihm seinen Cousin Thomas Wiley und dessen Frau Jane vorgeschlagen, die bei ihm und seiner Familie wohnten, seit Thomas aus Manchester nach Liverpool gekommen war, um hier bei der Post zu arbeiten. Das Paar war Mitte dreißig, und Beth konnte Jane vom ersten Moment an nicht leiden. Alles an ihr war scharf – ihre Augen, die im Raum umherwanderten, während sie sprach, ihre Nase und ihre Wangenknochen, und auch ihre Stimme hatte einen scharfen Unterton.

Sie zeigte kein Interesse an Molly, und sie musterte Beth von oben bis unten, als schätze sie den Wert ihrer Kleidung ab. Als Beth vorschlug, dass sie sich abends beim Kochen abwechseln könnten, erklärte Jane ihr, dass sie nicht koche.

Ihr Mann Thomas war sympathischer, ein jovialer, rotgesichtiger Mann, der sehr dankbar dafür war, dass sie ihnen die Stube und Beths altes Schlafzimmer im obersten Stock über der Küche angeboten hatten, weil sie mit Molly jetzt in dem alten Zimmer ihrer Eltern schlief. Thomas sagte, er habe die Hoffnung schon fast aufgegeben, irgendwo eine anständige Unterkunft zu finden, und dass man in den Zimmern, die er sich angesehen hatte, nicht mal einen Hund hätte halten können.

Traurigerweise wurde bald klar, dass Thomas der Alkohol wichtiger war als seine Frau oder sein Zuhause. An den meisten Abenden kam er erst nach zehn Uhr zurück.

Beth versuchte wirklich, mit Jane auszukommen, aber es war von Anfang an klar, dass diese zu glauben schien, Untermieter müssten bedient werden. Am zweiten Tag befahl sie Beth, ihr die Zinkwanne in ihr Zimmer zu stellen. Als Beth ihr erklärte, dass sie und Sam immer in der Küche badeten, weil es da wärmer und bequemer sei, und dass Jane ihre Wanne selbst füllen und leeren müsse, stolzierte sie empört herum und behauptete, so etwas noch nie gehört zu haben.

Sie verschüttete Wasser auf dem Küchenboden, wenn sie badete, und machte keine Anstalten, es wieder aufzuwischen. Sie beschwerte sich darüber, dass Mollys Schreien sie nachts wecke und dass die Matratze des Bettes zu hart sei. Beth fütterte Molly immer möglichst schnell, wenn diese nachts aufwachte, und verbrachte eine gute Stunde damit, die Federmatratze draußen aufzuschütteln, um sie weicher zu machen, aber Jane zeigte sich in keiner Weise erkenntlich. Sie richtete manchmal Chaos an, wenn sie nur einen Tee kochte, und räumte hinterher nie auf. Sie legte ihre Wäsche in die Spüle und verschwand dann, sodass Beth erst alles für sie waschen musste, wenn sie die Spüle benutzen wollte.

Tag für Tag sah Beth, wie das gemütliche und geordnete Leben, zu dem sie erzogen worden war und das sie verzweifelt versuchte aufrechtzuerhalten, immer stärker ausgehöhlt wurde. Wenn sie Molly in der Spüle badete, kam Jane herein und fing an, Schinken zu braten. Dabei warf sie das saubere Nachthemd, das Leibchen und die Windel, die am Herd zum Lüften hingen, auf den Boden. Wenn Beth sich in den Sessel setzen wollte, um Molly zu füttern, saß Jane bereits darin. Sie bediente sich an ihrem Essen und wusch keine Teller oder Töpfe ab. Beth gab bald die Hoffnung auf, dass sie irgendwann anbieten würde, auch einmal das Putzen der Küche, der Treppe oder des Plumpsklos zu übernehmen; und Thomas kam abends oft mit schmutzigen Stiefeln nach Hause, und am nächsten Morgen fand Beth dann eine Spur, die über den Flur die Treppe hinaufführte.

Beth brachte es einfach nicht fertig, sich darüber zu beschweren. Zum einen hatte sie ein bisschen Angst vor Jane, und außerdem wusste sie, wie verzweifelt Sam und sie die Miete brauchten. Doch es war so schwer, mitanzusehen, wie ihr früher stets so sauberes und ordentliches Zuhause mehr und mehr verkam, oder sich Thomas’ betrunkenes Gefasel spät in der Nacht anzuhören und nie wirklich eine Privatsphäre zu haben. Klavier oder Geige zu spielen war Beths bewährte Methode gewesen, vor ihren Problemen zu fliehen, aber jetzt besaßen sie kein Klavier mehr, und solange Jane um sie herumschlich, mochte sie nicht Geige spielen. Sie konnte ihre eigene Anspannung spüren und hatte Angst, was passieren würde, wenn ihr eines Tages der Geduldsfaden riss.

Es passierte an einem Morgen im Juli. Sam und Thomas waren eine Stunde zuvor zur Arbeit gegangen. Beth kam mit Molly auf dem Arm in die Küche, um sie zu füttern, und sah, wie Jane Milch aus der Babyflasche in ihren Tee goss.

