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Ex-Quator

Der Weg, den wir gehen, führt uns fast nie dorthin, wo wir hinsteuern. Die Weisheit kommt nicht von unserem Inneren, von uns kommen nur die Schläge, die sie vernichten wollen. Wir versuchen mit unserer Blindheit zu sehen, mit unserer Taubheit zu hören, doch eigentlich wollen wir weder sehen, noch hören. Wir leben zerrüttet von den Einflüssen die uns bilden, wir werden zerrissen von Geist und Körper. Entscheidungen sind die Geschenke der Menschheit, der Unterschied zwischen animalem und humanem, doch wissen wir nicht, sie einzusetzen. Das Gute sollte siegen, das Schlechte ist manchmal stärker, wenn wir geben, so bekommen wir nur selten. Was uns bleibt, sind unsere Träume, unsere Phantasie, meist fern vom Realen. Unser Antrieb ist Hoffnung und Liebe. Auch wenn uns die Dunkelheit umhüllt, ein Lichtlein immer brennt. Nur so kannst du weitergehen auf dem Weg den wir gehen, der uns aber fast nie dorthin führt, wo wir hinsteuern, doch am Ende unser Ziel erreicht.

Kapitel:

Am Anfang war der Weg

Leben ist Sehen und Hören

Um zu finden, muss man suchen

Lernen wir aus dem Leben um zu leben

Im Gleichgewicht von Seele und Körper

Chaos ist die Summe aus Einzelnem

Man sucht und findet sie, die Liebe

Verzage nicht, ein Lichtlein brennt

Am Ende war wieder der Weg

10 Epilogus I et II

Dieser Roman und die darin vorkommenden Personen, Orte und Institutionen wollen und haben keinerlei Bezug auf heute oder früher existierende und sind vollkommen frei erfunden. Jede darin vorkommende Ähnlichkeit oder Parallele ist weder erwünscht noch gewollt.

Am Anfang war der Weg

Mit einem gar fürchterlichen Knall zerschellte der Bierkrug an der Mauer der Gaststube. Das Bier spritzte den meisten Besuchern dieser urigen, alten Hafenkneipe auf ihre teils kahlen Häupter. Gegröle und Gelächter waren die einzigen Reaktionen der überschwänglichen Trunkenbolde. Es wurde geschrien, geschubst, aus Leibeskräften gesungen und mit den Krügen gegenseitig angestoßen, bis diese alsbald durch die ungezügelte brutale Lust an Herbheit und Ungestüm zerbrachen und sich das Bier über die Tische, Stühle und die Trunkenbolde selbst, schäumend ergoss. Seit langem schon traute sich keine Frau mehr in diese Kneipe am Hafen, denn jeden Abend ging es darin äußerst wild und rau zur Sache. Die meisten, die in diesem Lokal ihr Geld verzechten, waren Matrosen und Seemänner, die ihre letzten Tage Landurlaub mit vollen Zügen der Zecherei und Sauferei verbrachten. Wenn der Abend dämmerte, so sah man keine Magd mehr in dieser verruchten Gegend, selbst die Damen des horizontalen Gewerbes mieden diese Straßenzüge. Viele Gallonen an Bier flossen Abend für Abend in die grauen Tonhumpen des Lokals. Als Speis gab es nur deftige Küche, wie Schweinestelzen, Eintopf oder Fischsuppe. Der Geruch der Kneipe setzte sich aus Bier, Fisch und starkem Schweißgeruch der Kundschaft zusammen und wurde noch durch den Qualm der Zigarren und Pfeifen verschärft. Aus dem Gegröle konnte man nur selten einzelne klare Worte erkennen, die Besucher waren meist derart betrunken, dass nur Gestammel zu vernehmen war. Doch war dies, so schien es für die Einwohner dieser Stadt, eine für diese Seeleute notwendige Art, sich vor ihrer nächsten langen Fahrt von ihren Sorgen zu befreien…

Es war der Abend des 20. Januars Anno 1946. Der Vorabend zur Abfahrt eines Handelsschiffes Namens „Humboldt“ nach Südamerika. Die Humboldt war eines der letzten Schiffe, die nur mit Dampf betrieben, auf so lange Fahrten ging. Offenbar war die gesamte Mannschaft an diesem Abschiedsabend an Land, um in der alten Kneipe noch einmal so richtig ihr Landleben feiern zu können. So auch Jacques, der Schiffsjunge mit seinen jugendlichen dreiundzwanzig Jahren. Er versuchte wie ein alter Seebär beim Trinken mitzuhalten, doch nach zwei Humpen Bier war es meist um ihn geschehen, so auch an diesem Abend. Er stürzte auf die Gasse und musste sich übergeben. Jacques grölte auf seinem Weg zurück zum Schiff genauso laut wie seine Kumpane, denn all dies schien ihm einen richtigen, stolzen Seemann auszumachen. Jacques war, so wie die meisten am Schiff, Franzose. Doch nur sein Vater stammte aus diesem Land, seine Mutter kam aus der fernen Slowakei, eine in ihrer Jugend wunderschöne blonde Grazie. Jacques fühlte sich wie ein ganz normaler Junge, der im Abenteuer seine Erfüllung suchen musste. Es war seine dritte Fahrt als Matrose, jedoch seine erste große. Zuvor setzte man dieses schon eher zum Alteisen gehörende Schiff nur auf kurzen Strecken ein. So gelangte Jacques bei seinen ersten beiden Fahrten nur nach Neapel und Tripolis. Marseille war zu dieser Zeit der wichtigste Hafen im Mittelmeer, von dem aus die meisten Fracht- und Passagierschiffe nach Südamerika und Südafrika ablegten. Die Humboldt wurde zu früheren Zeiten auf den Strecken nach Südamerika mit Fracht und Passagieren eingesetzt. Der Komfort in den Passagierbereichen entsprach nicht mehr den Anforderungen, und so fuhr dieses Schiff nur noch mit Fracht aller Art beladen, die billigeren Einsätze, ohne Passagiere. Der gesamten Mannschaft war es klar, dass dies die letzte Fahrt für dieses Schiff auf eine so lange Strecke war. So plante, fünf Tage nach dem Ablegen der Humboldt, ein modernes Passagierschiff die gleiche Strecke zu befahren, und dieses Schiff würde trotzdem zwei ganze Tage vor der Humboldt den ersten Hafen in Südamerika erreichen. Von Marseille bis zum letzten Zielhafen dieser beiden Schiffe, Buenos Aires, war ein Unterschied von mehr als zehn Tagen Fahrtdauer geplant. Das Passagierschiff mit dem klangvollen Namen „La Grande Belle“, erreichte durch den Antrieb mit Dieselmotoren wesentlich mehr Geschwindigkeit und Reichweite als die alten, mit Dampfmaschinen betriebenen Schiffe.

Es war der Morgen gekommen, an dem die Humboldt sich aufmachte um auf ihre letzte große Reise zu gehen. Schwerarbeit war es zu damaliger Zeit die Leinen einzuholen, den Anker zu lichten und das Schiff aus dem Hafen zu manövrieren. Jacques war beim Ziehen der Leinen und Trosse immer wieder an die Grenzen seiner Kraft gestoßen und Blutergüsse sowie Blasen auf den Händen waren für ihn jedes Mal schmerzvolles Lehrgeld. Endlich war das Schiff zur Hafenausfahrt ausgerichtet und langsam stieg der Druck in den Dampfkesseln des Schiffes, um mit viel schwarzem Qualm aus den zwei Schornsteinen den Hafen zu verlassen. Der Kapitän, der alte Seebär Gruiard, konnte diesen Augenblick nicht ohne ein langes Heulen der Schiffspfeife verstreichen lassen. Am Kai und an der Hafenausfahrt waren wieder viele schaulustige Besucher und natürlich auch Angehörige der Mannschaft zusammengekommen, um Abschied zu feiern und dem Schiff viel Glück auf seine lange Reise zu wünschen. So entdeckte auch Jacques seinen Vater und seine Mutter am Ende der Hafenmole mit zwei weißen Tüchern, die sie wie wild schwenkten. Jacques freute sich maßlos und winkte ebenfalls solange er die weißen Tücher erspähen konnte. Einige Tränen traten in seine Augen, kullerten die Wangen hinab, doch der milde Wind auf See trocknete diese schnell. Es war auch der Tag seiner Geburt, der 21. Januar. An seinem Geburtstag hinaus in die weite Welt, konnte es ein schöneres Geschenk geben? So blieb er noch eine Weile an der Reling stehen, blickte zurück auf Marseille und begann ein wenig über seine Erinnerungen an seine Heimat zu sinnen.

Jacques lebte in Aix-en-Provence, welches nur etwa zwei Stunden mit dem Ochsenkarren von der Stadtgrenze von Marseille entfernt war. In einem armen Teil der Stadt waren mehrere Häuser so eng aneinandergebaut, dass man von einem Fenster zum gegenüberliegenden greifen konnte. Im obersten Stock eines dieser Häuser hausten seinen Eltern, zusammen mit ihm und seinem Onkel Philippe. Jacques liebte es, an Tagen an denen kein Besuch im Hause war, zu Fuß zu einem, etwa eine halbe Stunde entfernten, alten verlassenen Schloss zu laufen und dort vor dem verschlossenen Gittertor zu verweilen. Er hatte schon die gesamte Mauer inspiziert ob er nicht irgendwo ein Loch oder eine Möglichkeit fand um in den großen Garten zu gelangen. Die Leute erzählten, dass es in diesem Schloss nicht mit rechten Dingen zugehen sollte, und immer, wenn jemand versuchte einzudringen, so wurde dieser alsbald tot im nahegelegenen Wald wiedergefunden. So wagte sich bald niemand mehr das riesige Anwesen des Schlosses zu betreten oder nur den Versuch zu wagen, mehr über dieses mysteriöse Gelände herauszufinden. Das große schmiedeeiserne Tor bestand aus zwei mal zwei Flügeln, welche hintereinander angeordnet waren, ein Graben mit einer Klappbrücke aus Holz dazwischen. Man konnte nur sehr schwer erkennen, was sich im Inneren des großen Parks befand, wie das Schloss aussah, konnte eigentlich niemand genau sagen. Selbst die älteren Bewohner von Aix-en-Provence konnten keine Auskunft über das große Gut oder seine ehemaligen Bewohner geben. Wenn man auf die Mauer kletterte, welches aber nur mit einer langen Leiter möglich war, so blickte man wiederum nur auf den mit Wasser und Schilf gefüllten Graben, der zwischen diesen beiden Mauern lag. Jacques probierte einmal aus, die Leiter in den Graben zu lassen, doch so tief er die Leiter auch ins Wasser lies, es war kein Boden zu spüren, an dem die Leiter hätte Halt finden können. Die wildesten Phantasien träumte Jacques bei seinen Besuchen vor oder auf der Mauer des Schlosses. Manchmal verbrachte er Stunden vor der Schlossmauer und träumte. So malte er sich auch diesmal in seiner Phantasie ein Leben innerhalb der Mauern des Schlosses aus.

Die Schiffspfeife schrillte ein letztes Mal zum Zeichen des Abschieds von Marseille und riss Jacques jäh aus seinen Tagträumen. Ein kribbeliges Gefühl machte sich in seinem Magen breit, denn dies war der Anfang seiner ersten langen Reise, die ihn in ein fremdes, für ihn unglaublich weit entferntes Land führte. Was würde ihn in Südamerika erwarten, wie würden die Leute dort aussehen, welche Sprache würden sie sprechen, was würde es dort alles zu sehen, zu essen, zu trinken, zu kaufen, zu bewundern geben, ja tausende Fragen beschäftigten ihn. Es war eine Mischung aus Angst, Neugier, Abenteuerlust und jugendlichem Wissensdrang, die ihm das flaue Gefühl im Magen bescherte. Doch der Tag war nun eben einmal da, es war soweit, er befand sich auf dem Weg in die Ferne. Jacques stand noch lange draußen und blickte zurück in Richtung der französischen Küste, die nur langsam kleiner und kleiner wurde, bevor sie nach etwa zwei Stunden auf See verschwand. Nach mehreren Stunden Fahrt konnte man westlich vor dem Schiff die spanische Küste erkennen. Der Kapitän der auf der Brücke stand, blickte ebenfalls in diese Richtung und genoss das wunderbare Wetter an diesem Tag. Die See war so ruhig, dass das Schiff überhaupt nicht stampfte oder schwankte. Jacques lief voll Neugier hinauf auf die Brücke, um den Kapitän über das vor ihnen liegende Land zu befragen.

- Spanien, mein Junge, der Hafen von Barcelona liegt vor uns. In etwa vier Stunden werden wir östlich von Barcelona einen Kurswechsel weiter nach Süden durchführen. –

gab der Kapitän mit einem Ton der Sehnsucht von sich.

- Sag mir, wo liegt der nächste Hafen nach Süden, mein ehrwürdiger Kapitän? –

fragte Jacques. Der Kapitän nahm Jacques an der Hand und ging mit ihm durch das Ruderhaus, die Mitte der Brücke, in den Navigationsraum, welcher direkt hinter dem Steuerraum gelegen war und von einem riesigen Holztisch in der Mitte des Raumes beherrscht wurde. Es gab einen Schrank, der mit Seekarten der ganzen Welt gefüllt war, eine Kommode mit Navigationsbesteck, Sextanten und vieles mehr welches zur Navigation auf hoher See von Nöten war. Mit offenem Mund bestaunte Jacques alles, was er hier erspähte. Er war begeistert. Der Kapitän öffnete die Papierrolle, breitete die Seekarte auf dem Tisch aus und fixierte sie an allen vier Ecken.

- Sieh hier, mein Junge, das ist der Hafen von Barcelona, querab von diesem Leuchtturm, er ist auf der Hafenmole von Barcelona aufgestellt, werden wir einen Kurswechsel auf 180°, also genau nach Süden durchführen. Unser momentaner Kurs beträgt 200° auf dem Kompass, man kann es auch mehr oder weniger Süd-Süd-West Kurs nennen. –

Jacques staunte und fragte, fragte und fragte.

Mehr als eine halbe Stunde ging es darum, welchen Kurs sie gerade fuhren, wann sie diesen wechselten, den Kompasskurs, den Strömungsvorhaltewinkel, den Windvorhaltewinkel und vieles mehr, welches die Navigation des Schiffes betraf. Der Kapitän gab bereitwillig auf alle Fragen sehr genaue, und zum Teil für andere nicht verständliche, da zu komplizierte Antworten. Der Steuermann der draußen am Ruder stand und den gegebenen Kurs ganz genau halten musste, schüttelte immer wieder den Kopf, denn der Kapitän erklärte diesem einfachen Schiffsjungen mit einer derart ausführlichen Genauigkeit die kompliziertesten Navigationsaufgaben. Seiner Meinung nach, konnte dieser doch niemals, nicht einmal annähernd, nur ein wenig dessen, was der Kapitän von sich gab, verstehen. Selbst er, der schon so viele Jahre zur See fuhr und als Steuermann mit Navigation ständig zu tun hatte, verstand nur die Hälfte der Erklärungen des Kapitäns. Jacques bedankte sich kurz und verschwand in den Mannschaftsraum um ein wenig zu schlafen. Das Deck war bei der Abfahrt ein wenig schmutzig geworden, und so gab es für diesen ersten Nachmittag auf See die vornehme Aufgabe für die Schiffsjungen, mit Jacques waren es vier, bewaffnet mit Bürsten und Eimern das Deck zu schrubben. Während Jacques zusammen mit Antoine das Vorderdeck schrubbte, bemühten sich die anderen zwei um den hinteren Teil des Schiffes. Jacques begann nach einiger Zeit von seinem Ausflug auf die Brücke und die Informationen des Kapitäns zu erzählen. Antoine blickte immer wieder zu Jacques auf, schaute ihn mit seinen großen dunklen Augen unwissend und verwirrt an, denn er verstand nicht ein einziges Wort von dem, was Jacques von sich gab. Doch Jacques hörte nicht auf, seine neuen Eindrücke und sein soeben erworbenes Wissen über einige Dinge der Navigation von sich zu geben. Zum Schrubben auf Deck trugen die Jungen ihre kurzen weißen Hosen und kurzärmelige weiße Hemden, jedoch waren sie barfuß. Antoine hielt kurz inne und fragte Jacques, um doch auch endlich etwas von sich zu geben.

- Du hast eine Muschel auf einem Lederband um den Hals hängen, warum? –

Jacques erwiderte nur sehr kurz

- Ich bin Seemann, dies ist mein Talisman! –

denn er wollte keinem der anderen Matrosen am Schiff nur einen einzigen Ton von seinem nach außen so primitivem Anhänger preisgeben. Diese einfache, unscheinbare Muschel konnte man nur durch einen Trick öffnen, darin war, aus purem Gold, ein wunderschön gefertigtes Schmuckstück versteckt. In der Mitte befand sich ein ganz klarer, funkelnder, kreisrunder Edelstein. Jacques wusste nicht um welche Art von Stein es sich handelte, er hatte solche Steine schon manchmal am Markt in Aix en Provence gesehen, doch immer hatten sie andere Formen als der Seine, es waren aus Kristallglas geschliffene Ziersteine, die in der Sonne in den verschiedensten Farben funkelten. Dieser Stein war von wunderbar zart gefertigten Girlanden umgeben, welcher dann einer Sonne glich, die ganz hell schien. Auf der Unterseite war diese auf einem länglichen nach oben gewölbten Bogen mit nach unten geführten Linien befestigt, so dass etwas mehr als die Hälfte des Steines über dem Bogen lag. Man konnte beide Muschelhälften, die auf ihren Innenseiten durch das Perlmutt ebenfalls ein wunderschönes Farbenspiel preisgaben, so aufklappen, dass sie eine Waagrechte ergaben und der Stein mit dem goldenen Kunstwerk senkrecht nach oben stand. In dieser Position sah der Stein aus wie die Sonne die am Horizont versinkt oder aufgeht. Je nach dem Licht in das man sie hielt, leuchtete sie in zartem Rosa, Gelb, Orange oder Blau. Antoine sah Jacques nur verwundert an und zuckte kurz mit seinen Schultern. Aberglauben war für Seemänner eine ganz normale Sache. Viele der berühmtesten Geschichten der Seefahrt hatten mit dem Aberglauben der Seeleute zu tun.

