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Easy does it

Sebastian A. Schweizer | Psaiko.Dino

Easy does it

CRO, die Maske und der ganze Rest

BASTEI ENTERTAINMENT

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CRO

Vorwort

Wenn ich an 2011 denke, fällt mir als Erstes immer dieser Fotoladen in Stuttgart ein, in dem man alte Kameras und Zubehör kaufen kann. Mein Kumpel Psaiko.Dino hat damals da gearbeitet und ich habe mir jeden Tag irgendetwas Geiles geholt, obwohl ich dafür eigentlich gar kein Geld hatte. Aber das war mir egal. Es war Sommer, wir waren ungebunden, ständig unterwegs und von früh bis spät am Rumkumpeln. Eine richtig perfekte Zeit.

Seitdem ist ein bisschen was passiert. Ich habe zwei Alben und zwei Mixtapes rausgebracht, meine eigene Firma gegründet und mit meinen Kumpels unfassbar krasse Sachen erlebt. Ich war auf Platz eins der Charts, im Fernsehen, bei Rock im Park und einmal auch in Bielefeld. Psaiko arbeitet längst nicht mehr in dem Fotoladen, sondern ist jetzt Teil meiner Band und hat sogar selbst ein Album bei meinem Label Chimperator rausgebracht. Eigentlich unvorstellbar, dass das alles kaum drei Jahre her ist.

Ich weiß, das klingt komisch. Aber an vieles aus dieser Zeit kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern. Alles ging einfach so wahnsinnig schnell, wie in einem Film, in dem ich zufällig selbst mitspiele. Ständig war Action, nie war Stillstand. Mucke, Klamotten, Kumpels. Immer irgendwas machen, immer irgendwo hin. Seitdem mein erstes Video »Easy« ins Internet gegangen ist, hatte ich noch nicht einmal die Gelegenheit, den Kopf ins Klo zu hängen, durchzuspülen und zu reflektieren, was hier eigentlich passiert ist. Ich weiß nur, dass sich die ganze Sache wirklich gut anfühlt.

Als ich dieses Buch gelesen habe, war das also eine kleine Reise zurück in die Zeit: wie wenn man bei Instagram zurückscrollt und einem plötzlich wieder einfällt, was man alles unternommen und erlebt hat. Manches davon sehe ich noch bildlich vor mir, manches hatte ich ganz anders in Erinnerung. Aber die beiden, die das alles aufgeschrieben haben, müssen es wissen. Schließlich haben sie mich in dieser Zeit näher begleitet als fast jeder andere.

Die beiden, das sind Psaiko.Dino, mein DJ, und Basti Schweizer, einer der vier Bosse meiner Plattenfirma Chimperator Productions.

Psaiko habe ich zum ersten Mal auf einer Party im Chimperator-Büro in Stuttgart gesehen. Er hatte an dem Tag ein schweinchenrosanes T-Shirt mit Fransen an. Das ist kein Witz. Ich schwör’s, er hatte das wirklich an. Wow. Trotzdem war er mir gleich sympathisch. Ich habe ihm eine Mische gemacht und wir haben einen getrunken. Seitdem sind wir down. Er kam mir damals schon merkwürdig bekannt vor. Ich habe den ganzen Abend lang überlegt, woher ich ihn wohl kenne. Mittlerweile weiß ich, dass ich ihn überhaupt nicht kannte. Aber wir waren offenbar auf einer Wellenlänge.

Psaiko ist einfach ein erfrischend witziger Typ. Und er war da, als es bei mir so richtig losging mit der Musik. Also haben wir das zusammen durchgezogen. Wir haben uns darüber nie groß Gedanken gemacht, es hat einfach gepasst. Zum Beispiel war ich anfangs ja ein bisschen der Rede-Spasti: Interviews und in der Öffentlichkeit stehen und so, das war einfach nicht mein Ding. Aber er konnte direkt Menschen fressen mit seinem Humor. Das hat sich natürlich perfekt ergänzt. Einfach ein cooler Kumpel und Kollege. Perfekt.

Basti dagegen ist so etwas wie der coole, große Halbbruder in Berlin, der das alles schon gemacht hat.Immer wenn wir in der Stadt waren, um mit den Label-Menschen zu verhandeln, Promo zu machen oder irgendetwas aufzunehmen, haben wir bei ihm zu Hause gepennt. Er hat Frühstück gemacht, wir haben über Musik gequatscht und zusammen unser Leben gechillt.