»Was machen Sie denn da?«, rief Beth. »Die ist für Molly.«

»Es ist keine andere Milch mehr da«, erwiderte Jane.

»Na, dann gehen Sie und kaufen Sie welche«, gab Beth wütend zurück. »Was für ein Mensch stiehlt einem Baby sein Essen?«

»Wag es nicht, so mit mir zu reden.« Janes Augen wurden schmal, und sie streckte Beth drohend ihr dünnes Gesicht entgegen. »Du fütterst sie sowieso viel zu viel, deshalb ist sie so fett.«

Mit sieben Monaten war Molly mollig, aber Beth war stolz darauf, dass sie so gesund und stark war. Sie hatte üppiges dunkles Haar, vier Zähne und konnte jetzt ohne Hilfe sitzen. Sie war ein glückliches, zufriedenes Baby, das den ganzen Tag lang lächelte und vor sich hin gurgelte.

»Sie ist wunderschön und nicht fett, und Sie sollten sich schämen«, fuhr Beth sie an. »Es ist schlimm genug, dass Sie uns das Essen stehlen. Muss ich jetzt Mollys Milch auch noch verstecken?«

»Nennst du mich eine Diebin?«, kreischte Jane. Sie griff in Beths Haare und riss ihr heftig den Kopf zurück, was Beth aufschreien ließ. »Genau, heul doch. Du hältst dich für was Besseres, was? Fragt sich nur, wieso! Dein Alter hat sich aufgehängt, und alle wissen, warum.«

Sie ließ Beths Haare los und blickte sie verächtlich an. »Weißt du, dass sich alle über deine Ma das Maul zerreißen? Tom und ich hörten es, bevor wir herzogen. Dein Pa muss nicht ganz richtig im Kopf gewesen sein, weil er sich aufgehängt hat, anstatt sie auf die Straße zu setzen. Kein Wunder, dass dein Bruder mit dem Balg nichts zu tun haben will.«

Beth wich mit Molly auf dem Arm zurück. Sie war entsetzt, dass die Wahrheit über ihre Mutter allgemein bekannt war, und sie fürchtete sich auch vor Jane, doch sie hatte genug, und sie würde sich von dieser Frau nicht länger ausnutzen lassen.

»Was Sie da sagen, ist völliger Unsinn«, schrie sie zurück. »Ich lasse nicht zu, dass Sie meine Mutter beleidigen, und deshalb packen Sie jetzt Ihre Sachen und verlassen auf der Stelle mein Haus.«

»Und wie willst du mich dazu zwingen?« Jane stemmte herausfordernd die Hände in die Hüften. »Dein großer Bruder schmeißt mich raus, ja?« Sie brach in Gelächter aus. »Er ist so weich wie Scheiße.«

Plötzlich wusste Beth, dass sie stark sein und für ihr Recht kämpfen musste. Sie wandte sich um, lief ins Schlafzimmer und legte Molly in ihre Wiege. Die Kleine protestierte lautstark, doch Beth ignorierte sie und rannte zurück in die Küche, um sich Jane zu stellen.

»Ich brauche meinen Bruder nicht«, sagte sie trotzig. »Ich bin durchaus in der Lage, mit Leuten wie Ihnen fertigzuwerden. Verschwinden Sie auf der Stelle! Ich packe Ihre Sachen zusammen und stelle sie in den Hof, damit Thomas sie später abholen kann.«

Jane sprang mit erhobener Hand auf sie zu, um sie zu schlagen, aber Beth war schneller, umfasste ihr Handgelenk und drehte ihr den Arm um, sodass die andere Frau vor Schmerzen aufschrie. »Raus!«, brüllte Beth und drehte den Arm noch weiter nach oben, während sie ihre Mieterin zur Treppe schob. »Und wenn Sie versuchen, zurückzukommen, dann werden Sie das bereuen!«

Jane wehrte sich und versuchte, sie mit ihrer freien Hand zu kratzen, aber Beth war jung und stark und so aufgebracht, dass es ihr gelang, die ältere Frau die Treppe hinunter und durch die Hintertür zu bugsieren. Als sie draußen im Hof standen, schubste sie Jane so sehr, dass sie hinfiel.

»Das wirst du büßen«, schrie Jane auf sie herab. »So kommst du mir nicht davon. Ich will meine Sachen!«

»Die können Sie haben«, sagte Beth. »Ich werfe sie aus dem Fenster.«

Damit drehte sie sich um, ging durch die Hintertür, schob den Riegel vor und rannte nach oben. Sie brauchte nur ein paar Minuten, um den Frauenmantel, den Hut, die Tasche und ein paar Stiefel im Schlafzimmer zusammenzuraffen, dann öffnete sie das Küchenfenster und warf alles auf den Hof hinunter.

»Seien Sie dankbar, dass Sie die bekommen haben«, schrie sie. »Die restlichen Sachen stelle ich ins Klohäuschen, damit Sie sie heute Abend abholen können.«

Mr Craven war in die Gasse hinter dem Hof getreten und blickte fragend zum Fenster hoch, an dem Beth stand. »Ich schmeiße sie gerade raus, weil sie meine Eltern beleidigt hat«, rief sie ihm zu. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, ihr den Weg zu zeigen?«

Sie blieb noch lange genug am Fenster stehen, um zu sehen, wie ihr Nachbar Jane aus dem Hinterhoftor führte, und um die wüsten Beschimpfungen zu hören, die die Frau gegen sie ausstieß.

