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Die McKettricks

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Der Hund hockte mit nassem, verfilztem Fell auf dem rutschigen Gehsteig neben Echo Wells’ rosa lackiertem VW Käfer. In der Hoffnung, nicht allzu nass zu werden, stürzte Echo aus dem Truckstop-Restaurant. Als sie den Hund sah, blieb sie wie angewurzelt stehen.

“Ich kann keinen Hund brauchen”, erklärte sie dem Universum und legte den Kopf in den Nacken. Der Regen wusch die die letzten Spuren ihres Make-ups weg.

Der Hund winselte. Das große Tier war von unbestimmter Farbe und Rasse. Eine leichte Vertiefung am Hals deutete darauf hin, dass er früher einmal ein Halsband getragen hatte. Seine Rippen zeichneten sich deutlich unter dem Fell ab. Auf einer Vorderpfote entdeckte sie einen bräunlichen Blutfleck.

“Ach, zur Hölle!”, rief Echo. Sie sah sich auf dem Parkplatz um. Abgesehen von ein paar kleinen Lastern und einem uralten Wohnwagen war er leer. Sie sah keine Menschenseele, und vor allem niemanden, der nach einem weggelaufenen Tier Ausschau hielt.

Der Hund schien schon seit Tagen allein zu sein, wenn nicht seit Wochen oder sogar Monaten. Bei der Vorstellung, wie einsam und verängstigt er sein musste, bekam Echo Mitleid. Entweder war er ausgesetzt worden – nach Echos Ansicht gab es in der Hölle einen speziellen Platz für Leute, die hilflose Tiere aussetzen – oder weggelaufen, während seine Besitzer getankt oder in dem Restaurant gegessen hatten.

“Ich habe den Wagen gerade putzen lassen”, erklärte sie dem Hund. Der Käfer war die einzige Eitelkeit, die sie sich leistete, ein unbesonnener Luxus, über dessen psychologische Bedeutung sie nicht allzu sehr nachdenken wollte.

Das Tier winselte erneut. Dann sah es so hoffnungsvoll mit seinen schwermütigen Augen zu ihr auf, dass Echos Herz dahinschmolz.

Resigniert lief sie um den Wagen und öffnete die Beifahrertür mit einer Hand, während sie auf der anderen die Schachtel mit dem Abendessen balancierte. Der Hund schlich geduckt neben ihr her. Er hinkte ein wenig.

“Komm schon”, lockte sie sanft. “Spring rein.”

Einen Moment zögerte der Hund, dann hüpfte er auf den Sitz – schmutzig und nass, wie er war. Echo seufzte, öffnete die Schachtel und fütterte, im Regen stehend, den Hund mit den Resten des Hackbratens. Das war’s dann wohl mit ihrem Plan, aus jeder Mahlzeit mindestens zwei weitere zu machen, um ihr Reisebudget nicht zu sehr zu strapazieren.

Der ausgehungerte Hund schlang sein Abendessen hinunter. Anschließend sah er Echo so herzergreifend an, dass ihr Tränen in die Augen schossen.

“Mach dir keine Sorgen”, sagte sie zu ihm und zu sich selbst. “Alles wird gut.”

Sie schloss die Tür, ließ sich vom Regen die Hände waschen, rieb sie an ihrem alten braunen Burberrymantel halbwegs trocken und setzte sich hinters Steuer. Sofort beschlugen die Fenster.

“Das ist Arizona”, beschwerte sie sich bei ihrem neuen Reisegefährten. “Hier sollte es eigentlich trocken sein.”

Der Hund seufzte.

“Du bist wirklich ganz schön nass”, bemerkte Echo sachlich. Sie zog an einem Hebel, um den Kofferraum zu öffnen, bot den Elementen erneut die Stirn und stieg aus, um den Quilt zu holen, den sie seit ihrer Kindheit mit sich herumschleppte. Nachdem sie den Hund darin eingewickelt hatte, zog sie ihren Mantel aus, warf ihn auf den Rücksitz und setzte sich wieder.

In den Stoff geschmiegt seufzte der Hund noch einmal, bevor er sich, so gut es angesichts seiner Größe ging, hinlegte. Als Echo auf den Highway 10 einbog, schnarchte er bereits.

Zweieinhalb Stunden später, am Stadtrand von Phoenix, fuhr sie auf den Parkplatz einer günstigen Hotelkette. Es hatte aufgehört zu regnen, die Luft war warm und schwül. Als der Hund sich gähnend aufsetzte, rutschte der Quilt zu Boden.

Echo musterte das Tier. “Ich hatte eigentlich gehofft, heute noch nach Indian Rock zu kommen”, erklärte sie ihrem schmutzigen Beifahrer. “Aber ich bin müde, und um ehrlich zu sein, stinkst du. Also werde ich uns jetzt ein Zimmer besorgen. Morgen früh fahren wir weiter. Warte hier.”

Mit einem leisen Jaulen sah der Hund sie an.

Sie tätschelte seinen verfilzten Kopf. “Keine Angst, Muttzo”, sagte sie. “Wir bleiben zusammen, bis wir deine Besitzer gefunden haben.”

Bevor sie ging, schnappte sie sich die Schultertasche und öffnete das Fenster einen Spalt. Sie hoffte nur, dass sie nicht nach Hund roch.

“Gute Neuigkeiten”, sagte sie, als sie nach einer Viertelstunde mit einem Schlüssel in der Hand zurückkam. “Wir haben ein Zimmer.” Vor Freude, sie zu sehen, fuhr der Hund ihr mit seiner rauen, nach Hackbraten riechenden Zunge über das Gesicht. “Ich habe natürlich behauptet, dass du ein kleiner Pudel bist.”

Echo fuhr um das Gebäude und parkte unter einer Laterne. Während sie einen ihrer Koffer aus dem Auto wuchtete, erledigte das Tier diskret hinter einem Busch sein Geschäft. Dann gingen sie gemeinsam durch den langen Flur zum Zimmer Nummer 117.

“Jetzt wirst du erst mal gebadet.” Echo lotste den Hund ins Badezimmer. Kaum drehte sie den Wasserhahn auf, stürzte er in die Wanne und begann, durstig zu trinken. Sie nahm den Duschkopf in die Hand und kniete sich auf den Boden.