Der Süd Kurs lag nun schon eine Weile an und man konnte auf der rechten Schiffsseite noch immer deutlich die spanische Küste erkennen. Doch in der Ferne tauchte auch links Land auf. Jacques hatte seinen Teil der Arbeit beendet und fragte den Obermaat um Erlaubnis wieder kurz zur Brücke laufen zu dürfen. Der Kapitän hatte schon seit einiger Zeit Jacques bei seiner Arbeit beobachtet und so war es ihm auch nicht entgangen, dass Jacques seine Arbeit sehr schnell und doch gründlich tat, wobei er immer wieder aufblickte um die Küste zu beobachten. So erwartete der Kapitän Jacques bereits auf der Brücke, ein großes Fernrohr in der Hand haltend. Wieder dauerte das Gespräch der Beiden fast eine halbe Stunde, es ging um die genaue Position, die in Koordinaten nach Breiten und Längengraden bestimmt war, die Insel links vor Ihnen „Ibiza“ hieß, und dass Entfernungen in der Seefahrt in nautischen Meilen angegeben wurden. Jacques erfuhr weiter, dass die Geschwindigkeit des Schiffes in Knoten gemessen wurde, also nautische Meilen pro Stunde und vieles mehr. Beiläufig fragte der Kapitän nach einigen Details die er am Vormittag Jacques erklärt hatte, und Jacques sprühte förmlich vor Antworten. Es war der Versuch eine Bestätigung dessen zu finden, was der Kapitän schon einige Zeit vermutete, nämlich der Tatsache, dass Jacques ein sehr intelligenter Bursche war. Der Kapitän fragte Jacques ob er nicht Lust hätte am nächsten Abend mit ihm das Abendmahl einzunehmen. Jacques war begeistert, stimmte sofort zu und wünschte sich soviel er nur konnte von diesem alten und so erfahrenen Kapitän lernen zu können. An diesem Abend gab es für die Mannschaft, also auch für Jacques, Antoine und die anderen Matrosen Eintopf. Bis spät in die Nacht wurde noch über dies und jenes gesprochen, bevor die Lichter auf dem Schiff langsam erloschen und nur mehr diejenigen wach waren, die die erste Wache hatten. Eine solche Wache bestand aus einem Steuermann, der Kurs, Geschwindigkeit und Navigation des Schiffes überwachte und steuerte, einem Maschinisten, der die Befehle des Steuermanns im Maschinenraum weitergab und die Maschinen steuerte, sowie die wichtigsten Teile der Maschine und des Getriebes immer wieder mit Öl zur Schmierung versorgte, vier Heizern, die die Dampfkessel mit Kohle fütterten um die Temperatur und dadurch die Kraft des Wasserdampfes hoch zu halten, und einem Matrosen, der im sogenannten Vogelnest Ausschau halten musste. Das Vogelnest war ein kleiner Standplatz, hoch oben am vordersten Mast des Schiffes, von dem aus, jedes Hindernis vor dem Schiff besser und schneller erkannt werden konnte. Weiter hatten ein Schiffsjunge und ein Telegraph, auch Funker genannt, während einer solchen Wache, Dienst. Die erste Wache am Abend, dauerte von acht bis zwei Uhr in der Früh. Danach war die zweite Wache bis acht Uhr am Morgen eingeteilt. Jacques war in dieser Nacht für die zweite Wache vorgesehen, so musste er also versuchen, früher zu Bett zu gehen, um nicht während seines Dienstes Gefahr zu laufen wieder einzuschlafen. Als er sich in seinem Lager zur Ruhe legte, schlief er fast unmittelbar ein, denn die zahlreichen Erlebnisse des Tages, sowie das Stampfen und Fauchen des Schiffes bescherten ihm eine Bettschwere die seine springenden Gedanken lähmten und den Schlaf wie eine schwarze Decke über ihn zog. Mitten im tiefsten Schlaf läutete die Schiffsglocke, es war viertel vor zwei Uhr in der Nacht. Jacques lief so schnell er konnte zu den Mannschaftsduschen, um einer der ersten zu sein, schrubbte sich mit der Kernseife die bei jeder Dusche an einem Band befestigt war und verwendete zum Schluss kaltes Wasser, um so ordentlich munter zu werden. Jedes Mal, wenn das kalte Wasser seinen Körper erreichte zuckte er zusammen, konnte kaum atmen und stieß kurze Laute von sich. Mit seinem großen Handtuch bekleidet eilte er zurück zu seinem Schlafplatz und bekleidete sich. Zu solchen Diensten musste er die lange, dicke weiße Hose mit dem Langarmhemd und seiner Jacke tragen. Socken und weiße Schuhe sowie sein Seemannsbarett komplettierten seine Ausstattung. Dieses Barett war wie bei allen Matrosen weiß, hatte darunter einen schwarzen Rand auf dem der Name des Schiffes geschrieben stand. DS HUMBOLDT stand auf seiner Kappe, also Dampfschiff – Humboldt. Dieser Tage gab es ja fast nur noch MS, also Motorschiffe. Eilig lief Jacques zur Mette, ein sehr großer Raum in der die Messen gelesen wurden, Besprechungen mit der Mannschaft abgehalten wurden und sich eben auch die Wache einfand, um auf Vollständigkeit geprüft, eventuelle Instruktionen für ihren Dienst zu erhalten. Diesmal gab es nichts Besonderes und so begab sich jeder auf seinen Arbeitsplatz. Als Schiffsjunge hatte man eigentlich keine fest eingeteilte Arbeit, man war sozusagen das Mädchen für alles, jeder auf dem Schiff konnte einem Schiffsjungen Befehle erteilen, denn diese waren ja die Letzten in der Hierarchie.

Jacques beschloss eine Runde, der Reling entlang ums Schiff zu gehen, dann sich einen warmen Platz zu suchen um eventuell ein bisschen zu dösen. So verging rasch die Zeit bis zum Morgengrauen und Jacques begab sich ganz nach vorne um den Sonnenaufgang im Osten besser bewundern zu können. Es war ein wunderschöner Sonnenaufgang. In den herrlichsten Farben zeigte sich die Sonne langsam höher steigend, wie eine glühende Kugel, die aus dem Meer emporstieg um endlich mit dem Wasser Kontakt zu verlieren, und so ihre volle Pracht und Leuchtkraft entfalten zu können. Jacques dachte an seinen Anhänger, welch wunderschönes Kunstwerk mit tiefer Bedeutung zur Natur, der Sonne, dem Meer und dem Feuer, das er so dicht an seinem Herzen trug. Diesen Anhänger hatte er von seinem Vater bekommen. Er erinnerte sich an den Zusatz, dass dies Jacques Leben sei, sollte er es verlieren würde er auch sich selbst, seine Familie sowie seine Vergangenheit und Zukunft verlieren. Jacques öffnete seine Muschel und blickte durch den Stein auf die Sonne. Es war ein noch wunderbareres Funkeln des Lichts, als die Sonne es je hätte zeichnen können. Für Jacques war diese Muschel sein Leben wert, und so fragte er sich nie über den weltlichen Wert dieses Anhängers. Nach der kühlen Nacht genoss offensichtlich jeder an Bord der zu dieser Stunde auf den Beinen war, die wärmenden Strahlen der Sonne. Bis auf die Mannschaft aus dem Maschinenraum waren alle Männer der Morgenwache an Deck und blickten in Richtung Osten. Aus dem Mannschaftsraum kamen auch bereits die ersten Köche, die bald mit den Vorbereitungen für das morgendliche Frühstück beginnen mussten. Die gesamte Besatzung der DS Humboldt bestand aus über fünfzig Männern, die natürlich einen großen Hunger mitbrachten. So gab neben zwei Bäckern, die Brot und frisches Gebäck zubereiten mussten, vier Köche und zwei Kochgehilfen. Um Punkt Sieben läutete der Koch vom Dienst die Glocke, welches für den Tagdienst das Zeichen war das Frühstück im Speisesaal der Mannschaft einnehmen zu können. Kurz nach Acht konnten dann die Nachtwachen, nachdem ihr Dienst zu Ende war, ihr wohl verdientes Frühstück zu sich nehmen. So auch diesen Morgen Jacques. Es gab für jeden eine Scheibe Wurst, eine Scheibe Käse sowie etwas Marmelade. Zwei Stück Gebäck oder drei Scheiben Brot konnte man wählen, dazu einen Becher mit Kaffee oder Milch. Tee gab es in großen Kannen, soviel man trinken wollte oder konnte. Es war ein einfaches, aber für die meisten der Seeleute ausreichendes Mahl. Da Jacques in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war, freute er sich jedes Mal über eines dieser, für ihn sehr ausgiebigen Frühstücks. An diesem Tag war nichts Spezielles für die Mannschaft vorgesehen, für alle war es ein Tag der Ruhe, und so beschäftigte man sich mit sich selbst oder spielte Karten. Nur Jacques war wieder vor lauter Neugierde auf die Brücke verschwunden um über Position, Kurs und Seekarten zu hören und zu lernen. Die anderen Schiffsjungen machten sich über Jacques lustig, sie hatten keinerlei Interesse, irgendetwas Neues zu lernen. Wieder war es ein strahlend schöner Tag geworden, windstill und wunderbar warm. Das Schiff befand sich bereits südlich von Alicante und nur noch eine halbe Stunde lag auf dem momentanen Kurs an, bevor Richtung Gibraltar ein Kurswechsel nach Westen durchzuführen war. Der Kapitän ließ Jacques, den neuen Kurs aus der Karte mit Lineal und Zirkel messen. Jacques war sehr stolz, da es ihm auf Anhieb gelang. Mit der Frage, welche Schule Jacques besucht hatte, entließ der Kapitän Jacques wieder von der Brücke, denn der alte Gruiard wollte sich ein wenig zur Ruhe legen. Jacques antwortete wie immer sehr kurz, aber ohne Zweifel ehrlich und genau,

- In keine –

Der Kapitän schüttelte den Kopf und antwortete leise.

- Bis zum Abendessen. -

Jacques spazierte wieder aufs Vorderdeck um in Richtung der spanischen Küste seine Blicke schweifen zu lassen. Er spürte den linden Wind, der durch das Meer über den er streifte, mit Feuchtigkeit und Salz versetzt war. Es war ein herrliches Gefühl, ein Gefühl der Freiheit und der jugendlichen Unbeschwertheit, die Jacques aus vollen Zügen genoss. Mit jedem Atemzug spürte er, wie sich sein Wunsch nach Abenteuern und neue Länder kennen zu lernen, näherte und langsam verwirklichte. Jacques strich sich mit seiner rechten Hand durch seine dunkelblonden Haare, die er offensichtlich von seiner Mutter geerbt hatte. Diese Handbewegung machte er schon lange unbewusst. Sein Vater hatte ihn bereits mehrmals daraufhin angesprochen, doch Jacques ignorierte dies. Er dachte immer wieder bei sich, dass jeder Mensch auf der Welt etwas eigen haben konnte. Seine Haare waren immer sehr kurz geschnitten. Er war kein Freund von Kamm und Bürste, die sich durch diesen Haarschnitt, für ihn erübrigten. So waren seine Finger der Kamm. Für die folgende Nacht hatte er keine Wache eingeteilt, doch wurde er zunehmend nervös, da alsbald das Abendmahl mit dem Kapitän nahte. Jacques wurde zum ersten Maat gerufen. Der erste Maat war der Ranghöchste Matrose der nicht zu den Schiffsoffizieren gehörte. Der erste Maat gab Jacques ein schönes weißes Hemd und sagte ohne eine Miene zu verziehen,

- Ich weiß nicht wo deine Grenzen sind, doch hüte dich davor, zu vertraut mit dem Kapitän zu werden. –

Mit großen Augen schaute Jacques den Maat an, drehte sich langsam um, und verschwand leise mit einem

- Danke für den Hinweis. -

Die Glocke der Küche läutete zum Abendessen für die Mannschaft, doch Jacques blieb in seiner Koje liegen, erst als alle anderen zum Mahl verschwunden waren, richtete er sich auf zog sein schönes neues Hemd an und lief zur Küche. Den Ersten, der aus der Küche kam, hielt er an und fragte,

- Wann wird der Kapitän essen? –

- In einer halben Stunde –

lautete es aus der Küche,

- Wenn du Jacques der Schiffsjunge bist, so sollst du in etwa zwanzig Minuten beim Chef antanzen. -

Nervös, aber voller Erwartungen wartete Jacques vor der Türe des Kapitäns, zappelte dabei von einem Fuß auf den anderen und klopfte schließlich an der Türe. Sein Herz klopfte dabei ebenso laut wie sein Zeigefinger an der Holztür.

– Herein –

lautete die Stimme des Kapitäns. Jacques betrat vorsichtig und schüchtern die Kapitänskajüte, verneigte sich und wünschte einen schönen Abend.

- Komm Jacques, setz dich hier her, es gibt bald etwas zu essen. Ich hoffe du bringst einen großen Hunger mit, mein Magen knurrt schon kräftig. –

Nachdem die beiden völlerhaft speisten, bat der Kapitän Jacques zu der dick gepolsterten Sitzbank, um mit ihm ein wenig zu plaudern.

So wie zu Mittag fragte der Kapitän wieder,

- Welche Schule hast du besucht? Keine, sagst du, das verwundert mich aber sehr, denn ich habe das Gefühl, du könntest Lesen und Schreiben. Oder sollte ich mich da irren? Ich habe dir absichtlich Dinge erklärt, die für normale Matrosen unverständlich sind, sogar Einiges, welches nicht einmal meine Offiziere wissen, ich glaube auch zum Teil nicht verstehen würden, und du hast dir das so genau gemerkt. Ich hatte den Eindruck du hättest es auch verstanden. Nun all dies musst du jetzt deinem Kapitän erklären –

Jacques blickte sehr verwundert auf und antwortete kurz aber bestimmt,

- Ich habe niemals eine Schule besucht. Lesen, schreiben, sowie alles andere, lernte ich bei einigen lieben, mit meinen Eltern befreundeten Padres die sehr oft zu uns auf Besuch kamen, oder die ich in ihren Klöstern aufsuchte. –

Der Kapitän setzte so mit seiner Neugierde fort,

- Wie sieht es mit Rechnen aus, oder vielleicht einer höheren Mathematik? –

Jacques erinnerte sich an die Worte des ersten Maats und versuchte diplomatisch zu antworten.

- Nun, um meinen Sold und meine Ausgaben kalkulieren zu können, glaube ich reicht mein rechnerisches Wissen aus. –

Jacques merkte langsam, dass er dem Kapitän gegenüber, mehr Vorsicht an den Tag legen musste. So kam Jacques in der Hoffnung, Neues zu lernen und Fragen über Fragen stellen zu können, doch es war nun der Kapitän, der bis zu diesem Augenblick die Fragen stellte. Jacques versuchte noch kurz das Thema zu wechseln, doch merkte er sehr bald, dass eigentlich nur der Kapitän seine Neugierde stillen wollte. Jacques stellte sich zunehmend dumm und verließ, eine große Müdigkeit vortäuschend, bald die Kajüte des Kapitäns. Aus solchen Treffen und Gesprächen konnte Jacques immer wieder für sein Leben lernen, denn es war nicht immer ratsam, allen Menschen zu vertrauen, geschweige diesen offen zu begegnen. Jacques wusste zu genau, dass die Worte des Maats eine Bedeutung für ihn hatten, und wollte diesen ab nun etwas mehr Beachtung schenken.

In den folgenden Tagen ging Jacques nicht mehr auf die Brücke, irgendwie waren die Fragen des Kapitäns für ihn zu viel gewesen. Die Neugierde jedoch entfach in ihm immer wieder die Sehnsucht etwas Neues von der Schifffahrt zu lernen. So kämpfte in seinem Herzen die Neugierde gegen das Misstrauen. In diesen Tagen führte die Route das Schiff durch die Meeresenge von Gibraltar hinaus auf den weiten Atlantik. Jedoch hielt sich der Kurs immer an der afrikanischen Küste entlang nach Südwesten, mit einigen Kurswechseln steuerte die Humboldt in Richtung der Kanarischen Inseln. Für die Mannschaft waren es ganz normale Arbeitstage ohne besondere Aufgaben. Die meiste Zeit verbrachte man damit, Ausschau nach Hindernissen oder anderen Schiffen zu halten. Die See wurde, nachdem das Schiff das Mittelmeer verlassen hatte und nun den Atlantik befuhr, wesentlich rauer. Die Temperatur des Wassers sank ebenfalls um mehrere Grade, welches man auch an den verschiedenen Fischarten erkennen konnte. Vermehrt gab es jetzt Fisch zu den Mahlzeiten.