Am beeindruckendsten fand ich bei all dem immer seine Geduld. Dazu muss man wissen: Wenn man als Rapper ein bisschen Erfolg hat, trifft man plötzlich sehr viele Arschkriecher, die alle etwas von einem wollen. Plötzlich ist jeder dein bester Freund. Ich fand das immer wahnsinnig nervig, und Basti fand es bestimmt ebenso nervig. Aber er war trotzdem immer höflich zu diesen Leuten und hat wie ein Löwe gekämpft, um das Beste für mich rauszuholen. Richtig krass. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein.

Dieses Buch ist also nicht meine Autobiografie oder so. Ich bin ja nicht so alt wie Basti, höhö. Stattdessen erzählt es die Geschichte jener 18 Monate, in denen der Grundstein gelegt wurde für alles, was heute in meinem Leben passiert. Die Geschichte von Sommer 2011 bis Ende 2012, die Geschichte von »Easy«, »Raop« und »Indie ist der neue Bürgermeister«. Die Geschichte, wie wir einfach mal so die gesamte Szene rasiert haben. Und dabei richtig viel Spaß hatten.

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I. BASTI

Die ETAP
Situation

Puh. Da muss ich jetzt ein bisschen weiter ausholen. 2008 bis 2009 also. Das war was. Da muss man erst mal in Ruhe darüber nachdenken. Aufgehört hat 2008 für mich ziemlich scheiße. Ich saß alleine in einer leeren und auf einmal viel zu großen Wohnung in Berlin. Frau weg, Kind weg, Hund weg. Außerdem war klar, dass Optik Records Ende Januar 2009 zumachen und somit auch mein Job weg sein würde. 30 sollte ich auf einmal auch noch werden. Richtig geil. Natürlich findet man in so einer Situation auch keine neue Wohnung. Wennschon, dennschon. Dahin gehen, wo’s wehtut. Da kann man seinen 30. Geburtstag ruhig auch mal in einem ETAP-Hotel feiern. Und das ging so:

Prinz Pi war kurz davor, sein Album »Neopunk« über Universal zu veröffentlichen. Zum Album ging es auf »Neopunk«-Tour, zusammen mit Casper und unseren Jungs Maeckes & Plan B als Support-Acts. Markus, also Maeckes, und Bartek, also Plan B, mussten dafür erst mal nach Berlin kommen. Wie genau das funktioniert, kann man sich bei YouTube ansehen. Man muss einfach nur nach »Maeckes und Plan B – Neopunk Tourblog Nr. 1« suchen. Falls ihr YouTube gerade nicht zur Hand habt: Die Kurzfassung ist, dass die beiden ohne Handy, ohne Navi und ohne Ahnung in einem Mietwagen von Stuttgart nach Berlin fuhren. Irgendwie schafften sie es trotzdem in meine Wohnung. Es war spät und, wie gesagt, sehr leer. Sofa oder Matratzen gab es in der Wohnung nicht mehr. Ein Schlafsack würde dem Spiel jetzt guttun, dachten wir. Und gingen dann zu dritt in meinem Bett pennen.

Am nächsten Tag war Tourprobe in Kreuzberg und außerdem mein Geburtstag. Weil tags darauf bereits Tourstart sein sollte, gab es abends ein schönes Zimmer im ETAP, gleich beim Potsdamer Platz um die Ecke. Die Gegend nennt man nicht umsonst das Venedig des Brandenburger Tieflands. Es war November und kalt. So mit Schneematsch und diesem ekligen, aggressiven Wind, der einem direkt an den Hals fährt und dabei zärtlich »Hallo Grippe« ins Ohr flüstert. Das ETAP-Hotel war dafür richtig schön. Alles aus Plastik und aus einem Guss. Wenn man in so einem Zimmer ein bisschen eskaliert, kann die Putzfrau am nächsten Tag einfach schön mit dem Gartenschlauch einmal durchspritzen, und alles ist wieder sauber. Perfekt. Casper und Affenboss waren auch schon da und hatten es sich richtig gemütlich gemacht. Zusammen mit Bartek ging ich kurz um die Ecke zum Touri-Späti. Wir kauften Plastikbecher und Whisky. Man wird ja nur einmal 30. Prost jetzt. Wasser marsch. Wir saßen im Plastikzimmer, auf Plastikstühlen. Affenboss lungerte auf dem Hochbett und drehte Joints. Wir alle tranken Billo-Whisky aus Touri-Späti-Plastikbechern. Es war echt ein bisschen witzig.