“Na so was”, rief sie, nachdem sie ihn gründlich abgeduscht hatte und mindestens zehn Pfund Schmutz in den Abfluss geflossen waren. “Du weißt das vielleicht nicht, aber du bist ein weißer Labrador. Und noch dazu ein weiblicher.”

Echo riss eine kleine Packung Seife auf und schäumte damit das Fell ein. Doch da die Seife blitzschnell aufgebraucht war, kramte sie eine Flasche Shampoo aus ihrer Kosmetiktasche. Wieder seifte sie das Tier ein und wusch es anschließend gründlich ab.

“Du brauchst einen Namen”, beschloss sie, als sie ihn mit einem Handtuch trocken rieb. “Und irgendwie hast du etwas Geheimnisvolles und Mystisches an dir – ich glaube, das liegt an deinen Augen.” Sie überlegte. “Deshalb taufe ich dich auf den Namen Avalon.”

Avalon, die offenbar verstand, dass das Bad zu Ende war, sprang aus der Wanne und blieb einen Moment unschlüssig auf der Badematte stehen, als erwarte sie einen Befehl. Doch als Echo nichts sagte, schüttelte sie sich heftig und tappte zurück ins Hotelzimmer.

Echo folgte ihr lachend, stöpselte den Föhn in die Steckdose und beobachtete entzückt, wie sich Avalons schneeweißes Fell unter der Wärme wunderhübsch kringelte. Als die Hündin trocken war, füllte Echo einen Eiskübel mit Wasser und stellte ihn auf den Boden. Erst dann ging sie zurück ins Badezimmer, um sich endlich selbst die dringend benötigte Dusche zu gönnen.

Als sie kurz darauf in einen Bademantel gehüllt und mit nach allen Himmelsrichtungen abstehendem Haar wieder ins Zimmer trat, lag Avalon zusammengerollt vor dem Bett. Sie öffnete ein braunes Auge und hob den Kopf ein wenig. In dieser Bewegung lag große Vorsicht, als rechnete sie damit, verscheucht zu werden.

Dieses Gefühl kannte Echo nur zu gut. Sie wusste, wie es war, wenn man versuchte, nicht gesehen zu werden, und sich gleichzeitig danach sehnte, zu jemandem zu gehören.

Ihr altes Leben in Chicago war genauso verlaufen. Immer hatte sie das Gefühl gehabt, an der Seitenlinie zu stehen und zu warten, ohne genau zu wissen, auf was.

“Hey”, sagte sie, bückte sich und streichelte Avalons weiches, glänzendes Fell. “Ich halte mein Wort. Wir bleiben zusammen, solange es nötig ist. Und teilen alles schwesterlich.” Sie streckte eine Hand aus. Zu ihrer Überraschung legte Avalon ihre Pfote hinein, als wollte sie ein Geschäft besiegeln.

Nachdem Echo ihr blondes Haar trocken geföhnt hatte, flocht sie es zu einem französischen Zopf, damit es sich nicht zu sehr kräuselte. In einem Baumwollnachthemd und mit geputzten Zähnen stieg sie kurz darauf ins Bett. Als sie das Licht ausknipsen wollte, winselte Avalon leise. Schon wieder brannten Echos Augen. “Na, dann komm”, sagte sie. “Hier oben ist genug Platz für uns beide.”

Avalon sprang aufs Bett, schmiegte sich an Echos Beine und schlief ein.

Und Echo, völlig zerschlagen nach all den Tagen im Auto, tat dasselbe.

Cora Tellington nahm ihre Enkelinnen Rianna und Maeve auf dem Gehweg vor Cora’s Curl and Twirl überschwänglich in die Arme. Der neue Tag funkelte und strahlte wie ein frisch polierter Penny. Nur das Gesicht ihres Schwiegersohns, der gerade aus seinem riesigen Geländewagen stieg, trübte die Stimmung ein wenig.

Rance McKettrick betrachtete das Schaufenster neben Coras Laden, einer Mischung aus einem Schönheitssalon und einer Baton-Twirling-School. Offenbar bemerkte er, dass das Verkaufsschild aus dem staubigen Fenster verschwunden war.

“Hast du endlich den Laden verkauft?”, fragte er. “An was für einen Trottel?”

Seufzend musterte Cora den gut aussehenden Ehemann ihrer verstorbenen Tochter. Er war über einen Meter fünfundachtzig groß. Und trotz des teuren Anzugs gelang es ihm, wie ein wilder Cowboy auszusehen, der gerade von seiner Ranch geritten war. Sein Haar war dunkel – ständig juckte es Cora in den Fingern, es ihm anständig zu schneiden. In den markanten blauen Augen lag tiefer Kummer. Seit Julies Tod vor fast fünf Jahren schien Rance nicht mehr ganz am Leben zu sein. Wie eine Marionette erfüllte er seine Pflichten und Aufgaben, mehr aber auch nicht.

Auch Cora vermisste Julie, vielleicht sogar noch mehr als er, denn nichts auf der Welt war schmerzlicher, als das eigene Kind zu begraben. Aber ihren Enkelinnen zuliebe hatte sie sich mit ihrer Trauer abgefunden. Die Mädchen waren erst sechs und zehn Jahre alt. Sie brauchten ihre Großmutter. Natürlich brauchten sie auch Rance, der die beiden auf seine eigene, zerstreute Art liebte. Doch offenbar schaffte er es, die Gefühle für seine beiden Töchter auf Eis zu legen, sobald er auf Geschäftsreisen ging – was sehr häufig der Fall war.

“Es wird eine Buchhandlung”, erklärte Cora, während die Mädchen in ihren Laden flitzten, um sich auf das Glas mit Süßigkeiten zu stürzen, das auf der Theke stand. Drinnen begrüßten Coras drei Mitarbeiterinnen die beiden Kleinen erfreut. “Die unsere kleine Stadt sehr gut gebrauchen kann.”

Äußerst misstrauisch betrachtete Rance den Laden. “Das wird eine Menge Arbeit”, stellte er fest. “Außerdem haben unabhängige Buchhandlungen es heutzutage nicht leicht. Die Leute kaufen doch am liebsten in diesen riesigen Buchhandelsketten oder im Internet.”