Immer wieder begegneten der Humboldt Frachtschiffe, die sich auf dem Weg zurück nach Europa befanden. Der Handel in Europa war nach dem Ende des langen Krieges wieder langsam am Erwachen. Jedes Mal wurde mit dem Schiffshorn zum Gruß ausführlich gepfiffen. Das Wetter zeigte sich weiterhin von seiner besten Seite, die Sonne schien jeden Tag heiß und unverhüllt, in immer steilerem Winkel auf das Schiff herab. Jacques war tagsüber nur noch in seiner kurzen Hose auf dem Schiff unterwegs. Den Sonnenbrand, den er sich täglich holte, linderte Albert, einer der Schiffsköche mit einem speziellen Gemisch, welches er in den vielen Jahren, die Albert schon zur See fuhr, durch Zufall entdeckte und seitdem immer wieder erfolgreich anwandte. Es handelte sich dabei um eine Flüssigkeit aus Karottensaft, Olivenöl, Kokosmilch, Fischfett sowie einigen Kräutern, die gekühlt mehrere Tage lagern musste, bevor Albert sie eine halbe Stunde lang kochte und dann durch ein Sieb in kleine Flaschen abfüllte. Jeder an Bord, der sich einen Sonnenbrand holte, bekam dann von Albert so ein kleines Fläschchen. Jacques rieb sich nach der Dusche am Abend und am Morgen mit dieser Flüssigkeit ein und merkte bald wesentliche Linderung seiner Verbrennungen. Albert verwendete dieses Zufalls-Heilmittel in den ersten Jahren seiner Seefahrerei nur bei Verbrennungen durch heißes, spritzendes Öl oder kochendes Wasser, die er sich bei der Küchenarbeit zuzog. Als jedoch eines Tages ein neuer Offizier durch die extreme Sonne auf See derart starke Verbrennungen erlitt, dass dieser sich nicht mehr bewegen konnte, sich die Haut in großen Fetzen zu lösen schien und der Offizier vor solch starken Schmerzen zu schreien begann, wusste Niemand mehr an Bord was zu tun war. Damals versuchte Albert dem Offizier vorerst nur psychisch zu helfen, indem er ihm seinen Verbrennungssaft als mögliche Hilfe anbot, und den Offizier unter großen Schmerzen, damit gleich an Ort und Stelle einrieb. Da der Offizier aber nächsten Morgen keinerlei Schmerzen mehr hatte und die starke Rötung wesentlich gelindert schien, war die gesamte Mannschaft von der Wirkung dieses Mittels überzeugt. Ab diesem Tag nannte Albert seine Erfindung Sonnen-Öl. Alberts Familienname war Leal, und so schrieb er auf die Etiketten seiner kleinen Fläschchen mit Hand - HUILE SOLEILE DE LEAL - (Sonnenöl von Leal). Die Matrosen sagten dann nur noch zu den Fläschchen – De-leal –.

Da dies sich so schnell einbürgerte, schrieb Albert alsbald nur noch Deleal auf die Etiketten. Jacques Haut war braungebrannt und sein Haar blich in der Sonne so sehr, dass es hellblond golden in der Sonne glänzte.

Nach fünf Tagen auf See lag nur noch eine Nacht vor der Humboldt, bevor die Kanarischen Inseln auftauchen sollten. Am nächsten Morgen war die Besatzung schon wesentlich früher als gewohnt auf den Beinen um nach der ersten größeren Insel Ausschau zu halten. Tatsächlich, gegen Sieben Uhr morgens, meldete das Vogelnest mit lautem Glockengeläute und Geschreie,

- Land in Sicht –

Es handelte sich um die nördlichste der Kanaren, nämlich Lanzarote, eine aus mehreren Vulkanen entstandene Insel, an der die Humboldt östlich vorbeifuhr. Zwischen Lanzarote und Fuerteventura ging es in einer Meerenge hindurch auf Süd Kurs, jedoch diesmal westlich der Insel Fuerteventura entlang in Richtung Gran Canaria. Mit einem leichten Kurswechsel nach Südwest steuerte die Humboldt am späten Nachmittag auf den Hafen von Las Palmas zu. Am frühen Abend dieses Tages, lief das Schiff in den Hafen der Hauptstadt dieser Insel ein. Das Anlegen des Schiffes war für die gesamte Mannschaft harte Arbeit, so holte sich Jacques auch diesmal wieder eine Blase an seiner rechten Hand. Trotzdem Alle dicke Lederhandschuhe trugen, waren es die schweren Taue, die durch das Salzwasser und die ständige Reibung solche Verletzungen hervorriefen. Der Rauch der Dampfmaschinen, der kohlrabenschwarz aus den beiden Kaminen qualmte, verdunkelte bald den ganzen Hafen und verwandelte ihn in ein schwarzes Nebelloch. Endlich war das Schiff fest verzurrt und die Landebrücke an den Hafenkai angelegt. Der Grund für das Einlaufen in diesen Hafen war das Bunkern von Kohle. Für zwei bis drei Tage hätte die aus Marseille mitgebrachte Kohle an Bord noch gereicht, doch der nächste größere Hafen auf der Strecke, der dann auch ein Erreichen des Südamerikanischen Kontinents garantierte, lag auf den Kapverde Inseln. Diese waren jedoch wieder fünf bis sechs Tage Fahrt auf hoher See von Gran Canaria entfernt. Es dauerte nicht lange und eine Lore nach der anderen kam, um mit Kohle beladen, der Humboldt Nachschub für den weiteren Weg zu liefern. Mit einem Schwenkkran an Land wurde die Kohle dann auf das Schiff verladen. Dies dauerte normalerweise vier bis fünf Stunden, und so bekam der Rest der Mannschaft bis zwei Uhr morgens Landgang. Die Seeleute hatten mit einem freien Nachmittag nicht gerechnet und waren daher umso freudiger überrascht, als ihnen der erste Maat diese Nachricht überbrachte. Auch Jacques strahlte vor Freude etwas Neues kennen zu lernen und lief so schnell er konnte in seine Kajüte.

Er brauchte nur zehn Minuten, bis er an Land war. Er beeilte sich durch den Hafen hindurch, das Zentrum der Stadt zu erreichen. Die Sonne strahlte noch wunderbar auf die Stadt, als er den Hauptplatz vor sich sah. Hunderte Menschen tummelten sich in den engen Gassen der Stadt. Jacques lief zu dem größten Geschäft am Platz, um den Versuch zu wagen, einige seiner französischen Francs in die Landeswährung zu tauschen. Als er im Geschäft stand, hielt er dem Verkäufer wortlos die zehn Francs hin und deutete mit seinen Fingern in kreisenden Bewegungen dieses Geld doch wechseln zu können. Als der Verkäufer Jacques anblickte und sein Matrosengewand sah, verstand er schnell und gab Jacques zwanzig Peseten zurück. Mit einem kurzen,

- Mercie beaucoup –

verabschiedete sich Jacques und eilte zur Tür. Der Verkäufer antwortete nur kurz

- Gracias y adios –

Jacques hielt erschrocken inne, drehte sich langsam um und blickte ängstlich den Verkäufer an, hatte dieser doch Worte verwendet, die Jacques in seiner Kindheit mit dem alten Pater Joaquin als Geheimsprache, wie die beiden es nannten, wechselten. Jacques hatte mit vier verschiedenen Mönchen, vier verschiedene Geheimsprachen gelernt, in denen er jeweils flüssig Sprechen, Schreiben und Rechnen konnte und die ihn als Kind natürlich sehr faszinierten, da es sich ja um Geheimnisse handelte. Manchmal sprach er im Jux andere Menschen in Aix-en-Provence in einer dieser Geheimsprache an, doch nie hatte ihn irgendjemand verstanden. Die meisten schüttelten immer nur den Kopf und waren überzeugt, dass er besonders kindlich und verrückt war. Jacques überlegte, ob dieser Mann womöglich auch ein alter Freund von Joaquin war, da dieser ja als Wandermönch viel herumkam. So fragte Jacques in der Geheimsprache von Pater Joaquin,

- Kennst Du Joaquin? –

Der Verkäufer blickte Jacques verwundert an und antwortete ebenso verblüfft,

- Joaquin? Ja ich kenne Joaquin, warum fragst Du? –

Jacques war erleichtert und schüttelte dem verdutzten Verkäufer die Hand mit den Worten,

- Richtest du Joaquin schöne Grüße aus, solltest du ihn wiedersehen, ich bin Jacques aus Aix-en-Provence. Ich freue mich so sehr, jemanden zu treffen, der Joaquin auch so gut kennt! Ich danke dir und wünsche dir einen schönen Abend. –

Der Verkäufer schaute Jacques noch lange nach, schüttelte immer wieder den Kopf und wunderte sich welchen Joaquin der Knabe wohl gemeint hatte. Er kannte doch mindestens fünfzehn Joaquins allein hier in Las Palmas.

Während Jacques nun durch die Gassen lief, dachte er zu sich wie klein doch diese Welt war. So weit weg von seiner Heimat traf er gleich einen Freund von Joaquin, seinem alten Mönchsfreund. Jacques stand, nachdem er durch einige Gassen bummelte auf einem kleinen Platz und sah neben sich ein nettes Lokal, vor dem sich sehr viele jugendliche Besucher mit Gläsern in der Hand unterhielten. Jacques ging ganz langsam zu dem Lokal. Er versuchte seine Aufregung nicht zu zeigen, denn eine neue Stadt, so viele unbekannte Dinge und Leute machten ihn ganz ängstlich und nervös. Er wollte alles auf einmal sehen und alles Neue kennenlernen. So stellte er sich mitten in die Menschenmenge und blickte sich neugierig um. Alle hatten hier entweder schwarze oder sehr dunkelbraune Haare. Einige der Mädchen die er hier sah, waren so hübsch anzusehen, dass er nur sehr schwer seine Blicke von ihnen trennen konnte. In seiner Heimat gab es doch schon so viele nette und hübsche Mädchen, doch hier sahen sie viel lebendiger und frecher aus. Ein Kellner stand unverhofft vor ihm und fragte,

- Hola, que queres? –

Jacques schaute den Kellner mit offenem Mund an und brachte kein Wort über seine Lippen, denn der zweite, mit dem er hier redete, konnte seine Geheimsprache. Der Kellner wartete nur kurz, bevor er wieder blitzschnell im Getümmel der Gäste verschwunden war. Jacques war sprachlos, fing aber langsam an, den Leuten um ihn herum zuzuhören. Er verstand jedes Wort, denn alle hier sprachen seine und Joaquins Geheimsprache.

Direkt vor ihm, mit dem Rücken zu ihm gekehrt, stand ein Mädchen mit langen dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren. Sie unterhielt sich gerade mit mehreren anderen Jugendlichen. Jacques sah sie nur von hinten, doch ohne zu überlegen klopfte er ihr auf ihre Schulter. Als sie sich umdrehte, fragte Jacques, ob sie immer in dieser Sprache rede, oder ob sie zu Hause eine andere Sprache verwende. Das Mädchen blickte Jacques in seinem Matrosengewand an und antwortete lächelnd,

- Ja, Spanisch ist meine Muttersprache, doch zu Hause sprechen wir manchmal Portugiesisch, mein Vater ist Portugiese. Woher weißt du das, habe ich einen Akzent? –

Jacques sah erst jetzt vor welcher Schönheit er stand, dieses Mädchen war hübscher als alle anderen. Ja, viel hübscher als alles Weibliche, was Jacques je in seinem Leben zu Gesicht bekommen hatte. Er schaute ihr in ihre wunderschönen Augen, die ihm in einem unbeschreiblich schönen Grün entgegen schimmerten.

- Ich heiße Jacques, ich komme aus Aix-en-Provence in Frankreich, ich bin Seemann! –

stammelte er unbeholfen und total verlegen.

- Freut mich sehr. Ich heiße Isis, ich wohne hier, ich studiere Medizin – antwortete sie genau so kurz und einfach im Satzbau wie Jacques, denn sie dachte dieser Junge vor ihr, könne nur wenige Worte in ihrer Sprache.

- Du sprichst gut Spanisch –

sagte sie um Jacques ein bisschen aufzubauen, da er sehr verlegen wirkte. Sie drehte sich dabei ganz zu ihm um, ein Glas mit dunklem Rotwein in ihrer linken Hand. Jacques fasste all seinen Mut und begann,

- Nun, ich bin völlig fassungslos, ich bin überwältigt von diesem Ort, ich verstehe hier alle Leute, obwohl ich hier nicht wohne und auch noch nie in diesem Land Zeit verbringen durfte, was soll ich dazu sagen? –

Jacques blickte dabei umher, denn er traute sich nicht mehr dieser Grazie ständig in ihre Augen zu blicken.

- Wo hast du denn so gut Spanisch gelernt, du hast überhaupt keinen ausländischen Akzent, und du sagst du warst noch niemals hier? –

erwiderte Isis.

- Also, die Sprache, du nennst sie Spanisch, also die Sprache der Spanier, du sagst also, dass alle Spanier mit diesen Worten sprechen, nun diese Sprache lernte ich bei Joaquin, einem alten Mönch, der mir diese Wörter als Geheimsprache zwischen ihm und mir beigebracht hatte –

gab Jacques stotternd und noch immer etwas nervös von sich. Jacques strich sich etwas verlegen mit seiner rechten Hand durch seine Haare.

- Ja, alle Spanier sprechen Spanisch, natürlich gibt es auch Dialekte, aber so spricht hier jeder, ich muss dir noch einmal sagen, du sprichst ausgezeichnet, deine Wortwahl ist zwar etwas eigen, aber wirklich wahr, sehr gut. Wenn man nicht wüsste, dass du nicht Spanier bist, du bist Franzose, oder? –

- Ja, Franzose, meine Mutter ist allerdings aus der Slowakei. Mein Schiff liegt hier im Hafen um Kohle zu bunkern und so muss ich morgen zeitlich in der Früh wieder weiter, ich bin schon ganz aufgeregt, denn so weit entfernt von meiner Heimat war ich noch nie –

begann Jacques nun etwas schneller und ungehemmter zu plaudern. Nach etwa einer halben Stunde, die beiden plauderten und erzählten sich sehr viel, begann Isis,

- Jacques, es ist jetzt sieben Uhr am Abend, ich muss zum Abendmahl nach Hause, möchtest du mich auf meinem Weg begleiten, so kann ich dir noch etwas von Las Palmas zeigen. –

Jacques war begeistert und stimmte sofort zu. Die Beiden spazierten durch die Stadt in Richtung des Elternhauses von Isis. Sie zeigte ihm den Platz an dem sonst der Fischmarkt war, die älteste Kirche, das Rathaus und die Universität, die sie besuchte. Als Jacques über eine Straße gehen wollte nahm Isis seine Hand und stoppte ihn.

- Halt, wir müssen hier nach links –

sagte sie leise und lies seine Hand nicht mehr los. Jacques wurde ganz kalt, dann heiß und wieder kalt, er fühlte ihre Hand in der seinen und wusste nicht mehr was er sagen sollte. War das alles nur ein Traum oder Wirklichkeit. Jacques klatschte mit seiner rechten Hand in sein Gesicht, wobei er ein kurzes

– Au –

von sich gab, denn das war ja seine verletzte Hand. Isis blickte ihn verwundert an, und Jacques erklärte,

- Ich möchte nur testen ob ich träume oder ob ich wirklich hier mit dir stehe, das Au war nur wegen meiner Hand, die ich mir heute ein bisschen verletzt habe –

Isis lachte laut auf und blickte dann auf seine rechte Hand.

- Komm wir sind gleich da. –

Als die beiden vor dem Haus, in dem Isis wohnte, ankamen, sagte sie nur kurz,

- Warte hier einen Moment bitte –

und lief ins Haus. Es vergingen zwei Minuten, fünf Minuten, zehn Minuten, niemand kam aus dem Haus. Jacques dachte zu sich, wie gerne er doch auf dieses Mädchen warten würde, doch da niemand zu sehen war und er sie ja nur nach Hause begleiten sollte, drehte er sich um und ging wieder den Weg zurück in Richtung Zentrum. Bei der Ecke an der er ihre Hand berührte blieb er stehen und roch an seiner Hand, sie roch noch ein bisschen nach ihr, es war ein wundervoller Geruch, er roch noch einmal an seiner Hand und dachte in Gedanken versunken an sie. Er schloss seine Augen und stand regungslos da. Wieder spürte er eine Hand nach der seinen greifen und glaubte wieder zu träumen. Als er jedoch einen leichten Klaps auf seine Wange bekam, wusste er sofort, sie war wieder da.