Irgendwie gelang es Beth, Molly ihre Flasche zu geben, obwohl sie wie Espenlaub zitterte, weil sie noch so sehr unter Schock stand. Sie hörte, wie Mrs Craven im Hof nach ihr rief, und ging nach unten, um sie hereinzulassen.

»Oh Liebes!«, rief ihre Nachbarin, als sie sah, wie blass und aufgewühlt Beth war. »Wir hörten das Schreien, deshalb ging mein Alfie nachsehen, was passiert ist.«

Das Mitgefühl in ihrer Stimme ließ Beth weinen, und Mrs Craven umarmte sie, dann nahm sie ihr Molly ab. »Ich mach uns ’ne schöne Tasse Tee, und dann erzählst du mir alles.«

»Es ist keine Milch mehr da. So hat das alles angefangen«, fing Beth an zu erklären.

»Dann gehe ich schnell welche holen«, erwiderte Mrs Craven. »Und du solltest Molly wickeln, während ich weg bin. Sie stinkt!«

Eine halbe Stunde später hatte Beth alles berichtet. Durch den Tee und das Mitgefühl ihrer Nachbarin ging es ihr schon besser.

»Ich wusste sofort, als ich sie sah, dass sie nichts taugt. Total ordinär und gnadenlos«, sagte Mrs Craven und schaukelte Molly auf ihrem Knie. »Als hättest du nicht schon genug, mit dem du fertig werden musst! Aber du darfst dir keine Gedanken darüber machen, was sie über deine Mutter gesagt hat.«

»Stimmt es denn, dass die Leute so über sie reden?«

Mrs Craven runzelte die Stirn. »Zu mir hat niemand so etwas gesagt. Wenn sie es getan hätten, dann hätt’ ich ihnen auch den Kopf gewaschen. Aber mein Alfie hat erzählt, dass es im Fiddlers rumgegangen ist.«

Das Fiddlers Inn lag um die Ecke an der Lord Street. Papa war kein Trinker gewesen, aber die meisten ihrer männlichen Nachbarn verkehrten dort, auch Thomas Wiley.

Es war Beth nicht in den Sinn gekommen, dass die Leute annehmen könnten, Molly wäre nicht das Kind ihres Vaters, und sie war entsetzt, als sie erfuhr, dass sie es taten. Aber sie würde nicht zugeben, dass die Gerüchte stimmten, nicht einmal der freundlichen Mrs Craven gegenüber.

»Warum sind die Leute so grausam?«, fragte sie verwirrt.

»Manchmal ist es Eifersucht. Deine Familie wirkte immer so perfekt, deine Mutter war eine schöne Frau, dein Vater hatte ein florierendes Geschäft und zwei Kinder, auf die er stolz sein konnte. Es war allen ein Rätsel, warum er sich das Leben genommen hat, deshalb suchten sie nach einer Erklärung.«

»Was wird jetzt aus uns?«, fragte Beth traurig. »Wir brauchen einen Untermieter, um über die Runden zu kommen. Sam wird sehr wütend auf mich sein.«

»Das glaube ich nicht, Beth.« Mrs Craven legte eine Hand über Beths. »Du hast heute sehr viel Mut bewiesen, das wird er bewundern. Und jetzt helfe ich dir, die Sachen der Wileys zusammenzupacken. Mein Alfie wird die Ohren offen halten und dir helfen, falls sie zurückkommen und Ärger machen.«

6

»Ich wünschte, wir könnten nach Amerika auswandern«, sagte Sam niedergeschlagen beim Abendbrot. »Dieses Haus ist voller schlimmer Erinnerungen. Ich hasse es inzwischen.«

Es war der Tag, nachdem Beth Jane Wiley hinausgeworfen hatte. Sam war deswegen nicht wütend gewesen, nur bedrückt. Er hatte betont, dass es Hunderte von Leuten gebe, die eine Unterkunft suchten, aber dass man unmöglich feststellen könne, wer einen bestehlen oder einem das Leben zur Hölle machen würde.

Beth nahm die ganze Sache sehr mit. Als sie in das Zimmer der Wileys gegangen war, hatte sie festgestellt, dass der Nachttopf seit Tagen nicht mehr geleert worden war und dass vertrocknete Brotkrusten und schmutzige Unterwäsche überall auf dem Boden herumlagen. Selbst auf den Laken auf dem Bett waren Blutflecken, und über die Kommode verlief ein tiefer Kratzer, der aussah, als wäre er mit einem Messer gemacht worden.

Sam war nach unten gegangen, als Thomas kam, um die Sachen zu holen, und Mr Craven hatte, für den Fall, dass es Ärger gab, ebenfalls auf der Gasse gestanden. Aber Thomas schien eher resigniert als wütend. Er holte die Taschen und ging wieder.

»Aber wir würden Geld brauchen, um auszuwandern«,

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