Seine Schwiegermutter ignorierte den Einwand. “Ich habe einen angemessenen Preis bekommen”, sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Dank der vielen Jahre Baton-Twirling war Cora auch mit über sechzig noch sehr schlank. Sie kleidete sich gern auffallend. Heute trug sie schicke Jeans, eine Seidenbluse und eine mit Strass bestickte Weste. Die Haarfarbe wechselte Cora so oft wie ihre Unterwäsche. Im Moment glänzte es kastanienbraun.

“Was ist los, Rance? Du siehst aus wie eine Gewitterwolke, die über den Himmel zieht und kurz davor ist, verdammt viel Regen abzulassen.”

Rance seufzte, und einen Moment tat er Cora fast leid.

“Ich wollte fragen, ob Rianna und Maeve für ein paar Tage bei dir bleiben können”, sagte er, ohne sie anzusehen. “Ich habe einen wichtigen Termin in San Antonio, im Hauptbüro. Sogar Jesse kommt, woran du erkennst, wie wichtig der Termin ist.”

McKettrickCo, der Konzern, der Rances Familie unendlich reich gemacht hatte, stand kurz vor seinem Börsengang. Das führte jedoch zu großen Unstimmigkeiten zwischen den Familienmitgliedern. Wenn sich nun alle in San Antonio trafen, musste es sich wirklich um einen wichtigen Termin handeln. Rances Cousin Jesse interessierte sich bekanntermaßen überhaupt nicht für die Firmengeschäfte. Aber vielleicht wollte er künftig ja doch mehr Verantwortung übernehmen, seit er plante, Cheyenne Bridges zu heiraten, überlegte Cora.

Nach ihrer Meinung wären Rance und sein Cousin Keegan besser beraten, sich Jesses altem Lebensstil anzuschließen – nämlich die monatlichen Schecks aus den Gewinnen einzustreichen und sich einfach des Lebens zu erfreuen.

“Rance”, begann Cora vorsichtig, “Rianna hat Samstag Geburtstag. Sie will eine Party feiern. Und Maeve bekommt Montagmorgen ihre Zahnspange, für den Fall, dass du das vergessen hast.”

“Dieses Treffen ist wichtig”, entgegnete Rance ernst und ein wenig schuldbewusst.

“Rianna und Maeve sind wichtiger”, warf Cora ein.

“Aber wir sprechen schließlich auch über ihre Zukunft”, wandte Rance mit ruhiger Stimme ein. Weil noch andere Passanten auf der Straße waren, rang er sich ein steifes Lächeln ab.

“Ach komm, das ist doch eine faule Ausrede. Du hast für sie schon mehr als genug Treuhandfonds eingerichtet.” Sie beugte sich ein wenig vor, um ihren Standpunkt klarzumachen. “Sie brauchen einen Vater.”

Wie Cora es vorausgesehen hatte, machte das Rance noch zorniger. “Sie haben einen”, brummte er.

“Tatsächlich? Jesse kümmert sich mehr um die beiden als du. Er war es, der letzte Woche zu ihrem Twirling-Auftritt gekommen ist, während du in Hongkong oder Paris oder weiß der Teufel wo warst.”

“Müssen wir dieses Gespräch unbedingt auf dem verdammten Gehsteig führen?”

“Jedenfalls werden wir es nicht drinnen führen, wo deine Töchter alles mit anhören können.”

Rance warf genervt die Arme in die Luft. “Rianna und Maeve haben kein Problem damit”, behauptete er. “Wir können die Geschichte mit der Zahnspange verschieben, und Sierra wird an Riannas Geburtstag eine kleine Party auf der Ranch schmeißen.”

Im Gegenzug verschränkte Cora die Arme vor der Brust. Zwar spielte sie ihre Trumpfkarte nicht gern aus, aber genau das war es, was Rance McKettrick brauchte, um verflixt noch mal endlich zu kapieren, dass seine Töchter ihn brauchten. Er konnte sie nicht behandeln wie irgendwelche Termine, die er verschob, um seine verrückten und komplett überflüssigen Geschäfte zu machen. “Was würde Julie deiner Ansicht nach zu dem sagen, was mit ihren Kindern geschieht, Rance? Und mit dir?”

Einen Moment sah er aus, als hätte sie ihn geschlagen. Dann stieß er verärgert die Luft aus. “Verdammt, Cora, das war unter der Gürtellinie.”

“Nenn es, wie du magst”, entgegnete Cora und zwang sich dabei, kein Mitleid zu zeigen. “Du und diese beiden kleinen Mädchen haben Julie mehr bedeutet als alles andere auf der Welt. Sie hat ihre Karriere aufgegeben, um euch allen ein Heim zu schaffen, dort draußen auf Triple M. Und jetzt behandelst du dieses Heim wie ein Hotel, in dem man ein- und auscheckt, wie es einem passt.”

Nach diesem Vorwurf schwieg Rance lange. Cora wartete mit angehaltenem Atem ab.

“Kümmerst du dich nun um Rianna und Maeve oder nicht?”, fragte er schließlich.

Obwohl sie damit gerechnet hatte, dass das Gespräch auf diese Weise enden würde, verspürte Cora bittere Enttäuschung.

“Das weißt du doch genau”, sagte sie nur.

Rance machte einen versöhnlichen Schritt auf sie zu. Er hob die Hände, als wollte er sie auf ihre Schultern legen, entschied sich dann jedoch dagegen. “Ich habe ihre Sachen nicht gepackt”, sagte er. “Ich dachte, du würdest vielleicht lieber mit ihnen auf der Ranch wohnen statt hier in der Stadt.”

“Du hättest gar nicht gewusst, wo du ihre Sachen überhaupt findest”, entgegnete Cora resigniert. Julie, Julie, dachte sie traurig, ich tue mein Bestes, aber dieser Mann ist ein McKettrick. Was bedeutete, dass er einen schrecklichen Dickschädel besaß. Es wäre leichter, einen Berg zu verschieben, als Rance von etwas zu überzeugen. “Dann tu, was du tun musst. Ich kümmere mich um Rianna und Maeve.”

“Ich weiß das zu schätzen”, sagte Rance. Cora wusste, dass er es ernst meinte. Aber leider Gottes nicht ernst genug.