- Jacques, ich bat dich ein wenig zu warten, doch du bist gleich wieder davongelaufen. Du träumst nicht, ich bin Realität, ich habe mich kurz umgezogen und wir gehen jetzt zu meiner Cousine. Ich schlafe heute dort. Sie ist nicht da und so muss ich mich um ihre Katze kümmern. Mein Abendessen zu Hause habe ich gestrichen, zum Leid meiner Mutter. Wenn du willst kann ich dir ein paar kleine Brötchen machen, hast du Hunger? Wir nennen das Bocadillo, oder kleiner Biss. -

Jacques war wieder außer sich vor Freude, und nickte mit einer kleinen Träne in seinem Auge. In der Wohnung der Cousine von Isis war die Katze sehr schnell versorgt und auch Jacques war sehr rasch mit den Brötchen fertig. Die beiden setzten sich auf die gemütliche Sitzbank und plauderten weiter. Plötzlich, und völlig unerwartet sagte Isis zu Jacques,

- Gib mir einen Kuss. –

Verlegen blickte er in ihre grünen Augen und sagte ganz, ganz leise, obwohl ihm das sehr schwerfiel,

- Ich habe noch nie geküsst. –

Der Stolz seines Alters und auch der, eines richtigen Seemanns, erlaubten normalerweise keine Blöße, doch dieses himmlische Wesen vor ihm, öffnete sein Herz,

- Ich bin noch Jungfrau, oder sagt man Jungmann? Sei mir nicht böse, aber ich habe keinerlei Erfahrung in diese Richtung. –

Jacques streifte wieder mit seiner rechten Hand durch seine Haare und war froh, ehrlich gewesen zu sein. Isis lächelte und legte ihren Arm um Jacques Schulter. Sie gab ihm zuerst nur einen ganz sanften Kuss auf seine Wange und dann berührte sie ganz zärtlich seine Lippen mit ihren Fingern. Jacques blickte sie fragend an und lächelte,

- So einfach geht das? –

Wieder lächelte Isis und hielt den Finger vor seinen Mund und flüsterte leise,

– Schhhhh –

Jacques verstand und schloss seine Augen. Jacques erlebte seinen ersten Kuss, ganz zärtlich, ganz lieb und süß, es war wie ein Schweben auf Wolken, ein so wunderbar schönes und unbeschreibliches Gefühl, es war schöner als alles was er je vorher erlebt hatte. Isis fragte,

- Wie alt bist du, Jacques. –

Jacques antwortete noch mit dem Gefühl des Kusses auf seinen Lippen,

- Dreiundzwanzig, seit sechs Tagen bin ich Dreiundzwanzig und du? –

Isis sagte ihm, dass sie einundzwanzig Jahre zählte und noch nie einen so lieben Jungen wie ihn getroffen hätte. Die Burschen hier zeigten nur selten Gefühle oder Schwächen, sie mussten immer die starken, stolzen und großen Männer spielen, und dass einer von ihnen zugeben würde, noch nie ein Mädchen geküsst zu haben, unmöglich.

Isis stand auf, ging etwas von der Couch weg und sagte,

- Wie gefalle ich dir, möchtest du nicht herkommen und mich halten und umarmen? –

Jacques war wie gelähmt und konnte sich weder bewegen, noch etwas sagen. Da Jacques wie angewurzelt auf der Bank saß und nur verzückt die wunderschöne und schlanke Isis betrachtete, ging sie auf ihn zu und stellte sich vor ihn. Jacques blickte mit offenem Mund zu ihr hinauf und konnte nichts von sich geben. Isis setzte sich auf seinen Schoß und fing ihn wieder an zu küssen, nahm seine Hand und legte sie auf ihre Brust. Jacques begann langsam und ganz vorsichtig ihre Brüste zu streicheln, was sie zusehends erregte. Sie griff abermals nach seiner Hand und schob diese langsam und vorsichtig sein Zögern spürend tiefer. Jacques war von so viel Gefühl und wunderbaren Eindrücken wie auf tausend weichen Wolken schwebend gebannt und fühlte Dinge, die er bis dato nicht kannte. Auch Isis begann Jacques Körper langsam zu streicheln und zu inspizieren. Die zarte Kurven, die Jacques in seiner Hand spürte, die zärtlichen Küsse von ihr, und immer wieder ihre Aufforderungen auch ihren Körper mit Küssen und Liebkosungen zu verwöhnen, brachten Jacques in einen Zustand, der süßer, schöner und wonniger nicht sein konnte, und der besser war, als er sich dies von Erzählungen hätte je träumen lassen. Isis zog Jacques zu sich, drückte ihren Körper ganz fest an den seinen, um ihn so noch näher und begehrender zu spüren. Bei Jacques regten sich Gefühle, die er noch nie zuvor verspürte. Es war für ihn wie der Himmel auf Erden. Isis forderte Jacques auf, ihre Bluse zu öffnen und führte seine Küsse von ihren Lippen über den Hals zu ihren Brüsten, die für ihn wie die schönsten und wohlgeformtesten Hügel, in elfenbeinfarbener Pracht mit den Knospen der Wollust zu erobern waren. Er küsste sie so zärtlich, aber doch mit so viel Begierde, dass Isis ihren Kopf nach hinten fallen ließ und mit den Tönen der Lust diese Erregungen genoss. Dabei hielt er ihren Körper mit beiden Händen an ihren Hüften und Isis forderte mit unmissverständlichen Bewegungen, Jacques Küsse weiter auszudehnen. Beide streichelten sich gegenseitig, so voll Lust und Gier, dass sie sich beide wie ein Ganzes fühlten. Zum ersten Mal in Jacques Leben spürte er wie alles in ihm zu kochen begann und er wie gelähmt die wunderschönsten Gefühle verspürte. Er genoss diesen Moment derart, dass er beinah die Schiffspfeife überhörte. Er flüsterte zögernd,

- Isis, das ist mein Zeichen, ich muss zurück zum Schiff. Mein Herz möchte lieber hier bei dir bleiben. Du bist so schön, so zärtlich und du bist all dies auf dieser Welt für mich, welches man mit den Begriffen, Wunderbar, Zauberhaft, Umwerfend, Überirdisch, Begehrenswert, Unendlich, Göttlich beschreiben kann. Ich danke dir für alles, was ich mit dir erfahren durfte, und ich bin glücklich nicht mehr Jungfrau zu sein. Das Wort Begierde ist neu in meinen Kopf eingedrungen, und ich verbinde es jetzt nur mehr mit dem Namen Isis. Oh, mein Herz schlägt nur mehr für dich! –

Isis gab Jacques einen zärtlichen Kuss auf seine Stirn und sagte mit der lieblichsten Stimme,

- Oh Jacques, du bist so lieb, ehrlich und offen. Ich begehre dich und würde auch gerne an Deiner Seite bleiben, doch ich muss dich enttäuschen, du bist noch immer Jungfrau, denn wir haben uns nicht körperlich geliebt, das wäre noch einen Schritt weiter gegangen. Ich weiß jedoch nicht, ob wir uns jemals wiedersehen werden, und so kann und will ich das Intimste zwischen Mann und Frau nicht mit dir teilen, ich hätte dies wirklich gerne mit dir erlebt, traue mich aber nicht. Es schmerzt mich, dass du jetzt von mir musst. Ich werde diesen Abend bestimmt niemals vergessen. –

- Oh Isis, deine Worte rühmen mich und nähren das Feuer in meinem Herzen, ab diesem Tage bist du in meinem Herzen und wirst dort für immer verweilen. Es wird zwar für mich wie eine Ewigkeit erscheinen, doch werde ich bei unserer Rückkehr alles versuchen dich hier wieder zu sehen. Ich kann es jetzt schon kaum mehr erwarten. Ich fühle so viel, wofür ich noch keine Worte kenne! –

Jacques gab Isis noch einen zärtlichen Kuss, worauf sie mit Tränen in den Augen sehr, sehr leise erwiderte,

- Ich bin nicht sicher ob du mich je wiederfinden wirst. –

Jacques war verwundert und erschrocken über diese letzten Worte und nahm Isis in seine Arme. Sie umarmten sich innigst, bis Jacques nach einem langen und heftigen Abschiedskuss hinunter zum Hafen eilte.

An Bord verschwand er sofort in seiner Hängematte und versuchte zu schlafen. Kein Auge konnte er schließen, keine Ruhe fand sein Kopf. Er dachte unaufhörlich an Isis, ihre tolle Art, ihr Wissen, ihren Körper, ihre Hände, ihre Augen und an all die erotischen Gefühle, die er mit ihr kennengelernt hatte. Noch immer war er erregt, konnte sich ein Mehr an Lust einfach nicht mehr vorstellen.

Als am Morgen die Mannschaft zum Ablegen und Auslaufen gerufen wurde, beeilte sich Jacques an Deck zu kommen, ein letzter Blick auf Las Palmas. Alle Leinen waren eingeholt und seine Aufgabe damit beendet. Jacques war frei um auf das Vorderdeck zu laufen und zum Kai zu blicken. Einige Hafenarbeiter beobachteten das Ablegen, und auf der Hafenmauer erblickte er alsbald ein Mädchen mit dunklen Haaren, die oben auf der Mauer saß und zum Schiff blickte. Sofort schlug sein Herz höher. Er begann zu winken, ganz wild, in der Hoffnung es könnte sich um seine neu gewonnene Liebe Isis handeln. Doch das Mädchen rührte sich nicht, sie senkte ihren Kopf. Jacques kamen Tränen in die Augen, denn seine Gefühle waren bei ihr, und nicht am Schiff, was sollte er denn nur tun. Jacques fuhr sich wieder mit seiner rechten Hand durch seine Haare. Erst als das Schiff langsam Fahrt aufnahm und zur Hafenausfahrt steuerte, sah Jacques, dass das Mädchen auf der Mauer einmal zum Abschied grüßte. Es war doch Isis, die offensichtlich auch nicht schlafen konnte und in wehmütiger Sehnsucht nach diesem braungebrannten, blonden Jungen aus der Ferne, in Tränen aufgelöst, schwelgte.

Es war sehr kalt an diesem Morgen und die Luft war glasklar. Der Blick auf die benachbarte Insel Tenerife, mit dem schneebedeckten Teide, dem höchsten Berg Spaniens, bot ein Bild wie aus den schönsten Träumen. Es war für Jacques, als ob er das Paradies verlassen musste. So saß Jacques am Schiffsrand und blickte traurig, in seinen Gedanken verloren mit einer für ihn bis dahin unbekannten Sehnsucht in das dunkle Meer, welches still und rein unter dem Schiff vorbeizog. Nachdem die Südspitze Teneriffas erreicht war, erwachte Jacques plötzlich aus seinem Tagtraum, es herrschte wilde Aufregung an Bord, alle liefen wild schreiend und gestikulierend zum Bug des Schiffes. Jacques wollte gerade aufspringen, als er direkt vor seinen Augen im Wasser einen riesigen Fisch auftauchen sah. Nein so groß konnte kein Fisch sein, nein es konnte auch keine noch so große Art von Hai sein, es musste; ja wirklich, es war ein echter; daher die ganze Aufregung, es war ein Wal.

- Da vorne noch einer! Nein es sind zwei, da, noch und noch, eine ganze Herde von Walen –

schrie einer der Matrosen. Die Maschinen des Schiffes wurden sofort gestoppt, und leise glitt der Dampfer an den Walen vorbei, so lautlos, dass jeder an Bord das Schnauben und Blasen der Wale hören konnte. Jacques war von dieser seltenen Erscheinung auf den Meeren so sehr gerührt, dass ihm unzählige Tränen über die Wangen flossen.

- Seht nur wie wunderschön, wie elegant, es ist wie, wenn, ich glaube, wenn Könige vor ihrem Volk erscheinen –

murmelte Jacques. Die gesamte Mannschaft starrte noch eine ganze Weile auf die Walherde, bevor die Maschinen wieder auf Touren gebracht wurden und mehr und mehr Fahrt aufgenommen wurde.

Es ging zwischen der Insel La Gomerra und Hierro hindurch auf direkten Kurs zu den Kapverdischen Inseln. Es lagen fünfeinhalb Tage auf hoher See vor ihnen.

Die Sonne brannte wieder unerbittlich auf das Schiff und alsbald kehrte der Arbeitsalltag wieder für jeden der Mannschaft auf dem Schiff zurück. So waren wieder die verschiedenen Wachen zu besetzen, für die einzelnen Aufgaben die Mannschaften bereitzustellen und einige der Matrosen keuchten gegen Abend wieder vor Schmerzen, denn die Sonne wurde gegen Süden immer intensiver. Drei der Matrosen hatten sich an diesem Tage einen starken Sonnenbrand geholt und wurden wieder mit dem Wundermittel des Kochs Albert Leal versorgt.

In diesen fünf Tagen begegneten sie keinem einzigen Schiff, denn nur mehr sehr wenige verkehrten südlich der Kanaren. Ohne einen einzigen Kurswechsel steuerten sie in Richtung der Kapverdischen Inseln. Der Hafen den sie ansteuerten hieß Praia, die größte Stadt der Inseln.

Am Abend des dritten Tages auf hoher See war Jacques wieder zur Wache eingeteilt, pünktlich versammelten sich die dafür eingeteilten in der Messe. Wie erwartet gab es keine besonderen Aufgaben, nur Jacques musste vortreten und bekam den Befehl, sich innerhalb der nächsten halben Stunde auf der Brücke beim Steuermann einzufinden. Was konnte dies bloß für ihn bedeuten, dachte Jacques bei sich als er sich auf den Weg zum Kommandostand des Schiffes machte. Etwas zaghaft klopfte er an der Holztür und wartete.

– Herein –

grölte der Steuermann mit einer ziemlich grimmigen Stimme.

- Ach du bist es kleiner, ja komm her. Du wirst es nicht glauben, aber du sollst ein wenig das Schiff steuern, der Alte will das so. Ich soll aufpassen, dass du keine Dummheiten machst. Ich glaube der Alte mag dich, Bürschchen. –

- Wer ist der Alte? –

fragte Jacques etwas naiv.

- Na der Kapitän, du Dummerchen. –

erwiderte der Steuermann. So durfte Jacques zum ersten Mal das Steuer halten und musste darauf achten, dass der Kurs genau gehalten wurde. Nach etwa einer halben Stunde, es war bereits finstere Nacht draußen auf dem Meer, ging es daran die momentane Position des Schiffes zu bestimmen. Mit dem Sextanten musste Jacques den Nordstern fixieren und dann mit einer weiteren Messung bestätigen. Dieser Wert musste nun in einer Tabelle eingetragen werden. Danach gingen die beiden wieder nach draußen um eine bestimmte Sternengruppe im Westen und Osten zu suchen, diese ebenfalls mit dem Sextanten zu bestimmen und die Werte in der Tabelle darunter zu vervollständigen. Daraus konnte man dann mit Hilfe eines Buches, in dem man in der für das entsprechende Datum verbindlichen Liste die gefundenen Werte verglich, die exakte Position als Koordinaten feststellen. Es war allerdings auch möglich die gemessenen Werte direkt auf die Seekarte als Standlinien einzuzeichnen und so ebenfalls die momentane Position zu bestimmen. Die zweite Methode war schneller aber etwas ungenauer. So verglichen Jacques und der Steuermann die beiden gefundenen Werte und waren mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden, denn auf der Seekarte stimmten diese beiden genau überein. Umso besser, als sie auf dem, vom Kapitän eingezeichneten Kurs lagen. Diese Seekarte zeigte die gesamte Strecke von den Kanaren bis zu den Kapverden. Jacques betrachtete die Karte und strich mit seinen Fingern wehmütig über die Insel Gran Canaria, als könnte er so Isis etwas Zärtlichkeit zukommen lassen. Der Steuermann machte sich wieder auf, um nach dem Steuer zu sehen und den vorliegenden Kurs auf dem großen Kompass zu kontrollieren.

- Alles in Ordnung, du kannst ja noch ein wenig die Karten bewundern, wenn Du willst! –

rief der Steuermann. So verging die Nachtwache für Jacques wie im Fluge, denn noch zweimal wiederholte sich die Prozedur der Positionskontrolle. Als seine Schicht zu Ende war, wollte Jacques fast nicht zurück zu seiner Schlafstelle, so aufgeregt und stolz fühlte er sich. In seiner Matte dachte er noch lange über die Bestimmungen, Bücher und Karten nach, bevor er endlich einschlief.

Nach fünf Tagen und acht Stunden ertönte wieder der Ruf eines Matrosen,

- Land in Sicht! -

Hier in Praia, der Hauptstadt der Kapverdischen Inseln wurde ein kleiner Teil der Ladung gelichtet, also ausgeladen, es handelte sich dabei um dreißig Fahrräder und zwei Dieselaggregate. Während des Entladens wurde wieder Kohle nachgebunkert. Keiner der Mannschaft bekam für diese sechs Stunden Aufenthalt im Hafen, Landgang. Nur der Koch Albert bemühte sich zum Markt, der unweit des Hafens gelegen war, um etwas Nachschub für seine Küche zu besorgen.

Jacques half diesmal sehr fleißig beim Entladen der Fracht, vor allem die schweren Dieselaggregate waren sehr kompliziert zu behandeln. Nach etwa einer Stunde kehrte der Koch zurück an Bord. Er wurde von einigen Einheimischen begleitet, die ihm beim Transport seiner Lebensmittel halfen.