Um kurz nach eins musste ich leider los. Wegen der letzten Bahn. Die leere, zu große Wohnung, ohne Frau, ohne Kind und ohne Hund, war nämlich in Treptow. Für alle, die sich in Berlin nicht so gut auskennen: Das ist jetzt nicht direkt um die Ecke. Also von nirgendwo. In der S-Bahn hatte ich ein bisschen Zeit, um nachzudenken. Richtig geil ist das alles nicht, dachte ich. Ob das noch was wird mit unserem eigenen Label Chimperator? Ob ich mir vielleicht einen normalen Job suchen sollte? Hatte ich mit diesem Hip-Hop vielleicht auf ein zwar sehr sympathisches, aber irgendwie undankbares Pferd gesetzt, das mich trotz all der Pflege und Zuneigung nun hinterrücks in den Arsch tritt? Mir war nicht wohl. Wäre der großartige Rapper Haftbefehl schon am Start gewesen, ich hätte laut »Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun« durch die Ringbahn geschrien. Aber Haftbefehl war ja noch nicht am Start, 2008. Also ging nicht mal das.

Irgendetwas musste ich ändern.

Nach dem Ende von Optik arbeitete ich eine Weile bei einem polnischen Klamotten-Label. Ich sollte die Marke in Deutschland etablieren. Mein Chef war Bizarre von D12 in Weiß. Seine polnischen Käfigkampfkumpels waren auch Bizarre von D12 in Weiß, aber mit einem Stich Kollegah obenrum. Sie waren zwar immer sehr herzlich, aber irgendwie war das trotzdem nicht mein Ding. Einmal versteckte sich der damalige Gangstarapper und heute als Salafistenführer behördlich gesuchte Deso Dogg bei uns im Büro, weil er ein paar Zivibullen den Stinkefinger gezeigt hatte und deswegen fliehen musste. Ganz normaler Büroalltag halt. Aber auch zeitlich haute das alles nicht wirklich hin. Von neun bis fünf war ich bei den Polen im Büro, danach hatte ich entweder meine Tochter oder saß bis zwei Uhr morgens am Rechner, um Chimperator-Sachen zu machen. Das war unglaublich kräfteraubend, und obwohl ich quasi die ganze Zeit arbeitete, wurde ich nichts und niemandem so wirklich gerecht. Bizarre nicht, meiner Tochter nicht und Chimperator schon gar nicht.

Ich wusste: Auf Dauer ist das keine Lösung. Also beschloss ich, mich endlich komplett selbstständig zu machen und das mit Chimperator durchzuziehen. Das erste Album unseres Acts Die Orsons war sehr gut gelaufen und bei Myspace hatte ich außerdem eine geile neue Band aus Chemnitz entdeckt. Die trugen lässige College-Jacken, vermischten Rap mit Indie-Rock und waren richtig heiß. Das könnte das nächste große Ding sein, dachte ich. Die Jungs von Sony/ATV, wo wir inzwischen eine Verlagsedition hatten, waren sogar bereit, etwas Geld dafür auf den Tisch zu legen. Das roch beinahe ein bisschen nach Game. Also kündigte ich meinen Job, ging zum Amt und beantragte eine Gründungsförderung. Jetzt gab es keine Kompromisse oder Ausreden mehr.

Zum ungeraden Jubiläum gingen wir auf »11 Jahre Chimperator«-Tour. Beim Stopp in Berlin kamen die Chemnitzer vorbei und spielten vor den Orsons. Es war super mit den Jungs. Im Döner neben dem Knaack Club machten wir schön Businessessen mit Dönerteller und Pommes. Reichfürimmer. Wir wollten das Ding gemeinsam durchziehen und gaben uns die Hand drauf. Cak. Geil.

Nicht so geil war, dass wir die Tour zusammen mit einer anderen Agentur gebucht hatten, die an dem Abend auch da war. Wenig später fuhr die andere Agentur dann runter nach Chemnitz, ohne uns etwas zu sagen, und irgendwann bekam ich eine E-Mail von den Rap-Indie-Jungs, in der stand, dass ich »jetzt hoffentlich nicht irgendwie sauer« sei, sie aber bei den anderen unterschrieben hätten, und dass ich das doch hoffentlich verstehen würde. Ich war nicht irgendwie sauer, sondern RICHTIG sauer. Also: wirklich richtig sauer. Aber ich konnte ja nichts ändern an dem Bitch-Move der anderen Agentur. Und wenn eine Band mit so etwas down war, dann sollte es vielleicht auch einfach nicht sein.

Also machten wir einfach weiter. Ohne die College-Jacken. Es fühlte sich alles trotzdem gut an. Street-Rap hatte seinen Zenit überschritten, es lag etwas in der Luft. Wir waren am Puls der Zeit. Ich sagte in einem Interview mit Rap.de, dass Chimperator im Moment gerade dort sei, wo Aggro Berlin 2003 war. Nur unser »Mein Block« fehlte noch.

Unser »Mein Block« sollte schneller kommen, als wir dachten.