Rance sah seiner Schwiegermutter hinterher, wie sie ins Curl and Twirl stolzierte und die Tür hinter sich zuknallte. Dabei hatte er das Gefühl, vor den Augen aller übers Knie gelegt worden zu sein. In der Hoffnung, eine weitere Kopfschmerzattacke zu verhindern, drückte er Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. Zu allem Überfluss schoss in diesem Moment auch noch ein bonbonrosa Käfer in den freien Parkplatz, auf dem er stand, und fuhr ihm dabei beinahe alle Zehen ab.

Es war gut, seinen Ärger auf etwas anderes zu richten. “Was zur Hölle …”, stieß er hervor und stürmte zur Fahrerseite des Wagens.

Das Fenster wurde geöffnet, und eine Blondine mit großen haselnussbraunen Augen und Zopf blinzelte ihn an, mit leicht geröteten Wangen.

“Tut mir leid”, sagte sie.

Rance beugte sich vor. Ein weißer Hund, der auf dem Beifahrersitz angeschnallt war, knurrte ihn warnend an. “Ich habe keine Ahnung, wo Sie herkommen, Lady”, sagte Rance, “aber in dieser Gegend muss man normalerweise nicht um sein Leben fürchten, nur weil man in sein Auto steigen will.”

Sie klimperte mit den Wimpern, ihr kleiner, hübscher Mund verzog sich nach oben. Auf ihrer schmalen Nase entdeckte Rance ein paar blasse Sommersprossen. “Gehört dieser Geländewagen Ihnen?”, fragte sie nach einem Blick in den Rückspiegel.

“Ja”, antwortete er und begriff nicht, was sein Wagen damit zu tun haben sollte.

“Wenn Sie ein vernünftiges Auto fahren würden und nicht so eine gigantische Benzinschleuder, dann hätten Sie mich gesehen und dieser ganze Nicht-Unfall wäre nicht passiert.”

Diese Dreistigkeit verblüffte Rance so, dass er auflachte, allerdings nur kurz und unwirsch, woraufhin der Hund sofort wieder zu knurren begann.

Wieder blinzelte sie. Doch dann streckte sie eine schlanke Hand durch das Fenster, was ihn fast genauso erschreckte wie ihr rasanter Einparkstil. “Echo Wells”, sagte sie.

“Wie bitte?”

“Das ist mein Name”, erklärte sie.

Er ergriff ihre Hand. Sie fühlte sich kühl und weich an. Der Hund bellte und drückte sich gegen den Gurt.

“Ruhig, Avalon”, sagte Echo. “Wir sind nicht in Gefahr. Oder etwa doch, Mr. …?”

“McKettrick”, sagte er etwas verspätet, wobei er ihre Hand länger festhielt als nötig. “Rance McKettrick.”

Plötzlich lächelte sie, und Rance fühlte sich irgendwie wie aus dem Hinterhalt überfallen.

“Ist ja nichts passiert”, sagte sie.

Dessen war er sich nicht so sicher. Denn er fühlte sich merkwürdig erschüttert. Vielleicht hatte sie ihn doch überfahren, mit allen vier Rädern, und er hatte es irgendwie überlebt und stand in einer wirren Verfassung wieder auf seinen Beinen? “Was für ein Name soll Echo Wells denn sein?”, hörte er sich fragen.

Das Lächeln erlosch, was Rance mit Erleichterung bemerkte. Seine Knie fühlten sich jetzt nicht mehr so weich an.

“Was soll Rance McKettrick denn für ein Name sein?”, schoss sie zurück.

Avalon fletschte die Zähne.

“Was hat der Hund?”, fragte Rance fast ein wenig beleidigt. “Normalerweise komme ich mit Tieren gut zurecht.”

“Sie kommen gerade ein wenig aggressiv rüber”, sagte die Respekt einflößende Miss Wells. “Hunde können Energiefelder spüren, wissen Sie. Und seien Sie mir nicht böse, aber Ihr Energiefeld ist eine Katastrophe.”

“Das könnte daran liegen, dass Sie mich beinahe um die Ecke gebracht hätten”, entgegnete Rance, nachdem er sich von seiner Verblüffung erholt hatte. “Das mit dem katastrophalen Energiefeld, meine ich.”

Der Rotton auf Echos Wangen vertiefte sich, was auf Rance eine ähnliche Auswirkung hatte wie zuvor ihr Lächeln. Doch er wehrte den Impuls ab, ein paar Schritte zurückzuweichen.

“Machen Sie sich über mich lustig, Mr. McKettrick?”

“Nein.” Er betrachtete den Bergkristall, der an ihrem Rückspiegel an einer Schnur baumelte. “Aber wenn Sie sich für Energiefelder interessieren, dann wollen Sie bestimmt nach Sedona und nicht nach Indian Rock.”

Ohne Rance aus den Augen zu lassen, beugte sie sich zur Seite, um dem Hund ein paarmal beruhigend übers Fell zu streichen. Instinktiv wünschte Rance, er könnte mit dem Tier tauschen. Doch da er ein äußerst praktischer Mann war, schob er den albernen Gedanken umgehend weit von sich.

“Wären Sie so nett, zur Seite zu gehen?”, fragte Echo in süßsaurem Ton. “Es war eine lange Fahrt, und ich würde gern aussteigen.”

Und Rance, der sich wunderte, dass er überhaupt ein Gespräch mit ihr führte, trat zurück. Echo Wells öffnete die Tür, schnallte sich ab und schwang zwei wohlgeformte Beine auf die Straße. Sie reichte ihm gerade bis ans Kinn, und das knappe rosaweiße Sommerkleidchen musste die kleinste Größe haben. Anstelle der High Heels, die er wegen des Kleides erwartet hatte, trug sie knöchelhohe, rosa Turnschuhe mit goldenen Schnürsenkeln. Sie lächelte verträumt, als ob Rance durchsichtig geworden wäre und sie durch ihn hindurch das Land auf der anderen Straßenseite betrachten könnte. Dann holte sie tief Luft und atmete hörbar aus.

Bei seiner Größe war Rance nun wirklich nicht daran gewöhnt, unsichtbar zu sein – schon gar nicht für Frauen.

“Willkommen in Indian Rock.” Das sagte er eigentlich nur, um ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Durchaus möglich, dass sein Tonfall dabei ein klein wenig angespannt klang.