Seit dem Anlegen wurde Kohle gebunkert. Die Kohlenkammern waren bald voll und so wurden noch extra Kisten mit zusätzlicher Kohle aufs Schiff gebracht. Alle möglichen und unmöglichen Stellen des Schiffes wurden zum Verstauen des Brennstoffes verwendet. Das Überqueren des atlantischen Ozeans lag vor Ihnen. Ein schrilles Pfeifen riss alle Matrosen aus ihrer Arbeit. Es war das Signal an die Mannschaft, dass der Kapitän das Schiff verlassen oder wieder an Bord kommen würde. So blickte auch Jacques auf, gerade damit beschäftigt eine große, mit der übelriechenden, braunen Kohle gefüllte, hölzerne Kiste an der vorderen Seitenstiege zu befestigen. Der Kapitän, gefolgt von einem Offizier ging an Land und marschierte langsam zur Hafenbehörde. Jacques fragte den ersten Maat, der neben ihm an der Reling lehnte, was denn jetzt vor sich ginge. Der Maat drehte sich zu Jacques, blickte ihm direkt in seine blauen Augen und blieb ohne eine Miene zu verziehen stumm. Erst nach zwei oder drei Minuten, in denen er zu überlegen schien, begann er.

- Ich glaube du bist meinem Rat gefolgt, gut, gut. Ich sehe du kannst mich ein wenig verstehen. Sieh her, hm, der Umgang mit dem alten Kapitän ist nicht einfach, doch, ………..nun gut zu deiner Frage. Ich hörte, dass wir hier vielleicht ein wenig warten müssen. Das Wetter oder so, weißt du, schlechtes Wetter könnte die Überquerung des Atlantiks für uns verschieben. Ich glaube er holt jetzt mehr Informationen. -

Jacques verstand und erwiderte,

- Der Kapitän holt mehr Informationen von der Hafenbehörde, welche sich mit anderen Schiffen über Morse-Telegraphie unterhalten kann. So können wir erfahren wie das Wetter sein wird und dies ermöglicht uns danach eine möglichst unbeschwerte Fahrt. Ich habe ein paar Mal beim Funkraum zugesehen wie man die einzelnen Worte in Buchstaben zerlegt und für jeden Buchstaben einen Code übermittelt. Sollte es da draußen schlechtes Wetter geben, so erfährt der Kapitän dies und wir warten auf Besserung. –

Der Maat drehte sich langsam um und schloss die Unterhaltung mit kurzen, leisen Worten,

- So sollte es sein, doch so wird es nicht sein. –

Jacques setzte seine Arbeit, die großen Kisten mit der Kohle zu verstauen, fort. Als der Koch die Gruppe der Einheimischen wieder von Bord begleitete, lief Jacques zu ihnen und fragte auf Französisch, seiner Muttersprache, warum denn so viele Menschen hier am Hafen mit allen möglichen Gepäckstücken eintrafen. Es wurden immer mehr und mehr, die mit Karren und Wagen zur Mole kamen und ihre Sachen abluden. Während ihn die Einheimischen mit großen fragenden Augen anlächelten und langsam das Schiff verließen, wandte sich der Koch an Jacques, - Schau Jacques, hier wird dich keiner verstehen, diese Leute hier sprechen nicht unsere Sprache, hier auf diesen Inseln spricht man Portugiesisch. Ich habe in meiner Küche ein Wörterbuch für alle Speisen und Lebensmittel, welches mir die französischen Namen in vier andere Sprachen übersetzt. Kommen wir zu einem Hafen, in dem ich einkaufen soll, so schreibe ich eine Liste mit den Lebensmittel die wir benötigen. Ich kann dies also außer in unserer Sprache auch in Englisch, Italienisch, Portugiesisch und Spanisch aufschreiben oder besser gesagt, abschreiben. Toll so ein Buch, nicht wahr? –

Jacques nickte beiläufig und lief die Brücke hinunter zu den Männern, die sich gerade auf den Weg zurück zum Markt machen wollten. Jacques hielt einen der Männer auf und sagte,

- Portugiesisch –

Er machte den Mund auf und zu, fuchtelte mit den Händen um den Männern zu bedeuten doch etwas zu sagen. Die sehr wortkarg wirkenden Männer mussten lachen und einer von ihnen klopfte Jacques auf die Schulter und sagte auf Portugiesisch,

- Junge, Junge, du bist sehr lustig, aber wir wissen nicht was Du von uns willst. –

Es war die Geheimsprache die Jacques mit dem geistlichen Freund seiner Eltern, den alle nur Trolli nannten, gelernt hatte. Jacques wollte es genauer wissen und sagte die Worte, die Trolli am Abend vor jeder Brotzeit zitierte,

- Seht her meine Brüder, der Tag geht zur Neige und so sollten wir nach einem Platz für unsre müden Häupter suchen, dem Körper geben was er braucht, Speis, Trank und einen gesunden, langen Schlaf. –

Jeder der Männer verzog sein Gesicht und der Älteste erwiderte,

- Für wahr, mein Junge, du sprichst weise Worte, doch passen sie nicht zu einem Seemann, und schon gar nicht zu einem so jungen. Verstehst du mich, oder hast du diese Worte nur irgendwo aufgeschnappt? –

Jacques lächelte verlegen und fuhr fort,

- Nein, diese Worte sind die Worte eines alten Freundes meiner Familie, aber ich muss zugeben, dass ich bis heute nicht wusste, dass ich auch Portugiesisch sprechen kann –

- Mein junger fremder Knabe, es ist uns eine Freude dir beim Sprechen zuzuhören, dein Portugiesisch ist exzellent, sehr gut und ohne jeden ausländischen Einfluss. Dein Lehrer muss sehr viel Zeit in dich investiert haben. –

- Ich wollte eigentlich nur wissen, warum so viele Leute hier zum Hafen kommen, so viele Dinge mit sich schleppen, und hier offensichtlich alles abladen? -

- Morgen kommt ein Passagierschiff aus Europa, die „La Grande Belle“, wir haben gehört, dass sie ein tolles Schiff sein soll, sie wird hier viele Leute aufnehmen und dann so wie ihr, nach Recife in Brasilien weiterfahren. Nachdem der Krieg zu Ende ist, die Schiffe nicht mehr mit Dampf fahren und hier ein Halt für Frachter nicht mehr notwendig ist, haben viele Einwohner beschlossen die Inseln zu verlassen und Ihr Glück in Südamerika, Nordamerika oder in Europa zu suchen. Es wird hier immer weniger Arbeit geben, so ist es nur gut, wenn die Zahl der Einwohner hier sinkt. Ich wünsche dir alles Gute, bleib so wie du bist, Junge –

Der alte Mann drehte sich um und ging. Jeder einzelne der anderen Männer schüttelte dem verdutzt wirkenden Jacques die Hand und ging. Jacques lief zurück zum Schiff, auf dem der Koch schon auf ihn wartete.

- Was ist los mit dir, wie und was hast du gesagt, haben sie dich verstanden, warum haben sie gelacht, oh Junge ich mache mir manchmal Sorgen um dich. –

Jacques schüttelte nur den Kopf und verschwand im Inneren des Schiffes. Jacques dachte zu sich, dass die „La Grande Belle“ doch auch von Marseille, jedoch einige Tage später ausgelaufen war, und hier auf dieser Insel wurden sie bereits eingeholt, wie schnell diese neuen Schiffe doch fuhren. Nachdem der Einheimische ihm doch sagte, dass das Passagierschiff auch den gleichen Hafen in Südamerika ansteuern würde, so musste es doch den gleichen Kurs zur Überquerung des Atlantiks wählen. Jacques mahlte sich schon in Gedanken aus, wie dieses grandiose neue Schiff auf hoher See an ihnen vorbeiziehen würde. Er würde an der Reling stehen und winken, es würde einfach toll aussehen. Seine Gedanken schweiften zurück zu der Begegnung mit den Einheimischen. Portugiesisch, das war doch die Sprache, die Isis von Ihrem Vater gelernt hatte? Ein großes, breites Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht, sollte er je vor ihrem Vater stehen, so könnte er sich in der Muttersprache ihres Familienoberhauptes verständigen. Plötzlich kam ihm wieder das Buch des Kochs in den Sinn. Er wollte sofort zu ihm, um sich mit dem Buch zu vergewissern, ob er die verschiedenen Wörter genauso kannte, wie es das Buch vorgab. Keuchend vor Aufregung und Eile stürzte Jacques in die Küche.

- Wo ist das Buch, wo ist das Buch –

sprudelte Jacques in Richtung des Kochs.

- Ich wusste doch, dass ich stolz auf mein Buch sein kann –

entgegnete Albert.

- Hier, schau her. Bitte sei vorsichtig damit. Siehst du, hier sind die Wörter auf Französisch, und dann jeweils bei der entsprechenden Sprache, sieh nur hier die Spalten, darunter die Übersetzung in der Sprache die ich brauche. –

Jacques konnte es kaum erwarten einen Blick in das sehr dicke Buch zu werfen;

- Bitte, darf ich auch schauen –

Er öffnete ganz vorsichtig das Buch und blätterte etwas. Oben links stand groß der Buchstabe P.

- Alle Wörter mit P, findest du hier –

erklärte Albert.

- Sieh zum Beispiel das Wort „Pour“. In der Spalte Englisch steht „For“, in der nächsten Spalte für Italienisch steht „Per“, dann hier für Portugiesisch „Par“, und daneben für Spanisch „Para“. Ist das nicht einfach überwältigend? –

erläuterte Albert ganz stolz. Jacques saß mit offenem Mund vor dem Buch und blätterte hastig vor und zurück. Albert mit stolzer Brust wendete plötzlich ein,

- Oh, was bin ich dumm, kannst du denn überhaupt lesen, du blickst so entgeistert auf die Seiten? –

Jacques blickte auf, überlegte kurz, und erwiderte,

- Ein wenig schon, vielleicht kann ich mit dem Buch üben, was sagst du dazu? –

Damit wollte er sich erstens ein wenig schützen, denn seitdem der erste Maat ihn warnte und die Fragen des Kapitäns ihn über Ehrlichkeit zweifeln ließen, war er viel vorsichtiger geworden, und zweitens die Möglichkeit zu bekommen, in Zukunft vielleicht öfter in dieses tolle Buch schauen zu können. Doch leider war der Koch viel zu stolz auf sein Buch und kommentierte seine Abweisung,

- Nein, nein mein Junge, das geht nicht, man darf dieses wunderbare Buch nicht zu viel benützen, sonst wird es noch beschädigt, ich brauche es doch für meine Arbeit, und dies noch viele Jahre lang. –

Etwas entmutigt aber doch nicht erstaunt gab sich Jacques mit dieser Entscheidung zufrieden und blätterte noch ein wenig im Buch, wobei er Unwissenheit und Unbeholfenheit vortäuschte, jedoch sehr genau einzelne Worte mit den Übersetzungen in Augenschein nahm. Als er merkte, dass der Koch zunehmend ungeduldiger wurde, klappte er das Buch zu und sagte gelangweilt, aber zweideutig

- Wie schön für Menschen die mehr vom Leben haben. –

bedankte sich höflichst und ging wieder an Deck.

Das Verladen war abgeschlossen und das Schiff so voll mit Kohle, dass kein noch so kleines Plätzchen mehr frei war um sich verstecken zu können. Die ganze Mannschaft außer des Kapitäns und dem ihn begleitenden Offizier war an Bord. Die Sonne war am Horizont schon ziemlich tief gesunken und die Abenddämmerung hatte den Hafen in eine stimmungsvolle Szenerie voll sprudelnden Lebens verzaubert. Jacques staunte, denn noch immer kamen Menschen mit Frachtstücken, Koffern, Paketen und Säcken zur Mole, um offensichtlich auf den nächsten Tag und ihre Reise zu warten.

Das gleiche schrille Pfeifen wie vorerst verkündete die Rückkehr des Kapitäns, der schnellen Schrittes die Brücke hoch direkt auf die Kommandobrücke verschwand. Nur Augenblicke später ertönte die Schiffssirene und ein Gewirr an Kommandos war von allen Teilen des Schiffes zu vernehmen. Hastig liefen Matrosen, Offiziere und andere Mannschaftsangehörige auf und ab, wer nicht genau wusste was geschah, der stand nur ungläubig und verdutzt herum, bis nach einigem hin und her allen klar war, dass das Schiff auslief. Es war allen an Bord bewusst, dass dieses plötzliche Auslaufen zu schnell ging, irgendetwas konnte nicht stimmen, doch war wie jedes Mal bei diesen Manövern jeder an seinem Platz und hatte alle Hände voll zu tun. Schwarz verhangen von dem Dampf, den das Schiff aus seinen Schornsteinen jagte, verschwand der Hafen hinter Ihnen. Nicht einmal das schon zur Tradition gewordene schrille Blasen der Schiffspfeife war zu vernehmen, so beschäftigt schienen die Offiziere und der Kapitän an Bord. Einige der Matrosen blickten ein wenig besorgt zur Brücke, manche bekreuzigten sich und jeder vertiefte sich in seine Arbeit, denn es gab kaum einen Matrosen oder Seemann der nicht mehr oder minder abergläubisch war.

Nach etwa zwei Stunden Fahrt verschwanden die Inseln langsam am Horizont.

Ein wunderschöner Sonnenuntergang in allen Farben von hellem Gelb bis zu dunkelstem Rot fast schon Lila, verzauberte und entschädigte die ganze Mannschaft. Dort, wo die Sonne vor Ihnen im Meer verschwand, lagen etwa zehn Tage Wasser und sonst nichts. Beim Abendbrot war das einzige Thema die übereilte Abfahrt, so wurden Gerüchte, Thesen und Spekulationen gehandelt, diskutiert und gestritten. Jeder hatte seine eigene Theorie und bis spät in die Nacht gab es Geschichten von der oder dieser Fahrt und den Folgen zu hören.

Am nächsten Morgen brach wieder ein wunderbarer Tag mit Sonnenschein und ruhiger See an, sodass all die Sorgen und Gespräche des Vorabends vergessen schienen. Die am ganzen Deck verteilten Vorräte an Kohle verwandelten das alte, aber doch recht elegant wirkende Schiff, in einen unansehnlichen, schmutzigen und stinkenden Dreckhaufen. An wirklich allen möglichen und unmöglichen Stellen war die Braunkohle, die von der Nähe immer nach Urin stank, gelagert. Der Kohlenstaub, der von der auf See ständig wehenden Brise gleichmäßig über das ganze Schiff verteilt wurde, kroch langsam durch die feinsten Schlitze in den Türen und Fenstern. Die gesamte Mannschaft begann langsam Ihren unentwegten Versuch, Sauberkeit am Schiff zu behalten, aufzugeben. Die Schiffsjungen knieten von früh bis spät auf Deck und schrubbten und schrubbten. Sobald sie an einem Ende des Schiffes angekommen waren, konnten sie schon wieder von vorne beginnen. Das Wetter war zwar wundervoll, doch kein einziger an Bord konnte die Sonne genießen. Jeder fühlte sich einfach nur schmutzig. Jacques hatte sich gleich nach wenigen Minuten des Schrubbens seiner Kleider entledigt und diese in seiner Schlafmatte sicher verstaut. Nur in seiner kurzen Hose, seine Muschel um den Hals, war er an Deck und fluchte mit den anderen Schiffsjungen über diese sinnlose Tätigkeit. Gegen Abend verschwand langsam die Kohle, die an Deck gelagert wurde, da man sie zum Befeuern der Kessel brauchte. Die Kohlenkammern unter Deck blieben so möglichst lange voll. So war am zweiten Tag auf hoher See, gegen Mittag die letzte Kiste nach unten gebracht, und die Reinigung begann langsam Wirkung zu zeigen. Gegen Nachmittag war das Schiff äußerlich wieder sauber, die Schiffsjungen total erschöpft und die Mannschaft erleichtert. Von Westen her zogen langsam, einige wenige Wolken auf, doch waren diese nicht im Geringsten beunruhigend, da sie sehr hoch und nicht als geschlossene Wolkendecke ausgebildet waren. Im Volksmund sagte man auch „Schönwetterwolken“ dazu. Jacques stand an der Reling und blickte nach Südwesten. Vor Ihnen lag noch so viel Wasser, ehe sie Südamerika erreichen würden. Seine Gedanken schweiften wieder zurück. In den vom Schiff erzeugten Wellen glaubte er seinen Traum wieder zu sehen, er konnte in seiner Phantasie Isis ganz deutlich erkennen, Ihre wunderbaren und faszinierenden grünen Augen, Ihre schwarzen langen Haare, Ihr Lächeln. Es wurde ihm ganz warm ums Herz und seine Sehnsucht nach ihr wuchs und wuchs. Wo sie jetzt wohl war, was sie machte, was sie gerade dachte, dachte sie vielleicht auch an ihn oder hatte sie ihn schon wieder vergessen? Jacques begann zu zweifeln, ob sie solche Abenteuer auch mit anderen Jungen hatte? Aber hatte sie nicht gesagt, dass er etwas Besonderes war, dass sie sich auch in ihn verliebt hatte, waren Mädchen anders, oder sagte sie all diese Dinge nur, um ihn nicht zu enttäuschen? Nein, Jacques war sich sicher, dies waren sein Herz und seine Seele, wie auch immer sie dachte, er konnte nicht glauben, dass sie ihn belogen oder getäuscht hatte.

Es wurde langsam dunkel und der zweite Tag auf hoher See ging zur Neige. Von der harten Arbeit dieses langen Tages waren die meisten an Bord schier erledigt und fielen wie schwere Sandsäcke in Ihre Schlafmatten.