Statt zu antworten, ging sie um ihn herum auf den Gehsteig, öffnete die Tür und ließ den Hund heraus. Avalon – was für ein alberner Name für einen Hund. So einen versponnenen Namen konnte man nur von jemandem erwarten, der einen Bergkristall am Rückspiegel hängen hatte und rosa Turnschuhe passend zum rosa Auto trug. Avalon jedenfalls tapste direkt zu seinem Geländewagen und ging in die Hocke.

Rance blickte die Hündin finster an.

Doch Avalon war es vollkommen schnuppe, was er dachte. Wenn sie ein Rüde gewesen wäre, schien ihr Blick zu sagen, würde sie ein Bein heben und direkt gegen den schimmernden schwarzen Lack pinkeln oder vielleicht das Trittbrett taufen.

Immer noch stumm, nahm Echo Wells ihre Handtasche aus dem Auto und kramte darin nach einem Schlüssel. Mit ihm marschierte sie direkt zu dem Laden neben dem Cora’s Curl and Twirl und steckte ihn ins Schloss.

Das war die neue Besitzerin? Er hatte jemand ganz anderes erwartet. Jemanden, der Cora mehr ähnelte. Aber auf jeden Fall nicht so eine Frau.

“Die meisten Leute fahren in eine der großen Buchhandelsketten in Flagstaff, um Bücher zu kaufen”, rief Rance und hätte sich gleich darauf am liebsten dafür die Zunge abgebissen. Weil er sie aber gelegentlich noch brauchte, drückte er sie stattdessen nur gegen den Gaumen.

“Ist das so?”, flötete Echo offensichtlich unbeeindruckt. Damit ging sie mit dem Hund im Schlepptau in den Laden und warf die Tür hinter sich zu. Laut.

Bevor Rance sich abwenden konnte, wurde die Tür von Coras Laden aufgerissen und seine Töchter stürmten heraus. Beide hatten sein dunkles Haar, doch die grünen Augen von Julie. Es hatte ein ganzes Jahr gedauert, bis er nach Julies Unfall in der Lage gewesen war, in diese Augen zu schauen, ohne zusammenzuzucken. Auch heute passierte ihm das noch manchmal.

“Wir hätten beinahe vergessen, uns zu verabschieden!”, sagte Rianna, die jüngere, und umklammerte mit beiden Armen sein rechtes Bein. Am Samstag feierte sie ihren siebten Geburtstag.

Maeve, die für ihre zehn Jahre ziemlich groß war, hielt sich an seiner Taille fest. Rance schmolz das Herz, und seine Augen brannten ein wenig. Er umarmte die beiden Mädchen, dann beugte er sich herab, um sie auf die Stirn zu küssen.

“In ein paar Tagen bin ich zurück”, sagte er.

Sie reckten die Hälse und sahen skeptisch zu ihm hoch.

“Es sei denn, du fährst danach noch woanders hin, wie so oft”, sagte Maeve mit verschränkten Armen.

Doch Riannas Aufmerksamkeit richtete sich auf den rosa Volkswagen. Ehrfürchtig berührte sie den Kotflügel, als handelte es sich um eine verzauberte Kutsche, die sechs weiße Pferde zogen.

“Sieht aus wie das Auto von Barbie”, sagte sie verwundert. “Nur größer.”

Maeve, ganz Frau von Welt, verdrehte die Augen.

Die Tür des künftigen Buchladens öffnete sich. Rance hörte eine Türglocke bimmeln. Mit einer nackten, wunderhübschen Schulter lehnte Echo am Türrahmen und lächelte den Mädchen zu.

“Hi”, sagte sie und sah die beiden Mädchen freundlich und aufmerksam an, ohne Rance zu beachten. “Ich heiße Echo. Und ihr?”

“Echo”, seufzte Rianna verzaubert.

“Das hast du bestimmt erfunden”, warf Maeve ein, ganz die Tochter ihres Vaters. Doch sie klang trotzdem fasziniert.

“Da hast du recht, den Namen habe ich erfunden – gewissermaßen”, sagte Echo. “Aber er passt zu mir, findet ihr nicht?”

“Und wie heißt du in echt?”

Rance hätte sich längst auf den Weg zum Flughafen machen müssen, wo der Privatjet von McKettrickCo mit Keegan und Jesse an Bord bereits auf ihn wartete. Doch er war auf die Antwort mindestens so gespannt wie Maeve.

“Das ist ein Geheimnis.” Echo legte einen Finger an die Lippen. “Vielleicht verrate ich ihn euch, wenn ich euch etwas besser kenne.”

“Ich heiße Maeve”, erklärte Rances älteste Tochter.

“Und ich Rianna”, sagte die jüngere.

“Tja, wenn mein echter Name so schön wäre wie eure, dann hätte ich ihn behalten”, gestand Echo.

In Gedanken hörte Rance schon die gestarteten Motoren des Jets. “Ich muss jetzt gehen”, sagte er zu seinen Töchtern, die seine Existenz offenbar vergessen hatten.

Der weiße Hund schlüpfte an Echo vorbei. Er trottete zu Rianna und leckte ihr übers Gesicht. Rance, der sich schon beschützend vor seine Tochter werfen wollte, irritierte das zutiefst. Aber Rianna kicherte, streichelte den Hund mit beiden Händen und warf Rance einen Blick über ihre Schulter zu. “Bekommen wir auch einen Hund, Daddy?”

“Nein”, sagte er. “Ich verreise zu oft.”

“Das kannst du laut sagen”, sagte Maeve. Manchmal kam sie ihm wie eine kleine Erwachsene.

Bei dieser Bemerkung hob Echo eine ihrer wunderschönen Augenbrauen.

“Wiedersehen”, sagte Rance zu seinen Töchtern.

Rianna war viel zu sehr damit beschäftigt, mit dem Hund zu kuscheln, um zu antworten. Und Maeve warf ihm nur einen Blick zu. Er stieg in seine gigantische Benzinschleuder und fuhr davon.

“Ich mag dein rosa Auto”, sagte Maeve, allerdings erst, nachdem der Wagen ihres Vaters außer Sicht war. Bei ihrem Gesichtsausdruck musste Echo an Avalon denken, wie sie am Abend zuvor neben ihrem Käfer gesessen und gehofft hatte, mitgenommen zu werden.

“Ich mag deinen Hund”, ergänzte Rianna.

“Dad erlaubt nicht, dass wir einen haben”, verkündete Maeve.

“Das habe ich mir schon gedacht”, entgegnete Echo vorsichtig. Man sah den Kindern an, dass sie gut behütet aufwuchsen. Ihr langes dunkles Haar war ordentlich zu einem Zopf gebunden, die Jeans und bunten Sonnentops sahen teuer aus. Warum also hätte sie sich am liebsten auf den Boden gekniet und beide in die Arme genommen? Schließlich hatten sie eine Familie.

“Er ist oft weg”, sagte Rianna.

“Wir sind die meiste Zeit bei Granny”, fügte Maeve hinzu.

“Reist eure Mutter auch so viel?”, fragte Echo.

“Sie ist tot.”

Vor Schreck zuckte Echo zusammen. “Oh.” Etwas anderes fiel ihr nicht ein.

In diesem Moment öffnete sich die Tür von Cora’s Curl and Twirl und eine Frau steckte ihren kunstvoll frisierten Kopf heraus. “Maeve, Rianna …” Sie hielt inne, als sie zuerst den Hund entdeckte, dann das Auto und schließlich Echo. Ein strahlendes Lächeln erhellte ihr Gesicht. “Sie müssen Miss Wells sein”, sagte sie.

“Nennen Sie mich doch bitte Echo.”

“Echo also”, entgegnete die Frau freundlich. “Ich bin Cora Tellington, und wie ich sehe, haben Sie meine Enkelkinder bereits kennengelernt.”

“Allerdings”, sagte Echo sanft.

Cora trat begeistert auf sie zu und schüttelte ihre Hand. “Ich habe Sie erst in ein paar Tagen erwartet. Ich hätte im Laden noch etwas Staub gewischt und die Wohnung darüber gelüftet, wenn ich gewusst hätte, dass Sie so bald kommen.”

“Das ist sehr nett von Ihnen.” Echo mochte die Frau bereits. Sie hatte den Laden ungesehen gekauft. Das komplette Geschäft war per Telefon, Fax und Post abgeschlossen worden. Insgeheim hatte sie sich schon gefragt, was für ein Mensch Cora Tellington wohl war, da sie einen Laden zu einem Spottpreis übers Internet verkaufte. Und Cora hatte sich bestimmt auch so ihre Gedanken über die Käuferin gemacht. “Ich freue mich darauf, die Wohnung schön herzurichten”, sagte Echo.

“Hast du denn gar keine Möbel?”, fragte Maeve, die durch das schmutzige Schaufenster spähte.

Rianna und Avalon stellten sich neben Maeve, um selbst einen Blick hineinzuwerfen.

“Wieso hast du einen Buchladen ohne Bücher?”, wollte Rianna wissen.

“Das kommt alles mit einem Umzugswagen”, erklärte Echo. “Bevor ich die Regale einräumen kann, habe ich noch eine ganze Menge zu tun.”

Da pfiff Maeve auf eine Weise durch die Zähne, die sie garantiert von ihrem Vater gelernt hatte. “Das kann man wohl sagen.”

Rianna sah Echo besorgt an. “Wo schläfst du?”

“Hier”, antwortete Echo. “Avalon und ich haben heute Morgen an einem Supermarkt gehalten und Luftmatratzen und Decken gekauft.”

“Das ist wie Camping”, bemerkte Rianna.

“Nein, ist es nicht, du Doofi”, rief Maeve mit der Verachtung der älteren Schwester. “Camping macht man im Freien.”

“Genug”, unterbrach Cora sie freundlich. Doch sie sah genauso besorgt aus wie Rianna. “In meiner Wohnung ist jede Menge Platz”, sagte sie. “Und Hunde sind natürlich auch willkommen.”

Nach dieser aufrichtigen Einladung wurde Echo ganz warm ums Herz. “Wir kommen schon zurecht, nicht wahr, Avalon?” Doch dann dachte sie an Rance McKettrick und fragte sich, ob sie ihr neues Leben nicht doch besser in Sedona hätte beginnen sollen.

Nein, beschloss sie ebenso schnell.

Wenn es um einen Neuanfang ging, war Indian Rock genauso gut wie jeder andere Ort auf der Welt.

2. KAPITEL

Als Echo den Laden genauer unter die Lupe nahm, kamen ihr allerdings Zweifel. Sie würde jede Menge Arbeit und Geld in die Renovierung stecken müssen. Und das, wo ihre Geldreserven seit ihrem Entschluss stetig schrumpften.

Für den Laden hatte sie eine gut bezahlte Stelle in der Windy City aufgegeben, wo sie Benefizveranstaltungen für eine Kunstgalerie organisiert hatte. Auch ihr winziges Apartment mit Seeblick hatte sie verkauft. Dort hatte sie an ihren einsamen Abenden ein kleines Onlinegeschäft aufgebaut, das allerdings keinen Profit abwarf.

Nachdenklich fuhr Echo mit dem Finger über ein staubiges Regal an der hintersten Wand des sehr kleinen Ladens. Auf einmal schien ihr der Entschluss, Chicago zu verlassen, verdammt waghalsig. Ob sie einen Fehler gemacht hatte? Andererseits war ihr Leben nach einer unschönen Trennung so leer und steril geworden.

Avalon sah mit der einzigartigen Ergebenheit, die nur ein Hund aufbringen konnte, zu ihr auf. In ihrer alten Wohnung waren Hunde nicht erlaubt gewesen. Niemand war dort erpicht auf Flecken im Teppich oder Kratzern in der Tür. Noch weniger auf Gebell, obwohl die Flugbegleiter in Apartment 4 B regelmäßig mehr Lärm veranstalteten als eine Horde Tiere bei der Fütterung.

“Steril”, überlegte sie laut. “Dabei sollte das wahre Leben chaotisch sein.”

Avalon gab einen Ton von sich, den Echo als volles Einverständnis interpretierte.