Jacques erwachte, weil er plötzlich aus seiner Matte fiel. Als er sich aufraffte um wieder in sein Bett zu steigen wurde er von einem starken Ruck zurück auf den Boden geschleudert. Verdutzt saß er da und merkte, dass das Schiff sehr stark hin und her schwankte. Nicht besser erging es den anderen Matrosen und Schiffsjungen die in diesem Schlafraum lagen, die meisten waren im Schlaf überrascht worden und versuchten sich am Boden oder an den Streben der Betten festzuhalten. Robert, einer der älteren Matrosen schrie aufgeregt,

- So plötzlich kommt kein normaler Sturm, wir sollten hinauf, schauen was da draußen los ist, wer kommt mit mir? –

Fast alle zogen sich hastig ihre Hosen an, schlüpften in Ihre Hemden und liefen die Treppen hinauf zur nächstgelegenen Tür nach außen. Sie war zu, doch konnte man draußen das Getöse und die Gischt die aufs Schiff niederstürzte hören und spüren. Gleich nebenan war die Küche und von dort gelangte man in die Mette, den Speisesaal der Offiziere. Die Mette war ein großer Raum mit vielen starken Fenstern. Nachdem der Raum über die gesamte Schiffsbreite reichte, konnte man einen guten Eindruck vom Wetter bekommen. Auf beiden Seiten des Schiffes türmten sich sehr hohe Wellen, immer wieder stampfte das Schiff gegen eine dieser haushohen Gebirge aus Wasser. Es war noch dunkel aber die Beleuchtung des Schiffes reichte aus, um die Gischt und die Wellen in der Umgebung des Schiffes zu erkennen. Es war nicht leicht Halt zu finden, denn immer wieder gab es einen kräftigen Ruck, wenn das Schiff in einen Wellenberg fuhr. Die Stimmung im Saal war nicht schwer zu beschreiben, alle hatten das gleiche mulmige Kribbeln im Bauch, das wohl jeden bei hoher See befiel. Keiner konnte mehr, oder dachte auch nicht mehr daran, zurück in seine Schlafmatte zu gehen. Gespannt, der tobenden Natur und von Neugier benommen, hangen alle an den Fenstern und starrten in die stürmische Nacht.

- Die Schiffsglocke läutet schon zum dritten Mal –

sagte einer der Matrosen,

- Normalerweise bedeutet das, dass die Wache gewechselt wird. Es ist doch noch zu früh, es ist noch finster draußen. Weiß einer wie spät es ist? Der Wachwechsel findet in der Früh um Sieben statt? –

In der Mitte der Mette hang über dem Wandschrank eine große Uhr. Fast gleichzeitig blickten alle auf. In der Tat es war schon sieben Uhr in der Früh, doch noch immer finster. Tags davor war die Sonne um 6 Uhr 30 aufgegangen.

Schon ging die Tür in die Mette auf und die ersten Wachhabenden torkelten ob der hohen See herein. Überrascht so viele Männer in dem Raum anzutreffen begann ein wildes hin und her an Fragen und Antworten. Da kamen auch schon der bis dahin wachhabende Offizier und die ersten Männer seiner Wache, die bis dahin draußen ihre Arbeit verrichten mussten. Alle waren bis auf die Haut nass und fluchten was das Zeug hielt. Der Offizier fluchte zu einem der Steuermänner, der durch den Wellengang aufgeweckt und mit Jacques aus Neugier heraufgelaufen war.

- Er hat es gewusst, dieser Bastard hat es gewusst, ich bin mir sicher, aber er hat uns alle dumm sterben lassen. Dieser verfluchte, alte Hurensohn, was soll das denn werden. Er will sich nur in seinem Stolz beweisen. Glaubt, er kann schneller sein als die heutigen Schiffe, er ist verrückt! –

- Du meinst er will nur vor dem Passagierschiff in Brasilien sein, und deswegen geht er dieses Risiko ein? –

erwiderte der Steuermann mit fragender Stimme.

- Genau, es ist ihm egal ob sicher oder unsicher, er will es denen nur zeigen, dieser alte Narr. Dieses ist seine letzte Fahrt, das sage ich dir! - Bald war die neue Wache vollzählig in der Mette und der ab nun diensthabende Offizier unterhielt sich längere Zeit aufgeregt mit seinem aufgebrachten Kollegen, wohl ging es um die gleichen Fakten oder Vermutungen wie eben vorher. Unwillig und mürrisch gingen nun alle an ihre Arbeit. Die anderen, die durch das Wetter aufgescheucht waren, blickten noch immer nach draußen. Es wurde nur unmerklich heller, ein Zeichen, dass es sich um ein sehr großflächiges und voluminöses Schlechtwetter handelte. Die Wolken waren so groß und dick, dass fast kein Licht bis auf den Boden durchdringen konnte. Es war mühsam zu Duschen oder irgendeine andere Tätigkeit auszuführen, da die schwere See mit dem Schiff einfach machte was sie wollte. Jacques versuchte in den Waschraum zu gelangen um sich seine Zähne zu putzen und zu duschen. Es dauerte fast dreimal so lange wie gewohnt, denn mindestens eine Hand war immer von Nöten um sich halbwegs Halt zu verschaffen. Während er unter der Dusche stand, beziehungsweise sich an den Wasserhahn festklammerte, rutsche ihm immer wieder seine Kernseife aus der freien Hand. Kurz die Hand vom Wasserhahn und er landete wieder am Boden. Jacques musste langsam zu lachen anfangen, denn er kam sich so tollpatschig vor. Er musste immer lauter lachen.

Da es den anderen unter der Dusche nicht besser erging, stimmten diese alsbald in sein Gelächter ein, was dazu führte, dass es noch schwieriger wurde Halt zu finden. Fast übermütig und wie kleine Kinder ließen sich einige absichtlich durch die abrupten und starken Bewegungen des Schiffes aus dem Gleichgewicht bringen. So rutschten einige am Rücken liegend von einem Ende des Waschraumes zum anderen und johlten vor Vergnügen. Wenn sich das Schiff in ein größeres Wellental neigte, so glaubte man sich fast schwerelos, ging es wieder bergauf, glaubte man doppelt so schwer zu sein.

Der große Raum, in dem die Mannschaft ihr Frühstück zu sich nahm war indessen voll. Außer Brot und dicker Scheiben Wurst gab es nichts. Über Lautsprecher gab der Koch immer wieder die Auskunft, dass es aufgrund der vorherrschenden Verhältnisse der Küche unmöglich war irgendetwas zu kochen. Kein Kaffee, kein Tee, keine Milch, keine Eier, es war in der Küche fast unmöglich das Brot und die Wurst zu schneiden. Selbst das Sitzen und Essen war mit größten Schwierigkeiten verbunden.

Immer wieder stürzten große Wellen übers Schiff. Kamen sie von vorne, so war die Wucht nicht so schlimm, denn der Bug schnitt sich in sie, wie ein breiter Keil. Kamen sie jedoch von der Seite so erzitterte das gesamte Schiff immer wieder durch den Aufprall.

Die Schiffsglocke schlug Alarm. Wieder und wieder läutete sie, kein gutes Zeichen, dachte Jacques zu sich. Durch den Lautsprecher am Schiff ertönte plötzlich die aufgeregte Stimme des ersten Maats,

- Mann über Bord, Mann über Bord, alle Mann zur Reling Steuerbord, Rettungsringe bereithalten –

Im Speisesaal entstand ein wirres Durcheinander, einige wollten nach draußen um zu helfen, andere drängten zu den Steuerbord-seitigen Fenstern um zu gaffen. Jacques verlies seinen Platz nicht, konnte so etwas mehr Brot bekommen und blickte über die Köpfe der anderen hinweg in Richtung der Fenster. Außer Wasser und Gischt war sowieso nichts zu erkennen.

Von der Brücke konnte man über das Lautsprechersystem entweder einzelne Bereiche erreichen, oder am ganzen Schiff, und damit Verbunden auch auf dem ganzen Deck, Ausrufe tätigen. Dies war bei Manövern im Hafen und in Notfallsituationen notwendig. Wieder tönte es aus dem Lautsprecher,

- Zwei Mann über Bord, Achtern, schnell zum Heck, bindet die Rettungsringe an Seile, macht schon schneller, schneller!!!!! –

Man konnte einige Matrosen, die jetzt Wache hatten, an den Fenstern in ihrem gelben Ölzeug vorbeilaufen sehen. Laufen war vielleicht der falsche Ausdruck. Die Matrosen hatten Mühe sich an der Wand entlang fortzubewegen. Immer wieder wurden sie brutal geduscht. Die Wellen hatten eine derartige Wucht, dass die Kapuzen wie von selbst über ihre Köpfe und wieder heruntergerissen wurden. Zu spät, dachte Jacques, wie kann man da draußen jetzt nur herumlaufen, so ein Blödsinn.

- Verlasst das Deck, sofort alle Mann herein, alle rein. Sofort! –

Der Lautsprecher verstummte. Allen an Bord war es zur Gewissheit geworden, man hatte Kollegen verloren, und jeder wusste, es war die Schuld des Kapitäns.

Um nichts besserte sich das Wetter, man hatte das Gefühl gefangen zu sein. Stunde um Stunde verging, die Wache wurde stillschweigend gewechselt. Es war nun an Jacques, Dienst zu tun. Die Schiffsjungen bekamen die Aufgabe, die Gänge zu reinigen und zwei der Offizierskajüten aufzuräumen. Offensichtlich waren zwei der ins Wasser gestürzten Männer, Offiziere. Die wenigen Habseligkeiten aus den Kajüten wurden in alte Lebensmittelkisten verpackt und der erste Maat schrieb die Namen der Verstorbenen darauf. Jede Tätigkeit war schwierig. Es bedurfte der Hände dreier Männer, um eine Kiste zu füllen. Einer hielt die Kiste, der Zweite klaubte alle persönlichen Dinge ein, und der Dritte versuchte den Zweiten zu halten, sodass er nicht ständig stürzte. Das Reinigen der Gänge war besonders schwierig, da das Wasser nur kurz in den Eimern bleiben wollte. Das Wasser schwappte überall hin, nur nicht dorthin, wo man es brauchte. Betretene Stimmung herrschte an Bord, jeder lief mit ernstem Blick herum. Es stank immer mehr an Bord, denn auf die Dauer wurden mehr und mehr Männer der Besatzung Seekrank und übergaben sich. Da es fast unmöglich war, schnell eine Toilette aufzusuchen, übergaben sich viele auf die Gänge am Schiff. Vier Schiffsjungen waren es mit Jacques, die dieses übelriechende Elend unter Kontrolle halten sollten. Doch zwei der Schiffsjungen mussten sich gleich selbst bei der ersten Reinigung übergeben. Jacques ging es etwas besser, hatte er doch mehr Brot in sich gestopft. Der fürchterliche Gestank machte ihm jedoch auch ziemlich zu schaffen. Es würgte ihn wieder und wieder. Was für eine schreckliche Tätigkeit, dachte Jacques, würde ich doch viel lieber auf der Brücke Dienst tun wie ein Steuermann oder ein Maat. So verging der Nachmittag langsam aber mühsam. Das Wetter besserte sich nicht. Nach seiner Wache fand er den Speisesaal in gleichem Zustand wieder. Nichts außer Brot und Wurstscheiben. Wasser konnte man an einem, an der Wand befestigten, geschlossenem Kanister holen, doch trank man besser gleich an Ort und Stelle, denn in den Bechern und Humpen hielt sich das Wasser nur kurz. Jacques hatte sich eine verschließbare Feldflasche mitgenommen, so konnte das Wasser nicht überschwappen, und er hatte für die Nacht noch etwas zu trinken. Der erste Maat, der sich hinter Jacques angestellt hatte, äugte nach vorne und konnte sich seine Bemerkung nicht verkneifen.

- Wieder einmal klüger als die anderen, was? –

Jacques schüttelte den Kopf und verschwand in seinem Schlafraum. Den ganzen Tag über wütete das Wetter nun schon mit unverminderter Brutalität. Schlaf war unmöglich zu finden, schwierig genug in der Matte zu bleiben. Das unheimliche Pfeifen des Windes und die tosenden Wassermassen, die sich wie wilde feindliche Heere auf das Schiff stürzten, vermittelten Jacques ein unheimliches und ängstliches Gefühl.

- Hier ist man den Elementen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Betet alle für unsere verlorenen Kameraden. –

sagte einer der Matrosen im Schlafraum. Ein anderer antwortete traurig,

- Fünf Männer gingen über Bord, wir hatten nicht die geringste Möglichkeit sie zu retten, die See war zu heftig und gierig. Einer brach sich das Genick, als er von draußen hereinkam und mit einem Schwall Wasser die Stiegen hinunterstürzte, ich bete für sie alle. –

Schockiert über die hohe Zahl der Toten, fing auch Jacques an zu beten und schlief dabei ein. Er hatte sich mit einem Seil an seine Hängematte gebunden.

- Achtung, Achtung, Wache eins braucht Verstärkung, Freiwillige für den Maschinenraum bitte sofort bei wachhabenden Maschinisten melden, Freiwillige bei dem Maschinisten melden –

tönte der Lautsprecher und weckte damit die wenigen Schlafenden auf. Jacques fuhr erschrocken in die Höhe, wollte aufspringen, konnte aber nicht aus seiner Matte, fast panisch ruderte er mit seinen Händen als er endlich merkte, dass er sich vor dem Einschlafen angebunden hatte. Kein anderer Seemann aus seinem Schlafraum wollte sich freiwillig zur Hilfe im Maschinenraum melden. So kämpfte sich Jacques alleine durch den langen Gang nach hinten, die drei Treppen hinab und dann wieder den kurzen Gang nach vorne. Er stand, sich mit aller Müh an den Haltegriffen festklammernd, vor dem verschlossenen Schott zum Maschinenraum. Jacques konnte das Gefühl nicht loswerden, dass die Bewegungen des Schiffes noch wilder und extremer waren als am Abend zuvor. Mit seiner Faust klopfte er dreimal an das Schott. Gewöhnlich war dies das Zeichen zum Öffnen der Tür. Es dauerte nur wenige Augenblicke und der Schott öffnete sich knarrend. Einer seiner Kollegen öffnete und schrie, ob des entsetzlichen Lärms im Maschinenraum, Jacques zu, er solle sich sofort hinter diesen Kohlekisten bei Louis dem Maschinisten melden. Jacques wurde angewiesen, die Kohlekisten zu den kleinen Bunkern vor den Maschinen zu schieben. Acht Männer bedurfte es, diese Kisten bei so schwerem Seegang zu bewegen. Manchmal ging es leichter, manchmal schwerer, von den Bewegungen des Schiffes abhängig. Die seitlichen Bewegungen des Schiffes waren jedoch am schwierigsten zu bewältigen, rutschen dabei die Kisten immer wieder in die falsche Richtung. Es wurde geschrien und gedeutet, denn der Lärm der zwei Dampfmaschinen war gewaltig. In diesem großen Maschinenraum gab es kein einziges Bullauge, erstens lag dieser Raum unter der Wasseroberfläche, und zweitens waren die Schiffswände hier am stärksten konstruiert. Das einzige Licht gaben vier Glühbirnen an den Wänden und immer wieder der helle Schein des Feuers in den zwei Feuerkammern. Diese mussten regelmäßig zum Schüren des Feuers und zum Nachschaufeln der Kohle geöffnet werden. Offensichtlich war der Verbrauch an Kohle bei solchem Wetter größer als normal. Das Feuer musste stärker und heißer sein, da höherer Druck in den Kesseln gehalten werden musste. Höherer Druck bewirkte gesteigerte Leistung der Maschinen, und dies war notwendig um nicht durch die enormen Wellenberge außer Kontrolle zu geraten. Reichte der Kohlevorrat bei normaler Fahrt noch etwa für acht Tage, so wären bei solchen Bedingungen die Vorräte schon nach fünf Tagen zu Ende. Geplant war die Ankunft im nächsten Hafen in genau sechseinhalb Tagen. Die Pessimisten unter den Matrosen im Maschinenraum fingen langsam an, sich Sorgen zu machen. Die ersten Bemerkungen fielen, dass man doch jetzt schon anfangen musste, Kohle zu sparen.

Endlich war eine dieser riesigen Kohlekisten an seinem Ort, musste dort fest verzurrt werden und das Umschaufeln in die Maschinenbunker begann. Als diese Arbeit erledigt war, musste die leere Kiste wieder zurück gebracht werden um eine neue zu holen.

Kurz bevor die nächste Kiste von den Seilen befreit war, die sie fest an ihrem Platz hielten, gab es einen dumpfen und lauten Ton zu hören. Alle blickten sich fragend um. Ein weiterer dumpfer Knall gefolgt von einer starken Erschütterung verbreiteten Verwunderung und Entsetzen.