Zusammen mit Avalon stieg Echo die Treppe hinauf, um sich ihr neues Zuhause anzusehen: ein Zimmer und ein winziges Bad. Doch die Wohnung besaß einen gewissen Charme mit ihren unebenen Holzböden und den großen Fenstern. Eines davon ging auf die Straße, das andere nach hinten hinaus auf eine Gasse.

Avalons Krallen klickten auf dem Boden, während sie den Raum erforschte, am Herd schnüffelte und die gusseiserne Badewanne auf Füßen einer Prüfung unterzog. Am Ende stellte sie die Vorderpfoten auf das Fensterbrett und schaute hinaus.

“Ein bisschen Wasser und Seife”, sagte Echo, die ein Fenster zum Lüften öffnete, “und es ist perfekt.”

Wieder schien Avalon ihrer Meinung zu sein.

Die nächsten zehn Minuten verbrachte sie damit, Koffer, Luftmatratze und Decken aus dem Auto zu holen. Darauf folgten Echos Laptop und die Näpfe und Futterdosen, die sie morgens im Supermarkt gekauft hatte.

“Wir brauchen Putzmittel”, erklärte Echo Avalon. Diese neue Gewohnheit, Gespräche mit einem Hund zu führen, beunruhigte sie ein wenig. Die Wahrheit war, dass sie schon zu lange allein lebte und viel zu viele Worte aufgespart hatte. “Und etwas zu essen.”

Echo füllte Avalons neue Wasserschüssel am Spülbecken und stellte sie auf den Boden. Während der Hund trank, schüttete sie Trockenfutter in einen Napf. Dann nahm sie die Luftmatratze aus der Tüte, stöpselte die mitgelieferte Pumpe ein und machte sich ans Werk. “Das ist wirklich wie Camping”, sagte sie lächelnd, als sie an Riannas Worte dachte.

Doch der Gedanke an Rianna führte unvermeidlich zu ihrem Vater, und Echos Lächeln erstarb. Irgendetwas beunruhigte sie an diesem Mann – einmal abgesehen von seinem mürrischen Auftreten. Er war geradezu überwältigend attraktiv, und alles an ihm, auch sein Auto, deutete darauf hin, dass er viel Geld hatte.

Gegen Geld gab es nicht unbedingt etwas einzuwenden, doch nach Echos Erfahrung waren reiche Menschen daran gewöhnt, alles zu bekommen, was sie wollten – egal wie. Sie seufzte. Das war bestimmt unfair. Sie wusste nichts über Rance McKettrick, außer dass er Witwer war und zwei wunderhübsche Töchter hatte, um die er sich nicht genug kümmerte. Außerdem war er reich, sah viel zu gut aus und strahlte eine kompromisslose Männlichkeit aus, die sie anzog und zugleich den Wunsch in ihr weckte, wegzulaufen.

Rance McKettrick war nicht Justin St. John.

Er war nicht der Mann, der sie betrogen und ihr Herz gebrochen hatte. Das durfte sie nicht vergessen.

Außerdem besaß sie jetzt ihren eigenen Laden, einen Plan für die Zukunft, und ihre Internetseite lief seit einiger Zeit auch besser. Und nicht zuletzt gab es noch Avalon, wenn auch vermutlich nur vorübergehend.

Für heute jedenfalls musste das reichen.

“Weißt du eigentlich, wie viel es kostet, einen Lear Jet auf der Startbahn warten zu lassen?”, zischte Keegan, als Rance das Flugzeug bestieg.

Jesse, der wie immer Jeans, Stiefel und ein Westernhemd trug, grinste nur und nahm einen Schluck von was auch immer er trank. Jesse war schon immer sehr entspannt gewesen, aber das hatte sich noch gesteigert, seit er in die süße Cheyenne Bridges verliebt war und ihr einen dicken, funkelnden Diamantring an den Finger gesteckt hatte.

Rance verspürte einen Anflug von Neid. Nachdem er die schlimmste Trauer über Julies Tod überwunden hatte, war er mit vielen Frauen zusammen gewesen. Doch im Moment erinnerte er sich an kein einziges Gesicht, geschweige denn an einen Namen.

Dafür kam ihm Echo Wells in den Sinn. Er dachte an die gekräuselten Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten, vor allem an den Schläfen, und an ihren leichten blumigen Duft.

Energisch schüttelte er die Erinnerung ab.

Es hatte gar keinen Sinn, in diese Richtung auch nur zu denken.

Wenn eine Frau auf der Welt nicht zu ihm passte, dann diese Echo Wells mit ihrer Leidenschaft für Rosa, ihrem grimmigen Hund und diesem bescheuerten Bergkristall am Rückspiegel.

Vermutlich legte sie Tarotkarten und tanzte nackt im Mondlicht.

Bei dieser ganz und gar nicht unangenehmen Vorstellung – zumindest, wenn man die Tarotkarten wegließ – lächelte er ein wenig.

“Es kümmert mich einen Dreck, was das kostet”, erklärte er Keegan, sank in einen Sitz und schnallte sich an. “Ich bin reich, schon vergessen?”

“Gibt’s sonst was Neues?”, kommentierte Jesse und sah ein wenig wehmütig aus dem Fenster. Wahrscheinlich vermisst er seine Freundin bereits, überlegte Rance ohne jegliches Mitleid.

“Tja”, sagte Rance, als der Pilot aus dem Cockpit kam und auf ein Zeichen zum Start wartete, das ihm Keegan prompt lieferte. “Ich sage dir, was es Neues gibt, Jess. Eine Hippiefrau hat den Laden neben Cora gekauft. Sie fährt ein rosa Auto und trägt dazu passende Turnschuhe.”

Sowohl Jesse als auch Keegan sahen ihn mit Interesse an, Keegan mit gerunzelter Stirn, Jesse leise lächelnd.

“Ich mag es, wenn meine Frau ein bisschen auffällt”, sagte Jesse.

“Ja, klar”, versetzte Keegan verärgert. Ganz offensichtlich hatte ihn heute jemand mächtig geärgert. “Cheyenne hat eben einen umwerfenden Körper.”

Die Motoren heulten auf, der Jet fuhr über die Startbahn.

Jesse grinste. “Nur nicht neidisch werden.”

“Du brauchst eine Frau”, sagte Rance zu Keegan. “Etwas Geschlechtsverkehr ab und zu würde dich bestimmt aufheitern.”