- Was war das? –

hörte man einige. Mit einem ohrenbetäubenden Getöse zischte auf einmal Wasserdampf aus einer der Feuerkammern. Das Feuer brannte aber noch. Auf den Boden geschleudert, lag schreiend vor Schmerzen der Heizer, der gerade Kohle in die Kammer schaufeln wollte. Der heiße Dampf hatte ihn mit unwahrscheinlicher Wucht zu Boden geschleudert und verbrannt. Zwei seiner Kollegen sprangen sofort zu ihm und wollten ihn gerade wegziehen, als erneut mit doppelter Intensität eine Fontäne aus Dampf aus der Feuerkammer schoss. Regungslos lagen die drei Männer vor der offenen Brennkammer, in der das Feuer erloschen war. Wasser schoss aus der Kammer in den Heizraum. Der Maschinenmeister schrie dem anderen Heizer, der die zweite Maschine befeuerte, aufgeregt zu

- Schließ sofort die Kammer. Du Pierre, komm her, versuch da oben das Ventil des Kamins zu schließen –

Immer noch kamen heiße Dampfschwaden aus der erloschenen Feuerkammer, doch mehr und mehr schoss nur noch Wasser in den Raum. Pierre kletterte an einer Leiter über dem Kessel hinauf zum Ansatz des Schornsteins, der nur etwa drei Meter hier im Maschinenraum zu sehen war. Oberhalb des Maschinenraums führten die Schornsteine durch die drei darüber liegenden Etagen nach außen. Sie waren doppelwandig gebaut und hatten in der obersten Etage einen Wasserabscheider, der verhindern sollte, dass Regen oder Spritzwasser in die Brennkammer gelangte und das Feuer darin zum Erlöschen bringen konnte. Für den Fall, dass dieser defekt war, konnte man im Maschinenraum eben dieses Kaminventil schließen, um ein Eindringen des Wassers zu verhindern. Der Abzug wurde dann automatisch in den anderen Kamin umgeleitet. Pierre hatte schon fast diese große Schraube erreicht, als erneut ein lauter dumpfer Knall zu hören war. Panisch blickte er hinunter zu seinem Meister. Dieser deutete ihm nur unentwegt, doch endlich diese Schraube zu schließen. Pierre machte nichts, er klammerte sich nur an die Leiter und schrie panisch. Schwall über Schwall schoss Wasser aus der Brennkammer in den Maschinenraum und Pierre bewegte sich nicht. Kniehoch war der Raum schon mit Wasser gefüllt, als der Maschinenmeister selbst die Leiter hinaufkletterte. Als er bei Pierre ankam bewegte sich dieser nicht von der Stelle und versperrte damit den Weg hinauf. Pierre war wie gelähmt, sein Körper zitterte und er schrie immer wieder einzelne unverständliche Laute. Es war dem Meister nicht möglich an Pierre vorbei die Schraube zu erreichen. So deutete er zu Louis, ihm doch hier oben zu helfen. Der Maschinenmeister, er wurde nur Monsieur Vapeur genannt, also Herr Dampf. Sein richtiger Name war den meisten allerdings unbekannt, zog und zog verzweifelt an Pierre, denn das Wasser im Kesselraum stieg und stieg. Die Rufverbindung mit der Brücke begann zu schellen. Ein weiterer dumpfer Knall vibrierte durch das ganze Schiff. Louis, der Maschinist der noch arbeitenden Maschine, der ebenfalls hinauf wollte um zu helfen, lief zu dem schellenden Telefon und hob es ab. Er lauschte, doch war nichts zu hören. So drehte er die kleine Kurbel, mit der man auf der Gegenseite das Läuten bewirkte. Nach kurzem Warten meldete sich der Steuermann und schrie aufgeregt.

- Was geht bei euch da unten vor, wir haben einen Schornstein verloren, es kamen Funken und weißer Dampf heraus, seit einer Weile aber nichts mehr, habt Ihr umgeleitet? Wir haben Probleme das Schiff gegen die Wellen zu halten, wir werden immer wieder gedreht, wir haben vollen Ruderausschlag nach Steuerbord. Wir brauchen mehr Dampf auf der Backbordmaschine! –

- Die haben wir verloren, im Moment jedenfalls, wir müssen sofort den Wassereinbruch stoppen, sonst verlieren wir die andere auch. Das Wasser ist nur noch wenige Zentimeter unter dem Brennkammerdeckel –

schrie Louis in den Hörer und hängte sofort auf. Er wandte sich Jacques zu, der direkt hinter ihm an der Wand angeklammert der schrecklichen Szene folgte. Alles ging so schnell und es war so laut,

- Hol die zwei da drüben und öffne alle Schotten in dem langen Gang. Wenn das nicht reicht, dann auch den Schott nach vorne in den unteren vorderen Laderaum. So können wir das Wasser hier ein wenig länger unter der Brennkammer halten –

Er drehte sich um und lief zur Leiter, um dem Maschinenmeister zu helfen Pierre herunter zu holen.

Jacques überlegte kurz, verstand aber gleich den Sinn der Sache. Die Schotten, also die versperrbaren, wasserdichten Türen, die das übergreifen von Wasser von den einzelnen Sektionen verhindern sollten, mussten geöffnet werden, um das Wasser aus dem Maschinenraum auf die angrenzenden Sektionen gleichmäßig zu verteilen. So hatten der Meister und Louis mehr Zeit das Ventil zu schließen, bevor die zweite Brennkammer wegen des steigenden Wassers erlosch. Jacques kämpfte sich so schnell er konnte zu den zwei ihm zugewiesenen Helfern. Es war Arnod, ein anderer Schiffsjunge und Gregoire ein Heizer. Beide waren vorhin mit ihm beschäftigt gewesen die Kohlekisten zu schieben. Jacques erklärte kurz was sie als Auftrag bekommen hatten und watete bereits durch das jetzt hüfthohe Wasser zu dem Schott, durch das er vorhin in den Heizraum kam. Das Wasser zischte bereits mit tosenden Dampfwolken an der zweiten heißen Brennkammertür, welche aber verschlossen war. Jacques verstand nun warum sie zu dritt waren. Er war als erster an dem Schott, drehte das Rad und wollte die Tür aufziehen, unmöglich. Das Wasser hatte bereits einen solchen Druck auf dem Schott, dass er es überhaupt nicht bewegen konnte. Endlich waren die zwei anderen bei ihm. Mit aller Kraft gelang es gemeinsam den Schott zu öffnen. Das Wasser schoss in den Gang und bis zum nächsten, geschlossenen Schott. Die drei bemühten sich, so schnell sie nur konnten zum nächsten und zum nächsten, um einen nach dem anderen zu öffnen. Nachdem das Wasser so verteilt auf einen größeren Raum langsam sank, war auch das Öffnen der Schotte leichter geworden. Kurz bevor sie den vordersten Schott, welcher in den Laderaum führte, erreichten, schickte Jacques Arnod zurück, um einen Lagebericht aus dem Heizraum zu bekommen.

Das Wasser war jetzt nur mehr Kniehoch, doch war nicht festzustellen, ob es noch stieg oder nicht, denn durch die starken Bewegungen des Schiffes war das Wasser in ständiger Bewegung. Arnod schrie durch den langen Gang,

- Pierre blockiert noch immer, das Wasser kommt weiter aus der offenen Brennkammer! –

- Gut, wir müssen den Frachtraum hier auch noch fluten! –

seufzte Gregoire. Er drehte das Rad um die Versperrung zu öffnen. Als er das Rad gerade bis zum Anschlag offen hatte, schleuderte es ihn mit samt der Tür gegen Jacques, der hinter ihm umgedreht auf Arnod wartete. Wasser schoss aus dem Laderaum in den Gang. Jacques und Arnod konnten sich nur mit Mühe aus dem Wasser erheben, da die Flut sie mit einer unbändigen Wucht zu Boden drängte. Von Gregoire war nichts zu sehen. Jacques schrie aufgeregt zu Arnod,

- Wir müssen den Schott wieder schließen –

Das Wasser war inzwischen wieder bis zur Hüfte gestiegen, doch gelang es nun leichter den Schott wieder zu schließen. Der Wasserspiegel war auf dem ganzen unteren Schiff gleich und stieg langsam aber stetig.

- Wir müssen auch im Laderaum Wassereinbruch haben, komm hilf mir, dieser Schott muss versperrt werden! –

schrie Jacques zu Arnod.

- Wo ist Gregoire –

schrie Arnod ängstlich.

- Ich weiß nicht, wir haben keine Zeit ihn zu suchen. –

erwiderte Jacques.

Mehrmals rutschten die Beiden, bei dem Versuch die Türe zu versperren, aus. Endlich gelang es ihnen die Tür zu schließen und das Rad wieder zuzudrehen. Nachdem das Schiff so schwer hin und her schwankte, war es unmöglich im Wasser etwas zu erkennen. Doch da schrie Arnod auf. Er war auf irgendetwas Weiches gestiegen. Arnod holte tief Luft und tauchte unter. Als er auftauchte hielt er die Hand von Gregoire und zog ihn aus dem Wasser. Sein Gesicht war entstellt, die Tür hatte eine solche Wucht, dass sie sein gesamtes Gesicht zerschmetterte. Er war wahrscheinlich auf der Stelle tot gewesen.

Durch den Gang zogen sie Gregoires Leichnam zurück zu dem Heizraum. Als sie zu dem Ventil hinaufblickten, drehte Louis das Ventil gerade mit viel Mühe zu, immer wieder musste er sich anhalten um nicht in die Tiefe zu stürzen. Pierre war also doch endlich heruntergestiegen. Der Wassereinbruch war gestoppt, doch war das Wasser so hoch, dass die Öffnung der zweiten Brennkammer gute zehn Zentimeter unter der Wasserlinie lag. Sie konnte also nicht geöffnet werden, ohne dass das Feuer ausgehen würde. Der Maschinenmeister blickte verwirrt in den gefluteten langen Gang, schüttelte den Kopf und fragte Jacques erbost,

- Warum hast du nicht Deinen Auftrag erledigt, die Tür zum Frachtraum ist noch immer zu, was ist mit Gregoire geschehen, warum ist er tot? –

Jacques blickte ihm wütend in sein derbes Gesicht und antwortete hastig und aufgeregt,

- Wir müssen die Brücke rufen, im Laderaum ist ein Leck, als Gregoire den Schott wie ihr befohlen hattet öffnete, schleuderte ihm die Tür ins Gesicht. Er war, glaube ich, sofort tot. Wir hatten Mühe den Schott wieder zu schließen. Das Wasser war schon so tief gesunken, aber dann, all das Wasser aus dem Frachtraum! –

Ohne Jacques weiter Aufmerksamkeit zu schenken wandte sich der Meister an Louis, der inzwischen auch bei der Gruppe war.

- Sag der Brücke Bescheid, wir können nicht mehr heizen, es bleibt uns zirka eine viertel Stunde bis das Feuer zu schwach ist und die Maschine stoppt. Wir brauchen die Notpumpe aus der Gerätekammer in der Brücke. –

Dann wandte er sich an alle um ihn versammelten,

- Wer wagt es, bei so einem Seegang und solchem Wetter zur Brücke, die Pumpe zu holen? –

Jacques überlegte gar nicht und schrie.

- Ich laufe, könnt ihr die Brücke informieren, sie sollen alles herrichten und zusammenbinden. –

Louis blickte erschrocken auf Jacques,

- Du bist übermütig, aber du bist nicht dumm, du könntest es schaffen, warte einen Augenblick. Ich melde es auf der Brücke –

Louis drehte gerade wieder an der Kurbel, um auf der Brücke anzurufen, als wieder ein lauter dumpfer Schlag das Schiff erschütterte. Danach war ein fürchterliches Knirschen und Quietschen zu vernehmen. Keiner der Männer im Heizraum war auf seinen Beinen geblieben, so stark war der Schlag. Der Hörer baumelte hin und her und schlug entweder ins Wasser oder auf die stählerne Wand. Als Louis den Hörer wieder in seine Hände bekam, versuchte er wieder und wieder die Brücke anzuläuten, doch ohne Erfolg. Entweder hob keiner ab oder die Verbindung war unterbrochen, das Kabel irgendwo gerissen. Mit den Achseln zuckend blickte Louis zu Jacques, der nur nickte und in Richtung offenem Schott verschwand.

Jacques versuchte sich durch das Wasser watend zu beeilen, doch war dies nur sehr beschränkt möglich. Das Wasser reichte ihm bis zur Hüfte und das Schiff machte wilde Bewegungen, auf und ab, hin und her. Endlich, nachdem er zweimal gegen die Wand donnerte und sich im Wasser, fast schwimmend wiederfand, erreichte er die Stiege. Jetzt ging es schneller, denn an die wilden Bewegungen des Schiffes hatte er sich bereits gewohnt und konnte diese, nun mehr und mehr ausgleichen. Über die Treppen musste er zwei Stockwerke hinauf und dann den Gang nach vorne bis zur Mette. Dort gab es eine Tür nach draußen, der kürzeste Weg zur Brücke. Diese befand sich etwa dreißig Meter vor dem Hauptaufbau des Schiffes, ebenfalls zweistöckig. Als Jacques den letzten kurzen Gang zur Mette erreichte, zogen gerade zwei Matrosen einen schwerverletzten Mann von draußen herein. Sie bogen mit ihm in die Mette ab. Jacques blickte in die Mette, Schrecken erfasste ihn, der Saal war voll von Verletzten. Ein Anblick, wie er ihn nur aus Zeitungen kannte, die über den Krieg und irgendwelche Schlachten berichteten. Sein Auftrag, diese Pumpe zu holen, denn davon hing so viel ab, trieb ihn weiter zur Tür.

Er wickelte ein Seil um seinen Bauch, befestigte es an einer Schlaufe auf Deck, die sonst zum Verzurren von Kisten benutzt wurde und die sich direkt neben der Tür befand. Dann blickte er auf, doch vor lauter Wasser und Gischt war überhaupt nichts zu sehen. Jacques wusste natürlich in welche Richtung er musste. Vorsichtshalber kroch er auf allen Vieren in Richtung der Brücke. Wäre er aufgestanden, so hätte ihn die nächste Welle erfasst, zu Boden gespült, oder sogar über Bord geworfen. Jacques sah nichts vor sich, immer wieder nur Wasser, spritzend, sprühend, tosend, mit einer großen neuen Welle über das Deck spülend. Dazu das schrille Tosen des Sturmes, wie in einem Alptraum. Es war wieder Tag, doch noch immer so finster. Meter um Meter kroch er vorwärts, immer nässer und nässer werdend und noch immer sah er nichts als Wasser. Der Geschmack von Salz würgte ihn immer wieder. Es war unvermeidlich geworden, Wasser, weder in die Nase noch in den Mund zu bekommen. Mehr tastend, erreichte er die Wand auf der anderen Seite. - Jetzt nach rechts, bis zur Tür – dachte Jacques zu sich.

Tastend kroch er an der Wand entlang bis zu der Tür, die zu seinem Erstaunen offenstand. Jacques band sich das Seil ab und befestigte es ebenfalls wie auf der anderen Seite, an einer Öse. Er kroch, sich an dem Türrahmen anhaltend ins Innere, wollte die Türe schließen, doch nun verstand er, warum die Tür offen war, es gab keine Tür mehr, sie war weg. Wieder spritze ihm Gischt ins Gesicht. Jacques drehte sich um und stolperte in Richtung Stiegenaufgang zur Brücke. Seine rechte Hand fühlte am Geländer entlang bis vor zum Bogen, an dem die Treppe nach oben anfing, es war hier so finster. - Warum brennt kein Licht, funktioniert es nicht? – dachte Jacques. Jacques öffnete den Schott zum Treppenaufgang.

Wasser spritzte ihm entgegen, und Jacques blieb mit offenem Mund in dem Schott stehen. Es gab keine Stiege mehr nach oben. Wo die Brücke war, da war nichts mehr, nur regengepeitschter Himmel. War er am richtigen Ort, hatte er sich beim Kriechen verirrt, oder war etwas Furchtbares geschehen. Langsam kamen ihm die Verletzten in der Mette und der erfolglose Versuch die Brücke über Telefon zu erreichen wieder in den Sinn. – Oh nein, was soll ich nur tun… - Seine Gedanken überschlugen sich, als ihn ein schwerer Schlag auf seinen Hinterkopf zu Boden warf.

Als Jacques wieder zu Bewusstsein kam, lag er noch immer in dem kurzen Gang zwischen fehlender Außentür und des hin und her schlagenden Schotts zum ehemaligen Stiegenaufgang. Sein Kopf ragte nur wenige Zentimeter aus dem Wasser, das sich im Gang gesammelt hatte. Wäre er der Länge nach gestürzt, so wäre er in seiner Ohnmacht wahrscheinlich ertrunken. Doch er war halb sitzend umgestürzt, schlotterte vor Kälte, da nur sein Kopf aus dem Wasser ragte und er durch und durch nass war.

Jacques versuchte aufzustehen, doch ein stechender Schmerz durchbohrte seinen Körper. Er griff sich an seinen Kopf und entdeckte eine riesige Beule an seinem Hinterkopf. Langsam rappelte er sich auf und schleppte sich nach draußen, es war wieder Nacht, doch waren nicht mehr so starke Bewegungen des Schiffes zu verspüren. Das Wasser spritzte genauso wild übers Deck, und der Wind tobte unvermindert. Mit aller Kraft zog sich Jacques an dem Seil, das er angebunden hatte, übers Deck. Nach einer Unendlichkeit, so wirkte es zumindest für ihn, erreichte er die Tür auf der anderen Seite, öffnete diese, schleppte sich in die Mette und fiel erschöpft zusammen.

Jacques erwachte erneut, sein Schädel brummte. Er griff sich auf seinen Kopf und bemerkte, dass dieser verbunden war. Jacques öffnete seine Augen. Die Sonne warf ihre Strahlen durch die Fenster. Jacques stand auf und blickte hinaus auf die ruhige See, die Sonne schien kräftig und keine Wolke war am tiefblauen Himmel zu erspähen.

War all dies nur ein Traum? Jacques ging zur Tür, öffnete sie und wusste, es war kein Traum, das Schiff war schwer zugerichtet. Die Brücke war weg, die Hälfte des unteren Stockwerkes der Brücke fehlte, sein Seil war noch gespannt. Jacques stieg hinaus und sah voll Schreck, dass nur noch ein Schornstein in den Himmel ragte, dahinter fehlte ein großer Teil des Schiffsaufbaus. Kein einziger Mast war mehr da, keine Antenne ragte in den Himmel, und zu seinem Entsetzen lag das Schiff vorne viel tiefer im Wasser als hinten.

Jacques lief zurück in die Mette und blickte sich um. Etwa zehn Schwerverwundete lagen im Saal, der Schiffsarzt war aber nicht zu sehen. Einer der Sanitäter war ständig bemüht die Wunden zu reinigen, als er Jacques bemerkte.

- Wie geht es dir, hast du Kopfschmerzen, leg dich ruhig wieder hin, das schlechte Wetter ist vorbei! –

Jacques antwortete hastig

- Wo ist der Kapitän, was machen wir jetzt –

- Der Kapitän ist nicht mehr an Bord, keiner der Offiziere hat es überlebt, sie waren alle auf der Brücke als sie weggerissen wurde. Der erste Maat hat das Kommando übernommen und ist jetzt mit den anderen im Heizraum, glaube ich zumindest, ich habe hier so viel zu tun -

Jacques lief so schnell er konnte die Treppen hinunter, ins noch immer hüfthohe Wasser, doch nachdem das Schiff nach vorne viel tiefer im Wasser lag, sank der Wasserspiegel, je näher Jacques zum Heizraum kam. Er stürzte in den Heizraum voller Erwartung und traf dort auf den Großteil der übrig gebliebenen Mannschaft. Der erste Maat erklärte gerade dem Maschinenmeister,

- ……wir sind vierundzwanzig Überlebende, doch ich weiß weder wo wir uns befinden, noch wohin wir müssen. Wie lange sich das Schiff noch über Wasser hält, kann ich nur erahnen, wir haben ein ziemlich böses Leck im vorderen Laderaum, der Wassereintritt ist nicht aufzuhalten, doch sinken wir nur sehr langsam, wir haben keinen Funkraum, keine Navigationskarten, nichts mehr, außer Verpflegung für drei Wochen. Wie sieht es hier aus, kannst du die Maschinen wieder in Gang bringen? –

- Gib mir eine Stunde und du hast wieder Dampf auf einer Maschine. Wir müssen die Brennkammer gründlich reinigen, trockene Kohle und trockenes Zündholz holen und dann geht es schon los. Die zweite eine Stunde später –

erwiderte der Maschinenmeister.

- Gut, macht euch an die Arbeit, Arnod wird mir als Laufbursche berichten; Oh Jacques, ich sehe du bist wieder auf den Beinen. Komm mit mir nach oben, wir müssen uns etwas einfallen lassen wie wir das Schiff steuern können –

schloss der erste Maat die Unterredung und begab sich mit Jacques und zwei Matrosen wieder hinauf an Deck.

Einer der Schiffsmechaniker war schon seit einiger Zeit damit beschäftigt die gesamten Schäden an Bord zu evaluieren und mögliche Reparaturvorschläge zu erstellen. Sein Name war Hugo, er war der einzige Überlebende, der drei an Bord gewesenen Mechaniker. Als der erste Maat mit Jacques und den Matrosen an Deck kamen und sich zu den Resten des Brückenaufbaus begaben, meldete der Mechaniker,

- So, ich habe jetzt einen relativ vollzähligen Stand der Dinge. Die Stromversorgung wird in Kürze vollständig zur Verfügung stehen, natürlich nur wenn eine der Maschinen unter Dampf steht, der Wassereinbruch vorne ist nicht zu stoppen, doch habe ich die Notpumpe gefunden, ich werde das Wasser aus dem untersten Gang herauf pumpen, so gewinnen wir Zeit, wenn ich so weit wie möglich vorne Wasser herauspumpe, können die Schiffsschrauben etwas länger unter Wasser bleiben –

- Was ist mit dem Ruder, haben wir eine Möglichkeit das Ruder zu bewegen? –

unterbrach der erste Maat.

- Nein, kompletter Verlust. Ich kann das Ruder in neutraler Position fixieren, mehr nicht –

sagte der Mechaniker etwas deprimiert und verschwand unter Deck um das Ruder wie berichtet zu fixieren.

- Aber dann können wir doch nicht steuern oder navigieren. Nun ja, wir sinken sowieso. Also, ob wir hier oder irgendwo anders sterben, macht keinen Unterschied mehr, es wären noch vier und ein halber Tag nach Südamerika, oder vier Tage zurück nach Afrika. Ach Gott, ich weiß weder vor noch zurück, alles ist so aussichtslos. Dieser Teufel von Kapitän, führt uns ins Verderben, und dann verzieht er sich noch in die See, ich hätte ihn jetzt eigenhändig erwürgt. Ich verdamme hiermit Gruiard im Nachhinein in alle Ewigkeit –

schmollte der erste Maat und setzte sich mit seinem Rücken an die Wandreste der ehemaligen Brücke.

Jacques setzte sich neben den Maat und fing an,

- Ich wusste bald, was du mit deinen Worten zu mir gemeint hast. Ich danke dir für diese Lektion. Aber…. –

Jacques konnte nicht weiterreden, denn der erste Maat umarmte Jacques unerwartet und fing mit den Worten bitterlich zu weinen an,

- Eine Handvoll lebende Tote, in der Mitte des Atlantiks –

Die zwei Matrosen die sich auch auf die Planken gesetzt hatten, blickten ebenfalls entgeistert und verloren zu Boden. Jacques klopfte dem Maat auf die Schulter und nach einiger Zeit fragte er ganz leise,

- Ist die Kapitänskajüte unversehrt? -

Der erste Maat antwortete schluchzend und ohne den Kopf zu heben,

- Die ist in Ordnung. -

Jacques stand auf und ging.

Als Jacques in die Kapitänskajüte gelangte, begab er sich sofort zu dem großen Schrank. Er kannte sich in dem Raum aus, hatte er doch den Kapitän einmal zum Abendbrot besucht. Er hoffte die privaten Seekarten des Kapitäns zu finden. Ebenso musste dieser doch sein eigenes Navigationsbesteck besitzen. Das Schiffslogbuch wäre auch hilfreich gewesen.

Der Kasten war versperrt. Jacques blickte sich um. Er suchte nach einem zweiten Schlüssel, oder einer anderen Möglichkeit, den Kasten zu öffnen. Vor der Kajüte war Jacques über eine Eisenstange gestolpert. Er holte diese, sie diente zum Öffnen von Holzkisten und war offensichtlich bei dem stürmischen Wetter der vergangenen zwei Tage hier gelandet. Jacques rammte das flache Ende der Stange in den Schlitz der beiden Türflügel und zerrte mit all seiner Kraft. Krachend sprang die Tür auf. Jacques öffnete auch gleich den zweiten Türflügel.

Tatsächlich fand er darin eine ganze Menge sorgfältig zusammengerollter Seekarten. Darunter, in einem sehr teuren Lederetui, des Kapitäns Navigationsbesteck. Der Sextant, wie neu glänzend, in einer Holzschachtel. Jacques legte, wie außer sich, alles auf den großen Tisch. Es dauerte eine Weile, bis er die richtige Karte entdeckte. Als Jacques sie endlich in seinen Händen hielt, sah er voll Verwunderung, dass der Kapitän auf seiner Karte die genaue Route zur Atlantiküberquerung eingetragen hatte. Aber nicht nur dies war auf der Karte eingezeichnet. Die geplante Position des Schiffes nach einzelnen Tagen war in schwarzer Farbe eingetragen. Und in Rot die geplanten Positionen des folgenden Passagierschiffes. Die „La Grande Belle“ hätte sie am vierten Tag auf See eingeholt. Es stimmte also, der Kapitän wollte mit allen Mitteln durch das schlechte Wetter, nur um vor dem neuen Schiff Recife zu erreichen. Es war Jacques klar, dass das Passagierschiff auf Wetterbesserung wartete, bevor es Praia in Richtung Südwesten verließ. Dies war dem Kapitän in Praia ebenfalls klar geworden als er an Land die schlechte Wettervorhersage erhalten haben musste, und er sah offensichtlich darin seine Chance, früher in Brasilien anzukommen. – Dummer Ehrgeiz. Wer sich in die Gefahr begibt, der kommt darin um – dachte Jacques.

Jacques beschloss nicht aufzugeben, wie es vorhin der erste Maat tat, nein, Jacques wollte um sein Leben bis zur letzten Sekunde kämpfen.

Jacques Gedanken überstürzten sich - als erstes muss ich unsere Position bestimmen. – Jacques nahm den Sextanten und die Stoppuhr aus dem Schrank und lief hinaus an Deck. Der Kapitän hatte ihm doch gezeigt wie man mit diesen Navigationswerkzeugen seine Position bestimmen konnte. Es dauerte bis Jacques die erste Bestimmung erfolgreich durchgeführt hatte. Er notierte die Werte und machte sechs Minuten später die zweite und wieder sechs Minuten zur Kontrolle die dritte. Der erste Maat und die Matrosen waren verschwunden. Jacques war ganz alleine an Deck. - Warum konnten solche Männer wie der Maat, die schon so lange zur See fuhren, jetzt einfach aufgeben? - Mit den notierten Werten lief er aufgeregt zurück in die Kajüte des Kapitäns.

Jacques öffnete das Buch mit den Tabellen zur Ortsbestimmung, welches er neben dem Sextanten im Kasten fand. Mit dem Datum, der Uhrzeit, und den Werten des Sextanten konnte er nun die genaue Position nach Koordinaten in den dafür vorgesehenen Tabellen finden. Nachdem Jacques dreimal gemessen hatte, konnte er drei verschiedene Werte erhalten, die Mitte dieser drei Werte, sollte dann, so erinnerte er sich, die möglichst genaue Position ergeben. Alle drei Werte ergaben ziemlich genau die gleiche Position.

Jacques zeichnete die Koordinaten aus der Tabelle in die Seekarte. Dreimal, viermal, und noch einmal überprüfte er die Position, die er dabei erhielt. Mit offenem Mund stand er vor der Karte. Sollte die Position stimmen, die er gefunden und eingezeichnet hatte, so war das Schiff nicht auf seinem geplanten Kurs geblieben. Warum, wieso, Jacques konnte sich all dies nicht erklären. Jacques stürmte wieder an Deck und wiederholte langsam, noch einmal die Prozedur mit dem Sextanten. Er notierte wieder die genaue Uhrzeit, vergewisserte sich mit der Stoppuhr, dass er genau sechs Minuten wartete und wiederholte dies zur Sicherheit ein drittes Mal.

Doch ergaben sich wieder die gleichen Koordinaten aus den Tabellen. Es stimmte also. Während des schlechten Wetters waren sie also entweder absichtlich oder unabsichtlich vom Kurs abgekommen. Und dies gewaltig.

Jacques holte einen Zirkel aus dem Schrank, mit dem man die Distanz von einem Punkt zum anderen abstecken, und so am Kartenrand abmessen konnte. 140 Nautische Meilen waren sie von der geplanten Linie entfernt. Sie befanden sich viel zu westlich. Die kürzeste Distanz zu ihrer ursprünglichen Route war also 140 Seemeilen, doch dies hätte bedeutet, dass sie wieder Richtung Osten fahren mussten. Jacques wurde klar, dass die einzige Rettung das Passagierschiff war. Er hoffte sich nicht darin zu täuschen, dass die „La Grand Belle“ auf Wetterbesserung in Praia wartete.

Nachdem das schlechte Wetter mehr als zwei Tage angedauert hatte, suchte sich Jacques die Position des Passagierschiffes jeweils mit einem Plus von zwei Tagen. Jacques notierte auf einem kleinen Zettel die Distanzen und lief wieder hinaus, aufs Deck. Er wollte mit dem Maschinisten reden.

Jacques brauchte eine Antwort auf seine offenen Fragen, mit welcher Geschwindigkeit und wie lange das Schiff noch fahren konnte. Als Jacques im Maschinenraum ankam, war dieser leer. Jacques drehte am Stand um und lief so schnell er konnte, hier unten eher schwimmend, hinauf in die Mette. Nur der Sanitäter mit den Verwundeten war in der Mette.

- Wo sind denn alle hin –

fragte Jacques aufgeregt und außer Atem.

- Nachdem wir rettungslos verloren sind, saufen alle in der Küche. Sonst können wir ja nichts mehr tun. Ich werde hier bei den Verletzten bleiben. Wenn ich bis zum bitteren Ende durchhalte, komme ich sicher in den Himmel. –

erwiderte der Sanitäter betrübt.

Jacques war entsetzt. Wie ein Blitz raste er zur Küche. Er knallte förmlich in den Rest der Männer, als er die Küche erreichte. Das Gegröle der Männer war ohrenbetäubend. Jacques war so außer Atem, dass er nichts sagen konnte. Er stieg auf einen Kochtisch und nahm einen großen Kochtopf und einen Schöpfer. Wie auf eine Trommel schlug er mit dem Schöpfer auf den Topf. Dieser Lärm überstimmte die Männer bei weitem. Langsam wurde es leiser, bis endlich alle still waren und verwundert zu Jacques aufblickten. Der aber trommelte noch immer auf seinen Topf. Endlich war Stille.

Jacques legte den Topf nieder und begann.

- Wir müssen was tun, wir können was tun, wenn wir gemeinsam an einem Plan arbeiten, dann können wir es schaffen. Der erste Maat hat aufgegeben um sein Leben zu kämpfen, ich gebe nicht auf. Wer mir helfen will, der kommt sofort mit an Deck. Ich will und brauche aber auf jeden Fall die Hilfe von dem Maschinenraum, dem Mechaniker und vier oder fünf starken Männern. Ich warte oben. –

mit diesen Worten sprang Jacques vom Tisch und ging bemüht lässig und langsam wieder hinauf und hinaus auf Deck. Jacques hörte allerdings, als er die Küche verließ, wie hinter ihm ein tosendes Gelächter losging. Er konnte auch einen Matrosen hören der schrie,

- Der Naseweis glaubt wohl, er ist der neue Kapitän. -

An Deck stellte sich Jacques zur Reling und starrte ins Wasser. Das Meer war so ruhig, fast beängstigend. Als ob es nur mehr auf das langsam tiefer sinkende Schiff warten würde. – Ein tödlicher Frieden – dachte Jacques.

Jacques stand nun schon eine Weile an der Reling und immer wieder schweifte sein Blick zur Tür, doch es kam keiner der Männer. Jacques Blick bohrte sich tief ins Wasser unter ihm und er sah wieder seinen Traum vor sich. Sie war wunderschön, sein Herz war verloren, seine Gedanken kreisten nur mehr um sie. Wie bitterlich doch das Leben schmeckte. Gerade erst entdeckte er die Sehnsucht, schon war es zu spät um das Glück des Lebens zu genießen. Wo war Isis jetzt nur. Er sah sie in seinen Gedanken vor sich, lächelnd und mit einem Blick der ihm sein Herz zerriss. Tränen kamen in seine Augen und Jacques begann fürchterlich zu weinen.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter und Jacques zuckte zusammen. Es war der erste Maat, der hinter ihm stand.

- Jacques, ich bin gekommen um zu helfen, was kann ich tun? –

- Ich auch –

- Ich auch –

- Ich helfe dir auch, Jacques –

Immer mehr Stimmen gesellten sich dazu. Es waren sicherlich zehn Männer, die vor ihm standen. Jacques rieb sich seine, von Tränen verschwollenen Augen. Der erste Maat begann,

- Sag uns nun, was sollen wir tun. Wir helfen dir. Ich kann mir zwar keine Möglichkeit vorstellen, wie wir uns retten könnten, doch ich vertraue dir, darum bin ich hier. -

Jacques schluckte und streifte sich mit seiner rechten Hand durch seine Haare. Er war verlegen, denn auf einmal wurde ihm klar, dass er den Männern vielleicht nur falsche Hoffnungen machte. Vielleicht war es wirklich unmöglich geworden, sich zu retten. Die Erfahrung der Seeleute war groß, sie wussten doch sonst immer, was zu tun war. Doch Jacques dachte wieder an Isis und wusste nur eines. Er wollte, er musste dieses Mädchen wiedersehen, sie umarmen, sie küssen. Nichts war ihm wichtiger als sie. Jacques blickte auf, musterte die Männer um ihn herum und fing ganz langsam an zu reden.

- Danke, dass ihr mir helfen wollt. Nun, es wird nicht einfach, aber gemeinsam könnten wir es schaffen. Also hört mir zu. Die Maschinen müssen so schnell wie möglich unter Dampf, aber Beide! Das Ruder muss in der neutralen Position fixiert werden. Zwei Männer müssen ständig zwischen der Kajüte des Kapitäns und dem Maschinenraum hin und her laufen um meine Anweisungen an die Maschinisten weiterzuleiten. Alle Männer die dann noch übrigbleiben, sollen eine Kette bilden und mit Eimern das Wasser aus dem unteren langen Gang an Deck und über Bord schütten. Nach etwa drei Stunden werden wir dann wissen wie weit wir kommen können.

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