Keegan sah ihn böse an. “Das sagt mir gerade der Richtige”, erwiderte er scharf.

“Jungs, Jungs”, warf Jesse mit diesem Grinsen ein, das Rance regelmäßig auf die Palme brachte. “Ihr beide habt einen Dauerständer. Das ist euer Problem.”

Jetzt starrten ihn sowohl Keegan wie Rance wütend an.

Aber Jesse lachte.

“Ich habe keinen Ständer”, sagte Keegan.

“Nun, vielleicht keinen sichtbaren”, entgegnete Jesse.

Rances Gedanken schweiften zurück zu Echo. Er versuchte sich vorzustellen, was sie wohl unter dem engen Kleid trug.

Schnell verlagerte er sein Gewicht und schlug die Beine übereinander.

“Dieses Treffen sollte erfolgreich verlaufen”, sagte er, um das Thema zu wechseln. “Ich verpasse dafür Riannas Geburtstag.”

“Bitte sag, dass du nicht vergessen hast, ihr ein Geschenk zu kaufen”, rief Jesse. Er sah mit einem Mal sehr ernst aus. Das erinnerte Rance an Coras Worte, wonach Jesse sich mehr um seine Töchter kümmerte als er selbst. Das wurmte ihn.

“Selbstverständlich nicht”, log er. Er würde bei der nächsten Gelegenheit Myrna Terp im Büro anrufen und sie bitten, etwas zu besorgen, das rechtzeitig zur Geburtstagsparty auf der Ranch sein konnte. Vielleicht ein Pony. Oder eines dieser Kinderautos, die mit Batterien betrieben wurden.

Am besten in Rosa.

Er fühlte sich schon besser. Andererseits hatte er noch nie im Leben etwas in Rosa gekauft.

“Wie geht es Devon?”, fragte Jesse gleich darauf Keegan. Devon war Keegans inzwischen zehnjährige Tochter, die er seit der Scheidung nicht mehr oft sah. Sie lebte in Flagstaff mit Keegans Exfrau, die angedroht hatte, mit ihrem neuen Freund und Devon nach Europa zu ziehen.

Als Rance sich vorstellte, was das für Keegan bedeuten würde, erblasste er.

Keegan seufzte laut, seine breiten Schultern sackten ein wenig herab. Mit einer Hand fuhr er sich durch das braune Haar und sah auf den mit einem geschmackvollen Teppich ausgelegten Boden des Jets.

“Travis holt sie Samstagnachmittag ab, damit sie zu Riannas Party kann”, antwortete Keegan. Als er wieder aufsah, wirkte sein Gesicht verdrossen. Travis, der seit einiger Zeit mit ihrer Cousine Sierra verheiratet war, arbeitete als Anwalt für McKettrickCo. “Fragt ihr euch je, ob es sich lohnt, all diese Dinge zu verpassen?”

“Nö”, sagte Jesse, der noch nie in seinem Leben richtig gearbeitet hatte. Genau wie seine Cousins war er bereits reich zur Welt gekommen. Bevor er sich in Cheyenne verliebte, hatte Jesse nur Poker gespielt, Frauen vernascht und Pferde geritten. Keegan und Rance hingegen arbeiteten seit ihrem Studium, weil es das war, was man ihrer Ansicht nach eben tat. Und doch fragte Rance sich gelegentlich, ob Jesse es nicht richtig machte. Und vermutlich stellte Keegan sich in mancher einsamen, dunklen Nacht dieselbe Frage.

“Cora hat mir die Hölle heißgemacht, weil ich die Kinder wieder allein lasse”, gestand Rance. “Erstens wegen Riannas Geburtstag, und dann soll Maeve am Montag eine Zahnspange bekommen.” Er schüttelte den Kopf. “Natürlich ist es nicht schön, die Geburtstagsparty zu verpassen. Aber ich kapiere verdammt noch mal nicht, warum ich mit zum Kieferorthopäden soll.”

“Weil Kinder nun einmal Angst vorm Zahnarzt haben”, erklärte Jesse.

“Maeve hat vor gar nichts Angst”, entgegnete Rance mit Stolz in der Stimme.

“Das denkst du”, sagte Jesse.

Rance musterte ihn alarmiert. “Gibt es etwas, das ich über meine Tochter wissen müsste?” Meine Tochter betonte er besonders.

“Warum fragst du sie nicht selbst?”, murmelte Jesse.

“Hör zu, wenn Sie dir etwas erzählt hat, dann sollte ich das erfahren.”

“Ach ja?”

“Himmel, ja. Natürlich!”

Jesse gab nach. “Du hast ihren Auftritt verpasst. Alle Väter waren da – nur du nicht.”

“Ich habe diesem Kind schon stundenlang dabei zugesehen, wie es mit den Tambourstöcken herumwirbelt”, protestierte Rance. “Sie tut doch fast nichts anderes.”

“Das ist nicht das Gleiche”, bemerkte Jesse kühl. “Beim Auftritt hatte sie ein besonderes Kleid an. Außerdem hat sie gewonnen. Sie wollte dich dabeihaben, Rance.”

“Nun, du warst ja offenbar da”, brummte Rance.

Jesse nickte. “Cheyenne und ich waren dort. Und danach sind wir mit ihr und Rianna ins Roadhouse zum Eisessen gefahren. Und weißt du, was das Schlimmste war, Rance? Zu sehen, wie deine Tochter angestrengt so tat, als ob es ihr überhaupt nichts ausmacht, dass du nicht da bist.”

Die Luft in der Kabine schien plötzlich zu knistern.

“Hört auf, alle beide”, rief Keegan.

“Ich brauche mir von einem pokerspielenden, rodeoreitenden Frauenhelden nicht sagen zu lassen, wie ich meine Töchter erziehen soll”, brauste Rance auf.

“Zum Teufel, und ob”, entgegnete Jesse. “Weil du es von allein ja nicht kapierst.”

“Es reicht”, sagte Keegan. “Wir befinden uns in einem Flugzeug, nicht in einem Stall.”

Rance seufzte verärgert und warf sich in seinen Sitz zurück.

Jesse drehte sich weg und sah stumm aus dem Fenster.

Bis sie in San Antonio landeten, sprach keiner von ihnen ein Wort.

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